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Rezensionen von HEYN Leserunde Miriam Brandl:

Spannende Geschichte, Liebesgeschichte und Informationen - eine gute Mischung

Das Geheimnis der Papiermacherin von Andrea Bottlinger

Nürnberg im Jahre 1621. Der Dreißigjährige Krieg hat der Bevölkerung nur Not und Armut gebracht. In diesen schweren Zeiten versucht Anna Pecht die Papiermühle ihres Vaters vor dem Ruin zu bewahren. Ihr Vater ist dabei keine rechte Hilfe - seine Trunk- und Spielsucht sind die Ursachen für die Schulden, die Anna dazu zwingen, nicht ganz legale Wege einzuschlagen.

Unterstützt wird sie dabei von ihren treuen Freunden. Unglücklicherweise kommt sie dabei aber Bartholomäus von Treist in die Quere, der nicht nur ein reicher und angesehener Kaufmann ist, sondern gleichzeitig auch die Unterwelt von Nürnberg lenkt und beherrscht. Dass der solche Einmischungen nicht dulden kann, ist klar. Welche Konsequenzen müssen Anna und ihre Freunde tragen? Und welche Rolle spielt Johann, der ehemalige Söldner? Welche Ziele verfolgt er? Und warum?

All das sind die wichtigsten Elemente, aus denen Andrea Bottlinger eine spannende und wirklich flüssig lesbare Geschichte gemacht hat. Was mir persönlich besonders gut gefällt, ist die differenzierte Darstellung der einzelnen Protagonisten. Sie haben alle wirklich gute Seiten wie Treue und Loyalität, aber gleichzeitig sind sie in ihrer Auslegung von Recht und Gesetz erstaunlich flexibel. Es ist die Not, die Menschen manchmal zu Taten verleitet, die sie ansonsten keinesfalls begehen würden!

Eine etwas vorhersehbare Liebesgeschichte lockert die düsteren Episoden angenehm auf und so kann man sich von Anfang an auf ein Happy End freuen.

Nebenbei erfährt man auch interessante Details über die Papierherstellung in jener Zeit, über die Macht des Rates, seine Verordnungen und Gesetze, seinen Einfluss auf die Handwerker, aber auch über die Sitten und Lebensumstände der Nürnberger Bevölkerung.

Fazit: Abgesehen von der Tatsache, dass der Titel nicht zum Inhalt des Buches passt, ist es ein spannender und stimmiger Historienroman, der unterhaltsame Lesestunden garantiert!

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Berührend und informativ

Die Stimmlosen von Melanie Metzenthin

Hamburg 1945: der Krieg ist vorbei. Aber das Leben in der Nachkriegszeit ist schwer, es mangelt an allem: zu wenig Nahrung, zu wenig Kleidung, keine Medikamente, wenig Heizmaterial, wenig Wohnraum in der zerbombten Stadt.

In dieser Zeit kämpfen die Ärzte Richard und Paula, deren Familien sowie deren Freunde Fritz und Arthur um ihr Überleben.

Sie sind zwar in durchaus privilegierten Stellungen, haben Arbeit, Einkommen und Wohnung, aber einfach ist es für sie trotzdem nicht, ganz im Gegenteil! Auch sie sind manchmal gezwungen am Rande der Legalität zu agieren, um überleben zu können. Verständlich, denn Lebensmittelmarken, die den Bezug von 5gr (!) Fleisch erlauben, sind oft sinnlos, da es kein Fleisch gibt – der Schwarzmarkt blüht. Jeder muss irgendwie überleben.

