Kunden em pfehlungen
Rezensionen von @lust_auf_literatur:
Spannend und unterhaltsam: Tagebuch einer obsessiven Ehe
Mein Mann von Maud Ventura
Well, that was fun!
Die Sunday Times sagt auf dem Klappentext: »Dieser absolut faszinierende Roman gehört in den Kanon, in dem auch Jane Eyre und Gone Girl ihren Platz haben.«
So weit würde ich jetzt nicht gehen, denn sowohl Jane Eyre als auch Gone Girl gehören nämlich zu meinen absoluten Best of Lieblingsbüchern.
Ich weiß ich nicht, ob „Mein Mann“ es dahin schaffen wird.
Der Roman, der in Frankreich bereits ein Bestseller ist, ist in Form eines Tagebuch in der Ich-Perspektive geschrieben. Die Schreiberin ist eine, nach eigenen Angaben, sehr (!) attraktive Frau Anfang 40, die lebt wie auf einem Instagram Kanal. Ein perfekter, liebender Ehemann, zwei perfekte, geräuscharme und wartungsfreie Kinder, ein wunderschönes Zuhause und zwei stimulierende Teilzeitjobs als Lehrerin und Übersetzerin.
Was will frau mehr? Frau will in dem Fall gar nicht mehr, sie will dass alles so bleibt wie es ist, sprich sie will, dass ihr Ehemann sie für immer liebt.
Klingt erstmal nach einem verständlichen Wunsch in einer Ehe, aber es zeigt sich in den Tagebucheinträgen schnell, dass die Erzählerin wahnhaft besessen ist von ihrem Mann. Also so richtig.
Die Frau hat sich eine komplett andere Persönlichkeit zugelegt, von der sie vermutet, dass ihr Mann darauf abfährt. Eigentlich ist ihr Haar kastanienbraun und sie färbt es blond. Eigentlich hat sie gerne leidenschaftlichen und intensiven, lauten Sex, aber ergreift bei ihrem Mann nie die Initiative oder übernimmt den aktiven Part. Eigentlich mag sie ihre Kinder nicht, spielt aber die perfekte Mutter. Eigentlich weiß sie genau, was sie will, gibt sich aber devot.
Sie interpretiert jede kleine Veränderung im Verhalten ihres Mannes und für jeden vergessenen Kuss hat sie ein komplexes Bestrafungssystem.
Ihr Mann merkt von all dem nichts, er ist glücklich über seine perfekte Frau und sein wunderbares Familienleben.
Es ist klar, dass dieses obsessive Verhalten der Erzählerin ein Ventil braucht…
Geschrieben ist der Roman in einem ziemlich spannenden, lockeren und direkten Stil, der mich stark an die psychologischeren Romane der frühen Mary Higgins Clark erinnerte, die ich sehr mochte. Ventura spart sich tiefgründige Erklärungen für das Verhalten ihrer Figuren, obwohl es minimale Andeutungen von Daddy Issues gibt. Für mich gehörte aber diese unerklärliche Psychopatie mit zum Spaß.
Ich las den Roman unheimlich gerne und fasziniert gefesselt, aber das Beste ist auf jeden Fall die Pointe. Sie kickt richtig und gibt den Roman am Schluss nochmal einen kompletten Dreh in eine nachdenklichere Richtung.
Ob ich jetzt denke, dass der Roman eine normale Ehe widerspiegelt? Nein, das denke ich nicht, aber sicher bin ich natürlich nicht, denn ich war (zum Glück?) noch nie verheiratet.
Auf jeden Fall fand ich „Mein Mann“ einen aufregenden, spannenden und wahnsinnig unterhaltsamen Schmöker, der mich wunderbar von meinen weitaus trivialeren Beziehungsproblemen abgelenkt hat! Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für jeden Lesegeschmack.
Wunderbar: der Sänger in der Badewanne
Do Re Mi Fa So von Tine Melzer
Sebastian Saum zieht es knallhart durch.
Nach seinem letzten Vollbad in der Badewanne kommt er einfach nicht mehr heraus. Stattdessen reibt er die Wanne trocken, legt sich weiche Decken hinein, legt sich nackt in sein Nest und verlässt es nicht mehr.
Eigentlich könnte für den klassischen Opernsänger Ende dreißig alles tutti bene sein.
Er hat beruflich Erfolg in einem kreativen und künstlerischen Beruf und ein gutes Auskommen, er ist bei seinen Kolleg*innen und Freund*innen beliebt und er lebt mit seinem besten Freund Franz im Haus seiner verstorbenen Mutter.
