Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Lesendundspielenddurchsleben :
Anis von Rowan Foxwood
Mit diesem Reihenstart hat mich wieder eine reihe gepackt, die ich weiter verfolgen werde. Anis Stern, ihrerseits Herzzeseherin, muss sich mit Herrn Biedermann herumschlagen. Ihr geiziger und hinterhältiger baldiger Vormund will den Herzwald verkaufen und auch Häuschen. Damit wäre nicht nur ihr Wohnort, sondern auch der unzähliger Geistwesen unwiederbringlich zerstört.
Anis fasst einen Plan. Sie muss zu ihrem Bruder Bertram, der dies durch seine Rückkehr verhindern könnte. Eine aufregende Reise in die Stadt beginnt, und schnell wird klar: Es steht mehr auf dem Spiel! Doch was ist mit diesen Tintenflecken? Wer ist der blinde Passagier im Zug? Und wie überzeugt man Menschen, die nicht an Geistwesen mehr glauben (also quasi alle?)?
Ich sag euch, das Buch ist wirklich toll! Es ist spannend erzählt und hat über viele Strecken auch eine fast düstere Stimmung. Immer wieder fließen Sagen und Mythen, die Anis Mutter ihr erzählt hatte, ein. Einiges war auch für mich so nicht vorhersehbar und auch überraschend. Ich mag jetzt unbedingt wissen, wie es weitergeht!
Rezensionen von Lesendundspielenddurchsleben :
InvestiGators (Band 2) - Gib mal den Pömpel! von John Patrick Green
Ich muss gestehen, rein vom Titel war ich nicht ganz sicher, wie wir das Buch finden würden. Wir kannten nämlich Band 1 noch nicht und ich war mir nicht sicher, ob das Buch unseren Humor treffen würde. Meinen Kindern hat es sogar besser gefallen als erwartet. Es war dem Alter angemessen witzig und hat den Humor meines 10-Jährigen gut getroffen.
Durch die Comic-Form war er auch motiviert, es selbst zu lesen. Die Kapitel hat er in einem Rutsch geschafft und auch mal zwei Kapitel gelesen in einem Rutsch. Die Bilder fand er sehr ansprechend und die Geschichte ansprechend und witzig erzählt. Man kann auch gut ohne Band 1 einsteigen.
Rezensionen von Pusteblümchen:
Spannender Jugendthriller
Seven Ways to Tell a Lie von Colin Hadler
Die Handlung beginnt schockierend. Ein Video zeigt sieben Jugendliche in einem Bus, der eine Schlucht hinabstürzt und in Flammen aufgeht. Aber die Teenager leben. Es muss sich also um ein Deepfake handeln. Es bleibt nicht bei dem einen Video, weitere tauchen auf. Die sieben Jugendlichen waren früher einmal gut befreundet, haben sich aber nach einem tragischen Ereignis auseinandergelebt.
Nun rücken sie wieder näher zusammen.
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Jonah erzählt, der einer der Teenager-Clique ist. Er wirkt sympathisch und authentisch. Die übrigen Charaktere passen perfekt in die Handlung.
Die Kapitel sind recht kurz und es gibt immer wieder überraschende Wendungen.
Die Charaktere sind ebenso gut gewählt wie das Setting.
Mit den Deepfakes hat der Autor ein aktuelles Thema in die Handlung gebracht. Ob hier alles realistisch ist, lasse ich mal dahingestellt. Das ändert allerdings nichts daran, dass das Buch fesselnd ist und das bestimmt nicht nur für Jugendliche.
Rezensionen von brauneye29:
Familiengeheimnisse
Die Bücherfrauen von Listland. Der Gesang der Seeschwalben Listland von Gabriella Engelmann
Zum Inhalt:
Für einen Bericht über die fünfundachtzigjährige Bücherfrau Fenja reist die Journalistin und Podcasterin Anna zum Lister Ellenbogen. Dort angekommen trifft sie aller nicht auf Fenja sondern deren Tochter Elisa. Als ein Gewitter droht die wertvoller Bücher zu beschädigen packen Elisa und Anna gemeinsam an.
Dabei fällt Anna ein Gedichtband in die Hände, der als Versteck dient.
