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Rezensionen von @lust_auf_literatur:

Angst vor Männern

Angst vor Männern von Nicole List

Als ich den großen Spiegel-Artikel mit dem Interview von Collien Fernández las, in dem sie erzählt, warum sie jetzt eine Klage gegen ihren zukünftigen Exmann Christian Ulmen eingereicht hat, war ich entsetzt. Und gleichzeitig nicht überrascht. Schon lange weiß ich, was Männer Frauen antun können, nicht obwohl, sondern weil sie sich in ihrem direkten Umfeld befinden und manchmal sogar in einer Liebesbeziehung.

Und ich habe Angst davor.
Als ich dem Mann, der mir am nächsten steht, von dem Artikel und den Presseberichten erzählte und nach seinen Gedanken dazu fragte, hatte er noch gar nichts davon mitbekommen.
In seiner Welt gehören solche Meldungen zur Yellow Press und sind nichts, was ihn persönlich betrifft. Er liest „richtige“ Nachrichten, wie Börsenkurse etc.pp.

Und genau da liegt irgendwo ein Problem. Nicht meine Freunde, oder meine Arbeitskollegen lesen den Essay „Angst vor Männern“ von Nicole List, sondern ICH. Wobei fair enough: Meine Feunde und Arbeitskollegen lesen einfach vermutlich gar nicht, außer Aktionkurse und Bundesligatabellen, siehe oben.

“Dieses ganze Buch handelt davon, ist im Grunde ein einziges Lehrwerk für Männer, endlich die beschissene Situation zu verstehen, in der man als Frau so oft steckt.”

Nicole List erzählt darin sehr persönlich und auch anekdotisch von ihrer Angst vor Männern, die sie mit ihren Freundinnen teilt. Von den vielen Situationen als Frau, die einzeln genommen vielleicht gar nicht so schlimm oder alltäglich wirken, in ihrer Summe aber Frauen* immer wieder klar machen, in wessen Welt sie sich bewegen.
List adressiert dabei direkt die Lesenden und fordert sie auf, diese Realität und Angst von Frauen endlich anzuerkennen.

Das Ding ist nur, ich glaube wirklich, es interessiert Männer einfach nicht. Es ist ja nicht so, als hätten wir noch nie darüber geredet und als gäbe es keine Zahlen, Fakten und Statistiken darüber.
Meine persönliche Einstellung zum Leben, Lieben und Arbeiten mit Männern ist zynisch und pragmatisch und ich fürchte, anders als der Abschluss von Lists Essay, mit wenig Hoffnung auf Veränderung.

Ich begrüße jede Veröffentlichung und jede Stimme, die das ausdrückt und Worte dafür findet, was viele wahrscheinlich viele so Menschen empfinden, sich aber nicht trauen , auszusprechen, oder vielleicht gar zu denken.

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Fuckgirl

Fuckgirl von Bianca Jankovska

Fuckgirl hat eigentlich alles, was sich eine junge, moderne und feministische Frau nur wünschen kann (und sollte?):
Einen super coolen und kreativen Job und einen einfühlsamen Mann (ist verheiratet sein immer noch das Top Goal?), der die komplette Care Arbeit zu Hause übernimmt.
Und nicht nur das, der Mann übernimmt nicht nur die ganze physical and mental load des Haushalts, er ist auch besorgt, dass Fuckgirl sexuell nicht ausreichend befriedigt wird, weswegen er einer offenen Ehe zugestimmt hat.

Nur für Fuckgirl offen wohlgemerkt. Und so kann sich die Ich-Erzählerin noch ausgiebig mit wechselnden Sexpartnern amüsieren.
Denn ihr Mann ist zwar super praktisch und gemütlich wenn frau von der Arbeit nach Hause, aber so richtig hot läuft es im Bett nicht mehr wirklich.
Jankovska beschreibt mit Fuckgirls Beziehungs- und Lebensmodel ein Verhalten, das von der Gesellschaft eigentlich eher Männern zugeschrieben wird und in umgekehrter Rollenverteilung der Geschlechter nicht als ungewöhnlich gelten würde. So aber scheint es als provokant und progressiv zu gelten.

Nur merkt die Ich-Erzählerin, dass die casual Sex Dates, die erfreulicherweise recht explizit beschrieben werden, auch auf die Dauer irgendwie anstrengend und kompliziert sind. Schließlich trifft sie sich mit Männern. Der eine ist dann doch verheiratet und hat eine Frau mit Neugeborenem zu Hause sitzen, das andere Sex-Interest steht auf Kinks, die Erzählerin nicht so ganz teilt.
Mehr Frust als Lust?
Also was dann?