Und doch steckt der Sänger in einer massiven Sinnkrise. Er hadert mit seinem Beruf. Er hadert mit seiner Beziehungslosigkeit. Er denkt über vergangene Entscheidungen nach und über die Glaubenssätze seiner Kindheit.
Der Ich-Erzähler wirkt orientierungslos und niedergeschlagen.
„Wäre ich ein Fisch, so hätte ich wenigstens eine Richtung. Und Fische singen nicht.“
Die Verweigerung in der Badewanne gibt ihm endlich den Raum, den er braucht um seine Gedanken und seine Vergangenheit zu sortieren.
In der Badewanne ist er nackt, ohne Kleider. Er denkt viel an diese Schutzhülle, an die Verkleidungen, die er auf der Bühne und im Leben trägt. Machen Kleider Leute? Er denkt auch an die verschiedenen Kleider seiner Vergangenheit, die er mit Ereignissen und Gefühlen assoziiert.
Vieles schreibt Melzer zwischen die Zeilen, wird nur leise angedeutet. Gab es schlimme Erlebnisse in der Kindheit des Sängers? Ich bin nicht sicher. Wäre er gerne Vater geworden? Im Subkontext schwingen subtile, wehmütige Untertöne von verpassten Chancen.
Es ist rührend, wie sich sein Freund Franz um ihn kümmert und die Auszeit so überhaupt erst möglich macht. Der Erzähler testet die Grenzen ihrer Freundschaft aus, indem er sich ganz in die Rolle des Unterlegenen begibt, nichts mehr in die Beziehung einbringen kann, nicht mehr nützlich ist. Aber ist es nicht das was Liebe aus macht? Für jemand da sein unabhängig von der Kosten Nutzen Rechnung?
Auch die vielen besorgten Anrufe, Genesungskarten und Blumen zeigen dem Sänger, dass er wahrgenommen und geliebt wird. Sein Fehlen wird bemerkt.
Aber reicht das aus, um wieder am Leben teilzunehmen? Wir alle spielen im Alltag verschiedene Rollen, die uns unterschiedlich fordern, passen unser Verhalten an den Kontext an, verkleiden uns und setzten manchmal sogar Masken auf?
Tine Melzer spielt in ihrem Roman mit dem Gedanken des kompletten Ausstiegs mit dem Einstieg in die Badewanne.
Auch ich empfinde den Roman als eine Art Ausstieg, als eine Möglichkeit zur bewussten Lese Entschleunigung, den die Handlung findet eigentlich nur in Sebastians Kopf und seinem Badezimmer statt. Diese Einladung mich ganz auf Gedanken des Sängers und den Roman einzulassen habe ich sehr gerne wahrgenommen. Der humorvolle Ton schafft trotz des eigentlich existenziellen Themas eine wunderbare leichte Stimmung, die aber gerade am Schluss auch etwas rätselhaftes, deutungsoffenes und tieferes enthält.
Fand ich ganz wunderbar!
Zeitloses Highlight
Das Wesen des Lebens von Iida Turpeinen
„Das Wesen des Lebens“ wurde in Finnland zu einem großen Überraschungserfolg und wird derzeit in über 20 Sprachen übersetzt, unter anderem ins Deutsche! Und das ist ein großes Glück, denn auch mir gefiel der erste Roman der Wissenschaftlerin und Schriftstellerin wirklich ausgesprochen gut!
Es ist einer dieser seltenen Romane, die bei mir dieses gänsehauterzeugende Gefühl von grandioser Universalität verursachen, die losgelöst vom Zeitgeist ist.
Die mir eine kleine Ahnung vom großen Ganzen schenken.
Das liegt auch daran, dass die Handlung des Romans mehrere Jahrhunderte umspannt und auf verschiedenen Kontinenten spielt, beginnend 1741 mit der
Großen Nordischen Expedition im Nordmeer, an der der deutsche Arzt und Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller teilnimmt. Dort entdeckt und beschreibt er die nach ihm benannte und später ausgestorbene, riesige Seekuh zum ersten Mal.
Dieser erste Teil liest sich wie eine Abenteuergeschichte und trifft so zu 100% meinen Lesegeschmack.
Das Schicksal und die Geschichte der Stellerschen Seekuh, beziehungsweise ihres Vermächtnis, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und durch die Jahrzehnte.
Turpeinen zeigt nicht nur anhand des Verschwinden der friedlichen Seekuh, wie der Mensch in seiner Gier zerstörerisch in die Natur eingreift, sondern auch am Beispiel vieler anderer Tierarten. Es fällt mir besonders auf, dass Turpeinen nicht den Weg einer betroffenen und plakativen Anklage geht, sondern vielmehr die enge Verbindung und das komplexe Wechselspiel von Mensch und Natur im Wandel der Zeit herausarbeitet.