Melanie Metzenthin beschreibt wirklich spannend und authentisch die Zustände, die die Menschen in den ersten Jahren der Nachkriegszeit meistern mussten. Darüber hinaus greift sie zahlreiche Themen der Zeit auf, wie zum Beispiel die Diskussion um die Euthanasie von Behinderten im Krieg, die Art wie die Prozesse diesbezüglich geführt wurden und die Tatsache, dass die Seilschaften aus der Nazi-Zeit auch in der Nachkriegszeit perfekt funktionierten. Viele der wichtigen Posten nach dem Krieg wurden von jenen besetzt, die im Krieg überzeugte Nazis waren und dann versicherten, dass sie sowieso immer im Widerstand waren. Außerdem wird die Beziehung zu den alliierten Besatzungsmächten immer wieder beschrieben, die Verbote, die Vorurteile, die auf allen Seiten herrschten und das Zusammenleben bestimmten.
Alle Themen zu nennen, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen. Aber in diesem Zusammenhang möchte ich auf die Facebook- Autorenseite von Melanie Metzenthin verweisen. Dort findet man noch viele geschichtliche und private Hintergrundinformationen und Fotos!

Soviel sei verraten: die Protagonisten meistern diese schwere Zeit mit viel Lebensmut, Mitgefühl, einer guten Portion Humor und einer Freundschaft, die Rückhalt gibt und es ermöglicht, von einer besseren Zukunft zu träumen. Mehr noch: die es ermöglicht, alles zu tun, damit diese bessere Zukunft Wirklichkeit wird.

Die Autorin versteht es, die einzelnen Protagonisten in allen ihren Facetten lebensnah und glaubwürdig zu charakterisieren. Ihr Kampf ums Überleben, ohne dabei die eigenen Überzeugungen über Bord zu werfen, ist so detailreich und informativ beschrieben, dass die knapp 500 Seiten rasend schnell gelesen sind, ohne auch nur einen Moment der Langeweile.

Sie beschreibt emotional berührend und historisch fundiert, welch grausame Folgen Nationalsozialismus und der Krieg für alle Menschen hatte. Ein Buch, das zu denken gibt – nicht nur als Roman, der in der Vergangenheit spielt, sondern als wichtiges Buch in Zeiten wo Rechtsextremismus und Menschenverachtung wieder salonfähig gemacht werden!
Unbedingt lesenswert!

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Tenbrink und Bertram ermitteln wieder. Endlich!

Totenbauer von Tom Finnek

Wie schon im ersten Fall, „Galgenhügel“, werden die eigenwilligen Kommissare mit einem komplizierten und verwirrenden Mordfall konfrontiert. Die letzte Worte des Opfers waren „toter Bauer“ oder zumindest so ähnlich. Können sie damit etwas anfangen? Und welche Rolle spielt ein längst vergangener Griechenlandurlaub in dem aktuellen Verbrechen? Und hat irgendwer bei dem Verkehrsunfall nachgeholfen? Wie schon gesagt: verwirrend!

Tenbrink ermitteln nur im Krankenstand und Bertram muss sich mit einem anderen Vorgesetzten herumschlagen, was einige witzige Situationen und Dialoge ergibt, aber keinesfalls konfliktfrei abläuft! Neben diesen wirklich komplexen Ermittlungsarbeiten kämpfen die Kommissare mit privaten Problemen: Tenbrink hat nach wie vor Gedächtnislücken, kommt der Ursache im Laufe des Buches nur langsam auf die Spur (übrigens eine Spur, von der ich noch immer hoffe, dass sie sich als falsch erweisen wird) und Bertram wird von seiner Vergangenheit eingeholt, was bei ihm natürlich auch mit Frauen zu tun hat und für schlagkräftige Argumente sorgt.

Tom Finnek schafft es, eine Geschichte mit viel Lokalkolorit zu erzählen, ohne dabei ins Klischeehafte von Regionalkrimis abzurutschen. Der Krimi ist nicht blutrünstig, obwohl da schon die eine oder andere Leiche dazukommt. Eigentlich ist es eine Art Puzzle: nur nach und nach gibt der Autor die wichtigen Fakten über die Verdächtigen und die Geschehnisse preis, nur nach und nach werden Zusammenhänge und Entwicklungen klar sichtbar.

