Kunden em pfehlungen
Rezensionen von @lust_auf_literatur:
Zeitgenössische und feministische Neuerzählung eines Märchenklassikers
Die Kröte von Simone Hirth
Vor ungefähr zwei Jahren erschien der Roman „Malus“ von Simone Hirth, der für mich ein aufregendes, feministisches Highlight war und in mir den dringenden Wunsch geweckt hatte, mehr Literatur der wahlösterreichischen Schriftstellerin zu lesen.
Jetzt ist mit „Die Kröte“ ihr neuer und fünfter Roman erschienen und gleich bei mir eingezogen.
Und auch in „Die Kröte“ bewegt sich Hirth weit im Reich der Metaebene und verwandelt ein bekanntes Märchen in eine zeitgenössische und feministische Geschichte.
Ich bin jetzt literaturgeschichtlich nicht ganz so sattelfest, aber die Grundzüge des Grimmschen Märchens „Der Froschkönig“ sind mir noch vage aus meiner Kindheit bekannt, was für die Lektüre von „Die Kröte“ von Vorteil, aber vielleicht nicht unbedingt notwendig ist.
Hirth Erzählerin Milena teilt ihr Leben ganz plötzlich mit einer Kröte. Naja, so ganz plötzlich ist die Kröte nicht erschienen. Du kennst es vielleicht: Dein Smartphone fällt ins Wasser und da gehst du auf das Angebot einer Random Kröte ein, es dir wieder zu besorgen. Natürlich nicht so ganz ohne Gegenleistung. Und so ist die Kröte jetzt eben da und verbreitet mit ihren ungebetenen Untertiteln eine immense Unsicherheit im Leben der Erzählerin.
“Seit die Kröte in mein Leben getreten ist, haben Verlust und Verlassen, Halt und Sicherheit eine andere Bedeutung, eine andere Dimension und Dringlichkeit für mich bekommen.”
Schnell merkt Milena, dass die Kröte nicht unbedingt ihr Bestes will, sondern Unwahrheiten verbreitet, sie manipulieren und Kontrolle ausüben will.
Außerdem greift die Kröte ihre unbewusste Gedanken und Wünsche auf, vereinfacht und verzerrt sie, bis Milena selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich gedacht hat.
Und jetzt verschwindet die Kröte nicht mehr so einfach, sie hat sich in Milenas Leben eingenistet.
Wie schon erwähnt, funktioniert Hirths parabelartiger Roman hauptsächlich über die Metaebene und ermöglicht so einen unendlichen Interpretationsspielraum.
Für mich symbolisiert die Kröte eine individuelle und gesellschaftliche Stimme, die scheinbar Hilfe und Orientierung anbietet und zunächst wie ein Mittel gegen Einsamkeit aussieht, dabei aber verunsichert und manipuliert.
Dabei denke ich konkret an rechte und populistische Strömungen, die komplexe Probleme bewusst vereinfachen und auf falsche Zusammenhänge reduzieren und so eine vermeintlich einfache Lösung anbieten.
“Im Märchen hat Komplexes, Vielseitiges, haben Nuancen keinen Platz. In der Wirklichkeit übrigens viel zu oft auch nicht.”
Die Kröte verhält sich zudem übergriffig und ihr Verhalten gegenüber Milena lässt sich als toxisch bezeichnen.
Der wirklich spannende Schluss auf den letzten Seiten unterstreicht diese Lesart. Es würden sich aber auch ganz andere Interpretationsansätze anbieten, wie das so oft bei Märchen der Fall ist.
Grundsätzlich ist „Die Kröte“, genauso wie es auch „Malus“ bereits thematisiert hatte, ein Roman, der die emanzipatorische Kraft des Erzählens und der Literatur betont. Und so stehen Milena auch wieder ein weiblicher Kanon aus literarischen Stimmen zur Seite.
“Es ist doch das Privileg und die Stärke der Literatur, dass sie Dinge beschreiben kann, die jenseits von wahr und unwahr liegen. Jenseits von real und irreal oder surreal.”
„Die Kröte“ war für mich jetzt vielleicht nicht so ganz das Highlight wie es „Malus“ für mich war, aber gerade der aufregende Schluss hatte mich jetzt auf den letzten Seiten wieder ganz gut aus dem etwas langwierig geratenen Metauniversum zurück auf die Erde geholt.
Leseempfehlung!
Junge Frau mit Katze von Daniela Dröscher
Das allererste Mal, dass ich meine Gedanken zu einem Buch festgehalten habe, war zu „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher. Mein allererster Blogbeitrag sozusagen, der definitiv noch keine Rezension, sondern ein ungeordneter, kleiner Leseeindruck war.