Meine Meinung:
Das Buch, in meinem Fall Hörbuch, spielt auf zwei Ebenen. Einerseits die Jetztzeit mit Anna und Elisa, die andere Ebene spielt sich im Wesentlichen in Fenjas bewegtem Leben zu in den Nachkriegszeiten ab. Dabei erfahren wir viel über Fenja und auch wie Entscheidungen damals ihre Wirkung bis heute haben. Die unterschiedlichen Ebenen werden geschickt miteinander verbunden und lüften auch nur langsam das Familiengeheimnis, so dass das Buch bis zum Ende interessant bleibt. Ich fand das Buch auch gut gelesen.
Fazit:
Familiengeheimnisse
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Feinsinnig und humorvoll
In einem Zug von Daniel Glattauer
Schon der Einstieg in den Roman offenbart wieder den typischen Glattauerschen analytischen Blick für die zwischenmenschliche Kommunikation. Wie er Nonverbales auslotet und Gedachtes entfaltet, und das auf amüsante Art und Weise, macht einfach großen Spaß. Doch worum geht es überhaupt?
Ein Ich-Erzähler (Name: Eduard Brünhofer) sitzt im Zug einer Frau (Name: Catrin) schräg gegenüber und versucht krampfhaft einem Gespräch aus dem Weg zu gehen.
Doch nach kurzer Zeit kommt es zu einem Dialog zwischen den beiden, weil die Mitreisende den Erzähler mit ihrem ehemaligen Englischlehrer verwechselt. Die Situation wird von Eduard als höchst unangenehm empfunden. Er möchte Geschäftigkeit vortäuschen, um dem Small-Talk aus dem Weg zu gehen (wer kennt das nicht?). Zeitweise überlegt er sogar ernsthaft, den Zug zu verlassen und einen anderen Zug nach München zu nehmen. Gleichzeitig ist er ein wenig gekränkt, dass die Frau, die er für eine potentielle Leserin seiner Bücher hält, ihn nicht als populären Schriftsteller erkennt. Mit ein wenig Hilfestellung gelingt es ihm aber, seine Gesprächspartnerin auf die richtige Fährte zu führen. Was für ein missglückter Start in die Konversation (zumindest aus Eduards Sicht)!
Eduard ist spitzfindig in seiner Wortwahl und schlagfertig (v.a. gedanklich), er wägt genau ab, wie er etwas formuliert (wohl ein echter Schriftsteller :-) Zudem fällt auf, dass er ein guter Beobachter und Zuhörer ist. Gleichzeitig richtet er fortlaufend auch immer wieder kritische Nachfragen an seine Gesprächspartnerin. Es ist ihm wichtig, dass sie sich präzise ausdrückt. Durch Eduards Gedankenwelt erfahren wir, welche Fragen zu seinem Beruf ihn besonders nerven. Doch die Mitreisende richtet unbekümmert allerlei nervige Erkundigungen zu seinem Schaffen als Autor und zum Literaturbetrieb an Eduard. Und Eduards Antworten fallen dabei herrlich strukturiert und kenntnisreich aus.
Catrin bleibt hartnäckig und stellt zahlreiche Nachforschungen an. Dabei fällt auf, dass die Fragen, die sie an ihn richtet, sehr scharfsinnig sind. Sie ist aufrichtig an ihm und an dem, was er zu erzählen hat, interessiert. Und mit der Zeit wird das Gespräch immer persönlicher und offenherziger, beide nähern sich an. Eduard wird richtig redselig. Und in den Gesprächspausen hängt er seinen Gedanken nach, in die nur wir als Leser eintauchen. Catrin hingegen wird immer mutiger (und indiskreter), was ihre Fragen betrifft. Irgendwann fragt sie ihn unverhohlen nach seiner Beziehung zu seiner Ehefrau aus. Kurzum: Eine interessante Entwicklung, die die beiden durchlaufen. Und die Handlung wird durch die Frage vorangetrieben, wohin das Ganze führen wird. Ich war neugierig zu erfahren, was aus den beiden wird. Oder herrscht die Offenheit zwischen beiden nur vor, weil sie wissen, dass sie sich vermutlich nie wieder sehen?
