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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Vielschichtiger Roman über Suchende

Taumeln von Sina Scherzant

Das ist mein erster Roman von Sina Scherzant. Ihr Debüt „Am Tag des Weltuntergangs verschlang der Wolf die Sonne“ hatte ich 2023 trotz des vielversprechenden Titels wegen akuter Leseüberlastung ausgelassen. Dafür habe ich jetzt bei ihrem zweiten Roman, verführt durch die interessante Kurzbeschreibung und die vielversprechende Leseprobe, zugegriffen.

Luisas Schwester Hannah ist seit mehr als zwei Jahren verschwunden. Niemand weiß, wo die junge Frau ist und Luisa vermutet, dass ihrer Schwester etwas zugestoßen ist. Doch als die polizeilichen Ermittlungen keinerlei Spuren ergeben, verlaufen die groß angelegten privaten Suchaktionen irgendwann im Sand. Nur ein kleiner, harter Kern von acht Menschen rund um Luisa trifft sich regelmäßig am Wochenende, um weitere Teilabschnitte des Waldes zu durchsuchen.
Nicht der rätselhafte Fall der verschwundenen Schwester, sondern diese Gruppe von Menschen und Luisa selbst steht im Zentrum von Scherzants neuem Roman.

Obwohl die meisten von ihnen Hannah nicht mal kannten, hat jede*r von ihnen seine eigene innere Motivation, an den Suchaktionen teilzunehmen.
Beispielsweise der mittelalte Junggeselle Frank. Er ist vereinsamt, fühlt sich im Leben gescheitert und ist auf der Suche nach sozialen Kontakten und nach einem Daseinszweck.

“Ihr Verlust hat ihm eine Art Hobby beschert und einen Grund, am Samstag aufzustehen, zu duschen, sich einen Kaffee zu machen, obwohl das Lämpchen schon blinkt, obwohl die Maschine entkalkt werden müsste, aber dafür hat er an den meisten Samstagen keine Zeit, denn er wird gebraucht, im Wald, da warten sie auf ihn.”

Die Suchenden wachsen zu einer kleinen Schicksalsgemeinschaft zusammen, die man fast Freundschaft nennen könnte. In Luisas eigenem Leben wurde durch das Verschwinden ihrer Schwester die Stoptaste gedrückt und die Familie schwer und nachhaltig erschüttert. Sie führen ein Leben wie in einem Wartezimmer.

Scherzant greift in ihrem Roman viele Themen auf. Manche wie Depressionen und die Konkurrenz unter Schwestern, werden nur angedeutet. Andere, wie das Thema Einsamkeit, werden stärker ausgearbeitet. Das gelingt ihr meiner Meinung nach gut, auch wenn eine klarere Fokussierung auf weniger Inhalte vielleicht noch stärker gewesen wäre.
Auch literarisch variiert Scherzant mit verschiedenen Stilmitteln, Tempi und Erzählformen, was sehr gut ihr schriftstellerisches Können zeigt, aber in meinen Augen vielleicht auch etwas zu beliebig verwendet wird.
Viele der von ihr verwendeten Bilder und die sprachliche Ausgestaltung finde ich richtig gut, wie beispielsweise der starke und interpretationsoffene Schluss.


Besonders gefällt mir, dass Scherzant zeigt, wie im Alltag viel von der Aufmerksamkeit, die wir unseren Mitmenschen und vor allem den Menschen die wir lieben, widmen sollten, verloren geht. Geht ein Mensch verloren, bekommen diese verschenkten Augenblicke neues Gewicht.

„Taumeln“ ist nicht die Geschichte, wie das Rätsel der verschwundenen Hannah gelöst wird. Es ist vielmehr die vielschichtig erzählte Geschichte von Menschen, die nicht nur im Wald, sondern im Leben auf der Suche sind.

Für mich vielleicht kein Highlight, aber ein interessanter und lesenswerter Roman einer vielversprechenden Autorin und Schriftstellerin.

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Wunderbarer, zeitloser und bittersüßer Liebesroman

Ava liebt noch von Vera Zischke

Ich bin bei Liebesromanen schon wählerisch. Sehr wählerisch. Obwohl ich grundsätzlich nichts gegen eine gut erzählte Liebesgeschichte einzuwenden habe.
Aber da fangen die Probleme schon an. Ich finde viele Liebesgeschichten zu reduziert auf Geschlechterklischees und Rollen, beschränkt auf Rettungsphantasien oder machmal sogar mit toxischen Tropes.

