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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Soghafter und poetischer Entwicklungsroman

Die imaginäre Nacht von Hugo Lindenberg

Der französische Autor Hugo Lindenberg überraschte 2023 mit seinem preisgekrönten Debütroman „Eines Tages wird es leer sein“ , den ich jetzt auch noch sehr gerne lesen möchte.
Denn sein zweiter Roman „Die imaginäre Nacht“ überzeugt mich mit seiner melancholischen Stimmung und seiner glasklaren Prosa.

“Die Zeit war vor fünfzehn Jahren in Aufruhr geraten, als der Sieben-Uhr-Zug über den Körper meiner Mutter fuhr. Um von ihrem Tod nichts zu wissen, führte ich mein Leben in der Vergangenheit.”

Die Mutter des jungen, erwachsenen Ich-Erzählers hat sich umgebracht, als er 6 Jahre alt war. Dass der Tod der Mutter ein Suizid und nicht etwa Unfall war, erfährt er erst als junger Erwachsener und es stellt seine ganzes Dasein in Frage.
Seine Kindheit und Jugend ohne Mutter waren schwierig und jetzt als Erwachsener ist er ziemlich lost.

In dem Versuch diesen Schmerz und seine Hilflosigkeit zu entdecken, beginnt er durch die Pariser Nacht zu streifen. In Clubs und bei Begegnungen lässt er sich treiben, traut sich seinem Begehren nachzugeben und seine Sexualität auszuloten.
Doch dem Kern seiner Trauer kann er nicht entfliehen.

Ihn quälen Fragen zum Leben und zum Tod seiner Mutter. Der Erzähler beginnt mit Menschen zu sprechen, die seine Mutter kannten, um ihr näher zu kommen.

Die Kurzbeschreibung nennt den Roman einen „schwindelerregender Entwicklungsroman, sinnlich und fieberhaft“ . Auch ich werde beim Lesen von dieser atmosphärischen Stimmung erfasst, die Lindenberg so meisterhaft zu erzeugen weiß.
Viele Sätze laden mich zum Nachdenken ein und versetzen mich in die Lebenswelt des Erzähler, in dem alles noch möglich ist, alles noch imaginiert werden kann.
Ist das eine Last oder ein Geschenk?

“Manchmal wäre ich gerne schon alt, um mir die Unsicherheiten der Existenz zu ersparen.”

Ich fand den Roman auch sprachlich sehr besonders, den die Erzählstimme spricht klar und poetisch, nüchtern aber doch gefühlvoll.
Und nach der langen Nacht erwartet mich am Ende ein kathartischer Schluss, der mir sehr gut gefällt.

Ich fand „Die imaginäre Nacht“ ist ein Roman, für den es die richtige Stimmung braucht um sich darauf einzulassen und der vielleicht nicht in jede Lebens- und Lesesituation passt.

Aus dem Französischen von der preisgekrönten Übersetzerin und Autorin Lena Müller, die bereits „Eines Tages wird es leer sein“ übersetzt hat und die selbst mir „Restlöcher“ bereits einen Roman veröffentlich hat.

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Aufregender und sehr empfehlenswerter Debütroman

Familienkörper von Michèle Yves Pauty

“Meine Mutter nimmt am Morgen Blutdrucktabletten gegen den Bluthochdruck, Magenschutztabletten gegen das Sodbrennen, Tabletten gegen die Fettleber und Wassertabletten wegen der Wassereinlagerungen in den Füßen und im Gewebe.”

Die Mutter des erzählenden Ichs in dem Roman „Familienkörper“ ist chronisch krank.

Und nicht nur die Mutter. Auch die Großmutter und die beiden Schwestern haben immer wieder verschiedene Beschwerden, Krankheiten und Allergien.

Nur die Ich-Erzählerin wächst gesund auf. In „Familienkörper“ spürt die österreichische Autorin Michèle Yves Pauty der Geschichte einer Familie nach, deren Frauen in drei Generationen von Medical Gaslighting betroffen sind.
Immer wieder wird ihnen von Ärtzen nicht richtig zugehört, sei werden nicht ernstgenommen, ihre Symptome und Beschwerden werden auf psychosomatische Ursachen reduziert.
Teilweise mit fatalen gesundheitlichen und psychischen Auswirkungen.

Yves Pauty versucht Worte zu finden und zu verschriftlichen, welche Zusammenhänge zwischen Sexismus und Misogynie und dem Umgang mit Frauen in der Medizin bestehen und welchen konkreten Auswirkungen das in ihrem Leben haben kann.
Auch Herkunft, Klasse und Bildung sind Faktoren, die die Gesundheit von Frauen beeinflussen und wie sie sich im Gesundheitssystem positionieren können.

