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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Intensive und sehr lesenswerte Introspektion einer Mutter-Tochter Beziehung

Die Wahrheiten meiner Mutter von Vigdis Hjorth

Während dieser 400 Seiten wollte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Das lag ebenso an der lockeren Textsetzung wie an dem Sog, den dieser Roman ausübt.

Eigentlich passiert nicht viel und doch läuft alles unaufhaltsam auf den einen Endpunkt zu.

Auf der äußeren Handlungsebene gibt es Johanna, die Ich-Erzählerin, eine ältere Künstlerin, die nach 30 Jahren in den USA in ihre norwegische Heimatstadt zurückgekehrt ist.

Sie verließ damals zusammen mit einem anderen Mann ihre Ehe, ihre Familie und die Enge ihrer Herkunft um in den USA eine neues und anderes Leben zu beginnen. Mit ihrer Mutter verbindet sie seit der Kindheit ein sehr kompliziertes und schwieriges Verhältnis, das sie in ihrer Kunst in den USA verarbeitet. Das stößt beim Rest der Familie auf Unverständnis und Ablehnung und seitdem ist der Kontakt zur Mutter abgebrochen.

Auf der inneren Handlungsebene gibt es aber auch Johanna, in der, inzwischen selbst seit langem Mutter, noch immer das kleine verletzte Kind steckt, das sich nach der Nähe und der Liebe seiner Mutter sehnt.

Nach 30 Jahren wieder zurück in Norwegen drängen sich diese vergessen geglaubten Gefühle an die Oberfläche und die Erzählerin verstrickt sich zunehmend in Spekulationen über das Leben ihrer Mutter. Das obsessive Nachdenken über den Tagesablauf und die Beziehung der Mutter zu ihrer anderen Tochter Ruth nehmen sie immer mehr gefangen. Bald verfolgt, ja stalkt, sie ihre Mutter richtiggehend, ruft sie an, hofft auf eine zufällig Begegnung.

Doch die Mutter reagiert nicht und verweigert jede Kontaktaufnahme…

Vigdis Hjorth erforscht in ihrem introspektiven Roman dieses Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Gibt es ein Recht auf die Liebe einer Mutter?
Es rührt mich, wie diese lebenserfahrene Frau sich in ihrem Innersten noch immer nach der nie erreichten Liebe ihrer Mutter verzehrt. Wie sie an diesen nicht aufgearbeiteten Gefühlen leidet, ihr die Sicherheit entgleitet. Wie sie sich noch immer verletzten lässt.
Hjorth vermeidet dabei Pauschalisierungen und Schwarz-Weiß Malerei. Die Rolle der Bösen bleibt unbesetzt. Stattdessen zeigt sie die komplexen Ambivalenzen in dieser so wichtigen und usprünglichsten Verbindung zwischen Eltern und Kind.

Vor allem aber zeigt Hjorth, wieviel Macht diese Verbindung über uns haben kann, wenn wir es zulassen.

„Die Wahrheiten meiner Mutter“ war für mich ein großer, rauschhaft gelesener, intimer Roman, der für mich viele persönliche Berührungspunkte hatte. Hat mich bewegt und mir sehr gefallen!

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Identitätssuche und ein Vater-Tochter Konflikt. Ein autobiografischer Debütroman

Terafik von Nilufar Karkhiran Khozani

„Terafik“ ist der erste Roman von Nilfur Karkhiran Khozani und er ist autobiografisch.

Für mich ist er ein niederschwelliger Einblick in eine iranische Familie und in ein zerrissenes Land. Gleichzeitig ist er das berührende Porträt einer schwierigen Vater-Tochter Beziehung.

Nilufar ist in Deutschland geboren.

Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Iraner, der jedoch die Familie früh verlassen hat, um wieder in Iran zu leben. Seitdem hat Nilufar wenig Kontakt zu ihm oder zu dem persischen Teil ihrer Identität.
Für andere ist Nilufar das „Ausländerkind“ und sie ist struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Subtiler Rassismus ist Teil von Nilufars Alltags.
Obwohl sie sich eindeutig in Deutschland verortet, struggelt sie mit ihrer Zugehörigkeit und ihrer Identität.
Es wird Zeit für einen Besuch bei ihrem Vater in Iran und Zeit, diesen Teil ihrer Familie und ihrer Herkunft kennenzulernen.
Ich entdecke mit Nilufar ein Land der Gegensätze, voller Geschichte und Kultur, voller Gastfreundschaft und Familiensinn, aber auch voller Einschränkungen und großer Fremdbestimmung, vor allem für Frauen.
Ich mag, wie Khozani in der Vater-Tochter Konstellation deutlich macht, wie beide trotz aller Unterschiede versuchen ein Verständnis füreinander zu entwickeln und eine Verbindung herzustellen.
In rückblickende Einschüben kann ich aus Khosrows Sicht lesen, warum er Deutschland und somit seine Tochter, damals verlassen hat.