Der Roman von Vera Zischke ist ein lupenreiner Liebesroman, der sich in weiten Strecken gegen klassische Tropes verwehrt, ohne das Genre neu zu erfinden. Mit Ava und Kieran hat Zischke zwei Protagonist*innen geschaffen, die ich zwar durchaus als idealisiert bezeichnen würde, die aber so sympathisch, perfekt unperfekt und lebensecht wirken, dass sie das Herz des Romans bilden.
Ava ist eigentlich eine klassische, frustrierte Hausfrau und Mutter Anfang 40, deren Ehe schon lange lieblos und tot ist und deren Persönlichkeit jetzt auf den Servicemodus für ihre drei Kinder eingeschrumpft ist. Mir gefallen Avas gesellschaftskritische Gedankengänge zum Mutterschaft und Ehe und ich kann ihre Frustration nachempfinden. Allerdings nicht die mangelnden Konsequenzen daraus.
An ihrem Tiefpunkt trifft Ava auf Kieran, den Schwimmlehrer ihrer Tochter. Kieran ist 24, natürlich ein Ädonis und hat seine eigenen Struggles. Sein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und seine Mutter hat danach im Leben nicht mehr richtig Fuß gefasst.
Zischke wechselt zwischen beiden Perspektiven, wobei ich Avas Parts stärker und authentischer finde.
Ava verliebt sich in den wesentlich jüngeren Mann und es stellt sich heraus, dass es Kieran genauso geht. Sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre, die beide neuen Auftrieb im Alltag und das Gefühl lebendig zu sein gibt.
Natürlich lassen die Probleme nicht lange auf sich warten und Ava muss sich bald zwischen ihrem Mann und der Familie und ihrer frischen, jungen Liebe entscheiden…

Was mir an dem Roman besonders gut gefällt ist der lange Zeitraum, über den Zischke ihre Figuren begleitet. Denn nach der Affäre geht das Leben für Ava und Kieran weiter und das Nachbeben dieser Begegnung wird noch Jahre nachhallen.

Wie genau, verrate ich dir natürlich nicht, ich verrate dir aber, dass ich den Roman ziemlich schnell verschlungen habe, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es mit den beiden weitergeht und auch mitgefiebert habe.
In diesem Sinne ist Zischke ein großartiger Roman gelungen, den ich dir bedenkenlos weiterempfehlen kann.

Trotz meines großen Lesevergnügens gibt es von mir dezente Kritik. Für mein persönliches Empfinden sind sind mir manche Szenen und Entwicklungen eine Spur over the top Ich muss einige meiner moralischen Fragen bzgl. Eigenverantwortung und Altersunterschieden in Beziehungen zur Seite schieben, was mir Zischke mit ihren einzigartigen und liebenswerten Figuren erleichtert.
Da ich an das Konzept von perfekt zueinander passender Menschen nur bedingt oder gar nicht glaube, habe ich am Wahrscheinlichkeitsgehalt der Geschichte so meine Zweifel, aber das ist für eine gute Liebesgeschichte kein Ausschlusskriterium.

Wenn du Geschichten wie „Salz auf unserer Haut“, „Die Brücken am Fluss“ oder „Zwei an einem Tag“ mochtest, wirst du bestimmt „Ava liebt noch“ lieben!

Das wunderschöne Cover verspricht nicht zu viel, dahinter steckt ein wunderbarer und empfehlenswerter Liebesroman, der von mir in kürzester und angenehmster Lesezeit verschlungen wurde!

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Unglaublich schmerzhaft und gut!

Die schönste Version von Ruth-Maria Thomas

Dieser Roman war für mich unglaublich schmerzhaft und so gut!

Ruth-Maria Thomas Debütroman hat mich auf einer derart persönlichen Ebene getroffen, dass es mir fast unheimlich ist. Es ist klar, dass ich diesen Roman nicht neutral besprechen kann, sondern meinen Meinung stark eingefärbt ist von der Übereinstimmung zwischen Jellas Gefühlen und meinen eigenen.