Dabei ist „Familienkörper“ kein Sachbuch sondern ein Roman, der stark autofiktional wirkt, aber gleichzeitig mit dieser Vorstellung bricht. Die Lebenswege von Großmutter, Mutter und Schwestern der Ich-Erzählerin sind gleichzeitig individuell und auch typisch für die Generation, der sie angehören.

„Ich schreibe die Verletzung aus unserem Familienkörper. Nehme den Schmerz und wandle ihn zu Wörtern, die außerhalb von uns stehen, die zu vielen werden."

Schwierige Schwangerschaften und Geburten, Beckenbbodenprobleme, Autoimmunerkrankungen, Lebensmittelunverträglichkeiten, Endometriose, Essstörungen…
Die Liste könnte hier noch weiter fortgesetzt werden.

Nur ganz allmählich und viel zu spät und zu langsam erkennt die Medizin an, dass
Frauenkörper im Laufe ihres Lebens nicht nur besonderen gesundheitlichen Herausforderungen ausgesetzt sind, sondern dass sie auch andere Symptome als Männerköper auf die gleichen Krankheiten zeigen können.
Genauso wie in vielen anderen Bereichen gilt auch in der Medizin der Mann* als Standard und die Frau* als Abweichung.

Medical Gaslighting ist ein Thema, das mich (leider) seit Jahrzehnten begleitet, das mir sehr bewusst ist und das mich sehr aufregt. Und wie ich aus dem Austausch mit Freundinnen und lieben Bookies weiß, vielleicht auch dich.

“Wo sind die Tränen, der Schmerz, die Wut, die Enttäuschung, das Blut und die Worte dafür?”

Ich lese die Worte dafür in „Familienkörper“ und ich fühle mich ein bißchen getröstet, dass Yves Pauty es versucht und diese Worte gefunden hat.
Und gleichzeitig hat mich der Roman auch aufgeregt und traurig und wütend gemacht angesichts der Geschichten des „Familienkörpers“, die so auch in meiner Familie hätten passieren können, die so passiert sind und die so immer noch passieren.

Für mich war das ein sehr starker Roman, der es mir zwar anfangs mit seinen verschiedenen Erzählperspektiven und mit der nur grob chronologischen Erzählweise schwer gemacht hat, mich aber später umso stärker emotional abgeholt hat.

Keine Frage, falls du dich für das Thema interessierst, ist „Familienkörper“ eine große Empfehlung für dich.

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Lesenswerter Einblick in die Gedankenwelt und das Leben von Phil Dick

Ich lebe und ihr seid tot von Emmanuel Carrère

Wer war Phil Dick?
Philip K. Dick, der oft auch unter Psydonymen veröffentlichte, war ein bekannte US-amerikanischer Science Fiction Autor, der immense viele Romane und Erzählungen veröffentlicht hat.
Du bist mit seinem Werk bestimmt auch schon in Berührung gekommen, zumindest wenn du die Filme „Blade Runner“ oder „Total Recall“ kennst, die auf Geschichten von ihm basieren.

Auch der Mega Blockbuster „Matrix“ und seine Prequels basiert auf seinen Ideen.
Phil Dick kann als einer der großen Ideengeber für futuristische und philosophische Film-und Fernsehproduktionen gesehen werden.

Wer aber war Phil Dick wirklich? Woher bezog er seine Ideen, wie hat er gelebt und wie sah seine Glaubenswelt aus?

Der französische Journalist und Schriftsteller Emmanuel Carrère, den ich seit seiner Gerichtsreportage „V13 - Die Terroranschläge von Paris“ sehr bewundere, hat über diesen Menschen und sein Umfeld ein Buch geschrieben, das er selbst als Romanbiografie definiert. Ich persönlich finde, das Buch hat mehr einen Sachbuchcharakter, auch wenn Carrère einzelne Passagen aus Dicks Leben und Werken mit fiktionaler Freiheit erzählt.
Das Krasse ist, dass das Buch in Frankreich bereits 1993 erschien und jetzt nach 32 Jahren (!!!) ins Deutsche übersetzt wurde. Das spricht für eine ungebrochen Faszination und einem Interessse an Phil Dick und seinen Fantasiewelten. Aber auch für die Kunst und das Talent von Carrère, denn beim Lesen dieser zeitlosen Biografie macht das Erscheinungsjahr keinen Unterschied.

Carrère erzählt Dicks Leben chronologisch und beginnt mit seinem ersten einschneidenden und prägenden Ereignis nach seiner Geburt. Und das ist der Tod seiner nur wenige Monate alten Zwillingsschwester Jane unter tragischen Umständen. Dick wird Zeit seines Lebens von einer Art Parallelexistenz besessen sein, vom Glauben an eine Art gespiegelten Leben, das in den Erzählungen vom Tod seiner Schwester seinen Anfang nahm.