Beim Lesen wurde ich zum Detektiv, habe geraten und ermittelt, alle Informationen berücksichtigt um dann zu bemerken, dass Tom Finnek mich wieder und wieder auf den Holzweg geschickt hat! Beste Unterhaltung also! Alles in allem ist es ein temporeicher und spannender Krimi, mit einigen völlig unerwarteten Wendungen. Die Auflösung ist logisch, der Mordfall mit all seinen tragischen Nebengeschichten wird vollständig geklärt.
Trotzdem bleiben noch viele Fragen um die zwei kauzigen Kommissare offen – also wieder ein genial-bösartiger Cliffhanger! Der dritte Teil wird also mit Spannung erwartet!

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Gelungene Mischung!

Lost Souls von Finn Thomas

Wir alle kennen die Geschichte vom Rattenfänger in Hameln, der die Stadt von den Ratten befreite, von den Bürgern dann um seinen Lohn betrogen wurde und mit den Kindern der Stadt davongezogen ist. Die Kinder wurden nie wieder gesehen. Das ist schon lange her und eigentlich ist es ja nicht mehr als eine Geschichte, ein Märchen.

Oder?

Die Archäologin Jessika und ihre Ziehtochter Leonie sind gerade erst nach Hameln gezogen, als es zu mehreren seltsamen Vorfällen kommt: eine unterirdische Gruft wird gefunden, ein Arbeiter wird dort von zahllosen Ratten getötet und das Verhalten der Ratten ist verstörend zielgerichtet.
Im Laufe der Geschichte muss Jessika erkennen, dass unheimliche Mächte walten und Ratten beeinflussen, dass das Ith-Gebirge ein verzauberter Ort voller düsterer Geheimnisse ist und dass die Geschichte des Rattenfängers und der verschwundenen Kinder auch heute noch auf gespenstische Weise allgegenwärtig ist. Nur ist es für Jessika kein Märchen der Gebrüder Grimm mehr, sondern ein schrecklicher Albtraum.

Ich gestehe, dass ich mit Horrorgeschichten eigentlich rein gar nix am Hut habe. Hier bin ich aber wegen der historischen Zusammenhänge neugierig geworden und ich wurde nicht enttäuscht! Thomas Finn hat zahlreiche historische Fakten mit seiner gruseligen Phantasie und Mystery-Elementen zu einer spannenden Geschichte verwoben, die mich von der ersten bis zur letzten Seite in Atem gehalten haben. Die einzelnen Personen sind detailreich gezeichnet, nichts und niemand in diesem Buch ist ein überflüssiger Seitenfüller – alles hat Sinn! Manchmal agieren die Protagonisten zwar nicht ganz logisch, aber auch das ist durchaus passend, denn… welcher Mensch ist schon immer und überall logisch?

Der Stil des Autors ist bis in die grausigen Details klar und ohne Schnörkel, er versteht es, mit Worten die Phantasie des Lesers anzuregen und das rasante Tempo der Geschichte hält die Spannung hoch bis zu einem überraschenden (zumindest für mich), aber durchaus logischen Ende.
In einem Nachwort erklärt der Autor noch genauer, was Fakt und was Fiktion ist – aber mir hat es wirklich Spaß gemacht, dies bereits zwischendurch zu recherchieren!

Fazit: Dieses Buch hat es immerhin auf die Phantastik-Bestenliste des Monats Juli geschafft. Gratulation! Wer also noch keine Rattenphobie hat, sollte es unbedingt lesen: spannende und informative Unterhaltung ist garantiert!

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Emmerich und Winter ermitteln wieder!

Die rote Frau von Beer Alex

Wien, März 1920. Der Krieg ist zu Ende, die Monarchie Vergangenheit und Österreich ist eine junge, instabile Republik, in der verschiedenste politische Kräfte um die Macht kämpfen. Das Leben der Menschen ist gekennzeichnet von bitterer Armut, hoher Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, unzureichender medizinischer Versorgung und Hunger.

Der Krieg wurde überlebt – aber dieses Überleben war für viele Menschen nur Kampf, Demütigung und Sorge.

