Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Miriam Brandl:
Truth is the daughter of time
Alibi für einen König von Josephine Tey
Ein ganz besonderer Krimi, eigentlich ein „cold case“, den die Autorin bereits im Jahre 1951 veröffentlichte und der von der englischen Autorenvereinigung Crime Writers‘ Association zum besten Krimi überhaupt gewählt wurde.
Josephine Trey lässt Inspector Alan Grant vom Scotland Yard, der ans Krankenbett gefesselt ist, über Richard III (1452 - 1485) recherchieren.
War Richard III tatsächlich der grausame Mörder seiner Neffen, wie es Shakespeare darstellte? Oder verbreitete er nur fake news? Und welches Ziel verfolgte der Historiker Thomas More? Diente er der Wahrheit oder seinen eigenen Interessen?
Gemeinsam mit einem jungen Historiker, arbeitet sich Grant durch zahlreiche historische Dokumente und findet immer wieder Anhaltspunkte, die darauf hindeuten, dass Richard II unschuldig des Doppelmordes und anderer Gräueltaten beschuldigt wurde. Die Wahrheit ist tatsächlich eine Tochter der Zeit!
Kein Krimi im üblichen Sinn, aber ein äußerst unterhaltsamer spannender und kluger Ausflug in die englische Geschichte. Mit zahlreichen Erkenntnissen über Geschichtsschreibung, Autoritäten und Vorurteile!
Lesenswert!
"Ein verdorbener Mensch und dennoch unschuldig. Das gibt es"
Die Verdorbenen von Michael Köhlmeier
Es ist eine seltsame Geschichte, die der Autor uns hier erzählt. Er lässt einen ung 70 Jahre alten Mann auf seine Studienzeit in Marburg zurückblicken. Aber von jugendlichem Übermut, von Aufbruchstimmung oder Lebenslust ist hier absolut nichts zu spüren. Köhlmeier lässt seine Protagonisten in einer tristen Atmosphäre ohne Leidenschaft und voller Langeweile agieren.
Viele Reaktionen sind merkwürdig, oft rational kaum nachvollziehbar. Alle scheinen irgendwie verloren, ziel- und planlos in ihren Leben.
Einzig der Wunsch, den der Erzähler bereits im Alter von 6 Jahren formuliert hat, nämlich einmal in seinem Leben einen Mann zu töten, wirkt lebendig. Töten um des Tötens Willen? Moral? Gewissen? Innere Leere? Verdorbenheit?
Michael Köhlmeier skizziert hier das „Böse ohne jeden Sinn“ in wirklich meisterhafter Weise: lakonisch und spannungslos beschreibt er das Ende einer Jugend. Er lässt die Leserin oft ratlos zurück – so wenig Begründung oder Erklärung gibt es für die geschilderten Handlungen. Aber es sind zutiefst menschlich-existenzielle Fragen, mit denen man beim Lesen konfrontiert wird. 160 Seiten, die schnell gelesen werden können, aber nicht so schnell vergessen werden.
Lesenswert!
Eine Geschichte, aus einem absurden Himmel gezupft
Popóm von Johanna Sebauer
Es ist ein durchaus interessantes Gedankenexperiment, das die Autorin in ihrem neuesten Roman durchspielt: wie wäre es, auf sich selbst in Form einer anderen Person zu treffen? Genau das lässt sie nämlich ihren Protagonisten erleben: er trifft auf sein älteres Ich.
Einfach eine kuriose Geschichte oder thematisiert die Autorin auf amüsante Art Identitätsfragen und eine weit verbreitete Orientierungslosigkeit der Jugend? Hendrik (der erste Protagonist) ist allerdings schon fast dreißig Jahre alt, auch wenn er selbst sagt, dass er „kopflos und selbstverloren“ durch sein Leben stolpert.
Oder ist es eine absurde Variante der Suche nach der eigenen Identität? Eine ironische Auseinandersetzung mit einem ständigen Gedankenkreisen um die „ranzige Suppe der eigenen Befindlichkeiten“?
