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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Mehr oberflächliche Unterhaltung als Gesellschaftskritik mit Tiefgang

Weiße Wolken von Yandé Seck

Gleich vorweg, das Buch ist vielleicht für andere Leser*innen amüsant (wie mir zahlreiche positive Besprechungen mittlerweile bestätigen), für mich war das aber ein richtiger Flop.
Jetzt kannst du selbst entscheiden, ob du weiterlesen möchtest oder nicht…

Eigentlich fängt es schon mit dem Klappentext an.

Die Handlung und die vielversprechenden Konflikte, die dort beschrieben werden, finden nur am Rande und dann auch schon ziemlich am Ende des Romans statt.
Wie im Klappentext beschrieben, stehen die beiden Schwestern Dieo und Zazie im Mittelpunkt von Secks Geschichte. Ihre Lebensmodelle und der Umgang mit ihrer Identität könnte nicht größer sein. Zazie ist wütend auf alles, vor allem aber auf den Rassismus und Sexismus, der ihr als schwarze Frau entgegen schlägt.
Dieo ist verheiratet, Mutter von drei Söhnen und kämpft gegen die ungleiche Verteilung von mental load in ihrer Ehe.
Außerdem gibt es noch diverse Eltern und Großeltern, die meisten in Deutschland, aber auch im Senegal, dem Herkunftsland von Papis, dem Vater von Dieo und Zazie.

Was sich erstmal nach einer perfekten Ausgangssituation für die Erörterung von wesentlichen gesellschaftlichen und individuellen Fragen anhört, zeigt sich nach ein paar Seiten als humorvoller und unterhaltsamer gedachter Familienroman.
Könnte auch nett sein, funktioniert aber für mich nicht.

Mir kommen die wie am Reißbrett entworfenen Figuren zwar alle sehr sympathisch vor, aber doch auch sehr naiv und ohne Tiefgang. Selbst Simon, der mittelalte weiße Ehemann von Dieo, ist eigentlich ein netter Typ, dem Frau die Sache mit der mental load nur mal richtig erklären muss. Mit der richtige Aufklärung wird dann der karriereorientierte Yuppie Typ ganz schnell zum care-arbeitenden Familienmensch.
Fast alle Protagonist*innen handeln selbstverständlich nach einem hohen moralischen Standard wie aus dem Bilderbuch und sind immer nur dann genervt, traurig oder wütend, wenn es in die Situation notwendigerweise erfordert. So lässt sich natürlich jeder aufkommende Konflikt durch ein paar emotionale Dialoge in kürzester Zeit entschärfen.

Ich bin innerlich wahrscheinlich completely rotten, aber das finde ich unrealistisch, langweilig und patent wie in einer ARD Vorabendserie.

Am Ende kommt dann noch einer der reaktionären Tropes, die mich persönlich am meisten nerven und verärgern. Das war dann sozusagen das Tüpfelchen auf dem I.

Der Schreibstil ist an sich unterhaltsam, fresh und sehr dialoglastig. Auch hier hätte mir mehr show, don‘t tell wesentlich besser gefallen.

Unterhaltsam? Vielleicht, aber eigentlich ärgere ich mich gerade viel zu sehr über diesen nervigen Schluss, als dass jetzt noch viele positive Worte zu diesem Roman finden möchte.

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Lesenswerter historischer Roman mit gesellschaftskritischen Ansätzen

Die Hexen von Cleftwater von Margaret Meyer

“Die Hexen von Cleftwater” spielt in einem kleinem Dorf in England zur Zeit der Hexenverfolgungen des 17. Jahrhundert.

Meyers Protagonistin Martha ist stumm und arbeitet seit vielen Jahren als kräuterkundige Hebamme. In dem Haushalt, dem sie angehört, wird gleich zu Beginn des Romans eine junge Dienstmagd festgenommen und als Hexe angeklagt.