Dick wächst in Berkeley, damals die rote Hauptstadt der USA und in einem von marxistischem Dialekt geprägten Umfeld, obwohl er als junger Erwachsener als Reaktionär gilt. 1952 veröffentlicht er seine erste Erzählung.

Anfang der 60er entdeckt er die Pforten der Wahrnehmung.
Es ist die Zeit der Bewusstseinserweiterung, die Ära von Huxley, LSD und Meskalin.

„Lovecraft hatte gewarnt: Wenn wir alles wüssten, würden wir vor Entsetzen wahnsinnig werden.“



In den Werken von Phil Dick, der manchmal als Drogen-Autor beschrieben wurde, geht es viel um das Erkennen der „echten“ Wirklichkeit, sie sind demaskierend und desillusionierend und in der Handlungsführung mit komplexen und spannenden Aufbau.

Dick wurde viel von den spirituellen Strömungen seiner Zeit geprägt, so befragte er zeitweise regelmäßig das I Ging, nicht nur für sein eigenes Leben sondern auch für die Weiterführung der Handlung in seinen Romanen.

Oft habe ich mich beim Lesen gefragt, wie wohl die Entwicklungen unserer heutigen Zeit gerade im Bereich Künstliches Bewusstsein und Intelligenz auf Phil Dick gewirkt hätten. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, dass die Übersetzerin Claudia Hamm in einer Anmerkung von 2025 kurz darauf eingeht.

Sie erwähnt auch, dass in Übereinstimmung mit Carrère einige Kürzungen vorgenommen wurden, was ich sehr begrüße, denn ich kann ich nicht leugnen, dass das immer noch 360 Seiten umfassende Buch für mich einige Längen aufwies und das Lesen einige Zeit in Anspruch nahm.

Dennoch war „Ich lebe und ihr seid tot“ für mich eine sehr bereichernde und informative Lektüre war, die mir gut gefallen hat. Carrère gibt mit Phil Dicks Biografie nicht nur Einblicke in eine spannende Zeit in den USA, als vieles im Umbruch war, sondern auch in eine Gedankenwelt, die sowohl visionär als auch verwirrt war.

Oder um es mit Phil Dicks Worten zu sagen:
„Es ist manchmal eine angemessene Reaktion auf die Realität, verrückt zu werden.“

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Das Portrait einer Beziehung am breaking point - einfühlsam und lesenswert

Zehn Bilder einer Liebe von Hannes Köhler

Es gibt Bücher, da finde ich das Cover so ansprechend, dass ich sie unbedingt lesen will. Das Cover von „Zehn Bilder einer Liebe“ ist so eines. Es zeigt zwei verschlungene Menschen und es ist nicht klar erkennbar, ob sie gerade kämpfen oder sich umarmen. In Verbindung mit dem Titel ist das für mich eine vielversprechende Kombination.

Und Hannes Köhler lässt in seinem vierten Roman sein Liebespaar David und Luisa eine massive Krise durchlaufen, so dass beide nicht mehr wissen, ob sie sich noch lieben, oder schon gegeneinander kämpfen. Oder beides.

David und Luisa werden ein Liebespaar, als beide schon Beziehungen hinter sich haben und die etwas ältere Luisa hat bereits eine Tochter.
In 10 Bildern oder Kapiteln erzählt Köhler die Geschichte der beiden, beginnend von ihrer allerersten Begegnung und ihrer Vergangenheit und kommt dabei immer wieder auf ihren aktuellen großen Tiefpunkt zurück.

Der stellt sich ein, als in David der Wunsch nach einem eigenen gemeinsamen Kind mit Luisa aufkommt. Er hat Angst sich mit ihrer Tochter Ronya zu sehr zu verbinden und sie nach einer möglichen Trennung komplett zu verlieren. Im Laufe des Romans merkt er allerdings, dass diese Distanz zu Ronya im täglichen Zusammenleben nicht aufrecht zu erhalten ist.
Auch Luisa ist bereit für ein gemeinsames Kind mit David, wenn auch vielleicht nicht genauso begeistert. Doch der Kinderwunsch der beiden erfüllt sich nicht ohne Weiteres.

Die missglückten Versuche in der Kinderwunschklinik und der unerfüllte Kinderwunsch stürzen David in eine schwere Krise und erschüttern sein Selbstverständnis und die Beziehung.

Mir gefällt es sehr gut, wie sensibel Köhler mit diesem emotionalen Thema umgeht und den Kinderwunsch nicht zum alleinigen Grund für die Probleme von David und Luisa macht.
Denn hinter dem Kinderwunsch stecken eine ganze Reihe von komplexen und zum Teil nicht eingestandener Wünsche und tief verankerte Glaubenssätze über Familie. Köhler legt diese Verbindungen offen und hat mit Davids und Luisa zwei wunderbare vielschichtige Protagonist*innen geschaffen, deren Liebe und Persönlichkeit authentisch und nahbar ist.

