Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Miriam Brandl:
Spannend, tragisch... einfach großartig!
Dunkles Wasser von Charlotte Link
Ich gebe es ja zu: Charlotte Link gehört nicht zu meinen bevorzugten Autorinnen. Ich habe irgendwann einmal ein Buch von ihr gelesen und war enttäuscht. Jedenfalls wollte ich nie wieder irgendetwas von ihr lesen (es gibt schließlich genug wirklich gute Autoren, oder?)
Dass ich doch noch mal ein Buch von ihr zur Hand genommen habe, liegt an einer dringenden Empfehlung (Herzlichen Dank, liebe Almuth!)
„Dunkles Wasser“ habe ich begonnen.
.. und konnte es nicht mehr aus der Hand legen.
Es ist ein äußerst gelungener Thriller. Spannende Geschichte, wo Ereignisse aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart wirken, gut konstruiert und mitreißend erzählt. Überraschende Wendungen und keine unlogischen Brüche in der Handlung. Dazu kommen Protagonisten, die man ins Herz schließen kann (auch wenn Kate sich etwas zu sehr in ihrem Mauerblümchendasein gefällt), aber auf alle Fälle sind es Menschen mit Ecken und Kanten, mit vielen Fehlern, aber auch mit Hoffnungen und Wünschen. Es menschelt ganz arg. Man fiebert mit ihnen, man freut sich mit ihnen und man leidet mit ihnen.
Alles zusammen ergibt außergewöhnlich spannende Lesestunden!
PS. In der Zwischenzeit habe ich übrigens die ersten 4 Kate-Linville-Romane auch gelesen... und bin nach wie vor begeistert. Das sagt doch schon alles, oder?
Genau so, wie es immer war.... muss es deshalb so bleiben?
Genau so, wie es immer war von Claire Lombardo
Ein locker lesbarer Roman, der aber gleichzeitig eine komplexe Auseinandersetzung mit den alltäglichen Herausforderungen des Frau- und/oder Mutterseins ist.
Im Mittelpunkt steht Julia, die als Ich-Erzählerin tiefe Einblicke in ihre Gedanken, in ihre ganz persönlichen Erinnerungen (und damit eigentlich in ihre ganz persönlichen Wahrheiten) gewährt.
Ereignisse ihrer Kindheit – Grausamkeiten, Missverständnisse, Unfähigkeiten, Lieblosigkeit – prägen und beeinflussen ihr ganzes Leben. Natürlich! Niemand kann die Kindheit einfach abschütteln!
Julias Erzählung wechselt oft zwischen Gegenwart und Vergangenheit und ermöglicht so, ein tieferes Verständnis ihrer Entwicklung. Aber dieser stetige Wechsel ist nicht nur Erklärung, er ist auch Gegenüberstellung verschiedenster Lebenskonzepte von Frauen mehrerer Generationen.
Claire Lombardo wagt einen kritischen Blick auf gesellschaftliche Konventionen der Vergangenheit und Gegenwart. Ansprüche an Frauen, die nicht immer leicht zu erfüllen sind. Aber auch die eigenen, oft überzogenen Erwartungen und deren katastrophale Folgen für die Selbstachtung,werden aufgezeigt. Sie beschreibt Szenen und Gefühlswelten, die authentisch sind und oft wesentlich differenzierter, komplizierter und zwiespältiger als man (Mann?) glauben möchte.
Tabuthemen werden nicht tot geschwiegen: nicht jede Mutter ist überglücklich, nicht jede Mutter weiß instinktiv, was für ihr Kind das richtige ist. Viele Mütter fühlen sich völlig unzulänglich und konstant überfordert. Gibt es einen Fluchtweg?
Auf 713 Seiten erzählt die Autorin spannend, sensibel aber immer kritisch von Realitäten, die oft und gerne ignoriert werden. Ich bin eigentlich sicher, dass sich jede Leserin irgendwo wiedererkennen wird. Damit wird es zu einem Buch, das nicht so schnell vergessen werden kann.
Lesenswert!
Nichts für schwache Nerven!
Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné
Der Debütroman von Adeline Dieudonné erschien 2018 in Frankreich und war ein Sensationserfolg, wochenlang in den Bestsellerlisten und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Die Autorin erzählt von einer gutbürgerlichen Familie: Vater, Mutter, Tochter und Sohn in einem Reihenhaus am Stadtrand – alles zusammen völlig normal.
Zumindest auf den ersten Blick.
Was sich jedoch hinter dieser Fassade tatsächlich abspielt, kommt nach und nach ans Tageslicht: Gewalt, Missbrauch, Tierquälerei, unglaubliche Brutalität und Ignoranz. Eine Atmosphäre der Angst und Beklemmung beherrscht diese Familie und aufgrund des einnehmenden Stils, der einfachen, klaren Sprache kann sich auch die Leserin diesem Gefühl nicht entziehen.
Man erlebt staunend den zunehmenden Wahnsinn, den Zerfall der einzelnen Familienmitglieder in diesem Horrorszenario.
Nur die Protagonistin selbst entwickelt sich zu einer starken und selbstsicheren Persönlichkeit.
