Kunden em pfehlungen
Rezensionen von @lust_auf_literatur:
Geht unter die Haut
Die Stärkste unter ihnen von Selina Kristin Seemann
Bereits die Beschreibung eines Blowjobs auf den ersten Seiten machen mich einfach nur unglaublich traurig und erfüllen mich mit starker Empathie für die Erzählerin, die sich „beim Sexuellen mit einer reinen Dienstleistung meinerseits“ arrangiert.
Wenn mir eine Freundin das erzählen würde, was mir die Ich-Erzählerin Milena über ihre neue Internetbekanntschaft Josh, zu dem sie spontan für ein paar Tage nach Irland geflogen ist, erzählen würde, würden bei mir sämtliche Red flags aufleuchten.
Der Typ lebt noch bei seiner Mutter in seinem alten, ungepflegten Kinderzimmer, ist ein emotionaler und sexueller Under-Achiever und auch sonst kann ich keine sympathischen Benefits erkennen.
Doch bei Milena leuchten keine Red Flags, Milena ist fest entschlossen, sich in Josh zu verlieben.
Denn Milena ist, seit sie 15 ist, in einer missbräuchlichen Beziehung zu einem wesentlich älteren, verheirateten Mann, Nick. Josh und Irland ist für sie der nötige Ausstieg, den sie nach 6 Jahren Beziehung für den Absprung braucht. Mittlerweile ist Milena Anfang 20, das Machtgefälle zwischen ihr und Nick hat sich ein wenig zu ihren Gunsten verlagert, sie ist älter und erwachsener geworden.
Selina Seemann beschreibt in sehr eindringlicher Weise, wie Nick Grooming und Gaslighting als Methoden verwendet um immer wieder junge Mädchen in seine Abhängigkeit zu bringen und für seine (sexuellen) Zwecke zu missbrauchen. Das ist kein neues Thema in der Literatur, aber für mich noch lange nicht auserzählt. Zudem erzählt uns Seemanns Roman nicht nur von dem Vorgangs des Grooming an sich, sondern auch von den Folgen, die es für Milena und andere junge Frauen in der nachfolgenden Jahre hat.
Leider ist Nick nicht nur ein Pädokriminelles Arschloch, sondern leidet auch noch extrem an fragiler und gekränkter Männlichkeit, wenn er verlassen wird, was sich im jahrelangen Stalking seiner Opfer äußert.
Was mich an dem Roman, neben dem authentischen Schreibstil, besonders angesprochen hat, sind die (eigentlich will ich es gar nicht so nennen) Sexszenen.
In einer seltenen Deutlichkeit und sehr konkret beschreibt Seemann die teilweise entwürdigenden und traurigen Akte. Sie zeigt dabei ihre Figur in einer großen Verletzlichkeit und Nahbarkeit, die mir unter die Haut geht.
Im letzten Drittel hätte ich mir vielleicht noch einen etwas stärkeren Fokus auf das Stalking und die Folgen gewünscht. Irgendwie scheint mir die Handlung nach der Trennung von Nick wie abgeblendet, abgedimmt. Als würde die Zeit ohne Nick für Milena weitergehen ohne wirklich gelebt zu werden. Das mag Absicht sein, verliert aber im Vergleich zu den ersten zwei Dritteln des Romans an Strahlkraft.
Ein richtig starker, brisanter Roman, den ich wahnsinnig gerne und voll von Mitempfinden gelesen habe.
F.Y.I.: Passend zum Roman gibt es die gleichnamige Playlist auf Spotify!
Erinnerungen an Simone: eine Spurensuche
Simone von Anja Reich
Anja Reich ist Journalistin und Autorin. In ihrem neuen Roman “Simone” verarbeitet sie autobiografisch den Selbstmord ihrer gleichnamigen Freundin.
Wie so oft steht an erster Stelle die unvermeidliche Frage nach dem Warum.
“Wir brauchen einen Sündenbock, einen Grund, eine Erklärung, versuchen zu verstehen, was wir nicht verstehen können, um selbst weiterleben zu können.
