Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Miriam Brandl:
Yaaaaaaaaaawp!
Guten Morgen, schönes Wetter heute von Tanja Kokoska
Im Mittelpunkt dieses Romans stehen verschiedene Menschen, die scheinbar nur eines gemeinsam haben: sie wohnen alle in einer Siedlung namens „Am Kastanienbaum“. Die Autorin wirft einen liebevollen Blick auf ganz normale Menschen, deren Schicksale im Laufe der Geschichte fein miteinander verwoben werden.
Es ist kein nervenraubendes Drama, ganz im Gegenteil! Es ist vielmehr ein sehr positiver, warmherziger Roman über Nachbarschaft, Freundschaft, Toleranz und auch Vielfalt, über Mut und dass es gut tut „sich dazu zu setzen“. 346 Seiten, die leicht zu lesen sind, ohne dabei jedoch auch nur eine Zeile lang seicht zu sein. Eine gute Mischung aus humorvollen, nachdenklichen und berührenden Szenen. Es menschelt auf höchst liebenswerte Art!
Ein gelungenes Debüt, das ich unwahrscheinlich gerne gelesen habe, weil mir dieser kurze Ausflug in eine fast heile Welt richtig gut getan hat!
"...inwiefern prägen unsere Namen uns und haben Einfluss auf unseren Lebensweg?"
Die Namen von Florence Knapp
So steht es im Klappentext und genau dieser Satz machte das Buch wirklich interessant für mich.
Die Autorin spielt in ihrem Debütroman mit drei verschiedenen Lebensvarianten. Zwar geht es um Identität und Persönlichkeitsentwicklung, aber enttäuschenderweise haben die Namen selbst damit nichts zu tun.
Sie dienen rein zur leichteren Unterscheidung.
In den einzelnen Varianten wird allerdings deutlich, welchen gravierenden Einfluss das Verhältnis der Eltern zueinander und vor allem die Entwicklung der Mutter auf die Persönlichkeit des Sohnes haben. Passend dazu der Name der Mutter: Cora – ein Name, der im Anhang als „Kern der Geschichte“ definiert wird. Eine kurze Google-Anfrage lieferte andere Ergebnisse, somit ist diese Namensbedeutung sehr persönlich, wohl aber für diesen Roman überaus treffend.
Dieses Buch lässt sich insgesamt schnell lesen, auch wenn immer wieder belastende Themen zur Sprache kommen. So sind zum Beispiel mehrere Szenen häuslicher Gewalt drastisch brutal beschrieben.
Dass die Geschichten in 7-Jahres-Schritten erzählt werden (wahrscheinlich bewusst gewählt?) wirkt manchmal verwirrend bzw zerstückelt die einzelnen Lebensläufe.
Das Thema „Namen und deren Einfluss auf den Lebensweg“ hätte eigentlich ein interessantes Gedankenexperiment sein können, aber das geht im Laufe der 300 Seiten völlig unter und lässt mich somit leider buchunzufrieden zurück.
Der Roman hält einfach nicht, was der Klappentext verspricht!
Lebenswelten
Der andere Arthur von Liz Moore
Liz Moore hat diesen Roman bereits 2012 geschrieben. Jetzt erst – vermutlich durch den großen Erfolg von „Der Gott des Waldes“ - wurde er ins Deutsche übertragen. Der Übersetzer, Cornelius Hartz hat diese Aufgabe übrigens mit viel Gespür für Zwischentöne gemeistert!
Die Autorin erzählt die Geschichte zweier Männern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: einerseits ein massiv übergewichtiger Ex-Literaturprofessor und andererseits ein Schüler, der gerade mal erwachsen wird.
Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Einsamkeit. Denn darunter leiden beide. Ihre Gedanken, ihre Scham, ihre Verletzungen, ihre Ängste, ihre Isolation in der Welt und ihre Reaktionen bzw ihre eigenen überlebensnotwendigen Wahrheiten sind zentrale Themen dieses Romans. Es geht aber auch um Möglichkeiten und Grenzen, Hilfe anzubieten bzw. Hilfe anzunehmen – ein sehr sensibles Thema, das leider etwas untergeht.