Das Buch ist insgesamt wieder sehr feinsinnig gestaltet (wie man es von Glattauer kennt), mit einem ausprägt-analytischen Blick für das Kommunikative (wie schon erwähnt). Der Dialog zwischen Catrin und Eduard ist kunst- und humorvoll sowie pointiert arrangiert worden, er wirkt äußerst lebendig und unmittelbar. Die Schilderung von Nonverbalem rundet das Ganze weiter ab. Der Charakter und die Stimmung sowie die Beziehung beider Figuren kommt gut zum Ausdruck. Durch die Indiskretion von Catrin fragt man sich als Leser irgendwann, was ihre Absicht ist und was sie im Schilde führt. Irgendwann war ich sogar etwas empört über das Verhalten von Catrin und habe ihr kommunikatives Verhalten als anstrengend empfunden. Ich habe mich irgendwann gefragt, ob sie gar Spaß daran hat, Eduard in Verlegenheit zu bringen. Mit anderen Worten: Man ist emotional involviert, wenn man den Inhalt liest. Klasse! Ein Satz noch zum Ende (ohne zu sehr zu spoilern): Es ist überraschend. Ich habe es nicht kommen sehen. Und ich fand sehr schade, wie das Buch endet. Trotzdem gibt es von mir volle 5 Sterne!
Rezensionen von Lesendundspielenddurchsleben :
durch und durch gelungene Fortsetzung
Ungeheuer schleimig (Band 2) von Sonja Kaiblinger
Ich kannte bereits Band 1 von der Reihe, wusste also, was es mit dem Monster aus der Mülltonne auf sich hat. Man kann dem Buch aber auch gut folgen, wenn man Band 1 nicht gelesen hat. Gleich am Anfang werden alle wichtigen Personen vorgestellt, sodass man gleich alles gut einordnen kann - oder wie wir sich erinnern.
Dieses Mal produziert das Monster Schleim - was ist nur los mit ihm? Und was könnte ihm helfen? Können die Geschwister diese Aufgabe alleine lösen oder brauchen sie Hilfe?
Meine Kinder und ich waren sehr schnell wieder in der Geschichte drinnen. Die tollen Bilder lassen die Geschichte auch gut vor Augen entstehen. Die Gegenspieler bzw. Gefahren im Labor erzeugen die nötige Spannung. Immer wieder fiebert man mit den Kindern mit, eine Lösung zu finden. Die Sprache und auch die Handlung passen jedenfalls super für das angegebene Alter und auch für die Erwachsenen ist die Geschichte gar nicht langweilig! Mir hat sie selbst gut gefallen und ich war genauso gespannt wie die Kinder, was man denn an Hintergrundinformationen über das Monster bekommen könnte. Eine durch und durch gelungene Fortsetzung!
Rezensionen von Lesendundspielenddurchsleben :
Transformers Earthspark: Der offizielle Guide von Sonja Kaiblinger
Wir sind jetzt keine Megafans der Transformer, kennen sie aber schon ein wenig und dachten, durch dsd Buch ein wenig leichter in die Geschichten zu finden. Das war für uns leider nicht so gut möglich wie erhofft. Meine Kinder mit 5,7 und 10 empfanden das Verhältnis von Text und Bild unausgewogen. Ihnen war es zu viel Text für zu wenig Bilder.
Auch konnte man, wenn man noch nicht so in der Materie ist, dem Text nicht so gut folgen. Oft hätte ich mir mehr einen erzählenden Charakter von Texten gewünscht, da es durch das fast lexikalische weniger zum vorlesen geeignet war. Die Bilder wirken jedenfalls sehr hochwertig und sind gut aufgelöst- ebenso wie das Poster, das auch cool aussieht. Beim Poster hätten wir uns über 2 verschiedene statt 2 identische Poster gefreut, und überhaupt über ein paar Bilder mehr. Dann hätte uns das Buch sicher mehr gepackt.
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Identität und Zugehörigkeit
Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelman
Ein Ich-Erzähler erinnert sich wehmütig an seine Kindheit in Kiew und beklagt sich über seine „fernsehhörige“ Mutter, die reichlich russisches Fernsehen konsumiert und den dort verbreiteten Propagandalügen auf den Leim geht. Anders als der Erzähler hinterfragt die Mutter das Gesehene nicht und es ist erstaunlich, wie russifiziert die Mutter erscheint (und das, obwohl sie selbst lange Zeit in Kiew gelebt hat).