Seitdem habe ich viele weitere Bücher gelesen und unzählige weitere Blogbeiträge geschrieben und Leseeindrücke festgehalten, die „Lügen über meine Mutter“ sind mir aber immer im Gedächtnis geblieben.
Keine Frage, dass ich den neuen Roman von Daniela Dröscher dringend lesen wollte.
In „Junge Frau mit Katze“ ist die kindliche Erzählerin Ela aus „Lügen über meine Mutter“ älter geworden und ist jetzt eine junge Frau. Auch ihre Mutter ist älter geworden, doch die Bindung zwischen den beiden Frauen ist nach wie vor liebevoll und symbiotisch eng.
Ela strebt eine Laufbahn im geisteswissenschaftlichen, akademischen Universitätsmilieu an und steht kurz vor dem Abschluss ihrer Promotion.
Doch die Jahre, in denen sie prekär gearbeitet und gelebt hat, haben Spuren bei ihr hinterlassen. Die bevorstehende Promotion in Verbindung mit einem Nebenjob und Geldsorgen üben enormen Druck auf sie aus.
Ihr Körper rebelliert. Die gesundheitlichen Baustellen, die sie irgendwann nicht mehr wegdrücken kann, werden immer größer, bis sie schließlich kollabiert.
“Das hier war kein Leben, es war eine Zumutung. Ein ausharrendes Erleiden, eine groteske Kopie dessen, was man Leben nannte.”
Ärzt*innen und das Gesundheitssystem sind nur bedingt in der Lage, ihr zu helfen und Ela erkennt, dass sie tiefgreifende Veränderungen vornehmen muss.
“Ich hatte mich selbst verloren. Zwischen all der Arbeit, dem Lesen, dem Lernen, den Freundschaften, den Feiern musste ich mir selbst ein Stück weit abhandengekommen sein. Ich wusste nicht einmal, was ich essen konnte, und was nicht. Der Kompass in meinem Körper drehte vollkommen frei.”
Ich denke, dass viele Menschen irgendwann an den Punkt der kompletten Erschöpfung und Orientierungslosigkeit kommen. Unsere Leistungsgesellschaft verlangt uns für das Gefühl von Selbstwertigkeit viel ab. Und oft dauert es eine Zeit, bis wir begreifen, dass diese Form von Selbstwert keine Nachhaltigkeit hat. Spätestens dann, wenn wir die geforderte Leistung nicht mehr erbringen können. Weil wir krank, Elternteil oder einfach nur älter werden.
Bei Dröschers Erzählerin kommen an diesem Punkt in ihrem Leben neben den gesundheitlichen Aspekten noch andere erschwerende Faktoren hinzu: sie ist die erste aus ihrer Familie, die eine akademische Laufbahn einschlägt, und wird hart mit dem Klassensystem konfrontiert. Die Beziehung zu ihren Eltern, vor allem zu ihrer Mutter ist komplex und sie muss sich mit ihrem eigenen Standpunkt erst emanzipieren. Dazu kommen verschiedene Glaubenssätze zum Thema Körper, Gesundheit und Beziehungen.
Ich kann mich nicht mit allen Punkte, die Ela beschäftigen, identifizieren, aber es ist eben die Dröschers Kunst, diese Punkte trotzdem nachvollziehbar und vor allem nachfühlbar zu erzählen. Es ist klar, dass diese beiden Romane, viele und starke autofiktionale Elemente enthalten, und ich bewundere Dröschers Arbeit und ihren Umgang damit sehr.
Wie in „Lügen über meine Mutter“ stellt sie zwischen die Kapitel ihre Beobachtungen und Analysen aus der heutigen Perspektive der Erzählerin, was mir sehr gefällt. Allerdings hatte ich sie als deutlicher und expliziter feministisch in Erinnerung, was aber vielleicht auch mit dem Thema verbunden war.
Wenn du bis hier gelesen hast, sollte dir eigentlich klar sein, dass es von mir für Dröschers neuen Roman natürlich eine Leseempfehlung gibt! Ich freue mich schon sehr auf weitere Romane der Berliner Schriftstellerin.
Ein poetisches Kunstwerk
Chimäre von Sarah Kuratle
Dieser Roman ist eigentlich gar kein Roman, sondern ein poetisches Kunstwerk. Ein wunderschönes Kunstwerk, das sich meinem Verständnis nicht vollständig erschließt, genauso verzaubernd wie das rätselhafte und wunderschöne Cover.
Die österreichisch-schweizerische studierte Germanistin und Philosophin Sarah Kuratle wurde für ihre Lyrik und Prosa bereits mehrfach mit Preisen und Arbeitsstipendien ausgezeichnet und gilt als einzigartige Stimme in der österreichischen Literatur.