”
Zusätzlich quält sich Reich mit starken Schuldgefühlen, denn Simone hat vor ihrem Suizid telefonisch versucht ihrer langjährigen Freundin etwas wichtiges anzuvertrauen.
„Simone“ ist mehr als der Versuch einer Analyse einer unbegreiflichen Tat. Reich skizziert und analysiert während ihrer Recherche das komplette, wenn auch kurze, Leben Simones.
Können bereits in kurz nach der Geburt Anzeichen entdeckt werden, die auf dem späteren Suizid Simones hindeuten?
Als Baby kam Simone in eine DDR-typische Wochenkrippe, von denen man heute weiß, dass sie das Bindungsverhalten für immer schädigen können.
“Trennung von Menschen, die ihr viel bedeuteten, warfen sie aus der Bahn, riefen Angst in ihr hervor”
Beide Mädchen werden im DDR-System groß und freunden sich an. Reich kommt für eine Weile mit Simones Bruder zusammen.
Dann der Mauerfall. Euphorie.
Aber es ist auch ein großer Umbruch, den einige nicht gut verkraften. Und Simone? Wie hat sie den Systemwechsel erlebt?
Während Reich beruflich Fuß fast und eine Familie gründet, ist Simone Dauerstudentin, hat Wechselnde Männerbekanntschaft. Aber immer die falschen, nicht verfügbaren Männer.
Wünscht sich Bindung und Nähe, aber hält sie nicht aus.
Das besondere an Reichs Recherchen sind neben dem bewegenden individuellen Leben von Simone, das sie sehr sensible beleuchtet, die gesellschaftlichspolitische Dimension, die immer mit einfließt.
So thematisiert Reich den Selbstmord als großes gesellschaftliches Tabu, das immer noch oft ausgeblendet oder verschwiegen wird.
Diese Mischung Spurensuche, Tagebüchern und Gespräche mit Angehörigen und Expert*innen macht den Roman für mich äußerst lesenswert. Emotional ergreifen mich vor allem die Enthüllungen der letzten Lebensjahre von Simone, die nicht glücklich, sondern von verzweifelter Suche nach Nähe geprägt sind.
Auch ich frage mich, ob Simones Leben anders verlaufen wäre, wenn manche Umstände vielleicht anders gewesen wären.
Diese Fragen können und werden nie beantwortet werden. Was Reich aber mit ihrem Roman erschafft ist etwas Bleibendes: es eine Erinnerung an eine verlorenen Freundin, Schwester und Tochter. Die Erinnerung an Simone.
Wunderbare Spätsommerlektüre
Das leise Platzen unserer Träume von Eva Lohmann
„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“
Jo, Rilke. Bißchen überstrapaziert, der Herbst, aber in diesem Roman passen diese Zeilen einfach wunderbar.
Der ganze Roman ist wunderbar. Wehmütig und tröstlich.
Das kann ich wirklich gut gebrauchen.
Kennt ihr nicht auch das Gefühl, wenn eure Lebensträume leise platzen?
In jedem Leben kommt wahrscheinlich der Punkt, in dem ich realisieren muss, dass sich gewisse Träume nicht mehr verwirklichen werden. Manchmal fängt es schon in der Jungend an, wenn mensch merkt, dass es jetzt nicht mehr die große Sport- oder Musikkarriere werden wird.
Doch was, wenn einem ganze Lebensentwürfe entgleiten?
Das beschreibt Eva Lohmann mit ihren Figuren ganz wunderbar. Ihre Ich-Erzählerin Ellen ist die Affäre eines verheirateten Mannes und überlegt sich, was das für seine Frau bedeutet. Jule, die Ehefrau, ist zusammen mit ihrem Mann auf Land gezogen, um sich den Traum vom idyllischen Landleben mit vielen Kindern zu erfüllen. Nicht nur das Landleben ist in der Realität nicht so traumhaft, sondern auch die Ehe der beiden stirbt einen langsamen und schleichenden Tod.