Immer mehr Frauen werden in dem kleinen Ort Cleftwater der Hexerei verdächtigt, denn der Hexenjäger ist vor Ort und vermutet einen Hexenzirkel.
Ich finde, auch wenn Meyer in erster Linie einen historischen Roman, der der Unterhaltung dienen soll, geschrieben hat, dass sie einige der gesellschaftlichen Wirkmechanismen der Hexenverfolgung deutlich herausarbeitet.
Die Verdächtigungen werden nicht wahllos ausgesprochen, sondern sie treffen vor allem Frauen, die am Rand stehen, ausgegrenzt sind, sich den Wünschen der Männer nicht in jeder Hinsicht fügen wollen.

Auch gefühlte Ungerechtigkeiten und Neid äußern sich diesen Anschuldigungen. Den Verdacht eine Hexe zu sein zu widerlegen ist quasi unmöglich und Folter und psychologischer Druck führen schnell zu vermeintlichen Geständnissen.

Auch Martha gerät bald unter Verdacht, was sie in einen Zwiespalt ihres Gewissens stürzt, denn was keiner weiß: Martha besitzt einen Aztmann, ein kleines Wachsfigürchen, dem magischen Kräfte zugesprochen werden….

Der Aztmann zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und Meyer nutzt das symbolträchtige Püppchen als Projektion für die Zweischneidigkeit des Glaubens und die Ambivalenz von Gut und Böse in uns Menschen.

Die in Meyers Roman enthaltene Geschichte ist zwar definitiv fiktiv und aus Gründen der Unterhaltung verdichtet und dramatisiert, basiert aber auf realen historischen Ereignissen und ist wie der Meyers Danksagung zu entnehmen ist, detailliert recherchiert.

Für mich war die „Die Hexen von Cleftwater“ ein emotional sehr mitreißender historischer Roman, dessen Andeutungen von feministischer Gesellschaftskritik für mich gerne noch deutlicher hätten ausfallen können. Die handlungsreicheren Szenen wirkten minimal zu wenig auserzählt und zu schnell geschnitten.

Diese kleineren Kritikpunkt minderten aber die erzählerische Sogwirkung nur minimal und ich möchte dir diesen äußerst fesselnden, historischen Pageturner gerne weiterempfehlen!

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Ein wunderbares und vielversprechendes Debüt!

Wir sitzen im Dickicht und weinen von Felicitas Prokopetz

„Kann es zwischen Eltern und Kindern so etwas wie Gerechtigkeit geben?“

Ich glaube, du und ich kennen die Antwort darauf. Beziehungen zwischen engen Blutsverwandten funktionieren selten nach den Gesetzten der Gerechtigkeit.

Felicitas Prokopetz taucht mit ihrem Roman tief in die komplexen Schichten der zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ein.

Ihre Protagonistin Valerie, die sie in der Ich-Perspektive erzählen lässt, steckt mitten im schwierigen Abnabelungsprozess von ihrem doch sehr behüteten Sohn. Zusätzlich wird ihre Mutter, zu der sie ein schwieriges und belastetes Verhältnis hat sehr krank und braucht sie emotional an ihrer Seite.

Aber warum ist diese Beziehungen zur Mutter, so schwierig, so aufgeladen, so voller nicht ausgesprochenem Schmerz und gleichzeitig so wichtig?

Prokepetz geht zurück zu den Großmüttern von Valerie und wirft einen Blick auf deren Kämpfen und Lebensumstände. Sie mussten sich in einem engen System aus patriarchalen Rollenzuschreibungen und wirtschaftlicher Abhängigkeit behaupten und darum kämpfen, sich nicht darin zu verlieren. In dem generationenübergreifenden Portärt wird deutlich, wie sich der Blick auf Erziehung, Emanzipation und Ehe ändern und für Konflikte zwischen den Generationen sorgen kann.

Familie kann verletzend sein, tröstend, eine Heimat oder ein Trauma. Auf jeden Fall aber immer prägend.
Ich mochte den ersten Roman von Prokopetz sehr, er ist leicht im Stil, aber nicht trivial im Inhalt.
Ein wunderbares und vielversprechendes Debüt!

