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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Rasanter Roman mit Knalleffekt

Männer töten von Eva Reisinger

„Würden Sie sagen, dass es hier anders zugeht als im Rest von Österreich?“

„In Engelhartskirchen gibt es keine Fälle von häuslicher Gewalt. Keine Sexualdelikte. Keine Frauenmorde.“

Ja, diesem kleinen österreichischen Provinzkaff Engelhartskirchen ist alles ein klein wenig anders.
Das merkt auch Anna Maria, als sie aus der Hauptstadt Wien mit ihrem Neu-Lover Hannes spontan in dessen Heimatdorf zieht.

Der Musikgeschmack ist hier retro, das Essen auch und Sonntags geht es in die (katholische) Kirche.
So weit, so das Landliebe Klischee.
Nur, warum gibt es so viele glückliche Witwen und so viele ungewöhnliche Todesfälle unter der männlichen Bevölkerung?
Die Großstädterin Anna Maria und ich als Leser*in kommen ziemlich schnell auf die Lösung des Mysteriums, schließlich lautet der doppeldeutige Buchtitel „Männer töten“.

Diese Kurzbeschreibung verspricht eine spannende Geschichte und die wahnsinns Cover- und Buchgestaltung hat meine Erwartungshaltung ziemlich hoch geschraubt. So ganz kann der Roman meinen hohen Erwartungen nicht entsprechen.
Der Plot schlingert wild, ändert seine Stimmungslage von lustig-makaber zu ernsthaft-betroffen. Das mag die erwähnte Popkultur-Poesie vom Klappentext sein, bleibt mir persönlich aber zu redundant. Der Roman lässt sich äußerst locker und schnell weglesen, aber mir mangelt es an inhaltlicher Verbindlichkeit. Viele Aspekte werden angerissen, aber letztendlich nicht weiter verfolgt.
Leider zu guter Letzt auch nicht die eigentliche Handlung, was generell bei Romanen für mich kein Muss ist, mich hier aber nicht überzeugen kann.

Männliche Gewalt, Vergewaltigungen und Frauenmorde. Männer, die bestärkt vom Patriarchat glauben, das Vorrecht und die Deutungshohheit über weibliche Körper und Lebenswege zu haben.
Das sind für mich sehr, sehr wichtige gesellschaftliche Themen, die immer noch viel zu wenig in Literatur und in der öffentlichen Diskussion aufgegriffen werden.
Alleine deswegen feiere ich Reisingers modernen und rasanten Roman, auch wenn er mich in seiner Ausarbeitung nicht wirklich überzeugen konnte. Ich denke, er wird auf jeden Fall sein Publikum finden.

Und bei einer Verfilmung werdet ihr mich sicher im Kinosaal wiederfinden.

Side fact: auf Spotify gibts die passende, gleichnamige Playlist

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Unterhaltsam und anspruchsvoll

Der Zauberer vom Cobenzl von Bettina Balàka

Obwohl Bettina Balàka mit „Der Zauberer vom Cobenzl“ ihr 21. (!) Buch veröffentlicht, ist es (soweit ich mich erinnere) mein erster Roman dieser preisgekrönten österreichischen Schriftstellerin.
Es wird aber nicht mein letzter bleiben, denn dieser feinsinnige historische Roman hat mir ziemlich gut gefallen!

In der ersten Hälfte des 19.

Jahrhunderts ist Europa in Aufbruchsstimmung. Erfindungen und Entdeckungen werden gemacht, und die westliche Menschheit wähnt sich kurz vor den Enthüllung der letzten Geheimnisse des Universums.
Neue Wissenschaften sollen alten Aberglauben ersetzen und neue Techniken das Leben erleichtern anstatt der Religion. Aus dieser Zeit lässt Balàka ihre Ich-Erzählerin Hermine aus ihrem Leben und aus weiblichen Blickwinkel berichten.
Sie und ihre Schwester Ottone wachsen nach dem frühen und qualvollen Tod ihrer Mutter bei ihrem Vater auf. Carl Ludwig Freiherr von Reichenbach ist ein typisches Kind seiner Zeit und wird Zeit seines Lebens auf der Suche nach einem Beweis für die Existenz von „Od“ [Alles in der gesamten Natur druchdringendes Dynamid] sein.

