Kunden em pfehlungen
Rezensionen von @lust_auf_literatur:
Philosophisch komplexer und literarisch ansprechender Pageturner
Das andere Tal von Scott Alexander Howard
Wie findest du Romane übers Zeitreisen?
Ich liebe solche Geschichten und „Das andere Tal“ war für mich ein absolutes Highlight dieses Genres!
Aber bevor jetzt Missverständnisse aufkommen: ich rede hier natürlich nicht von Sci-Fi Ware von der Stange, wie es beim Diogenes Verlag wohl auch kaum zu erwarten wäre.
Nein, wenn ich von einem Highlight des Zeitreise-Genres spreche meine ich hier literarische, philosophische und spannende Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau.
Ich bin schlichtweg begeistert.
Howards Idee ist nicht ganz neu, er verbindet örtliches Reisen mit zeitlichem Reisen. Seine Figuren leben in einem abschlossenen Tal und wenn sie Richtung Osten ins nächste Tal reisen, gelangen sie 20 Jahre in die Zukunft und in Richtung Westen gelangen sie ins gleiche Tal, aber um 20 Jahre zurück in die Vergangenheit.
Damit potentielle Reisende nicht permanent Zeitreise-Paradoxien auslösen, sind die Talübergänge strengstens überwacht und die Reisen in die benachbarte Täler strengstens reglementiert. Nur in seltenen Ausnahmefällen, wenn jemand eine mittlerweile verstorbene Person in der Vergangenheit noch ein letztes Mal sehen will, genehmigt ein Kremium, das Conseil, den Antrag für einen Besuch.
Aber auch dann sind diese Besuche strengstens überwacht um eine Veränderung der Vergangenheit oder gar Begegnungen mit der jüngeren Version von bekannten Personen zu vermeiden.
Ein Platz im Conseil ist die höchste Würde im Tal und nur den moralisch einwandfreisten und geschultesten Personen zugänglich.
Um einen solchen Platz bewirbt sich die 16-jährige Odile, auf Drängen ihrer Mutter hin, die sich eine solche Karriere für ihre Tochter wünscht.
Odile ist von diesem Ehrgeiz überfordert, sie verbringt viel lieber Zeit mit Freund*innen. Nach einer Weile findet sie allerdings Gefallen an den Beispielfällen und den Lektionen des Kurses und sie stürzt sich großer Ernsthaftigkeit in die Vorbereitungen für das Auswahlverfahren…
Die Komplexität und Stimmigkeit, mit der Howard sowohl die Atmosphäre des Tal und seines streng reglementierten Lebens schildert, als auch die psychologische Ausarbeitung seiner Figuren und ihrer Beziehungen, ist wirklich bemerkenswert.
Ich kann die fortschreitenden Desillusionierung und Abwendung vom System eines Mädchens und später einer Frau verfolgen. Ich kann ihre Persönlichkeitsentwicklung nachvollziehen.
Über seinen Roman und über das Thema Zeit legt Howard einen melancholischen, manchmal nostalgischen Filter, der mir ausgesprochen gut gefällt.
Freundschaft, Verrat und Schuld sind der Grundtenor seines ungemein spannenden und hoch entwickelten Plots.
Howard gelingt mit seinem Debüt einen ungeheuer spannenden, aber auch philosophisch komplexen und literarisch ansprechenden Pageturner!
„Das andere Tal“ war für mich ein absoluter Volltreffer und ein glänzendes Highlight in meinem doch recht hohen Verschleiß an literarischen Romanen.
Dringende Leseempfehlung!
Kurz aber gehaltvoll!
Der ehrliche Finder von Lize Spit
Ich LIEBE die Romane von Lize Spit! Ich liebte die krasse und unglaublich abgefahrene Geschichte von „Und es schmilzt“ und ich liebte die Spannung und die psychologische Tiefe von „Ich bin nicht da“. Jetzt waren diese beiden Roman dicke Wälzer, die sich für den Plotaufbau und die Figurentwicklung viel Zeit nahmen.
