Kunden em pfehlungen
Rezensionen von @lust_auf_literatur:
Toller Nachwenderoman!
Adlergestell von Laura Laabs
Mit einem Auszug aus ihrem Debütroman “Adlergestell” war die Regisseurin und Autorin bereits zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2025 eingeladen. Ich dachte eigentlich auch an einen Nominierung für die Longslist des Deutschen Buchpreises, denn ich fand „Adlergestell“ ist ein toller Nachwenderoman, der aus der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart führt.
Der Titel bezieht sich übrigens nicht auf eine Verballhornung von Faberkastell, wie ich als Süddeutsche mit Allgemeinbildungslücken dachte, sondern auf die längste Straße Berlins. Sie verläuft im Bezirk Treptow-Köpenick und begleitet uns als Schauplatz in Laabs Roman durch die Zeitenwende.
An dieser Straße wächst Laabs Ich-Erzählerin und ihre Freundinnen Lenka und Chaline auf.
Zusammen knacken sie Kaugummi Automaten und spielen der Streiche aus der Telefonzelle. Es sind die 90er und der Mauerfall liegt noch nicht lange zurück.
Die Wende versprach für den Osten eine aufregende Zukunft, doch einige Jahre später ist von der Euphorie nicht mehr viel übrig.
„Kinder, deren Eltern plötzlich geschieden waren oder arbeitslos oder beides. Kleine Menschen mit großen Erwartungen, die absehbar zu großen Enttäuschungen werden würden.“
Laabs Roman ist multiperspektivisch aufgebaut, neben den längeren Passagen ihrer kindlichen und später erwachsenen Ich-Erzählerin schiebt sie immer wieder die Perspektiven von Frauen der Eltern- und Großelterngeneration. Tante Nora hat noch den Krieg erlebt, die Mutter von Chaline wurde als Leistungsturnerin von ihrem Trainer im DDR-System missbraucht, um nur zwei Einzelschicksale zu nennen.
Laabs blickt auf das Leben der Frauen, die mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen umgehen müssen.
„Erst hat die Mauer ihr Leben geteilt in ein Davor und ein Dahinter. Nun teilt der Fall der Mauer ihr Leben in ein Davor und ein Danach.“
Und die Ich-Erzählerin?
Sieht im Fersehen die poppigen Werbespots der 90er. Mit Fairy Ultra und Yogurette soll das Leben zum leichten Traum werden. Laabs zeigt entlarvend die kapitalistischen Werbelügen und Manipulation jener Zeit, die zum Konsum anregen, aber eigentlich nur Unzufriedenheit schüren.
Laabs verwendet immer wieder die Farben Rot, Grün und Blau. Es sind die Farben aus denen sich früher jedes Fernsehbild zusammensetzte. Und in die Farben Rot, Grün und Blau zerfallen die bunte Bilder wieder, wenn du zu nah ran gehst. Es sind die Farben, die du auch auf dem Cover wiederfindest.
„Oder waren wir selbst Geister? Waren wir bereits in unsere kleinsten Atome zerlegt, aufgelöst, verschwunden? Die Perlen trafen den Fußboden, schossen aus dem Zimmer und stürzten die Treppe hinunter - Blau, Rot und Grün - in die dunkle Tiefe. Ins Schwarz.“
Die Erzählerin wird erwachsen und verliert ihre Freundinnen aus den Augen, hat dafür Beziehungen mit Männern. Die Mutter am Adlergestell besucht sie selten.
Mir gefällt die konsequent weibliche Perspektive des Romans, so ganz im Kontrast zur historischen Geschichtsschreibung des Adlergestell, sehr.
„Es scheint, als hätte es nur Männer gegeben am Adlergestell. Doch beinahe unbemerkt schlugen sich auch Frauen hier durch die Geschichte.“
Die Geschichte der Ich-Erzählerin führt mich bis ins Heute, zu den aktuell brennenden Themen unserer Zeit.
Und die letzten Seiten erwischen mich noch so richtig.
„Wie ein Center Shock, mitten durchs Herz.“
Klang ohne Echo
Die Geschichte des Klangs von Ben Shattuck
Dieser schmale Roman hat nur 104 Seiten und ist großzügig gesetzt. Ich konnte ihn also ziemlich zügig durchlesen.
Jetzt ist es natürlich so, dass die Länge oder die Lesedauer eines Buches nichts über dessen Qalität für mich aussagt. Gerade kurze Romane bestechen oft mit einer starken Verdichtung und Intensität.
„Die Geschichte des Klangs“ gehörte für mich leider nicht in diese Kategorie.