Auch Balàkas Erzählerin brennt leidenschaftlich für die Naturwissenschaften und hilft ihrem Vater bei ihren Forschungen. Doch wie kann eine Frau zu dieser Zeit, in der die Gesellschaft einen anderen Platz für Frauen vorsieht, in diesem Feld eigenständig bestehen?

„Ich war ein seltsames Tier, ein Fabelwesen, eine Chimäre. Es machte mich stolz und einsam zugleich.“

Dieser Roman bietet mir auf vielen Ebenen Zugangsmöglichkeiten. Balàka beleuchtet nicht nur das Verhältnis Mensch und Wissenschaft sondern auch die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Vater und den Töchtern und das Band der Schwestern untereinander.
Besonders gefiel mir das Gefühl sehr authentisch in eine ganz andere Zeit und eine andere Gedankenwelt einzutauchen.

Unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich, ein toller literarischer und historischer Roman!

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Bewegend und intensiv - ein tolles Romandebüt

Vatermal von Necati Öziri

Die Leseprobe übte einen derartigen intensiven Sog und Faszination auf mich aus, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte.
Das Eingangskapitel ist gleichzeitig klassisch und neuartig. Und verdammt catchy.
Klassisch, weil sich Öziri an einem bekannten Stilmittel der Literatur bedient, das ich kenne: der Abrechung oder Aussprache per Brief auf dem Sterbebett
Neuartig, weil Öziri dieses Stilmittel so modern, wütend und verletzlich neu interpretiert, das es für mich zu einer neuen Leseerfahrung wird.

Öziri lässt seinen todkranken Ich-Erzähler Arda abrechnen, und zwar mit seinem Vater Metin, der die Familie früh verlassen hat und immer nur eine Leerstelle in seinem Leben war.
Es ist mehr als nur eine Abrechnung. Arda erzählt von seinem Aufwachsen, seiner Jugend und seinem jungen Erwachsenenleben.
Und er erzählt von seiner Familie. Es ist auch die Geschichte von Ümran, Ardas Mutter und Aylin, seiner Schwester. Von den Frauen der Familie, die ebenfalls vom Vater und Ehemann verlassen wurden.
In Öziris Roman stecken unglaublich viele Aspekte, angefangen vom Leben der in Deutschland geborenen Kinder türkischer Einwandererfamilien und die rassistischen und bürokratischen Hürden auf die sie treffen. Die Suche nach Identität, die jedes Erwachsenwerden begleitet, und ungleich schwieriger ausfällt, wenn die Familie zerrissen ist und die Menschen, die Halt und Orientierung geben sollten, selbst am kämpfen sind.

Was mich aber am meisten berührt und was mir auch noch länger bleiben wird, ist der laute und dringliche Ruf Ardas nach seinem Vater in den schwersten und verzweifelten Stunden seines Lebens. Dieser Mann, den er nie kennengelernt hat, dem er nur das Schlimmste wünscht und den er doch auch in seiner ganzen Fehlbarkeit als Menschen erkennt.
Das ist ein zeitloses, generationen- und kulturenübergreifendes Thema, das Öziri mit „Vatermal“ in eine literarische und intensive Form gießt.

Für den Kulturschaffenden Necati Öziri ist es der erste Roman und „In seinen Texten ist natürlich immer alles wahr“ (Umschlagtext).
Ob wahr oder nicht, ein tolles und dringend empfehlenswertes Debüt!

P.S.: schaut euch auch den Wahnsinns-Buchtrailer dazu an….

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Lesenswerter Roman über eine unkonventionelle Familie

Die Mütter von Stefan Györke

Die Mosuo sind ein kleines chinesisches, matrilinear organisiertes Volk und nach meiner Recherche real existent.
Ihre Kultur spielt eine wesentliche Rolle im neuen Roman von Stefan Györke.
Denn hier sind Männer und Väter nur Randfiguren, die Gesellschaftt wird von den Frauen dominiert und definiert.

