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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Eine folgenreiche schlaflose Nacht

Der Schlaf der Anderen von Tamar Noort

Den Debütroman von Tamar Noort „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ habe ich nicht gelesen. Sowohl das Cover als auch die Kurzbeschreibung, in der es um eine Pastorin und um Glaube geht, hatten mich absolut nicht angesprochen.
Ganz anders ging es mir jetzt mit Cover und Kurzbeschreibung von „Der Schlaf der Anderen“.

Die Leseprobe hat mich dann letztendlich überzeugt, es mit dem zweiten Roman der Autorin und Filmemacherin zu versuchen.

In „Der Schlaf der Anderen“ erzählt Noort von zwei Frauen, deren Begegnung eine ganze Kaskade von Veränderungen auslöst, äußerliche wie innerliche.
Sina und Janis lernen sich in einem Schlaflabor kennen. Sina, die Kunstlehrerin Mitte 40, leidet seit längerer Zeit an massiven Schlafstörungen. In dem Schlaflabor, in dem Janis für die Nachtwache zuständig ist, sollen die Ursachen untersucht werden.
Beide Frauen spüren schnell eine Art Verbundenheit, denn auch bei Janis, ist der Wach-Schlaf-Rhythmus durch die ständige Nachtschichtarbeit aus dem Lot.
Ebenfalls stehen beide Frauen an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich schon viel zu lange mit einer ungenügenden Lebenssituation zufrieden gegeben haben.
Vor allem Sina, die eigentlich Künstlerin werden wollte, fühlt sich als Mutter und Ehefrau in ihrer eingeschlafenen Ehe zunehmend alleine und unsichtbar und weit von ihren eigentlichen Lebensträumen entfernt.

Als Sina auch in dieser Nacht keinen Schlaf findet, lassen sich beide Frauen durch die Nacht treiben und erkunden ihre neue, zarte Bekanntschaft.

„Ja, was wäre, wenn Sina und ich Freundinnen wären? Wenn ich Teil von ihrem Leben wäre und sie Teil von meinem? Der Gedanke breitet sich in mir aus, warm und wohlig.“

Ein Verrat beendet diese aufkeimende Freundschaft allerdings ziemlich abrupt, und jede kehrt in ihr Leben zurück.
Aber nichts ist so, wie es vorher war. Sowohl in Sina als auch in Janis hat die Begegnung und die gemeinsame Nacht Spuren hinterlassen und einen subtilen Entwicklungsprozess angestoßen…

„Sie war gleichzeitig die Sina von gestern und die Sina der Gegenwart, und das hatte zur Folge, dass eine Sina der Zukunft plötzlich vorstellbar war. Bis jetzt.“

Ich fand, dass der Roman sprachlich wunderschön geschrieben war und Noort mir die Innenwelt der beiden Frauen mit ihren inneren und äußeren Zwängen super nahe gebracht hat. Es ist eine tolle Geschichte über Freundschaft, Veränderungen, vergessene Träume und zarte Gefühle. Es ist aber nicht unbedingt ein scharfer gesellschaftskritischer Roman. Natürlich kann Sinas ausbleibender Schlaf als eine Form der Verweigerung gesehen werden, als eine Form des zwangsweisen Widerstandes gegen die vielen Rollen, die sie als Frau und Mutter in unsere Gesellschaft erfüllen muss.
Für mich persönlich nehmen diese Aspekte in dem Roman zu wenig Raum ein, denn Noorts Fokus liegt stärker auf den positiven, zwischenmenschlichen Interaktionen. Es gibt viele warmherzige und liebenswerte Nebenfiguren, wie die hilfsbereite, trostspendende ältere Nachbarin, oder den unkonventionellen, freundschaftlichen Lehrerkollegen. Ich fürchte allerdings, ich bin zu zynisch, um solche Figuren wertzuschätzen. Deswegen war der Roman mit seinen interessanten Themen für meinen Geschmack auch zu weichgespült, als dass er mich wirklich begeistern konnte.

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Liebesgeschichte vor nature writing und climate fiction in gut konsumierbarer Form

Stammzellen von Alina Lindermuth

Okay, Wow, denke ich, als ich den neuen Roman von Alina Lindermuth zum ersten Mal in der Hand halte. Das Cover ist mega und die Buchgestaltung wie immer bei den Büchern von Kreymayr & Scheriau einfach nur wunderschön.
Auch der Klappentext verspricht eine einzigartige Geschichte ganz nach meinem Geschmack.

