Kunden em pfehlungen
Rezensionen von @lust_auf_literatur:
Genial
Zeiten erhöhter Gefahr von Julia von Lucadou
Ich mache ja leidenschaftlich gerne Trailrunning, und weil ich einiges an True Crime konsumiere, verfolgt mich immer die leise Angst, dabei auf eine Leiche zu stoßen.
Genau das passiert dem Protagonisten Jot gleich zu Beginn des Romans „Zeiten erhöhter Gefahr“ von Julia von Lucadou. Beim Laufen in einem alten Steinbruch stößt er auf die Leiche eines jungen Mannes, den er in verstörender Pose und mit entblößtem Gesäß vor einer Felswand vorfindet.
Der ordnungsliebende Mann, der für eine Firma arbeitet, die Sicherheits- und Bunkeranlagen anbietet, verständigt die Polizei und versucht, nach diesem entsetzlichen Vorfall wieder in seine Alltagsroutinen zurückzukehren.
Die Auffindesituation lässt für Jot keine Zweifel zu. Der junge Mann wurde ermordet. Umso erstaunter ist er, als er vom Bruder des Verstorbenen auf seine Nachfrage hin erfährt, dass dieser Suizid begangen hat und auch ein Abschiedsbrief mit kafkaesken Anspielungen existiert.
Jot kann das nicht glauben und beginnt, eigenen Nachforschungen anzustellen. Währenddessen entgleitet ihm immer mehr die Kontrolle über seinen strukturierten Alltag, und Erinnerungsfetzen aus seiner Kindheit drängen an die Oberfläche.
„Er konnte sich nicht konzentrieren. Etwas war in seinem Schädel aus der Fassung geraten, war lose geworden. Sein Gedächtnis wie überstimuliert und außer Kontrolle.“
Erinnert er sich falsch an die Auffindesituation des Toten? Trifft auf ihn das Phänomen der „False Memory“ zu, von dem ein langjähriger Kunde ihm erzählt?
Die Merkwürdigkeiten und Ungereimtheiten beginnen sich zu häufen…
Ich bringe mein Fazit gleich auf den Punkt: „Zeiten erhöhter Gefahr“ war ein ziemlich überraschendes und überragendes Highlight für mich. Ich lese ziemlich viel, und selten erreicht mich ein Roman noch derart, dass ich am ganzen Körper Gänsehaut bekomme. Diesen Roman fand ich nicht nur so spannend wie einen Thriller, er war auch atmosphärisch, vieldeutig und emotional mitreißend. Kurzum, für mich ein perfektes Gesamtpaket.
Und der Schluss des Romans trifft mich mitten ins Herz, sodass es zerbricht.
Für mich einer der schönsten und aufwühlendsten Romane des Jahres.
Schmerzhaft intensiv
All These Pretty Girls von Evelyn Bubich
Laut repräsentativen Studien erlebt statistisch gesehen jede dritte Frau in Deutschland und Österreich seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle stammen die Täter aus dem direkten, persönlichen Umfeld der Frauen, sind (Ex-) Partner ,Väter, Brüder, Verwandte.
Gewalt, die manchmal, bestürzend oft, sogar bis zum Femizid führt.
Die reinen, statistischen Fallzahlen sind erschreckend und machen betroffen, aber die Einzelschicksale der Frauen, die dahinter stehen, machen es noch viel mehr.
So ist „All These Pretty Girls“ , der Roman von Evelyn Bubich, der sich mit sexueller, häuslicher und physischer Gewalt und ihren Nachwirkungen auseinandersetzt, auch kein leichtes Buch. Bubich, die zu ihrem Roman von realen Fällen inspiriert wurde, nähert sich dem Thema auf komplexe literarische Weise.
„All These Pretty Girls“ zieht mich beim Lesen allmählich in einen dunklen, düsteren Bann, aus dem ich gern entkommen würde, bei dem sich aber das Aussteigen wie Feigheit anfühlen würde.
Auf verschiedenen Zeitebenen mit verschiedenen Erzählstimmen zeigt Bubich die Universalität von Misogynie, die Frauen allezeit und überall begegnet. Ja, auch in der Gegenwart.