Vor diesem Hintergrund ermitteln Rayonsinspektor August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter. Die beiden könnten nicht gegensätzlicher sein: Emmerich wuchs in einem Waisenhaus auf, hat bereits von Kind an Elend und Not kennengelernt. Im Krieg schwer verwundet, bereitet ihm diese Verletzung nach wie vor immer wieder Schmerzen und auch sein Privatleben erscheint nach der Trennung von seiner Geliebten hoffnungslos. Er ist draufgängerisch, ehrlich und hat eine sehr differenzierte Ansicht von Recht und Gerechtigkeit.

Winter hingegen stammt aus einer adeligen Familie, die zwar verarmt ist, aber trotzdem noch gesicherte Verhältnisse bietet. Er lebt mit seiner Großmutter in einem Haus, während Emmerich in einem Männerlogierheim schläft. Winter ist klug, vorsichtig, zurückhaltend, wohlerzogen und seinem Vorgesetzten gegenüber unbedingt loyal. Aber gerade durch diese Gegensätzlichkeit ergänzen die beiden einander perfekt und bilden ein außergewöhnliches Ermittlerduo mit zahlreichen Ecken und Kanten.

Binnen kurzer Zeit ereignen sich in Wien zwei grausame Morde: der Stadtrat Fürst und Frau Abele werden ermordet – beides hochangesehene Bürger, allseits beliebte und geachtete Wohltäter. Die Polizei findet rasch einen Täter, der ist allerdings unschuldig. Emmerich und Winter kommen nur über Umwege zu diesen Ermittlungen. Sie sind in der Abteilung „Leib und Leben“ nicht gut angesehen und außerdem sind sie die einzigen, die von der Unschuld des Inhaftierten überzeugt sind. Folglich müssen ihre Untersuchungen im Geheimen stattfinden. Und diese Ermittlungen führen sie in Bordelle und Bäder, illegale Wettlokale, wo Kämpfe stattfinden (und Emmerich sicher den seltsamsten Kuss seines Lebens erlebt), in den Wiener Untergrund ebenso wie in höchste gesellschaftliche Kreise oder in die Welt der Filme und Stars.

Emmerich und Winter arbeiten bei ihrer Suche nach der Wahrheit konsequent, manchmal mit recht hohem persönlichen Einsatz, immer unkonventionell und oft genug am Rande der Legalität. Soviel darf hier verraten werden: sie lösen den Fall extrem einfallsreich, dramatsich und spektakulär – ganz großes Kino mit einem sehr realen Ende!

Alex Beer ist hier eine großartige Mischung gelungen. Einerseits gefällt mir die logisch konstruierte Kriminalgeschichte - extrem spannend und außerdem hat sie mich gleich mehrmals in die Irre geführt. Andererseits ist dieser Krimi auch sehr interessant, weil ich ganz nebenbei vieles über die damalige Zeit, die historisch wichtigen Ereignisse, ebenso wie über die Lebensumstände der Menschen erfahren konnte. Die Atmosphäre der Stadt ,die irgendwie eine heimliche Hauptrolle spielt, wird lebendig vermittelt – auch weil die Autorin ihre Protagonisten immer wieder in gemäßigtem Dialekt sprechen lässt. Cornelius Obonya hat dies in der Hörbuchversion übrigens genial umgesetzt!

Egal ob Buch oder Hörbuch - es ist ein spannender Kriminalroman mit viel historisch interessanten Details und sympathischen Protagonisten, die hoffentlich bald wieder ermitteln werden!

Großartiges Lesevergnügen!

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Moderner Sklavenhandel

Dunkelkinder von Nora Luttmer

Laut der britischen Tageszeitung The Guardian leben in Großbritannien schätzungsweise dreitausend (!) vietnamesische Kinder und Jugendliche unter sklavenähnlichen Bedingungen. Sie arbeiten unbezahlt, werden eingesperrt, misshandelt und von der Außenwelt isoliert, sie leben hilf- und hoffnungslos.