Der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, ist die stetige Ausgrenzung und das Gefühl der Nicht-Anerkennung, der Heimatlosigkeit, die sowohl Nilufar und ihren Vater in Deutschland zu spüren bekommen.

Die Erfahrungen der Erzählerin authentisch geschrieben und für mich besonders auf emotionaler Ebene nachvollziehbar.
Die Schilderungen und Einblicke in die Lebensrealität von Nilufars iranischer Familie bleiben sehr auf individuellem Niveau und geben mehr persönliche Eindrücke wieder, als dass sie politisch oder gesellschaftlich kritisieren.

Einige Passagen empfinde ich zudem als ungeschickt ausgearbeitet und in der Vielzahl der beschriebenen Familienmitgliedern und Geschichten geht leider die Wertigkeit der einzelnen für mich etwas verloren.

Ich bin dankbar für die Eindrücke aus diesem mir fremden Land und würde zwar „Terafik“ nicht als Highlight bezeichnen, aber als autobiografischen Roman, den ich gerne gelesen habe.

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Faszinierend, tiefgründig und unterhaltsam: toll!

Die Lügnerin von Friedemann Karig

Ja, cool, das war richtig gut!
Mochte ich sehr.

Glaubst Du an die Kraft der Suggestion? Horoskope? Placebo Effekt? Zaubertricks?Self-fulfilling prophecy? Wenn ja, wie weit reicht diese Kraft? Kannst Du mit der Kraft deines Glaubens Roulette Kugeln beeinflussen?
Sehr, sehr interessante Fragen, finde ich, die Friedemann Karig in seinem doppelbödigen und unterhaltsamen Roman in den Raum stellt.

Der Plot ist rasant und ich will euch nur einen kurzen Abriß geben, da es Teil des Spaßes ist, die Handlung zu entschlüsseln.
Das Setting mutet klassisch an. Eine Frau, die Ich-Ezählerin, befindet sich scheinbar in einem abgeschiedenen Institut und erzählt scheinbar einer Therapeutin aus ihrem Leben und von den Gründen ihres Aufenthalts.
Ich gebrauchte soeben zweimal das Wort „scheinbar“ und das hat seinen Grund, den die Erzählerin ist eine Lügnerin.
Und dabei lügt sie so gut, dass alles was sie erzählt, zur realen Wirklichkeit wird.

Genauso wie die Protagonistin ihr Umfeld manipuliert, werde ich als Leser*in von der Erzählung manipuliert und kann bald nicht mehr unterschieden, was der wahre Kern der Handlung ist. Doch das spielt letztendlich gar keine Rolle.
Es ist genau dieses Spiel mit Realität und Fiktion, mit Glaube und Wirklichkeit, mit Ursache und Wirkung, das diesen Roman für mich so spannend und so unterhaltsam macht.
Im Vorbeigehen lässt Karig subtile Gesellschaftskritik an sexisitschen und kapitatistischen Strukturen einfließen.

„Wenn du reich bist, existiert die ganze Welt nur für deine Wünsche. Ob du dafür bezahlst, ist am Ende egal.“

Auch hier stellt der Roman infrage, wieviele dieser Strukturen nur durch unseren Glauben daran aufrecht erhalten werden und ob sie individuell beeinflusst werden können. Fragen, die auch mich oft beschäftigen.

Die Themen, die in Karig in seinem unglaublich raffiniert konstruierten Roman auftauchen lässt, sind existenziell und universell. Sie betreffen letztendlich den Kern meiner Identität oder das was ich dafür halte.