Auch für mich war des Lesen ihres lyrischen und atmosphärischen Romans einzigartig in seiner Poetik und seiner Rätselhaftigkeit.
Kuratle erschafft ein endzeitartiges, düsteres Setting. Auf einer Insel lebt eine kleine Gemeinschaft aus Lehrern und Schülern und versucht, Pflanzen, Samen und Wissen zu bewahren während auf dem Rest der Welt die Umweltzerstörung die Natur weitgehend vernichtet hat.
Aber die Insel ist mitnichten ein Ort der Glückseligkeit, sondern ebenfalls befalllen und durchdrungen von menschlicher Verdorbenheit.
Deswegen hat Alice die Insel verlassen und sucht nun auf dem Festland nach ihrer Identität. Sie wurde als kleines Kind von ihrer Mutter auf die Insel gebracht und lebte dort als Alois.
Sie hat ihren Freund Gregor auf der Insel zurückgelassen, der seit Alois Fortgang ebenfalls mit sich selbst und seinem Leben auf der Insel zu kämpfen hat.
Kuratle erzählt wechselweise aus der Perspektive von Alice und Gregor. Ich beobachte die beiden, wie sie unabhängig von einander neue Beziehungen suchen und eingehen und wie sie doch mit einem unsichtbaren Band immer miteinander verbunden bleiben.
Doch ich will den Roman nicht so sehr an seiner Handlung festmachen, denn das ist ein eher hilfloses Unterfangen meinerseits. Ja, es gibt den roten Faden einer Geschichte, dem ich grob folgen kann, aber der Roman lebt vielmehr von seinen poetischen und lyrischen Worten und Sätzen, die so viel Ungesagtes andeuten:
“Ein Freund seiner Mutter zog ihn auf seinen Schoß, da war er sieben Jahre alt. Es war, als nähme ihn der Mann in Besitz. Gregor hing an ihm wie eine Puppe, die Fäden verwirrt.”
Viele der Sätze resonieren in mir, lösen bei mir unabhängig vom Kontext Gefühle aus und bringen etwas zart in mir zum Klingen, das ich sonst gerne lieber mit lauterer Musik übertöne.
“Aber etwas bleibt verhärtet, er steht auf, über die Jahre wird es mehr. Bis jeder Körper, er lächelt, abstirbt.”
Kuratles Roman arbeitet mit Wort- und Satzassoziationen, erschafft Stimmungsbildern und einen einzigartigen melancholischen Sound. Ich verspüre starke und traurige Vanitas-Vibes und habe den Geruch der feuchten brauen Blättern des Herbstes in der Nase.
Ob es vielleicht in der Welt von Alice und Gregor noch einen Keim von Hoffnung gibt, ob die Möglichkeit auf ein neues Leben besteht, bleibt für mich rätselhaft und meinem Wunschdenken überlassen.
Wenn du Freude an poetischer und kunstvoller Sprache hast und dich gerne an die besonderen Romane wagst, dann ist „Chimäre“ eigentlich ein Must-Read für dich.
Irritierend und realitätsauflösend
Die echtere Wirklichkeit von Raphaela Edelbauer
In einer anderen Rezension zu einem Roman von Raphaela Edelbauer hatte ich die Österreicherin, die bereits mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert war und den Österreichischen Buchpreis gewonnen hat, als „Literarisches Genie“ bezeichnet.
Dementsprechend gespannt war ich natürlich auf ihren neuen Roman.
Und dementsprechend war ich mental auf eine fordernde Lektüre eingestellt.
Denn die Romane von Edelbauer kann ich quasi nicht im herkömmlichen Sinn lesen und verstehen. Ich durchlebe sie in einem Rausch traumhafter Verwirrung und Desorientierung.
Auch bei „Die echtere Wirklichkeit“ habe ich wieder das Gefühl permanenter intellektueller Überforderung. Ihr neuer Roman ist hochgradig philosophisch, gesellschaftskritisch und stellt die aktuellen Fragen unserer Zeit.
Ihre Protagonistin heißt Byproxy oder bürgerlich Petra, und ist eine junge Frau, die im Rollstuhl sitzt. Natürlich wählt Edelbauer nicht irgendwelche Namen, sondern alles hat Bedeutung. Und manchmal eben auch nicht.
Byproxy hat sich einer philosophischen Aktivismusgruppe angeschlossen, die aus dem Untergrund agiert und eine klare Agenda hat.