Als ich die Seitenzahl von „Der ehrliche Finder“ sah, war ich kurz skeptisch, ob auf dieser Kurzstrecke die Erzählkraft von Spit zur Entfaltung kommt.
Aber jetzt, nachdem ich den Schluss mit Gänsehaut gelesen habe, weiß ich, dass es funktioniert hat.
Als Protagonisten hat sich Spit diesmal einen vorpubertären Außenseiterjungen ausgesucht: Jimmy, der seine Freizeit gerne mit dem Sammeln von Flippo Chips und dem Ausdenken von Fantasiegeschichten verbringt. Dann kommt Tristan in seine Klasse, ein Flüchtlingskind aus dem Kosovo, das neben Jimmy gesetzt wird. Auf den wenigen Seiten skizziert Spit die Kindheit der beiden Außenseiter und die Geschichte einer Freundschaft, die beide über ihre Einsamkeit und Ausgrenzung hinweghilft.
Mir gefällt es sehr, wie unglaublich subtil Spit unterschwelligen Fremdenhass themasiert und wie nuanciert sie die nicht ganz immer reine Gedankenwelt Jimmy beschreibt.
Natürlich braut sich ein Unheil über der Freundschaft zusammen, denn der großen Familie von Tristan droht die Abschiebung…
„Der ehrliche Finder“ ist nicht krass und abgefahren, dennoch gelingt es Spit wieder mit kleinen, eigentlich unspektakulären Alltagsereignissen eine Spannkraft zu erzeugen, die mich immer auf die großen Knall warten lässt, der unweigerlich kommen muss.
Falls du noch kein Buch dieser belgischen Autorin gelesen hast, eignet sich „Der ehrliche Finder“ optimal als Einstieg, denn es lässt sich super in einem Rutsch durchlesen und schließt mit einem intensiven Abgang!
Ich freue mich bereits auf weiteren Stoff von Spit, aber dann hoffentlich wieder in größerer und länger anhaltender Seitenzahl.
Tiefgründig, philosophisch und komplex
Tremor von Teju Cole
Ich muss „Tremor“ erst eine Weile wirken lasen, bevor ich mir eine Meinung bilden kann. Das ist ungewöhnlich für mich, normalerweise weiß ich sofort, ob ich den Roman mochte oder eben nicht.
Ich weiß, ich mochte „Tremor“, aber ich habe das nicht so angenehme Gefühl, ich habe nur an der Oberfläche dieses vielschichtigen Romans gekratzt.
Denn wie die Spiralen auf dem Cover andeuten, ist die Konstruktion des Textes in sich verschlungen, zieht Schleifen, um am Ende nach einem Streifzug durch die Themen unserer Gegenwart und unseres Menschseins wieder am Ausgangspunkt anzukommen.
Ich bin am Anfang und am Ende des Romans bei Tunde, einem aus Lagos stammenden Intellektuellen, der an einer amerikanischen Universität Fotografie unterrichtet. Gleich in der Eingangsquenze landen Tundes Gedanken immer wieder bei dem fest in der amerikanischen Kultur verankerten Rassismus. Dabei thematisiert Cole nicht nur den aktuellen Rassismus der Modernen sondern greift auch den historischen Rassismus der Einwanderer während der Unterwerfung und Vertreibung der indigenen Völker zurück, der in der amerikanischen Geschichtsschreibung ganz aus der Perspektive der Weißen überliefert ist.
Coles Ausführungen zu dem Thema sind äußerst differenziert, niemals vereinfachend und nehmen mich als Lesende ernst.
„Es gibt jene, die andere versklaven, und es gibt jene, die von anderen versklavt werden. Aber es gibt keine Person, deren Wesen oder wahre Beschreibung Sklave ist.
Menschen können versklavt werden, in dem lebendigen Tod der Sklaverei gefangen sein. Doch das beschreibt nicht, wer sie sind. Es ist etwas Unerträgliches, das ihnen widerfährt oder widerfuhr.”
