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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Lesenswerte und sensibel bearbeitete Romanbiografie

Dorothea von Jürgen Pettinger

Homosexualität unter der Nazidiktatur? Bei schwulen Männer ein schwerer Straftatbestand, ein „Sittlichkeitsverbrechen“, das mit Deportation in ein Konzentrationslager oder in eine psychiatrische Anstalt bestraft werden konnte. Bei Frauen sah die gesetzliche Sachlage auf Grund der „sehr bescheidenen Rolle der Frau im öffentlichen Leben“* etwas anders, wenn auch nicht weniger gefährlich aus.

Für Frauen wie die berühmte deutsche Schauspielerin Dorothea Neff, die sich nicht dem Nazi Regime andiente, konnte schon der Verdacht jeglicher Devianz zu sozialer Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes oder gar Kerkerhaft führen.

Jürgen Pettinger hat das Format der Romanbiografie gewählt, um endlich auf das Leben, den Mut und die Liebe von Dorothea Neff und ihren Freundinnen aufmerksam zu machen.
Denn Neff fühlte sich nicht nur zu Frauen hingezogen, sondern versteckte auch ihre Freundin Lilli Wolf, eine Jüdin, unter schwierigsten Bedingungen jahrelang in ihrer Wiener Wohnung.

Nicht nur die kleine Wohnung, auch die Beziehung zwischen Neff und Wolff wird zum Schutz und Gefängnis gleichermaßen.

Was es für die beiden Frauen bedeutete, permanent der Angst vor Entdeckung und ständiger innerer (im Falle Neffs) und auch wortwörtlicher (im Falle Wolfs) Isolation ausgesetzt zu sein, lässt sich sehr gut aus Pettingers Text herauslesen.

„Lilli war ein Geist geworden. Sie existierte, aber niemand außer Dorothea konnte sie je sehen.“

Gemeinsam schaffen es die Frauen, den schwierigen Umständen der Kriegsjahre zu trotzen. Sogar eine Operation der gesundheitlich sehr angeschlagenen Wolff in einem Krankenhaus wird mit einiger Hilfe und unendlicher Angst realisiert.

Doch diese Jahre der furchtbaren Angst und der Isolation hinterlassen Spuren, vor allem bei Lilli Wolff.

„War es nicht der Sinn des Lebens, einen Eindruck zu hinterlassen bei anderen und auf der Welt? Ein Mensch kann sich nur im Austausch mit anderen entwickeln, lernen, besser werden, leben. Was für einen Sinn hatte es, alleine zu sein, nichts zu bewirken, nichts zu schaffen, nichts zu hinterlassen, nichts zu dürfen, von niemandem gesehen und gehört zu werden?“

Ich möchte bei dieser Romanbiografie sehr lobend die schriftstellerische Zurückhaltung Pettingers hervorheben. Neff und Wolff, sowie ihre Freundinnen, äußerten sich auch lange nach dem Krieg niemals offensiv zur Natur ihrer Beziehung. Zwar lebten beide ohne Täuschung bis an ihr Lebensende in langjähriger Gemeinschaft mit Frauen, sich aktiv geoutet oder sich im Detail dazu geäußert haben sie sich nie.
Pettinger lässt den Frauen diese Privatsphäre und füllt diese Lücken in der Schilderung dieser Jahre nicht mit seiner eigenen Phantasie oder mit naheliegenden Spekulationen, sondern bezieht sich nur auf gesicherte Quellen und spätere Tonbandaufnahmen. Das schätze ich sehr, genauso wie seine einordnenden Worte im Epilog.
Ergänzt wird sein Text mit schönen schwarz-weiß Aufnahmen der Frauen und ihren Unterstützern und einem Vorwort von Andreas Brunner.

Ich möchte diese Buchvorstellung mit den Worten Erwin Ringels, eines Freundes und Unterstützers der Frauen, schließen:

»Sterben müssen wir doch alle früher oder später, dann lieber zu Lebzeiten das Richtige tun.«

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Lesenswerter Kriminalroman mit ernstem Themenhintergrund

Zwischen euch verschwinden von Gudrun Lerchbaum

„Zwischen euch verschwinden“ ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne. Es gibt Tote, sogar mehrere und eine mutmaßliche Täterin auf der Flucht, aber keine Ermittlungen, Detektiv*innen oder dergleichen.