„Aletheia - das bedeutet auf Altgriechisch Wahrheit, es ist aber auch der Name einer mythologischen Person, der Göttin der Wirklichkeit, der Tochter des Zeus. Dieser Name ist Programm. Wir sind eine Gruppe, der der Verlust der Wahrheit in der Gesellschaft, der das Zeitalter der post-truth, wie man heute sagt, ein Dorn im Auge ist.“
Der Gegensatz von Wahrheit und Meinung, der in heute immer mehr verschwimmt, ist der zentrale Diskussionspunkt in Edelbauers Roman, und das philosophische und agitative Hauptanliegen von Aletheia.
Allerdings ist sich die Gruppe selbst nicht einig, ob sie ihre Ziele durch Kunstaktionen, Aktivismus oder Terrorismus erreichen will. Aufmerksamkeit oder Disruption?
Bis Byproxy zu der Gruppe stößt und sie auf die dilettantische Lächerlichkeit und Wirkungslosigkeit ihrer bisherigen Aktionen aufmerksam macht.
Die Figur Byproxy gefällt mir ausgesprochen gut. Edelbauer legt sie als Mensch mit Alexithymie an (sorry, aber wenn du Fremdwörter scheust, sind Edelbauers Romane nichts für dich).
„Man nennt einen Menschen, der wahlweise die Gefühlslagen, die in ihm herrschen, nicht benennen kann oder die Identifikation derselben durch eine allgemeine Dunkelheit verunmöglicht sieht, alexithym.“
Durch Byproxys dissoziatives Verhältnis zur sogenannten »normalen emotionalen Reaktion kommt Edelbauers trockener und zynischer Humor bestens zur Geltung.
Neben der politischen und gesellschaftlichen Ebene des Romans gibt es noch eine persönliche Ebene mit der Geschichte von Byproxy (und natürlich hängt alles mit allem zusammen).
In Rückblicken erzählt sie die bis in die Kindheit zurückreichende Beziehungsgeschichte zu Dorothee, die dann bei dem Autounfall, der der Grund für Byproxys Wirbelsäulenverletzung war, gestorben ist.
Diese Liebesgeschichte hat mir sehr gut gefallen und mir die mesmerisierenden
Edelbauer-Vibes gegeben, die bei mir rund um den Aletheia-Erzählstrang nicht aufkommen wollten. Gerade die theoretischen Philosophierereien der Gruppe waren mir doch zu ausufernd und anstrengend.
„DAVE“ und „Das flüssige Land“ waren da in meiner Erinnerung tendenziell weniger langatmig, wenn auch gleichermaßen irritierend und realitätsauflösend.
Definitiv schreibt Edelbauer für eine intellektuell exklusive Leserschaft, ich möchte aber betonen, dass eine vollständige Durchdringung ihrer Texte gar nicht unbedingt notwendig ist und die Romane vielleicht auch gar nicht so konzeptioniert sind. Vielmehr gelingt es Edelbauer durch ihren einzigartigen Stil bei mir unbekannte Denkräume aufzustoßen und mich für einen Moment mental aufs nächste Level zu heben. Ich fühle mich dann kurz frei von Logik, chronologischen Abläufen und Realitäten. Ich fühle mich kurz schwerelos.
Toller Nachwenderoman!
Adlergestell von Laura Laabs
Mit einem Auszug aus ihrem Debütroman “Adlergestell” war die Regisseurin und Autorin bereits zum Ingeborg-Bachmann-Preis 2025 eingeladen. Ich dachte eigentlich auch an einen Nominierung für die Longslist des Deutschen Buchpreises, denn ich fand „Adlergestell“ ist ein toller Nachwenderoman, der aus der Vergangenheit bis in unsere Gegenwart führt.
Der Titel bezieht sich übrigens nicht auf eine Verballhornung von Faberkastell, wie ich als Süddeutsche mit Allgemeinbildungslücken dachte, sondern auf die längste Straße Berlins. Sie verläuft im Bezirk Treptow-Köpenick und begleitet uns als Schauplatz in Laabs Roman durch die Zeitenwende.
An dieser Straße wächst Laabs Ich-Erzählerin und ihre Freundinnen Lenka und Chaline auf.
Zusammen knacken sie Kaugummi Automaten und spielen der Streiche aus der Telefonzelle. Es sind die 90er und der Mauerfall liegt noch nicht lange zurück.
Die Wende versprach für den Osten eine aufregende Zukunft, doch einige Jahre später ist von der Euphorie nicht mehr viel übrig.
„Kinder, deren Eltern plötzlich geschieden waren oder arbeitslos oder beides. Kleine Menschen mit großen Erwartungen, die absehbar zu großen Enttäuschungen werden würden.“
Laabs Roman ist multiperspektivisch aufgebaut, neben den längeren Passagen ihrer kindlichen und später erwachsenen Ich-Erzählerin schiebt sie immer wieder die Perspektiven von Frauen der Eltern- und Großelterngeneration. Tante Nora hat noch den Krieg erlebt, die Mutter von Chaline wurde als Leistungsturnerin von ihrem Trainer im DDR-System missbraucht, um nur zwei Einzelschicksale zu nennen.