Es ist absolut kein Wohlfühlbuch, eher ein Coming-of-age-Roman der ganz speziellen Art: drastisch, wild, tabulos, bis an die Grenze des Erträglichen grausam und gleichzeitig extrem faszinierend.
Nichts für schwache Nerven, aber gruselig-entsetzlich lesenswert!
Eine etwas mühsame Zugreise
In einem Zug von Daniel Glattauer
4 Stunden und 4 Minuten – so lange fährt man im Zug von Wien nach München. Daniel Glattauer erzählt die Geschichte einer speziellen Bekanntschaft auf dieser Reise. Ein Autor mit Schreibblockade und eine Psychologin treffen mehr oder minder zufällig aufeinander und beginnen ein Gespräch. Die Idee ist ja an sich interessant, aber sie scheitert an so etwas wie „Realität“.
..
Die Gespräche – im Wechsel mit den inneren Monologen des Protagonisten zu lesen - sind durchaus angeregt und drehen sich vor allem um Liebe und die Befähigung darüber zu schreiben, um Ehe, Alkohol, Affären und Romane. Aber weder Dialoge noch Monologe gewinnen an Tiefe, sie plätschern oberflächlich dahin und werden durch das penetrante Nachfragen der Therapeutin immer wieder leicht unangenehm.
Eigentlich hätte ich das Buch recht rasch weggelegt.
Ich habe es nicht getan, weil Daniel Glattauer es wieder verstanden hat, witzig, klug und pointiert zu schreiben. Ich mag seinen Stil und um ehrlich zu sein: manche seiner Sätze würde ich am liebsten stehlen, um sie bei Gelegenheit selbst sagen zu können! Aber das rettet das Buch nur bedingt! Das einzig wirklich spannende an diesem Buch ist für mich die Frage, wieviel Glattauer im Protagonisten steckt!
Fazit: Kann man lesen, muss man aber nicht!
Wenn Musik zum Zufluchtsort der Sehnsucht wird
Für Polina von Takis Würger
Takis Würger schreibt über das Leben – über die Liebe zur Natur, über die große Liebe, über Freundschaft und Sehnsucht, über Umwege des Lebens und vor allem über die Liebe zur Musik und deren universelle Kraft.
Dass es ein wirklich besonderes Buch ist (und sicher ein Lesehighlight des Jahres wird), liegt sicher nicht nur an der Geschichte selbst, sondern vor allem am Stil des Autors: er erzählt nüchtern und völlig klar.
Aber von der ersten Seite an hat es mich fasziniert, dass er es schafft, den Worten einen inneren Sound, eine Harmonie zu verleihen, so dass ich immer das Gefühl hatte, Musik zu lesen. Erstaunlich!
Ein wundervolles Buch, in das man „hineinfallen“ kann und das für kurze Zeit über alle möglichen Absurditäten des Lebens hinwegtröstet.
Unbedingt lesen!
Die große Freiheit... oder doch nicht?
Nincshof von Johanna Sebauer
In dem kleinen burgenländischen Dorf Nincshof ( = Keindorf) versuchen Anhänger des Oblivismus, ihre Ideen in die Tat umsetzen. Der Begriff Oblivismus geht auf das lateinische oblivisci zurück und bedeutet soviel wie „vergessen“ bzw „nicht beachten“. Oblivisten finden, dass dieses Vergessen-werden der Königsweg in die Freiheit ist.
Und ich gestehe, dass ich hin und wieder tatsächlich viel übrig habe für den Wunsch, der Welt abhanden zu kommen.
Johanna Sebauer spinnt in ihrem Debütroman diesen Gedanken auf äußerst charmante Weise weiter: ist es möglich, ein kleines Dorf von allen Landkarten verschwinden zu lassen? Jedes Wissen darum auszulöschen?
Die Autorin lässt ihre Protagonisten diese Ziele beharrlich verfolgen – und so machen nächtliche (nur halb legale) Plantschereien in fremden Pools eine ältere Dame zu einer unfreiwilligen Untergrundkämpferin und trächtige Irrziegen zu Saboteuren. Neugierig? Der Ausflug ins burgenländische Schilf lohnt sich!
Dieser Roman ist eine gelungene Kombination aus skurrilen, aber durchaus liebenswerten Charakteren und zum Teil absurden, witzigen Situationen. Sebauers Stil vereint Märchenhaftes mit Gesellschaftskritik und ihre Sprache ist gleichzeitig realistisch und phantastisch.
Diese ganz besondere Mischung garantiert originell-vergnügliche Lesestunden!
Löwenherz
Die Menschheit hat den Verstand verloren von Astrid Lindgren
Astrid Lindgren ist bekannt als Autorin großartiger Kinderbücher. Pippi Langstrumpf begleitete meine Kindheit als Freundin, Heldin und Vorbild.
Ihre Tagebücher aus den Jahren 1939 – 1945 sind ein einzigartiges Dokument aus einer Zeit, in der die Menschheit die Menschlichkeit vergaß. Astrid Lindgren selbst erlebte diese Zeit im neutralen Schweden und blieb lange relativ unbehelligt von den Kriegshandlungen.