Im Mittelteil des Romans verlagert sich der Blickwinkel nach Lagos, Nigeria. Hier verliert sich die bereits lose Handlung im einem Multi-perspektivischen Ansatz und Cole zeigt ein Mosaik der nigerianischen Lebensrealität.
Cole zieht ein weiter Schlaufe und weitet seine philosophischen Reflektionen auf das Menschsein im Universellen aus.
Ich kann seinen Ausschweifungen über Film, Kunst und vor allem Musik und deren tieferen kulturellen und politischen Zusammenhänge mangels Kenntnis nicht immer folgen und so ziehen sich einige Passagen für mich in die Länge.
Beim letztendlichen Zirkelschluss über die Relation von menschlichem Leid und die Unberechenbarkeit unseres Daseins kann ich mich wieder einklinken und schließe mich seinen philosophischen Gedankengänge gerne an.
“Das Leben ist nicht nur schrecklicher, als wir ahnen, es ist auch schrecklicher, als wir es ahnen können. Wäre uns wirklich bewusst, wie viele Schiffswracks am Meeresgrund liegen, wir würden niemals wieder unsere Boote besteigen und hinausfahren.”
„Tremor“ war für mich ein äußerst tiefgründiger und exquisit konstruierter Roman, von dessen emotionaler und philosophischer Qualität ich eine kleine Ahnung bekommen habe, die mir in seiner Gänze aber nicht vollkommen greifbar war.
Ein Blick in die Geschichte Kameruns, umgesetzt in einem gesellschaftskritischen Familienroman
Issa von Mirrianne Mahn
Wenig weiß ich über Kamerun und die Zeit der deutschen Kolonialisierung und des britisch-französischen Mandats des Landes. Ich lese aber sehr gerne Literatur, die mir helfen, meinen Horizont zu erweitern und mir zumindest einen kurzen Blick in andere Realitäten ermöglichen.
Mirrianne Mahns Debüt Roman „Issa“ spielt durchgängig in Kamerun auf verschiedenen Zeitebenen.
In der Rahmenhandlung, die 2006 angesiedelt ist, begleite ich die junge, schwangere Issa auf ihrer Reise ins Land ihrer Kindheit und ihrer Herkunftsfamilie nach Kamerun, wo sie auf Drängen ihrer Mutter hin, mit ihren Großmüttern Rituale für das Ungeborene durchführen will. Es ist auch eine Flucht aus Frankfurt, wo sie sich als Schwarze Frau nie ganz zugehörig gefühlt hat und vor dem Vater ihres Kindes, der sie mit seinen bürgerlichen deutschen Vorstellungen unter Druck setzt. Mit ihrer Mutter, die einen Deutschen geheiratet hat, hat sie sich zuletzt auch noch zerstritten.
Der Aufenthalt in Kamerun ist eine Suche nach ihren Wurzel und nach der Geschichte ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter.
Auf anderen Zeitebenen erzählt Mahn die Geschichten der weiblichen Vorfahren von Issa, die unter der Kolonialherrschaft und unter der männlichen Vorherrschaft kein einfaches Leben hatten. Teilweise sind die Geschichten von Enanga, Marijoh, Namondo und Ayudele schwer zu ertragen, denn sie zeugen von großem Leid, dass menschengemacht ist. Kinderehe, Vielehe, hohe Geburtenrate und Kindersterblichkeit, Mahn, die selbst in Kamerun geboren wurde, spricht eine deutliche Sprache, was diese Worte für Frauen bedeuten können und zeigt anhand der Einzelschicksale, wie die Auswirkungen noch jahrzehntelang generationenübergreifend weiterwirken können.