Der Roman selbst ist in zwei Teile gegliedert. Der ersten Teil hat eine Rahmenhandlung im Jahr 1984, in der Lionel Worthing die Geschichte seiner Jugendliebe erzählt. Mit dem Musikstudenten David hatte er 1916 einen Sommer verbracht und diese Zeit hat sein weiteres Leben beeinflusst. Jetzt als alter Mann denkt er an diese einzigartigen Freundschaft und Liebe zurück und ordnet sie ihm Rückblick auf sein Leben ein.
“Ich hatte nicht die Schuldgefühle, die manche Männer in meiner Generation gehabt hätten. Ich liebte David und dachte nicht weit darüber hinaus. Mein Irrtum war die Annahme, David sei der erste von vielen. Eine erste Kostprobe der Liebe.“
Im zweiten Teil erzählt Shattuck die Geschichte von Annie, die in einer langweiligen Leben und einer lieblosen Ehe feststeckt. Sie findet in ihrem Haus die versteckten Wachszylinder, die im Sommer 1916 von Lionel und David während ihrer Forschungsreise im Maine von ländlicher Folkmusik gemacht hatten.
So gelangen die musikalischen Aufzeichnungen nach Jahrzehnten wieder zu Lionel, bei dem sie viele Erinnerungen freisetzen.
Diese Geschichte birgt einiges an melancholischem Potential, das aber bei mir nur teilweise freigesetzt wird. Es ist eine Geschichte über verpasste Chancen und nicht gelebten Möglichkeiten, aber die Tragik, die dahinter steckt, kommt für mich nicht wirkungsvoll zur Geltung. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass Shattuck nicht wirklich atmosphärisch erzählt, was dann zusammen mit der Kürze des Romans bei mir keine echte Stimmung aufkommen lässt.
Um damit, wie im Klappentext beschrieben „die Rätsel der menschlichen Seele zu erkunden“, war mir nicht so wirklich möglich.
Toller Debütroman!
Proben von Tara C. Meister
Eine Schwangerschaft kann mit komplizierten Gefühlen verbunden sein. Eine ungeplante Schwangerschaft vielleicht sogar noch mehr.
Wird eine schwangere Frau automatisch eine Mutter? Und wird eine Frau, die nicht schwanger werden will, niemals eine Mutter?
Wenn du auf diese Fragen bereits alle Antworten kennst, brauchst du nicht weiterzulesen - dann ist „Proben“ vielleicht kein Buch für dich.
Wenn du dich aber für einen zeitgenössischen und modernen Roman zum Thema Schwangerschaft und Freundinnenschaft interessierst, dann wird dir „Proben“ bestimmt gefallen.
Es ist der Debütroman der jungen Autorin und Poetry Slammerin Tara C. Meister, die gerade erst zum Bachmannwettbewerb eingeladen wurde und dort mit dem Stipendium Festivalschreiber:in ausgezeichnet wurde.
Meister erzählt die Geschichte der Freundinnen Johanna und Caro, beide Ende 20 und bemüht, in ihrem gewählten Metier voranzukommen. Caro möchte als Biochemikerin in der Forschung etwas erreichen, sieht aber in einer von Männern dominierten Berufswelt schon die gläserne Decke über sich.
Johanna arbeitet prekär als Regisseurin und bewirbt sich für Stipendien, um ihre Stücke zu realisieren.
Beide spüren den Erwartungsdruck unserer Leistungsgesellschaft
“Dem Druck standzuhalten bedeutete etwas wert zu sein. Unter Druck konnte sie sich selbst spüren.”
Als Johanna ganz unerwartet Caro erzählt, dass sie von einer Spontanbegegnung schwanger ist, ist plötzlich alles ganz anders. Johanna möchte das Kind behalten.
Für Caro passt diese Entscheidung nicht mit ihrem Selbstbild von sich und Johanna als absolut freiheitsliebende und unabhängige Frauen überein.
Sie hat Angst um ihrer Freundinnenschaft mit Johanna, die ihr unglaublich wichtig ist. Und so beschließt Caro, dass Familie heute auch ganz unkonventionell aussehen kann.
Die beiden Frauen möchten das Kind gemeinsam bekommen und großziehen, nicht als Liebespaar, sondern als Freundinnen.
Doch schon in der Schwangerschaft werden die Frauen mit den unendlichen tief verankerten Glaubenssätzen konfrontiert, die rund um das Thema Schwangerschaft und Mutterschaft kreisen.