Eine Tatsache, die sie immer als großes Privileg sah. Sie war damals 32 Jahre alt, Mutter von 2 Kindern und besorgt über den Zustand der Welt.
Sie war auch immer eine politisch denkende Frau, verfolgte die Nachrichten genau und arbeitete ab 1940 für die Briefzensur des schwedischen Geheimdienstes – so erfuhr sie früh von zahlreichen Gräueltaten der Nazis. In ihren Tagebüchern nennt sie die Dinge beim Namen, spricht von Barbarei, Mordlust und Zerstörungswut. Klug, präzise und mutig beschrieb sie politische Entwicklungen, die ihr Angst machten. Diese Tagebücher halfen sicherlich den Krieg zu überstehen, auch wenn es ihr persönlich unmöglich war, ihn zu verstehen. Eigentlich logisch, dass sie zu dem Schluss kam, dass die Menschheit den Verstand verloren hat. Ist es erstaunlich, dass Pippi Langstrumpf in dieser Zeit entstehen musste? Nein... nicht wirklich!
Die 2016 auf Deutsch erschienen Tagebücher sind ein einzigartiges Zeitdokument, das bereits die schriftstellerischen Qualitäten der Autorin zeigt und neben politische Themen aber auch ganz private Einblicke in Familien- und Seelenleben einer menschlich denkenden Frau erlaubt.
Wirklich lesenswert!
Geschichtsunterricht, wie er besser nicht sein könnte!
Maria Theresia von Katrin Unterreiner
Frau Mag Unterreiner kann es einfach!
Ihre Bücher sind immer ausgezeichnet recherchiert und extrem informativ. So auch dieses – man lernt die Stärken und Schwächen von Maria Theresia kennen, ihren politischen Stil und auch ihre privaten Vorlieben.
Die Autorin versteht es – wie immer – Informationen unterhaltsam und spannend zu transportieren.
Außergewöhnlicher Geschichtsunterricht und somit Pflichtlektüre für alle, die sich ein wenig für österreichische Geschichte interessieren!
Honey von Victor Lodato
Die Protagonistin Ilaria, genannt Honey, gehört zu den literarisch vernachlässigten Randgruppen: sie ist eine alte Frau – sorry Honey!... ich meinte natürlich: eine ältere Dame! Denn sie ist immerhin 82 Jahre alt. Außerdem ist sie „kapriziös, überspannt und eitel bis ins Mark“.
Sie kehrt nach einer langen Karriere als Expertin in einem großen Auktionshauses wieder zurück an den Ort ihrer Kindheit und Jugend – und damit in ein Minenfeld an Erinnerungen.
Sie muss feststellen, dass man weder Heimat noch Familie abschütteln kann.
Aber ihre Erinnerungen – oft genug alkohol- oder/und valiuminduziert – verwandeln sich langsam in eine grundehrliche Auseinandersetzung mit ihrer Leben, ihrem persönlichen Narrativ davon. Eine radikale Konfrontation mit den Geistern ihrer Vergangenheit. Es geht im Endeffekt um Schein und Sein, um Familie und Freunde, um Bedauern und Freude, um Versöhnung und Vergebung, um das Leben im allgemeinen und Sterben im besonderen.
Große Themen, aber der Autor versteht es mit Wortwitz und Ironie (Honey ist oft großartig selbstironisch) die Schwere abzumildern. Ein Roman, der sich leicht lesen lässt, schnell (zu schnell) fertig gelesen ist... und dann lange nachhallt.
Unbedingt lesenswert!
Die "gute alte Zeit"...
Dorf ohne Franz von Verena Dolovai
Die Ich-Erzählerin Maria wächst in den patriarchalen Strukturen eines kleinen Dorfes im Salzkammergut auf. In den 1960iger Jahren. Es wird einem sofort klar, dass dies kein gejodelter Heimatroman ist, der die gute alte Zeit beschwört. Ganz im Gegenteil!
Marias Leben ist gekennzeichnet von Chancenlosigkeit, Perspektivlosigkeit und vor allem Lieblosigkeit.
Sie mag sich zwar manchmal ein klein wenig nach Flucht sehnen, aber diese Flucht erlaubt sie sich nicht. Sie findet sich mit ihrem Schicksal ab – fast.
Es ist eine trostlose Welt, die hier beschrieben wird. Verena Dolovai hat auch die genau richtige Sprache dafür gefunden: nüchtern, klar, fast karg, schnörkellos und absolut geradlinig. Wundervoll! Sie beschönigt nichts und sie lässt Maria genau beobachten und gnadenlos ehrlich erzählen. Alles zusammen sehr beklemmend und vermutlich ebenso authentisch.
Dass das Ende dieser großartigen Geschichte dann in ein märchenhaft-esoterisches Wasauchimmer abdriftet, entspricht überhaupt nicht meinem Geschmack (daher nur 4 Sterne).
Vielleicht habe ich es aber auch einfach nur nicht verstanden!
Denn abgesehen von den letzten paar Seiten ist es eine wirklich lesenswerte Geschichte und als Debütroman völlig zurecht für den Österreichischen Buchpreis 2024 nominiert!