„Aber unsere Identität sind nicht die Geschichten, die wir selbst erzählen. Sondern die, von denen wir glauben, dass andere sie sich über uns erzählen.“

Ich bin wirklich sehr überrascht, überwältigt und unterhalten von diesem Roman. Alle drei Zustände begrüße ich und suche ich beim Lesen von Literatur. Für mich war „Die Lügnerin“ wirklich ein besonderes und anspruchsvolles Vergnügen, dass ich an alle Lesende, die sich davon angesprochen fühlen, auf jeden Fall weiterempfehle!

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Nicht mein Humor, nicht mein Buch

Kleine Probleme von Nele Pollatschek

Nope, das war einfach nicht mein Buch. Ich bin auch selber dran schuld, eigentlich mag ich nämlich gar keine tragikomischen, humorvollen oder gar lustigen Bücher.
Nur manchmal gibt es sie eben doch, diese seltenen Ausnahmen. Das hier war keine.
Ich fand den Roman leider nicht nur nicht lustig, sondern leider langweilig, seicht und super trivial.

Die Handlung ist schnell zusammen gefasst. Ein Mann, 49, will am letzten Tag des Jahres einige Dinge auf einer Liste erledigen, die er schon viel zu lange vor sich herschiebt.

„Es war Freitag, der 31. Dezember, und ich musste noch was erledigen. Also alles.“

Natürlich gibt es dabei ein paar „kleine Probleme“, denn eigentlich gemeint ist, dass er sein Leben umkrempeln will. Der Erzähler hat in seinen Augen noch nichts Vorzeigbares erreicht und ist unfähig, die kleinsten Erledigungen ohne genauste Anweisungen seiner Frau Johanna zu erledigen.
Er ist angehender Schriftsteller, hat aber noch nicht mal eine brauchbare Idee. Das Geld verdient seine Frau als Lehrerin.

Dieser Typ ist mein wandelnder Gegensatz: ich habe zwar mein Leben im großen Stil nicht im Griff, ein Koreabett bekomme ich aber noch problemlos und zügig auf aufgebaut. Ohne Gaffa Tape.
Er hingegen führt seit vielen Jahren eine glückliche Ehe, seine Kinder sind fast erwachsen und er ist im großen und ganzen mit sich im Reinen, scheitert aber daran einen Kaffeefleck wegzuwischen.
Aber vielleicht ist das genau der Punkt …and I just don‘t get it.

Natürlich gehen mir auch sehr kritische, feministische Störgedanken durch den Kopf.

Mich langweilten die Beschreibungen der stümperhaft und mit kaum erträglicher Prokrastination vermischten trivialen Tätigkeiten sehr und die versprochenen philosophischen Gedanken lassen für mich schon sehr an Tiefgang vermissen.

Als Vorteil kann ich anrechnen, dass Pollatschek über einen wirklich schönen und eingängigen Schreibstil verfügt, so dass ich den Roman locker wegsnacken kann.
Ich kann mir gut vorstellen, dass andere Lesende einen liebenswerten und lesenswerten Roman mit Wohlfühlfaktor finden.
Und wem der Humor und der Stil gefällt, findet hier eine vielleicht eine herzerwärmende Story.
Ich fand das alles nicht.

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Eine ungewöhnliche und starke Erzählstimme, mir aber zu unfokussiert

Nichts in den Pflanzen von Nora Haddada

Ach du sch…denke ich nach dem ersten Kapitel, als die Ich-Erzählerin die teure Zuchtkatze von Leon in der Regentonne ertränkt…
Das wird krasser Stuff, denke ich.

Der Roman ist erzähltechnisch auf zwei, nicht chronologisch ablaufenden, Zeitebenen angesiedelt und wechselt spontan zwischen den Beiden.

Haddada erzählt aus der Ich Perspektive. Ihr Protagonistin heißt Leila, ist Drehbuchschreiberin, und hat durch einiges Glück und Vitamin B einen lukrativen und erfolgsversprechenden Job an Land gezogen. Jetzt muss sie nur noch das Drehbuch leicht abändern und den Schluss schreiben…
Nur noch…und genau hier fangen die Probleme an.
Es scheint, als ist Leila diesem Druck nicht gewachsen. Immer wenn sie am Skript arbeiten will, tauchen merkwürdige schwarze Fliegen auf.
Sie stürzt sich in einem hedonistischen Exzess ins großstädtische Nachtleben und findet allerlei Ablenkungen

„Ich sollte gerade zu Hause sein und ein Ende schreiben, aber ich bin hier und saufe, und eigentlich saufe ich jeden Abend, und nie schreibe ich.“

Leila ist obsessiv besessen von ihrem Love Interest Leon. Eine weitere Vermeidungsstrategie oder Grund für ihre Schreibblockade? Und dann gibt es da auch noch den anderen Leon…
Währenddessen wächst der Druck vor dem Abgabetermin und die Konkurrenz ist groß.
Leilas Pläne einen Aufschub zu erwirken um am Drehbuch weiter zu arbeiten, nehmen ziemlich abgefahrene und abstruse Ausmaße an.