Misogynie, die Gewalt durch Männer an Frauen verursacht, rechtfertigt, ja gar erlaubt. Und Misogynie, die gesellschaftliche Strukturen schafft und aufrechterhält, die Täter schützt und Frauen die Schuld zuweist, für das, was ihnen angetan wird.
„All These Pretty Girls“ ist ein harter, schmerzhafter Roman, der harte und schmerzhafte Tatsachen sichtbar machen soll. Der den Schmerz und die Angst der Frauen zeigen soll. Bubich verwendet harte Worte und harte Bilder und schont dich beim Lesen nicht. Mit großer literarischer Kunst verdichtet Bubich die Perspektiven der Frauen zu einem einzigen beklemmenden Stream of Consciousness, den keine Frau jemals fühlen möchte:
„Du bist zur Beute geworden.“
Faszinierend und rätselhaft
Arten, auszuarten von Hannah Brutschin
Ich mag ja manchmal schon diese ganz besonderen Romane lesen. Romane, die mich fordern, die mich verzaubern, die mich in eine bestimmte Stimmung versetzen, die mich regelrecht entrücken können. Romane, die dafür auch genau die richtige Länge haben, damit ich nicht überfordert bin.
Die Schweizerin Hannah Brutschin hat mit „Arten, auszuarten“ so einen Roman geschrieben.
Yael, die Ich-Erzählerin, stellt darin bei ihrem Lebensgefährten Zev plötzlich merkwürdige Veränderungen fest. Die manifestieren sich erst ganz subtil, aber zunehmend konkreter. Seine ruhige Persönlichkeit verändert sich und er hat unbändigen Hunger auf rohe Eier und Fleisch. Auch körperlich verändert sich Zev beunruhigend (hast du den Film „Black Swan“ gesehen?). Das Paar zieht sich in eine Ferienwohnung in den Schweizer Bergen zurück, doch Zevs Metamorphose schreitet voran.
„Arten, auszuarten“ ist nur ein kurzer Roman (100 Seiten), aber er fasziniert mich mit seiner besonders zeitlich verschachtelten Erzählweise. Brutschin erzählt auf magisch-realistische Weise von dem Gefühl, wenn der Partner beginnt, sich besorgniserregend zu verändern. Eine Situation, in der sich ein Paar beim gemeinsamen Älterwerden durchaus wiederfinden kann. Und dann?
Ich mag auch super gerne diese Geschichten, von Menschen, bei denen der wilde Aspekt ihrer Persönlichkeit allmählich die Kontrolle über ihr sozialisiertes Selbst gewinnt. Ich denke an „Angsttier“ von Lola Randl oder „Die Harpyie“ von Megan Hunter. Brutschin beschreibt diesen Vorgang aus der Perspektive von außen.
Ein Roman, der sich mir beim Lesen nicht gleich vollständig erschließt und mich zum Denken anregt, was ich in diesem Fall gerne getan habe.
Unkonventionell erzählte Dystopie
Nach dem Ende von Elisabeth Schmidauer
Also Dystopien und apokalyptische Romane findest du auf jeden Fall sehr viele in meinem Feed und ich bin immer auf der Suche nach dem nächsten Ende der Menschheit, am liebsten in literarischer Ausführung. Natürlich konnte ich dem neuen Roman von Elisabeth Schmidauer nicht widerstehen, denn der Titel „Nach dem Ende“ ist ganz wörtlich gemeint.
Verschiedene apokalyptische Katastrophen, Umweltzerstörung und Krankheiten haben die Menschheit nahe der Ausrottung gebracht und zurück in einen mittelalterlichen Zustand katapultiert. Ob ich dieser Zukunftsversion so zustimmen würde, weiß ich nicht so recht, aber darum geht es in Schmidauers Roman auch gar nicht.
Vielmehr erzählt sie von einer Welt, in der die Menschen wieder komplett auf ihr direktes Umfeld angewiesen und auch begrenzt sind. Jede globale Kommunikation wurde unterbrochen und die verbleibenden Bewohner*innen in den Dörfern und Städten sind auf sich alleine gestellt. Das erfahre ich aus Milas Erzählperspektive, die den ersten Teil des Romans einnimmt.