Glaubenssätze, die vorschreiben, wie genau eine Mutter sein muss und was sie nicht sein darf.
“Eine Mutter darf nicht davonlaufen. Aber unsichtbar werden, das durfte sie.”
Das Zusammenleben von Johanna und Caro ist nicht die reibungslose matriarchle Utopie, wie ich das vielleicht gerne hätte, sondern knirscht unter der Individualität zweier Menschen, ihrer Vergangenheit und Prägung.
Ich finde es großartig, wie subtil und komplex Meister die Dynamik zwischen den beiden Frauen anlegt. Wie viele verborgene und unterdrückte Sehnsüchte sie andeutet ohne zu konkret zu werden.
Gleichzeitig liest sich der Roman so unglaublich flüssig, dass ich ihn in einer Session weginhaliert habe. Und gerade am Schluss finde ich ihn emotional sehr mitreißend.
Ich bin sehr darauf gespannt, in welche Richtung Tara C. Meister literarisch weiter gehen wird und hoffe sehr auf einen neuen Roman!
Wunderbares Highlight
Anna oder: Was von einem Leben bleibt von Henning Sußebach
Hast du noch deine Urgroßmutter kennengelernt? Ich denke mal, das haben die wenigsten von uns. Bei mir ist es so, dass ich nicht einmal meine Großmutter richtig kennengelernt habe, geschweige denn ihre Mutter. Ich weiß nicht einmal ihre Namen.
Auch Henning Sußebach hat seine Großmutter Anna, die 1866 geboren wurde, nicht kennengelernt.
Sie starb noch vor dem zweiten Weltkrieg.
„Unsere Urgroßeltern erscheinen bereits unendlich weit weg, sind nahezu verschwunden hinter einer Bruchkante in ein dunkles Nichts.“
Um Anna für sich und uns Leser*innen aus diesem dunklen Nichts zurückzuholen, hat sich Henning Sußebach auf eine Spurensuche begeben. Er hat seine ältere Verwandtschaft befragt, Fotos und Erbstücke und ihre Geschichten gesichtet, er hat sich mit Heimatpfleger*innnen und Historiker*innen unterhalten und er hat in Stadtarchive und Katasterämter geforscht.
„Im Dunkel dazwischen hier und da Hinweise auf eine Frau namens Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim, die eine wie keine war und eine wie viele.“
So viele Spuren gab es nicht mehr und vieles muss im Dunklen bleiben. Anna hat nie ein Tagebuch geführt und so bleiben vor allem ihre Gedanken und Gefühle Sußenbachs Spekulation überlassen.
Dennoch schält sich der vage Umriss einer Frau heraus, die ihrer Zeit angehörte und doch daraus hervorstach. Eine Frau, die gegen große Widerstände ankämpfen musste, aber für sich einstand - in einer Zeit, als Frauen nicht einmal das Wahlrecht und wenig Möglichkeiten zur Eigenständigkeit hatten, versuchte sie, ihren eigenen Weg zu finden. Sowohl wirtschaftlich als auch privat.
Annas Leben fiel in die Zeit der Industrialisierung als große historische Zäsur, die die Geschichte und die Gesellschaft komplett veränderte.
Das ist das Besondere und Wunderbare an dem Buch von Henning Sußebach: Er vermittelt nicht nur das Gefühl, wie das Leben einer Frau wie Anna ausgesehen haben könnte, sondern auch ein einzigartiges Gefühl vom Verstreichen der Zeit und den historischen Veränderungen.
Er bettet Annas Leben in einen globalen und lokalen geschichtlichen Kontext ein, der sie selbst und ihr Umfeld, in dem sie gelebt hat, lebendig werden lässt.
Gleichzeitig lädt er mich dazu ein, mir selbst Gedanken darüber zu machen, in welcher Zeit ich lebe und ob wohl etwas von mir und meiner Lebensgeschichte bleiben wird, wenn die Kinder meiner Kinder meiner Kinder mich vielleicht längst vergessen haben.
Fast wäre diese wunderbare frühe Neuerscheinung aus dem Herbstprogramm an mir vorbeigezogen. Das Cover und der Titel hat mich spontan nicht besonders angesprochen. Die Leseprobe dann umso mehr.
Henning Sußebach hat hier in meinen Augen wirklich ein wunderbares Buch geschrieben, das mich sowohl historisch als auch emotional sehr begeistert hat.
Ich möchte es dir unbedingt weiterempfehlen!