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Solider Krimithriller mit Überraschungsmomenten

Der flüsternde Abgrund von Veronica Lando

Mit Spannungsliteratur aus Australien habe ich bis jetzt sehr gute Erfahrung gemacht. „Der flüsternde Abgrund“ reiht sich hier nahtlos ein, denn der preisgekrönte Debütroman von Lando war für mich ein unterhaltsamer, solider Thriller. Es gab sogar für mich als routinierte Leserin, anders als in meinem letzten Thriller „Himmelfahrt“ das eine oder andere Überraschungsmoment, was mich natürlich gefreut hat.

Es handelt sich hier übrigens um einen klassischen Krimithriller, der, ebenfalls anders als „Himmelfahrt“, komplett ohne übernatürliche Elemente auskommt.

Ich kehre mit Landos Protagonisten Callum Haffenden in sein australisches Heimatprovinzkaff zurück, wo er vor 30 Jahren als Jugendlicher durch einen Unfall ein Bein verloren hat. Unnötig zu erwähnen, dass der Beinverlust Teil einer verzwickten Geschichte ist, die sich im Laufe des Romans allmählich aufklären wird.
Die Kleinstadt Granite Creek liegt am Rande des australischen Regenwalds und im nahegelegenen zerklüfteten Felsenmeer sind im Laufe der Jahrzehnte immer wieder schlimme Unfälle geschehen und Menschen verschwunden.
Callum kehrt an diesen Ort seines Aufwachsens zurück, weil er in der Zeitung gelesen hat, das der junge Familienvater Lachie, der Sohn einer Jugendliebe, vermisst wird und angeblich im Felsenmeer verschwunden ist.
Mit Lachie hat Callum eine ganz besondere Verbindung, von der aber außer ihm niemand etwas weiß und so beteiligt er sich an der Suche.

Lando streut immer wieder kleine Rückblicke aus Callums Vergangenheit ein und dröselt so langsam das Beziehungsgeflecht der Figuren auseinander. Ich lerne die Bewohner*innen von Granite Creek kennen und gehe mit Callum auf die Spurensuche, um herauszufinden was mit Lachie passiert ist und gleichzeitig einigen Rätsel der Vergangenheit auf den Grund zu gehen.

Natürlich verwendete Lando klassische Elemente des Genres wie den Gedächtnisverlust von Callum, der verwirrte Alte, der etwas zu wissen scheint, Drogen (okay, es ist Marihuana) im Kleinstadtmillieu, das gehört wohl zum Kanon.
Auch gibt es an manchen Stellen für meinen Geschmack ein bißchen zu viele Zufälle und zu viele Kongruenzen.

Der sympathische Mr. Nice Guy Callum Haffenden macht hier einiges an Boden wieder gut, dazu der clever konstruierte und glaubwürdige Plot.
Auch der Schreibstil, von dem ich bei einem Thriller keine literarischen Preziosen erwarte, ist flüssig und macht mein Leseerlebnis ingesamt zu einer runden und unterhaltsamen Sache.

Für mich ein Thriller, den ich auf meiner persönlichen Skala im oberen Mittelfeld einordne und den ich, als Abwechslung zu meiner manchmal thematisch wie stilistisch sehr herausfordernder Lektüre gerne gelesen habe!

Wenn du gerne Thriller oder Krimis liest, lohnt sich für dich vielleicht ein zweiter Blick auf „Der flüsternde Abgrund“.

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Ein Blick in die Vergangenheit, literarisch ansprechend umgesetzt

Diamantnächte von Hilde Rød-Larsen

Haarausfall kann körperliche Ursachen, aber auch psychische Ursachen haben und tritt auch nach größeren hormonellen Veränderungen auf, wie z.b. nach einer Geburt.
Agnete, einer Frau Ende 40, fallen plötzlich die Haare aus, und sie vermutet eine körperliche Reaktion auf verdrängte und vergrabene Erinnerungen.