Das liegt auch am Kinderwunsch der beiden, der sich nicht mehr erfüllen wird. Ellen, die Affäre dagegen hat Zwillinge aus der vorherigen Beziehung, hat aber ihre eigenen beruflichen Struggles.
Und David, der Mann zwischen beiden Frauen? Was sucht er in der Affäre mit Hellen?
Lohmanns drei Protagonist*innen sind Anfang 40, ein Alter, in dem sich viele Türen schließen und sich nur noch wenige neue öffnen. Wie kann ein Abschied und eine Akzeptanz von verstrichenen Möglichkeiten gelingen? Mich berührte vor allem Jules geplatzte Träume, ihr geplantes Leben fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen und der Abzweig zur Bitterkeit liegt nah.
Ich finde Lohmanns Roman sehr sensibel und feinfühlig erzählt. Lohmann fängt diese Stimmung des Ausharrens in einer toten Beziehung und einem erstarrten Leben wunderbar ein. Das Festhalten an Träumen, die sich nicht mehr erfüllen werden. Wie authentisch jede*r die Geschichte empfindet, ist ganz sicher individuell. Mir sind manche Aspekte vielleicht etwas zu versöhnlich und menschlich beschönigt geschildert. Aber das empfinde ich fast als wohltuend und lindernd.
Das macht den Roman zu einer ganz wunderbaren Spätsommerlektüre, die ich euch gerne empfehle, wenn ihr nach einer leisen aber nicht trivialen Geschichte sucht.
Außergewöhnliche, hochkarätige Gegenwartsliteratur
Arson von Laura Freudenthaler
Freudenthaler erzählt in „Arson“ von einer Frau und einem Mann.
Die Rastlose und der Schlaflose.
Die Verletzte auf der Flucht und der Feuerjäger. Zwei Existenzen am Rande des Kontrollverlusts.
Es fällt mir leicht, mich auf Freudenthalers fragmentarische Erzählform einzulassen. In die Stimmung einzutauchen.
Manchmal konkret, manchmal traumhafte Bilder und Szenen, teilweise abstrakt, nicht greifbar und dennoch scharf geschnitten.
Es gibt viele metaphorische Beschreibungen von Schlaflosigkeit. Der schlaflose Feuerjäger weiß, viereinhalb Stunden muss ein Mensch im Schnitt schlafen um zu überleben.
„Die Schlaflosigkeit gebiert Motten, unter der Schädeldecke, hinter der Stirn. In den verborgensten Winkeln und den tiefsten Schichten legen sie ihre Larven ab, die sich von Hirnmasse ernähren“
Währenddessen in der äußeren Welt: Die Hitze, die Feuer, die von Algen erstickten Meere, Gewitter und Unwetter. Ein dystopisches Szenario?
Die verwundete Frau zieht sich wie ein schutzsuchendes Tier immer weiter aus der überhitzen Stadt zurück. Immer weiter, bis sie Zuflucht auf dem Land in einem verlassenen Schloss findet.
Können Mann und Frau einander halten? Miteinander eine Zukunft sein?
„Vielleicht, sage ich, gibt es einfach keinen Ort mehr für Träume.“
Freudenthalers Stil wechselt nicht nur zwischen abstrakt und konkret, sondern ist stellenweise fast experimentell. In einigen Passagen lese ich seitenweisen nur einzelne Worte und Satzfragmente aneinander gehängt, sehr assoziativ.
Doch das hat mir gefallen, konnte mich gut darauf einlassen. Eine ganz freie Art des Lesens, sehr wenig geführt durch die reduzierte Handlung des Textes. Vielmehr fühle ich mich emotional geleitetet durch die beschriebenen starken Bilder und die poetische, wortstarke Sprache.
Lesende, die außergewöhnliche, hochkarätige Literatur suchen, finden in „Arson“ eine intensives Stück Gegenwartsliteratur.
Sprachgewaltige und aufregende Parabel!
Malus von Simone Hirth
Dieser Roman ist furchtbar.