Jankovska lässt ihre Erzählerin anfangs als selbstbewusste Frau auftreten, die in jedem Lebensbereich genau weiß, was sie will. Sie will auch anderen Frauen helfen, ihnen die Augen über die Männer öffnen und sie aus ihren spießigen und monogamen Beziehungen zu befreien. Damit sie sie ein cooles und freies Leben führen können, so wie Fuckgirl.
Aber ist das wirklich so? Im Laufe des Romans kommen der Erzählerin immer mehr Zweifel, ob ihr Lebensmodel wirklich so erstrebenswert ist.

Ich dachte mir öfters, während ich den Roman las, dass ich feministisch schon ganz schön abgefuckt bin (um im Sprachgebrauch zu bleiben), weil ich mir irgendwie mehr erhofft hatte, als die trivialen Erkenntnisse, die sich meiner Lesart nach allmählich in Fuckgirls Gehirn herauskristallisieren. Wahrscheinlich hatte der Begriff „female revenge“ eine ungerechtfertigte Erwartungshaltung in mir geweckt. Ich dachte sofort an Eliza Clarks „Boy Parts“, in der Female revenge extrem drastische und wesentlich radikalere Ausmaße annimmt.

Ich fand Jankovskas Debütroman besonders in den Passagen stark, die mich mehr an feministische Essays erinnert haben und gar nicht unbedingt mit der fiktiven Romanhandlung zu tun hatten.

“Frauen zu mögen scheint viele Männer eine große Überwindung zu kosten. Es fällt ihnen schwer, Bücher von Frauen zu lesen, Podcasts von Frauen zu hören oder Serien zu konsumieren, die von Frauen geschrieben wurden.
Es ist ihnen unangenehm, sich mit den Memoiren einer Frau in die U-Bahn zu setzen, wo kämen wir da hin, wenn sich Männer uneigennützig mit den Büchern von Frauen auseinandersetzen würden, mit ihrem Innenleben, ihren Bedürfnissen, ihren Meinungen.”

Um es kurz zu machen, der Plot und Figurenentwicklung von Fuckgirl konnte mich nicht überzeugen, die feministischen Ideen und Gedanken dahinter umso mehr. Außerdem freue ich mich immer, wenn Frauenfiguren in Romanen nicht so handeln wie ich mir es wünschen würde, sondern sich eine gewisse Unberechenbarkeit und Ambivalenz bewahren.
Oder um die Autorin selbst zu zitieren:

“Gerade jetzt, wo uns ein zunehmend rechtes Regime konservative Ideale aufbürdet, ist es umso wichtiger, progressive Romane mit unkonventionellen Protagonistinnen zu publizieren und zu vertreiben.”

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Eindringlicher und fesselnder Roman

Sicheres Haus von Marina Vujcic

Nach dem Beenden dieses Romans hatte ich einen dicken Kloß im Hals. Ladas Geschichte, die sie sich selbst aus dem Gefängnis heraus erzählt und somit auch mir, hat mich sehr bewegt und unendlich traurig gemacht.
Denn Lada erlebt in ihrer Ehe viele Jahre partnerschaftliche Gewalt und sie ist nicht in der Lage, sich zu trennen.

Das ist die Geschichte vieler Frauen und sie finden in zu vielen Fällen ein gewaltsames Ende. Die Zahl an Femiziden ist in Kroatien, dem Heimatland der Autorin Vujčić, so hoch, dass das Land den Femizid als eigenständigen Straftatbestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen hat. Anders als bis jetzt in Deutschland.
Doch in „Sicheres Haus“ verhindert Lada ihren Femizid, indem sie ihren Mann in Notwehr tötet. Dafür sitzt sie jetzt mehrere Jahre im Gefängnis und kann ihre kleine Tochter nicht aufwachsen sehen.
Ihre Mutter und ihre Schwester haben sich angesichts dieser ungeheuerlichen Tat von ihr abgewendet.

„Normalerweise ist die Frau das Opfer, aber sie ist nur dann das Opfer, wenn sie tot ist.“

Vujčić arbeitet diese Ungeheuerlichkeit deutlich heraus. Lada wird von der Gesellschaft, ihrer Familie und letztendlich auch vom Gericht dafür verurteilt, dass ihre Geschichte nicht wie üblich geendet hat und ihr Mann, ein angesehener Universitätsprofessor, jetzt tot ist.

Auch Lada selbst empfindet ungeheurer Schuldgefühle und geht in Gedanken in ihrer Ehe zurück, an den Beginn der Gewalt.

Was als Liebesgeschichte begann, wird schnell zu einer Beziehung, in der nur noch einer Kontrolle und Macht ausüben kann. Am Anfang ist es nur die Kleidung, die Lada nicht mehr selbstständig auswählen darf, später gibt sie ihren Beruf auf, der ihrem Mann Grund für Eifersucht gibt. Wenn Lada sich nicht den Wünschen ihres Partners fügt, verleiht er seinen Worten auch mit körperlicher Gewalt Nachdruck. Mehrmals versucht Lada, ihn zu verlassen, aber niemand glaubt ihr, dass hinter dem freundlichen Gesicht des Professors auch ganz andere Seiten stecken.
Mit dreisten Lügen und schließlich einer Schwangerschaft hält er Lada fest in seinem Griff und die Spirale aus Kontrolle, Demütigungen und Gewalt spitzt sich immer mehr zu.