Auf der ganzen Welt gibt es seit einigen Jahren das Phänomen der Dendrose, das ähnlich wie eine Pandemie um weiter um sich greift. Die betroffenen Menschen verwandeln sich Bäume. Es beginnt mit einem harmlosen Kribbeln in den Fußzehen und Fingerspitzen und schreitet dann mit der Verholzung und Verwurzelung der Beine fort. Als nächstes versteifen sich die Gelenke und auch das Bewusstsein schwindet. Ab einen gewissen Grad der Verwandlung müssen die Anthrodendren in die Erde gepflanzt werden um ihr Weiterleben als Baum sicherzustellen.
Für Angehörigen ein äußerst schmerzhafter Prozess.
Es ist eine Dystopie, die gleichzeitig als Parabel bereits stattfindet. Denn das Auftreten, die Verbreitung und sozialen Konsequenzen des Phänomens erinnert mich stark an die Jahre der Corona Pandemie.
Auch in Lindermuths Roman arbeiten Wissenschaftler*inne und Mediziner*innen fieberhaft an einer Erklärung und nach Behandlungsmöglichkeiten für das rätselhafte Phänomen.

Doch es geht in „Stammzellen“ gar nicht so sehr um die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Derndrosen, obwohl natürlich klar ist, dass diese Veränderungen für eine Art Backlash der Natur stehen. Später verdichten sich die Hinweise, dass die Dendrose durch die Klimaveränderungen und Umweltverschmutzungen ausgelöst wurde.
Lindermuth erzählt ihren Roman ganz aus der individuellen Sicht ihrer Protagonistin Ronja und in Form einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund dieser Krise. Für mich ist das gleichzeitig die Stärke, aber auch die Schwachstelle des Romans.
Ronja lernt in den ersten Kapiteln Elio kennen und nach einem etwas holprigen Start verlieben sich sich und werden ein Paar.
Als Ärztin arbeitet Ronja in Dendrose-Teams, die die Angehörige von Betroffenen während des Prozesses begleiten und unterstützen und ist deshalb direkt mit den Auwirkungen dieser Metarmorphose konfrontiert.
Seit einiger Zeit verspürt sie selbst manchmal ein minimales Kribbeln in den Zehen. Alles nur Einbildung?

Wie sieht die Zukunft von Ronja und Elio aus? Sollen sie eine Familie gründen trotz dieser Ungewissheit? Wie geht es weiter, wenn kein Heilmittel gefunden wird?

Das ist definitiv ein sehr interessantes Szenario, dass Lindermuth entwirft und das trotz der fantastischen Elemente nicht weit von unserer aktuellen Lebensrealität entfernt ist. Der Roman ist spannend geschrieben und mir gefällt die Geschichte von Ronja und Elio gerade in den ersten Kapiteln sehr gut.
Dennoch fehlt mir persönlich etwas in dem Roman der Wiener Autorin und das ist eine gewisse Vielschichtigkeit und Komplexität in den Figuren und auch in der Geschichte. Das ist ein individueller Kritikpunkt meinerseits und kein universeller, denn ich denke dass gerade diese Gestaltung den Roman für sehr junge oder sogar jungendliche Leser*innen sehr gut zugänglich macht. Lindermuth überfordert nicht mit den komplexen Wechselwirkungen aus unserem eigenen Verhalten, globalen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und der Klimakrise, sondern fokussiert sich auf die lokalen und persönlichen Auswirkungen für das Liebespaar Ronja und Elio.

“Die Wärme des Nachmittags ist abgekühlt, das Sanfte der vergangenen Stunden und Wochen ist an der Realität scharfkantig geworden. Ihr Verstand weiß schon, dass es begonnen hat, vorbei zu sein.”

„Stammzellen“ ist nature writing und climate fiction in gut konsumierbarer Form mit einer niederschwelligen Einladung zum Nachdenken, blieb aber hinter meinen Erwartungen an einen gesellschaftskritischen Roman zurück.

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Starker und authentischer Text

Abschiede von Mutter von Gian-Marco Schmid

“Mein Name ist Gian-Marco Schmid. Ich bin der Sohn meiner Mutter. Dieser Text erzählt unsere Geschichte, die leider traurig ist. Meine Mutter war Alkoholikerin und ging daran zugrunde.”

Mit diesen Worten beginnt der autobiografische Text „Abschiede von Mutter“ des Schweizer Rappers und Schriftstellers Gian-Marco Schmid.

Als Rapper ist er unter dem Namen Gimma bekannt und er veröffentlichte ein Dutzend Alben und unzählige Singles mit schweizerdeutschen Texten. Auch in seiner Musik thematisiert er seine schwierige Kindheit und seinen eigenen Kampf gegen die Sucht. Heute gibt in der ganzen Schweiz Workshops für kreatives Schreiben und Musik und hält Vorträge zu Sozialthemen.

Nach der intensiven Lektüre des autobiografischen Buches „Trocken“, in dem Daniel Wagner seinen Kampf gegen den Alkoholismus beschreibt, zeigt „Abschiede von Mutter“ eine ganz andere Perspektive auf die Sucht. Die eines Kindes mit einer alkoholkranken Mutter.

Schmid beginnt mit dem Tag, als er vom Tod seiner Mutter erfährt. Zu diesem Zeitpunkt haben sie seit 10 Jahren keinen Kontakt mehr.
In anekdotischen Rückblicken erzählt Schmid von seiner Kindheit und der sehr komplizierten und komplexen Beziehung zu seiner suchtkranken Mutter.