Furchtbar wichtig, furchtbar aktuell und auch noch furchtbar gut!
Die deutsch-österreichische Autorin Simone Hirth hat mit “Malus“ eine wahnsinnige Parabel über unsere patriarchale Gesellschaft geschrieben, in der noch viel zu oft toxische Männlichkeit regiert und unser Zusammenleben vergiftet.
Hirth lässt die biblischen Figur Evas das Paradies verlassen, nachdem sie (natürlich) einen Apfel gegessen hat und erkennt, dass ihre Beziehung zu Adam missbräuchlich und übergriffig ist.
Eva landet im jetzt und hier oder besser gesagt in Wien Meidling. Sie ist ungeplant schwanger mit Adams Kind und möchte für sich und das Kind ein selbstbestimmtes Leben aufbauen.
Eva trifft auf Magdalena, die ebenfalls ihr biblisches Leben hinter sich gelassen hat und ihr hilft, sich in ihrem neuen Leben zurecht zu finden. Gibt ihr den weiblichen Kanon der feministischen Literatur zu lesen: Wolf, Woolf, Streeruwitz, Atwood, Ernaux und viele mehr.
Doch da ist immer noch der verlassene Adam in seiner gekränkten Männlichkeit. Er ist wütend und gibt (natürlich) Eva für alles die Schuld.
Seine wiederkehrenden Sätze („wer glaubst du wer du bist?“, „Du wirst schon sehen, was Du davon hast!“) triggern auch mich gewaltig und rühren an meine Grundängste.
Das wiederkehrende und titelgebende Symbol des Apfels steht für vieles. Für Selbsterkenntnis (natürlich) im wahrsten Sinne des Wortes, für weibliche Selbstermächtigung, und für solidarische Schwesternschaft.
Ein toller, zutiefst feministischer Roman mit ganz vielen aktuellen Bezügen, sei es zur misogynen Rechtssprechung in Scheidungsprozessenn oder zu den Missständen in der Geburtshilfe. Eine Parabel, in der Eva singt „I‘m every woman“. Die Auseinandersetzung mit dem patriachalen Gott, der Adam protektioniert, gefällt mit als Atheist*in (natürlich) auch richtig gut.
Von mir gibt es eine große Empfehlung für diesen deutlichen und aufregenden Roman, der auch noch großartig zu unterhalten weiß. Ich habe mit „Malus“ die Autorin Hirth erst neu entdeckt, möchte aber dringend noch weitere Romane von ihr lesen.
Und ein sehr starker und vielversprechender Debütroman!
Dotterland von Karoline Therese Marth
Dieser Roman hat mir sehr gut gefallen, auch wenn klassische Coming-of Age Geschichten mittlerweile nicht mehr so mein Ding sind. Mit klassischen Coming-of Age meine ich aber eigentlich die aus späterer, meist männlicher Sicht, geschriebenen und schon durch das erwachsene Denken bereinigte und zensierte Geschichten.
Die Autorin Karoline Therese Marth ist allerdings allein schon durch ihr junges Alter noch ganz nah dran und lässt ihre Ich-Erzählerin sehr authentisch vom Übergang aus der Kinderwelt in die Erwachsenen Welt erzählen.
Und aus der Kindersicht auf die Rätsel der Erwachsenenwelt.
Mit den Sims kann sich die Erzählerin stundenlang die perfekte Familie und die perfekte Welt erschaffen. Bis die Erwachsenenwelt auch in diese Spielewelt vordringt.
Nur das Dotterland bleibt in der Fantasy die heile geschützte Prinzessinnenwelt.
Mit der Trennung der Eltern und dem Abwesenden Vater bekommt die Eierschale erste Risse und mit dem Eintreten in die Pubertät bricht die Schale ganz.
Das Ausprobieren von Drogen, Alkohol und das Austesten von Sexualität. Dieses Mischung aus Gefühlen von Unsterblichkeit und existenziell bedrohlichem Liebeskummer fängt Marth in der Originaltonart ein.