„Jetzt ist die Mutter wirklich tot.“
Maria, Anfang 40, hat die bettlägerige Mutter bis zum Schluss gepflegt und jetzt ist sie gestorben.

Dem Wunsch der leidenden Mutter nach aktiver Sterbehilfe ist Maria nicht nachgekommen.
Oder doch?
Jedenfalls braucht Maria, bevor sie den Arzt und die Behörden verständigt, erst mal ein bißchen Zeit für sich, um Abstand von der Situation zu gewinnen. Endlich wieder mal ein ausgedehntes Sektfrühstück im Café soll es sein.
Aus dem Frühstück wird eine betrunkene Übernachtung im Hotel einschließlich Sex mit dem Kellner.
Und danach fährt Maria einfach nicht mehr nach Hause zurück. Stattdessen will sie einfach alles hinter sich lassen. Die tote Mutter, ihr kinderloses und leeres Leben, die dörfliche Erwartungshaltung.

Maria verschwindet einfach. Jetzt als Untergetauchte und Gesuchte ohne offizielle Papiere stehen ihr nur noch prekäre Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung: in der Gastronomie, in der Sexarbeit und vor allem in der Pflege. Maria gerät in in einen Strudel aus Ausbeutung, Erpressung und Ungerechtigkeit.

…und aus Gewalt.

Die österreichische Autorin Lerchbaum nutzt den spannungsgeladenen Plot um auf ein brennendes gesellschaftliches Thema aufmerksam zu machen. Die ausbeuterischen Bedingungen in der Pflegeindustrie und der Pflegemigration zusätzlich zu den Ungerechtigkeiten und Härten gering geschätzter Care-Arbeit. Schon der Titel des Romans ist eine Anspielung auf die Unsichtbarkeit von Arbeit und Menschen, die unsere Gesellschaft gerne ausblenden möchte und in eine Parallelgesellschaft drängt.
Die Verbindung aus unterhaltsamen Roman und sozial relevanter Themen ist Lerchbaum sehr gut gelungen, auch wenn ich die Krimihandlung insgesamt nur als solide einstufen würde.

Von daher ein Roman, der vielleicht gerade nicht die typischen Leser*innen von Kriminalromanen ansprechen könnte, sondern alle, die gerne über ernstere Themen lesen, wenn sie spannend und unterhaltsam verpackt sind.

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The Revenant meets Stephen King „Das Mädchen“.

Die weite Wildnis von Lauren Groff

Soeben beendet und ich bin noch immer ganz ergriffen. Lauren Groff ist für mich (und nicht nur für mich) wahrlich eine der großen aktuellen amerikanischen Erzählerinnen!

Groff wählt diesmal die Zeit der amerikanischen Besiedlung im 17. Jahrhundert, um ihre Protagonistin durch tiefgreifenden inneren wie äußeren Wandel zu schicken.

Es ist ein namenloses Dienstmädchen, das aus einem Siedlerfort vor Hunger, Krankheit und Unterdrückung in die Wildnis davonläuft.

In der Wildnis warten ebenfalls Hunger und Krankheit auf sie, aber sie ist frei.
Doch das sind nicht die einzigen Gefahren…

“Die Welt, das wusste das Mädchen, war noch schlimmer als wild, die Welt war gleichgültig.
Es kümmerte sie nicht, was mit ihr geschah, es konnte sie nicht kümmern, nicht im Geringsten.
Sie war ein Sandkorn, ein Sprenkel, ein Flugstaub im Spiel des Windes.”

The Revenant meets Stephen King „Das Mädchen“.

In alter amerikanischer Erzähltradition des klassischen Abenteuerromans bedient sich Groff bei den Regeln des Genres und schafft gleichzeitig etwas komplett neues. In den Weiten der Wildnis und völlig auf sich allein gestellt, sind die Gedanken des Mädchens keiner Konvention und gesellschaftlichen oder religiösen Regeln mehr unterworfen. Immer mehr Glaubenssätze werden abgeworfen und das Mädchen streift ihren alten monotheistischen Gottesglauben genauso ab wie die letzten Kleider, die ihr noch aus dem kleinen, alten Leben geblieben sind.