Sie geht in ihren Erinnerungen zurück in die Vergangenheit und auf die Suche nach den Ursachen.
Rød-Larson lässt ihre Ich-Erzählerin episodenhaft aus ihrem Leben und aus ihrer Vergangenheit erzählen. Gibt es etwas in ihrem Leben, dass sich in der Retroperspektive vielleicht anderes darstellt, als es tatsächlich passiert ist?
Die Erzählerin merkt, dass sie den Kern ihres Traumas nur umkreist, aber nicht wirklich fassen kann.
Ihre Selbstwahrnehmung und die Frau, die sie seit vielen Jahren zu seien glaubt, stehen ihr im Weg.

Sie muss sich erst erst als Beobachterin von außen betrachten um die wahren Ursachen ihrer Verdrängung zu erkennen.

Dieser Aufbau gefällt mir gut, auch wenn die sprunghafte Erzählweise der ersten Hälfte des Romans meinen Lesefluss öfter unterbricht. Mit der distanzierten Schreibweise und der kontrollierten Art der Erzählerin werde ich stellenweise nicht recht warm und es geht mir nicht nahe.
Literarisch zeichnet sich Rød-Larsens Text stellenweise immer wieder durch wunderbare Passagen aus, die nachklingen.
Inhaltlich werden viele aktuelle und für mich interessante Themen aufgegriffen, die ich allerdings in anderen Romanen schon in konzentrierterer und fesselnderer Art gelesen habe.

Zweifellos ist Rød-Larsen mit „Diamantnächte“ ein anspruchsvoller, tiefgründiger Roman gelungen, den ich gerne gelesen habe, mir aber vermutlich auf Grund seiner emotionalen Distanz und der immensen Vielfalt an angerissenen Themen nicht lange im Gedächtnis bleiben wird.

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Bittersüße und zarte Liebesgeschichte

Wilde Minze von Nina LaCour


»Wilde Minze ist zärtlich und innig, eine umwerfende, sinnliche Erkundung der kostbarsten Momente des Lebens. Ein Lesegenuss!« Charlotte McConaghy

Ein toller Blurb, oder?
Das kann ich nach der Lektüre einfach so stehen lassen, denn auch ich mochte das Buch trotz einiger kleinerer Kritikpunkte sehr gerne!

Ja, es ist diesmal eine unkonventionelle Liebesgeschichte, die sich ganz ungewohnt in meine Leseliste geschlichen hat.

Los Angeles: Für Sara und Emilia ist es Elektrizität auf den ersten Blick, als sie sich im Szenelokal Yerba Buena das erste Mal über den Weg laufen.
Beide Frauen haben einen sehr unterschiedlichen Background. Sara ist sehr prekär im provinziellen White Trash Milieu aufgewachsen und aus ihrem toxischen Umfeld als Teenagerin nach LA geflohen. In ihrer Vergangenheit liegt der schwere Verlust ihrer Mutter und ein Verbrechen, das sie noch lange verfolgen wird.
Emelie dagegen stammt aus einer liebevollen, gut situierten kreolischen Familie. Sie hat eine ältere Schwester, doch das Verhältnis ist äußerst schwierig, da sie seit Emelies Kindheit drogensüchtig ist und der Kampf gegen die Sucht die Beziehung stark belastet.

Nina Lacour ist eigentlich eine in den USA sehr bekannte Autorin für Jugendbücher und hat mit „Wilde Minze“ ihren ersten Roman für Erwachsene veröffentlicht. Die Jungendbuchvergangenheit merke ich ihrer Geschichte an, aber in einem positiven Sinn. In ihrem Text schwingt eine wunderbare, fast naiv zu nennende Leichtigkeit mit, die aber durch ernsthaftere Töne wunderbar ausbalanciert wird.

Mir gefallen die zauberhaft sinnlichen Beschreibungen der Restaurants, der Cocktails, der Pflanzen und der Häuser.
Und natürlich der Menschen. Die beiden Protagonistinnen sind liebevoll skizziert, aber nicht idealisiert. Vor allem Sara ist vom Leben gezeichnet, aber nicht gebrochen.

Die Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen ist genauso wie die Cocktails, die in dem Roman so detailreich beschreiben werden: süß, aber mit einem Hauch von Bitterkeit.