„Aber wir leben in einer Welt, in der Frauen nun mal dafür da sind, die Probleme von Männern zu lösen. Sie sehen uns nicht als Menschen oder als ebenbürtig an, sondern behandeln uns so, als könnten sie uns nach Belieben verschenken und austauschen.»“
Den schlimmen und leidvollen Erfahrungen, die Issas Groß- und Urgroßmütter machen mussten, stellt Mahn die Solidarität und Verbundenheit unter den Frauen gegenüber. In weiblichen Miteinander finden ihre Figuren Trost, Halt und #Empowerment. Nicht nur in der mütterlichen Linie der Familie sondern auch in dem Zusammenhalt unter Freundinnen liegt eine große Stärke und Magie.
Mir hat diese Mischung aus dem modernen Leben Issas und ihrer Identitätssuche und die Blicke in die Vergangenheit ihrer Vorfahren sehr gut gefallen, aber auch betroffen gemacht. Die Ausbeutung durch weiße Menschen und die Unterdrückung von Frauen durch Männer sind Themen, die noch nicht genügend literarisch erschlossen sind und ich begrüße Mahns Beitrag dazu!
Spannende und abgründige Unterhaltung!
Die erste Attacke von Jakob Pretterhofer
Was ist denn ein „Bobo-Psychothriller“, frage ich mich unwillkürlich, als ich die Kurzbeschreibung zu „Die erste Attacke“ las. Meine Assoziationen bei dem Begriff sind auf jeden Fall positiv und auch der beschriebene Inhalt klang äußerst vielversprechend.
Und mir wurde nicht zu viel versprochen, ich bin von Pretterhofers Roman sehr, sehr angetan!
Keine Wunder, denn sein Thema und Setting passt perfekt auf meine eigene Lebenssituation.
Pretterhofers Protagonist und Ich-Erzähler ist junger Vater zweier Kinder und macht mit seiner Frau und zwei befreundeten Familien ein paar Tage Urlaub auf einer Selbstversorger-Hütte. Das habe ich selbst auch schon gemacht und weiß daher, dass von einem solchen Szenario keine wirkliche Erhohlung zu erwarten ist.
Aber anfangs scheint es so, dass er Erzähler, genauso wie die anderen Familien und ganz anders als ich, die Familiensituation perfekt beherrscht.
Ihre Familien funktionieren durch Rituale und eine sehr hohe Gesprächsbereitschaft und gegenseitigen Verständnis ganz wunderbar und wie aus dem Bilderbuch. Die Kinder dürfen sogar einmalig Limonade bestellen, schließlich ist Urlaub.
Dass die Urlaubsstimmung natürlich nur von kurzer Dauer ist, ist klar, schließlich lese ich einen Bobo-Psychothriller! Und richtig, aus den kleinere morbiden Andeutungen eines lauernden Unheils, werden ausgewachsene konkrete Alpträume, die die Nachtruhe stören.
Die Kinder fangen tags darauf mit merkwürdigen und bedenklichen Spielen an, die Ehepaare streiten sich untereinander und miteinander und plötzlich sind auch noch die Autoschlüssel weg.
Ich liebe diese entlarvende Eskalation, die nicht nur in den äußeren Handlungen stattfindet sondern auch in den Gedanken des Erzählers.
Besonders wird die Geschichte durch das sehr geschickte Einsprengseln von surrealen Gruselelementen, die den Roman zu einem wunderbaren und ungewöhnlichen Genre-Mix machen.
Für mich beschreibt Pretterhofer hauptsächlich dieses unheimliche und beängstigende Gefühl von Kontrollverlust, der mit Elternschaft zwangsläufig einhergeht, es gibt aber bestimmt auch noch andere Deutungsansätze.
Nach Beenden des kurzen Roman hat sich mein Anfangsgedanke über den Ich-Erzähler von „Alta, du hast dein Leben im Griff“ ins komplette Gegenteil gedreht.
Für diesen Roman und diese tolle und abgründige Unterhaltung muss ich einfach eine Leseempfehlung aussprechen! Der einzige Kritikpunkt wäre vielleicht die Länge, die mit nur 143 Seiten fast ein zu kurzes Vergnügen bietet.
Dass mir die Farbgestaltung des Covers unheimlich gut gefällt, möchte ich noch einmal extra betonen!