Ich finde die Schilderungen dieser Ehe sehr nachvollziehbar und bedrückend und auch Lada erkennt im Rückblick viele der Manipulationen und des Missbrauchs. Sie schwankt zwischen Selbstvorwürfen und Rechtfertigungen und findet Trost und Gemeinschaft bei den anderen inhaftierten Frauen.
Sie fragt sich oft, ob es einen anderen Ausweg gegeben hätte.

“Denn wenn du das Szenario, dass du ein totes Opfer hättest sein können, gegen das abwägst, dass du eine Mörderin geworden bist, gibt es kein gutes und kein gerechtes Ergebnis.”

Vujčić hat für ihren neuen Roman Täter- und Opferbilder in der medialen Darstellung untersucht und unter anderem mit Frauen im Strafvollzug gesprochen.
Das Ergebnis ist ein äußerst eindringlicher und auch fesselnder Roman, den Vujčić nicht nur als literarischen Fall betrachtet wissen will, sondern als Realität, die uns alle betrifft.

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Virtuos, traurig und wundervoll

Wer möchte nicht im Leben bleiben von Helene Bukowski

Ich fand schon „Die Kriegerin“ von Helene Bukowski gut, ihr neuer Roman allerdings „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ war ein richtiges Highlight für mich.

Bukowski erzählt darin die (teilweise fiktionalisierte) Lebensgeschichte der jungen Pianistin Christina, die sich 1984 in der Wohnung ihrer Eltern aus dem Fenster stürzt und sich so das Leben nimmt.

Bukowski erfährt von ihrem Schicksal über die Bekannte ihrer Großmutter, die ihr auch entsprechende Dokumente, Kassetten und Briefe zur Verfügung stellen kann. Ebenfalls als Quelle und Grundlage für den Roman dient ihr eine umfangreiche Chronik, die Christinas Vater nach ihrem Tod aufgezeichnet hatte.

Bukowski besucht die wichtigen Orte und Schauplätze von Christinas kurzem Leben und versucht, die Gedanken und Gefühle der jungen Frau nachzuspüren. Sie erzählt chronologischn von Christinas Kindheit und Jugend, die schon sehr früh vom harten Drill ihres Vaters geprägt war. Christinas Eltern sind selbst Musiker und der Vater möchte seine Tochter zu einer der besten Klavierspielerinnen machen.
Bukowski ahnt hinter dem fügsamen und ruhigen Kind eine tiefe Wut und ein Aufbegehren, das es aber zu unterdrücken lernt.
Später wird Christina auf ein musikalisches Internat geschickt und wird als Jugendliche von der DDR nach Moskau zum Klavierstudium delegiert. Aus dieser Zeit geben hunderte ihrer Briefe an Eltern und Freundinnen Einblick in ihren streng disziplinierten Alltag.
Raum für jungendliche Unbeschwertheit gibt es wenig. Auch beim Klavierspielen bleibt ihr wenig Spielraum für Kreativität, die stilistischen Vorgaben ihrer Lehrer*innen sind streng.

Mich zieht Christinas Lebensgeschichte komplett in ihren Bann. Das liegt an der spannenden Erzählform, die Bukowski gewählt hat. Sie spricht Christina durchgehend in der zweiten Person Singular mit „Du“ an und erzeugt dadurch eine unglaubliche Nähe. Ich bin mit Bukowski direkt als Beobachterin in Christinas Leben dabei, möchte mit Bukowski eingreifen, dem jungen Mädchen Trost spenden und sie in den Arm nehmen.
Es schmerzt, dass nichts davon mehr möglich ist, die Zeit der Optionen unwiderruflich verstrichen ist, dass Christina schon lange tot ist.

Trotz dieser Nähe zeigt Bukowski aber auch immer die Grenzen der Fiktionalisierung auf. Wir können heute trotz der umfangreichen Dokumente und Hinterlassenschaften nur vermuten, wie es in Christina wirklich aussah, wie sie ihre Karriere und den Druck des Vorspielens wirklich empfunden hat. Und ob sie ihre Unfreiheit als solche gespürt hat.