Kleinere Abzüge muss ich leider beim Reality Check einiger Plot Lines machen. (Meines Wissens nach reichen ein paar bunte Tapeten und ein paar farbige Fließen - selbst in den USA, nicht aus, um vollständig verfallene Häuser wieder zu renovieren.)
Auch einige der anderen Rahmenbedingungen wirken zu sehr auf die gewünschte Handlung zugeschnitten und zu konstruiert.

Der Schluss versöhnt mich allerdings mit diesen kleineren Mängeln und macht den Roman ingesamt zu einer bittersüßen, sinnlich schönen und zarten Lektüre.

Ein Plädoyer dafür, die Liebe zu wagen!

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Lesenswerte und sensibel bearbeitete Romanbiografie

Dorothea von Jürgen Pettinger

Homosexualität unter der Nazidiktatur? Bei schwulen Männer ein schwerer Straftatbestand, ein „Sittlichkeitsverbrechen“, das mit Deportation in ein Konzentrationslager oder in eine psychiatrische Anstalt bestraft werden konnte. Bei Frauen sah die gesetzliche Sachlage auf Grund der „sehr bescheidenen Rolle der Frau im öffentlichen Leben“* etwas anders, wenn auch nicht weniger gefährlich aus.

Für Frauen wie die berühmte deutsche Schauspielerin Dorothea Neff, die sich nicht dem Nazi Regime andiente, konnte schon der Verdacht jeglicher Devianz zu sozialer Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes oder gar Kerkerhaft führen.

Jürgen Pettinger hat das Format der Romanbiografie gewählt, um endlich auf das Leben, den Mut und die Liebe von Dorothea Neff und ihren Freundinnen aufmerksam zu machen.
Denn Neff fühlte sich nicht nur zu Frauen hingezogen, sondern versteckte auch ihre Freundin Lilli Wolf, eine Jüdin, unter schwierigsten Bedingungen jahrelang in ihrer Wiener Wohnung.

Nicht nur die kleine Wohnung, auch die Beziehung zwischen Neff und Wolff wird zum Schutz und Gefängnis gleichermaßen.

Was es für die beiden Frauen bedeutete, permanent der Angst vor Entdeckung und ständiger innerer (im Falle Neffs) und auch wortwörtlicher (im Falle Wolfs) Isolation ausgesetzt zu sein, lässt sich sehr gut aus Pettingers Text herauslesen.

„Lilli war ein Geist geworden. Sie existierte, aber niemand außer Dorothea konnte sie je sehen.“

Gemeinsam schaffen es die Frauen, den schwierigen Umständen der Kriegsjahre zu trotzen. Sogar eine Operation der gesundheitlich sehr angeschlagenen Wolff in einem Krankenhaus wird mit einiger Hilfe und unendlicher Angst realisiert.

Doch diese Jahre der furchtbaren Angst und der Isolation hinterlassen Spuren, vor allem bei Lilli Wolff.

„War es nicht der Sinn des Lebens, einen Eindruck zu hinterlassen bei anderen und auf der Welt? Ein Mensch kann sich nur im Austausch mit anderen entwickeln, lernen, besser werden, leben. Was für einen Sinn hatte es, alleine zu sein, nichts zu bewirken, nichts zu schaffen, nichts zu hinterlassen, nichts zu dürfen, von niemandem gesehen und gehört zu werden?“

Ich möchte bei dieser Romanbiografie sehr lobend die schriftstellerische Zurückhaltung Pettingers hervorheben. Neff und Wolff, sowie ihre Freundinnen, äußerten sich auch lange nach dem Krieg niemals offensiv zur Natur ihrer Beziehung. Zwar lebten beide ohne Täuschung bis an ihr Lebensende in langjähriger Gemeinschaft mit Frauen, sich aktiv geoutet oder sich im Detail dazu geäußert haben sie sich nie.
Pettinger lässt den Frauen diese Privatsphäre und füllt diese Lücken in der Schilderung dieser Jahre nicht mit seiner eigenen Phantasie oder mit naheliegenden Spekulationen, sondern bezieht sich nur auf gesicherte Quellen und spätere Tonbandaufnahmen. Das schätze ich sehr, genauso wie seine einordnenden Worte im Epilog.
Ergänzt wird sein Text mit schönen schwarz-weiß Aufnahmen der Frauen und ihren Unterstützern und einem Vorwort von Andreas Brunner.