Empfehlenswert und aufregend!
Eskalationsstufen von Barbara Rieger
Warum geht sie nicht einfach? Warum lässt sie sich das gefallen? Ich würde ja einfach abhauen!
Ja, einfach.
Von außen sieht es immer so einfach aus. Einfach gehen, oder noch besser, einfach gar nicht erst so eine Beziehung anfangen.
Wir sprechen von gefährlichen, gewaltvollen Beziehungen. Nicht nur körperliche Gewalt sondern auch psychische Gewalt wie emotionale Erpressung, Manipulation und Gaslighting.
Ein hartes aber wichtiges Thema das Rieger für ihren neuen Roman gewählt hat, denn nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern weltweit werden Männer* gegenüber ihren (Ex-)Partner*innen gewalttätig bis hin zum Femizid. Die Dunkelziffer ist bei Gewalt in Beziehungen besonders hoch.
Riegers Protagonistin Julia ist eine liebenswerte, junge Frau, die gerne zeichnet und beruflich sehr engagiert ist. Sie hat einen kleinen Freundeskreis und eine lockere und offene Fernbeziehung, deren Unverbindlichkeit sie bewusst genießt.
Als sie bei einer Vernissage den Maler und Künstler Joe trifft, ist sie elektrisiert. Das sofortige Interesse des souverän wirkenden Mannes schmeichelt ihr und die immense körperliche Anziehung macht es ihr leicht, auf Joes Annäherungsversuche einzugehen.
Nicht zufällig erinnert mich der Beginn der Liebesgeschichte von Julia und Joe an die toxischen Narrative mancher beliebter spicy Romancegeschichten.
Der Mann mit der gequälten Seele und der tragischen Vergangenheit, der nur mit der wahren Liebe einer reinen Frau gerettet werden kann.
All das trifft auch auf Joe und Julia zu. Aber was in einer Geschichte und in der Phantasie vielleicht noch einen gewissen Reiz hat, entpuppt sich im echten Leben oft als Ausgangspunkt für eine toxische Beziehung.
Julia spürt auch bald, dass ihre Beziehung zu Joe nicht gesund ist und nicht auf Augenhöhe stattfindet, doch da greift bereits ihre psychische Abhängigkeit zu Joe. Die nächsten Eskalationsstufen sind schnell erreicht.
Rieger schildert Julias Gedankengänge konsequent und psychologisch nachvollziehbar aus der Ich-Perspektive. Das lässt mich ihre Geschichte besonders gegen Ende atemlos und intensiv miterleben.
Der Titel „Eskalationsstufen“, wie auch die Einteilung der Kapitel, orientieren sich am 8-Stufen-Model einer Risikobeziehung von Jane Monckton Smith, wie in ich in Riegers Anmerkungen nachlesen kann. Durch diesen Aufbau bekommt der Roman etwas modellhaftes, konstruiertes, was mich aber nicht stört.
Vielmehr können Roman wie „Eskalationsstufen“, oder auch das geniale „Malus“ von Simone Hirth, helfen, diese Muster bekannter zu machen und zu verdeutlichen, dass Betroffene Gewalt durch ihre (Ex-) Partner durch ihr Verhalten nicht „einfach“ verhindern können.
Eine kleine Kritik gibt es für die Kurzbeschreibung, die im Gegensatz zum gelungenen Klappentext meiner Meinung nach schon zu viel, oder besser gesagt eigentlich alles vom Inhalt vorweg nimmt.
Perfekter, gesellschaftskritischer und literarischer Abenteuerroman
Trophäe von Gaea Schoeters
Spannend as hell, berauschend und nicht mehr aus der Hand zu legen. So muss ein guter Roman.
„Trophäe“ hat all diese Eigenschaften und noch ein paar mehr. Zu der sogerzeugenden Story addieren sich gesellschaftskritische Ansätze und ein Blick in die Seele des Archetypen des weißen Mannes.
Besagter weiße Mann ist einer von Schoeters Protagonisten und heißt Hunter White.