Die stärksten Bande gibt es unter Schwestern, die in gemeinsam in Familienbünden leben und die Kinder großziehen.

Györke transfereriert ein solches unkonventionelles Familienkonstrukt direkt ins wohlsituierte Schweizer Bürgertum. Drei Schwestern werden von einer chinesischen Nanny aus dem Volk der Mosuo großgezogen und leben später selbst in einer Lebensgemeinschaft nur aus Schwestern.
Sie bekommen Kinder von verschiedenen Männer, die aber sonst keine weitere Rolle im Leben der Frauen spielen.
Die Töchter können sich am Lebensmodel der Mütter orientieren, aber was wird aus den Söhnen? Wo finden sie Orientierung und Vorbilder?

Ich lese die Geschichte im Wechsel aus der Ich-Erzähler Perspektive von Anton, ein Sohn der Mütter, und aus auktorialler Perspektive. Das bringt Spannung und Abwechslung in den Roman und lässt mich locker über die Seiten fliegen. Ich lese ihn sehr gerne und verfolge sehr interessiert die Konsequenzen dieser ungewöhnlichen Lebensform, die auch auf mich einen großen Reiz ausübt.

„Ein generationenübergreifender, unkonventioneller Liebesroman“ blurbt Dirk Fuhrig vom Deutschlandfunk auf dem Klappentext und dem stimme ich zu.

Doch wie und wo Liebe entsteht und wie es mit dem Lebensmodel der Mütter und Schwestern (und dem Bruder) weitergeht, das empfehle ich euch selbst heraus zu finden.
Manchmal mäanderte mir die Handlung ein bißchen zu undefiniert, hier wären weniger, dafür stärker definierte Erzählthemen besser gewesen. So verwischt mir der Fokus und bleibt oben auf Unterhaltungslevel hängen. In der Story wäre noch mehr gesellschaftshinterfragendes Potential gewesen. Auch für die Figurenzeichnung hätte ich mir ein wenig mehr psychologische Ergründung gewünscht.

Oh ja, aber was für einen zufrieden stellenden Schluss Györke nach einigen unerwarteten Handlungskapriolen noch liefert.
Finde ich schon sehr nice…und auch empfehlenswert, falls ihr euch für unkonventionelle Familienformen oder auch einfach nur für einen guten Roman interessiert!

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Vielschichtig und überraschend!

Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art von Matthias Gruber

Seht ihr dieses Wahnsinns Cover? Wer würde nicht herausfinden wollen, was hinter diesem rätselhaften Bild und diesem assoziationsreichen Titel steckt?

Jetzt, nach Beenden des Romans, bewundere ich die Vieldeutigkeit und die Passgenauigkeit von beidem.

Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art.
Meine erster, naheliegender Schluss ist, dass damit Grubers Protagonistin Arielle gemeint ist, und das ist sie sicher auch.

Denn Arielle ist 14 und hat eine seltene Chromosomenanomalie. Diese Anomlie hat ihre Schweißdrüsen verschwinden lassen und sie häßlich gemacht, wie ihre Mutter und ihre Großmutter sagen. Arielle hat keine Haare und (fast) keine Zähne. Im Zeitalter von Social Media und der begrenzten Aufmerksamkeitsspanne möchte jede*r etwas besonderes sein. Aber besonders häßlich?
Arielle findet in dem aussortierten Müll, den sie zusammen mit ihrem Vater aus Wohnungen von Verstorbenen räumt, ein gebrauchtes Handy mit unzähligen Fotos eines Mädchens mit sozial gewünschterem Aussehen in ihrem Alter.
Sie erstellt sich eine Social Media Profil und lädt die Bilder dort mit ausgedachten Unterschriften hoch. Und hat damit Erfolg
Bald schon mischt Arielles psychisch labile Mutter mit und wird schnell von der digitalen Bestätigung abhängig.