Die Hamburger Journalistin und Autorin Nora Luttmer nahm diesen Artikel zum Anlass, sich intensiver mit den Themen Menschenhandel und Geisterkinder aus Vietnam zu beschäftigen. Der Thriller „Dunkelkinder“ ist nun ein Resultat dieser Recherchen.

Schauplatz der Handlung ist Hamburg, denn die Vermutung liegt nahe, dass diese moderne Art der Sklaverei in ganz Europa existiert.
Die Kommissarin Mia Paulsen ermittelt in einem Fall von toten vietnamesischen Kind, dessen Identität zwei Jahre lang ungeklärt blieb. Eher zufällig findet sie noch zwei Ermordete und beginnt mit Ermittlungen ohne zu ahnen, welch machtvoller Gegner sie damit bekommt.

Die Autorin erzählt die Geschichte aus immer wieder wechselnden Perspektiven. Die einzelnen Protagonisten kommen zu Wort, wodurch die Geschichte von der ersten bis zur letzten Seite spannend bleibt und der Leser die Möglichkeit hat, ein klein wenig hinter die einzelnen Fassaden zu blicken. Denn nicht nur die Sicht der Opfer oder der Kommissare wird geschildert, auch die Täter kommen zu Wort. Außerdem erfährt der Leser auch Einzelheiten über Mias Privatleben, ihre konfliktgeladene Beziehung zu ihrem aktuellen Vorgesetzten und über einige dubiose Vorkommnisse in dessen Vergangenheit.

Alles zusammen ergibt einen temporeichen Thriller mit einem realistischen Ende: es werden nicht alle Fragen geklärt, manche Handlungsstränge bleiben offen.
Folglich: ich freue mich auf eine Fortsetzung!

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Vatertage

Dunkelkinder von Nora Luttmer

Wie reagiert man auf eine Aufforderung des Sozialamtes, knapp 700 Euro monatlich für die Pflege eines Vaters zu bezahlen, den man nur drei Mal kurz gesehen hat, mit dem man nie gesprochen hat und der einem eigentlich auch nicht gefehlt hat? Moralisch oder menschlich gesehen ist so eine Aufforderung hart und unfair, juristisch allerdings völlig korrekt.

Auf alle Fälle bringt diese Mittelung das ursprünglich recht beschauliche Leben von Simon Havlicek gründlich durcheinander. Neben der enormen finanziellen Belastung ist auch die emotionale Herausforderung nicht zu unterschätzen: wie soll man mit einem komatösen Vater umgehen? Macht es Sinn, „Kontakt“ oder „Beziehung“ zu suchen? Und wie soll man mit Geschwistern umgehen, von deren Existenz man bis jetzt überhaupt keine Ahnung hatte?
Das ist auch für einen ruhigen und überlegten Menschen wie Simon schon ein bisschen viel auf einmal. Dazu kommt noch seine tatkräftige Mutter, die ihre Meinung dazu in wenigen Worten klar zusammenfasst: „Ich bringe ihn um!“
Simon meistert diese Schwierigkeiten mit Hilfe von seiner großartigen Frau Anke, seiner Mutter Jarmila und deren Lebensgefährten Janko. Aber auch sein Freund Hotte, der schon in „Dicke Freunde“ an seiner Seite war, unterstützt ihn nach Kräften. Die beiden bilden übrigens ein so charmantes, liebenswertes und chaotisches Duo, dass ich diesen ersten Band unbedingt noch lesen muss!
In einem zweiten Erzählstrang wird die Geschichte von Simons Mutter, erzählt. Auch ihre Geschichte ist tragisch und spannend gleichzeitig.
Eigentlich sind es ja sehr ernste Themen, die hier angesprochen werden: Krankheit und Lebensqualität, Sterbehilfe, Pflegeheime und Pflegekosten aber auch Bedeutung von Vaterschaft und Familie. Aber Stephan Bartels schreibt leicht und unterhaltsam, versteckt ganz nebenbei buchfremde Kriminalkommissare und hat somit eine Geschichte mit zahlreichen humorvollen und warmherzigen Charakteren geschaffen, die ich gleich ins Herz geschlossen habe. Wortwitz und Situationskomik lockern auf, ohne die Geschichte dabei zu verblödeln.
Wegen des Covers und der Art, wie das Buch beworben wurde, habe ich mit einer lustigen und – ich gebe es zu – seichten Geschichte gerechnet! Glücklicherweise habe ich es trotzdem gelesen, denn es ist gute Unterhaltung mit Herz und Hirn! Empfehlenswert!