Laabs blickt auf das Leben der Frauen, die mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen umgehen müssen.
„Erst hat die Mauer ihr Leben geteilt in ein Davor und ein Dahinter. Nun teilt der Fall der Mauer ihr Leben in ein Davor und ein Danach.“
Und die Ich-Erzählerin?
Sieht im Fersehen die poppigen Werbespots der 90er. Mit Fairy Ultra und Yogurette soll das Leben zum leichten Traum werden. Laabs zeigt entlarvend die kapitalistischen Werbelügen und Manipulation jener Zeit, die zum Konsum anregen, aber eigentlich nur Unzufriedenheit schüren.
Laabs verwendet immer wieder die Farben Rot, Grün und Blau. Es sind die Farben aus denen sich früher jedes Fernsehbild zusammensetzte. Und in die Farben Rot, Grün und Blau zerfallen die bunte Bilder wieder, wenn du zu nah ran gehst. Es sind die Farben, die du auch auf dem Cover wiederfindest.
„Oder waren wir selbst Geister? Waren wir bereits in unsere kleinsten Atome zerlegt, aufgelöst, verschwunden? Die Perlen trafen den Fußboden, schossen aus dem Zimmer und stürzten die Treppe hinunter - Blau, Rot und Grün - in die dunkle Tiefe. Ins Schwarz.“
Die Erzählerin wird erwachsen und verliert ihre Freundinnen aus den Augen, hat dafür Beziehungen mit Männern. Die Mutter am Adlergestell besucht sie selten.
Mir gefällt die konsequent weibliche Perspektive des Romans, so ganz im Kontrast zur historischen Geschichtsschreibung des Adlergestell, sehr.
„Es scheint, als hätte es nur Männer gegeben am Adlergestell. Doch beinahe unbemerkt schlugen sich auch Frauen hier durch die Geschichte.“
Die Geschichte der Ich-Erzählerin führt mich bis ins Heute, zu den aktuell brennenden Themen unserer Zeit.
Und die letzten Seiten erwischen mich noch so richtig.
„Wie ein Center Shock, mitten durchs Herz.“
Klang ohne Echo
Die Geschichte des Klangs von Ben Shattuck
Dieser schmale Roman hat nur 104 Seiten und ist großzügig gesetzt. Ich konnte ihn also ziemlich zügig durchlesen.
Jetzt ist es natürlich so, dass die Länge oder die Lesedauer eines Buches nichts über dessen Qalität für mich aussagt. Gerade kurze Romane bestechen oft mit einer starken Verdichtung und Intensität.
„Die Geschichte des Klangs“ gehörte für mich leider nicht in diese Kategorie.
Der Roman selbst ist in zwei Teile gegliedert. Der ersten Teil hat eine Rahmenhandlung im Jahr 1984, in der Lionel Worthing die Geschichte seiner Jugendliebe erzählt. Mit dem Musikstudenten David hatte er 1916 einen Sommer verbracht und diese Zeit hat sein weiteres Leben beeinflusst. Jetzt als alter Mann denkt er an diese einzigartigen Freundschaft und Liebe zurück und ordnet sie ihm Rückblick auf sein Leben ein.
“Ich hatte nicht die Schuldgefühle, die manche Männer in meiner Generation gehabt hätten. Ich liebte David und dachte nicht weit darüber hinaus. Mein Irrtum war die Annahme, David sei der erste von vielen. Eine erste Kostprobe der Liebe.“
Im zweiten Teil erzählt Shattuck die Geschichte von Annie, die in einer langweiligen Leben und einer lieblosen Ehe feststeckt. Sie findet in ihrem Haus die versteckten Wachszylinder, die im Sommer 1916 von Lionel und David während ihrer Forschungsreise im Maine von ländlicher Folkmusik gemacht hatten.
So gelangen die musikalischen Aufzeichnungen nach Jahrzehnten wieder zu Lionel, bei dem sie viele Erinnerungen freisetzen.
Diese Geschichte birgt einiges an melancholischem Potential, das aber bei mir nur teilweise freigesetzt wird. Es ist eine Geschichte über verpasste Chancen und nicht gelebten Möglichkeiten, aber die Tragik, die dahinter steckt, kommt für mich nicht wirkungsvoll zur Geltung. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass Shattuck nicht wirklich atmosphärisch erzählt, was dann zusammen mit der Kürze des Romans bei mir keine echte Stimmung aufkommen lässt.