Der Zusammenbruch der Welt, wie wir sie kennen, liegt da noch nicht so lange zurück. Mila war sich damals als klimaaktivistische Schülerin der bevorstehenden Katastrophe bewusst, aber ihre Familie und der Rest der Welt war zu sehr in ihrem bequemen Alltag gefangen, um sie ernst zu nehmen. Kommt dir bekannt vor? Schmidauers Roman kann durchaus als sehr gesellschaftskritisch angesehen werden.
Jetzt sieht Milas Leben und Zukunft und die ihres Bruders jedenfalls komplett anders aus, aber noch macht man in ihrem Dorf das Beste aus der Situation und versucht sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Doch düstere Vorboten kündigen sich an.
Den weiteren Roman schreibt Schmidauer aus wechselnden Perspektiven und macht verschiedene Zeitsprünge. Damit bricht sie mit meinen Erwartungen und den Erwartungen an einen dystopischen Roman generell. Die Erzählung läuft nicht mehr stringent linear und fordert uns Leser*innen auf, Lücken selbst zu füllen und Querverbindungen zu ziehen. Mit fortschreitendem Verfall der Gemeinschaft wird der Roman immer düsterer und bedrückender. Schmidauer zeigt, wie sich die verbleibenden Menschen entlang der Geschlechterlinie zu spalten beginnen und wie immer mehr Gewalt und eine neue Hierarchie Einzug halten.
Ja, ich finde es bedrückend, weil ich darin gewisse Entwicklungen unserer Gesellschaft gespiegelt sehe, auch ganz ohne Apokalypse.
Wenn du einen abenteuerlastigen Endzeitroman mit konventioneller Erzählstruktur erwartest, wirst du von „Nach dem Ende“ vielleicht enttäuscht. Schmidauers Roman ist für die Spiegelbestsellerliste sicherlich zu speziell und thematisch zu wenig fokussiert erzählt. Mir hat ihr Roman allerdings sehr gut gefallen und ich war überrascht, als ich festgestellt hatte, wie viele die zeitweise als Lehrerin arbeitende österreichische Autorin bereits veröffentlicht hat. Davon werden auf jeden Fall welche auf meine Wunschliste wandern.
Mehr Himmel, als gut für uns ist
Mehr Himmel, als gut für uns ist von Dominika Meindl
Ich liebe die Berge und natürlich auch Romane über das Bergsteigen. So wurde ich auch von dem Cover und der Kurzbeschreibung von “Mehr Himmel, als gut für uns ist” von Dominika Meindl magisch angezogen. Und im Klappentext wird sogar eine projektierte Besteigung des Mount Everest durch den Protagonisten erwähnt - I’m all in.
Allerdings startet der Roman erst einmal ganz anders und kommt dann erst im letzten Drittel zu besagter Himalaya-Reise.
Aber auch davor gibt es genügend Bergsteiger Action. Arthur, der Ich-Erzähler und Protagonist, liegt nämlich gleich zu Beginn mit verletztem Knie in den österreichischen Bergen und kann unmöglich weitergehen. Rettung oder Hilfe rufen kann er selbst verschuldet auch nicht mehr.
Und so bleibt ihm nur darauf zu hoffen, dass ihn irgendjemand vor dem Tod findet.
Da bleibt ihm so einige Zeit, um über sein Leben und seine Lieben nachzudenken.
Für mich ist es das erste Buch von Meindl und ich bin überrascht, wie lustig und ungewöhnlich ihr neuer Roman ist, obwohl die österreichische Journalistin und Schriftstellerin wohl für ihre scharfzüngigen, humorvollen und gesellschaftskritischen Texte bekannt ist.
Ungewöhnlich und sehr spannend finde ich, wie sie mit gängigen Romankonstruktionen bricht und eben nicht die mutmaßlichen Erwartungen der Leser*innen erfüllt.
Auch ich hatte an einen anderen Verlauf der Geschichte gedacht und blieb des Öfteren ohne befriedigende Auflösung.
Doch darum geht es Meindl nicht, es geht ihr gerade um ein Störgefühl, wie es auch ihren Erzähler Arthur öfter überfällt.
Im Laufe des Romans eröffnet sich außerdem eine kleine Metaebene und ich zweifle kurz, ob die Autorin Dominika Meindl wirklich existiert. Warum musst du aber selber herausfinden ☺️.
Ein Thema das Meindl immer wieder aufgreift ist der Overtourismus. Und zwar nicht nur der offensichtliche, wie wir ihn wohl alle von den Dokus, Reportagen und Bildern vom Mount Everest kennen, sondern auch der in ihrem Heimatland Österreich.