Dabei ist Thomas um einiges jünger als ich und auch ihre Romanhandlung ist um diesen Zeitsprung versetzt jünger. Umso erschreckender, wie wenig sich in dieser Zeitspanne an den misogynen Strukturen und der möglichen Erlebniswelt einer jungen Frau geändert zu haben scheint.
Aber halten wir uns nicht viel zu oft an der Hoffnung fest, dass es jetzt oder in Zukunft alles gar nicht mehr so ist wie früher?

Ich rede vom Erwachsenwerden als Frau, vom Leben als Frau und von der Sozialisation als Frau.

Thomas erzählt die Geschichte ihrer Ich-Erzählerin Jella auf zwei Zeitebenen. Im Jetzt ist sie gerade aus der gemeinsamen Wohnung vor ihrem gewalttätigen Freund und ihrer toxischen Beziehung geflohen. In Rückblicken lernen ich Jella als Jugendliche kenne und von ihren ersten (sexuellen) Erfahrungen mit Männern. Es sind keine guten Erfahrungen, werden von ihr aber so hingenommen und als selbstverständlich angenommen. Den Glauben, ihr menschlicher Wert hinge von ihrer sexuellen Verwertbarkeit für Männer ab, hat sie tief internalisiert und wird sie stark für ihr weiteres Beziehungsleben prägen.

Als sich schließlich der intellektuelle Künstlertyp Yannik und sie verlieben, scheint endlich alles anders. Mit ihm, so hofft sei, kann sie „Die schönste Version“ ihrer selbst sein.

Mich beeindruckt vor allem die schmerzhaft authentische und zutiefst komplexe Stimme Jellas. Thomas schont weder ihre Protagonistin noch mich mit unangenehmen, aber ehrlichen Eingeständnissen. Jella ist, wie wahrscheinlich jeder Mensch, weit davon entfernt moralisch perfekt zu sein und kann deswegen trotzdem ein Opfer von physischer und psychischer Gewalt sein.
Ihre Beziehung zu Thomas ist weit entfernt von stereotypen Geschichten von häuslicher Gewalt und der leider immer noch verbreiteten Vorstellung wie das Verhalten eines vollwertigen und schützenswertes weibliches Opfer auszusehen hat.
Ich liebe den Mut und das Können von Thomas, diese ganzen ambivalenten und komplexen Gedanken zu erkunden und zu verschriftlichen.

„Weil in unserer Welt, in Yannicks und meiner, das alles nicht so schlimm war, im Gegenteil, es hat uns geeint.
Unsere Welt war eine intensive.“

Der Roman hat mich sehr betroffen gemacht, bewegt und mich ganz persönlich aus einer düsteren Zeit abgeholt. Allein das macht „Die schönste Version“ zum Highlight für mich, aber auch die Konstruktion, das enorm hohe und ausgereifte literarische Niveau wie auch die detaillierte Beobachtungsgabe von Thomas machen den Roman zu einer dringenden Leseempfehlung für dich!

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Philosophisch komplexer und literarisch ansprechender Pageturner

Das andere Tal von Scott Alexander Howard

Wie findest du Romane übers Zeitreisen?

Ich liebe solche Geschichten und „Das andere Tal“ war für mich ein absolutes Highlight dieses Genres!
Aber bevor jetzt Missverständnisse aufkommen: ich rede hier natürlich nicht von Sci-Fi Ware von der Stange, wie es beim Diogenes Verlag wohl auch kaum zu erwarten wäre.

Nein, wenn ich von einem Highlight des Zeitreise-Genres spreche meine ich hier literarische, philosophische und spannende Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau.
Ich bin schlichtweg begeistert.

Howards Idee ist nicht ganz neu, er verbindet örtliches Reisen mit zeitlichem Reisen. Seine Figuren leben in einem abschlossenen Tal und wenn sie Richtung Osten ins nächste Tal reisen, gelangen sie 20 Jahre in die Zukunft und in Richtung Westen gelangen sie ins gleiche Tal, aber um 20 Jahre zurück in die Vergangenheit.