Es gelingt ihm treffsicher und aufwühlend die Ambivalenz seiner schwierigen Gefühle zu beschreiben. Sein Text ist auf der einen Seite geprägt von der schonungslosen Schilderung einer prekären Kindheit am Rande der Verwahrlosung und eine harte Anklage.

“Was Mutter mir angetan hat, ist unverzeihlich.”

Auf der anderen Seite aber auch von Dankbarkeit und und ja, auch von Liebe und Bewunderung für diese unkonventionelle Frau, die ihn für sein Leben geprägt hat und ihn auch zu dem Mann gemacht hat, der er heute ist.

“So viele Abschiede von Mutter.
Sie war damals vor Jahren eine andere Mutter gewesen als die Frau, die nun gegangen war. Sie war ein anderer Mensch gewesen, als ich noch jung, ein Kind war.”

Die Mutter von Gian-Marco Schmid war eines von 11 Kindern und die Bande zu ihren Geschwistern war eng. Enger als zu ihren eigenen Kindern.

“Uns beiden Kindern wurde im Erwachsenenalter bewusst, wie viel glücklicher und anders unsere Mutter vor uns gewesen sein muss.“

Vieles, das zwischen ihm und seiner Mutter steht, deutet Schmid nur an. Es ist nicht sein erstes Buch, das autobiografische Erfahrungen verarbeitet, aber sein erstes das auf er auf Deutsch verfasst hat.
An seinem Stil erkenne ich, dass Schmid viel Erfahrung im Umgang mit Worten hat.

“Der Klassiker unter den White-Trash-Dramen: das Mutter-und-Sohn-Co-Abhängigkeitsdilemma. Romantik pur im Ödipushotel.”

Der Mann ist Rapper: er schreibt plakativ, konzentriert, authentisch und voller Gefühl.
…. und immer zitierbar, wie du in meiner Rezension gut erkennen kannst.

Es ist nur ein kurzes Buch (90 Seiten) doch es erzählt gehaltvoll von einer komplexen und besonderen Mutter-Kind Beziehung, wie du sie vielleicht teilweise in der einen oder anderen Form vielleicht selbst auch kennst.
Und für mich als Elternteil ist es eine Ermahnung und Motivation meiner Verantwortung gerecht zu werden und dabei mein Bestes zu geben.

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Kein wirkliches Lesevergnügen

Der Einfluss der Fasane von Antje Rávik Strubel

Antje Rávik Strubel wurde 2021 für ihren Roman „Die blaue Frau“ mit dem Buchpreis ausgezeichnet. Jetzt ist ihr neuer Roman „Der Einfluss der Fasane“ mit einer vielversprechenden Kurzbeschreibung erschienen.
Für mich war es der erste Roman der Autorin. Und ich weiß noch nicht, ob ich Lust auf weitere Literatur von Antje Rávik Strubel habe, denn der „Der Einfluss der Fasane“ hat mir nicht sonderlich gut gefallen.

Ich konnte einfach nicht so richtig folgen oder die Botschaften dechiffrieren, die in der Geschichte der Feuilletonchefin Hella Karl vermittelt werden sollten.
Die äußeren Eckpfeiler der Handlung kann ich noch gut ausmachen, aber der Subkontext erschließt sich mir nicht so ganz.
Die besagte Feuilletonchefin Hella Karl hat in einem Zeitungsartikel die sexistischen Praktiken eines renommierten Theaterindentanden aufgedeckt und kritisch darüber berichtet.
Der hat sich jetzt allerdings in Sydney während einer Operaufführung seiner ebenfalls berühmeten Frau umgebracht.
Für die Presse natürlich ein gefundenes Fressen und Hella Karl steckt schnell in der Rolle des Bösewichts.
Hat sie den Mann mit ihrem Artikel in den Selbstmord getrieben?
Die Schuldzuweisungen der Presse sind die eine Sachen, die andere ist die individuelle Schuld Hella Karls. Oder gibt es die überhaupt?

Mir ist einigermaßen klar, dass Antje Rávik Strubel in ihrem Roman ganz viel mit den stereotypen Vorstellungen von Geschlechterrollen arbeitet. Hält sich Hella Karl ihren jüngeren Mann nicht als klassisches Sexobjekt zu Hause in der Rolle der traditionellen Hausfrau? Agiert sie im Umgang mit ihren jüngeren Mitarbeiterinnen nicht patriarchal herablassend von oben herab?

Andere verschlüsseltere Gesellschaftskritik erschließt sich mir dann weniger.

In ihrem neuen Roman „rechnet Antje Rávik Strubel mit Aufregungsmechanismen und Blindheit der Medien ab“, titelt der Tagesspiegel.