Ich gestehe: mich lässt dieser Roman ein wenig ratlos und etwas buchunzufrieden zurück. Natürlich! Einige kuriose Szenen und vor allen die vielen (aber)witzigen Dialoge haben mir gut gefallen. Trotzdem: fesseln konnte mich diese Geschichte leider nicht. Mit der Zeit wurden die sympathisch schrägen Nebenschauplätze schon fast interessanter als die Hauptgeschichte.
Aber – und das möchte ich wirklich betonen - auch in diesem Buch beweist Johanna Seebauer einen wunderbaren Erzählstil voller Humor und Sprachverliebtheit. Sie hat mich mit „Nincshof“ überzeugt und mit ihrer Mediensatire „Das Gurkerl“ großartig amüsiert. „Popóm“ konnte nicht an diese Vorgänger anschließen.
Trotzdem: ich freue mich jetzt schon auf ihren nächsten Roman!
Yaaaaaaaaaawp!
Guten Morgen, schönes Wetter heute von Tanja Kokoska
Im Mittelpunkt dieses Romans stehen verschiedene Menschen, die scheinbar nur eines gemeinsam haben: sie wohnen alle in einer Siedlung namens „Am Kastanienbaum“. Die Autorin wirft einen liebevollen Blick auf ganz normale Menschen, deren Schicksale im Laufe der Geschichte fein miteinander verwoben werden.
Es ist kein nervenraubendes Drama, ganz im Gegenteil! Es ist vielmehr ein sehr positiver, warmherziger Roman über Nachbarschaft, Freundschaft, Toleranz und auch Vielfalt, über Mut und dass es gut tut „sich dazu zu setzen“. 346 Seiten, die leicht zu lesen sind, ohne dabei jedoch auch nur eine Zeile lang seicht zu sein. Eine gute Mischung aus humorvollen, nachdenklichen und berührenden Szenen. Es menschelt auf höchst liebenswerte Art!
Ein gelungenes Debüt, das ich unwahrscheinlich gerne gelesen habe, weil mir dieser kurze Ausflug in eine fast heile Welt richtig gut getan hat!
"...inwiefern prägen unsere Namen uns und haben Einfluss auf unseren Lebensweg?"
Die Namen von Florence Knapp
So steht es im Klappentext und genau dieser Satz machte das Buch wirklich interessant für mich.
Die Autorin spielt in ihrem Debütroman mit drei verschiedenen Lebensvarianten. Zwar geht es um Identität und Persönlichkeitsentwicklung, aber enttäuschenderweise haben die Namen selbst damit nichts zu tun.
Sie dienen rein zur leichteren Unterscheidung.
In den einzelnen Varianten wird allerdings deutlich, welchen gravierenden Einfluss das Verhältnis der Eltern zueinander und vor allem die Entwicklung der Mutter auf die Persönlichkeit des Sohnes haben. Passend dazu der Name der Mutter: Cora – ein Name, der im Anhang als „Kern der Geschichte“ definiert wird. Eine kurze Google-Anfrage lieferte andere Ergebnisse, somit ist diese Namensbedeutung sehr persönlich, wohl aber für diesen Roman überaus treffend.
Dieses Buch lässt sich insgesamt schnell lesen, auch wenn immer wieder belastende Themen zur Sprache kommen. So sind zum Beispiel mehrere Szenen häuslicher Gewalt drastisch brutal beschrieben.
Dass die Geschichten in 7-Jahres-Schritten erzählt werden (wahrscheinlich bewusst gewählt?) wirkt manchmal verwirrend bzw zerstückelt die einzelnen Lebensläufe.
Das Thema „Namen und deren Einfluss auf den Lebensweg“ hätte eigentlich ein interessantes Gedankenexperiment sein können, aber das geht im Laufe der 300 Seiten völlig unter und lässt mich somit leider buchunzufrieden zurück.
Der Roman hält einfach nicht, was der Klappentext verspricht!
Lebenswelten
Der andere Arthur von Liz Moore
Liz Moore hat diesen Roman bereits 2012 geschrieben. Jetzt erst – vermutlich durch den großen Erfolg von „Der Gott des Waldes“ - wurde er ins Deutsche übertragen. Der Übersetzer, Cornelius Hartz hat diese Aufgabe übrigens mit viel Gespür für Zwischentöne gemeistert!