Ich möchte diese Buchvorstellung mit den Worten Erwin Ringels, eines Freundes und Unterstützers der Frauen, schließen:

»Sterben müssen wir doch alle früher oder später, dann lieber zu Lebzeiten das Richtige tun.«

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Lesenswerter Kriminalroman mit ernstem Themenhintergrund

Zwischen euch verschwinden von Gudrun Lerchbaum

„Zwischen euch verschwinden“ ist kein Kriminalroman im klassischen Sinne. Es gibt Tote, sogar mehrere und eine mutmaßliche Täterin auf der Flucht, aber keine Ermittlungen, Detektiv*innen oder dergleichen.


„Jetzt ist die Mutter wirklich tot.“
Maria, Anfang 40, hat die bettlägerige Mutter bis zum Schluss gepflegt und jetzt ist sie gestorben.

Dem Wunsch der leidenden Mutter nach aktiver Sterbehilfe ist Maria nicht nachgekommen.
Oder doch?
Jedenfalls braucht Maria, bevor sie den Arzt und die Behörden verständigt, erst mal ein bißchen Zeit für sich, um Abstand von der Situation zu gewinnen. Endlich wieder mal ein ausgedehntes Sektfrühstück im Café soll es sein.
Aus dem Frühstück wird eine betrunkene Übernachtung im Hotel einschließlich Sex mit dem Kellner.
Und danach fährt Maria einfach nicht mehr nach Hause zurück. Stattdessen will sie einfach alles hinter sich lassen. Die tote Mutter, ihr kinderloses und leeres Leben, die dörfliche Erwartungshaltung.

Maria verschwindet einfach. Jetzt als Untergetauchte und Gesuchte ohne offizielle Papiere stehen ihr nur noch prekäre Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung: in der Gastronomie, in der Sexarbeit und vor allem in der Pflege. Maria gerät in in einen Strudel aus Ausbeutung, Erpressung und Ungerechtigkeit.

…und aus Gewalt.

Die österreichische Autorin Lerchbaum nutzt den spannungsgeladenen Plot um auf ein brennendes gesellschaftliches Thema aufmerksam zu machen. Die ausbeuterischen Bedingungen in der Pflegeindustrie und der Pflegemigration zusätzlich zu den Ungerechtigkeiten und Härten gering geschätzter Care-Arbeit. Schon der Titel des Romans ist eine Anspielung auf die Unsichtbarkeit von Arbeit und Menschen, die unsere Gesellschaft gerne ausblenden möchte und in eine Parallelgesellschaft drängt.
Die Verbindung aus unterhaltsamen Roman und sozial relevanter Themen ist Lerchbaum sehr gut gelungen, auch wenn ich die Krimihandlung insgesamt nur als solide einstufen würde.

Von daher ein Roman, der vielleicht gerade nicht die typischen Leser*innen von Kriminalromanen ansprechen könnte, sondern alle, die gerne über ernstere Themen lesen, wenn sie spannend und unterhaltsam verpackt sind.

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The Revenant meets Stephen King „Das Mädchen“.

Die weite Wildnis von Lauren Groff

Soeben beendet und ich bin noch immer ganz ergriffen. Lauren Groff ist für mich (und nicht nur für mich) wahrlich eine der großen aktuellen amerikanischen Erzählerinnen!

Groff wählt diesmal die Zeit der amerikanischen Besiedlung im 17. Jahrhundert, um ihre Protagonistin durch tiefgreifenden inneren wie äußeren Wandel zu schicken.

Es ist ein namenloses Dienstmädchen, das aus einem Siedlerfort vor Hunger, Krankheit und Unterdrückung in die Wildnis davonläuft.

In der Wildnis warten ebenfalls Hunger und Krankheit auf sie, aber sie ist frei.
Doch das sind nicht die einzigen Gefahren…

“Die Welt, das wusste das Mädchen, war noch schlimmer als wild, die Welt war gleichgültig.
Es kümmerte sie nicht, was mit ihr geschah, es konnte sie nicht kümmern, nicht im Geringsten.
Sie war ein Sandkorn, ein Sprenkel, ein Flugstaub im Spiel des Windes.”