Groff kombiniert die spannende, klassische Survival Geschichte des Mädchens mit ihrer inneren Entwicklungsgeschichte. Wobei mich die letztendliche Kernbotschaft am Ende des Romans sehr überrascht und auch persönlich berührt hat.

War in „Matrix“ und in „Licht und Zorn“ noch ein gewisser Hang zur Weitschweifigkeit zu erkennen, hat Groff ihren Stil in „Die weite Wildnis“ noch einmal verdichtet und das tut dem Spannungsbogen in meinen Augen sehr gut.

„Die weite Wildnis“ war für mich eine begeisternde und den Mensch in seiner Essenz erkennende Erzählung, die mich komplett fesselte.

Sehr, sehr lesenswert!

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Ungewöhnlicher und spannender Schauerroman mit gesellschaftskritischen Anklängen.

Monstrosa von Rhea Krcmárová

„Schauerroman meets Body Horror“
Die Opernsängerin Isabella sollte eigentlich am Höhepunkt ihrer Karriere sein, aber ihr Mehrgewicht verhindert den großen Durchbruch. Die Opernwelt lebt vom schönen Schein und ein zu großer Körperumfang wird vor allem bei Frauen, die auf und neben der Bühne zum Objekt der Begierde reduziert werden, nicht gerne gesehen.

Isabellas Mentorin will die Reißleine ziehen und meldet sie in einer Klinik für Essstörungen an. Dort soll Isabella, die seit ihrer Kindheit mit verschiedenen Diäten und dem JoJo Effekt laboriert, ihr Essverhalten vor dem nächsten Auftritt in den Griff bekommen.
Was aber nur Isabella weiß: in ihr lebt ein hungriges Monster, das sie mit Essen ruhig halten will.

In der Klinik sind hauptsächlich anorektische und bulimische Patient*innen, die der mehrgewichtigen Isabella mit blanken Hass und Ablehnung begegnen.
Doch nicht nur Isabella kämpft mit ihrem Dämon, auch die anderen Essstörungen sind ein äußerer Außdruck ihrer inneren Monster.


Als die stärksten Passagen empfinde ich tatsächlich die Monsterpassagen am Höhepunkt der Handlung. Hier akummulieren sich vergrabene Sehnsüchtige, Hass, Liebe, Hunger in ursprünglichster Form und in der einfachen, starken Sprache des Monsters. Erinnert mich sehr stark an Megan Hunters „Die Harpyie“.
Stilistisch sind diese Monster Szenen und Gedanken äußerst fesselnd ausgearbeitet und Krčmářová setzt sie im starken Kontrast zu den klaren Gedanken der menschlichen Isabella.

Ein gruseliges und unterhaltsames Lesevergnügen, das nur manchmal etwas überladen ist und mir in seinem kraftvollen Empowerment gut gefällt.
Ich lese den Roman nicht als tiefenpsychologische Analyse von Essstörungen, sondern als ungewöhnlichen und spannenden Schauerroman mit gesellschaftskritischen Anklängen.

Auf Krčmářovás Webseite findest Du den passenden Soundtrack in Form einer YouTube Playlist, in der es unter anderem einige Opern Schmuckstücke zu entdecken gibt.

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Intensive und sehr lesenswerte Introspektion einer Mutter-Tochter Beziehung

Die Wahrheiten meiner Mutter von Vigdis Hjorth

Während dieser 400 Seiten wollte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Das lag ebenso an der lockeren Textsetzung wie an dem Sog, den dieser Roman ausübt.

Eigentlich passiert nicht viel und doch läuft alles unaufhaltsam auf den einen Endpunkt zu.

Auf der äußeren Handlungsebene gibt es Johanna, die Ich-Erzählerin, eine ältere Künstlerin, die nach 30 Jahren in den USA in ihre norwegische Heimatstadt zurückgekehrt ist.

Sie verließ damals zusammen mit einem anderen Mann ihre Ehe, ihre Familie und die Enge ihrer Herkunft um in den USA eine neues und anderes Leben zu beginnen. Mit ihrer Mutter verbindet sie seit der Kindheit ein sehr kompliziertes und schwieriges Verhältnis, das sie in ihrer Kunst in den USA verarbeitet. Das stößt beim Rest der Familie auf Unverständnis und Ablehnung und seitdem ist der Kontakt zur Mutter abgebrochen.