“Ich bin überrascht, bringe deine Unordentlichkeit nicht mit dem Bild zusammen, das ich bis dahin von dir hatte.
Du grinst mich an, »Hast du wirklich geglaubt, alles über mich zu wissen?«”

Spannend ist auch die Frage, wie sehr die Chronik des Vaters, in der er auch die letzten Wochen mit Christina vor ihrem Tod genau beschreibt, von eventuellen Schuldgefühlen und Rechtfertigungen eingefärbt ist. Würde eine Chronik von Christinas Mutter vielleicht ganz anders aussehen? Es gibt keine Antworten mehr auf die viele offenen Fragen, wie immer wenn ein Mensch nicht mehr da. Und auch keine Antwort auf die größte Frage, die nach oft nach einem Suizid bleibt: auf das Warum.

Ich finde, Helene Bukowski ist mit „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ ein außerordentlich mitreißender, wundervoller und trauriger Roman gelungen, der zeigt dass die Berliner Schriftstellerinnen meiner Meinung nach mit Recht zu den Virtuos*innen ihrer Zunft gezählt werden kann.
Zweifellos eine große Leseempfehlung!

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Überraschend explizit

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich? von Wencke Mühleisen

Okay, zuerst müssen wir über dieses Cover reden. Nie im Leben hätte ich mich dieses Design gereizt, den Roman in die Hand zu nehmen. Die Farben, die Fonts, die Frauengestalt, alles daran weckt in mir sofort Assoziation a die „Junge-Frauen-Romane“ aus den 70er, die ich aus Mangel an Alternativen lesen musste.

Auch der Titel ist meiner Meinung nach denkbar wenig vielversprechend. Nun gut, zum Glück gibt es Leseproben und in diesem Fall hatte sie mich gleich überzeugt.

Ja, es geht um eine ältere Frau über 60, die ihr Leben neu sortieren muss, aber auf wesentlich weniger betulichere Art, als das Cover vermuten lässt. Gerade in Hinblick auf Sex und weibliches Begehren wird Mühleisen oft erfrischend deutlich und kommt komplett ohne blümerante Umschreibungen aus.

“Ich bin mit Marie zusammen.”

Das eröffnet Erikas Mann ihr am letzten Abend des Italienurlaubs, gerade als sie ihm vorschlagen will, die Beziehung zu öffnen. Wenckes Ich-Erzählerin Erika fehlt schon länger der Sex und die Intimität in ihrer langjährigen Ehe und sie erhoffte sich vom Öffnen der Ehe neue sexuelle und persönlichen Impulse.
Turns out, ihr Mann holt sich das alles schon länger bei einer 15 Jahre jüngeren Frau, nämlich bei Marie.

Erika, die selbst vor 20 Jahren eine außereheliche Affäre hatte, stürzt das Bekenntnis ihres Mannes zu seiner neuen Freundin in eine tiefe Krise. Sie fühlt sich nicht nur um die körperliche Nähe betrogen, die ihr ihr Mann schon so lange verweigert, sondern sie stellt die ganzen letzten Jahre, nein, sogar die ganze Dauer ihrer Ehe in Frage.
Außerdem quält sie der Liebeskummer und das Bedürfnis, sich ganz fest an ihren Mann zu klammern, dem sie nur aus Gründen der Selbstachtung nicht nachgibt.

Ich mochte die Erzählerin und den Roman sehr gerne, vor allem weil Mühleisen, die sich als Schriftstellerin mit Themen wie Gender Sexualität, Feminismus und Politik beschäftigt, eine ordentlich Portion davon in ihren Roman einfließen lässt.

“Ich schämte mich dafür, dass ich eine dieser Frauen war, die ständig herummeckerte, eine echte Zicke. Dass wir fast wie ein Schatten unserer Eltern in den 1950er Jahren waren. Unerträglich.”

Dabei ist Erika durchaus eine Frau ihrer Generation. Für jüngere Leser*innen mag es irritierend sein, mit welche wenig schmeichelhaften Worte Wenckes betrogene Protagonistin für die in ihren Augen wenig attraktive jüngere Geliebte ihres Mannes beschreibt. Vor allem deren Gewicht ist in Erikas Augen ein Beweis ihrer moralischen Verdorbenheit, das Wort „dick“ taucht immer wieder auf, wenn Erika a die jüngere Frau denkt.

“Jans Wahl seiner Geliebten hatte etwas zutiefst Verstörendes.”

Mühleisen zeigt meiner Meinung nach damit gut, wie internalisierte Misogynie funktioniert und gegen wen sie sich richtet. Spoiler: natürlich nicht gegen die Herren der Schöpfung, die sich außerhalb des Machtbereichs von Frauen* befinden und auch auf Grund von Abhängigkeitsverhältnissen für Kritik nicht adressierbar sind.

Der Roman erreicht, wie ich finde, nicht die Reflexionstiefe von beispielsweise des autobiografischen „Ein Versuch ,meine Liebe zu ordnen“ von Christien Brinkgreve, dazu baut er zu sehr auf Unterhaltung. Dennoch freue ich mich über die feministische Ausrichtung und den Stellenwert von Sex und körperliche Intimität in dem Roman. Das ist nicht selbstverständlich und leider auch heute noch ziemlich selten, gerade bei Protagonistinnen über 60.