Während der Teenagerzeit gibt die Gesellschaft und das Umfeld noch die Lebensziele vor, eigene müssen noch gefunden werden.
Aber kann man die Geborgenheit der Kindheit später in sich selber finden? Ein Stück heile Welt hinüberretten und etwas Schönes finden in dem Schmutz der Erwachsenenwelt?
„Dotterland“ erinnert mich mit seinem authentischen Erzählstil sehr an Rin Usamis „Idol in Flammen“, was ich auch sehr mochte.
Ich gehöre eine anderen Generation an als die Autorinnen und doch kann ich mich in den emotionalen Struggels der Erzählerinnen wiederfinden.
Literarisch schreibt Marth auf hohem Niveau, was in Kombination mit der jugendlichen Stimme ihrer Figur eine ganz eigene, besondere Erzählstimme ergibt.
Ein dünner Roman mit viel Gehalt, der mich v.a mit der emotionalen Gefühlswelt der Teenagerzeit überzeugen konnte.
Und ein sehr starker und vielversprechender Debütroman!
Zeitgeistig, aber inhaltlich unverbindlich
Tasmanien von Paolo Giordano
„Tasmanien“ konnte nicht an meine Begeisterung über Giordanos „Den Himmel stürmen“ (2018) anknüpfen. Dieser Roman und „Die Einsamkeit der Primzahlen“ waren für mich eindrückliche Lese- und Hörerlebnisse, was ich über „Tasmanien“ nicht sagen werde.
Ich kann nicht einmal sagen, ob ich „Tasmanien“ für ein gutes Buch halte, zu undifferenziert ist meine Meinung darüber.
Es entzieht sich meinem Zugang auf mir ungewohnte und unübliche Weise.
Paolo Giordano schreibt über seine Figur Paolo, die genauso alt ist und einen ähnlichen Beruf hat, wie er selbst. Das lässt mich spekulieren, wie ähnlich Giordano seinem Ich-Erzähler wirklich ist.
Paolo steckt in einer tiefen individuellen und globalen Sinnkrise. Seine Ehe ist am Scheideweg, der gemeinsame Kinderwunsch bleibt unerfüllt.
Klimaveränderungen, Terroranschläge und der unbedingte Zerstörungswille der Menschheit, das sind die globalen Themen, die Paolo beschäfftigen.
Sein einziger Coping Mechanismus: Flucht und Verdrängung. Paolo vermeidet jegliche Stellungnahme und Verantwortung.
Paolos Verhalten scheint mir nicht das eines erwachsenen Mannes, es scheint mir das eines heranwachsenden Kindes.
Das mag alles sehr zeitgeistig sein, ich persönlich kann dieser Erzählart nicht viel abgewinnen. Wahrscheinlich liege ich mit meiner Interpretation daneben, aber mir deucht das schon sehr nach detaillierten Beschreibungen von Vermeidungsstrategien in Kombination mit fragiler Männlichkeit.
Ja, es ist unleugbar ein universales Problem, dass wir uns angesichts unserer privaten und globalen Krisen gerne abwenden und entziehen, doch in Giordanos Bearbeitung des Themas finde ich nichts neues. Zudem ist er mir seiner mutmaßlichen Aussage zu unverbindlich und deutungsoffen. Das sehen die vielen italienischen Leser*innen auf jeden Fall anders, denn „Tasmanien“ gilt als das meistgelesene Buch des vergangenen Jahres.
In den Passagen, in den denen Giordano über die historische Atombombe und seine Entwickler schreibt, spüre ich meine alte Faszination für den Autoren. Sie sind fesselnd und spannend geschrieben und bieten die Parallelen in unsere heutige Zeit deutlich an. Auch handwerklich beherrscht Giordano sein Werkzeug, das wiederkehrende Thema der Wolken (sowohl symbolisch als auch konkret) sowie das allegorische Tasmanien ziehen sich als roter Faden durch den Roman und schaffen so ein anspruchsvollen und literarischen Roman im typischen Giordano Stil.