Um damit, wie im Klappentext beschrieben „die Rätsel der menschlichen Seele zu erkunden“, war mir nicht so wirklich möglich.
Toller Debütroman!
Proben von Tara C. Meister
Eine Schwangerschaft kann mit komplizierten Gefühlen verbunden sein. Eine ungeplante Schwangerschaft vielleicht sogar noch mehr.
Wird eine schwangere Frau automatisch eine Mutter? Und wird eine Frau, die nicht schwanger werden will, niemals eine Mutter?
Wenn du auf diese Fragen bereits alle Antworten kennst, brauchst du nicht weiterzulesen - dann ist „Proben“ vielleicht kein Buch für dich.
Wenn du dich aber für einen zeitgenössischen und modernen Roman zum Thema Schwangerschaft und Freundinnenschaft interessierst, dann wird dir „Proben“ bestimmt gefallen.
Es ist der Debütroman der jungen Autorin und Poetry Slammerin Tara C. Meister, die gerade erst zum Bachmannwettbewerb eingeladen wurde und dort mit dem Stipendium Festivalschreiber:in ausgezeichnet wurde.
Meister erzählt die Geschichte der Freundinnen Johanna und Caro, beide Ende 20 und bemüht, in ihrem gewählten Metier voranzukommen. Caro möchte als Biochemikerin in der Forschung etwas erreichen, sieht aber in einer von Männern dominierten Berufswelt schon die gläserne Decke über sich.
Johanna arbeitet prekär als Regisseurin und bewirbt sich für Stipendien, um ihre Stücke zu realisieren.
Beide spüren den Erwartungsdruck unserer Leistungsgesellschaft
“Dem Druck standzuhalten bedeutete etwas wert zu sein. Unter Druck konnte sie sich selbst spüren.”
Als Johanna ganz unerwartet Caro erzählt, dass sie von einer Spontanbegegnung schwanger ist, ist plötzlich alles ganz anders. Johanna möchte das Kind behalten.
Für Caro passt diese Entscheidung nicht mit ihrem Selbstbild von sich und Johanna als absolut freiheitsliebende und unabhängige Frauen überein.
Sie hat Angst um ihrer Freundinnenschaft mit Johanna, die ihr unglaublich wichtig ist. Und so beschließt Caro, dass Familie heute auch ganz unkonventionell aussehen kann.
Die beiden Frauen möchten das Kind gemeinsam bekommen und großziehen, nicht als Liebespaar, sondern als Freundinnen.
Doch schon in der Schwangerschaft werden die Frauen mit den unendlichen tief verankerten Glaubenssätzen konfrontiert, die rund um das Thema Schwangerschaft und Mutterschaft kreisen.
Glaubenssätze, die vorschreiben, wie genau eine Mutter sein muss und was sie nicht sein darf.
“Eine Mutter darf nicht davonlaufen. Aber unsichtbar werden, das durfte sie.”
Das Zusammenleben von Johanna und Caro ist nicht die reibungslose matriarchle Utopie, wie ich das vielleicht gerne hätte, sondern knirscht unter der Individualität zweier Menschen, ihrer Vergangenheit und Prägung.
Ich finde es großartig, wie subtil und komplex Meister die Dynamik zwischen den beiden Frauen anlegt. Wie viele verborgene und unterdrückte Sehnsüchte sie andeutet ohne zu konkret zu werden.
Gleichzeitig liest sich der Roman so unglaublich flüssig, dass ich ihn in einer Session weginhaliert habe. Und gerade am Schluss finde ich ihn emotional sehr mitreißend.
Ich bin sehr darauf gespannt, in welche Richtung Tara C. Meister literarisch weiter gehen wird und hoffe sehr auf einen neuen Roman!
Wunderbares Highlight
Anna oder: Was von einem Leben bleibt von Henning Sußebach
Hast du noch deine Urgroßmutter kennengelernt? Ich denke mal, das haben die wenigsten von uns. Bei mir ist es so, dass ich nicht einmal meine Großmutter richtig kennengelernt habe, geschweige denn ihre Mutter. Ich weiß nicht einmal ihre Namen.
Auch Henning Sußebach hat seine Großmutter Anna, die 1866 geboren wurde, nicht kennengelernt.
Sie starb noch vor dem zweiten Weltkrieg.
„Unsere Urgroßeltern erscheinen bereits unendlich weit weg, sind nahezu verschwunden hinter einer Bruchkante in ein dunkles Nichts.“
Um Anna für sich und uns Leser*innen aus diesem dunklen Nichts zurückzuholen, hat sich Henning Sußebach auf eine Spurensuche begeben. Er hat seine ältere Verwandtschaft befragt, Fotos und Erbstücke und ihre Geschichten gesichtet, er hat sich mit Heimatpfleger*innnen und Historiker*innen unterhalten und er hat in Stadtarchive und Katasterämter geforscht.