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Chance vertan

Die Geschichte des Wassers von Maja Lunde

Maja Lunde, die Autorin des Bestsellers „Die Geschichte der Bienen“ hat hier ihren zweiten Teil des geplanten literarischen Klima-Quartetts vorgelegt. Ich kenne den ersten Teil nicht und war deshalb extrem neugierig auf dieses Buch. Wasser/Umgang mit Ressourcen ist Thema unserer Zeit, mit unserem Verhalten diesbezüglich prägen unsere Zukunft und die der nachfolgenden Generationen.

Ein wichtiges Thema also.

„Die Geschichte des Wassers“ wird auf zwei Zeitebenen erzählt:
Einerseits lernen wir Signe im Jahr 2017 kennen. Sie ist eine mittlerweile 70jährige Umweltaktivistin, die gegen den dekadenten Verkauf von Gletschereis in reiche arabische Staaten kämpft. Mit recht unkonventionellen Mittel: sie befördert einige Kisten mit Gletschereis mit auf ihr Boot, um es dem Mann zu bringen, der mitverantwortlich für dieses irrsinnige Projekt ist. Die Fahrt ist lang und anstrengend und gedanklich eine Reise in ihre eigene Vergangenheit.

Andererseits wird die Geschichte von David und Lou erzählt. Klimaflüchtlinge des Jahres 2041. Ihr Leben auf der Flucht, ihr Leben im Lager, ihre Verluste. Sie finden das Boot, das einst Signe gehörte und planen, es wieder zu beleben. Das Ende ist offen, ein wenig versöhnlich, ohne jedoch wirklich optimistisch sein zu können.
Soweit zum Inhalt.

Die Sprache der Autorin bzw die Übersetzung ist sehr schön – ruhig und unaufgeregt, aber mit zum Teil grausamer Genauigkeit wird erzählt. Die einzelnen Protagonisten blieben mir jedoch fremd, viele ihrer Handlungen konnte ich nicht nachvollziehen.
Die Geschichte selbst regt zwar zwischendurch immer wieder zum Nachdenken an, aber die Umsetzung dieser Thematik finde ich nicht gelungen. Es mag schon sein, dass die Schilderung der persönlichen Schicksale die Problematik fassbarer macht, aber das völlige Fehlen von fachlicher Information oder kritischer Auseinandersetzung, reduziert das Buch auf Beziehungsgeschichten in einer gruseligen Umwelt. Eine Dystopie ohne viel Vorgeschichte.

Wer sich also (wie ich) fachliche Informationen im Rahmen eines spannenden Romans erhofft, der wird sicher enttäuscht sein. Literatur kann in vielen Fällen ein guter Mittler von wichtigen Themen sein. Ich fürchte, hier wurde diesbezüglich eine Chance vertan.

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Am Schluss ist alles anders

So bitter die Rache von Berg Eric

Ellen ist gerade 42 Jahre alt, frisch getrennt von ihrem Ehemann, einem Diplomaten und versucht in Vineta, einer ruhigen Siedlung in Heiligendamm für sich und ihren Sohn Tristan ein neues Leben aufzubauen. Eher zufällig erfährt sie, dass ausgerechnet in ihrem Haus vor 6 Jahren drei Menschen ermordet wurden.