Damit potentielle Reisende nicht permanent Zeitreise-Paradoxien auslösen, sind die Talübergänge strengstens überwacht und die Reisen in die benachbarte Täler strengstens reglementiert. Nur in seltenen Ausnahmefällen, wenn jemand eine mittlerweile verstorbene Person in der Vergangenheit noch ein letztes Mal sehen will, genehmigt ein Kremium, das Conseil, den Antrag für einen Besuch.
Aber auch dann sind diese Besuche strengstens überwacht um eine Veränderung der Vergangenheit oder gar Begegnungen mit der jüngeren Version von bekannten Personen zu vermeiden.
Ein Platz im Conseil ist die höchste Würde im Tal und nur den moralisch einwandfreisten und geschultesten Personen zugänglich.
Um einen solchen Platz bewirbt sich die 16-jährige Odile, auf Drängen ihrer Mutter hin, die sich eine solche Karriere für ihre Tochter wünscht.
Odile ist von diesem Ehrgeiz überfordert, sie verbringt viel lieber Zeit mit Freund*innen. Nach einer Weile findet sie allerdings Gefallen an den Beispielfällen und den Lektionen des Kurses und sie stürzt sich großer Ernsthaftigkeit in die Vorbereitungen für das Auswahlverfahren…

Die Komplexität und Stimmigkeit, mit der Howard sowohl die Atmosphäre des Tal und seines streng reglementierten Lebens schildert, als auch die psychologische Ausarbeitung seiner Figuren und ihrer Beziehungen, ist wirklich bemerkenswert.
Ich kann die fortschreitenden Desillusionierung und Abwendung vom System eines Mädchens und später einer Frau verfolgen. Ich kann ihre Persönlichkeitsentwicklung nachvollziehen.
Über seinen Roman und über das Thema Zeit legt Howard einen melancholischen, manchmal nostalgischen Filter, der mir ausgesprochen gut gefällt.
Freundschaft, Verrat und Schuld sind der Grundtenor seines ungemein spannenden und hoch entwickelten Plots.
Howard gelingt mit seinem Debüt einen ungeheuer spannenden, aber auch philosophisch komplexen und literarisch ansprechenden Pageturner!

„Das andere Tal“ war für mich ein absoluter Volltreffer und ein glänzendes Highlight in meinem doch recht hohen Verschleiß an literarischen Romanen.

Dringende Leseempfehlung!

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Kurz aber gehaltvoll!

Der ehrliche Finder von Lize Spit

Ich LIEBE die Romane von Lize Spit! Ich liebte die krasse und unglaublich abgefahrene Geschichte von „Und es schmilzt“ und ich liebte die Spannung und die psychologische Tiefe von „Ich bin nicht da“. Jetzt waren diese beiden Roman dicke Wälzer, die sich für den Plotaufbau und die Figurentwicklung viel Zeit nahmen.

Als ich die Seitenzahl von „Der ehrliche Finder“ sah, war ich kurz skeptisch, ob auf dieser Kurzstrecke die Erzählkraft von Spit zur Entfaltung kommt.

Aber jetzt, nachdem ich den Schluss mit Gänsehaut gelesen habe, weiß ich, dass es funktioniert hat.

Als Protagonisten hat sich Spit diesmal einen vorpubertären Außenseiterjungen ausgesucht: Jimmy, der seine Freizeit gerne mit dem Sammeln von Flippo Chips und dem Ausdenken von Fantasiegeschichten verbringt. Dann kommt Tristan in seine Klasse, ein Flüchtlingskind aus dem Kosovo, das neben Jimmy gesetzt wird. Auf den wenigen Seiten skizziert Spit die Kindheit der beiden Außenseiter und die Geschichte einer Freundschaft, die beide über ihre Einsamkeit und Ausgrenzung hinweghilft.

Mir gefällt es sehr, wie unglaublich subtil Spit unterschwelligen Fremdenhass themasiert und wie nuanciert sie die nicht ganz immer reine Gedankenwelt Jimmy beschreibt.
Natürlich braut sich ein Unheil über der Freundschaft zusammen, denn der großen Familie von Tristan droht die Abschiebung…

„Der ehrliche Finder“ ist nicht krass und abgefahren, dennoch gelingt es Spit wieder mit kleinen, eigentlich unspektakulären Alltagsereignissen eine Spannkraft zu erzeugen, die mich immer auf die großen Knall warten lässt, der unweigerlich kommen muss.