Die Autorin erzählt die Geschichte zweier Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einerseits ein massiv übergewichtiger Ex-Literaturprofessor und andererseits ein Schüler, der gerade mal erwachsen wird.
Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Einsamkeit. Denn darunter leiden beide. Ihre Gedanken, ihre Scham, ihre Verletzungen, ihre Ängste, ihre Isolation in der Welt und ihre Reaktionen bzw ihre eigenen überlebensnotwendigen Wahrheiten sind zentrale Themen dieses Romans. Es geht aber auch um Möglichkeiten und Grenzen, Hilfe anzubieten bzw. Hilfe anzunehmen – ein sehr sensibles Thema, das leider etwas untergeht.
Liz Moore arbeitet mit Rückblenden und wechselnden Perspektiven – das macht den Roman spannend, denn man lernt nur nach und nach die Protagonisten etwas besser kennen und verstehen und langsam wird auch klar, in welcher Verbindung die beiden zueinander stehen.
Der Stil ist angenehm frei von Sentimentalität oder Pathos, aber präzise formuliert und locker zu lesen. Es ist ein leises Buch, eine eindringliche Geschichte.
Ich habe es gerne gelesen, allerdings lässt es mich ein wenig buchunzufrieden zurück, denn das Ende bleibt – trotz eines winzig kleinen Hoffnungsschimmers – offen. Ein allumfassendes Happy End wäre natürlich völlig unpassend gewesen, aber gleich so viele offene Fragen? Dadurch sieht es ein wenig nach einer (zugegebenermaßen gelungenen) stilistischen Fingerübung der Autorin aus.
Lesenswert ist es allemal!
Ein Plädoyer für Liebe, Freundschaft und Toleranz
Eine wie Frankie von Graham Norton
Graham Norton, Schriftsteller, Comedian und Schauspieler, schreibt über das Leben einer Frau beginnend in den 1950iger Jahren bis ung. 2024.
Protagonistin ist die 84jährige Frankie, die in Gesprächen mit ihrem Pfleger Damian ihr eigenes Leben Revue passieren lässt. Sie erzählt von Höhen und Tiefen, von Freundschaft, Mut, von Liebe, Verletzungen und Verlusten, von der eigenen Entwicklung ebenso wie von politischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen.
Ein sehr abwechslungsreiches Leben – vielschichtig und lebendig beschrieben.
Natürlich! Es sind doch arg viele Zufälle bzw Glücksfälle, die Frankies Leben bestimmen – aber diese Unglaubwürdigkeiten haben mich nicht gestört. Im Gegenteil! Mir hat Frankie wirklich gut gefallen und sie ist mir im Laufe der knapp 400 Seiten ans Herz gewachsen.
Es ist keine außergewöhnliche Geschichte, aber es ist eine gute Geschichte, die noch dazu sehr gut erzählt wird. Graham Norton kann schreiben – hier hat er es wieder mal bewiesen
Ein Lesegenuss – unterhaltsam und berührend!
Wer war Jack the Ripper?
Jack the Ripper - ein Fall für "Verbrechen von nebenan" von Philipp Fleiter
Schon wieder ein Buch über Jack the Ripper? Kann das überhaupt noch interessant sein? Es gibt doch schon mindestens 777777 Bücher zu diesem Thema!
Überraschenderweise muss ich zugeben, dass dieses True-Crime-Rätsel-Buch von Philipp Fleiter wirklich überzeugend „anders“ ist, nämlich spannend und gleichzeitig informativ.
Es ist eine gelungene Mischung aus gut recherchierten und historisch belegten Fakten einerseits und Fiktion andererseits. Der Autor lässt nämlich die Reporterin Charlotte Frances Foster nach der Wahrheit über die grauenhaften Morde suchen. Vorbild für diese Protagonistin war übrigens Elizabeth Jane Cochran, besser bekannt unter dem Synonym Nellie Bly – die bekannteste Reporterin dieser Zeit. Ihre Suche bildet die Rahmenhandlung und ermöglicht, dass neben den Morden auch soziale Missstände und gesellschaftliche Verhältnisse thematisiert werden. Der Autor zeichnet ein stimmiges Bild jener Zeit, beschreibt das Leben und die Probleme der Frauen, die dem Ripper zum Opfer fielen.