Auf der inneren Handlungsebene gibt es aber auch Johanna, in der, inzwischen selbst seit langem Mutter, noch immer das kleine verletzte Kind steckt, das sich nach der Nähe und der Liebe seiner Mutter sehnt.

Nach 30 Jahren wieder zurück in Norwegen drängen sich diese vergessen geglaubten Gefühle an die Oberfläche und die Erzählerin verstrickt sich zunehmend in Spekulationen über das Leben ihrer Mutter. Das obsessive Nachdenken über den Tagesablauf und die Beziehung der Mutter zu ihrer anderen Tochter Ruth nehmen sie immer mehr gefangen. Bald verfolgt, ja stalkt, sie ihre Mutter richtiggehend, ruft sie an, hofft auf eine zufällig Begegnung.

Doch die Mutter reagiert nicht und verweigert jede Kontaktaufnahme…

Vigdis Hjorth erforscht in ihrem introspektiven Roman dieses Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Gibt es ein Recht auf die Liebe einer Mutter?
Es rührt mich, wie diese lebenserfahrene Frau sich in ihrem Innersten noch immer nach der nie erreichten Liebe ihrer Mutter verzehrt. Wie sie an diesen nicht aufgearbeiteten Gefühlen leidet, ihr die Sicherheit entgleitet. Wie sie sich noch immer verletzten lässt.
Hjorth vermeidet dabei Pauschalisierungen und Schwarz-Weiß Malerei. Die Rolle der Bösen bleibt unbesetzt. Stattdessen zeigt sie die komplexen Ambivalenzen in dieser so wichtigen und usprünglichsten Verbindung zwischen Eltern und Kind.

Vor allem aber zeigt Hjorth, wieviel Macht diese Verbindung über uns haben kann, wenn wir es zulassen.

„Die Wahrheiten meiner Mutter“ war für mich ein großer, rauschhaft gelesener, intimer Roman, der für mich viele persönliche Berührungspunkte hatte. Hat mich bewegt und mir sehr gefallen!

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Identitätssuche und ein Vater-Tochter Konflikt. Ein autobiografischer Debütroman

Terafik von Nilufar Karkhiran Khozani

„Terafik“ ist der erste Roman von Nilfur Karkhiran Khozani und er ist autobiografisch.

Für mich ist er ein niederschwelliger Einblick in eine iranische Familie und in ein zerrissenes Land. Gleichzeitig ist er das berührende Porträt einer schwierigen Vater-Tochter Beziehung.

Nilufar ist in Deutschland geboren.

Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Iraner, der jedoch die Familie früh verlassen hat, um wieder in Iran zu leben. Seitdem hat Nilufar wenig Kontakt zu ihm oder zu dem persischen Teil ihrer Identität.
Für andere ist Nilufar das „Ausländerkind“ und sie ist struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Subtiler Rassismus ist Teil von Nilufars Alltags.
Obwohl sie sich eindeutig in Deutschland verortet, struggelt sie mit ihrer Zugehörigkeit und ihrer Identität.
Es wird Zeit für einen Besuch bei ihrem Vater in Iran und Zeit, diesen Teil ihrer Familie und ihrer Herkunft kennenzulernen.
Ich entdecke mit Nilufar ein Land der Gegensätze, voller Geschichte und Kultur, voller Gastfreundschaft und Familiensinn, aber auch voller Einschränkungen und großer Fremdbestimmung, vor allem für Frauen.
Ich mag, wie Khozani in der Vater-Tochter Konstellation deutlich macht, wie beide trotz aller Unterschiede versuchen ein Verständnis füreinander zu entwickeln und eine Verbindung herzustellen.
In rückblickende Einschüben kann ich aus Khosrows Sicht lesen, warum er Deutschland und somit seine Tochter, damals verlassen hat.

Der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist die stetige Ausgrenzung und das Gefühl der Nicht-Anerkennung, der Heimatlosigkeit, die sowohl Nilufar und ihren Vater in Deutschland zu spüren bekommen.

Die Erfahrungen der Erzählerin authentisch geschrieben und für mich besonders auf emotionaler Ebene nachvollziehbar.
Die Schilderungen und Einblicke in die Lebensrealität von Nilufars iranischer Familie bleiben sehr auf individuellem Niveau und geben mehr persönliche Eindrücke wieder, als dass sie politisch oder gesellschaftlich kritisieren.