„Weil es wichtig war, was wir dachten. Weil es von Bedeutung war, das es uns gab.“

Gruber skizziert äußerst treffend und teilweise witzig die Faszination und Mechanismen von Social Media ohne dabei mit dem moralischen Zeigefinger zu deuten. Ich erkenne in allen seinen unterschiedlichen Figuren eine große Sehnsucht und Verletzlichkeit. Manchmal hätte ich mir mehr psychologischen Tiefgang v.a. Bei Arielle gewünscht, aber im Nachgang setzt sich der Roman zu einem Ganzen mit Ecken und Kanten zusammen.
Der Roman liest sich äußerst flüssig und täuscht dadurch manchmal über seine Vielschichtigkeit hinweg. Manchmal deutet Gruber etwas nur mit wenigen Worten an und lässt es mich mit meinen abgespeicherten Stereotypen selbst ergänzen. Das finde ich sehr raffiniert.
Genauso wie den Schluss, der den vorangegangenen Roman merkwürdig rund macht und stilistisch märchenhaft veredelt (jo, das klingt schon komisch, ich kann es nicht besser ausdrücken).

Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art. Das lässt eine Vielzahl an Deutungen zu.

Hat mir richtig gut gefallen, dieser Roman mit diesem passenden und widersprüchlichen Cover. Für mich gab es viele interessante Ansätze über die ich nachdachte und mehr Tiefgang als es der lockere Unterhaltungsfaktor vermuten ließ.
Toll!

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Lust auf eine Vertrauensübung?

Vertrauensübung von Susan Choi

Bei diesem Roman muss ich von meiner üblichen Vorgehensweise abrücken. Normalerweise setzt ich mich DIREKT nach dem Beenden eines Romanes an seine Besprechung, damit ich die Leseeindrücke möglichst frisch und authentisch wiedergeben kann.
Das hat hier nicht funktioniert.
Die „Vertrauensübung“ endet mit einem Paukenschlag und ich legte das Buch mit einem derart ratlosen Gefühl auf Seite, dass ich das Gelesene erst mal einsickern lassen musste.

Am liebsten will ich noch mal mit geschärfteren Sinnen den ersten Teil noch mal lesen.

Es ist 1982, die CAPA ist eine Elite-Schauspielschule, in der jedes Jahr nur wenige Schüler*innen aufgenommen werden. Es ist eine besondere Ehre vom allseits bewunderten Professor Mr. Kingsley unterrichtet zu werden und bei seiner „Vertrauensübung“ dabei zu sein. Zwei dieser besonders Auserwählten sind Sarah und David, beide um die 16, die eine leidenschaftliche Beziehung beginnen. Und ja, es gibt Sex, und ja, mir gefallen die Sexszenen gut.
Ansonsten glaube ich, mich in einem typisch amerikanischen, literarisch anspruchsvollem, Collegeroman zu befinden, der vielleicht in seinen detaillierten Beschreibungen einigen Längen hat.
Unterschwellig schwingt immer etwas düsteres mit, etwas ungesagtes. Es ist immer subtil spürbar, das etwas nicht unausgesprochenes wird, eine zweite Eben.Mir ist nicht klar, dass ich gerade eine „Vertrauensübung“ mache.

Der Charakter des Romans ändert sich nach dem ersten Teil drastisch, als die Erzählperspektive wechselt.
Aber wechselt sie wirklich? Wer erzählt? Wessen Erzählung vertraue ich?
Ein Abgrund geht auf und er wird immer tiefer…

Das erzeugt ab der zweiten Hälfte einen interessanten Sog und gefällt mir deutlich besser als der, etwas langatmige erste Teil.
Ich möchte den Roman aber nicht in eine Kategorie wie „gefallen“ oder „unterhaltsam“ einordnen, denn das wird ihm nicht gerecht. Die „Vertrauensübung“ schenkt keine schnelle Befriedigung, die ich sonst gerne suche.
Choi bewegt sich in meinen Augen dabei sehr hart an der Grenze zur intellektuellen Abgehobenheit, überschreitet sie jedoch nicht.