Selbst unbedeutend erscheinende Freizeitbeschäftigungen wie beispielsweise das lange als beliebtes Hobby betrachtete Sammeln von seltenen und bunten Vogeleier können ganze Bestände dezimieren oder ausrotten. Noch wesentlich größere Auswirkungen auf das sensible Gleichgewicht unserer Erde haben Kolonialismus, Bevölkerungswachstum und technische Entwicklungen.
Turpeinen beschreibt aber auch wie sich die theoretischen Ansätze und praktischen Techniken in der Dokumentation und Vermittlung von naturwissenschaftlichen Informationen geändert haben und sich immer weiterentwickeln.
Ich mag die von Turpeinen entworfenen Figuren, die auf echten historischen Persönlichkeiten und Recherchen beruhen, unheimlich gerne. Sie fügt den bekannten Daten einen fiktiven Charakter hinzu, der von einem hoffnungsvollen und philanthropischen Menschenbild zeugt, trotz des unleugbaren und unveränderlichen Zerstörungswillen der Menschen im allgemeinen. Das tut mir gut und hilft gegen meinen Zynismus.
Ich würde wirklich sagen „Das Wesen des Lebens“ war ein echtes zeitloses Highlight für mich, das in mir den Wunsch geweckt hat, bald wieder eines der größeren naturhistorischen Museen in meinem weiteren Umfeld zu besuchen.
Zwei unterschiedliche Schwestern und der Bär
Cascadia von Julia Phillips
Ich liebe ja manchmal diese Romane, die nicht ganz eindeutig sind. Die mir nicht genau vorgeben, was ich fühlen und was ich für die endgültige Wahrheit halten soll. Deren Geschichten und Erzählton von meinem aktuellen Mindset abhängig ist und meiner individuellen Interpretation.
Genauso so war für mich „Cascadia“ und ich fand es toll.
Julia Phillips erzählt darin die Geschichte von zwei unterschiedlichen Schwestern und einem Bären.
Nur Elena, Sam und ihre kranke Mutter, die bald sterben wird, leben in dem kleinen, hyppothekenbelasteten Haus auf der Insel im Nordwesten der USA.
Elena ist die Ältere,und die, obwohl sie nur 13 Monate vor der jüngeren Sam geboren wurde, immer die Vernünftige ist. Die, die Verantwortung für alles übernimmt, als die Mutter schwer krank wird. Sam verlässt sich ganz auf ihre ältere Schwester. Einen Vater gibt es in der Familie schon lange nicht mehr und die ungesunden, temporären Freunde der Mutter haben sich glücklicherweise auch mittlerweile alle verabschiedet.
Phillips erzählt ganz aus der Perspektive von Sam, der jungen Frau, die sich nichts mehr wünscht, als mit ihrer Schwester die prekäre Situation und die Insel zu verlassen. SIe arbeitet als Servicekraft auf den Fähren, die Tourist*innen von Insel zu Insel befördern und träumt von einem anderen Leben. Aber die wirtschaftliche Situation und die sterbende und pflegebedürftige Mutter, sind eine harte Realität, die den Aufbruch in ein anderes Leben schwierig macht.
Und dann taucht auch noch ein Bär auf der Insel auf und stellt die enge Beziehung der Schwestern auf eine harte Bewährungsprobe…
Ich kenne Phillips Erzählstil schon aus dem episodenhaften Roman „Das Verschwinden der Erde“, der mir vor einiger Zeit auch richtig gut gefallen hatte. Auch darin stellt Phillips, Menschen, die fast vergessen abseits der des globalen, kosmopolitischen Hauptstömung der bekannten Welt leben, in den Mittelpunkt. Und auch darin bleiben sehr viele Fragen und Schicksale offen.
Phillips erzählt nicht jeden Lebensweg und jede Geschichte bis ans Ende aus, sondern streut Andeutungen und Verweise, wie eine weitere Entwicklung aussehen könnte. Dass verschiedene Richtungen möglich sind, ist gerade das besonders Reizvolle daran.
Anders als im episodenhaften „Das Verschwinden der Erde“ bleibt Phillips in „Cascadia“ bei der Geschichte der beiden Schwestern und bei Sams Perspektive, was ich sehr begrüße und ihn für mich zum eingängigeren Roman macht.
Wenn du den Roman schon gelesen hast, weißt du, dass gerade der unerwartete und krasse Schluss polarisieren kann.
