Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Miriam Brandl:
Selbstfindung?
Die Passantin von Nina George
Nina George erzählt die Geschichte einer Frau, die die Chance zu einem kompletten Neubeginn nützt oder genauer gesagt: die Geschichte einer Frau, die die Chance nützt sich selbst wieder zu finden. Identität, Selbstfindung aber auch Solidarität unter Frauen sind zentrale Themen.
Die Autorin lässt ihre Protagonistin in einem Haus Unterschlupf finden, das von sogenannten „unsichtbaren Frauen“ bewohnt wird – Frauen, die auch aus ihrem alten Leben geflüchtet sind.
Ihre Schicksale sind unglaublich grausam, vielschichtig und vermutlich lebensnah.
Sie erzählen von absurder Gewalt und Unterdrückung, aber auch von Mut, Wehrhaftigkeit und Befreiung – erschütternd und aufwühlend.
Nina Georges sprachlicher Stil ist bemerkenswert. Manchmal poetisch, aber dabei immer klar und gnadenlos offen (und deshalb oft schwer erträglich) führt sie die Leserin durch verschiedenste Schicksale, Erinnerungen und spannende Gedankenspiele.
Es ist kein Buch, das so einfach nebenher gelesen werden kann, es fordert Aufmerksamkeit und Gefühl und vor allem: auch nach Beendigung der Lektüre wirkt es lange nach!
Auf alle Fälle findet dieses Buch seinen Platz in meinem „Muss-ich-unbedingt-noch-einmal-oder-öfters-lesen“-Regal!
Lesenswert!
Liebe um jeden Preis... Oder: Love hurts
Mama & Sam von Sarah Kuttner
Um ehrlich zu sein: wann immer ich von Betrugsfällen im Internet hörte, wo Frauen um ihr Geld gebracht wurden, dachte ich völlig verständnislos „Wie naiv kann man denn sein?“ und eigentlich war mir überhaupt nicht klar, was „Love-Scamming“ bedeutet und wie häufig es vorkommt.
Die Mutter der Autorin, die sicher weder naiv noch dumm war, wurde vor ihrem Tod, Opfer eines Love Scammers.
Sarah Kuttner versuchte anhand der Chats, die letzten Monate im Leben ihrer Mutter zu rekonstruieren um zu verstehen. Es ist folglich eine nicht nur fiktive Geschichte einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung, sondern auch die Geschichte einer Frau, die nach Liebe gesucht hat und auf ein Fake-Profil von Sam Heughan (Outlander) hereingefallen ist. Es mag nicht logisch sein, dass ein Promi per Internet nach einer Partnerin sucht und dringend Geld benötigt…. aber es funktioniert. Es sind Betrüger, die ihr Geschäft verstehen und Love Scamming ist ein Geschäft – knallhart und gnadenlos.
Die Opfer bleiben irgendwann gebrochen zurück mit ihrem Bedürfnis nach Liebe, meist völlig pleite und ohne Selbstrespekt und Selbstvertrauen.
Sarah Kuttner erzählt in der Ich-Form aus der Sicht der Tochter. Das Lesen dieses Buches war seltsam: ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass eine Freundin vor mir sitzt und mir ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Mutter erzählt. Es war mitreißend, ich war recht schnell völlig ohne innere Distanz: ich habe mitgelitten, mich mitgeärgert, war traurig, wütend und fassungslos. Und ich habe mich ein bißchen geschämt, weil ich Frauen, die Opfer von Liebesbetrug waren, als dumm und naiv verurteilt habe, ohne zu verstehen, dass es Menschen sind, die nur nach Liebe suchen.
Ein unglaublich intensives Leseerlebnis!
Die kleinen Leute...
Diebe, Dirnen, Dienstboten von Georg Hamann
Ein Buch, das jene ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, die ansonsten in den Geschichtsbüchern nicht beachtet werden: die sogenannten „kleinen Leute“, also die große Masse der Menschen.