Öh ja, so wird der Roman mehrmals beschrieben, aber warum kann ich das dann gar nicht so wirklich IN dem Roman lesen? Wo wird das denn beschrieben, habe ich das überlesen?
Die häufig von Antje Rávik Strubel verwendeten Dialoge lesen sich für mich konstruiert, fast surreal satirisch, nur dass ich den springenden Punkt scheinbar einfach nicht verstehe.
Anscheinend basieren ihre Figuren und die geschilderten Vorfälle auf wahren Begebenheiten, aber ich habe natürlich keinen Schimmer auf welchen.
Und die Fasane? Sie erscheinen als roter Faden immer wieder, sogar ganz dramatisch am Ende des Romans, aber was will die Autorin mir damit sagen?


Ich denke, dass das Zielpublikum des Romans definitiv ein Intellektuelles ist. Allein der Schreibstil hat schon einen gewissen Anspruch und bereitet vielleicht nicht jedem Lesepublikum eine intuitive Lesefreude.
Ich selbst habe den Roman mit grundsätzlichem Interesse, aber ohne großes Vergnügen gelesen.
Aber wahrscheinlich liebt das Feuilleton Romane über das Feuilleton und wird auch diesen hoffentlich ausführlich und detailliert besprechen und ihn für mich in der Nachlese nochmals aufbereiten.

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Soghafter und poetischer Entwicklungsroman

Die imaginäre Nacht von Hugo Lindenberg

Der französische Autor Hugo Lindenberg überraschte 2023 mit seinem preisgekrönten Debütroman „Eines Tages wird es leer sein“ , den ich jetzt auch noch sehr gerne lesen möchte.
Denn sein zweiter Roman „Die imaginäre Nacht“ überzeugt mich mit seiner melancholischen Stimmung und seiner glasklaren Prosa.

“Die Zeit war vor fünfzehn Jahren in Aufruhr geraten, als der Sieben-Uhr-Zug über den Körper meiner Mutter fuhr. Um von ihrem Tod nichts zu wissen, führte ich mein Leben in der Vergangenheit.”

Die Mutter des jungen, erwachsenen Ich-Erzählers hat sich umgebracht, als er 6 Jahre alt war. Dass der Tod der Mutter ein Suizid und nicht etwa Unfall war, erfährt er erst als junger Erwachsener und es stellt seine ganzes Dasein in Frage.
Seine Kindheit und Jugend ohne Mutter waren schwierig und jetzt als Erwachsener ist er ziemlich lost.

In dem Versuch diesen Schmerz und seine Hilflosigkeit zu entdecken, beginnt er durch die Pariser Nacht zu streifen. In Clubs und bei Begegnungen lässt er sich treiben, traut sich seinem Begehren nachzugeben und seine Sexualität auszuloten.
Doch dem Kern seiner Trauer kann er nicht entfliehen.

Ihn quälen Fragen zum Leben und zum Tod seiner Mutter. Der Erzähler beginnt mit Menschen zu sprechen, die seine Mutter kannten, um ihr näher zu kommen.

Die Kurzbeschreibung nennt den Roman einen „schwindelerregender Entwicklungsroman, sinnlich und fieberhaft“ . Auch ich werde beim Lesen von dieser atmosphärischen Stimmung erfasst, die Lindenberg so meisterhaft zu erzeugen weiß.
Viele Sätze laden mich zum Nachdenken ein und versetzen mich in die Lebenswelt des Erzähler, in dem alles noch möglich ist, alles noch imaginiert werden kann.
Ist das eine Last oder ein Geschenk?

“Manchmal wäre ich gerne schon alt, um mir die Unsicherheiten der Existenz zu ersparen.”

Ich fand den Roman auch sprachlich sehr besonders, den die Erzählstimme spricht klar und poetisch, nüchtern aber doch gefühlvoll.
Und nach der langen Nacht erwartet mich am Ende ein kathartischer Schluss, der mir sehr gut gefällt.

Ich fand „Die imaginäre Nacht“ ist ein Roman, für den es die richtige Stimmung braucht um sich darauf einzulassen und der vielleicht nicht in jede Lebens- und Lesesituation passt.

Aus dem Französischen von der preisgekrönten Übersetzerin und Autorin Lena Müller, die bereits „Eines Tages wird es leer sein“ übersetzt hat und die selbst mir „Restlöcher“ bereits einen Roman veröffentlich hat.

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Aufregender und sehr empfehlenswerter Debütroman

Familienkörper von Michèle Yves Pauty

“Meine Mutter nimmt am Morgen Blutdrucktabletten gegen den Bluthochdruck, Magenschutztabletten gegen das Sodbrennen, Tabletten gegen die Fettleber und Wassertabletten wegen der Wassereinlagerungen in den Füßen und im Gewebe.”

Die Mutter des erzählenden Ichs in dem Roman „Familienkörper“ ist chronisch krank.

Und nicht nur die Mutter. Auch die Großmutter und die beiden Schwestern haben immer wieder verschiedene Beschwerden, Krankheiten und Allergien.