Das schreckt sie nicht ab, denn sie möchte alles tun, damit dieses Haus für sie und ihren Sohn ein „Glückshaus“ wird. Als dann aber einige beunruhigende Dinge geschehen, kann sie nicht umhin, sich auch für die Vergangenheit zu interessieren.

Eric Berg erzählt zwei Zeitebenen der Ereignisse: Einerseits wird die Geschichte Ellens im Jahr 2016 erzählt, ihre Versuche hier heimisch zu werden und ihrem Sohn ein stabiles Heim und Sicherheit zu geben.
Andererseits erfährt der Leser von den Ereignissen aus dem Jahre 2010, vom Erbauer der Siedlung Vineta, der hier sein Ideal von „Großfamilie“ realisieren wollte und von den Schicksalen der einzelnen, gut ausgewählten Familien. Was als Idylle geplant war, gerät außer Kontrolle und verwandelt sich in ein Geflecht von Lügen und Falschheit, gipfelt schließlich in den drei Morden.

Intelligent und abwechslungsreich wird von den dramatischen Entwicklungen in der Siedlung erzählt, aber auch von den teilweise dramatischen Schicksalen der einzelnen Charaktere, die hier aufeinander treffen. Der Autor versteht es, die Protagonisten facettenreich und psychologisch stimmig darzustellen.
Seine ruhige Sprache lässt sie alle lebendig werden – mit Ecken, Kanten und allen erdenklichen Abgründen hinter ihren wohlgeordneten Fassaden. Die Bösen sind nicht nur böse, die Guten nicht nur gut. Sehr menschlich also!

Eric Berg wechselt rasch zwischen 2010 und 2016, so dass die Spannung von den ersten Seiten an aufgebaut wird und über immerhin 416 Seiten durchgehend auf hohem Niveau gehalten wird. Von Anfang an habe ich mitgeraten und gerätselt. Einige überraschende Wendungen haben meine eigenen Überlegungen zu Opfern und Täter mehrmals über den Haufen geworfen. Die Auflösung am Schluss war völlig unerwartet, aber glücklicherweise logisch und hat alle offenen Fragen beantwortet.

Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Es war mein erstes Buch dieses Autors, aber sicher nicht das letzte!

Fazit: eine intelligent konstruierte Geschichte spannend erzählt! Wirklich lesenswert!

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Über das Anhalten der Zeit

Herr Jakob träumt von A.S. Dowidat

Hr. Jakob ist ein Mann Mitte 50, von Beruf Bibliothekar ohne große Karriereambitionen, geschieden, mit seltenen, aber konfliktreichen Kontakten zu Exfrau und Töchtern. Er ist von der Schnelllebigkeit und dem Alltagsstress restlos überfordert und genervt. Folglich zieht er sich immer mehr zurück bis seine andauernde Müdigkeit zu einem Winterschlaf wird.

Die reale Welt und die Traumwelt des Hr. Jakob verschmelzen im Laufe der Geschichte immer mehr und sind manchmal nur schwer zu unterscheiden. Man muss sich auf diesen ständigen Wechsel einlassen können – auf philosophische Hühner, seltsame Privatdetektive und schrecklich schnelle Putzfrauen.

Die Autorin A.S. Dowidat versteht es, durch ihre ruhigen, unaufdringliche und leicht distanzierte Art, Hr. Jakobs Geschichte zu erzählen, eine tiefe Sehnsucht nach Langsamkeit und Achtsamkeit zu vermitteln. Kann sich nicht jeder in gewisser Weise mit Hr. Jakob identifizieren?

„Hr. Jakobs träumt“ ist eine märchenhafte Darstellung des Bedürfnisses nach dem „Anhalten“ einer viel zu schnellen und hektischen Welt. Das Lesen war ein bemerkenswertes Erlebnis für mich: ich vermute, dass ich noch nie ein Buch so langsam gelesen habe. Schon das Lesen wirkte entschleunigend und damit hat dieses kluge Buch einen fixen Platz in meiner Bücherapotheke bekommen! Also Vorsorge für stressigere Zeiten!

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