Der Autor erzählt in 13 Kapitel von Prostituierten, Scharfrichtern, Bandlkramern, Schindern und vielen anderen.
Er schildert die Lebensumstände, aber auch die ausgeprägten Standesdünkel dieser Randgruppen. Er erzählt von Menschen, die als „närrisch“ galten, als „ainfaltig“ oder als „würfelich im Kopf“ (Seite 70), Menschen die gering geachtet wurden, deren Leben und Beruf oft durch Gesetze streng geregelt war und die trotzdem unglaublich wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft waren.
Jedes einzelne Kapitel zeichnet ein lebendiges Bild vergangener Zeiten.
Alle Namen und Umstände sind historisch verbürgt und ein ausführliches Literaturverzeichnis zeigt die genaue Recherche des Autors. Georg Hamann, Schriftsteller und Historiker, hat es also geschafft, viel Information spannend und extrem unterhaltsam zu präsentieren.
Genau so macht „Geschichtsunterricht“ wirklich Spaß!
peace of mind
Yoga Town von Daniel Speck
Ein Familienroman, der auf zwei Zeitebenen spielt – 2019 und 1968. Ort der Handlung ist hauptsächlich Indien, genauer gesagt Rishikesh, der Ashram von Guru Maharishi. Das ist genau jener Ashram, in dem 1968 die Beatles ein paar Wochen verbrachten. Zwar sind die Fab Four in diesem Roman nur Hintergrundmusik, aber das Weiße Album, das sie nach ihrem Aufenthalt in Indien produziert haben (immerhin 48 Songs), hat mich durch die Lesestunden begleitet.
Ein Genuß!
Der Roman ist eine emotionale Reise durch Gegenwart und Vergangenheit, es geht um Liebe, Verlust, Traumata und Spiritualität. Natürlich werden auch Familiengeheimnisse gelüftet – ein klein wenig vorhersehbar, aber das stört nicht. Der Autor beschränkt sich nicht auf eine lustig-harmlose Erzählung, es wird auch dramatisch, tragisch und sehr nachdenklich.
Die einzelnen Charaktere sind gut entwickelt und vielschichtig erzählt – man lernt sie kennen mit allen Ecken und Kanten, mit den Ängsten, aber auch der Zuversicht, die sie in sich tragen.
Alles zusammen ergibt eine wirklich gute Mischung aus persönlicher Erzählung mit viel Informationen über das Leben im Ashram (Stichwort Culture Clash), Flower power und die Hippie-Kultur. Zahlreiche Anekdoten über die Beatles lockern die Erzählung noch zusätzlich auf und machen sie extrem interessant.
Fazit: eine unterhaltsame Geschichte mit Tiefgang und vielen interessanten Informationen.
Mit Beatles-Musik im Hintergrund ein ganz tolles Leseerlebnis!
"Brave Künstler kopieren - das Genie klaut" (Picasso)
Kunst in Sicht von Otto Waalkes
Wenn Otto Waalkes Kunst bzw Leonardo da Vincis „Traktat über die Malerei“ erklärt… dann ist das witzig, respektvoll und äußerst informativ. Malerei ist eine Lebensliebe des bekannten Komikers. Er hat einige Semester Malerei und Kunstpädagogik studiert und beweist auch in diesem Buch, dass er ein sehr talentierter Maler ist.
Für dieses Buch hat er wieder bekannte Werke neu gemalt und dabei ein klein wenig parodiert – Ottifanten bereichern jedes seiner Bilder. Schließlich ist für Otto Waalkes die Parodie die aufrichtigste Form der Verehrung. Und diese liebevolle, aber komplett ehrfurchtslose Verehrung spürt man tatsächlich in jedem einzelnen Bild.
Ergänzt werden sie durch fiktive Interviews und Gedichte, die die Maler und ihre Epochen erklären. Texte, voll schrägen Humors und viel Wissenswertem, denn der Autor beweist, dass Kunst und Komik perfekt zusammenpassen.