Nur die Ich-Erzählerin wächst gesund auf. In „Familienkörper“ spürt die österreichische Autorin Michèle Yves Pauty der Geschichte einer Familie nach, deren Frauen in drei Generationen von Medical Gaslighting betroffen sind.
Immer wieder wird ihnen von Ärtzen nicht richtig zugehört, sei werden nicht ernstgenommen, ihre Symptome und Beschwerden werden auf psychosomatische Ursachen reduziert.
Teilweise mit fatalen gesundheitlichen und psychischen Auswirkungen.

Yves Pauty versucht Worte zu finden und zu verschriftlichen, welche Zusammenhänge zwischen Sexismus und Misogynie und dem Umgang mit Frauen in der Medizin bestehen und welchen konkreten Auswirkungen das in ihrem Leben haben kann.
Auch Herkunft, Klasse und Bildung sind Faktoren, die die Gesundheit von Frauen beeinflussen und wie sie sich im Gesundheitssystem positionieren können.

Dabei ist „Familienkörper“ kein Sachbuch sondern ein Roman, der stark autofiktional wirkt, aber gleichzeitig mit dieser Vorstellung bricht. Die Lebenswege von Großmutter, Mutter und Schwestern der Ich-Erzählerin sind gleichzeitig individuell und auch typisch für die Generation, der sie angehören.

„Ich schreibe die Verletzung aus unserem Familienkörper. Nehme den Schmerz und wandle ihn zu Wörtern, die außerhalb von uns stehen, die zu vielen werden."

Schwierige Schwangerschaften und Geburten, Beckenbbodenprobleme, Autoimmunerkrankungen, Lebensmittelunverträglichkeiten, Endometriose, Essstörungen…
Die Liste könnte hier noch weiter fortgesetzt werden.

Nur ganz allmählich und viel zu spät und zu langsam erkennt die Medizin an, dass
Frauenkörper im Laufe ihres Lebens nicht nur besonderen gesundheitlichen Herausforderungen ausgesetzt sind, sondern dass sie auch andere Symptome als Männerköper auf die gleichen Krankheiten zeigen können.
Genauso wie in vielen anderen Bereichen gilt auch in der Medizin der Mann* als Standard und die Frau* als Abweichung.

Medical Gaslighting ist ein Thema, das mich (leider) seit Jahrzehnten begleitet, das mir sehr bewusst ist und das mich sehr aufregt. Und wie ich aus dem Austausch mit Freundinnen und lieben Bookies weiß, vielleicht auch dich.

“Wo sind die Tränen, der Schmerz, die Wut, die Enttäuschung, das Blut und die Worte dafür?”

Ich lese die Worte dafür in „Familienkörper“ und ich fühle mich ein bißchen getröstet, dass Yves Pauty es versucht und diese Worte gefunden hat.
Und gleichzeitig hat mich der Roman auch aufgeregt und traurig und wütend gemacht angesichts der Geschichten des „Familienkörpers“, die so auch in meiner Familie hätten passieren können, die so passiert sind und die so immer noch passieren.

Für mich war das ein sehr starker Roman, der es mir zwar anfangs mit seinen verschiedenen Erzählperspektiven und mit der nur grob chronologischen Erzählweise schwer gemacht hat, mich aber später umso stärker emotional abgeholt hat.

Keine Frage, falls du dich für das Thema interessierst, ist „Familienkörper“ eine große Empfehlung für dich.

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Lesenswerter Einblick in die Gedankenwelt und das Leben von Phil Dick

Ich lebe und ihr seid tot von Emmanuel Carrère

Wer war Phil Dick?
Philip K. Dick, der oft auch unter Psydonymen veröffentlichte, war ein bekannte US-amerikanischer Science Fiction Autor, der immense viele Romane und Erzählungen veröffentlicht hat.
Du bist mit seinem Werk bestimmt auch schon in Berührung gekommen, zumindest wenn du die Filme „Blade Runner“ oder „Total Recall“ kennst, die auf Geschichten von ihm basieren.

Auch der Mega Blockbuster „Matrix“ und seine Prequels basiert auf seinen Ideen.
Phil Dick kann als einer der großen Ideengeber für futuristische und philosophische Film-und Fernsehproduktionen gesehen werden.

Wer aber war Phil Dick wirklich? Woher bezog er seine Ideen, wie hat er gelebt und wie sah seine Glaubenswelt aus?

Der französische Journalist und Schriftsteller Emmanuel Carrère, den ich seit seiner Gerichtsreportage „V13 - Die Terroranschläge von Paris“ sehr bewundere, hat über diesen Menschen und sein Umfeld ein Buch geschrieben, das er selbst als Romanbiografie definiert. Ich persönlich finde, das Buch hat mehr einen Sachbuchcharakter, auch wenn Carrère einzelne Passagen aus Dicks Leben und Werken mit fiktionaler Freiheit erzählt.
Das Krasse ist, dass das Buch in Frankreich bereits 1993 erschien und jetzt nach 32 Jahren (!!!) ins Deutsche übersetzt wurde. Das spricht für eine ungebrochen Faszination und einem Interessse an Phil Dick und seinen Fantasiewelten. Aber auch für die Kunst und das Talent von Carrère, denn beim Lesen dieser zeitlosen Biografie macht das Erscheinungsjahr keinen Unterschied.