Durch den Kinderwunsch des Paares materialisieren sich auch ihre alte Rollenbilder, die oft immer noch in auch in die moderne Beziehungen von David und Luisa einwirken.


“All diese Modernis, dachte sie, die sich Feministen nannten, von Equal Pay und gleichberechtigter Partnerschaft quatschten, zeigten ihr wahres Gesicht, wenn die Kinder mit unerbittlicher Härte das Dasein forderten, einen Körper, auf den sie rotzen, kotzen und scheißen konnten.”

Ebenfalls sehr gelungen finde ich wie „Zehn Bilder einer Liebe“ hinterfragt, was Familie jenseits von Trauschein heute eigentlich bedeuten kann und verhandelt ihren eigentlichen Wesenskern.

“Sie hasste das Wort Familie. Familie war Zwang, war Blut und Genetik, war Schweigen, schlecht versteckte Abneigung. Aber das, dieser Mischmasch aus ihnen dreien, das war etwas, für das ihr ein besseres Wort fehlte, etwas, auf das sie das alte, verfluchte Wort vorsichtig setzen konnte, ohne dass es sich nach Ersticken anfühlte. Einzeln sein und doch etwas Gemeinsames.
Aber weil man es wollte, nicht weil man musste.”

Hannes Köhler schreibt sowohl aus Davids als auch aus Luisas Perspektive und ich finde beide Gedankenwelten gleichermaßen gelungen und nachvollziehbar. Er zeigt in den zehn Bildern nur einen Ausschnitt ihrer gemeinsamen Geschichte und ich hätte die Geschichte des Paares gerne noch ein bißchen weiter in die Zukunft verfolgt.

Aber der Schlusspunkt ist gleichzeitig auch perfekt gesetzt, weil er so meiner eigenen Phantasie überlässt, wie es mit den beiden weitergeht. Und das warme Gefühl mit dem ich den Roman nach dem Beenden weglege, lässt in mir keinen Zweifel an meiner persönlichen Zukunftsversion für die beiden.

Das Cover versprach einen wunderbaren Roman und hat mich nicht getäuscht. Zehn Bilder einer Liebe hat mir sehr gut gefallen und sorgt dafür, dass ich den Schriftsteller Hannes Köhler auf meiner Watchlist behalten werde.

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Berührend und echt

Trocken von Daniel Wagner

Mittlerweile habe ich einige autobiografische Bücher zum Thema Alkoholismus gelesen, erst vor kurzem „Rausch und Klarheit“ von Mia Gatow.

Auch in „Trocken“ erzählt der Autor Daniel Wagner von seiner Sucht, aber es ist ein bisschen anders. Wagner verzichtet auf eine gesellschaftliche, soziale und/oder eine geschichtliche Einordnung von Alkoholismus.

Auch zum Thema Alkoholkonsum und Gender wirst du hier keine Einlassungen finden.

Wagner erzählt kompromisslos und ehrlich von seinem Erleben der Sucht und von seinem Kampf gegen die Krankheit. Er beschreibt einen typischen Tag am Tiefpunkt seiner jahrelangen schweren Alkoholsucht und dieser Tag macht mich tief betroffen und traurig. zu diesem Zeitpunkt hat Wagner längst den Punkt erreicht, an dem er Alkohol schon gleich nach dem Aufstehen und zum klar denken und funktionieren braucht.
Aber von klar denken und funktionieren, wie wir es uns vorstellen, kann keine Rede mehr sein. Wagner braucht einen Pegel von 3 Promille um seinen Suchtdruck zu befriedigen.
Wagner ist der taumelnde und ungepflegte Alkoholiker, der dich auf der Strasse anpöbelt oder der betrunken in einer Hecke liegt.
Sein Selbsthass und seine Verachtung sind grenzenlos und dagegen hilft nur wieder noch mehr Alkohol.

“Mehrmals täglich bringt mich die Diskrepanz zwischen Sucht und Sehnsucht an meine Grenzen. Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression.”

Lange sieht es so aus, als würde Wagner den Kampf gegen die Sucht verlieren. Er ist suizidal. Jeder Lebenswille wurde von dem „Monster“, wie seine Krankheit auch nennt, aufgezehrt.

Schonungslos und erschreckend beschreibt Wagner, was er alles an die Sucht verloren hat. Ihm fehlen ganze Lebensjahre, die er der Sucht geopfert hat, Freundschaften und Beziehungen hat er dadurch zerstört, dass immer der Alkohol an erster Stelle stand. Und am allermeisten hat er sich selbst geopfert und zerstört.


“Aber das war es mir wert.
Und im Wesentlichen beschreibt, was ich da erlebt habe, das Wesen einer Sucht.