Falls du noch kein Buch dieser belgischen Autorin gelesen hast, eignet sich „Der ehrliche Finder“ optimal als Einstieg, denn es lässt sich super in einem Rutsch durchlesen und schließt mit einem intensiven Abgang!

Ich freue mich bereits auf weiteren Stoff von Spit, aber dann hoffentlich wieder in größerer und länger anhaltender Seitenzahl.

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Tiefgründig, philosophisch und komplex

Tremor von Teju Cole

Ich muss „Tremor“ erst eine Weile wirken lasen, bevor ich mir eine Meinung bilden kann. Das ist ungewöhnlich für mich, normalerweise weiß ich sofort, ob ich den Roman mochte oder eben nicht.
Ich weiß, ich mochte „Tremor“, aber ich habe das nicht so angenehme Gefühl, ich habe nur an der Oberfläche dieses vielschichtigen Romans gekratzt.

Denn wie die Spiralen auf dem Cover andeuten, ist die Konstruktion des Textes in sich verschlungen, zieht Schleifen, um am Ende nach einem Streifzug durch die Themen unserer Gegenwart und unseres Menschseins wieder am Ausgangspunkt anzukommen.

Ich bin am Anfang und am Ende des Romans bei Tunde, einem aus Lagos stammenden Intellektuellen, der an einer amerikanischen Universität Fotografie unterrichtet. Gleich in der Eingangsquenze landen Tundes Gedanken immer wieder bei dem fest in der amerikanischen Kultur verankerten Rassismus. Dabei thematisiert Cole nicht nur den aktuellen Rassismus der Modernen sondern greift auch den historischen Rassismus der Einwanderer während der Unterwerfung und Vertreibung der indigenen Völker zurück, der in der amerikanischen Geschichtsschreibung ganz aus der Perspektive der Weißen überliefert ist.
Coles Ausführungen zu dem Thema sind äußerst differenziert, niemals vereinfachend und nehmen mich als Lesende ernst.

„Es gibt jene, die andere versklaven, und es gibt jene, die von anderen versklavt werden. Aber es gibt keine Person, deren Wesen oder wahre Beschreibung Sklave ist.
Menschen können versklavt werden, in dem lebendigen Tod der Sklaverei gefangen sein. Doch das beschreibt nicht, wer sie sind. Es ist etwas Unerträgliches, das ihnen widerfährt oder widerfuhr.”


Im Mittelteil des Romans verlagert sich der Blickwinkel nach Lagos, Nigeria. Hier verliert sich die bereits lose Handlung im einem Multi-perspektivischen Ansatz und Cole zeigt ein Mosaik der nigerianischen Lebensrealität.

Cole zieht ein weiter Schlaufe und weitet seine philosophischen Reflektionen auf das Menschsein im Universellen aus.
Ich kann seinen Ausschweifungen über Film, Kunst und vor allem Musik und deren tieferen kulturellen und politischen Zusammenhänge mangels Kenntnis nicht immer folgen und so ziehen sich einige Passagen für mich in die Länge.

Beim letztendlichen Zirkelschluss über die Relation von menschlichem Leid und die Unberechenbarkeit unseres Daseins kann ich mich wieder einklinken und schließe mich seinen philosophischen Gedankengänge gerne an.

“Das Leben ist nicht nur schrecklicher, als wir ahnen, es ist auch schrecklicher, als wir es ahnen können. Wäre uns wirklich bewusst, wie viele Schiffswracks am Meeresgrund liegen, wir würden niemals wieder unsere Boote besteigen und hinausfahren.”

„Tremor“ war für mich ein äußerst tiefgründiger und exquisit konstruierter Roman, von dessen emotionaler und philosophischer Qualität ich eine kleine Ahnung bekommen habe, die mir in seiner Gänze aber nicht vollkommen greifbar war.

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Ein Blick in die Geschichte Kameruns, umgesetzt in einem gesellschaftskritischen Familienroman

Issa von Mirrianne Mahn

Wenig weiß ich über Kamerun und die Zeit der deutschen Kolonialisierung und des britisch-französischen Mandats des Landes. Ich lese aber sehr gerne Literatur, die mir helfen, meinen Horizont zu erweitern und mir zumindest einen kurzen Blick in andere Realitäten ermöglichen.