“Einmal möchte ich noch darüber nachdenken, was uns seit der Jahrtausendwende in solchen Massen an Orte treibt, die wir damit ruinieren.”
Für mich war “Mehr Himmel, als gut für uns ist” gerade perfekt, da ich gerade selbst als Touristin in der gleichen österreichischen Region Bergtouren gemacht habe wie Arthur, und gleichzeitig ein recht willkommener Bruch mit meinen Lesegewohnheiten.
Toller „Kremi“!
Hammerfrau von Mario Keszner
Ich bin ja einem literarischen Krimi definitiv nicht abgeneigt, und in diesem Fall habe ich zu einem „Kremi“ gegriffen. Mit diesem Kofferword bewirbt der österreichische Verlag Kremayr & Scheriau seine Kriminalromane und True-Crime-Bücher als eigenständiges Genre innerhalb des Programms. Komischerweise muss ich bei der Covergestaltung ständig an das Spiegel-Magazin denken ????.
Meine Wahl fiel auf „Hammerfrau“, den ich nicht als klassischen Krimi bezeichnen würde. Es gibt nämlich keine Suche noch einem Täter, keine Ermittler*innen, kein Miträtseln, was geschehen sein könnte.
Ein Mann verletzt eine Frau schwer mit mehreren brutalen Schlägen mit einem Hammer. Das Opfer überlebt, ist aber von der Tat psychisch und physisch schwer gezeichnet.
Dass der Täter sein Opfer zufällig ausgewählt hat, ist ein weiterer Fakt, der bereits früh bekannt ist. Mario Keszner benutzt Zeitungsausschnitte um die Tat aus der Perspektive der Presse zu beschreiben.
Das eigentlich Besonderes an dem Roman ist, dass Keszner die Geschichte im Wechsel aus der Perspektive des Täters, Thomas, und aus der Perspektive des Opfers, Julia, erzählt. Ich finde, die Perspektive eines Täters oder einer Täterin einzunehmen ist literarisch oft ein schmaler Grat zwischen Verstehen wollen und Verständnis wecken. Ersteres begrüße ich und lese ich gerne, zweiteres ärgert und befremdet mich.
Diesen Grat trifft Keszner, wie ich finde, sehr gut. Er lässt Thomas aus seinem Leben erzählen, von seinem familiären Hintergrund und von der Entwicklung seiner Einstellung gegenüber Frauen.
“Ich denke, dass ich im Laufe der Jahre unempfindlicher geworden bin gegenüber den Empfindlichkeiten anderer Menschen. Ich rege mich nicht mehr so oft auf wie früher.
Sollen mich die Blicke wegen meinem Übergewicht aufregen?”
Der Perspektive von Thomas stellt Keszner Julias Perspektive gegenüber. Sie war vor dem Angriff eine lebenshungrige junge Frau, die ehrgeizig und leidenschaftlich ihr Ziel verfolgt hatte, Opernsängerin zu werden. Nicht ihr Kopf und ihr Gesicht wurde durch die brutalen Hammerschläge kaputtgemacht, auch ihre Träume für die Zukunft haben sich zerschlagen. Keszner lässt Julia von ihren Ängsten und ihrer Wut erzählen.
“Diese Schläge mit dem Hammer haben mein Leben in zwei Teile zerrissen. Das Leben der Hammerfrau. Altes Leben, neues Leben.”
„Hammerfrau“ ist mit „Justizroman“ untertitelt, aber auch das passt nicht wirklich, wie ich finde, weil eigentlich keine Szenen vor Gericht spielen und nicht die Verurteilung oder die Verhandlung im Mittelpunkt steht. Ich finde Keszners Roman ist vielmehr eine Art Psychogramm zweier Menschen, die jetzt mit den Konsequenzen einer Tat leben, für die sich aber nur einer entschieden hat.
Dieses Psychogramm ist in meinen Augen sehr gelungen und liest sich interessant und spannend. Besonders Julias Perspektive fand ich für einen „Krimi“ überraschend einfühlsam. Und auch wenn der Roman schon klar als „Krimi“ und nicht als gesellschaftskritisches und feministisches Literaturstück konzipiert ist, sind Keszner Einlassungen in diese Richtung doch deutlich wahrnehmbar.