Ich möchte keine Empfehlung für oder wieder den Roman aussprechen. Meine Enttäuschung ist tu einem gewissen Teil meiner hohen Erwartungshaltung geschuldet und die schwache Ausarbeitung der Themen hat vielleicht seinen eigenen Sinn und Reiz, der mir verschlossen blieb.
Unterhaltsam, sexy und kaputt: Eine Liebesgeschichte aus New York
Cleopatra und Frankenstein von Coco Mellors
Ich wollte den Roman unbedingt lesen. Und er hat meine Erwartungen nicht enttäuscht, ich mochte ihn ziemlich gerne.
Ein richtiger Page Turner.
Die spoilerfreie Kurzzusammenfassung könnte lauten: ein kaputter, mittelalter Mann und eine kaputte, junge Frau verlieben sich in einander, haben tollen Sex und heiraten spontan.
So weit, so Romance.
Doch natürlich beginnt nach jeder Verliebtheit der Alltag und die Pheromone können bestehende Probleme nicht auf ewig überdecken…
Stimmt, der Plot hört sich jetzt nicht nach was noch nie Dagewesenem an und die Grundstory habe ich schon in verschiedenen Romanen und Filmen mit unterschiedlichem Ausgang gesehen.
Aber es ist eben auch einfach ein tolle Geschichte und ich will sie noch öfter in den verschiedensten Varianten lesen.
Vorausgesetzt die Rahmenbedingungen passen und das tun sie bei Coco Mellors ausgezeichnet.
Ihr Schreibstil ist sehr eingängig aber dabei ungewöhnlich und abwechslungsreich genug um einen gewissen Anspruch zu befriedigen. Die Nebenfiguren und Handlungen genau richtig in ihrer Anzahl um zusätzliche Themen einzubringen ohne die Haupthandlung zu überfrachten.
Auch die Sexszenen gefallen mir richtig gut, sie sind nicht zu glatt aber nicht kinky genug, um Anstoß zu erregen.
Wirklich very, very nice.
Hätten mir die oben genannten Benefits nicht so viel Freude gebracht, dann könnte ich einige Kritikpunkte anbringen. Die Feministin in mir stört sich etwas am Ausgang der Frank-Plotline, aber gut, bestimmt bin ich einfach nur neidisch. Außerdem, warum immer diese mittelalten Männer? Kann mensch seine junge weibliche Selbstzerstörung nicht mit gleichaltrigen Männern ausleben?
Aber ich will gar nicht kritisieren. Ich will sagen, dass mir der Roman trotz möglicher fragwürdiger Punkte einfach richtig gut gefallen hat und mir gute Lesestunden ohne Alltagssorgen bereitet hat.
Und das reicht definitiv für eine Leseempfehlung!
Leuchtende Sprache und stark erzählt!
Das Pferd im Brunnen von Valery Tscheplanowa
Dieser Roman war ein reiner Cover Griff und zwar ein äußerst glücklicher.
Ich fand hier überraschend ein kleines, leuchtendes Juwel.
Und den Beweis, dass große Familienromane nicht zwangsläufig viele Seiten brauchen.
Valery Tscheplanowa beschreibt in ihrem ersten, teilweise autobiografischen Roman, die Geschichte von vier Generationen russischer Frauen.
Sie spannt einen großen Bogen vom blauen Linoleumboden in einer kleinen Wohnung im russischen Kasan bis nach Deutschland, wo die Ich-Erzählerin heute lebt.
Es ist die Geschichte ihrer Spurensuche in die Vergangenheit ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Die Geschichte von stolzen und unabhängigen Frauen, die vom harten Leben zu unbeugsamen Stahl geformt wurden um zu überleben.
„Das Leben ist ein Kampf und es gewinnen nur die Starken.“
Anhand von verschiedenen Episoden zeichnet Tscheplanowa ein intensives Bild dieser Familie, in der zwar geliebt wird, aber der Stolz verhindert es zu zeigen oder auszudrücken.