„…und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“
Ja, doch. Mir gefiel „Cascadia“ wegen dem Schluss richtig, richtig gut und ich hoffe sehr auf weiteren Stoff dieser ungewöhnlichen Autorin!
Ein starker und verletzlicher Roman. Große Leseempfehlung!
Als wir Schwäne waren von Behzad Karim Khani
Es gibt Romancover, an denen komme ich nicht vorbei. Das Cover von „Als wir Schwäne waren“ gehört dazu. I mean…diese Farben, diese Federn?
Natürlich trug der Namen des Autoren auch zu meinem Impuls bei, den Roman lesen zu wollen. „Hund Wolf Schakal“ von Behzad Karim Khani fand ich auch schon ziemlich stark.
Aber tatsächlich hat mir „Als wir Schwäne waren“ noch besser gefallen. Es wirkt noch persönlicher, kraftvoller und gehaltvoller auf mich. Die Parallelen zu Khanis eigener Biografie sind offensichtlich und er lässt seinen Erzähler aus der Ich-Perspektive berichten.
Es ist die Geschichte eines Jungen, der mit seinen Eltern aus dem Iran nach Deutschland geflohen sind. Sie landen in Bochum, mitten im Ruhrgebiet. Seine Eltern sind gebildet und hatten im Iran gute Berufe. Der Vater liest Goethe, Nitzsche und Schiller, die Mutter Adorno, Habermas, Luhmann und Sonntag.
In Deutschland sind die Abschlüsse wertlos und in den Augen der deutschen Gesellschaft sind sie Bittsteller, von denen Dankbarkeit erwartet wird.
Der Junge sieht, wie der Stolz und die Würde seiner Eltern mit Füßen getreten wird, und er wird wütend. Wut ist für ihn das einzige Gefühl das einen Unterschied macht, und das ihm Macht verleiht. Der Junge wächst heran und mit ihm die Wut. Die Wut lässt wenig Platz für andere Gefühle und sie äußert sich in Gewalt.
„Dass ich in Wirklichkeit eine Gerechtigkeit herstellen wollte, in der nicht ich so heile bin wie alle anderen, sondern alle anderen so kaputt wie ich.“
Der Erzähler berichtet von den Veränderungen in seinem Viertel, von seinen verschiedenen Freunden, von denen viele irgendwann auf der Strecke bleiben.
Alle kämpfen um Anerkennung und das bißchen Würde, das die Lebensumstände ihnen lässt.
Behzad Karim Khani schreibt in Sätzen, die schneidend sind wie Messer und gleichzeitig liegt in ihnen eine große Verletzlichkeit. Auch sein Erzähler kämpft um seine Würde, die mit dem Stolz seines Vaters verknüpft ist. Erst später, als erwachsener Mann, wird er wieder Zugang zu seinen eigenen Gefühlen und zu seiner Vergangenheit finden.
Das Deutschland, das Behzad Karim Khani beschreibt, und in dem ich lebe, ist ein kaltes, unfreundliches Land.
„Wo man nicht aus Zucker ist. Keine Müdigkeit vorschützt, Nägel mit Köpfen macht und sich nicht zwei Mal bitten lässt. Wo man schließlich nicht blöd ist. Wo sicher sicher ist und Geiz geil. Wo »Du bist Gast hier!« eine Drohung ist. Wo ja jeder kommen kann. Wo man B sagen muss, weil man A gesagt hat, und ende es in Stalingrad.“
Das sind Sätze, die treffen. So wie der ganze Roman auf nur 192 Seiten.
Große Leseempfehlung!
Ein großartiger und wunderschöner Roman!
Ich komme nicht zurück von Rasha Khayat
Der Klappentext des Romans hat mich eigentlich gar nicht so angesprochen, aber die Leseprobe hat mich derart geflasht, dass ich dachte: bitte, ich will dieses Buch lesen, dringend!
Hanna, Zeyna und Cem.
Ihre Freundschaft ist in Kindertagen so stark, dass sie ganze Familien zusammenbringt. Vor allem Hanna und Zeyna, beide mutterlos, sind sich so nah wie Schwestern, teilen als sich Mädchen alle Kindheitserlebnisse.
Dazwischen Cem, der ausgleichende, helfende und vermittelnde Teil des ungleichen Dreigestirns.