Zwischen Mutter und Sohn gibt es eine Kluft, v.a. was die Ansichten über die russische Politik angeht.
Der Erzähler berichtet auch von den ersten Jahren in Deutschland und davon, wie seine Eltern ein sog. „magasin“ eröffneten, in dem sie russische Spezialitäten verkauften. So konnten sie sich ein Stück Heimat in der Fremde bewahren. Geschildert wird v.a. das Treiben im Laden und Ansichten zum politischen Geschehen in Russland werden auch immer wieder miteingeflochten. Später dann bricht der Ich-Erzähler nach Kiew auf, um sich einen eigenen Eindruck vom Geschehen in der Fremde zu verschaffen und seine Mutter davon zu überzeugen, dass sie den Fernsehlügen nicht mehr glaubt. Ob ihm das gelingt, möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten…
Der Erzählton ist ironisch-humorvoll (am Ende des Buchs wird der Ton aber ernsthafter) und punktuell entdeckt man immer wieder kreative Wortspielereien und Wortneuschöpfungen (z.B. „zwangsberusste(n) Leute aus der DDR“, S. 17; „wiederenteinigte Länder“, S. 18; „der sich eine ordentliche Plauze anpelmenit hat“, S. 79; „zu meinen eigenen Wahrheiten umatmend“, S. 81). Zudem findet man immer wieder russischsprachige Einsprengsel in den Dialogen. Dabei ist mir jedoch aufgefallen, dass nicht immer alle Wörter übersetzt oder transliteriert werden (z.B. auch die Vulgarismen). Mich hat das zwar nicht gestört, ich könnte mir aber vorstellen, dass Leserinnen und Leser, die der russischen Sprache nicht mächtig sind, ab und zu darüber stolpern. Besonders gefallen haben mir auch solche Passagen, in denen der Ich-Erzähler über die russischen Wortbedeutungen philosophiert: „Im Russischen gibt es keinen Singular für die Uhr. Es gibt nur die Chessi, die Uhren, ganz egal, ob man nur eine oder 36,7 Millionen Uhren besitzt. Vielleicht steckt darin der Hinweis, dass die Menschen es sich nicht so einfach machen sollten, zu glauben, dass sie lediglich eine Zeit an der Hand hätten. Dass sie immer gleichmäßig ginge. Und nicht durch Gewalt unzählige Male gekrümmt, gestohlen, gebrochen oder zertrümmert werden kann" (S.104).
Das Buch ist für solche Leserinnen und Leser geeignet, die auf humorvolle Weise ein Stück migrantische Lebenswirklichkeit in Deutschland kennen lernen möchten und die sich dafür interessieren, was der Krieg in der Ukraine für Auswirkungen auf das familiäre Zusammenleben von Menschen mit einer osteuropäischen Einwanderungsgeschichte hat. Nicht zuletzt wird den Leserinnen und Lesern am Beispiel der Reise des Ich-Erzählers nach Kiew nahegebracht, wie der Kriegsalltag in der Ukraine verläuft. Überall erkennt der Erzähler Spuren des Krieges im Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer. Es ist erstaunlich, wie die Menschen sich inmitten der täglichen Bedrohung durch Raketenangriffe in ihren Alltag einrichten und versuchen, Normalität aufrechtzuerhalten. Ein wichtiges Thema ist das der Mobilisierung. Schreckliche Gerüchte über den Militärdienst verbreiten sich. Und noch etwas fällt auf: Der Gebrauch des Russischen ruft in Kiew Ablehnung hervor. Nicht zuletzt vertieft der Roman wichtige Themen wie „Zugehörigkeit“ und „Identität“. So wird z.B. deutlich, dass bei allen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Ich-Erzähler und seinen Eltern die russische Sprache das verbindende Element bleibt (auch wenn er oft an sich feststellt, dass ihm die russischen Wörter fehlen und er stockt). Es wird gut deutlich, wie sich der Ich-Erzähler zwischen den Kulturen bewegt und sich nicht völlig zugehörig fühlt. Ein Identitätskonflikt wird greifbar.