Carrère erzählt Dicks Leben chronologisch und beginnt mit seinem ersten einschneidenden und prägenden Ereignis nach seiner Geburt. Und das ist der Tod seiner nur wenige Monate alten Zwillingsschwester Jane unter tragischen Umständen. Dick wird Zeit seines Lebens von einer Art Parallelexistenz besessen sein, vom Glauben an eine Art gespiegelten Leben, das in den Erzählungen vom Tod seiner Schwester seinen Anfang nahm.


Dick wächst in Berkeley, damals die rote Hauptstadt der USA und in einem von marxistischem Dialekt geprägten Umfeld, obwohl er als junger Erwachsener als Reaktionär gilt. 1952 veröffentlicht er seine erste Erzählung.

Anfang der 60er entdeckt er die Pforten der Wahrnehmung.
Es ist die Zeit der Bewusstseinserweiterung, die Ära von Huxley, LSD und Meskalin.

„Lovecraft hatte gewarnt: Wenn wir alles wüssten, würden wir vor Entsetzen wahnsinnig werden.“



In den Werken von Phil Dick, der manchmal als Drogen-Autor beschrieben wurde, geht es viel um das Erkennen der „echten“ Wirklichkeit, sie sind demaskierend und desillusionierend und in der Handlungsführung mit komplexen und spannenden Aufbau.

Dick wurde viel von den spirituellen Strömungen seiner Zeit geprägt, so befragte er zeitweise regelmäßig das I Ging, nicht nur für sein eigenes Leben sondern auch für die Weiterführung der Handlung in seinen Romanen.

Oft habe ich mich beim Lesen gefragt, wie wohl die Entwicklungen unserer heutigen Zeit gerade im Bereich Künstliches Bewusstsein und Intelligenz auf Phil Dick gewirkt hätten. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, dass die Übersetzerin Claudia Hamm in einer Anmerkung von 2025 kurz darauf eingeht.

Sie erwähnt auch, dass in Übereinstimmung mit Carrère einige Kürzungen vorgenommen wurden, was ich sehr begrüße, denn ich kann ich nicht leugnen, dass das immer noch 360 Seiten umfassende Buch für mich einige Längen aufwies und das Lesen einige Zeit in Anspruch nahm.

Dennoch war „Ich lebe und ihr seid tot“ für mich eine sehr bereichernde und informative Lektüre war, die mir gut gefallen hat. Carrère gibt mit Phil Dicks Biografie nicht nur Einblicke in eine spannende Zeit in den USA, als vieles im Umbruch war, sondern auch in eine Gedankenwelt, die sowohl visionär als auch verwirrt war.

Oder um es mit Phil Dicks Worten zu sagen:
„Es ist manchmal eine angemessene Reaktion auf die Realität, verrückt zu werden.“

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Das Portrait einer Beziehung am breaking point - einfühlsam und lesenswert

Zehn Bilder einer Liebe von Hannes Köhler

Es gibt Bücher, da finde ich das Cover so ansprechend, dass ich sie unbedingt lesen will. Das Cover von „Zehn Bilder einer Liebe“ ist so eines. Es zeigt zwei verschlungene Menschen und es ist nicht klar erkennbar, ob sie gerade kämpfen oder sich umarmen. In Verbindung mit dem Titel ist das für mich eine vielversprechende Kombination.

Und Hannes Köhler lässt in seinem vierten Roman sein Liebespaar David und Luisa eine massive Krise durchlaufen, so dass beide nicht mehr wissen, ob sie sich noch lieben, oder schon gegeneinander kämpfen. Oder beides.

David und Luisa werden ein Liebespaar, als beide schon Beziehungen hinter sich haben und die etwas ältere Luisa hat bereits eine Tochter.
In 10 Bildern oder Kapiteln erzählt Köhler die Geschichte der beiden, beginnend von ihrer allerersten Begegnung und ihrer Vergangenheit und kommt dabei immer wieder auf ihren aktuellen großen Tiefpunkt zurück.

Der stellt sich ein, als in David der Wunsch nach einem eigenen gemeinsamen Kind mit Luisa aufkommt. Er hat Angst sich mit ihrer Tochter Ronya zu sehr zu verbinden und sie nach einer möglichen Trennung komplett zu verlieren. Im Laufe des Romans merkt er allerdings, dass diese Distanz zu Ronya im täglichen Zusammenleben nicht aufrecht zu erhalten ist.
Auch Luisa ist bereit für ein gemeinsames Kind mit David, wenn auch vielleicht nicht genauso begeistert. Doch der Kinderwunsch der beiden erfüllt sich nicht ohne Weiteres.

Die missglückten Versuche in der Kinderwunschklinik und der unerfüllte Kinderwunsch stürzen David in eine schwere Krise und erschüttern sein Selbstverständnis und die Beziehung.