Hanna ist die Ich-Erzählerin in Rasha Kayhats Roman, mittlerweile erwachsen, fast 40 Jahre alt und in einer Lebenskrise. In ihrer Erzählung addressiert sie ein Du, ihre Freundin Zeyna. Sie spricht sie direkt an, denn die Freundinnen haben seit Jahren keinen Kontakt mehr. Zeyna ist einfach verschwunden, sogar den Tod und die Beerdigung von Hannas Großmutter Felizia, die auch eine enge Bezugsperson von Zeyna war, hat sie verpasst.
Warum dieser Bruch zwischen den einstmals so engen Freundinnen? Auch Cem ist ratlos, versucht die haltlose Hanna zu unterstützen und gleichzeitig seine eigenen Grenzen zu wahren.
Langsam lässt Kayhat ihre Erzählerin zurückgehen, zurück in die Zeit, in der noch alles heile war. Eine Zeit, als es schien, als könne ihre gewählte Familie alles überwinden und für immer zusammensein. Mit dem Älterwerden zeigen sich aber die Unterschiede in Charakter und Lebensplanung immer deutlicher und die Gemeinschaft bekommt Risse. Trotzdem gelingt es den dreien noch lange und trotz der Entfernung ein Band aufrecht zu halten.
Was hat es dann endgültig zerrissen?
Khayats wunderbar poetischer und intensiver Schreibstil macht die Einsamkeit und die Verlorenheit ihrer Erzählerin greifbar. Aus den Seiten spricht ihre Trauer über den Verlust geliebter Menschen und ihre Schwierigkeit loszulassen. Hanna wird gequält von Schuldgefühlen und sehnt sich nach Absolution. Irgendwas hindert sie daran, im Leben weiterzugehen. Irgendwas hindert sie daran, im Leben weiterzugehen.
Nur in kleinen Schritten geht Khayat zum den Ursprung des Zerwürfnis zurück und das macht den Roman bis zur letzten Seite unglaublich spannend und emotional intensiv. Ich finde die literarische Ausdruckskraft, die Khayat auf den nur 171 Seiten entfesselt, unglaublich stark und sehr, sehr gelungen.
Die Stimmung des Textes empfinde ich gleichzeitig als melancholisch und warm. Die Melancholie finde ich in den vielen Abschieden und die Trauer über die Veränderungen, die Wärme in der Freundschaft und der Liebe, die in der Wahlfamilie entsteht und die nicht ohne Spuren bleibt.
Für mich ein großartiger und wunderschöner Roman!
Unterhaltsam, blieb für mich aber zu oberflächlich
Glück von Jackie Thomae
Hmmm…ich bin nicht zufrieden mit dem Schluss von „Glück“. Das passiert bei mir nicht oft, vor allem nicht bei Romanen, die mir eigentlich gefallen haben.
But well, das Leben ist kein Wunschkonzert. Wo ich natürlich gleich beim Thema bin, denn im neuen Roman von Jackie Thomae geht es ganz viel um den Kinderwunsch.
Für mich persönlich, wie wahrscheinlich für viele andere Menschen, ein sehr sensibles und aufgeladenes Thema. Mittlerweile bin ich aber an einem Punkt, an dem ich darüber relativ unbelastet lesen kann. Und Thomae macht es mir mit ihrer lockeren, fast humorvollen Schreibweise leicht. Sie verpackt die Frage nach dem (Kinder?) Glück in einen leichten Sommerroman, den ich zwar feministisch nennen würden, der aber ohne wirklich Schärfe oder bittere Nuancen auskommt.
Das ist auf jeden Fall Geschmackssache, ich mag Gesellschaftsromane vermutlich aber dann doch lieber stärker gewürzt.
Marie-Claire, genannt MC, ist eine bekannte Radio Moderatorin und Podcasterin und Ende 30, später dann Anfang 40 und hat das Gefühl eine wichtig Deadline im Leben verpasst zu haben. Sie hat noch kein Kind und ihr biologisches Zeitfenster beginnt sich zu schließen. Sollte sie eines bekommen? Was, wenn sie den entscheidenden Zeitpunkt verpasst und es dann irgendwann keine Option mehr ist? Praktischerweise hat sie eine liberale Frauenärztin, die ihrem „Glück“ mit modernster Medizin auf die Sprünge helfen will…
Anahita ist genauso alt und hat als Politikerin eine steile Karriere gemacht und sie hat noch weitere Ambitionen. Auch bei ihr stellen viele die Frage nach einem Kind, denn anders als bei Männer gilt nach wie vor das Leben einer Frau erst mit Kind und Familie als komplett und erfüllt. Doch Anahita ist sich unsicher, wie ein Kind in ihr Leben passen soll und ihre früheren Erfahrungen mit Kindern als Lehrerin waren alles andere als erfüllend…
Jackie Thomae greift mit ihren beiden Ich-Erzählerinnen viele Facetten eines Frauenlebens kurz vor der Torschlusspanik auf. Woher kommt der Wunsch nach einem Kind? Möchte ich mich wirklich die nächsten 15-20 Jahre oder gar für immer einem anderen Menschen verpflichten, den ich noch gar nicht kenne? Wer will eigentlich, dass ich Kinder will? Und was, wenn die biologische Uhr gar nicht ticken würde? Wenn ich genauso viel Zeit wie die Männer hätte, einen eventuellen Kinderwunsch zu erfüllen?