Für mich ein richtig toller „Kremi“, sicher nicht der letzte, den ich aus dieser Reihe lesen werde!
Bruchlinien
Bruchlinien von Gernot Rainer
Gernot Rainer ist Facharzt für Lungenheilkunde in Wien und hat bereits einige Schreiberfahrung als Kommentator und Sachbuchautor. Mit „Bruchlinien“ hat er jetzt seinen ersten Roman über ein ihm thematisch sehr vertrautes Thema veröffentlicht: die Zeit der Corona-Krise in Österreich.
Und besonders nimmt er das Erleben der Krise im Mikrokosmos Schule in den Blick.
Seine Figur Paul ist ein engagierter Lehrer und stets bemüht seine Schüler*innen bestmöglich durch die Schul- und Lernzeit zu begleiten. Er weiß, dass die Eltern ihm das Wichtigste anvertrauen: ihre Kinder.
Rainer zeigt neben Paul noch viele andere Menschen. Katharinas Vater stirbt an einer Coronainfektion und machte die trauernde und verängstigte Tochter zu einer Verfechterin von Masken- und Impfpflicht. Ihr gehen die Schutzmaßnahmen nicht weit genug. Die Schauspielerin Isi wird durch coronabedingte Absagen arbeitslos, sucht frustriert nach Schuldigen und findet sie in den Coronaschutzmaßnahmen. Ihr gehen die Schutzmaßnahmen viel zu weit.
Beide Frauen haben Kinder in Pauls Klasse. Und die beiden gegensätzlichen Pole entzünden sich an seiner Umsetzung der Schutzmaßnahmen in der Klasse.
Rainer beschreibt nachvollziehbar und beispielhaft, wie sich die verschiedenen Beteiligten immer weiter radikalisieren und wie die Schule, die Schüler*innen und Paul in diesem Konflikt zerrieben werden.
“Zwei Lager, zwei Wirklichkeiten. Früher hätte er gedacht, dass man Brücken bauen kann. Heute war er sich nicht mehr sicher.”
Während ich „Bruchlinien“ lese, wird mir klar, wie viel ich mittlerweile aus dieser Zeit vergessen und verdrängt habe. Ich könnte einiges über meine eigenen Erfahrungen aus dieser Zeit erzählen, denn mit meinen Schulkindern habe ich genau die Konflikte und die gegensätzlichen Sichtweisen, die Rainer beschreibt, in meinem Umfeld erlebt.
Corona ist mittlerweile verschwunden, die harten Bruchlinien, die sich durch die Gesellschaft ziehen, sind leider sind geblieben.
Für mich war „Bruchlinien“ eine super lesenswerte Zeitreise in ein Kapitel, das ich am liebsten vergessen würde, das aber so viel unserer heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen erklärt und deswegen eigentlich einer andauernden Aufarbeitung bedarf.
Trotz kleinerer Kritikpunkte, wie der an ChatGPT erinnernde, zusammenfassende und verknappte Schreibstils und die etwas schablonenhaften Figuren, möchte ich dir den Roman gerne empfehlen, falls du bereit bist, noch einmal in diese Zeit zurückzukehren.
Partypeople
Partypeople von Stefan Sommer
Helikopterflüge, Grandhotels mit Infinity-Pools, Champagner. Der Ich-Erzähler in Stefan Sommers neuen, zweiten Roman lebt als erfolgreicher Techno DJ das Jet Set Leben der Super Reichen. Und hinter der Fassade der Partypeople: Designerdrogen, Schmerzmittel und Loneliness.
Ein Setting, das mich in Romanen immer wieder unglaublich anzieht.
Wahrscheinlich weil ich weder rich noch lonely bin und meine geilste Dröhnung der KoRo Engergy Ball nach dem Long Run ist.
Die Superstars, genauso wie der Ich-Erzähler in „Partypeople“, haben da ganz andere Vorstellungen von Spaß. Es braucht immer neue und dekadentere Kicks, um die innere Leere zu füllen. Die Beats der Techno Musik müssen mit Drogen verstärkt werden, um noch den letzten traurigen Gedanken aus dem Gehirn zu wummern.