Liz Moore arbeitet mit Rückblenden und wechselnden Perspektiven – das macht den Roman spannend, denn man lernt nur nach und nach die Protagonisten etwas besser kennen und verstehen und langsam wird auch klar, in welcher Verbindung die beiden zueinander stehen.
Der Stil ist angenehm frei von Sentimentalität oder Pathos, aber präzise formuliert und locker zu lesen. Es ist ein leises Buch, eine eindringliche Geschichte.
Ich habe es gerne gelesen, allerdings lässt es mich ein wenig buchunzufrieden zurück, denn das Ende bleibt – trotz eines winzig kleinen Hoffnungsschimmers – offen. Ein allumfassendes Happy End wäre natürlich völlig unpassend gewesen, aber gleich so viele offene Fragen? Dadurch sieht es ein wenig nach einer (zugegebenermaßen gelungenen) stilistischen Fingerübung der Autorin aus.
Lesenswert ist es allemal!
Ein Plädoyer für Liebe, Freundschaft und Toleranz
Eine wie Frankie von Graham Norton
Graham Norton, Schriftsteller, Comedian und Schauspieler, schreibt über das Leben einer Frau beginnend in den 1950iger Jahren bis ung. 2024.
Protagonistin ist die 84jährige Frankie, die in Gesprächen mit ihrem Pfleger Damian ihr eigenes Leben Revue passieren lässt. Sie erzählt von Höhen und Tiefen, von Freundschaft, Mut, von Liebe, Verletzungen und Verlusten, von der eigenen Entwicklung ebenso wie von politischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen.
Ein sehr abwechslungsreiches Leben – vielschichtig und lebendig beschrieben.
Natürlich! Es sind doch arg viele Zufälle bzw Glücksfälle, die Frankies Leben bestimmen – aber diese Unglaubwürdigkeiten haben mich nicht gestört. Im Gegenteil! Mir hat Frankie wirklich gut gefallen und sie ist mir im Laufe der knapp 400 Seiten ans Herz gewachsen.
Es ist keine außergewöhnliche Geschichte, aber es ist eine gute Geschichte, die noch dazu sehr gut erzählt wird. Graham Norton kann schreiben – hier hat er es wieder mal bewiesen
Ein Lesegenuss – unterhaltsam und berührend!
Wer war Jack the Ripper?
Jack the Ripper - ein Fall für "Verbrechen von nebenan" von Philipp Fleiter
Schon wieder ein Buch über Jack the Ripper? Kann das überhaupt noch interessant sein? Es gibt doch schon mindestens 777777 Bücher zu diesem Thema!
Überraschenderweise muss ich zugeben, dass dieses True-Crime-Rätsel-Buch von Philipp Fleiter wirklich überzeugend „anders“ ist, nämlich spannend und gleichzeitig informativ.
Es ist eine gelungene Mischung aus gut recherchierten und historisch belegten Fakten einerseits und Fiktion andererseits. Der Autor lässt nämlich die Reporterin Charlotte Frances Foster nach der Wahrheit über die grauenhaften Morde suchen. Vorbild für diese Protagonistin war übrigens Elizabeth Jane Cochran, besser bekannt unter dem Synonym Nellie Bly – die bekannteste Reporterin dieser Zeit. Ihre Suche bildet die Rahmenhandlung und ermöglicht, dass neben den Morden auch soziale Missstände und gesellschaftliche Verhältnisse thematisiert werden. Der Autor zeichnet ein stimmiges Bild jener Zeit, beschreibt das Leben und die Probleme der Frauen, die dem Ripper zum Opfer fielen.
10 Kapitel, die nicht nur die Geschichte und Geschichten um Jack the Ripper erzählen, sondern viel mehr zu bieten haben: besonders gefallen mir die Infoboxen, wo man allerlei Wissenswertes über die Zeit und das Leben erfahren kann und eine amüsante Spielerei sind die Rätsel, die jedes Kapitel abschließen. Ich vermute allerdings, dass die Autoren (immerhin Peter & Johannes Sich) die Nachdenk- und Kombinierlust der Leserinnen etwas unterschätzt haben. Es könnte kniffliger sein!