Schwache und wenig authentische Liebesgeschichte
We Burn Daylight von Bret Anthony Johnston
In Waco, Texas, starben 1993 76 Mitglieder der Sekte Branch Davidians bei der Erstürmung ihrer Siedlung Mount Carmel durch das FBI und anderen Bundesbehörden. Darunter nicht nur der Sektenanführer, sondern auch schwangere Frauen und Kinder. Vorausgegangen war eine 51-tägige Belagerung der Siedlung, nachdem sich die Gruppe verschanzt und sich mit Waffengewalt gegen eine Durchsuchung ihres Geländes zur Wehr gesetzt hatte.
Aus diesem amerikanischen Stoff macht der preisgekrönte Bestseller Autor Bret Anthony Johnston mit seinem zweiten Roman einen fesselnden „literarischen Pageturner“.
Ich würde die Geschichte irgendwo zwischen Abenteuerroman und lauwarmer Liebesgeschichte einordnen.
Johnston hat eine interessante und spannende Romanstruktur gewählt: Zwischen einzelnen aktuellen Podcast-Interviews mit Zeitzeug*innen im Jahr 2024, lässt er auf einer anderen Zeitschiene 1993 seine beiden Figuren Roy und Jaye die damaligen Ereignisse in Waco aus ihrer Perspektive erzählen.
Roy ist der 14-jährige Sohn des ortsansässigen Sheriffs von Waco, und Jaye eine Teenagerin, die mit ihrer Mutter nach Texas gekommen ist, um sich dem Sektenführer „Lamb“ anzuschließen.
Die beiden bilden das Liebespaar, mit dem der Roman als „moderne Romeo und Julia Geschichte“ beworben wird.
Die Figuren und die Handlung sind komplett fiktiv, basieren aber auf den historischen Abläufe der Belagerung und der Erstürmung des Geländes. Johnston stellt die Frage, warum dabei so viele Menschen unnötig sterben mussten.
Die fast 500 Seiten lese ich schnell weg, wie gesagt ein Pageturner, und sie veranlassen mich dazu, zu den tatsächlichen Ereignissen zu recherchieren. Allerdings bleibt der Roman hinter meinen Erwartungen zurück. Johnston konzentriert sich mehr auf eine spannende Geschichte mit ein paar Überraschungen als auf die psychologischen Hintergründe seiner Figuren. Wie die Mechanismen in der Sekte rund um ihren Anführer funktionieren, wird leider kaum herausgearbeitet und auch die beschworene Liebesgeschichte bleibt für mich emotional sehr blass und wenig authentisch.
Von daher war „We burn Daylight“ für mich vielmehr ein tendenziell schwaches „nice to read“ als „must read“
Wunderbarer Roman über Mutterschaft, übers Loslassen und über das Freisein.
Sunbirds von Penelope Slocombe
Bei diesem Roman gab eindeutig das wunderschöne Cover den Ausschlag, ihn lesen zu wollen. Ja, ich bin ein oberflächlicher Mensch und Buchcover sind für mich schon entscheidend dafür, ob ich einen zweiten Blick auf ein Buch werfe oder nicht.
Aber auch die Kurzbeschreibung klang einigermaßen ansprechend, wenn auch vielleicht etwas abgenudelt.
Die große Selbstfindung im Himalaya und „Eat, Pray, Love“ als Referenz? Ich war nicht wirklich sicher, ob der Roman was für mich ist.
Aber ja doch, der Roman war was für mich. Er hatte ein Wahnsinns Schmöker-Potential und ich bin total gerne darin versunken.
„Sunbirds“ ist das Debüt der Englischlehrin Penelope Slocombe und er ist sehr einfühlsam und emotional erzählt. Ihre Figur Anne ist seit sieben Jahren auf der Suche nach ihrem Sohn Torran, der damals in einem indischen Bergdorf verschwand. Inzwischen lebt sie selbst im Himalaya und hält nach Hinweisen Ausschau. Ihr Mann Robert, der nicht mehr glaubt, dass sein Sohn noch lebt, ist in Schottland geblieben.
Jetzt hat Annes Nichte Esther, eine Journalistin, neue Hinweise zum Verbleib Torrans erhalten und reist zu Anne in die abgelegene Bergregion. Esther, die als Kind eine Zeit bei Anne und Robert lebte, hatte vor einige Jahren einen sehr kritischen Artikel zu Torrans Verschwinden geschrieben, der zum Bruch der beiden Frauen führte.
Können sie sich während der gemeinsamen Suche wieder annähern?