Der Ich-Erzähler versucht es sogar mit einer Beziehung. Als er den durchtrainierten Christian mit der scharfkantigen Jawline kennenlernt, wünscht er sich mehr Verbindlichkeit und Nähe. Aber Christian ist mit einer Frau verheiratet und nicht geoutet, sondern ein Darsteller von performativer Männlichkeit.
“Es ist so sad, wenn Männer sich ihres Selbstwertes durch Desinteresse an ihren Mitmenschen versichern müssen.”
Beide sind Meister im Verdrängen von Gefühlen.
Haben sie eine Chance, sich näher zu kommen?
Stefan Sommers Roman erfindet den Typus des nach Sinn und Liebe suchenden Mannes nicht neu. Ich denke an „Die imaginäre Nacht“ von Hugo Lindenberg, ich denke an „Lauter“ von Stephan Roiss. „Partypeople“ ist super rasant, spannend und kompromisslos auf den Punkt unserer Zeit erzählt. Ich liebe die von ihm zahlreich verwendeten Anglizismen und nutzte sie selbst ironiefrei und viel, da ich in der deutschen Niederlassung einer amerikanischen Firma arbeite.
Im Rahmen eines Online-Bloggerinnen- und Buchclub Treffens mit dem sympathischen Autor habe ich von ihm erfahren, dass er im Rahmen der Recherche viele Interviews mit DJs geführt hat und die Szene gut kennt, weil er selbst als DJ aufgelegt hat. Auch das Milieu und die teilweise grotesken Dialoge der Superreichen sind nicht etwa überzeichnet, sondern basieren zum Teil auf realen, dokumentierten Aussagen von Zuckerberg und Co.
Auch das der Ich-Erzähler mit seiner getriebenen Hatz um die Welt an das traurige Schicksal von Avicii erinnert, ist kein Zufall, sondern basiert auf Sommers gründlicher Recherche. Das beeindruckt mich sehr und führt zu einem absolut glaubhaften und authentischen Hintergrund, vor dem der Ich-Erzähler seine Geschichte erlebt. Gleichzeitig zeigt Sommer damit gesellschaftskritisch das Gesicht einer vermeintlich gesellschaftlichen Elite, die sich ihre Welt nach ihrem Willen formen kann und bestätigt gleichzeitig die alte Wahrheit, dass man auch mit Geld nicht alles kaufen kann. Oder?
Mich hat „Partypeople“ super gut unterhalten und empfehle dir den Roman gerne weiter, wenn auch du von dekadenten Settings magisch angezogen wirst.
Lahea
LAHEA von Lisa-Viktoria Niederberger
Fantasy-Romane und ich haben eine weit zurückreichende Vergangenheit. Sie waren mir in meiner Jungend ein vielbesuchter Zufluchtsort. Heute greife ich allerdings nur sehr, sehr selten zu Romanen, die nicht in unserer Welt spielen.
Als ich dann auf den ersten Seiten von “Lahea” die Karte der Insel Ebria entdeckt hatte, wie es oft bei Fantasy-Romanen zur Orientierung üblich ist, war ich mir nicht sicher, ob der Roman überhaupt etwas für mich ist.
Aber überraschenderweise hatte ich mit dem Romandebüt der Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Lisa-Viktoria Niederberger eine richtig gute Zeit.
Niederberger entwirft auf der abgelegenen Insel Ebria ein feministisches Utopia. Die von Frauen geführte und gelenkte Gemeinschaft lebt in Friede und Harmonie auf mehrere Städte verteilt auf der Insel. Ressourcen sind ausreichend vorhanden, da die Insel reich an Nahrung und Baumaterial ist, und angespültes Treibgut aus der übrigen Welt ergänzt die Bestände.
Es gibt keine Ehe oder Besitzansprüche, freie Liebe und polyamore Beziehungen werden zwischen allen Geschlechtern gelebt. Alle leben im Einklang mit der Natur und sich selbst, der Kapitalismus und patriarchale Denkmuster scheinen überwunden.
Ich würde sagen, die Beschreibungen des Lebens auf der Insel lesen sich wie ein wokes Paradies, in dem ich auch gern leben würde.
Die titelgebende Protagonistin Lahea ist eine junge Frau und Mutter und soll bald das Amt der Dorfvorsteherin übernehmen. Sie begibt sich dafür auf eine Reise in die Hauptstadt, um anschließend alle Städte und Regionen der Insel kennenzulernen.