Der Roman hat das Potential zu erschüttern und die Wahrnehmung zu verschieben. Ich bin froh ihn gelesen zu haben.

Hättet ihr auch Lust auf eine „Vertrauensübung“?

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Großartige und gesellschaftskritische Unterhaltung

Intimleben von Niccolò Ammaniti

Nein, dieses Ende habe ich nicht kommen sehen. Ich muss vor Überraschung laut lachen.
Da hat mir Niccolò Ammaniti zum Schluß noch eine große Freude gemacht.

But first things first: Niccolò Ammaniti ist einer der erfolgreichsten und international renommiertesten Autoren Italiens. Nachdem ich seinen dystopischen Roman „Anna“ gelesen hatte (mittlerweile als Serie verfilmt) war ich sehr auf weitere Romane des Schriftstellers gespannt.

Mit „Intimleben“ hat Ammaniti einen gleichermaßen unterhaltsamen wie gesellschaftlich analytischen Roman geschrieben.

Wie in „Anna“ hat Ammaniti wieder eine interessante weibliche Hautfigur geschaffen. Maria Cristina Palma ist die schönste Frau der Welt und die Ehefrau des amtierenden italienischen Ministerpräsidenten. Mit ihrem perfekten Aussehen, den operierten Brüsten und ihrem oberflächlichen Wesen ist sie zweifellos eine Männerfantasie und die Öffentlichkeit liegt ihr zu Füßen.
Jeder ihrer Schritte wird genau beobachtet, mit den anstehenden Neuwahlen wird es immer schwieriger ihr Intimleben zu wahren.
Dennoch passieren auch in ihrem Leben noch unvorhergesehene Ereignisse: Zufällig trifft sie einen Freund aus ihrer Jugend wieder, der mittlerweile ein sehr attraktiver, erfolgreicher Luxushotelier ist: Nicola Sarti. Nach einem eigentlich vom Beraterstab nicht erlaubten Austausch von privaten Handynummern schreiben sich die beiden. Nicola schickt Maria Cristina alte Bilder von einem lange zurückliegenden gemeinsamen Urlaub, denn die beiden verband mehr als nur eine platonische Freundschaft.
Doch warum schickt Nicola plötzlich ein mehr als 20 Jahre altes, pornöses Video, das die beiden beim Geschlechtsverkehr zeigt. Ein vergessenes, selbst aufgenommenes Sextape…

Die Kaskade an Handlungen, die Ammaniti jetzt beschreibt, wechselt und vermischt sich zwischen komisch, gesellschaftskritisch und dramatisch. Und im Zentrum dieses verworrenen und äußerst unterhaltsamen Reigens steht Maria Cristina, die sich erst einmal die Haare färben lässt.

Mit ihren verzweifelten Versuchen die Kontrolle über die öffentliche Inszenierung ihres Leben zu behalten, zeigt Ammaniti die Menschlichkeit und Verletzlichkeit seiner Figur. Die Frau Maria Cristina bleibt mir letztendlich aber doch ein Rätsel, ihr wahres Intimleben, z.b. ihre Gefühle für ihren Ehemann, enthüllt mir Ammaniti nicht, sondern er lässt einen Rest Mysterium.

Das ist großartige und gesellschaftskritische Unterhaltung, mit einem für mich nicht vorhersehbaren mega Plottwist am Ende, den ich sehr mochte.

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Atmosphärisch und abgründig

Die Einladung von Emma Cline

Der Debütroman „The Girls“ von Emma Cline hatte mich ziemlich begeistert (2016? Shit, gefühlt gestern!), darum wollte ich den neuen Roman „Die Einladung“ auch ziemlich dringend lesen.
Und ich muss sagen, es ist ein Roman, der ziemlich genau meinen Lesevorlieben entspricht. Es ist zeitgenössische amerikanische Literatur, Männer sind Waschlappen, Frauen auch meistens nicht besser und jede*r ist sich selbst der/die nächste.

I like!

