Kunden em pfehlungen
Rezensionen von bedard:
Über weibliche Lebensrealitäten und den Wunsch nach dem „schönsten Leben“
Das schönste aller Leben von Betty Boras
Über weibliche Lebensrealitäten und den Wunsch nach dem „schönsten Leben“
Mit „Das schönste aller Leben“ gelingt Betty Boras ein eindringlicher Debütroman, der persönliche Geschichte mit großen gesellschaftlichen Fragen verbindet. Im Zentrum steht Vio, die nach dem Ende der rumänischen Diktatur mit ihren Eltern aus dem Banat nach Deutschland kommt – und dort früh verinnerlicht, dass Zugehörigkeit oft Anpassung, Leistung und Schönheit voraussetzt.
Gleich zu Beginn des Romans überschattet ein schwerer Unfall das Leben der erwachsenen Vio: Ihre kleine Tochter trägt eine sichtbare Brandnarbe im Gesicht davon. Für Vio steht sofort fest, dass sie das Leben ihres Kindes „zerstört“ hat. Diese Überzeugung zieht sich durch den gesamten Roman. Getrieben von Schuldgefühlen und der Angst vor gesellschaftlicher Bewertung zieht sie sich mit ihrer Tochter immer weiter zurück, meidet die Öffentlichkeit und verliert zunehmend den Zugang zu einem normalen Leben. Erst gegen Ende, mit professioneller Hilfe, öffnet sich langsam wieder ein Weg zurück zu Teilhabe und Selbstakzeptanz.
Das Banat bleibt dabei weit mehr als nur ein Herkunftsort: Es wirkt als emotionale und kulturelle Prägung fort, die sich nicht einfach abstreifen lässt – selbst dann nicht, wenn ein neues Leben längst begonnen hat. Besonders eindrucksvoll zeigt der Roman, wie Migration nicht nur Neuanfang bedeutet, sondern auch Verlust, Entwurzelung und ein ständiges Dazwischen. Diese Erfahrung prägt Vios Selbstbild ebenso wie ihr Verständnis davon, was ein gelungenes Leben eigentlich ausmacht. Die eindringlichen Passagen, in denen die alte Heimat eine eigene Stimme bekommt, verstärken dieses Gefühl noch.
Parallel erzählt Boras die Geschichte von Theresia im 18. Jahrhundert, die unter Zwang ins Banat gebracht wird. Ihre Erfahrungen machen deutlich, dass die Bewertung und Kontrolle weiblicher Körper sowie moralische Zuschreibungen eine lange Geschichte haben. Die Verbindung der beiden Erzählstränge zeigt, wie tief solche Denkmuster über Generationen hinweg weitergegeben werden.
Sprachlich überzeugt der Roman durch seine dichte, bildhafte und oft sehr direkte Art. Die Wechsel zwischen Zeiten und Perspektiven machen die Geschichte vielschichtig, auch wenn sie beim Lesen gelegentlich etwas Konzentration erfordern.
Fazit:
Ein kraftvolles, emotional intensives Debüt über Migration, Mutterschaft und die Last gesellschaftlicher Erwartungen. Besonders die Verbindung von persönlicher Schuldgeschichte, generationenübergreifenden Prägungen und dem Banat als emotionalem Ursprung verleiht dem Roman große Tiefe. Bewegend und absolut lesenswert.
Rezensionen von bedard:
Rückblick auf einen ereignisreichen Sommer mit Brüchen
Schwarzer September von Sandro Veronesi
Sandro Veronesis neuestes Werk ist ein Coming-of-Age-Roman, der die Geschichte des zwölfjährigen Gigio erzählt, der den Sommer 1972 mit seiner Familie an der ligurischen Küste verbringt. Sportbegeisterung, die aufregenden Gefühle der beginnenden Pubertät, erste Verliebtheit – das sind die Themen, die Gigio beschäftigen, bevor dramatische private und politische Ereignisse alles verändern.
Veronesi zeichnet ein lebendiges Bild der 1970er-Jahre und eines Sommers, der geprägt ist von Strandtagen, Musik von Cat Stevens und David Bowie sowie der Bedeutung sportlicher Großereignisse wie den Olympischen Spielen in München 1972. Gerade Leser, die diese Zeit selbst erlebt haben, sich für Sport interessieren oder sich in die Gedankenwelt eines Jungen dieses Alters hineinversetzen können, dürften sich hier wiederfinden. Denn Gigios Perspektive ist detailreich und konsequent aus seiner Lebenswelt heraus erzählt – mit vielen Beobachtungen, Interessen und Gedankengängen, die stark an eine klassische „Jungenperspektive“ gebunden sind.