Ich würde jetzt gerne auch noch „Alles, wovor ich Angst habe, ist schon passiert“ von der norwegischen Autorin lesen, ein weiterer auf Deutsch vorliegender Roman, den ich aber ebenfalls vorschnell wegen des Covers für mich ausgeschlossen hatte.

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Überforderung und Staunen

Schleifen von Elias Hirschl

Du liest gerade meine Leseeindrücke zu dem neuen Roman von Elias Hirschl. Diese Leseeindrücke sind in Sätzen geschrieben und dieser Satz wird gerade von dir gelesen. Der vorherige Satz wird jetzt gerade nicht von dir gelesen, weil du stattdessen diesen Satz hier liest.

„Dieser Satz enthält kein ö, außer das ö, das darauf aufmerksam machen soll, dass dieser Satz kein ö enthält, sowie die sechs anderen ö (insgesamt also sieben ö), die darauf aufmerksam machen sollen, wie viele ö in diesem Satz sind, um darauf aufmerksam zu machen, dass kein ö in diesem Satz ist.



Wenn es dir Spaß macht, solchen Sätzen und wahren wie unwahren Absurditäten zu folgen, dann ist „Schleifen“ von Elias Hirschl ein Roman für dich. Ich hatte wirklich kolossalen Spaß und große kafkaeske Verwirrung beim Lesen. Oder hatte ich … klangwirres Lesen, dunkel kolossal, kafkaesk funkelnd?

Es ist eigentlich kaum möglich, von einer Handlung zu sprechen. Für die, die es konkret wollen, versuchen wir es mal so: Hirschl erzählt quasi den Lebenslauf von Franziska Denk nach. Die Sprachwissenschaftlerin ist auf der Suche nach einer Universalsprache, die nicht tot sein soll, sondern die lebendig und fluide ist und sie soll ihre eigene Bedeutung selbst verändern können. Und eigentlich träumt sie davon, die Sprache selbst und die damit einhergehenden Verwirrungen und Missverständnisse zu überwinden. Gewünscht wird die postsprachliche Utopie. Zeitweise wird sie dabei vom Mathematiker Otto Mandl unterstützt.

„Zur Frage, ob Denk und Mandl jetzt gefickt haben oder nicht, gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Dr. Anke Fiszank von der Kieler Christian-Albrechts-Universität geht davon aus, dass die beiden gefickt haben. Azsad Kernfink vom Germanistikinstitut der Universität Wien vertritt hingegen die These, dass die beiden nicht gefickt haben.“

Nur leider, leider werden die Nonverbalisten um Franziska Denk dann zu einer Art Terrorgruppe und es eskaliert ein bisschen.

Nichts an dem Roman ist Zufall: nicht die Namen, nicht die Geschichten, nicht die Referenzen (oder doch?). Es ist unmöglich, alle Eastereggs und MacGuffins (!) zu erkennen. „Schleifen“ ist ein Wunderhorn der absurden und surrealen Geschichten, auf jeder Seite erwarten mich neue Kuriositäten und Spielereien. Eine Metabene in der Metaebene in der Metaebene in der Möbiusschleife, die natürlich beim Zsolnay Verlag erschienen ist.

Ich bin schon seit „Salonfähig“, das bist heute eine meiner liebsten und abgefahrensten Politsatiren ist, begeisterte Leserin des österreichischen Schriftstellers, der mich mit mit seinem genialen Ideenreichtum und der intellektuellen Stimulans in seinem neuen Roman aus meiner Comfortzone bombt. Diese Art der permanenten geistigen Überforderung und des ungläubigen Staunens beim Lesen kenne ich sonst nur von Raphaela Edelbauer.

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Bedrückendes Highlight

Ausreden von Florian Klenk

Dieses Buch hat quasi sofort mein Interesse geweckt. Ich MUSSTE es lesen. Und als ich es dann in der Hand hatte, MUSSTE ich es in einem Zug lesen (was leicht möglich war, dank geringer Seitenzahl und großzügiger Setzung).

Dank meiner True-Crime Vorliebe kannte ich den Fall der Elfriede Blauensteiner vage, denn er wird relativ oft besprochen, da es verhältnismäßig wenig weibliche Serienmörder*innen gibt.

Elfriede Blauensteiner wurde 1931 in Wien geboren und wurde ingesamt für drei Morde, die ihr nachgewiesen werden konnten, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. In Medien und Presse sorgte ihr Fall für große Aufmerksamkeit und Blauensteiner ging als „Schwarze Witwe“ in die Kriminalgeschichte ein.