Das sind die Fragen, mit denen Thomae ihre Figuren hadern lässt. Sie stellt ihnen eine ganze Batterie an weiblichen Komparsinnen zur Seite, deren Geschichten jeweils verschiedene Aspekte dieser Fragen widerspiegeln.
Das ist eigentlich ganz unterhaltsam, zu tieferen Erkenntnisse führt das bei mir nicht, was daran liegen kann, dass ich diese Fragen schon zu Genüge innerlich bearbeitet habe und die Antworten für mich schon gefunden habe.
Ich bin auch etwas irritiert von dem Bild und der Machbarkeit, die Thomae, unabhängig vom fiktiven Anteil ihres Romans, von später Mutterschaft zeichnet. Schwangerschaften jenseits der 45 sind meines Wissens nach auch in Städten, wo der Zugang zu modernster Reproduktionsmedizin einfacher ist als auf dem Land, immer noch mehr die Ausnahme als die Regel. Zudem steht diese Option vermutlich nur einer gewissen gesellschaftlichen Schicht mit der nötigen Bildung und finanzieller Potenz zur Verfügung.
„Glück“ ist mit Sicherheit ein unterhaltsames und leicht gesellschaftskritischer und relevanter Roman, der aber nur eben die Situation einer gebildete und erfolgreichen Frau abbildet und weniger die Lebensrealität des Großteiles der Frauen mit weit weniger Optionen und Reflektionsmöglichkeiten.
Da ich Thomaes Schreibstil ziemlich fresh und eingängig fand, hatte ich mit „Glück“ trotzdem eine ziemlich gute Lesezeit, auch wenn es vielleicht nicht so deep, wie ich es mir vielleicht erhofft hatte.
Vielschichtiger Roman über Suchende
Taumeln von Sina Scherzant
Das ist mein erster Roman von Sina Scherzant. Ihr Debüt „Am Tag des Weltuntergangs verschlang der Wolf die Sonne“ hatte ich 2023 trotz des vielversprechenden Titels wegen akuter Leseüberlastung ausgelassen. Dafür habe ich jetzt bei ihrem zweiten Roman, verführt durch die interessante Kurzbeschreibung und die vielversprechende Leseprobe, zugegriffen.
Luisas Schwester Hannah ist seit mehr als zwei Jahren verschwunden. Niemand weiß, wo die junge Frau ist und Luisa vermutet, dass ihrer Schwester etwas zugestoßen ist. Doch als die polizeilichen Ermittlungen keinerlei Spuren ergeben, verlaufen die groß angelegten privaten Suchaktionen irgendwann im Sand. Nur ein kleiner, harter Kern von acht Menschen rund um Luisa trifft sich regelmäßig am Wochenende, um weitere Teilabschnitte des Waldes zu durchsuchen.
Nicht der rätselhafte Fall der verschwundenen Schwester, sondern diese Gruppe von Menschen und Luisa selbst steht im Zentrum von Scherzants neuem Roman.
Obwohl die meisten von ihnen Hannah nicht mal kannten, hat jede*r von ihnen seine eigene innere Motivation, an den Suchaktionen teilzunehmen.
Beispielsweise der mittelalte Junggeselle Frank. Er ist vereinsamt, fühlt sich im Leben gescheitert und ist auf der Suche nach sozialen Kontakten und nach einem Daseinszweck.
“Ihr Verlust hat ihm eine Art Hobby beschert und einen Grund, am Samstag aufzustehen, zu duschen, sich einen Kaffee zu machen, obwohl das Lämpchen schon blinkt, obwohl die Maschine entkalkt werden müsste, aber dafür hat er an den meisten Samstagen keine Zeit, denn er wird gebraucht, im Wald, da warten sie auf ihn.”
Die Suchenden wachsen zu einer kleinen Schicksalsgemeinschaft zusammen, die man fast Freundschaft nennen könnte. In Luisas eigenem Leben wurde durch das Verschwinden ihrer Schwester die Stoptaste gedrückt und die Familie schwer und nachhaltig erschüttert. Sie führen ein Leben wie in einem Wartezimmer.