Das Einzige, was mich beim Lesen manchmal etwas aus dem Takt gebracht hat, waren die verschiedenen Zeitebenen, auf denen sich der Ich-Erzähler bewegt. Ich musste mich bei den Rückblicken stellenweise erst zurechtfinden, um zu erkennen, ob über die frühe Vergangenheit oder die erst kürzlich vergangene Vergangenheit berichtet wird. Der Ich-Erzähler springt bei seinen Erinnerungen etwas hin und her. Aber es war an keiner Stelle verständnishinderlich. Deshalb ziehe ich dafür auch keinen Stern ab.
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Ausgeklügeltes erzählerisches Arrangement
Wackelkontakt von Wolf Haas
Während Franz Escher auf den Elektriker wartet, lernen wir ihn als Leser besser kennen. Er ist ein ausgefallener Mensch, mit kuriosen Gedankengängen. U.a. erfahren wir, dass er gern puzzelt. Er erinnert sich an eine Begebenheit auf seinem 19. Geburtstag, als er lieber ein Puzzle löste als eine Frau abzuschleppen.
Um die Zeit des Wartens zu überbrücken, liest Escher ein Mafia-Roman. Darin geht es um einen Kronzeugen, der 27 Mafiabosse verriet und in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird. Sein neuer Name lautet Marko Steiner und er liest ebenfalls ein Buch, um sich die Zeit zu vertreiben. Es handelt von Franz Escher, der auf den Elektriker wartet…
Beide Handlungen werden im Folgenden miteinander verwoben und entwickeln sich jeweils weiter. V.a. in der Handlung um Escher ereignen sich viele skurrile Szenen, die oft humorvoll-grotesk wirken. Er wirkt oft vollkommen deplatziert, agiert hilflos und teils situationsunangemessen. Immer wenn er ein Buch in die Hand nimmt, erfahren wir etwas aus dem Leben des Kronzeugen. Mich hat v.a. interessiert, worauf das Ganze hinausläuft. Diese Frage hat mich in erster Linie weiterlesen lassen.
V.a. in erzähltheoretischer Hinsicht ist der Roman von Wolf Haas interessant gestaltet. Fraglich ist z.B., ob die beiden Geschichten gleichberechtigt sind oder ob die Geschichte um Marko Steiner nicht eingebettet ist. Darüber könnte man trefflich streiten. In meinen Augen nimmt die Handlung um Escher mehr Raum ein und dominiert das Geschehen. Noch dazu hat sie auf mich auch viel mehr Faszination und Sogwirkung entfaltet. Deshalb würde ich nicht von gleichberechtigten Geschichten sprechen. Aber man möge mir gern widersprechen. Auch fällt auf, dass beide Ebenen zu Beginn noch nicht stark aufeinander Bezug nehmen, erst ab einem gewissen Punkt, der durch die Kapitelüberschrift „On“ gekennzeichnet wird, nimmt der Grad an Verknüpfung zwischen den Handlungsebenen zu. Auf einmal tauchen inhaltliche Elemente der einen Geschichte in der anderen auf. Das ist schon ausgeklügelt arrangiert worden. Und die Parallelen und Kontraste, die man findet, sind gar nicht mal so offensichtlich und erfordern einen scharfen analytischen Blick. Ziemlich herausfordernd, diese Suche nach Verbindungen. Der Aspekt der erzählten Zeit und der Erzählzeit ist ebenfalls eine genauere Betrachtung wert: Während es in der Geschichte um Marko Steiner z.B. große Zeitsprünge gibt (mehrere Jahre), wird in der Geschichte um Escher auf so etwas verzichtet. Das, was zu Steiner erzählt wird, verläuft von der Vergangenheit in die Gegenwart und noch dazu nähern sich erzählte Zeit und Erzählzeit einander an, Eschers Geschehen hingegen ist die ganze Zeit auf einer gegenwärtigen Ebene verankert und umfasst wenige Tage. Teilweise wird zum Ende hin eher zeitdeckend erzählt, was v.a. an der Dialoghaftigkeit liegt. Und noch etwas: Beide Handlungsstränge laufen am Ende des Buchs aufeinander zu. Kurzum: Haas hat sich in erzähltechnischer Hinsicht ordentlich ins Zeug gelegt und sich viele Gedanken zum Arrangement gemacht (hat mich übrigens an die Kurzgeschichte "Die Klavierstunde" von Wohmann erinnert). Es ließen sich noch weitere Beobachtungen anführen. Kritiker mögen aber bemängeln, dass das Buch künstlerisch überformt ist. Auch hierüber kann man trefflich diskutieren…