Gigios Hobbys, seine intensive Beschäftigung mit Sport und seine oft sehr spezifischen Gedankengänge waren für mich jedoch schwer nachzuvollziehen, sodass eine echte emotionale Nähe nur selten entstand.
Hinzu kommt, dass sich der Roman viel Zeit für Details und Abschweifungen nimmt, während die dramatischen Ereignisse vergleichsweise knapp behandelt werden. Gerade im Hinblick auf das titelgebende Attentat während der Olympischen Spiele hatte ich mir mehr erhofft. Dieses historische Ereignis bleibt eher ein Randgeschehen, obwohl es großes erzählerisches Potenzial bietet und der Geschichte zusätzliche Intensität hätte verleihen können.
So bleibt „Schwarzer September“ ein atmosphärisch dichter, handwerklich überzeugender Roman, der vor allem durch seine Zeitzeichnung und die konsequente Perspektive punktet. Gleichzeitig ist er aber auch ein Buch, das stark von der Identifikation mit seinem Protagonisten lebt – und genau das hat für mich nur eingeschränkt funktioniert. Dafür gibt es einen Punkt Abzug in der Gesamtbewertung.
Rezensionen von Katrin:
Der Traum vom Fliegen
Sie flogen einen Sommer lang von Penelope Farmer
Das Buch ist in Hardcover-Ausführung und der Stil der Illustrationen ist außen wie innen ganz anders als man es gewöhnt ist von Kinderbüchern. Der Zeichenstil ist detailliert, verspielt und kindgerecht.
Zusammenfassung:
Charlotte und Emma treffen auf ihren Schulweg einen sehr ungewöhnlich aussehenden Jungen der mit einem Zweig gegen die Hecke schlägt.
Er spricht kaum, seine Nase ähnelt einem Schnabel, seine Beine und sein Körper sind eher lang und schlaksig. Im Gesicht hat er Sommersprossen und zwei sehr dunkle Augen.
Die beiden Mädchen überreden ihn mit in die Schule zu kommen. Am Schultor angekommen ist bereits sehr spät, dennoch spielen die Kinder vergnügt miteinander. Der Junge folgt den beiden ins Klassenzimmer. Die Lehrerin beachtet ihn nicht, oder kann ihn womöglich nicht einmal sehen.
Der Junge überredet Charlotte mit ihm raus zu gehen. Sie verlassen die Schule und auf einer Wiese bringt er ihr bei, wie man fliegt. Nach Startschwierigkeiten hat sie den dreh raus. Das ganze ist ein Geheimnis. Am nächsten Tag ist ihre Schwester an der Reihe und Charlotte ist eifersüchtig, denn Emma liegt das Fliegen noch viel mehr.
Kurze Zeit später haben alle Schulkollegen fliegen gelernt und verabreden sich zu einem gemeinsamen "Ausflug".
Fazit:
Die Geschichte beginnt wirklich toll, denn immerhin träumen wir doch alle davon fliegen zu können. Leider habe ich zwischendrin etwas den Faden verloren und obwohl viel passiert, war es eher zäh. Vom Ende war ich aber total überrascht und auch die verschiedensten Tierbezeichnungen - vor allem Vogelarten gefiel mir sehr gut. Daher gibt es von mir 4 Sterne und doch auch eine Leseempfehlung, allerdings sollten die Kids schon etwas älter als 9 Jahre (oder sehr geübte Leser) sein um den ganzen folgen zu können.
Rezensionen von Lilli33:
Eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen
Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami
Eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen
Rafik Schami, geboren in Damaskus, Syrien, lebt seit 1971 in Deutschland, schreibt auf Deutsch und brennt offensichtlich immer noch im Herzen für die Heimat seiner Kindheit und Jugend. Wer könnte also besser eine Brücke zwischen den Kulturen bauen? Schami selbst hat vieles erlebt, was nun seine Figuren im Roman durchmachen.
Die Ankunft in einem fremden Land, dessen Sprache man nicht spricht, die Anfeindungen der Mitmenschen, unerträgliche politische Zustände usw. Dabei ist das Buch wie eine Matrjoschka aufgebaut: Rafik Schami erzählt von Said Mardini, der vor Jahrzehnten aus Syrien nach Heidelberg gekommen ist. Diesem wiederum erzählt der todkranke Nadim Suri seine Geschichte, wie er von Syrien nach Heidelberg gekommen ist und von all den Frauen, die sein Leben gestreift und bereichert haben. Gerade diese Parallelen fand ich dann doch etwas verwirrend. Der Hauptteil ist aber einfach Nadims Perspektive, womit ich dann auch keine Probleme hatte.