Sich selbst zu opfern, um sich lebendig zu fühlen.”


Im Kapitel „Dieses Buch“ schreibt Wagner wieviel ihm das Schreiben abverlangt hat. Er beschreibt seine Bemühungen und Schwierigkeiten, mental in diese dunkle Zeit seines Lebens zurückzukehren. Von seinem Wunsch, wahrhaftig und echt zu schreiben. Und ich kann das beim Lesen fühlen. Es fühlt sich echt an und auch unendlich traurig. Mein Mitgefühl für den Erzähler am Tiefpunkt seiner Krankheit ist grenzenlos.

Und obwohl Wagner sicher keine pädagogische oder politische Agenda verfolgt, prangert er das Selbstverständnis an, mit dem die Droge Alkohol in unserer Gesellschaft kulturell verankert ist und selbst starker Konsum aus Profitgier normalisiert und gefördert wird. Das gilt für Österreich genauso wie für Deutschland. In dem Bundesland, in dem ich wohne, ist betreutes Trinken ab 14 Jahren legal erlaubt.

Daniel Wagner hat für mich in seinem intimen ersten Buch „Trocken“ seine Alkoholsucht und seinen Kampf erlebbar gemacht und mich damit sehr berührt. Auch literarisch zeigt Wagner mit seinem authentischen Text in seiner Verletzlichkeit und Direktheit eine große Qualität. Das Buch war für mich ein Highlight.

Ich hoffe sehr, dass Wagner seine schriftstellerische Arbeit fortsetzt und ich noch weitere Bücher aus seiner Hand lesen kann.

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Unterhaltsamer Eheroman aus den USA der 50er

Es geht mir gut von Jessica Anthony

Eine Frau zieht sich einen alten, verschlissenen Badeanzug an und steigt in den Pool ihrer Wohnanlage.
Ihre Ehemann will zum Golfspielen und ärgert sich, weil er sich um die beiden Söhne kümmern muss. Er fordert seine Frau auf, aus dem Pool zu kommen.
Aber das tut sie nicht.
Auch als der Mann wieder vom Golfspielen zurück ist, schwebt seine Frau immer noch schwerelos im Pool….

Das ist so in ungefähr die Ausgangslage von Jessica Anthonys viertem Roman (und dem ersten, der ins Deutsche übersetzt wurde).
Mir hat dieses ziemlich schmale Kammerspiel einer Ehe ziemlich gut gefallen. Gut, ich liebe amerikanische Literatur und das in den 50er Jahren angesiedelte Setting gibt mir ähnliche Schwingungen wie „Zeiten des Aufruhrs“ von Richard Yates. Wobei, vielleicht nicht ganz. Yates ist wesentlich nihilistischer und düsterer.

Jessica Anthony ist nicht so düster, aber auch bei ihr ist die Ehe ein Ort der Lügen und des Scheins und das Leben eine stetiges Zerplatzen von Illusionen und Träumen.

Ihr Ehepaar Kathleen und Virgil ist seit 9 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Kathleen weiß, dass sie wieder schwanger ist, als sie in den Pool steigt. Beide Ehepartner haben ihre Geheimnisse und unausgesprochenen Verfehlungen.
In ihrer Ehe haben beide schon einige Träume hinter sich lassen müssen, was Anthony in Rückblicken zeigt. Kathleen hätte die Möglichkeit gehabt, professionelle Tennisspielerin zu werden, hat sich aber für eine Ehe mit Virgil entschieden. Für Virgil habe sich seine beruflichen Ambitionen nicht erfüllt und auch das Saxophon spielen, von dem er träumt, hat er nie gelernt. Wobei das Instrument stellvertretend als Symbol für einen ganz anderen Lebensentwurf steht.

Anthony wechselt sehr geschickt zwischen den beiden Perspektiven der Ehepartner, die im Erzählstrang der Gegenwart perfekt ineinander greifen. Gerade gegen Ende baut sich so bei mir eine große Spannung aus. Und ich bin auch ein bißchen überrascht, für welchen Schluss sich Anthony letztendlich entschieden hat.

Ob der Roman wirklich das Unmögliche schafft und mir etwas Neues über die Ehe erzählt, wie Kate Christensen auf dem Cover blurbt, weiß ich nicht, weil ich sowieso keine Ahnung von Ehe habe.
Aber ich weiß, dass mich „Es geht mir gut“ ziemlich gut unterhalten und erfreulich mein Kopfkino bedient hat.
Für mich reicht das, um den Roman als gutes Buch zu bewerten.

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Aufregend und kreativ: american literature

Die schönere Lüge von Dana Spiotta

Groß war meine Freude, als ich in der Vorschau des Kjona Verlags nach „Unberechenbar“ den neuen Roman von Dana Spiotta entdeckte!