In Slocombes Roman geht es nur vordergründig um das Verschwinden von Torran. Das Verfolgen der neuen Hinweise und die Suche dient vielmehr dazu die Psychologie und die Beziehungen der Figuren zu exponieren. Wenn du also auf Grund des Klappentextes eine Art Krimi mit stringenter Auflösung erwartest, wirst du wahrscheinlich enttäuscht sein.
Ich bin Anne und Esther gerne auf ihrer Reise gefolgt, und es gibt tatsächlich Hinweise, dass Torran noch lebt. Aber was würde das bedeuten?
Mir gefällt es besonders, wie Slocombe diesen Aspekt benutzt um die Erwartungen an Mutterschaft zu hinterfragen. Anne wird von Schuldgefühlen geplagt, dass sie für Torran keine ausreichend gute Mutter war und sein Verschwinden damit zusammenhängt.
Auch Esther glaubt das und sie hat ihre eigenen Gründe, warum sie von Anne enttäuscht ist.
Zwischen den beiden Frauen liegen viele alte Verletzungen, die während ihres erneuten Zusammentreffens aufbrechen.
Ebenfalls arbeitet Slocombe feinfühlig die Ambivalenz zwischen Bindung und Freiheit heraus und ebenso wie ein alternative Leben aussehen könnte.
“Aber dann fängt man an zu begreifen, dass auch eine andere Lebensweise möglich ist. Man kann die Fesseln seiner Bindungen durchtrennen. Man kann frei sein. Man kann ein Sunbird sein.«”
Als kleine Kritikpunkte könnte ich anführen, dass Annes und Esthers Leben und Reisen in einem finanziell luftleeren Raum stattfindet, was ich allerdings so in vielen Romanen lese und vielleicht kein echter Kritikpunkt ist. Weiterhin kann ich eine gewisse vereinfachte Darstellung dieser bergigen Region im Himalaya nicht von der Hand weisen.
Aber wie immer, wenn ich mit einem Roman eine gute Zeit hatte, kann ich die erwähnten potentiellen Kritikpunkten zwar wahrnehmen, aber auch großzügig überlesen.
„Sunbirds“ war für mich ein wunderbarer Roman über Mutterschaft, übers Loslassen, und über das Freisein mit all seinen Konsequenzen.
Eine folgenreiche schlaflose Nacht
Der Schlaf der Anderen von Tamar Noort
Den Debütroman von Tamar Noort „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ habe ich nicht gelesen. Sowohl das Cover als auch die Kurzbeschreibung, in der es um eine Pastorin und um Glaube geht, hatten mich absolut nicht angesprochen.
Ganz anders ging es mir jetzt mit Cover und Kurzbeschreibung von „Der Schlaf der Anderen“.
Die Leseprobe hat mich dann letztendlich überzeugt, es mit dem zweiten Roman der Autorin und Filmemacherin zu versuchen.
In „Der Schlaf der Anderen“ erzählt Noort von zwei Frauen, deren Begegnung eine ganze Kaskade von Veränderungen auslöst, äußerliche wie innerliche.
Sina und Janis lernen sich in einem Schlaflabor kennen. Sina, die Kunstlehrerin Mitte 40, leidet seit längerer Zeit an massiven Schlafstörungen. In dem Schlaflabor, in dem Janis für die Nachtwache zuständig ist, sollen die Ursachen untersucht werden.
Beide Frauen spüren schnell eine Art Verbundenheit, denn auch bei Janis, ist der Wach-Schlaf-Rhythmus durch die ständige Nachtschichtarbeit aus dem Lot.
Ebenfalls stehen beide Frauen an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich schon viel zu lange mit einer ungenügenden Lebenssituation zufrieden gegeben haben.
Vor allem Sina, die eigentlich Künstlerin werden wollte, fühlt sich als Mutter und Ehefrau in ihrer eingeschlafenen Ehe zunehmend alleine und unsichtbar und weit von ihren eigentlichen Lebensträumen entfernt.
Als Sina auch in dieser Nacht keinen Schlaf findet, lassen sich beide Frauen durch die Nacht treiben und erkunden ihre neue, zarte Bekanntschaft.
„Ja, was wäre, wenn Sina und ich Freundinnen wären? Wenn ich Teil von ihrem Leben wäre und sie Teil von meinem? Der Gedanke breitet sich in mir aus, warm und wohlig.“
Ein Verrat beendet diese aufkeimende Freundschaft allerdings ziemlich abrupt, und jede kehrt in ihr Leben zurück.