Hunter White!?! I mean….
Dieser Name in einem Roman über Jagd, Afrika und weiße Allmachtsfantasien ist Program.
„Denn nur er, Hunter, und niemand anderes, steht ganz oben in der Nahrungskette.“
Schoeter lässt ihren Roman in einer nicht näher genannten Gegend von Afrika spielen, in der es eine artenreiche Savanne gibt. Der Amerikaner Hunter White ist ein passionierter Jäger und reist regelmäßig in das Gebiet um seltene Tiere zu schießen und die Trophäen zu Hause seiner Trophy-Wife zu übergeben.
Da er über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, ist der Erwerb von Jagdlizenzen, selbst der seltensten Tiere, wie Nashörner, für ihn kein Problem.
Das Land und die Naturreservate verdienen an den seltenen und teueren Jagdlizenzen gutes Geld, das wiederum in den Schutz von seltenen Tieren investiert werden kann.
Das ist natürlich nicht die einzige ethische Fragestellung, die Schoeters in ihrem bereits preisgekrönten Roman aufwerfen wird. Es geht ans Eingemachte und nicht nur Hunter, sonder auch ich als Leser*in werde nah an die Grenze von Gut und Böse geführt, als sein Jagdorganisator Van Heeren ihm eine ganz spezielle Beute anbietet…
Eine Jagd auf Leben und Tod beginnt und ich verfolge sie atemlos!
„Die Befriedigung liegt nicht so sehr im Töten, sondern in der Unterwerfung der Beute: in der Bestätigung unserer Vorherrschaft über alles andere Leben.“
Diese Jagdszenen sind mit die actionlastigsten und spannendsten, die ich in letzter Zeit gelesen habe! Das ist für mich Abenteuerliteratur in besten Sinn des Wortes. Hart, dramatisch und gnadenlos.
In dieser Hinsicht erinnert mich Schoeters Roman an „Nordwasser“ von Ian McGuire, ebenfalls ein perfekter, fesselnder Abenteuerroman.
Schoeters bedient gleichzeitig das Klischee von der geläufigen Vorstellung von Afrikanischer Wildheit und druchbricht es. Es ist ein schmaler Grat, keine Vorurteile zu reproduzieren, sondern sie durch Übertreibung offenzulegen, was Schoeters in meinen Augen gelingt.
Klar, dass es nach all der Aufregung von mir eine deutliche Leseempfehlung für diesen Roman gibt, und zwar uneingeschränkt!
Stark zwischen den Zeilen
Krummes Holz von Julja Linhof
Hammer, was für ein starkes Debüt! Gerade habe ich „Krummes Holz“ beendet und habe Fragen.
Fragen, die mich beschäftigen und Gedanken, die in meinem Kopf rollen. Gedanken über Väter und Liebe und Geschwister und besonders über die Möglichkeit von zarter, vorsichtiger Annäherung trotz großem, emotionalem Gepäck.
Den Balast aus der Vergangenheit haben sie alle, die Figuren in Julja Linhofs Roman: Malene, Leander und natürlich der Ich-Erzähler Jirka.
Jirka ist ein junger Mann und er kehrt nach einigen Jahren der Abwesenheit auf den Hof zurück, auf dem er aufgewachsen ist.
Es ist Hochsommer, die Böden sind ausgetrocknet und es ist heiß.
Ich brauche ein paar Seiten, bis ich vollständig in das Setting eingetaucht bin und die Personen zugeordnet habe.
Malene ist Jirkas ältere Schwester und führt gemeinsam mit dem Vater den heruntergewirtschafteten Hof. Leander ist der Sohn des verstorbenen Gutshofverwalters und ein enger Jugendfreund der beiden Geschwister.
Als Jirka auf dem Hof ankommt, scheint sich niemand wirklich zu freuen. Der Vater ist nicht da, und Malene ist sauer, denn sie hat den Hof die letzten Jahre fast alleine geführt und hätte ihn gebraucht. Die alte Großmutter ist dement und lebt in ihrer eigenen Welt oder in der Vergangenheit.