Mirrianne Mahns Debüt Roman „Issa“ spielt durchgängig in Kamerun auf verschiedenen Zeitebenen.

In der Rahmenhandlung, die 2006 angesiedelt ist, begleite ich die junge, schwangere Issa auf ihrer Reise ins Land ihrer Kindheit und ihrer Herkunftsfamilie nach Kamerun, wo sie auf Drängen ihrer Mutter hin, mit ihren Großmüttern Rituale für das Ungeborene durchführen will. Es ist auch eine Flucht aus Frankfurt, wo sie sich als Schwarze Frau nie ganz zugehörig gefühlt hat und vor dem Vater ihres Kindes, der sie mit seinen bürgerlichen deutschen Vorstellungen unter Druck setzt. Mit ihrer Mutter, die einen Deutschen geheiratet hat, hat sie sich zuletzt auch noch zerstritten.

Der Aufenthalt in Kamerun ist eine Suche nach ihren Wurzel und nach der Geschichte ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter.

Auf anderen Zeitebenen erzählt Mahn die Geschichten der weiblichen Vorfahren von Issa, die unter der Kolonialherrschaft und unter der männlichen Vorherrschaft kein einfaches Leben hatten. Teilweise sind die Geschichten von Enanga, Marijoh, Namondo und Ayudele schwer zu ertragen, denn sie zeugen von großem Leid, dass menschengemacht ist. Kinderehe, Vielehe, hohe Geburtenrate und Kindersterblichkeit, Mahn, die selbst in Kamerun geboren wurde, spricht eine deutliche Sprache, was diese Worte für Frauen bedeuten können und zeigt anhand der Einzelschicksale, wie die Auswirkungen noch jahrzehntelang generationenübergreifend weiterwirken können.


„Aber wir leben in einer Welt, in der Frauen nun mal dafür da sind, die Probleme von Männern zu lösen. Sie sehen uns nicht als Menschen oder als ebenbürtig an, sondern behandeln uns so, als könnten sie uns nach Belieben verschenken und austauschen.»“

Den schlimmen und leidvollen Erfahrungen, die Issas Groß- und Urgroßmütter machen mussten, stellt Mahn die Solidarität und Verbundenheit unter den Frauen gegenüber. In weiblichen Miteinander finden ihre Figuren Trost, Halt und #Empowerment. Nicht nur in der mütterlichen Linie der Familie sondern auch in dem Zusammenhalt unter Freundinnen liegt eine große Stärke und Magie.

Mir hat diese Mischung aus dem modernen Leben Issas und ihrer Identitätssuche und die Blicke in die Vergangenheit ihrer Vorfahren sehr gut gefallen, aber auch betroffen gemacht. Die Ausbeutung durch weiße Menschen und die Unterdrückung von Frauen durch Männer sind Themen, die noch nicht genügend literarisch erschlossen sind und ich begrüße Mahns Beitrag dazu!

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Spannende und abgründige Unterhaltung!

Die erste Attacke von Jakob Pretterhofer

Was ist denn ein „Bobo-Psychothriller“, frage ich mich unwillkürlich, als ich die Kurzbeschreibung zu „Die erste Attacke“ las. Meine Assoziationen bei dem Begriff sind auf jeden Fall positiv und auch der beschriebene Inhalt klang äußerst vielversprechend.

Und mir wurde nicht zu viel versprochen, ich bin von Pretterhofers Roman sehr, sehr angetan!
Keine Wunder, denn sein Thema und Setting passt perfekt auf meine eigene Lebenssituation.

Pretterhofers Protagonist und Ich-Erzähler ist junger Vater zweier Kinder und macht mit seiner Frau und zwei befreundeten Familien ein paar Tage Urlaub auf einer Selbstversorger-Hütte. Das habe ich selbst auch schon gemacht und weiß daher, dass von einem solchen Szenario keine wirkliche Erhohlung zu erwarten ist.
Aber anfangs scheint es so, dass er Erzähler, genauso wie die anderen Familien und ganz anders als ich, die Familiensituation perfekt beherrscht.
Ihre Familien funktionieren durch Rituale und eine sehr hohe Gesprächsbereitschaft und gegenseitigen Verständnis ganz wunderbar und wie aus dem Bilderbuch. Die Kinder dürfen sogar einmalig Limonade bestellen, schließlich ist Urlaub.