„Und dort wird sie auch mit ihm am Tisch sitzen. Und nur mit ihm. Dem Stolz.“
Jenseits der starken Geschichte und Charaktere ist Tscheplanowas Sprache ist für mich ein wahrhaftes Highlight. Sie leuchtet und strahlt in jeder Zeile voller Kraft und ist erfüllt voller Weisheit und Tiefe. Das erfüllt mich mit großer Freude und ich liebe es wirklich sehr!
Kurz: für diesen unglaublich starken Roman gibt es von mir eine deutliche und dringliche Empfehlung!
Emotional, wertvoll und empfehlenswert!
Kontur eines Lebens von Jaap Robben
Nach dem Beenden des Romans durfte ich den beigelegten, geheimnisvollen Brief lesen. Er war vom Autor Jaap Robben selbst und sehr bewegend. Darin schreibt er über die Enstehungsgeschichte des Romans und die real zu Grunde liegenden Hintergründe und Menschen.
Seine Protagonistin Fieda Tendeloo ist fiktional und steht stellvertretend für viele Frauen ihrer Generation, nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in seinen Nachbarländern.
Frieda ist heute 81 Jahre alt und lebt in einem Pflegeheim, da sie seit dem kürzlichen Tod ihres Mannes nicht mehr alleine leben kann. Ihr einziger Sohn, der selbst kurz davor steht das erste Mal Vater zu werden, ist einer ihrer wenigen verbliebenen Sozialkontakte. Frieda ist keine rüstige thoughe alte Dame, wie ich sie aus anderen Romanen kenne. Robben beschreibt sehr einfühlsam aus Friedas Sicht, wie es sich anfühlt, selbst bei intimsten Verrichtungen auf bezahlte Hilfe angewiesen zu sein und wie sie immer mehr die Kontrolle über sich selbst und ihr Leben verliert.
Aber ich lerne auch eine ganze andere Frieda kennen, eine ganz junge Frieda, voller Träume, Liebe und Hoffnungen. Es ist die Frieda der Vergangenheit, der, trotz der geschlechtervorgegeben Bergrenzungen der damaligen Zeit, viele Wege offen stehen.
Bis sie sich in einen verheirateten Mann verliebt, mit ihm eine Affäre beginnt und ungeplant und ungewollt schwanger wird…
Ich finde die Passagen aus dem Heute sehr gelungen. Die unausgesprochenen Themen zwischen Mutter und Sohn, die langsam an die Oberfläche drängen, fangen einen ganzen Generationenkonflikt ein.
In den Erzählsträngen aus der Vergangenheit thematisiert Robben unter anderem die strengen gesellschaftlichen Konventionen denen v.a. Frauen unterworfen waren. Mir als glücklich unverheiratetes Elternteil macht das deutlich wie viel sich seither geändert hat.
Die Eingangs erwähnte Universalität seiner Figuren macht den Roman zu einem Spiegel dieser Zeit. Diese Universalität lässt den Figuren auf der anderen Seite für mich zu wenig Raum für Indiviualität. Sie wirken manchmal wie Spielbälle ihrer Zeit und ihres Schicksals und dadurch sehr determiniert. Das wirft die Frage auf, wie frei wir (auch heute) wirklich in unseren Handlungen sind oder doch durch die Umstände und unser Umfeld gezwungen sind.
Spannend finde ich die Frage, wie und ob trotz tragischer Vergangenheit ein glückliches, gutes Leben möglich ist und welche Rolle Schweigen und Verdrängung in diesem Kontext spielt.
Der Erzählstil ist konventionell und hält trotz der am Ende etwas zu gewollt erzeugten Suspense wenig Überraschungen bereit. Das kann je nach persönlichen Vorlieben als angenehm zu lesen oder als vorhersehbar aufgefasst werden.
Unabhängig davon erzählt Robben mit Friedas wertvoller Geschichte entlang der Kontur eines Lebens und schafft dabei einen sehr lesenswerten und zu Herze gehenden Roman.