Jetzt weiß ich, dass es sich nicht wirklich um „den neuen Roman von Dana Spiotta“ handelte, sondern nur um „einen Roman“ von Dana Spiotta, der bereits 2016 in den USA erschienen ist, und jetzt neu bei uns auf Deutsch verlegt wird.

Mir gefiel „Unberechenbar“ schon recht gut. Ich mochte diesen very american style Spiottas, ihre großartige Art zu erzählen. Der Plot, well, war kein Highlight.

„Die schönere Lüge“ allerdings, war ein Highlight für mich. Ich liebte den ganzen Roman! Es könnte aber sein, dass mein Empfinden wirklich ein sehr individuelles ist und du denn Roman nicht zwangsläufig mögen wirst.

Denn der Plot könnte auch in diesem Roman wieder die Schwachstelle betrachtet werden.
Mich erinnert Spiotta Stil in „Die schönere Lüge“ sehr stark an Lionel Shriver, die ich erst kürzlich in meinem blog mit „Die perfekte Freundin“ vorgestellt hatte. Ich beziehe mich damit vor allem auf Spiottas und Shrivers Kreativität, die Beschäftigungen und Arbeiten ihrer Figuren derart detailliert und komplex auszuarbeiten, dass es eigenen Geschichten und Kunstwerke in sich sind. 
In „Die schönere Lüge“ sind es vor allem die Filme und Projekte, mit denen sich die Freundinnen Meadow und Carrie im Laufe der Zeit beschäftigen.
Die Freundschaft der beiden Frauen und deren Entwicklung zieht sich wie ein rotes Band durch den Roman, ohne dass sie dabei zu viel Raum einnimmt.

Aber auch die Nebenfigur Jelly ist so gut ausgearbeitet, dass ich nicht mehr von einer Nebenfigur sprechen will. Ihre Geschichte ist für mich fast das Herzstück des Romans, der von einer oberflächlichen Welt in der Filmbranche erzählt, in der der male gaze der entscheidende Fokus ist.

Die Kurzbeschreibung führt meiner Meinung nach ein bißchen in die Irre, indem sie eine #metoo Geschichte andeutet und unnötig dramatisiert. Natürlich gibt es Drama, aber das ist von der subtileren und vielschichtigen Art. 

Spiottas Gesellschaftskritik an unserer Lust auf Sensationen, Skandalen und Verschwörungen  ist unterschwellig und manifestiert sich in ihrer Figur Meadow und ihren Filmprojekten. Der deutsche Titel „Die schönere Lüge“ deutet an, dass es sich bei einer guten unterhaltsamen Geschichte nicht unbedingt um die Wahrheit handeln muss. Und dass vielleicht jemand den Preis für die Lüge zahlen muss. Und auch der englische Titel „Innocents and others“ spielt auf diesen Subkontext an.

Formal ist der Roman in verschiedenen Erzählstilen gehalten. Spiotta mischt Zeitungsartikel und auktoriale Erzählung aus verschiedenen Perspektiven und zaubert so ein Tableau aus verschiedenen Geschichten und Blickwinkeln. Das bringt Abwechslung und auch eine gewisse Spannung.
Für mich war „Die schönere Lüge“ ein richtig großartiger Roman, der meine Lesevorliebe für american literature perfekt bedient hat und der trotz seines Erscheinungsjahres in keinster Weise nicht aktuell oder gar altmodisch gewirkt hat.

Jetzt hoffe ich und freue mich auf den nächsten, vielleicht richtig neuen Roman von Dana Spiotta!

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Kreativ und besonders

dreimeterdreißig von Jaqueline Scheiber

Drei Meter Dreißig ist die Liebesgeschichte von Klara und Balázs. Es ist aber auch die Geschichte vom Weiterleben, wenn einer geht.
Und wer geht, macht Scheiber gleich im ersten Kapitel klar, oder? Schließlich steht da „Er war tot“.
Dann beginnt eine Uhr zu ticken.

Klara wacht auf. War das alles nur ein Traum?
Es entfaltet sich ein kammerspielartiges „Was geschah“, das mit dem Ticken von ablaufender Zeit unterlegt wird.

Doch viel spannender finde ich fast, was in den Pausen passiert, in den Rückblicken in die Geschichte von Klara und Balázs, in der die Zeit bereits vergangen und vorbei ist.
Die Liebesgeschichte, die Scheiber erzählt, ist die eines ungleichen Paares. Die kontrollierte Klara ist gut verdienende Architektin, die manchmal Probleme damit hat, Gefühle zu zulassen und zu zeigen. Als sie Balázs kennenlernt, ahnt sie

„Balázs würde ihr Leben wenden. Diese Vermutung lag so vage in der Mitte ihres Körpers, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Worte dafür fand.“

Der Familienmensch Balázs der sein ungarischen Dorf verlassen hat und in Wien immer noch der Fremde ist, wie man noch immer an seiner Sprechweise hören kann.
Nicht immer läuft im Alltag und Zusammenleben der beiden alles rund und harmonisch. Vor allem Klara hat Schwierigkeiten, sich in die emotionale Abhängigkeit, die Liebe bedeutet, fallen zu lassen.