Das sind auch die Anteile, die mir gut gefallen. Die ausufernden Szenen und die krasse, schwer nachvollziehbare Ambivalenz der Protagonistin mag ich sehr. Unter dem zeitlich irrlichterndem Plot und den Leons gibt es eine tiefere Ebene, die interpretationsoffen entdeckt werden kann.
Auch sprachlich finde ich Haddadas Debüt ziemlich ansprechend, gelungen und angenehm anders.


Doch ingesamt hat “Nichts in den Pflanzen” für mich leider nicht gut funktioniert.
Ich denke schon, dass ich das grundlegende Thema erkennen konnte, irgendwas mit Prokrastination, Sinnsuche und das Haufischbecken des Erfolges. Kann aber auch sein, dass es um was anderes geht, denn es wird viel angeschnitten, aber für mich nicht ausreichend auserzählt. Ich fühlte mich im Plot etwas verloren und so kommt bei mir einige Langeweile auf. Hier hätte mir eine klarere Linie und stärkere Fokussierung geholfen.

Ich habe in den letzten Wochen sehr viele Debütromane gelesen, darunter einige äußerst herausragende. Dieser gehörte für mich persönlich nicht dazu, sondern reiht sich im guten Mittelfeld ein.

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Aktuelles und interessantes Thema, leider in der Umsetzung recht blaß

Zeiten der Langeweile von Jenifer Becker

Irgendwie weiß ich gar nicht so recht, was ich zu diesem Roman sagen soll, außer dass er keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlässt und mich recht nichtssagend zurücklässt.

Dabei hörte sich das Thema so spannend und aktuell für mein eigenes Leben an.
Eine Frau, Mila, aus meiner Generation der Millenials, will sich nach und nach von ihrem digitalen Leben verabschieden.

Der Grund dafür ist ihre gleichermaßen große Angst vor Exposure und Gecancelt werden. Auch die für immer nachverfolgbaren Spuren, die sie im Netz hinterlässt, machen ihr immer mehr Sorgen.
Mila nimmt sich sogar extra eine beruflich Auszeit („between jobs“) fängt an sich erst von Social Media Apps abzumelden, und konsumiert digitale Austeiger*innen You-Tube Channels.
Natürlich erschwert sich plötzlich jede Kommunikation und ihr soziales Netz schrumpft massiv, Mila kommuniziert mit immer weniger Menschen. Nach und nach will sie alle Spuren von sich aus dem Internet entfernen, was sich als langwierige Aufgabe herausstellt. Allmählich wird ihr auch klar, wieviele indirekte digitale Spuren und Daten sie ungewollt hinterlässt durch die Nutzung von Streaming und Online Diensten. Das alles will Mila aus Angst vor Rückverfolgung aus ihrem Leben entfernen.
Doch wie geht es ihr dabei? Wirklich besser? Was macht Mila mit der ganzen gewonnenen Zeit, wie vertreibt sie die Langeweile in ihrer Welt, die komplett digital vernetzt ist?

Ich schreibe hier bewusst „ihre Welt“, denn wo ich anfangs dachte ich hätte mit der Figur auf Grund meines Alters und meiner Social Media Nutzung einige Gemeinsamkeiten mit der Erzählerin, wird mir schnell klar, dass meine Welt doch eine andere ist.
Habe ich Sorge, meine Social Media Nutzung ist übertrieben? Ja, durchaus. Habe ich Sorgen im Netz bloßgestellt oder gecancelt zu werden? Eher nicht. Ganz einfach, weil mein Leben nicht in der Form digital abläuft, wie das der Erzählerin.
Die grundlegende Frage des Romans, nämlich wie wir frei sein können, stellt sich so in dieser Form gar nicht und wird mir für Mila zu kurz oder gar nicht beantwortet.
Die Frage könnte in Milas Geschichte oder ganz universell lauten: was gibt meinem Leben Inhalt und Sinn, unabhängig von digitalen Medien und Internet, die letztendlich auch nur Werkzeuge sind, die wir als solche begreifen und nutzten können oder nicht.