„Im Dunkel dazwischen hier und da Hinweise auf eine Frau namens Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim, die eine wie keine war und eine wie viele.“
So viele Spuren gab es nicht mehr und vieles muss im Dunklen bleiben. Anna hat nie ein Tagebuch geführt und so bleiben vor allem ihre Gedanken und Gefühle Sußenbachs Spekulation überlassen.
Dennoch schält sich der vage Umriss einer Frau heraus, die ihrer Zeit angehörte und doch daraus hervorstach. Eine Frau, die gegen große Widerstände ankämpfen musste, aber für sich einstand - in einer Zeit, als Frauen nicht einmal das Wahlrecht und wenig Möglichkeiten zur Eigenständigkeit hatten, versuchte sie, ihren eigenen Weg zu finden. Sowohl wirtschaftlich als auch privat.
Annas Leben fiel in die Zeit der Industrialisierung als große historische Zäsur, die die Geschichte und die Gesellschaft komplett veränderte.
Das ist das Besondere und Wunderbare an dem Buch von Henning Sußebach: Er vermittelt nicht nur das Gefühl, wie das Leben einer Frau wie Anna ausgesehen haben könnte, sondern auch ein einzigartiges Gefühl vom Verstreichen der Zeit und den historischen Veränderungen.
Er bettet Annas Leben in einen globalen und lokalen geschichtlichen Kontext ein, der sie selbst und ihr Umfeld, in dem sie gelebt hat, lebendig werden lässt.
Gleichzeitig lädt er mich dazu ein, mir selbst Gedanken darüber zu machen, in welcher Zeit ich lebe und ob wohl etwas von mir und meiner Lebensgeschichte bleiben wird, wenn die Kinder meiner Kinder meiner Kinder mich vielleicht längst vergessen haben.
Fast wäre diese wunderbare frühe Neuerscheinung aus dem Herbstprogramm an mir vorbeigezogen. Das Cover und der Titel hat mich spontan nicht besonders angesprochen. Die Leseprobe dann umso mehr.
Henning Sußebach hat hier in meinen Augen wirklich ein wunderbares Buch geschrieben, das mich sowohl historisch als auch emotional sehr begeistert hat.
Ich möchte es dir unbedingt weiterempfehlen!
Schwache und wenig authentische Liebesgeschichte
We Burn Daylight von Bret Anthony Johnston
In Waco, Texas, starben 1993 76 Mitglieder der Sekte Branch Davidians bei der Erstürmung ihrer Siedlung Mount Carmel durch das FBI und anderen Bundesbehörden. Darunter nicht nur der Sektenanführer, sondern auch schwangere Frauen und Kinder. Vorausgegangen war eine 51-tägige Belagerung der Siedlung, nachdem sich die Gruppe verschanzt und sich mit Waffengewalt gegen eine Durchsuchung ihres Geländes zur Wehr gesetzt hatte.
Aus diesem amerikanischen Stoff macht der preisgekrönte Bestseller Autor Bret Anthony Johnston mit seinem zweiten Roman einen fesselnden „literarischen Pageturner“.
Ich würde die Geschichte irgendwo zwischen Abenteuerroman und lauwarmer Liebesgeschichte einordnen.
Johnston hat eine interessante und spannende Romanstruktur gewählt: Zwischen einzelnen aktuellen Podcast-Interviews mit Zeitzeug*innen im Jahr 2024, lässt er auf einer anderen Zeitschiene 1993 seine beiden Figuren Roy und Jaye die damaligen Ereignisse in Waco aus ihrer Perspektive erzählen.
Roy ist der 14-jährige Sohn des ortsansässigen Sheriffs von Waco, und Jaye eine Teenagerin, die mit ihrer Mutter nach Texas gekommen ist, um sich dem Sektenführer „Lamb“ anzuschließen.
Die beiden bilden das Liebespaar, mit dem der Roman als „moderne Romeo und Julia Geschichte“ beworben wird.
Die Figuren und die Handlung sind komplett fiktiv, basieren aber auf den historischen Abläufe der Belagerung und der Erstürmung des Geländes. Johnston stellt die Frage, warum dabei so viele Menschen unnötig sterben mussten.