Malene und Jirka, beide sind gezeichnet von dem Wissen, die größte Enttäuschung für den Vater zu sein.
Malene reagiert mit Wut, Jirka, der Erzähler, mit Flucht.
“Ich lerne durch Malenes Aufbäumen, selbst still zu bleiben, den Kern zu schützen. Ohne Schichten. Stattdessen bleibe ich mein Leben lang auf der Flucht vor Konflikten.”
Und dann gibt es noch Jirka und Leander….
Was für mich die große Faszination dieses Romans ausmacht, ist das Geschehen zwischen den Zeilen. Es gibt Geheimnisse, es gibt Verletzungen, es gibt Vergangenheit, doch nichts davon wird ausgeschrieben.
Es gibt leise, subtile Andeutungen einer Kindheit voller Gewalt und erzieherischem Druck durch den despotischen Vater.
Es gibt Andeutungen von traumatischen Ereignissen in der Vergangenheit.
Es gibt auch Andeutungen von Liebe, die nie ausgesprochen wurde.
Das alles hängt zwischen den Zeilen und über der heißen flirrenden Luft des Hofes.
Sprachlich punktet Linhof für mich literarisches Hochwertigkeit. Ich lese ihren doppelbödigen Stil unglaublich gerne, er ist gleichzeitig kraftvoll und verletzlich. Mag ich sehr, sehr gerne!
„Seine Augen schimmern im Kerzenlicht, und es ist wieder dieser Blick, der mich trifft und aufbricht.“
Und ja, es wird Enthüllungen geben, aber Linhof schafft es, nicht die Ereignisse in den Vordergrund zu rücken, sondern die Gefühle ihrer Figuren. Das mag ich und es ist eine ungewohnte Abwechslung zur sonstigen voyeuristischen Ausschlachtung traumatischer Geschehnisse (die ich aber natürlich auch mag).
„Krummes Holz” ist für mich eines der stärksten Debüts dieses Jahr, so far. Und natürlich eine Leseempfehlung!
Emotionale Familiengeschichten im american style
Leuchtfeuer von Dani Shapiro
Das blumige Cover verrät bereits einiges über die Tonlage des Romans: wunderschön, dramatisch und mit einem Hauch von Kitsch.
Das ist nicht zwangsläufig der Geschmack von allen Leser*innen, mir selbst hat der Roman allerdings sehr gut gefallen.
Bereits das erste Kapitel ist fulminant dramatisch und stimmt auf den weiteren emotionalen und bittersüßen Verlauf der Geschichte ein.
Drei Jugendliche haben betrunken und selbstverschuldet einen Autounfall, bei dem eine von ihnen tödlich verletzt wird. Die beiden überlebenden Geschwister Theo und Sarah tragen schwer an dieser Schuld. Die Entscheidung, nicht über die tragische Nacht zu sprechen, wird die Verarbeitung und ihr weiteres Leben sehr beeinträchtigen.
„Auf der Tonspur des Lebens läuft der Todesschrei eines Mädchens in Dauerschleife. Man kann ihm nicht entkommen.“
Shapiro spannt den Erzählbogen sehr weit, der Roman umfasst mehrere Jahrzehnte, zwischen denen sie nicht linear wechselt und ihr Protagonist*innenpalette ist breit gefächert. Neben der Familie von Theo und Sarah, gibt es noch die Familie von Waldo, einem sensiblen Jungen, der sich mit 10 Jahren mit dem gealterten Vater der erwachsenen Geschwister Sarah und Theo anfreundet.
Für mich persönlich ist diese zarte, ungewöhnliche und lang andauernde Freundschaft zwischen Ben und Waldo das wahre Herzstück des Romans und die Kirsche auf der Torte.
Auch das Spektrum an Themen, die Shapiro auffächert, ist äußerst weitreichend. Von zerbröselnden Ehen, nicht verarbeitende Traumata, Krebs, Alzheimer und disfunktionalen Eltern-Kind Beziehungen wird alles abgedeckt.