Ich konnte mich letztendlich doch nur wenig mit der Erzählerin identifizieren und konnte auch keine gesellschaftskritischen Aspekte ausmachen, die mich nachdenklich gemacht hätten. Eine tiefere Auseinandersetzung mit den vielen Fragen, die sich gerade beim digitalen Datenschutz stellen, fand mir zu wenig statt.
Ich mochte die kleine Zeitreise ein paar Jahre zurück in die Corona Zeit und die Erwähnungen einiger damaliger Phänomene hatte durchaus seinen Reiz und ist sehr zeitgeistig. Auch sprachlich ist der Roman sehr schön, wenn auch nicht herausragend gearbeitet.
Ansonsten bleibt mir der Roman einfach zu blaß und undefiniert und wird bei mir nur als mittelmäßig im Gedächtnis abgespeichert werden.

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Geht unter die Haut

Die Stärkste unter ihnen von Selina Kristin Seemann

Bereits die Beschreibung eines Blowjobs auf den ersten Seiten machen mich einfach nur unglaublich traurig und erfüllen mich mit starker Empathie für die Erzählerin, die sich „beim Sexuellen mit einer reinen Dienstleistung meinerseits“ arrangiert.

Wenn mir eine Freundin das erzählen würde, was mir die Ich-Erzählerin Milena über ihre neue Internetbekanntschaft Josh, zu dem sie spontan für ein paar Tage nach Irland geflogen ist, erzählen würde, würden bei mir sämtliche Red flags aufleuchten.

Der Typ lebt noch bei seiner Mutter in seinem alten, ungepflegten Kinderzimmer, ist ein emotionaler und sexueller Under-Achiever und auch sonst kann ich keine sympathischen Benefits erkennen.
Doch bei Milena leuchten keine Red Flags, Milena ist fest entschlossen, sich in Josh zu verlieben.

Denn Milena ist, seit sie 15 ist, in einer missbräuchlichen Beziehung zu einem wesentlich älteren, verheirateten Mann, Nick. Josh und Irland ist für sie der nötige Ausstieg, den sie nach 6 Jahren Beziehung für den Absprung braucht. Mittlerweile ist Milena Anfang 20, das Machtgefälle zwischen ihr und Nick hat sich ein wenig zu ihren Gunsten verlagert, sie ist älter und erwachsener geworden.
Selina Seemann beschreibt in sehr eindringlicher Weise, wie Nick Grooming und Gaslighting als Methoden verwendet um immer wieder junge Mädchen in seine Abhängigkeit zu bringen und für seine (sexuellen) Zwecke zu missbrauchen. Das ist kein neues Thema in der Literatur, aber für mich noch lange nicht auserzählt. Zudem erzählt uns Seemanns Roman nicht nur von dem Vorgangs des Grooming an sich, sondern auch von den Folgen, die es für Milena und andere junge Frauen in der nachfolgenden Jahre hat.
Leider ist Nick nicht nur ein Pädokriminelles Arschloch, sondern leidet auch noch extrem an fragiler und gekränkter Männlichkeit, wenn er verlassen wird, was sich im jahrelangen Stalking seiner Opfer äußert.
Was mich an dem Roman, neben dem authentischen Schreibstil, besonders angesprochen hat, sind die (eigentlich will ich es gar nicht so nennen) Sexszenen.
In einer seltenen Deutlichkeit und sehr konkret beschreibt Seemann die teilweise entwürdigenden und traurigen Akte. Sie zeigt dabei ihre Figur in einer großen Verletzlichkeit und Nahbarkeit, die mir unter die Haut geht.

Im letzten Drittel hätte ich mir vielleicht noch einen etwas stärkeren Fokus auf das Stalking und die Folgen gewünscht. Irgendwie scheint mir die Handlung nach der Trennung von Nick wie abgeblendet, abgedimmt. Als würde die Zeit ohne Nick für Milena weitergehen ohne wirklich gelebt zu werden. Das mag Absicht sein, verliert aber im Vergleich zu den ersten zwei Dritteln des Romans an Strahlkraft.