Mir gefällt es sehr gut, wie sensibel Köhler mit diesem emotionalen Thema umgeht und den Kinderwunsch nicht zum alleinigen Grund für die Probleme von David und Luisa macht.
Denn hinter dem Kinderwunsch stecken eine ganze Reihe von komplexen und zum Teil nicht eingestandener Wünsche und tief verankerte Glaubenssätze über Familie. Köhler legt diese Verbindungen offen und hat mit Davids und Luisa zwei wunderbare vielschichtige Protagonist*innen geschaffen, deren Liebe und Persönlichkeit authentisch und nahbar ist.

Durch den Kinderwunsch des Paares materialisieren sich auch ihre alte Rollenbilder, die oft immer noch in auch in die moderne Beziehungen von David und Luisa einwirken.


“All diese Modernis, dachte sie, die sich Feministen nannten, von Equal Pay und gleichberechtigter Partnerschaft quatschten, zeigten ihr wahres Gesicht, wenn die Kinder mit unerbittlicher Härte das Dasein forderten, einen Körper, auf den sie rotzen, kotzen und scheißen konnten.”

Ebenfalls sehr gelungen finde ich wie „Zehn Bilder einer Liebe“ hinterfragt, was Familie jenseits von Trauschein heute eigentlich bedeuten kann und verhandelt ihren eigentlichen Wesenskern.

“Sie hasste das Wort Familie. Familie war Zwang, war Blut und Genetik, war Schweigen, schlecht versteckte Abneigung. Aber das, dieser Mischmasch aus ihnen dreien, das war etwas, für das ihr ein besseres Wort fehlte, etwas, auf das sie das alte, verfluchte Wort vorsichtig setzen konnte, ohne dass es sich nach Ersticken anfühlte. Einzeln sein und doch etwas Gemeinsames.
Aber weil man es wollte, nicht weil man musste.”

Hannes Köhler schreibt sowohl aus Davids als auch aus Luisas Perspektive und ich finde beide Gedankenwelten gleichermaßen gelungen und nachvollziehbar. Er zeigt in den zehn Bildern nur einen Ausschnitt ihrer gemeinsamen Geschichte und ich hätte die Geschichte des Paares gerne noch ein bißchen weiter in die Zukunft verfolgt.

Aber der Schlusspunkt ist gleichzeitig auch perfekt gesetzt, weil er so meiner eigenen Phantasie überlässt, wie es mit den beiden weitergeht. Und das warme Gefühl mit dem ich den Roman nach dem Beenden weglege, lässt in mir keinen Zweifel an meiner persönlichen Zukunftsversion für die beiden.

Das Cover versprach einen wunderbaren Roman und hat mich nicht getäuscht. Zehn Bilder einer Liebe hat mir sehr gut gefallen und sorgt dafür, dass ich den Schriftsteller Hannes Köhler auf meiner Watchlist behalten werde.

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Berührend und echt

Trocken von Daniel Wagner

Mittlerweile habe ich einige autobiografische Bücher zum Thema Alkoholismus gelesen, erst vor kurzem „Rausch und Klarheit“ von Mia Gatow.

Auch in „Trocken“ erzählt der Autor Daniel Wagner von seiner Sucht, aber es ist ein bisschen anders. Wagner verzichtet auf eine gesellschaftliche, soziale und/oder eine geschichtliche Einordnung von Alkoholismus.

Auch zum Thema Alkoholkonsum und Gender wirst du hier keine Einlassungen finden.

Wagner erzählt kompromisslos und ehrlich von seinem Erleben der Sucht und von seinem Kampf gegen die Krankheit. Er beschreibt einen typischen Tag am Tiefpunkt seiner jahrelangen schweren Alkoholsucht und dieser Tag macht mich tief betroffen und traurig. zu diesem Zeitpunkt hat Wagner längst den Punkt erreicht, an dem er Alkohol schon gleich nach dem Aufstehen und zum klar denken und funktionieren braucht.
Aber von klar denken und funktionieren, wie wir es uns vorstellen, kann keine Rede mehr sein. Wagner braucht einen Pegel von 3 Promille um seinen Suchtdruck zu befriedigen.
Wagner ist der taumelnde und ungepflegte Alkoholiker, der dich auf der Strasse anpöbelt oder der betrunken in einer Hecke liegt.
Sein Selbsthass und seine Verachtung sind grenzenlos und dagegen hilft nur wieder noch mehr Alkohol.

“Mehrmals täglich bringt mich die Diskrepanz zwischen Sucht und Sehnsucht an meine Grenzen. Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression.”

Lange sieht es so aus, als würde Wagner den Kampf gegen die Sucht verlieren. Er ist suizidal. Jeder Lebenswille wurde von dem „Monster“, wie seine Krankheit auch nennt, aufgezehrt.