Einige Passagen empfinde ich zudem als ungeschickt ausgearbeitet und in der Vielzahl der beschriebenen Familienmitgliedern und Geschichten geht leider die Wertigkeit der einzelnen für mich etwas verloren.

Ich bin dankbar für die Eindrücke aus diesem mir fremden Land und würde zwar „Terafik“ nicht als Highlight bezeichnen, aber als autobiografischen Roman, den ich gerne gelesen habe.

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Faszinierend, tiefgründig und unterhaltsam: toll!

Die Lügnerin von Friedemann Karig

Ja, cool, das war richtig gut!
Mochte ich sehr.

Glaubst Du an die Kraft der Suggestion? Horoskope? Placebo Effekt? Zaubertricks?Self-fulfilling prophecy? Wenn ja, wie weit reicht diese Kraft? Kannst Du mit der Kraft deines Glaubens Roulette Kugeln beeinflussen?
Sehr, sehr interessante Fragen, finde ich, die Friedemann Karig in seinem doppelbödigen und unterhaltsamen Roman in den Raum stellt.

Der Plot ist rasant und ich will euch nur einen kurzen Abriß geben, da es Teil des Spaßes ist, die Handlung zu entschlüsseln.
Das Setting mutet klassisch an. Eine Frau, die Ich-Ezählerin, befindet sich scheinbar in einem abgeschiedenen Institut und erzählt scheinbar einer Therapeutin aus ihrem Leben und von den Gründen ihres Aufenthalts.
Ich gebrauchte soeben zweimal das Wort „scheinbar“ und das hat seinen Grund, den die Erzählerin ist eine Lügnerin.
Und dabei lügt sie so gut, dass alles was sie erzählt, zur realen Wirklichkeit wird.

Genauso wie die Protagonistin ihr Umfeld manipuliert, werde ich als Leser*in von der Erzählung manipuliert und kann bald nicht mehr unterschieden, was der wahre Kern der Handlung ist. Doch das spielt letztendlich gar keine Rolle.
Es ist genau dieses Spiel mit Realität und Fiktion, mit Glaube und Wirklichkeit, mit Ursache und Wirkung, das diesen Roman für mich so spannend und so unterhaltsam macht.
Im Vorbeigehen lässt Karig subtile Gesellschaftskritik an sexisitschen und kapitatistischen Strukturen einfließen.

„Wenn du reich bist, existiert die ganze Welt nur für deine Wünsche. Ob du dafür bezahlst, ist am Ende egal.“

Auch hier stellt der Roman infrage, wieviele dieser Strukturen nur durch unseren Glauben daran aufrecht erhalten werden und ob sie individuell beeinflusst werden können. Fragen, die auch mich oft beschäftigen.

Die Themen, die in Karig in seinem unglaublich raffiniert konstruierten Roman auftauchen lässt, sind existenziell und universell. Sie betreffen letztendlich den Kern meiner Identität oder das was ich dafür halte.

„Aber unsere Identität sind nicht die Geschichten, die wir selbst erzählen. Sondern die, von denen wir glauben, dass andere sie sich über uns erzählen.“

Ich bin wirklich sehr überrascht, überwältigt und unterhalten von diesem Roman. Alle drei Zustände begrüße ich und suche ich beim Lesen von Literatur. Für mich war „Die Lügnerin“ wirklich ein besonderes und anspruchsvolles Vergnügen, dass ich an alle Lesende, die sich davon angesprochen fühlen, auf jeden Fall weiterempfehle!

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Nicht mein Humor, nicht mein Buch

Kleine Probleme von Nele Pollatschek

Nope, das war einfach nicht mein Buch. Ich bin auch selber dran schuld, eigentlich mag ich nämlich gar keine tragikomischen, humorvollen oder gar lustigen Bücher.
Nur manchmal gibt es sie eben doch, diese seltenen Ausnahmen. Das hier war keine.
Ich fand den Roman leider nicht nur nicht lustig, sondern leider langweilig, seicht und super trivial.

Die Handlung ist schnell zusammen gefasst. Ein Mann, 49, will am letzten Tag des Jahres einige Dinge auf einer Liste erledigen, die er schon viel zu lange vor sich herschiebt.