Dass die Urlaubsstimmung natürlich nur von kurzer Dauer ist, ist klar, schließlich lese ich einen Bobo-Psychothriller! Und richtig, aus den kleinere morbiden Andeutungen eines lauernden Unheils, werden ausgewachsene konkrete Alpträume, die die Nachtruhe stören.
Die Kinder fangen tags darauf mit merkwürdigen und bedenklichen Spielen an, die Ehepaare streiten sich untereinander und miteinander und plötzlich sind auch noch die Autoschlüssel weg.

Ich liebe diese entlarvende Eskalation, die nicht nur in den äußeren Handlungen stattfindet sondern auch in den Gedanken des Erzählers.
Besonders wird die Geschichte durch das sehr geschickte Einsprengseln von surrealen Gruselelementen, die den Roman zu einem wunderbaren und ungewöhnlichen Genre-Mix machen.

Für mich beschreibt Pretterhofer hauptsächlich dieses unheimliche und beängstigende Gefühl von Kontrollverlust, der mit Elternschaft zwangsläufig einhergeht, es gibt aber bestimmt auch noch andere Deutungsansätze.

Nach Beenden des kurzen Roman hat sich mein Anfangsgedanke über den Ich-Erzähler von „Alta, du hast dein Leben im Griff“ ins komplette Gegenteil gedreht.

Für diesen Roman und diese tolle und abgründige Unterhaltung muss ich einfach eine Leseempfehlung aussprechen! Der einzige Kritikpunkt wäre vielleicht die Länge, die mit nur 143 Seiten fast ein zu kurzes Vergnügen bietet.
Dass mir die Farbgestaltung des Covers unheimlich gut gefällt, möchte ich noch einmal extra betonen!

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Empfehlenswert und aufregend!

Eskalationsstufen von Barbara Rieger

Warum geht sie nicht einfach? Warum lässt sie sich das gefallen? Ich würde ja einfach abhauen!

Ja, einfach.
Von außen sieht es immer so einfach aus. Einfach gehen, oder noch besser, einfach gar nicht erst so eine Beziehung anfangen.

Wir sprechen von gefährlichen, gewaltvollen Beziehungen. Nicht nur körperliche Gewalt sondern auch psychische Gewalt wie emotionale Erpressung, Manipulation und Gaslighting.

Ein hartes aber wichtiges Thema das Rieger für ihren neuen Roman gewählt hat, denn nicht nur in Österreich und Deutschland, sondern weltweit werden Männer* gegenüber ihren (Ex-)Partner*innen gewalttätig bis hin zum Femizid. Die Dunkelziffer ist bei Gewalt in Beziehungen besonders hoch.

Riegers Protagonistin Julia ist eine liebenswerte, junge Frau, die gerne zeichnet und beruflich sehr engagiert ist. Sie hat einen kleinen Freundeskreis und eine lockere und offene Fernbeziehung, deren Unverbindlichkeit sie bewusst genießt.
Als sie bei einer Vernissage den Maler und Künstler Joe trifft, ist sie elektrisiert. Das sofortige Interesse des souverän wirkenden Mannes schmeichelt ihr und die immense körperliche Anziehung macht es ihr leicht, auf Joes Annäherungsversuche einzugehen.
Nicht zufällig erinnert mich der Beginn der Liebesgeschichte von Julia und Joe an die toxischen Narrative mancher beliebter spicy Romancegeschichten.

Der Mann mit der gequälten Seele und der tragischen Vergangenheit, der nur mit der wahren Liebe einer reinen Frau gerettet werden kann.
All das trifft auch auf Joe und Julia zu. Aber was in einer Geschichte und in der Phantasie vielleicht noch einen gewissen Reiz hat, entpuppt sich im echten Leben oft als Ausgangspunkt für eine toxische Beziehung.

Julia spürt auch bald, dass ihre Beziehung zu Joe nicht gesund ist und nicht auf Augenhöhe stattfindet, doch da greift bereits ihre psychische Abhängigkeit zu Joe. Die nächsten Eskalationsstufen sind schnell erreicht.