Es ist keine perfekte, klassisch kitschige Liebesgeschichte, und doch fängt Scheiber den Zauber der verschiedenen alltäglichen Kleinigkeiten und Reibungen eines gemeinsamen Alltags wundervoll ein. Und wenn der Alltag plötzlich wegfällt, zeigt sich manchmal, es waren doch keine Kleinigkeiten, sondern das Leben selbst.

Formal und stilistisch hat Scheiber ihren Roman, den sie nach Essaybüchern „Ungeschönt“ und „Offenheit“ als ihr Debüt veröffentlicht, großartig angelegt. Die Szenen, in denen die Zeit im hier und jetzt davonläuft, sind voller prägnanter Sinneseindrücke von Verzweiflung und Schmerz und steuern gnadenlos auf das Ablaufen der Uhr zu. Die Passagen im Rückblick dagegen ruhig und emphatisch erzählt. Sie bringen mir Klara näher. Besonders gut gelungen finde ich die Beschreibung der Freundschaft zwischen Klara und Jasmin, die ebenfalls nicht ohne Brüche auskommt.

Manche Stellen hätte ich persönlich vielleicht etwas deutlicher auserzählt gebraucht, da ich manchmal das Gefühl hatte, nicht alle Nuancen richtig aufnehmen zu können. Diese Passagen empfinde ich dann als etwas langweilig. Auch die Perspektivenwechsel zu Balázs fühlten sich für mich nicht immer stimmig an.

Auf jeden Fall ein außergewöhnliches und gleichermaßen kreatives wie empfehlenswertes Debüt, dass mich hoffen lässt, dass Scheiber ihre Karriere auch als Romanschriftstellerin weiter verfolgt!


„Ich denke, all die großen Gefühle gibt es nur, weil wir nicht wissen, wie oft oder wie lange wir sie fühlen können oder müssen"

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Empathischer Feel-Good Roman

Blue Sisters von Coco Mellors

Ich mochte schon „Cleopatra und Frankenstein“ und ich mochte auch „Blue Sisters“. Beides waren für mich die absoluten Feel-Good Bücher!
Und das kurioserweise, obwohl es in Mellors Romanen viel um verkorkste Kindheiten, zerbrochene Menschen und Familien und um Trauer geht. Und natürlich geht es sehr viel um Drogen und um Alkohol.

„Aber ihre Familie war nicht normal. Sucht floss durch ihre Adern wie Elektrizität durch einen Stromkreis.“

Die Familie, die im Mittelpunkt von „Blue Sisters“ steht, ist die Familie der Schwestern Avery, Bonnie und Lucky Blue. Sie haben vor kurzem ihre vierte Schwester Nicky durch einen schrecklichen Unfall verloren.
Die unterschiedlichen Frauen sind durch den Tod ihrer Schwester schwer erschüttert und jede geht mit der Trauer in unterschiedlicher Form um.
Avery ist die Älteste und war schon immer in einer Art Mutterrolle für ihre jüngeren Schwestern. Sie lebt mittlerweile ein sehr geordnetes, scheinbar perfektes Leben in London, ist mit einer wunderbaren und liebevollen Frau verheiratet und ist beruflich sehr erfolgreich. Bonnie hat lange in New York eine Profi-Box-Karriere verfolgt, ist nach Nickys Tod allerdings an die Westküste geflohen und hat das Boxen aufgegeben. Ihre Geschichte und ihre Persönlichkeit mochte ich am liebsten, sie ist auch die mit dem höchsten Kitschfaktor.
Lucky, die Jüngste der Schwestern, ist wunderschön und arbeitet seit ihrer frühen Jugend als Model auf der ganzen Welt und ist der Schattenseiten des Business müde geworden. Mittlerweile machen sich bei ihr Spuren ihrs exzessiven Partylebens inklusive Drogen und Alkohol bemerkbar.

Als die Mutter die New Yorker Wohnung von Nicky verkaufen will, kommen die Schwestern auf Grund von verschiedener Umstände dort zusammen. Sie alle sind durch Nickys Tod aus ihrem Leben gefallen und auf der Suche nach einem Neuanfang .