Natürlich stecken mehr Nuancen und Abgründe in diesem gesellschaftskritischem wie unterhaltsamen Buch, als ich es hier kurz zusammenfassen kann.
Die Protagonistin Alex ist jung und schön und nutzt diesen Umstand als Eintrittskarte in die männliche Welt der Reichen und Schönen. Einen anderen Lebensplan hat sie nicht. Aber als ihr aussichtsreicher aktueller Sugar Daddy sie nach einer kleinen Party Eskalation abserviert, ist sie mittellos und weiß nicht wohin.
Glücklicherweise hat Alex noch „Die Einladung“ zur Simons großer Gartenparty und hofft dort bei einem Wiedersehen mit ihm, ihn wieder für sich gewinnen zu können.
Denn nur der reiche und mächtige Simon scheint die Lösung für all ihre Probleme und das Ticket für ein sorgloses Leben.
Die Zeit bis zur Party überbrückt sie bei verschiedenen Menschen, bei denen sie sich selbst einlädt und wo sie verbrannte Erde hinterlässt.

Das Thema Selbstbetrug und Manipulation zieht sich als Grundthema durch den ganzen Roman. Cline montiert komplexe Abhängigkeitsverhältnisse und Machtstrukturen zu einem tiefgründigen Gesellschaftsporträt einer reichen und abgestumpften Elite Amerikas. Hier ist alles zur Ware geworden. Wer wie Alex die Schwächen der Menschen erkennen kann, nutzt das skrupellos zum eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf Verluste. Aber auch Alex hat Schwachstellen und ist letztendlich verwundbar…

Sprachlich wie auch inhaltlich gefällt mir dieser neue Roman von Emma Cline wieder sehr gut! Cline schafft es genauso wie in „The Girls“ mich mit ihren Figuren zu faszinieren und gleichermaßen Abstoßung wie Mitleid zu erregen.

Ein intensiver und spannender Sommerroman, der mir direkt ein gewisses morbides Lebensgefühl vermittelt.

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Sprachliches ein außergewöhnliches Highlight mit Schwächen im Plot

Der Kaninchenstall von Tess Gunty

Der amerikanische Kapitalismus frisst seine Kinder.
Aber bevor es soweit ist, hält er sie noch in Kaninchenställen.

Tess Gunty hat mit „Der Kaninchenstall“ eine messerscharfe Gesellschaftsanalyse eines abgefuckten Amerikas abgeliefert.

„Ich wollte sterben, töten, vögeln, meine Eltern finden und sie wieder lebendig machen und sie dann umbringen, dann beerdigen und schreien und schreien.



Mehr als dieses Zitat will ich zum Inhalt nicht schreiben. Gunty beschreibt verschiedenen Schicksale der Bewohner*innen des Kaninchenstalls und Menschen in Vacca Vale, einer abgehängten Kleinstadt im Herzen Indianas, mitten in Amerika. Nachdem die Autoindustrie die Menschen ausgebeutet hat, die Umwelt mit ihren krebserregenden Stoffen vergiftet hat, ist sie weitergezogen und lässt die Stadt geschändet und sterbend zurück.
Im Kaninchenstall lebt die Mittelklasse der sozial Abgehängten, sinn- und nutzlos durch den Tag treibend.

Sprachlich liefert Tess Gunty eine derartige wahnsinnige Leistung ab, dass ich mich auf den ersten Seiten wie erschlagen fühle angesichts dieser Häufung von genialen und treffenden Wort- und Satzschaffungen.
Das ist großes, großes Kino! Ich bin hart begeistert und diese Begeisterung wird mich über die eine oder andere Schwäche im Storytelling hinwegsehen lassen.
Denn so wie Gunty sprachlich für mich Neuland betritt, so bewegt sie sich in der Story auf vertrautem Territorium. Die zahlreichen Erzählstränge entwicklen sich genauso wie ich erwarte und wie ich sie schon in zahlreichen anderen Romanen genauso ablaufen gesehen habe. Der dramatische Schluss ist sehr erwartbar und in meinen Augen zu stark konstruiert.
Neu ist die starke und allgegenwärtige Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, die Gunty direkt und metaphorisch zu ihrer Hauptbotschaft macht.