Die Handlung des Buchs selbst fand ich selbst nicht sonderlich ereignisreich, aufregend und spannend. Auf mich hat v.a. das erzählerische Arrangement Faszination ausgeübt. Wie beschrieben, lässt sich in erzähltheoretischer Hinsicht einiges aus dem Buch herausholen. Ich wollte v.a. das von Wolf Haas erdachte Konstrukt gedanklich durchdringen, ähnlich wie Escher sein Puzzle löst. Zudem fand ich die Figur des Franz Escher kurios gestaltet. Auch diese hat mich interessiert. Das, was um Marko Steiner herum passiert, hat mich (leider) nicht stark mitgerissen. Was mich auch etwas im Lesefluss gestört hat und Konzentration erforderte, war der Umstand, dass die beiden Geschichten einander sehr abrupt abwechseln. Leider gab es kein Stopp- oder Übergangssignal (z.B. in Form eines Absatzes). Schade!
Rezensionen von katis zettelchen:
Wie geht man mit seiner eigenen Vergangenheit um?
Unter Grund von Annegret Liepold
Wann beginnt Schuld? Gibt es Unschuld? Kann man sich von seinem eigenen jüngeren Selbst distanzieren? Auf mehreren zeitlichen Erzählebenen erzählt die Protagonistin im Rückblick von ihrer Jugend, in der sie in die rechts-radikale Szene gerutscht ist. Ich war gespannt zu lesen, wie sie damals radikalisiert wurde und gleichzeitig, wie sie sich 15 Jahre später im Rückblick sieht.
Man merkt die Diskrepanz zwischen ihrem jüngeren und ihrem älteren Selbst, die Essenz des Romans liegt für mich in dieser Spannung. Wie geht sie als ältere (immer noch junge) Frau mit ihrer ruhmlosen Vergangenheit um, hier passiert ein Wandel. Der erste Wandel 15 Jahre zuvor von der einsamen, etwas außenstehenden Jugendlichen, die eine Gemeinschaft unter Rechten findet, ist für mich etwas zu kurz gekommen; sie gerät mir zu naiv und unreflektiert in die Szene und wenn es so ist, dann fehlt mir die Auseinandersetzung der Erzählerin heute mit ihrem Selbst von damals. Vom Klappentext hatte ich erwartet, dass ich mehr über ihre Radikalisierung erfahre. Gelungen finde ich die Darstellung des Landlebens, der Dorfgemeinschaft, des Vereinswesens, die gleichzeitige Einmischung in die Angelegenheiten anderer und das Heraushalten aus allem, was unbequem wird, die eingeschränkten Möglichkeiten, eigene Wege zu gehen, wenn man nirgendwo dazugehört.
Insgesamt bin ich etwas zwiegespalten bezüglich des Romans. Ich finde die Thematik aktuell und sehr wichtig, der Roman liest sich flüssig, mir gefallen die unterschiedlichen Erzählebenen, aber mir fehlt eine tiefere Auseinandersetzung mit den Beweggründen für die Radikalisierung und Reaktionen der Protagonistin auf die Aktionen ihrer neuen rechten Freunde, sowohl damals als auch heute. Die Auflösung des Familiengeheimnisses finde ich unbefriedigend – soll man es als Grund für ihre Radikalisierung lesen oder als Grund, sich zu distanzieren? Auch hier fehlt mir die Greifbarkeit. Insgesamt ein interessantes Debut mit einem guten Thema und einer guten Idee. Ich gebe das Buch meiner 17jährigen Tochter, um zu sehen, was sie sagt. Vielleicht habe ich zu viel erwartet, ein bisschen getriggert durch die Ähnlichkeit des Titels mit „Über Menschen“ von Juli Zeh. Aber es wird eine gute Grundlage für ein Gespräch mit ihr.