Schonungslos und erschreckend beschreibt Wagner, was er alles an die Sucht verloren hat. Ihm fehlen ganze Lebensjahre, die er der Sucht geopfert hat, Freundschaften und Beziehungen hat er dadurch zerstört, dass immer der Alkohol an erster Stelle stand. Und am allermeisten hat er sich selbst geopfert und zerstört.


“Aber das war es mir wert.
Und im Wesentlichen beschreibt, was ich da erlebt habe, das Wesen einer Sucht.

Sich selbst zu opfern, um sich lebendig zu fühlen.”


Im Kapitel „Dieses Buch“ schreibt Wagner wieviel ihm das Schreiben abverlangt hat. Er beschreibt seine Bemühungen und Schwierigkeiten, mental in diese dunkle Zeit seines Lebens zurückzukehren. Von seinem Wunsch, wahrhaftig und echt zu schreiben. Und ich kann das beim Lesen fühlen. Es fühlt sich echt an und auch unendlich traurig. Mein Mitgefühl für den Erzähler am Tiefpunkt seiner Krankheit ist grenzenlos.

Und obwohl Wagner sicher keine pädagogische oder politische Agenda verfolgt, prangert er das Selbstverständnis an, mit dem die Droge Alkohol in unserer Gesellschaft kulturell verankert ist und selbst starker Konsum aus Profitgier normalisiert und gefördert wird. Das gilt für Österreich genauso wie für Deutschland. In dem Bundesland, in dem ich wohne, ist betreutes Trinken ab 14 Jahren legal erlaubt.

Daniel Wagner hat für mich in seinem intimen ersten Buch „Trocken“ seine Alkoholsucht und seinen Kampf erlebbar gemacht und mich damit sehr berührt. Auch literarisch zeigt Wagner mit seinem authentischen Text in seiner Verletzlichkeit und Direktheit eine große Qualität. Das Buch war für mich ein Highlight.

Ich hoffe sehr, dass Wagner seine schriftstellerische Arbeit fortsetzt und ich noch weitere Bücher aus seiner Hand lesen kann.

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Unterhaltsamer Eheroman aus den USA der 50er

Es geht mir gut von Jessica Anthony

Eine Frau zieht sich einen alten, verschlissenen Badeanzug an und steigt in den Pool ihrer Wohnanlage.
Ihre Ehemann will zum Golfspielen und ärgert sich, weil er sich um die beiden Söhne kümmern muss. Er fordert seine Frau auf, aus dem Pool zu kommen.
Aber das tut sie nicht.
Auch als der Mann wieder vom Golfspielen zurück ist, schwebt seine Frau immer noch schwerelos im Pool….

Das ist so in ungefähr die Ausgangslage von Jessica Anthonys viertem Roman (und dem ersten, der ins Deutsche übersetzt wurde).
Mir hat dieses ziemlich schmale Kammerspiel einer Ehe ziemlich gut gefallen. Gut, ich liebe amerikanische Literatur und das in den 50er Jahren angesiedelte Setting gibt mir ähnliche Schwingungen wie „Zeiten des Aufruhrs“ von Richard Yates. Wobei, vielleicht nicht ganz. Yates ist wesentlich nihilistischer und düsterer.

Jessica Anthony ist nicht so düster, aber auch bei ihr ist die Ehe ein Ort der Lügen und des Scheins und das Leben eine stetiges Zerplatzen von Illusionen und Träumen.

Ihr Ehepaar Kathleen und Virgil ist seit 9 Jahren verheiratet und hat zwei Kinder. Kathleen weiß, dass sie wieder schwanger ist, als sie in den Pool steigt. Beide Ehepartner haben ihre Geheimnisse und unausgesprochenen Verfehlungen.
In ihrer Ehe haben beide schon einige Träume hinter sich lassen müssen, was Anthony in Rückblicken zeigt. Kathleen hätte die Möglichkeit gehabt, professionelle Tennisspielerin zu werden, hat sich aber für eine Ehe mit Virgil entschieden. Für Virgil habe sich seine beruflichen Ambitionen nicht erfüllt und auch das Saxophon spielen, von dem er träumt, hat er nie gelernt. Wobei das Instrument stellvertretend als Symbol für einen ganz anderen Lebensentwurf steht.

Anthony wechselt sehr geschickt zwischen den beiden Perspektiven der Ehepartner, die im Erzählstrang der Gegenwart perfekt ineinander greifen. Gerade gegen Ende baut sich so bei mir eine große Spannung aus. Und ich bin auch ein bißchen überrascht, für welchen Schluss sich Anthony letztendlich entschieden hat.

Ob der Roman wirklich das Unmögliche schafft und mir etwas Neues über die Ehe erzählt, wie Kate Christensen auf dem Cover blurbt, weiß ich nicht, weil ich sowieso keine Ahnung von Ehe habe.
Aber ich weiß, dass mich „Es geht mir gut“ ziemlich gut unterhalten und erfreulich mein Kopfkino bedient hat.
Für mich reicht das, um den Roman als gutes Buch zu bewerten.

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