Der amerikanische Traum ist tot und hat sich in vergiftetes Futter für die Kaninchen verwandelt, die in ihrem Stall dahinvegetieren. Nur ganz am Ende öffnet Gunty die Türe ein klein wenig für einen Lichtstrahl der Hoffnung. Ob diese Türe aufgestoßen werden kann überlässt sie mir und meinem Weltbild.

Sprachlich für mich ein Highlight auf aufsehenerregendem Niveau , mit dem die eigentliche Geschichte leider nicht mithalten kann. Ein Hammer Debütroman, dem hoffentlich noch einiges folgen wird!

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Traurig und humorvoll zugleich

Die Dauer der Liebe von Sabine Gruber

Konrad ist tot. Ganz spontan gestorben. Zusammengebrochen auf einem Parklatz. Herzinfarkt. Renata und Konrad sind seit 25 Jahren ein Paar, aber nicht verheiratet. Wenn sie es gewesen wären, wäre Renata die Erste gewesen, die von Konrads Tod erfährt. So klopfen die Polizisten erst einen Tag später an ihre Haustüre.

Die italienisch deutschsprachige Autorin Sabine Gruber erkundet in ihrem neuen Roman die Frage, wie man ohne den geliebten Menschen weiterlebt. Wie lang ist die Dauer der Liebe?
Ich finde in diesem Roman einige wunderschöne und trostvolle Beschreibungen einer lange dauernden Liebe.

„Der liebende Blick ist nicht blind, er nimmt den von der Zeit veränderten Körper wahr, aber in dem, was der andere geworden war, entdeckt er noch die Schönheit der ersten Jahre, leuchtet etwas auf, das nur zu sehen imstande ist, wer einander seine langem kennt.“

Die Überlegung liegt nahe, dass Gruber viel von ihren eigenen Erfahrungen einbringt, da ihr eigener langjähriger Partner überraschend nach 20 Jahren Beziehung starb.

Nach Konrads Tod, muss Renata nicht nur mit dem Verlust ihres Partners zu leben lernen, sie muss es aushalten wie seine narzisstische Mutter und der geldgierige Bruder den Nachlass Konrads zerfleddern. Renata hat wegen eines ungültigen Testaments keinerlei Anspruch auf Konrads Sachen und künstlerische Arbeiten. Ihr wird jedes Erinnerungsstück genommen und Renata muss das Wissen ertragen, dass sie für Konrads Familie nie wirklich die Frau an seiner Seite war, sondern nur ein vorübergehendes zu akzeptierendes Übel.

Die Jahre die Konrad nicht mehr leben wird, die gemeinsame Zeit, die es nicht mehr geben wird. Erinnerungen, die verblaßen und nicht mehr durch neue ersetzt werden.

Gruber beschreibt, wie nach dem körperlichen Verlust von Konrad sein langsames Verschwinden aus dem Alltag und aus den Gedanken einsetzt. Das ist traurig aber unvermeidbar, wenn das Leben weiter gehen soll.

Der Roman ist poetisch und wehmütig, aber stellenweise auch humorvoll auf seine Art. Anders als der Klappentext vielleicht suggeriert, stellt Gruber die Fragen nach Konrads Geheimnis nur an den Rand des Romans. Für mich arbeitet sie mit diesem Thema die Ambivalenzen und Polarität heraus, die in einer Beziehung auftreten können, ohne dass die Liebe dadurch zerstört wird.

Ich denke darüber nach, warum Gruber Konrad in den Mittelpunkt des Romans stellt. Ich erfahre sehr viel über sein künstlerisches Schafften, über seine Faszination von italienischer faschistischer Architektur und seiner Vergangenheit, aber sehr wenig über Renatas Interessen und Beruf. Aber es fühlt sich letztendlich stimmig an, wie ein Versuch die Erinnerung doch noch festzuhalten oder auf Papier diesen einen friedlichen Ort zu schaffen, wo es „genügt, Kalziumphosphat zu sein“.

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