The Revenant meets Stephen King „Das Mädchen“.

In alter amerikanischer Erzähltradition des klassischen Abenteuerromans bedient sich Groff bei den Regeln des Genres und schafft gleichzeitig etwas komplett neues. In den Weiten der Wildnis und völlig auf sich allein gestellt, sind die Gedanken des Mädchens keiner Konvention und gesellschaftlichen oder religiösen Regeln mehr unterworfen. Immer mehr Glaubenssätze werden abgeworfen und das Mädchen streift ihren alten monotheistischen Gottesglauben genauso ab wie die letzten Kleider, die ihr noch aus dem kleinen, alten Leben geblieben sind.

Groff kombiniert die spannende, klassische Survival Geschichte des Mädchens mit ihrer inneren Entwicklungsgeschichte. Wobei mich die letztendliche Kernbotschaft am Ende des Romans sehr überrascht und auch persönlich berührt hat.

War in „Matrix“ und in „Licht und Zorn“ noch ein gewisser Hang zur Weitschweifigkeit zu erkennen, hat Groff ihren Stil in „Die weite Wildnis“ noch einmal verdichtet und das tut dem Spannungsbogen in meinen Augen sehr gut.

„Die weite Wildnis“ war für mich eine begeisternde und den Mensch in seiner Essenz erkennende Erzählung, die mich komplett fesselte.

Sehr, sehr lesenswert!

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Ungewöhnlicher und spannender Schauerroman mit gesellschaftskritischen Anklängen.

Monstrosa von Rhea Krcmárová

„Schauerroman meets Body Horror“
Die Opernsängerin Isabella sollte eigentlich am Höhepunkt ihrer Karriere sein, aber ihr Mehrgewicht verhindert den großen Durchbruch. Die Opernwelt lebt vom schönen Schein und ein zu großer Körperumfang wird vor allem bei Frauen, die auf und neben der Bühne zum Objekt der Begierde reduziert werden, nicht gerne gesehen.

Isabellas Mentorin will die Reißleine ziehen und meldet sie in einer Klinik für Essstörungen an. Dort soll Isabella, die seit ihrer Kindheit mit verschiedenen Diäten und dem JoJo Effekt laboriert, ihr Essverhalten vor dem nächsten Auftritt in den Griff bekommen.
Was aber nur Isabella weiß: in ihr lebt ein hungriges Monster, das sie mit Essen ruhig halten will.

In der Klinik sind hauptsächlich anorektische und bulimische Patient*innen, die der mehrgewichtigen Isabella mit blanken Hass und Ablehnung begegnen.
Doch nicht nur Isabella kämpft mit ihrem Dämon, auch die anderen Essstörungen sind ein äußerer Außdruck ihrer inneren Monster.


Als die stärksten Passagen empfinde ich tatsächlich die Monsterpassagen am Höhepunkt der Handlung. Hier akummulieren sich vergrabene Sehnsüchtige, Hass, Liebe, Hunger in ursprünglichster Form und in der einfachen, starken Sprache des Monsters. Erinnert mich sehr stark an Megan Hunters „Die Harpyie“.
Stilistisch sind diese Monster Szenen und Gedanken äußerst fesselnd ausgearbeitet und Krčmářová setzt sie im starken Kontrast zu den klaren Gedanken der menschlichen Isabella.

Ein gruseliges und unterhaltsames Lesevergnügen, das nur manchmal etwas überladen ist und mir in seinem kraftvollen Empowerment gut gefällt.
Ich lese den Roman nicht als tiefenpsychologische Analyse von Essstörungen, sondern als ungewöhnlichen und spannenden Schauerroman mit gesellschaftskritischen Anklängen.

Auf Krčmářovás Webseite findest Du den passenden Soundtrack in Form einer YouTube Playlist, in der es unter anderem einige Opern Schmuckstücke zu entdecken gibt.

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