10 Kapitel, die nicht nur die Geschichte und Geschichten um Jack the Ripper erzählen, sondern viel mehr zu bieten haben: besonders gefallen mir die Infoboxen, wo man allerlei Wissenswertes über die Zeit und das Leben erfahren kann und eine amüsante Spielerei sind die Rätsel, die jedes Kapitel abschließen. Ich vermute allerdings, dass die Autoren (immerhin Peter & Johannes Sich) die Nachdenk- und Kombinierlust der Leserinnen etwas unterschätzt haben. Es könnte kniffliger sein!
Genial finde ich die Lösung am Ende – jeder kann seine eigenen Schlüsse ziehen und sich für einen der vier Verdächtigen entscheiden. Der Autor erläutert dann etwas genauer was für oder gegen diesen Verdächtigen spricht. Spannend!
Wer also gerne rätselt und sich für True-Crime interessiert, wird mit diesem Buch nette und vergnügliche Lesestunden verbringen!
Menschenleben
Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Der Autor erzählt uns die Lebensgeschichte von Adrian Reiter. Was für ein Leben! 2 Weltkriege – und auch wenn er nie aktiv gekämpft hat, so haben diese Kriege massive Auswirkungen auf sein Leben, sein Denken und sein Selbstverständnis. Es gelingt Norbert Gstrein in beeindruckender Weise, aufzuzeigen, dass die Folgen jedes Krieges in den einzelnen Menschen andauern, dass kein Krieg beendet ist, nur weil es keine Kampfhandlungen mehr gibt.
Krieg erzeugt nicht nur physische Verletzungen, sondern auch Traumata, die oft über Generationen hinweg Menschen beeinflussen.
Der Erzählstil des Autors ist wunderbar: ruhig, aber gleichzeitig eindringlich und emotional berührend. Jedes Wort ist genau richtig, jeder noch so lange Satz (Norbert Gstrein beherrscht die Kunst der langen Sätze!) passt ganz genau. Ein Roman, der flüssig zu lesen ist, obwohl er schwere Themen behandelt und oft nachdenklich macht.
Ohne Leserunde hätte ich dieses Buch nie gelesen und mir wäre ein außergewöhnliches Leseerlebnis entgangen.
Große Leseempfehlung!
Selbstfindung?
Die Passantin von Nina George
Nina George erzählt die Geschichte einer Frau, die die Chance zu einem kompletten Neubeginn nützt oder genauer gesagt: die Geschichte einer Frau, die die Chance nützt sich selbst wieder zu finden. Identität, Selbstfindung aber auch Solidarität unter Frauen sind zentrale Themen.
Die Autorin lässt ihre Protagonistin in einem Haus Unterschlupf finden, das von sogenannten „unsichtbaren Frauen“ bewohnt wird – Frauen, die auch aus ihrem alten Leben geflüchtet sind.
Ihre Schicksale sind unglaublich grausam, vielschichtig und vermutlich lebensnah.
Sie erzählen von absurder Gewalt und Unterdrückung, aber auch von Mut, Wehrhaftigkeit und Befreiung – erschütternd und aufwühlend.
Nina Georges sprachlicher Stil ist bemerkenswert. Manchmal poetisch, aber dabei immer klar und gnadenlos offen (und deshalb oft schwer erträglich) führt sie die Leserin durch verschiedenste Schicksale, Erinnerungen und spannende Gedankenspiele.
Es ist kein Buch, das so einfach nebenher gelesen werden kann, es fordert Aufmerksamkeit und Gefühl und vor allem: auch nach Beendigung der Lektüre wirkt es lange nach!
Auf alle Fälle findet dieses Buch seinen Platz in meinem „Muss-ich-unbedingt-noch-einmal-oder-öfters-lesen“-Regal!
Lesenswert!