Genial finde ich die Lösung am Ende – jeder kann seine eigenen Schlüsse ziehen und sich für einen der vier Verdächtigen entscheiden. Der Autor erläutert dann etwas genauer was für oder gegen diesen Verdächtigen spricht. Spannend!
Wer also gerne rätselt und sich für True-Crime interessiert, wird mit diesem Buch nette und vergnügliche Lesestunden verbringen!
Menschenleben
Im ersten Licht von Norbert Gstrein
Der Autor erzählt uns die Lebensgeschichte von Adrian Reiter. Was für ein Leben! 2 Weltkriege – und auch wenn er nie aktiv gekämpft hat, so haben diese Kriege massive Auswirkungen auf sein Leben, sein Denken und sein Selbstverständnis. Es gelingt Norbert Gstrein in beeindruckender Weise, aufzuzeigen, dass die Folgen jedes Krieges in den einzelnen Menschen andauern, dass kein Krieg beendet ist, nur weil es keine Kampfhandlungen mehr gibt.
Krieg erzeugt nicht nur physische Verletzungen, sondern auch Traumata, die oft über Generationen hinweg Menschen beeinflussen.
Der Erzählstil des Autors ist wunderbar: ruhig, aber gleichzeitig eindringlich und emotional berührend. Jedes Wort ist genau richtig, jeder noch so lange Satz (Norbert Gstrein beherrscht die Kunst der langen Sätze!) passt ganz genau. Ein Roman, der flüssig zu lesen ist, obwohl er schwere Themen behandelt und oft nachdenklich macht.
Ohne Leserunde hätte ich dieses Buch nie gelesen und mir wäre ein außergewöhnliches Leseerlebnis entgangen.
Große Leseempfehlung!
Selbstfindung?
Die Passantin von Nina George
Nina George erzählt die Geschichte einer Frau, die die Chance zu einem kompletten Neubeginn nützt oder genauer gesagt: die Geschichte einer Frau, die die Chance nützt sich selbst wieder zu finden. Identität, Selbstfindung aber auch Solidarität unter Frauen sind zentrale Themen.
Die Autorin lässt ihre Protagonistin in einem Haus Unterschlupf finden, das von sogenannten „unsichtbaren Frauen“ bewohnt wird – Frauen, die auch aus ihrem alten Leben geflüchtet sind.
Ihre Schicksale sind unglaublich grausam, vielschichtig und vermutlich lebensnah.
Sie erzählen von absurder Gewalt und Unterdrückung, aber auch von Mut, Wehrhaftigkeit und Befreiung – erschütternd und aufwühlend.
Nina Georges sprachlicher Stil ist bemerkenswert. Manchmal poetisch, aber dabei immer klar und gnadenlos offen (und deshalb oft schwer erträglich) führt sie die Leserin durch verschiedenste Schicksale, Erinnerungen und spannende Gedankenspiele.
Es ist kein Buch, das so einfach nebenher gelesen werden kann, es fordert Aufmerksamkeit und Gefühl und vor allem: auch nach Beendigung der Lektüre wirkt es lange nach!
Auf alle Fälle findet dieses Buch seinen Platz in meinem „Muss-ich-unbedingt-noch-einmal-oder-öfters-lesen“-Regal!
Lesenswert!
Liebe um jeden Preis... Oder: Love hurts
Mama & Sam von Sarah Kuttner
Um ehrlich zu sein: wann immer ich von Betrugsfällen im Internet hörte, wo Frauen um ihr Geld gebracht wurden, dachte ich völlig verständnislos „Wie naiv kann man denn sein?“ und eigentlich war mir überhaupt nicht klar, was „Love-Scamming“ bedeutet und wie häufig es vorkommt.
Die Mutter der Autorin, die sicher weder naiv noch dumm war, wurde vor ihrem Tod, Opfer eines Love Scammers.
Sarah Kuttner versuchte anhand der Chats, die letzten Monate im Leben ihrer Mutter zu rekonstruieren um zu verstehen. Es ist folglich eine nicht nur fiktive Geschichte einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung, sondern auch die Geschichte einer Frau, die nach Liebe gesucht hat und auf ein Fake-Profil von Sam Heughan (Outlander) hereingefallen ist. Es mag nicht logisch sein, dass ein Promi per Internet nach einer Partnerin sucht und dringend Geld benötigt…. aber es funktioniert. Es sind Betrüger, die ihr Geschäft verstehen und Love Scamming ist ein Geschäft – knallhart und gnadenlos.