Scherzant greift in ihrem Roman viele Themen auf. Manche wie Depressionen und die Konkurrenz unter Schwestern, werden nur angedeutet. Andere, wie das Thema Einsamkeit, werden stärker ausgearbeitet. Das gelingt ihr meiner Meinung nach gut, auch wenn eine klarere Fokussierung auf weniger Inhalte vielleicht noch stärker gewesen wäre.
Auch literarisch variiert Scherzant mit verschiedenen Stilmitteln, Tempi und Erzählformen, was sehr gut ihr schriftstellerisches Können zeigt, aber in meinen Augen vielleicht auch etwas zu beliebig verwendet wird.
Viele der von ihr verwendeten Bilder und die sprachliche Ausgestaltung finde ich richtig gut, wie beispielsweise der starke und interpretationsoffene Schluss.
Besonders gefällt mir, dass Scherzant zeigt, wie im Alltag viel von der Aufmerksamkeit, die wir unseren Mitmenschen und vor allem den Menschen die wir lieben, widmen sollten, verloren geht. Geht ein Mensch verloren, bekommen diese verschenkten Augenblicke neues Gewicht.
„Taumeln“ ist nicht die Geschichte, wie das Rätsel der verschwundenen Hannah gelöst wird. Es ist vielmehr die vielschichtig erzählte Geschichte von Menschen, die nicht nur im Wald, sondern im Leben auf der Suche sind.
Für mich vielleicht kein Highlight, aber ein interessanter und lesenswerter Roman einer vielversprechenden Autorin und Schriftstellerin.
Wunderbarer, zeitloser und bittersüßer Liebesroman
Ava liebt noch von Vera Zischke
Ich bin bei Liebesromanen schon wählerisch. Sehr wählerisch. Obwohl ich grundsätzlich nichts gegen eine gut erzählte Liebesgeschichte einzuwenden habe.
Aber da fangen die Probleme schon an. Ich finde viele Liebesgeschichten zu reduziert auf Geschlechterklischees und Rollen, beschränkt auf Rettungsphantasien oder machmal sogar mit toxischen Tropes.
Der Roman von Vera Zischke ist ein lupenreiner Liebesroman, der sich in weiten Strecken gegen klassische Tropes verwehrt, ohne das Genre neu zu erfinden. Mit Ava und Kieran hat Zischke zwei Protagonist*innen geschaffen, die ich zwar durchaus als idealisiert bezeichnen würde, die aber so sympathisch, perfekt unperfekt und lebensecht wirken, dass sie das Herz des Romans bilden.
Ava ist eigentlich eine klassische, frustrierte Hausfrau und Mutter Anfang 40, deren Ehe schon lange lieblos und tot ist und deren Persönlichkeit jetzt auf den Servicemodus für ihre drei Kinder eingeschrumpft ist. Mir gefallen Avas gesellschaftskritische Gedankengänge zum Mutterschaft und Ehe und ich kann ihre Frustration nachempfinden. Allerdings nicht die mangelnden Konsequenzen daraus.
An ihrem Tiefpunkt trifft Ava auf Kieran, den Schwimmlehrer ihrer Tochter. Kieran ist 24, natürlich ein Ädonis und hat seine eigenen Struggles. Sein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und seine Mutter hat danach im Leben nicht mehr richtig Fuß gefasst.
Zischke wechselt zwischen beiden Perspektiven, wobei ich Avas Parts stärker und authentischer finde.
Ava verliebt sich in den wesentlich jüngeren Mann und es stellt sich heraus, dass es Kieran genauso geht. Sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die beide neuen Auftrieb im Alltag und das Gefühl lebendig zu sein gibt.
Natürlich lassen die Probleme nicht lange auf sich warten und Ava muss sich bald zwischen ihrem Mann und der Familie und ihrer frischen, jungen Liebe entscheiden…
Was mir an dem Roman besonders gut gefällt ist der lange Zeitraum, über den Zischke ihre Figuren begleitet. Denn nach der Affäre geht das Leben für Ava und Kieran weiter und das Nachbeben dieser Begegnung wird noch Jahre nachhallen.
Wie genau, verrate ich dir natürlich nicht, ich verrate dir aber, dass ich den Roman ziemlich schnell verschlungen habe, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es mit den beiden weitergeht und auch mitgefiebert habe.
In diesem Sinne ist Zischke ein großartiger Roman gelungen, den ich dir bedenkenlos weiterempfehlen kann.