Natürlich (!!) ist nicht alles so nice, wie es auf den ersten Blick scheint, denn eine dunkle, längst überwunden geglaubte, toxisch maskuline Bedrohung baut sich auf…oder anders gesagt …Incels are coming!
Mir hat an dem Roman vor allem das fantasievolle und detailreich ausgestalte Worldbuilding von Ebria gefallen, das tendenziell vielleicht etwas zu utopisch, aber in sich sehr stimmig ist. Es hat mir viel Freude gemacht, die Schauplätze der Handlung auf der Landkarte zu verfolgen und mit Lahea auf ihre Heldinnenreise zu gehen.
Die Figuren sind liebevoll angelegt und einwandfrei moralisch orientiert (bis auf die Bösen versteht sich).
Niederberger greift in ihrem Roman aktuelle feministische Diskurse auf und denkt sie weiter. Sie zeigt sehr deutlich auf, dass eine lebenswerte Gesellschaft nur im Miteinander entstehen kann und immer wieder neu diskutiert und justiert werden muss.
Wie oft bei Fantasy Romanen kommt für mich auch in „Lahea“ das Ende nach dem sorgfältigen Aufbau und der Hinführung etwas zu kurz und zu wohlfeil. Aber der Weg dahin hat mich sehr gut unterhalten und aus der Realität entführt.
Eine willkommene Auszeit, die ich allen empfehle, die einem kleinen fantastischen Abenteuer nicht abgeneigt sind.
Angst vor Männern
Angst vor Männern von Nicole List
Als ich den großen Spiegel-Artikel mit dem Interview von Collien Fernández las, in dem sie erzählt, warum sie jetzt eine Klage gegen ihren zukünftigen Exmann Christian Ulmen eingereicht hat, war ich entsetzt. Und gleichzeitig nicht überrascht. Schon lange weiß ich, was Männer Frauen antun können, nicht obwohl, sondern weil sie sich in ihrem direkten Umfeld befinden und manchmal sogar in einer Liebesbeziehung.
Und ich habe Angst davor.
Als ich dem Mann, der mir am nächsten steht, von dem Artikel und den Presseberichten erzählte und nach seinen Gedanken dazu fragte, hatte er noch gar nichts davon mitbekommen.
In seiner Welt gehören solche Meldungen zur Yellow Press und sind nichts, was ihn persönlich betrifft. Er liest „richtige“ Nachrichten, wie Börsenkurse etc.pp.
Und genau da liegt irgendwo ein Problem. Nicht meine Freunde, oder meine Arbeitskollegen lesen den Essay „Angst vor Männern“ von Nicole List, sondern ICH. Wobei fair enough: Meine Feunde und Arbeitskollegen lesen einfach vermutlich gar nicht, außer Aktionkurse und Bundesligatabellen, siehe oben.
“Dieses ganze Buch handelt davon, ist im Grunde ein einziges Lehrwerk für Männer, endlich die beschissene Situation zu verstehen, in der man als Frau so oft steckt.”
Nicole List erzählt darin sehr persönlich und auch anekdotisch von ihrer Angst vor Männern, die sie mit ihren Freundinnen teilt. Von den vielen Situationen als Frau, die einzeln genommen vielleicht gar nicht so schlimm oder alltäglich wirken, in ihrer Summe aber Frauen* immer wieder klar machen, in wessen Welt sie sich bewegen.
List adressiert dabei direkt die Lesenden und fordert sie auf, diese Realität und Angst von Frauen endlich anzuerkennen.
Das Ding ist nur, ich glaube wirklich, es interessiert Männer einfach nicht. Es ist ja nicht so, als hätten wir noch nie darüber geredet und als gäbe es keine Zahlen, Fakten und Statistiken darüber.
Meine persönliche Einstellung zum Leben, Lieben und Arbeiten mit Männern ist zynisch und pragmatisch und ich fürchte, anders als der Abschluss von Lists Essay, mit wenig Hoffnung auf Veränderung.
Ich begrüße jede Veröffentlichung und jede Stimme, die das ausdrückt und Worte dafür findet, was viele wahrscheinlich viele so Menschen empfinden, sich aber nicht trauen , auszusprechen, oder vielleicht gar zu denken.