Die Opfer bleiben irgendwann gebrochen zurück mit ihrem Bedürfnis nach Liebe, meist völlig pleite und ohne Selbstrespekt und Selbstvertrauen.
Sarah Kuttner erzählt in der Ich-Form aus der Sicht der Tochter. Das Lesen dieses Buches war seltsam: ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass eine Freundin vor mir sitzt und mir ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Mutter erzählt. Es war mitreißend, ich war recht schnell völlig ohne innere Distanz: ich habe mitgelitten, mich mitgeärgert, war traurig, wütend und fassungslos. Und ich habe mich ein bißchen geschämt, weil ich Frauen, die Opfer von Liebesbetrug waren, als dumm und naiv verurteilt habe, ohne zu verstehen, dass es Menschen sind, die nur nach Liebe suchen.
Ein unglaublich intensives Leseerlebnis!
Die kleinen Leute...
Diebe, Dirnen, Dienstboten von Georg Hamann
Ein Buch, das jene ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, die ansonsten in den Geschichtsbüchern nicht beachtet werden: die sogenannten „kleinen Leute“, also die große Masse der Menschen.
Der Autor erzählt in 13 Kapitel von Prostituierten, Scharfrichtern, Bandlkramern, Schindern und vielen anderen.
Er schildert die Lebensumstände, aber auch die ausgeprägten Standesdünkel dieser Randgruppen. Er erzählt von Menschen, die als „närrisch“ galten, als „ainfaltig“ oder als „würfelich im Kopf“ (Seite 70), Menschen die gering geachtet wurden, deren Leben und Beruf oft durch Gesetze streng geregelt war und die trotzdem unglaublich wichtig für das Funktionieren der Gesellschaft waren.
Jedes einzelne Kapitel zeichnet ein lebendiges Bild vergangener Zeiten.
Alle Namen und Umstände sind historisch verbürgt und ein ausführliches Literaturverzeichnis zeigt die genaue Recherche des Autors. Georg Hamann, Schriftsteller und Historiker, hat es also geschafft, viel Information spannend und extrem unterhaltsam zu präsentieren.
Genau so macht „Geschichtsunterricht“ wirklich Spaß!
peace of mind
Yoga Town von Daniel Speck
Ein Familienroman, der auf zwei Zeitebenen spielt – 2019 und 1968. Ort der Handlung ist hauptsächlich Indien, genauer gesagt Rishikesh, der Ashram von Guru Maharishi. Das ist genau jener Ashram, in dem 1968 die Beatles ein paar Wochen verbrachten. Zwar sind die Fab Four in diesem Roman nur Hintergrundmusik, aber das Weiße Album, das sie nach ihrem Aufenthalt in Indien produziert haben (immerhin 48 Songs), hat mich durch die Lesestunden begleitet.
Ein Genuß!
Der Roman ist eine emotionale Reise durch Gegenwart und Vergangenheit, es geht um Liebe, Verlust, Traumata und Spiritualität. Natürlich werden auch Familiengeheimnisse gelüftet – ein klein wenig vorhersehbar, aber das stört nicht. Der Autor beschränkt sich nicht auf eine lustig-harmlose Erzählung, es wird auch dramatisch, tragisch und sehr nachdenklich.
Die einzelnen Charaktere sind gut entwickelt und vielschichtig erzählt – man lernt sie kennen mit allen Ecken und Kanten, mit den Ängsten, aber auch der Zuversicht, die sie in sich tragen.
Alles zusammen ergibt eine wirklich gute Mischung aus persönlicher Erzählung mit viel Informationen über das Leben im Ashram (Stichwort Culture Clash), Flower power und die Hippie-Kultur. Zahlreiche Anekdoten über die Beatles lockern die Erzählung noch zusätzlich auf und machen sie extrem interessant.
Fazit: eine unterhaltsame Geschichte mit Tiefgang und vielen interessanten Informationen.
Mit Beatles-Musik im Hintergrund ein ganz tolles Leseerlebnis!