Die fast 500 Seiten lese ich schnell weg, wie gesagt ein Pageturner, und sie veranlassen mich dazu, zu den tatsächlichen Ereignissen zu recherchieren. Allerdings bleibt der Roman hinter meinen Erwartungen zurück. Johnston konzentriert sich mehr auf eine spannende Geschichte mit ein paar Überraschungen als auf die psychologischen Hintergründe seiner Figuren. Wie die Mechanismen in der Sekte rund um ihren Anführer funktionieren, wird leider kaum herausgearbeitet und auch die beschworene Liebesgeschichte bleibt für mich emotional sehr blass und wenig authentisch.
Von daher war „We burn Daylight“ für mich vielmehr ein tendenziell schwaches „nice to read“ als „must read“
Wunderbarer Roman über Mutterschaft, übers Loslassen und über das Freisein.
Sunbirds von Penelope Slocombe
Bei diesem Roman gab eindeutig das wunderschöne Cover den Ausschlag, ihn lesen zu wollen. Ja, ich bin ein oberflächlicher Mensch und Buchcover sind für mich schon entscheidend dafür, ob ich einen zweiten Blick auf ein Buch werfe oder nicht.
Aber auch die Kurzbeschreibung klang einigermaßen ansprechend, wenn auch vielleicht etwas abgenudelt.
Die große Selbstfindung im Himalaya und „Eat, Pray, Love“ als Referenz? Ich war nicht wirklich sicher, ob der Roman was für mich ist.
Aber ja doch, der Roman war was für mich. Er hatte ein Wahnsinns Schmöker-Potential und ich bin total gerne darin versunken.
„Sunbirds“ ist das Debüt der Englischlehrin Penelope Slocombe und er ist sehr einfühlsam und emotional erzählt. Ihre Figur Anne ist seit sieben Jahren auf der Suche nach ihrem Sohn Torran, der damals in einem indischen Bergdorf verschwand. Inzwischen lebt sie selbst im Himalaya und hält nach Hinweisen Ausschau. Ihr Mann Robert, der nicht mehr glaubt, dass sein Sohn noch lebt, ist in Schottland geblieben.
Jetzt hat Annes Nichte Esther, eine Journalistin, neue Hinweise zum Verbleib Torrans erhalten und reist zu Anne in die abgelegene Bergregion. Esther, die als Kind eine Zeit bei Anne und Robert lebte, hatte vor einige Jahren einen sehr kritischen Artikel zu Torrans Verschwinden geschrieben, der zum Bruch der beiden Frauen führte.
Können sie sich während der gemeinsamen Suche wieder annähern?
In Slocombes Roman geht es nur vordergründig um das Verschwinden von Torran. Das Verfolgen der neuen Hinweise und die Suche dient vielmehr dazu die Psychologie und die Beziehungen der Figuren zu exponieren. Wenn du also auf Grund des Klappentextes eine Art Krimi mit stringenter Auflösung erwartest, wirst du wahrscheinlich enttäuscht sein.
Ich bin Anne und Esther gerne auf ihrer Reise gefolgt, und es gibt tatsächlich Hinweise, dass Torran noch lebt. Aber was würde das bedeuten?
Mir gefällt es besonders, wie Slocombe diesen Aspekt benutzt um die Erwartungen an Mutterschaft zu hinterfragen. Anne wird von Schuldgefühlen geplagt, dass sie für Torran keine ausreichend gute Mutter war und sein Verschwinden damit zusammenhängt.
Auch Esther glaubt das und sie hat ihre eigenen Gründe, warum sie von Anne enttäuscht ist.
Zwischen den beiden Frauen liegen viele alte Verletzungen, die während ihres erneuten Zusammentreffens aufbrechen.
Ebenfalls arbeitet Slocombe feinfühlig die Ambivalenz zwischen Bindung und Freiheit heraus und ebenso wie ein alternative Leben aussehen könnte.
“Aber dann fängt man an zu begreifen, dass auch eine andere Lebensweise möglich ist. Man kann die Fesseln seiner Bindungen durchtrennen. Man kann frei sein. Man kann ein Sunbird sein.«”
Als kleine Kritikpunkte könnte ich anführen, dass Annes und Esthers Leben und Reisen in einem finanziell luftleeren Raum stattfindet, was ich allerdings so in vielen Romanen lese und vielleicht kein echter Kritikpunkt ist. Weiterhin kann ich eine gewisse vereinfachte Darstellung dieser bergigen Region im Himalaya nicht von der Hand weisen.
Aber wie immer, wenn ich mit einem Roman eine gute Zeit hatte, kann ich die erwähnten potentiellen Kritikpunkten zwar wahrnehmen, aber auch großzügig überlesen.
„Sunbirds“ war für mich ein wunderbarer Roman über Mutterschaft, übers Loslassen, und über das Freisein mit all seinen Konsequenzen.