Unbedingt lesen – es macht wirklich Spaß!
Bruchstellen der eigenen Moral
Ungebetene Gäste von Ayelet Gundar-Goshen
Ayelet Gundar-Goshen ist Schriftstellerin, Drehbuchautorin und in erster Linie Psychologin, die sich vor allem mit der Behandlung von traumatisierten Menschen beschäftigt.
In einem Interview erklärte sie, dass es vor allem die dunklen Seiten des Menschen sind, die sie interessieren. Jene verborgenen Gefühle also, über die niemand gerne spricht, weil sie das eigene Selbstbild permanent in Frage stellen.
Angst, Vorurteile, Alltagsrassismus, Scham, ungeliebte Erinnerungen, Schweigen, Lügen, Schuld, Gewalt, Rache… - all diese Gefühle sind die ungebetenen Gäste, die die Leben der Protagonisten dieses Romans grundlegend verändern.
Aber die Autorin wertet oder urteilt nicht – sie beobachtet genau und erzählt eine komplexe Geschichte, die keine einfache Einteilung in gut/böse erlaubt. Damit überlässt sie aber die Leserin diesem seltsamen Gefühlsdurcheinander, wo im Wechsel von Mitgefühl bis hin zu völligem Unverständnis alles möglich ist. Also ungefähr jene Gefühle, die ich bei den aktuellen Nachrichten aus dem Nahen Osten habe – Ratlosigkeit, Hilflosigkeit, Mitgefühl und Unverständnis gegenüber allen Beteiligten.
Lesenswert!
Everyone is a moon, and has a dark side which he never shows to anybody. (Mark Twain)
Die dunkle Seite des Mondes von Martin Suter
Vor knapp 24 Jahren war „Die dunkle Seite des Mondes“ das erste Buch von Martin Suter, das ich gelesen habe – ich war begeistert! Jetzt habe ich es wiedergelesen und bin wieder begeistert. Manche Bücher können tatsächlich öfter gelesen werden!
Der Autor lässt seinen Protagonisten einen psychedelischen Pilztrip erleben, der völlig ausartet und zu verstörenden Veränderungen der Persönlichkeit führt.
Die dünne Schicht der Zivilisation und jede Kontrolle von Wut oder Aggression gehen rasch verloren. Gesellschaftliche Konstrukte verliert an Bedeutung.
Suter stellt gekonnt den gesellschaftlich akzeptierten „Raubtierkapitalismus“ des Wirtschaftsanwaltes Urs Blank dem Menschen Urs Blank gegenüber, der sich immer mehr in ein aggressives, mordendes Raubtier verwandelt. Der Wirtschaftsanwalt wird zum Outlaw, der gnadenlos seine Ziele und Bedürfnisse durchsetzt und dabei zahlreiche Opfer fordert.
Spannend-kluge Unterhaltung, psychologisch durchdacht und mit einem gelungenen Ende – ein sensationelles Buch!
Freundschaft
Himmel ohne Ende von Julia Engelmann
Coming-of-age ist nicht gerade mein bevorzugtes Genre. Aber dieses Romandebüt von Julia Engelmann (Sängerin, Schauspielerin und Poetry-Slammerin) habe ich aber richtig gerne gelesen.
Sie lässt die 15-jährige Charlie von ihrem Alltag, ihren Gedanken, ihren Wünschen und Sorgen erzählen. Dies konsequente Ich-Erzählung ermöglicht einen tiefen Einblick in das Seelenleben der Jugendlichen und wird so doch auch zu einer kleinen Erinnerung an die eigene Teenagerzeit.
Charlie fühlt sich überall falsch und nirgendwo dazugehörig. Sie formuliert zwar ihre Gedanken durchaus präzise, aber in den Gesprächen mit ihrer Mutter oder in der Schule, kann sie diese nie laut aussprechen. Das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit ist übermächtig.