Aber nichts ist so, wie es vorher war. Sowohl in Sina als auch in Janis hat die Begegnung und die gemeinsame Nacht Spuren hinterlassen und einen subtilen Entwicklungsprozess angestoßen…
„Sie war gleichzeitig die Sina von gestern und die Sina der Gegenwart, und das hatte zur Folge, dass eine Sina der Zukunft plötzlich vorstellbar war. Bis jetzt.“
Ich fand, dass der Roman sprachlich wunderschön geschrieben war und Noort mir die Innenwelt der beiden Frauen mit ihren inneren und äußeren Zwängen super nahe gebracht hat. Es ist eine tolle Geschichte über Freundschaft, Veränderungen, vergessene Träume und zarte Gefühle. Es ist aber nicht unbedingt ein scharfer gesellschaftskritischer Roman. Natürlich kann Sinas ausbleibender Schlaf als eine Form der Verweigerung gesehen werden, als eine Form des zwangsweisen Widerstandes gegen die vielen Rollen, die sie als Frau und Mutter in unsere Gesellschaft erfüllen muss.
Für mich persönlich nehmen diese Aspekte in dem Roman zu wenig Raum ein, denn Noorts Fokus liegt stärker auf den positiven, zwischenmenschlichen Interaktionen. Es gibt viele warmherzige und liebenswerte Nebenfiguren, wie die hilfsbereite, trostspendende ältere Nachbarin, oder den unkonventionellen, freundschaftlichen Lehrerkollegen. Ich fürchte allerdings, ich bin zu zynisch, um solche Figuren wertzuschätzen. Deswegen war der Roman mit seinen interessanten Themen für meinen Geschmack auch zu weichgespült, als dass er mich wirklich begeistern konnte.
Liebesgeschichte vor nature writing und climate fiction in gut konsumierbarer Form
Stammzellen von Alina Lindermuth
Okay, Wow, denke ich, als ich den neuen Roman von Alina Lindermuth zum ersten Mal in der Hand halte. Das Cover ist mega und die Buchgestaltung wie immer bei den Büchern von Kreymayr & Scheriau einfach nur wunderschön.
Auch der Klappentext verspricht eine einzigartige Geschichte ganz nach meinem Geschmack.
Auf der ganzen Welt gibt es seit einigen Jahren das Phänomen der Dendrose, das ähnlich wie eine Pandemie um weiter um sich greift. Die betroffenen Menschen verwandeln sich Bäume. Es beginnt mit einem harmlosen Kribbeln in den Fußzehen und Fingerspitzen und schreitet dann mit der Verholzung und Verwurzelung der Beine fort. Als nächstes versteifen sich die Gelenke und auch das Bewusstsein schwindet. Ab einen gewissen Grad der Verwandlung müssen die Anthrodendren in die Erde gepflanzt werden um ihr Weiterleben als Baum sicherzustellen.
Für Angehörigen ein äußerst schmerzhafter Prozess.
Es ist eine Dystopie, die gleichzeitig als Parabel bereits stattfindet. Denn das Auftreten, die Verbreitung und sozialen Konsequenzen des Phänomens erinnert mich stark an die Jahre der Corona Pandemie.
Auch in Lindermuths Roman arbeiten Wissenschaftler*inne und Mediziner*innen fieberhaft an einer Erklärung und nach Behandlungsmöglichkeiten für das rätselhafte Phänomen.
Doch es geht in „Stammzellen“ gar nicht so sehr um die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Derndrosen, obwohl natürlich klar ist, dass diese Veränderungen für eine Art Backlash der Natur stehen. Später verdichten sich die Hinweise, dass die Dendrose durch die Klimaveränderungen und Umweltverschmutzungen ausgelöst wurde.
Lindermuth erzählt ihren Roman ganz aus der individuellen Sicht ihrer Protagonistin Ronja und in Form einer Liebesgeschichte vor dem Hintergrund dieser Krise. Für mich ist das gleichzeitig die Stärke, aber auch die Schwachstelle des Romans.
Ronja lernt in den ersten Kapiteln Elio kennen und nach einem etwas holprigen Start verlieben sich sich und werden ein Paar.
Als Ärztin arbeitet Ronja in Dendrose-Teams, die die Angehörige von Betroffenen während des Prozesses begleiten und unterstützen und ist deshalb direkt mit den Auwirkungen dieser Metarmorphose konfrontiert.
Seit einiger Zeit verspürt sie selbst manchmal ein minimales Kribbeln in den Zehen. Alles nur Einbildung?
Wie sieht die Zukunft von Ronja und Elio aus? Sollen sie eine Familie gründen trotz dieser Ungewissheit? Wie geht es weiter, wenn kein Heilmittel gefunden wird?