„Es war Freitag, der 31. Dezember, und ich musste noch was erledigen. Also alles.“

Natürlich gibt es dabei ein paar „kleine Probleme“, denn eigentlich gemeint ist, dass er sein Leben umkrempeln will. Der Erzähler hat in seinen Augen noch nichts Vorzeigbares erreicht und ist unfähig, die kleinsten Erledigungen ohne genauste Anweisungen seiner Frau Johanna zu erledigen.
Er ist angehender Schriftsteller, hat aber noch nicht mal eine brauchbare Idee. Das Geld verdient seine Frau als Lehrerin.

Dieser Typ ist mein wandelnder Gegensatz: ich habe zwar mein Leben im großen Stil nicht im Griff, ein Koreabett bekomme ich aber noch problemlos und zügig auf aufgebaut. Ohne Gaffa Tape.
Er hingegen führt seit vielen Jahren eine glückliche Ehe, seine Kinder sind fast erwachsen und er ist im großen und ganzen mit sich im Reinen, scheitert aber daran einen Kaffeefleck wegzuwischen.
Aber vielleicht ist das genau der Punkt …and I just don‘t get it.

Natürlich gehen mir auch sehr kritische, feministische Störgedanken durch den Kopf.

Mich langweilten die Beschreibungen der stümperhaft und mit kaum erträglicher Prokrastination vermischten trivialen Tätigkeiten sehr und die versprochenen philosophischen Gedanken lassen für mich schon sehr an Tiefgang vermissen.

Als Vorteil kann ich anrechnen, dass Pollatschek über einen wirklich schönen und eingängigen Schreibstil verfügt, so dass ich den Roman locker wegsnacken kann.
Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Lesende einen liebenswerten und lesenswerten Roman mit Wohlfühlfaktor finden.
Und wem der Humor und der Stil gefällt, findet hier eine vielleicht eine herzerwärmende Story.
Ich fand das alles nicht.

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Eine ungewöhnliche und starke Erzählstimme, mir aber zu unfokussiert

Nichts in den Pflanzen von Nora Haddada

Ach du sch…denke ich nach dem ersten Kapitel, als die Ich-Erzählerin die teure Zuchtkatze von Leon in der Regentonne ertränkt…
Das wird krasser Stuff, denke ich.

Der Roman ist erzähltechnisch auf zwei, nicht chronologisch ablaufenden, Zeitebenen angesiedelt und wechselt spontan zwischen den Beiden.

Haddada erzählt aus der Ich Perspektive. Ihr Protagonistin heißt Leila, ist Drehbuchschreiberin, und hat durch einiges Glück und Vitamin B einen lukrativen und erfolgsversprechenden Job an Land gezogen. Jetzt muss sie nur noch das Drehbuch leicht abändern und den Schluss schreiben…
Nur noch…und genau hier fangen die Probleme an.
Es scheint, als ist Leila diesem Druck nicht gewachsen. Immer wenn sie am Skript arbeiten will, tauchen merkwürdige schwarze Fliegen auf.
Sie stürzt sich in einem hedonistischen Exzess ins großstädtische Nachtleben und findet allerlei Ablenkungen

„Ich sollte gerade zu Hause sein und ein Ende schreiben, aber ich bin hier und saufe, und eigentlich saufe ich jeden Abend, und nie schreibe ich.“

Leila ist obsessiv besessen von ihrem Love Interest Leon. Eine weitere Vermeidungsstrategie oder Grund für ihre Schreibblockade? Und dann gibt es da auch noch den anderen Leon…
Währenddessen wächst der Druck vor dem Abgabetermin und die Konkurrenz ist groß.
Leilas Pläne einen Aufschub zu erwirken um am Drehbuch weiter zu arbeiten, nehmen ziemlich abgefahrene und abstruse Ausmaße an.

Das sind auch die Anteile, die mir gut gefallen. Die ausufernden Szenen und die krasse, schwer nachvollziehbare Ambivalenz der Protagonistin mag ich sehr. Unter dem zeitlich irrlichterndem Plot und den Leons gibt es eine tiefere Ebene, die interpretationsoffen entdeckt werden kann.
Auch sprachlich finde ich Haddadas Debüt ziemlich ansprechend, gelungen und angenehm anders.