Aber die Autorin lässt Charlie nicht in diesem Zustand verharren. Durch eine besondere Freundschaft wird Entwicklung und Veränderung möglich. Eine bewegende Geschichte!
Besonders gut hat mir allerdings der Stil von Julia Engelmann gefallen, sie schreibt einfach hinreißend – man merkt deutlich die Poetry-Slammerin! Schnörkellos, aber voller Gefühl, mit feinen Bildern und trotzdem durchaus humorvoll erzählt sie Charlies Gefühlswelt. Ein warmherziges und kluges Buch!
Lesenswert!
Erinnerungen
Die Geschichte des Klangs von Ben Shattuck
Zwei lose miteinander verbundene Geschichten über Musik und Neuengland, aber vor allem über verpasste Chancen und über verlorene Lieben, deren Bedeutung erst zu spät klar wurde. Manchmal merkt man ja tatsächlich erst im Nachhinein, wie prägend ein Verlust sein kann.
Der Stil des Autors ist poetisch und verdeutlicht nur die Tragik der einzelnen Protagonisten.
Man liest zwischen den Zeilen und spürt eine alles überdauernde Schwermut. Nicht die große Depression, aber eine konstante Melancholie, die alles ein wenig farbloser erscheinen lässt. Das Leben gelingt trotzdem, Beziehungen werden trotzdem gelebt. Aber die Erinnerung an Vergangenes wird zu einem kostbaren Schatz - gleichzeitig voller Freude und Trauer.
Großartig!
Knapp 100 Seiten sind schnell gelesen und wirken lange nach!
Schließt sich ein Kreis?
Mein Name ist Emilia del Valle von Isabel Allende
Emanzipation war immer ein großes Thema bei Isabel Allende. Auch hier hat sie mit Emilia del Valle eine Figur geschaffen, die gegen Konventionen kämpfen muss und mit einer Mischung aus Charme, Frechheit und großer Beharrlichkeit, selbstbestimmt zu leben versucht.
Die Autorin lässt ihre Protagonistin als Reporterin in ein vom Bürgerkrieg (1891) zerrissenes Chile reisen, lässt sie zwischen alle Fronten geraten und schildert die Brutalität des Krieges und das völlige Wegbrechen aller moralischen Bedenken unglaublich drastisch.
Damit beweist sie wieder einmal ihr Können als sprachgewaltige Geschichtenerzählerin. Dieser Teil des Romans hat mir wirklich gut gefallen.
Dann verstolpert sie sich jedoch in einer Liebesgeschichte – anscheinend geht es bei Allende nicht ohne. Zwar ist sie recht vorhersehbar ausgefallen, aber trotzdem noch erträglich lesbar.
Das Ende des Buches hat mich dann aber verwirrt. Zu abrupt und unmotiviert verbringt Emilia Zeit in der chilenischen Einöde. Selbstfindung? Es wird mysteriös-magisch … und kitschig.
Alles in allem: ein seltsames Leseerlebnis, denn für mich ist dieser Roman gleichzeitig außergewöhnlich und höchst mittelmäßig.
Aber…trotz all dieser Kritikpunkte, vergesse ich nicht, dass Isabel Allende eine raffinierte Romanautorin ist und immer wieder für Aha-Momente sorgen kann. Ich habe sie ja manchmal im Verdacht, dass sie die Erwartungen der Leserinnen und des Literaturbetriebes herzlich lachend ignoriert. Deshalb habe ich mich auch die ganze Zeit gefragt, wie Emilia del Valle mit Clara del Valle aus dem Geisterhaus verwandt ist. Und ist es jene Paulina del Valle, der ich schon in "Porträt in Sepia" begegnet bin?
Schließt sich hier ein Kreis? Ist es eine Art Vorgeschichte?
Sicher ist nur, dass die Namensgebung kein Zufall ist.
Aber darüber mögen sich klügere Geister die Köpfe zerbrechen!
Ich freue mich inzwischen auf das nächste Allende-Buch!