Rieger schildert Julias Gedankengänge konsequent und psychologisch nachvollziehbar aus der Ich-Perspektive. Das lässt mich ihre Geschichte besonders gegen Ende atemlos und intensiv miterleben.

Der Titel „Eskalationsstufen“, wie auch die Einteilung der Kapitel, orientieren sich am 8-Stufen-Model einer Risikobeziehung von Jane Monckton Smith, wie in ich in Riegers Anmerkungen nachlesen kann. Durch diesen Aufbau bekommt der Roman etwas modellhaftes, konstruiertes, was mich aber nicht stört.
Vielmehr können Roman wie „Eskalationsstufen“, oder auch das geniale „Malus“ von Simone Hirth, helfen, diese Muster bekannter zu machen und zu verdeutlichen, dass Betroffene Gewalt durch ihre (Ex-) Partner durch ihr Verhalten nicht „einfach“ verhindern können.

Eine kleine Kritik gibt es für die Kurzbeschreibung, die im Gegensatz zum gelungenen Klappentext meiner Meinung nach schon zu viel, oder besser gesagt eigentlich alles vom Inhalt vorweg nimmt.

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Perfekter, gesellschaftskritischer und literarischer Abenteuerroman

Trophäe von Gaea Schoeters

Spannend as hell, berauschend und nicht mehr aus der Hand zu legen. So muss ein guter Roman.
„Trophäe“ hat all diese Eigenschaften und noch ein paar mehr. Zu der sogerzeugenden Story addieren sich gesellschaftskritische Ansätze und ein Blick in die Seele des Archetypen des weißen Mannes.

Besagter weiße Mann ist einer von Schoeters Protagonisten und heißt Hunter White.

Hunter White!?! I mean….

Dieser Name in einem Roman über Jagd, Afrika und weiße Allmachtsfantasien ist Program.

„Denn nur er, Hunter, und niemand anderes, steht ganz oben in der Nahrungskette.“

Schoeter lässt ihren Roman in einer nicht näher genannten Gegend von Afrika spielen, in der es eine artenreiche Savanne gibt. Der Amerikaner Hunter White ist ein passionierter Jäger und reist regelmäßig in das Gebiet um seltene Tiere zu schießen und die Trophäen zu Hause seiner Trophy-Wife zu übergeben.
Da er über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, ist der Erwerb von Jagdlizenzen, selbst der seltensten Tiere, wie Nashörner, für ihn kein Problem.
Das Land und die Naturreservate verdienen an den seltenen und teueren Jagdlizenzen gutes Geld, das wiederum in den Schutz von seltenen Tieren investiert werden kann.
Das ist natürlich nicht die einzige ethische Fragestellung, die Schoeters in ihrem bereits preisgekrönten Roman aufwerfen wird. Es geht ans Eingemachte und nicht nur Hunter, sonder auch ich als Leser*in werde nah an die Grenze von Gut und Böse geführt, als sein Jagdorganisator Van Heeren ihm eine ganz spezielle Beute anbietet…

Eine Jagd auf Leben und Tod beginnt und ich verfolge sie atemlos!

„Die Befriedigung liegt nicht so sehr im Töten, sondern in der Unterwerfung der Beute: in der Bestätigung unserer Vorherrschaft über alles andere Leben.“

Diese Jagdszenen sind mit die actionlastigsten und spannendsten, die ich in letzter Zeit gelesen habe! Das ist für mich Abenteuerliteratur in besten Sinn des Wortes. Hart, dramatisch und gnadenlos.
In dieser Hinsicht erinnert mich Schoeters Roman an „Nordwasser“ von Ian McGuire, ebenfalls ein perfekter, fesselnder Abenteuerroman.

Schoeters bedient gleichzeitig das Klischee von der geläufigen Vorstellung von Afrikanischer Wildheit und druchbricht es. Es ist ein schmaler Grat, keine Vorurteile zu reproduzieren, sondern sie durch Übertreibung offenzulegen, was Schoeters in meinen Augen gelingt.

Klar, dass es nach all der Aufregung von mir eine deutliche Leseempfehlung für diesen Roman gibt, und zwar uneingeschränkt!

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