Doch ingesamt hat “Nichts in den Pflanzen” für mich leider nicht gut funktioniert.
Ich denke schon, dass ich das grundlegende Thema erkennen konnte, irgendwas mit Prokrastination, Sinnsuche und das Haufischbecken des Erfolges. Kann aber auch sein, dass es um was anderes geht, denn es wird viel angeschnitten, aber für mich nicht ausreichend auserzählt. Ich fühlte mich im Plot etwas verloren und so kommt bei mir einige Langeweile auf. Hier hätte mir eine klarere Linie und stärkere Fokussierung geholfen.

Ich habe in den letzten Wochen sehr viele Debütromane gelesen, darunter einige äußerst herausragende. Dieser gehörte für mich persönlich nicht dazu, sondern reiht sich im guten Mittelfeld ein.

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Aktuelles und interessantes Thema, leider in der Umsetzung recht blaß

Zeiten der Langeweile von Jenifer Becker

Irgendwie weiß ich gar nicht so recht, was ich zu diesem Roman sagen soll, außer dass er keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlässt und mich recht nichtssagend zurücklässt.

Dabei hörte sich das Thema so spannend und aktuell für mein eigenes Leben an.
Eine Frau, Mila, aus meiner Generation der Millenials, will sich nach und nach von ihrem digitalen Leben verabschieden.

Der Grund dafür ist ihre gleichermaßen große Angst vor Exposure und Gecancelt werden. Auch die für immer nachverfolgbaren Spuren, die sie im Netz hinterlässt, machen ihr immer mehr Sorgen.
Mila nimmt sich sogar extra eine beruflich Auszeit („between jobs“) fängt an sich erst von Social Media Apps abzumelden, und konsumiert digitale Austeiger*innen You-Tube Channels.
Natürlich erschwert sich plötzlich jede Kommunikation und ihr soziales Netz schrumpft massiv, Mila kommuniziert mit immer weniger Menschen. Nach und nach will sie alle Spuren von sich aus dem Internet entfernen, was sich als langwierige Aufgabe herausstellt. Allmählich wird ihr auch klar, wieviele indirekte digitale Spuren und Daten sie ungewollt hinterlässt durch die Nutzung von Streaming und Online Diensten. Das alles will Mila aus Angst vor Rückverfolgung aus ihrem Leben entfernen.
Doch wie geht es ihr dabei? Wirklich besser? Was macht Mila mit der ganzen gewonnenen Zeit, wie vertreibt sie die Langeweile in ihrer Welt, die komplett digital vernetzt ist?

Ich schreibe hier bewusst „ihre Welt“, denn wo ich anfangs dachte ich hätte mit der Figur auf Grund meines Alters und meiner Social Media Nutzung einige Gemeinsamkeiten mit der Erzählerin, wird mir schnell klar, dass meine Welt doch eine andere ist.
Habe ich Sorge, meine Social Media Nutzung ist übertrieben? Ja, durchaus. Habe ich Sorgen im Netz bloßgestellt oder gecancelt zu werden? Eher nicht. Ganz einfach, weil mein Leben nicht in der Form digital abläuft, wie das der Erzählerin.
Die grundlegende Frage des Romans, nämlich wie wir frei sein können, stellt sich so in dieser Form gar nicht und wird mir für Mila zu kurz oder gar nicht beantwortet.
Die Frage könnte in Milas Geschichte oder ganz universell lauten: was gibt meinem Leben Inhalt und Sinn, unabhängig von digitalen Medien und Internet, die letztendlich auch nur Werkzeuge sind, die wir als solche begreifen und nutzten können oder nicht.

Ich konnte mich letztendlich doch nur wenig mit der Erzählerin identifizieren und konnte auch keine gesellschaftskritischen Aspekte ausmachen, die mich nachdenklich gemacht hätten. Eine tiefere Auseinandersetzung mit den vielen Fragen, die sich gerade beim digitalen Datenschutz stellen, fand mir zu wenig statt.
Ich mochte die kleine Zeitreise ein paar Jahre zurück in die Corona Zeit und die Erwähnungen einiger damaliger Phänomene hatte durchaus seinen Reiz und ist sehr zeitgeistig. Auch sprachlich ist der Roman sehr schön, wenn auch nicht herausragend gearbeitet.
Ansonsten bleibt mir der Roman einfach zu blaß und undefiniert und wird bei mir nur als mittelmäßig im Gedächtnis abgespeichert werden.

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