Klar könnte ich jetzt, genauso wie in „Cleopatra und Frankenstein“, einiges kritisieren und für Leser*innen, die ausschließlich auf der Suche nach der nächsten tiefschürfenden, philosophisch nachdenklichen und wahrhaftigen Experience sind, ist „Blue Sisters“ vielleicht zu nah am vorprogrammierten und verfilmungsbereiten Marketingerfolg.
Ich fand mich mit dem neuen Roman von Coco Mellors allerdings bestens unterhalten. Die New Yorkerin hat einen modernen und nuancierten Schreibstil, der mich über die Seiten fliegen und die Figuren lebendig werden lässt. Natürlich liebe ich es, dass Mellors das in der Literatur seltene Thema Endometriose einfließen lässt. Es gibt weniger kinky (Sex-)Szenen (oder gar keine) als in „Cleoptra und Frankenstein“, was „Blue Sisters“ wahrscheinlich noch zum massentauglicheren Roman macht.

Das reicht selbstverständlich für eine Leseempfehlung, falls du dir deine Meinung nicht schon gebildet hast, ob die Romane vielleicht was für dich sein könnten.

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Das Verschwinden einer Lehrerin

In den Wald von Maddalena Vaglio Tanet

Das wunderschöne Cover des Romans hat mich in der Suhrkamp Vorschau sofort angesprochen. Es zeigt, passend zum Titel, einen Wald, wie ich ihn mir in Norditalien vorstelle.
Und der Wald spielt eine große Rolle in dem Debütroman der italienischen Autorin Maddalena Vaglio Tanet. Sie ist selbst in dem piemontesischen Ort Biella geboren, der auch der Schauplatz ihres Romans ist.

Tanet erzählt eine Geschichte, die auf wahren Vorkommnissen und Personen Anfang der 70er Jahre basiert und die in ihrer eigenen Familie überliefert wurden. Das weiß ich aus den Tanets Anmerkungen, die dem Roman nachgestellt sind.

Silvia ist eine alleinstehende Lehrerin Anfang 40, die im kleinen Örtchen Biella lebt und in der örtlichen Schule mit Leidenschaft für ihre Schüler*innen unterrichtet. Vor allem Kinder, denen sie anmerkt, dass sie es in ihren Familien schwer haben, versucht sie besonders zu unterstützen. So wie die junge Giovanna, die öfter mit blauen Flecken zur Schule kommt und mit Eintritt in die Pubertät zunehmend Probleme in der Schule und zu Hause bekommt. Silvia, die selbst als Waisenkind einige Zeit im Internat verbracht hat, kennt die Folgen von fehlender Elternliebe und möchte Giovanna unterstützen.

Doch eigentlich beginnt der Roman damit, dass Silvia morgens einfach in den Wald geht und dort verschwindet statt in der Schule zu unterrichten. Nachfolgend erfahre ich aus dritter Hand, dass ihr Schützling Giovanna am Vorabend aus dem Fenster ihres Zimmers in den Fluss gestürzt ist und dort ertrunken ist. Es wird vermutet, dass sie sich umgebracht hat.
Außerdem wird vermutet, dass Silvia davon morgens in der Zeitung gelesen hat und deshalb verschwunden ist. Ihre Verwandten und Freund*innen machen sich Sorgen und starten Suchaktionen.
Ich als Leser*in habe einen guten Blick aufs Geschehen, denn ich bin dabei, als Giovanna verzweifelt aufs Fensterbrett steigt und Silvia, gepeinigt von Schuldgefühlen und Erinnerungen an ihre Vergangenheit, im Wald mit der Natur verschmelzen will.

“Silvia erträgt es nicht, in der Welt zu sein und zu wissen, dass es Giovanna nicht mehr gibt.”


Es gibt viele Passagen, die mir gut gefallen, allen voran die Szenen mit Silvia im Wald und später auch in der Interaktion mit dem Jungen Martino.

Einige Passagen haben mir aber weniger gut gefallen und das lag zum großen Teil an meinem Unvermögen den vielen zusätzlichen Erzählsträngen des überaus großzügig bestückten Figurenkabinett noch zu folgen. Hier hätte meiner Meinung nach eine deutliche Reduzierung auf die Kernfiguren Silvia, Giovanna und Martino gut getan, statt dem Auffächern eines kompletten personellen Dorfpanoramas, das wohl zum Teil auf wahren Personen beruht.

Die Geschichte der Lehrerin Silvia, die im Wald verschwindet, hätte für mich auch ohne realem Hintergrund sehr gut funktioniert, denn Tanet ergänzt die bekannten Fakten mit fiktionalen Gedanken, Figuren und Details.

Gut gefallen hat mir der Schluss, der mir genügend Raum für eine gedankliche Fortführung der Geschichte lässt und final nicht alles erklären will und kann und einen gelungenen Schlusspunkt setzt.
Maddalena Vaglio Tanet hat in ihrem ersten Roman bereits eine ganz eigene Erzählstimme, die ich gerne gelesen habe, auch wenn sich der Roman sich nicht zu meinen italienischen Highlights gesellen wird.

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