Das ist definitiv ein sehr interessantes Szenario, dass Lindermuth entwirft und das trotz der fantastischen Elemente nicht weit von unserer aktuellen Lebensrealität entfernt ist. Der Roman ist spannend geschrieben und mir gefällt die Geschichte von Ronja und Elio gerade in den ersten Kapiteln sehr gut.
Dennoch fehlt mir persönlich etwas in dem Roman der Wiener Autorin und das ist eine gewisse Vielschichtigkeit und Komplexität in den Figuren und auch in der Geschichte. Das ist ein individueller Kritikpunkt meinerseits und kein universeller, denn ich denke dass gerade diese Gestaltung den Roman für sehr junge oder sogar jungendliche Leser*innen sehr gut zugänglich macht. Lindermuth überfordert nicht mit den komplexen Wechselwirkungen aus unserem eigenen Verhalten, globalen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und der Klimakrise, sondern fokussiert sich auf die lokalen und persönlichen Auswirkungen für das Liebespaar Ronja und Elio.
“Die Wärme des Nachmittags ist abgekühlt, das Sanfte der vergangenen Stunden und Wochen ist an der Realität scharfkantig geworden. Ihr Verstand weiß schon, dass es begonnen hat, vorbei zu sein.”
„Stammzellen“ ist nature writing und climate fiction in gut konsumierbarer Form mit einer niederschwelligen Einladung zum Nachdenken, blieb aber hinter meinen Erwartungen an einen gesellschaftskritischen Roman zurück.
Starker und authentischer Text
Abschiede von Mutter von Gian-Marco Schmid
“Mein Name ist Gian-Marco Schmid. Ich bin der Sohn meiner Mutter. Dieser Text erzählt unsere Geschichte, die leider traurig ist. Meine Mutter war Alkoholikerin und ging daran zugrunde.”
Mit diesen Worten beginnt der autobiografische Text „Abschiede von Mutter“ des Schweizer Rappers und Schriftstellers Gian-Marco Schmid.
Als Rapper ist er unter dem Namen Gimma bekannt und er veröffentlichte ein Dutzend Alben und unzählige Singles mit schweizerdeutschen Texten. Auch in seiner Musik thematisiert er seine schwierige Kindheit und seinen eigenen Kampf gegen die Sucht. Heute gibt in der ganzen Schweiz Workshops für kreatives Schreiben und Musik und hält Vorträge zu Sozialthemen.
Nach der intensiven Lektüre des autobiografischen Buches „Trocken“, in dem Daniel Wagner seinen Kampf gegen den Alkoholismus beschreibt, zeigt „Abschiede von Mutter“ eine ganz andere Perspektive auf die Sucht. Die eines Kindes mit einer alkoholkranken Mutter.
Schmid beginnt mit dem Tag, als er vom Tod seiner Mutter erfährt. Zu diesem Zeitpunkt haben sie seit 10 Jahren keinen Kontakt mehr.
In anekdotischen Rückblicken erzählt Schmid von seiner Kindheit und der sehr komplizierten und komplexen Beziehung zu seiner suchtkranken Mutter.
Es gelingt ihm treffsicher und aufwühlend die Ambivalenz seiner schwierigen Gefühle zu beschreiben. Sein Text ist auf der einen Seite geprägt von der schonungslosen Schilderung einer prekären Kindheit am Rande der Verwahrlosung und eine harte Anklage.
“Was Mutter mir angetan hat, ist unverzeihlich.”
Auf der anderen Seite aber auch von Dankbarkeit und und ja, auch von Liebe und Bewunderung für diese unkonventionelle Frau, die ihn für sein Leben geprägt hat und ihn auch zu dem Mann gemacht hat, der er heute ist.
“So viele Abschiede von Mutter.
Sie war damals vor Jahren eine andere Mutter gewesen als die Frau, die nun gegangen war. Sie war ein anderer Mensch gewesen, als ich noch jung, ein Kind war.”
Die Mutter von Gian-Marco Schmid war eines von 11 Kindern und die Bande zu ihren Geschwistern war eng. Enger als zu ihren eigenen Kindern.
“Uns beiden Kindern wurde im Erwachsenenalter bewusst, wie viel glücklicher und anders unsere Mutter vor uns gewesen sein muss.“
Vieles, das zwischen ihm und seiner Mutter steht, deutet Schmid nur an. Es ist nicht sein erstes Buch, das autobiografische Erfahrungen verarbeitet, aber sein erstes das auf er auf Deutsch verfasst hat.
An seinem Stil erkenne ich, dass Schmid viel Erfahrung im Umgang mit Worten hat.