Florian Klenk, österreichischer Jurist und Journalist, hat den Fall und das Leben Blauensteiners akribisch recherchiert und mit vielen intensiven Gesprächen und Akteneinsicht aufgearbeitet.
Der erste Teil des Buches besteht aus einem Monolog Blauensteiners, den Klenk aus protokollierten Aussagen redigiert und verdichtet hat.

Dieser Monolog geht mir unter die Haut.


„Ich hatte sechs Geschwister.
Es war nie ein gutes Verhältnis zu den Geschwistern.
Es war nie ein gutes Verhältnis zur Mutter.“

Blauensteiner erzählt von einer harten Kindheit, die von Schlägen, Hunger und Lieblosigkeit geprägt war. Einer Kindheit, in der sich keine Empathie entwickeln konnte. Auch als erwachsene Frau sind ihre Beziehungen voller Gewalt. Über ihre Verbrechen spricht sie nicht, sondern findet Ausreden und Entschuldigungen.
Habe ich nach diesem Monolog Mitleid mit dieser Frau? Ja, natürlich habe ich das.

Umso wichtiger finde ich den zweiten Teil des Buches, in dem Klenk den Monolog einordnet und mit den überprüfbaren historischen Daten in Blauensteiners Lebenslauf und mit ihren nachgewiesenen Verbrechen abgleicht. Auch die Sichtweise ihrer Tochter Monika, mit der Klenk stundenlange Gespräche geführt hat wirft ein hartes Licht, auf die Frau, die von ihrer Mutter gequält wurde, aber auch später ihre eigene Tochter sadistisch quälte.

Klenks Nachrede ist knapp, aber aussagestark und ausgewogen, wie ich finde.


„Sie war das Produkt eines kalten Jahrhunderts. Sie, die als Kind Opfer war - schwach, hungrig, gedemütigt -, ermächtigte sich und machte sich die Schwachen untertan. Nicht wegen einer psychischen Erkrankung, sondern aus sadistischer Gier. Und diese Gier, so sehr sie uns abstößt, war wohl auch eine Spätfolge jener frühen Jahre voller Entbehrung und Angst.“

„Ausreden“ hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und gehörte für mich zu den frühen Highlights des Jahres.

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Ganz unspektakulär einfach toll

Neben Fremden von Eva Schmidt

Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und zwar nicht, weil „Neben Fremden“ so unvorstellbar aufregend oder spannend war, sondern weil Schmidt in ihrem Roman so grandios und so treffsicher von einem ganz banalen Leben erzählt.

Von so einem Leben, wie du und ich es vielleicht auch haben.
Die Ich-Erzählerin Rosa ist eine ältere, mittlerweile verrentet Frau, die zusammen mit ihrem Hund in einer kleinen Wohnung wohnt. Gerade erst ist ihr Freund Fred gestorben, mit dem sie eine längere Beziehung hatte, obwohl er noch mit einer anderen Frau verheiratet war.
Von Fred hat sie auch erst vor kurzem cheinen Campingbus geschenkt bekommen, eigentlich für gemeinsame Touren und Ausflüge.
Rosa hat außer einer Freundin und ihrer Mutter ansonsten nicht viele Sozialkontakte, sie hält Distanz zu Nachbarn und sucht auch nicht aktiv nach Anschluss. Nur dass sie zu ihrem Sohn schon lange keinen Kontakt mehr hat, schmerzt sie manchmal.
Freds Tod hat sie nachdenklich gemacht, und sie beschließt, mit dem Camping Bus ein paar Tag wegzufahren.
Was bei anderen Autor*innen vielleicht der Anfang zu einem aufregenden Selbst-Findungs-Roadtrip inklusive Neustart und YOLO-Vibes wäre, ist es bei Schmidt all das nicht.
Die Gewohnheiten, der Alltag und die inneren und äußeren Zwänge und Verstrickungen sind eng für die Erzählerin und binden sie an ihr Leben.

„Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele.
Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich.“


Und dann wird ihre Mutter krank, zu der Rosa ebenfalls ein merkwürdig distanziertes Verhältnis hat. Schmidt beschreibt eine Mutter-Tochter Beziehung, die vielleicht typisch ist für die Generation meiner Eltern, zu der auch die Autorin gehört.

„Ich hatte sie gekränkt, hatte sie nicht ernst genommen, hatte versucht, sie aufzumuntern, anstatt zu trösten. Ich hatte kein Verständnis für sie, obwohl sie meine Mutter war und alles für mich getan hatte.“

Es ist diese Sprach- und Wortlosigkeit, die in so vielen Familien herrscht, die auch Rosas Aufwachsen geprägt hat und die in Schmidts Roman so deutlich hervorsticht.

„Neben Fremden“ ist auch ein Roman über Abschiede, über ungelebtes Leben, über „hätte, hätte, Fahrradkette“, über verpasste und verstrichene Möglichkeiten. Über die Enge des Lebens und die Unfähigkeit und Unmöglichkeit diese zu überwinden.