Ein richtig starker, brisanter Roman, den ich wahnsinnig gerne und voll von Mitempfinden gelesen habe.

F.Y.I.: Passend zum Roman gibt es die gleichnamige Playlist auf Spotify!

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Erinnerungen an Simone: eine Spurensuche

Simone von Anja Reich

Anja Reich ist Journalistin und Autorin. In ihrem neuen Roman “Simone” verarbeitet sie autobiografisch den Selbstmord ihrer gleichnamigen Freundin.

Wie so oft steht an erster Stelle die unvermeidliche Frage nach dem Warum.

“Wir brauchen einen Sündenbock, einen Grund, eine Erklärung, versuchen zu verstehen, was wir nicht verstehen können, um selbst weiterleben zu können.



Zusätzlich quält sich Reich mit starken Schuldgefühlen, denn Simone hat vor ihrem Suizid telefonisch versucht ihrer langjährigen Freundin etwas wichtiges anzuvertrauen.

„Simone“ ist mehr als der Versuch einer Analyse einer unbegreiflichen Tat. Reich skizziert und analysiert während ihrer Recherche das komplette, wenn auch kurze, Leben Simones.
Können bereits in kurz nach der Geburt Anzeichen entdeckt werden, die auf dem späteren Suizid Simones hindeuten?

Als Baby kam Simone in eine DDR-typische Wochenkrippe, von denen man heute weiß, dass sie das Bindungsverhalten für immer schädigen können.

“Trennung von Menschen, die ihr viel bedeuteten, warfen sie aus der Bahn, riefen Angst in ihr hervor”

Beide Mädchen werden im DDR-System groß und freunden sich an. Reich kommt für eine Weile mit Simones Bruder zusammen.

Dann der Mauerfall. Euphorie.

Aber es ist auch ein großer Umbruch, den einige nicht gut verkraften. Und Simone? Wie hat sie den Systemwechsel erlebt?

Während Reich beruflich Fuß fast und eine Familie gründet, ist Simone Dauerstudentin, hat Wechselnde Männerbekanntschaft. Aber immer die falschen, nicht verfügbaren Männer.
Wünscht sich Bindung und Nähe, aber hält sie nicht aus.

Das besondere an Reichs Recherchen sind neben dem bewegenden individuellen Leben von Simone, das sie sehr sensible beleuchtet, die gesellschaftlichspolitische Dimension, die immer mit einfließt.

So thematisiert Reich den Selbstmord als großes gesellschaftliches Tabu, das immer noch oft ausgeblendet oder verschwiegen wird.

Diese Mischung Spurensuche, Tagebüchern und Gespräche mit Angehörigen und Expert*innen macht den Roman für mich äußerst lesenswert. Emotional ergreifen mich vor allem die Enthüllungen der letzten Lebensjahre von Simone, die nicht glücklich, sondern von verzweifelter Suche nach Nähe geprägt sind.
Auch ich frage mich, ob Simones Leben anders verlaufen wäre, wenn manche Umstände vielleicht anders gewesen wären.

Diese Fragen können und werden nie beantwortet werden. Was Reich aber mit ihrem Roman erschafft ist etwas Bleibendes: es eine Erinnerung an eine verlorenen Freundin, Schwester und Tochter. Die Erinnerung an Simone.

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Wunderbare Spätsommerlektüre

Das leise Platzen unserer Träume von Eva Lohmann

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

Jo, Rilke. Bißchen überstrapaziert, der Herbst, aber in diesem Roman passen diese Zeilen einfach wunderbar.
Der ganze Roman ist wunderbar. Wehmütig und tröstlich.
Das kann ich wirklich gut gebrauchen.

Kennt ihr nicht auch das Gefühl, wenn eure Lebensträume leise platzen?
In jedem Leben kommt wahrscheinlich der Punkt, in dem ich realisieren muss, dass sich gewisse Träume nicht mehr verwirklichen werden. Manchmal fängt es schon in der Jungend an, wenn mensch merkt, dass es jetzt nicht mehr die große Sport- oder Musikkarriere werden wird.

Doch was, wenn einem ganze Lebensentwürfe entgleiten?