Das ganze im einem very american Vorort Setting.
Verbrämt wird das ganze mit einer leicht esoterisch anmutenden „Alles ist verbunden“ Botschaft, die dem Roman eine gewisse Tiefe verleihen soll.
Für mich war diese Fülle an Dramatik und Bedeutungsschwere nicht überladen, sondern sehr lesenswert. Ich fand, Shapiro spielt perfekt mit der emotionalen Klaviatur und hat einen wunderschönen und unterhaltsamen Roman geschaffen, der natürlich optimal für eine Verfilmung geeignet ist. Auch die visuelle Version würde ich mir sofort mit einem großen Vorrat von Taschentüchern anschauen.
Du magst emotionale und dramatische Familiengeschichten im american style?
Dann ist „Leuchtfeuer“ eine Empfehlung für dich!
Mehr als fesselnde Spannungsliteratur
Notizen zu einer Hinrichtung von Danya Kukafka
Dieser Roman mit dem Wahnsinnscover ist ohne Frage ein Stück fesselnder Spannungsliteratur. Aber er ist noch mehr. „Notizen zu einer Hinrichtung“ ist polarisierend, erzeugt bei mir Reibung, bringt mich zum Nachdenken.
Kukafka skizziert in ihrem Roman das Leben von Ansel Packer, einem Mörder, der im Todestrakt auf seine Hinrichtung wartet.
Im Stil von Dead Man Walking zählt ein Countdown seine letzten Stunden bis zur Vollstreckung.
Dazwischen werden in Rückblicken die verschiedenen Lebensabschnitte von Packer an Hand von Mädchen und Frauen erzählt, die seinen Weg kreuzten und beeinflussten.
Angefangen bei seiner Mutter, die, selbst Opfer eines gewalttätigen Ehemannes und prekären Lebensumständen, ihn und seinen Bruder ganz früh verlassen hat. Kukafka legt deutlich dar, wie Packer bereits als Kind durch männliche Gewalt und das Verlassen werden traumatisiert wurde.
Auch wenn Kukafka keine einfachen Antworten auf die Frage nach dem Ursprung der Gewalt vorgibt, bedient sie sich doch öfters einiger Stereotypen und stellt sie gleichzeitig subtil in Frage. Das erzeugt die Reibung.
Packer ist als Figur so angelegt, dass Leser*innen Mitleid, ja fast Verständnis, für seine schrecklichen, unenschuldbaren Taten empfinden können. Das provoziert mich und weckt in mir Widerspruch.
Gleichzeitig macht Kukafka klar, dass Packer eine Wahl hatte, und sich für seine Taten entschieden hat und dafür auch verantwortlich ist.
“Manchmal bist du sicher, dass du nichts anderes bist als der flüchtige Moment zwischen Tun und Nichttun. Handeln oder Harren? Wo liegt der Unterschied? Wo ist die Wahl? Wo verläuft die Grenze zwischen Regung und Regungslosigkeit?”
Zweifellos beherrscht Kukafka die Klaviatur des unterhaltsamen Erzählens und auch wenn mir die emotionalen Beschreibungen und manipulativen Stilmittel manchmal eine Spur to much sind, kann ich mich der Faszination ihres Romans nicht entziehen.
Viele Mechanismen der Täter Rezeption, besonders wenn es um junge weibliche Opfer handelt, erkennt sie und benennt sie auch und verwendet sie gleichzeitig selbst.
“Da draußen existieren unzählige Männer, die Frauen gern Schmerzen zufügen würden, aber die Leute halten Ansel Packer für was Besonderes, weil er es getan hat.”
Alles in allem habe ich „Notizen zu einer Hinrichtung“ sehr gerne gelesen, es hat mich teilweise gezielt provoziert und mit seinem Schluss die volle Bandbreite eines emotionalen Epilogs ausgespielt.
Das war sehr gute Unterhaltung.