„Meinem Vater fehlte es an Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Er wollte leben, wusste nur nicht, wie. Genau wie ich.“

Und immer wieder das große Überthema, das auch schon im Titel steckt: “Neben Fremden” ist ein Roman über den Wunsch nach einer Verbindung zu anderen Menschen und über die Sehnsucht, anderen wirklich nahe zu sein.
Großartig finde ich dabei, wie leise und realistisch Schmidt diese großen und universellen Themen heraus arbeitet. Ich finde leise Erzähltöne oft, naja, langweilig, aber hier finde ich es berührend. Gerade auch, dass Schmidt mir keine Wertung vorgibt, gefällt mir und rührt mich.
„Neben Fremden“ ist damit so ein bisschen der Gegenentwurf von Romanen wie „Eat, Pray, Love“ (die natürlich ebenfalls toll seien können und ihre Berechtigung haben).

Ich find „Neben Fremden“ ganz unspektakulär einfach toll.

Kritik habe ich allerdings für die Kurzbeschreibung auf der Umschlagsseite, die meiner Meinung nicht gut gelungen ist, zuviel und das Falsche vorweg nimmt und dem Roman nicht gerecht wird.

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Inhaltlich und sprachlich sehr gelungen und lesenswert

Muttermale von Dagmar Leupold

„„Muttermale“ ist der Roman einer Annäherung“ steht in der Kurzbeschreibung. Aha, wieder eine Spurensuche nach der Mutter, denke ich. Und denke an „Mutternichts“ von Christine Vescoli, an „Perlen“ von Siân Hughes und an die vielen anderen Roman, die ich von Autor*innen gelesen habe, die sich autofiktional oder nicht, auf die Spuren einer oder ihrer Mutter gemacht haben.

Aber Dagmar Leupolds neuester Roman, der jetzt für den Bayrischen Buchpreis nominiert ist, ist mehr als die persönliche Frage nach der Identität der Mutter. Es ist auch die Annäherung an eine Generation, die den Krieg erlebt hat, die Täter und Opfer zugleich war. Eine Generation, die in Trauer und Grauen wie erstarrt ist und gelernt hat mit falscher Fröhlichkeit und/oder mit protestantischer Disziplin die Schmerzen zu übertünchen.

„Der Generationsgraben voller unbestatteter Toter und unbesprochener Verstrickungen, der Weg zu einer erlösenden Trauer damit verwehrt.“


Die Mutter von Leupolds Erzählerin wurde 1924 geboren und stammte aus Ostpreußen und erlebt als Jugendliche und junge Frau den zweiten Weltkrieg.

Der jüngere Bruder stirbt 1944 im Krieg

„Er hieß Klaus. Und starb mit achtzehn, Granatsplitter im rechten Knie und im Becken.“

Genauso wie bereits der ältere Bruder 1941, Granatsplitter im Rücken.

Die Erzählerin stellt sich mehrfach die Frage, wie die Mutter den Krieg, die Verluste und die spätere Vertreibung erlebt hat.

„Unvorstellbar, dass ihr über die Welt am Abgrund gesprochen habt. Unvorstellbar, dass ihr nicht über die Welt am Abgrund gesprochen habt.“

Später, lange nach dem Krieg, bewundert und rezitiert die Mutter immer noch die Dichterin Agnes Miegel, die Hitler und dem NS-Regime affirmativ gegenüberstand und insbesondere unter Heimatvertriebenen noch lange geschätzt wurde.

Überraschenderweise konzentriert sich Leupold besonders auf die jungen und späteren Jahre der Mutter. Die Jahre der Kindheit der Erzählerin, also die gemeinsam verbrachten Jahre, nehmen relative wenig Raum des Romans ein, so als wäre dies Zeit zu schmerzhaft für ein genaueres Hinsehen. So als bräuchte es die Distanz, um die Mutter deutlicher zu erkennen oder über sie schreiben zu können.
Hinweise auf die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gibt es.

„Das Einzige, was gewollt werden durfte, war Prügel - protestantischer, verinnerlichter Sadismus, den du für Disziplin hieltest.“

Der Roman ist in chronologisch geordnete Episoden gegliedert, die nicht in eine durchgehende Erzählung münden. Vielmehr nutzt Leupold einzelne Erinnerungsschlaglichter und Fotografiebeschreibungen, um das Leben der Mutter zu beleuchten.
Leupold ist die Generation meiner Mutter und viele ihrer Beschreibungen wecken auch bei mir Erinnerungen an meine Mutter und Großmutter. Bilder wie die bestickten Stofftaschentücher oder „wie bei Hempels unterm Sofa“ erzeugen bei mir eine beklemmende Mischung aus Nähe und Distanz.