“Der Klassiker unter den White-Trash-Dramen: das Mutter-und-Sohn-Co-Abhängigkeitsdilemma. Romantik pur im Ödipushotel.”
Der Mann ist Rapper: er schreibt plakativ, konzentriert, authentisch und voller Gefühl.
…. und immer zitierbar, wie du in meiner Rezension gut erkennen kannst.
Es ist nur ein kurzes Buch (90 Seiten) doch es erzählt gehaltvoll von einer komplexen und besonderen Mutter-Kind Beziehung, wie du sie vielleicht teilweise in der einen oder anderen Form vielleicht selbst auch kennst.
Und für mich als Elternteil ist es eine Ermahnung und Motivation meiner Verantwortung gerecht zu werden und dabei mein Bestes zu geben.
Kein wirkliches Lesevergnügen
Der Einfluss der Fasane von Antje Rávik Strubel
Antje Rávik Strubel wurde 2021 für ihren Roman „Die blaue Frau“ mit dem Buchpreis ausgezeichnet. Jetzt ist ihr neuer Roman „Der Einfluss der Fasane“ mit einer vielversprechenden Kurzbeschreibung erschienen.
Für mich war es der erste Roman der Autorin. Und ich weiß noch nicht, ob ich Lust auf weitere Literatur von Antje Rávik Strubel habe, denn der „Der Einfluss der Fasane“ hat mir nicht sonderlich gut gefallen.
Ich konnte einfach nicht so richtig folgen oder die Botschaften dechiffrieren, die in der Geschichte der Feuilletonchefin Hella Karl vermittelt werden sollten.
Die äußeren Eckpfeiler der Handlung kann ich noch gut ausmachen, aber der Subkontext erschließt sich mir nicht so ganz.
Die besagte Feuilletonchefin Hella Karl hat in einem Zeitungsartikel die sexistischen Praktiken eines renommierten Theaterindentanden aufgedeckt und kritisch darüber berichtet.
Der hat sich jetzt allerdings in Sydney während einer Operaufführung seiner ebenfalls berühmeten Frau umgebracht.
Für die Presse natürlich ein gefundenes Fressen und Hella Karl steckt schnell in der Rolle des Bösewichts.
Hat sie den Mann mit ihrem Artikel in den Selbstmord getrieben?
Die Schuldzuweisungen der Presse sind die eine Sachen, die andere ist die individuelle Schuld Hella Karls. Oder gibt es die überhaupt?
Mir ist einigermaßen klar, dass Antje Rávik Strubel in ihrem Roman ganz viel mit den stereotypen Vorstellungen von Geschlechterrollen arbeitet. Hält sich Hella Karl ihren jüngeren Mann nicht als klassisches Sexobjekt zu Hause in der Rolle der traditionellen Hausfrau? Agiert sie im Umgang mit ihren jüngeren Mitarbeiterinnen nicht patriarchal herablassend von oben herab?
Andere verschlüsseltere Gesellschaftskritik erschließt sich mir dann weniger.
In ihrem neuen Roman „rechnet Antje Rávik Strubel mit Aufregungsmechanismen und Blindheit der Medien ab“, titelt der Tagesspiegel.
Öh ja, so wird der Roman mehrmals beschrieben, aber warum kann ich das dann gar nicht so wirklich IN dem Roman lesen? Wo wird das denn beschrieben, habe ich das überlesen?
Die häufig von Antje Rávik Strubel verwendeten Dialoge lesen sich für mich konstruiert, fast surreal satirisch, nur dass ich den springenden Punkt scheinbar einfach nicht verstehe.
Anscheinend basieren ihre Figuren und die geschilderten Vorfälle auf wahren Begebenheiten, aber ich habe natürlich keinen Schimmer auf welchen.
Und die Fasane? Sie erscheinen als roter Faden immer wieder, sogar ganz dramatisch am Ende des Romans, aber was will die Autorin mir damit sagen?
Ich denke, dass das Zielpublikum des Romans definitiv ein Intellektuelles ist. Allein der Schreibstil hat schon einen gewissen Anspruch und bereitet vielleicht nicht jedem Lesepublikum eine intuitive Lesefreude.
Ich selbst habe den Roman mit grundsätzlichem Interesse, aber ohne großes Vergnügen gelesen.
Aber wahrscheinlich liebt das Feuilleton Romane über das Feuilleton und wird auch diesen hoffentlich ausführlich und detailliert besprechen und ihn für mich in der Nachlese nochmals aufbereiten.