Das beschreibt Eva Lohmann mit ihren Figuren ganz wunderbar. Ihre Ich-Erzählerin Ellen ist die Affäre eines verheirateten Mannes und überlegt sich, was das für seine Frau bedeutet. Jule, die Ehefrau, ist zusammen mit ihrem Mann auf Land gezogen, um sich den Traum vom idyllischen Landleben mit vielen Kindern zu erfüllen. Nicht nur das Landleben ist in der Realität nicht so traumhaft, sondern auch die Ehe der beiden stirbt einen langsamen und schleichenden Tod.
Das liegt auch am Kinderwunsch der beiden, der sich nicht mehr erfüllen wird. Ellen, die Affäre dagegen hat Zwillinge aus der vorherigen Beziehung, hat aber ihre eigenen beruflichen Struggles.
Und David, der Mann zwischen beiden Frauen? Was sucht er in der Affäre mit Hellen?

Lohmanns drei Protagonist*innen sind Anfang 40, ein Alter, in dem sich viele Türen schließen und sich nur noch wenige neue öffnen. Wie kann ein Abschied und eine Akzeptanz von verstrichenen Möglichkeiten gelingen? Mich berührte vor allem Jules geplatzte Träume, ihr geplantes Leben fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen und der Abzweig zur Bitterkeit liegt nah.
Ich finde Lohmanns Roman sehr sensibel und feinfühlig erzählt. Lohmann fängt diese Stimmung des Ausharrens in einer toten Beziehung und einem erstarrten Leben wunderbar ein. Das Festhalten an Träumen, die sich nicht mehr erfüllen werden. Wie authentisch jede*r die Geschichte empfindet, ist ganz sicher individuell. Mir sind manche Aspekte vielleicht etwas zu versöhnlich und menschlich beschönigt geschildert. Aber das empfinde ich fast als wohltuend und lindernd.

Das macht den Roman zu einer ganz wunderbaren Spätsommerlektüre, die ich euch gerne empfehle, wenn ihr nach einer leisen aber nicht trivialen Geschichte sucht.

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Außergewöhnliche, hochkarätige Gegenwartsliteratur

Arson von Laura Freudenthaler

Freudenthaler erzählt in „Arson“ von einer Frau und einem Mann.

Die Rastlose und der Schlaflose.
Die Verletzte auf der Flucht und der Feuerjäger. Zwei Existenzen am Rande des Kontrollverlusts.

Es fällt mir leicht, mich auf Freudenthalers fragmentarische Erzählform einzulassen. In die Stimmung einzutauchen.

Manchmal konkret, manchmal traumhafte Bilder und Szenen, teilweise abstrakt, nicht greifbar und dennoch scharf geschnitten.

Es gibt viele metaphorische Beschreibungen von Schlaflosigkeit. Der schlaflose Feuerjäger weiß, viereinhalb Stunden muss ein Mensch im Schnitt schlafen um zu überleben.

„Die Schlaflosigkeit gebiert Motten, unter der Schädeldecke, hinter der Stirn. In den verborgensten Winkeln und den tiefsten Schichten legen sie ihre Larven ab, die sich von Hirnmasse ernähren“

Währenddessen in der äußeren Welt: Die Hitze, die Feuer, die von Algen erstickten Meere, Gewitter und Unwetter. Ein dystopisches Szenario?
Die verwundete Frau zieht sich wie ein schutzsuchendes Tier immer weiter aus der überhitzen Stadt zurück. Immer weiter, bis sie Zuflucht auf dem Land in einem verlassenen Schloss findet.

Können Mann und Frau einander halten? Miteinander eine Zukunft sein?

„Vielleicht, sage ich, gibt es einfach keinen Ort mehr für Träume.“

Freudenthalers Stil wechselt nicht nur zwischen abstrakt und konkret, sondern ist stellenweise fast experimentell. In einigen Passagen lese ich seitenweisen nur einzelne Worte und Satzfragmente aneinander gehängt, sehr assoziativ.

Doch das hat mir gefallen, konnte mich gut darauf einlassen. Eine ganz freie Art des Lesens, sehr wenig geführt durch die reduzierte Handlung des Textes. Vielmehr fühle ich mich emotional geleitetet durch die beschriebenen starken Bilder und die poetische, wortstarke Sprache.
Lesende, die außergewöhnliche, hochkarätige Literatur suchen, finden in „Arson“ eine intensives Stück Gegenwartsliteratur.

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