Leupold schreibt messerscharf, viele Sätze sind schneidend. Ihr reichen wenig Worte, kurze Kapitel, um ganze Lebenswelten zu skizzieren, wie beispielsweise den gutbürgerlichen Mittelschichtswohlstand der älteren Mutter als Beamtenwitwe.

„Deine Emanzipation ruhte und beruhte auf einem soliden finanziellen Fundament. Du warst eine wohlhabende Witwe.“

Eine Witwe, die sich und ihrer Tochter gerne Restaurantbesuche in der Pizzeria San Marco gönnt und die ganze Produktpalette von Chanel No. 5 verwendet.
Ein Duft, den die Erzählerin immer mit der alternden Mutter verbinden wird.

Ich fand „Muttermale“ in vielerlei Hinsicht besonders und lesenswert. V.a. literarisch und sprachlich ist der Roman in meinen Augen sehr gelungen und großartig. Und auch als Versuch, der Gefühlskälte einer ganzen Generation an Eltern näher zu kommen und zu begreifen, aber nicht zu entschuldigen.

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Queere, kafkaeske Liebesgeschichte

Hundesohn von Ozan Zakariya Keskinkılıç

Okay, ich kann nicht wirklich behaupten, dass ich dem Roman komplett folgen konnte. Sagen wir, ich war vielleicht zu 50% on board, davon hauptsächlich bei den Grindr Chats und den Sex-Szenen.
Bei den vielen Zeit- und Ländersprüngen habe ich dann doch eher in den Overflow-Modus geschaltet.

„Hundesohn“ wird als Liebesroman der Gegenwart beworben und in der Tat erzählt der Debütroman des Politikwissenschaftlers und bereits ausgezeichneten Schriftstellers Keskinkılıç einen Countdown der Sehnsucht.

Zeko liebt Hassan und zählt die Tage bis zu ihrem Wiedersehen.
Der junge Mann lebt in Berlin und hat sich in seinem Heimatort Adana in den Nachbarsjungen Hassan verliebt. In Hassan, der immer nach Orangen und Salz riecht und der von Zekos Großvater Hundesohn genannt wird.

Jetzt ist der Großvater tot und Zeko sucht in Berlin in jedem Mann, den er für casual sex trifft, nach Hassan. Schon bald wird er ihn wiedersehen.

Ich denke schon, dass ich das Grundgerüst grob erfassen konnte. Klar, der Ich-Erzähler ist irgendwie komplett lost auf die junge Berliner Art mit Grindr Dates und Filzläusen.

„Hör zu, sage ich. Ich führe ein Leben im Schmutz und im Dreck und im Hass und ein Leben, das nach altem Sperma riecht, das sich unter der Bettdecke ansammelt. Ein Leben in vertrockneten Kondomen, Blutstropfen, auch ein wenig Scheiße am Finger, am Schwanz, so ein Leben führe ich, und es lässt mich die Angst vergessen.“

Ich könnte jetzt natürlich ChatGPT um ein paar geschliffene Interpretationsansätze bitten, in denen dann safe die Worte „kulturelle und religiöse Identität“ und „poetisch und radikal“ vorkommen, aber das möchte ich eigentlich nicht.

Du liest hier, wie immer, meine eigene, vorsichtige Annäherung an einen Text, der sich mir nicht ganz erschlossen hat.

Keskinkılıçs Erzähler ist von innerer Leere und Sehnsucht getrieben und versucht sich mit häufigen und wechselnden Sexpartnern abzulenken und zu betäuben. Außerdem fühlt er sich zwischen den Kulturen und Ländern verloren und hin- und hergerissen, seine sexuellen Vorlieben sind eine Konstante. Mir gefällt auch der krasse Kontrast von Vulgarität und Intellektualität, die beide in dem Roman miteinander konkurrieren aber auch ergänzen.
Und wenn Yannik vom Suhrkamplesermarketing schreibt „Er vermisst unsere zerrissene Gegenwart - über alle Grenzen von Ländern, Sprache und Körper hinweg.“, ist ganz wörtlich zu nehmen. Ich finde Keskinkılıçs Roman und Schreibweise innovativ und literarisch grenzüberschreitend.


Aber bei den unzähligen Kafka Referenzen bin ich raus. Ich weiß aber, dass es hier viele Liebhaber*innen des Prager Schriftstellers gibt, die kommen mit „Hundesohn“ bestimmt mehr auf ihre Kosten.

„Ich weiß, dieses Buch ist die Axt für das gefrorene Meer in dir, sagte Pari.“

Für mich war es das offensichtlich nicht, und gemeint ist in diesem Fall auch Zeko und „Das Schloss“. Für mich war der “Hundesohn” ein interessantes Stück zeitgenössischer und moderner Literatur, das ich nicht hätte verpassen wollen.

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