Trotz meines großen Lesevergnügens gibt es von mir dezente Kritik. Für mein persönliches Empfinden sind sind mir manche Szenen und Entwicklungen eine Spur over the top Ich muss einige meiner moralischen Fragen bzgl. Eigenverantwortung und Altersunterschieden in Beziehungen zur Seite schieben, was mir Zischke mit ihren einzigartigen und liebenswerten Figuren erleichtert.
Da ich an das Konzept von perfekt zueinander passender Menschen nur bedingt oder gar nicht glaube, habe ich am Wahrscheinlichkeitsgehalt der Geschichte so meine Zweifel, aber das ist für eine gute Liebesgeschichte kein Ausschlusskriterium.
Wenn du Geschichten wie „Salz auf unserer Haut“, „Die Brücken am Fluss“ oder „Zwei an einem Tag“ mochtest, wirst du bestimmt „Ava liebt noch“ lieben!
Das wunderschöne Cover verspricht nicht zu viel, dahinter steckt ein wunderbarer und empfehlenswerter Liebesroman, der von mir in kürzester und angenehmster Lesezeit verschlungen wurde!
Unglaublich schmerzhaft und gut!
Die schönste Version von Ruth-Maria Thomas
Dieser Roman war für mich unglaublich schmerzhaft und so gut!
Ruth-Maria Thomas Debütroman hat mich auf einer derart persönlichen Ebene getroffen, dass es mir fast unheimlich ist. Es ist klar, dass ich diesen Roman nicht neutral besprechen kann, sondern meinen Meinung stark eingefärbt ist von der Übereinstimmung zwischen Jellas Gefühlen und meinen eigenen.
Dabei ist Thomas um einiges jünger als ich und auch ihre Romanhandlung ist um diesen Zeitsprung versetzt jünger. Umso erschreckender, wie wenig sich in dieser Zeitspanne an den misogynen Strukturen und der möglichen Erlebniswelt einer jungen Frau geändert zu haben scheint.
Aber halten wir uns nicht viel zu oft an der Hoffnung fest, dass es jetzt oder in Zukunft alles gar nicht mehr so ist wie früher?
Ich rede vom Erwachsenwerden als Frau, vom Leben als Frau und von der Sozialisation als Frau.
Thomas erzählt die Geschichte ihrer Ich-Erzählerin Jella auf zwei Zeitebenen. Im Jetzt ist sie gerade aus der gemeinsamen Wohnung vor ihrem gewalttätigen Freund und ihrer toxischen Beziehung geflohen. In Rückblicken lernen ich Jella als Jugendliche kenne und von ihren ersten (sexuellen) Erfahrungen mit Männern. Es sind keine guten Erfahrungen, werden von ihr aber so hingenommen und als selbstverständlich angenommen. Den Glauben, ihr menschlicher Wert hinge von ihrer sexuellen Verwertbarkeit für Männer ab, hat sie tief internalisiert und wird sie stark für ihr weiteres Beziehungsleben prägen.
Als sich schließlich der intellektuelle Künstlertyp Yannik und sie verlieben, scheint endlich alles anders. Mit ihm, so hofft sei, kann sie „Die schönste Version“ ihrer selbst sein.
Mich beeindruckt vor allem die schmerzhaft authentische und zutiefst komplexe Stimme Jellas. Thomas schont weder ihre Protagonistin noch mich mit unangenehmen, aber ehrlichen Eingeständnissen. Jella ist, wie wahrscheinlich jeder Mensch, weit davon entfernt moralisch perfekt zu sein und kann deswegen trotzdem ein Opfer von physischer und psychischer Gewalt sein.
Ihre Beziehung zu Thomas ist weit entfernt von stereotypen Geschichten von häuslicher Gewalt und der leider immer noch verbreiteten Vorstellung wie das Verhalten eines vollwertigen und schützenswertes weibliches Opfer auszusehen hat.
Ich liebe den Mut und das Können von Thomas, diese ganzen ambivalenten und komplexen Gedanken zu erkunden und zu verschriftlichen.
„Weil in unserer Welt, in Yannicks und meiner, das alles nicht so schlimm war, im Gegenteil, es hat uns geeint.
Unsere Welt war eine intensive.“
Der Roman hat mich sehr betroffen gemacht, bewegt und mich ganz persönlich aus einer düsteren Zeit abgeholt. Allein das macht „Die schönste Version“ zum Highlight für mich, aber auch die Konstruktion, das enorm hohe und ausgereifte literarische Niveau wie auch die detaillierte Beobachtungsgabe von Thomas machen den Roman zu einer dringenden Leseempfehlung für dich!