Jeder der Frauen, die Nadim Suri auf einem Teil seines Lebensweges begleitet haben, sei es über Jahre oder auch nur eine Nacht, ist ein Kapitel gewidmet - abgesehen von dem einen Kapitel, das sich sechs Frauen teilen müssen. Aus Nadims Erzählung spricht eine Hochachtung für die Frauen, wie man sie von Männern eher selten erlebt. Jede liebt er auf seine Weise und umgekehrt. Jede hinterlässt ein Mosaiksteinchen im Bild seines Lebens, wenn sie - auf welche Weise auch immer - aus seinem Leben verschwindet.
Der Roman, der aus vielen einzelnen Lebensabschnitten besteht, hat mich sehr berührt. Er ist keine schnelle Lektüre für zwischendurch, sondern man sollte sich unbedingt Zeit für ihn nehmen, sich die einzelnen darin enthaltenen Weisheiten bewusst machen und auf der Zunge zergehen lassen.
Rezensionen von verhei:
skurrile Charaktere und britischer Humor - garniert mit Spannung
Mord in der Pension Möwennest von Jess Kidd
Man schreibt das Jahr 1954. Nora Breen kehrt nach dreißig Jahren als Nonne ihrem Kloster den Rücken und zieht in ein Zimmer der Pension Möwennest in einem pittoresken Küstenstädtchen Gore-on-Sea gelegen. Hier war Frieda ehemalige Novizin des Klosters vor ihr untergebracht, doch sie ist spurlos verschwunden.
Schließlich wird auch noch einer der Gäste tot aufgefunden – der Inspector geht von einem Suizid aus, doch Nora zweifelt daran und startet selbst Ermittlungen.
Dieser Krimi, der mich an Miss Marple erinnert hat, vermittelt rasch britisches Feeling: die Liebe zum Tee, eine Küstenstadt mit etwas skurrilem Namen und auch sehr skurrile Charaktere mit dem man vielleicht so manches Klischee füttert. Auch der Tatsache, dass der Roman knappe zehn Jahre nach dem Ende des Weltkrieges spielt und die ehemals glamourösen Küstenorte nicht mehr so populär sind, wird kunstvoll eingearbeitet. Welches bessere Setting als ein in die Jahre gekommene und eigentlich schon etwas schmuddelige Pension mit einer herrischen Pensionsangestellten und eben skurrilen Gästen. Jeder Gast scheint sein eigenes Geheimnis zu haben, so wie auch Nora.
Die Charaktere und das Setting sind gut ausgearbeitet und man schafft es rasch eine Verbindung zu Nora aufzubauen. Man kann nachvollziehen, wie schwer es ist nach dreißig Jahren nicht mehr die gewohnte Umgebung, um sich zu haben und ist gleichzeitig auch überrascht über ihren Witz und Unerschrockenheit ja sogar Forschheit – wer hätte das von einer ehemaligen Nonne erwartet.
Auch ich brauchte etwas, um mich an den doch sehr detaillierten Schreibstil der Autorin zu gewöhnen. Jedoch war ich nach einigen Seiten umso begeisterter davon, da ich wirklich in das Buch abtauchen konnte. Wäre der Schreibstil anders wäre ich nicht so sehr in diese skurrile Situation abgetaucht und hätte wahrscheinlich weniger Gelegenheit gehabt viel vom britischen Humor mitzunehmen.
Die Mischung des Romans war perfekt – Humor, Exzentrik aber auch ernste Stellen und eine detaillierte und glaubwürdige Auflösung des Falles. Ich freue mich schon auf den nächsten Band.
Rezensionen von Anndlich:
Wie man sich (und anderen) das Leben schwer macht.
The Night We Met von Abby Jimenez
Larissa wird von ihrem Freund immer wieder im Stich gelassen und schickt ausgerechnet seinen besten Freund Chris vor, um ihm und ihr aus der Patsche zu helfen. Larissa und Chris verstehen sich unheimlich gut, entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten und Larissa verteufelt ihre Entscheidung, dass sie sich damals von Mike vom Festival fahren ließ.
Nun sind ihre Gefühle gefangen in der Zwickmühle, die nicht nur eine Freundschaft zu entzweien droht.
The Night We Met von Abby Jimenez ist mein erstes Buch der Autorin und leider keines, dass mir mehr von ihr besonders schmackhaft gemacht hat. Der Schreibstil ist einfach, sodass ich sehr gut durch die Seiten kam, allerdings empfand ich ihn an manchen stellen etwas ‚abgehakt‘ und wenig authentisch. Die Geschichte erleben wir aus den Perspektiven von Larissa und Chris, doch keiner der beiden konnte mir wirklich sympathisch werden, generell war das Buch gespickt mit mir unsympathischen Charakteren.
Larissa hat natürlich keinen einfachen Stand in ihrem Leben und struggelt verständlicherweise extrem. Doch wie sie selbst ihre eigenen Gedanken scheinbar gar nicht wahrnimmt und sich ständig entgegen ihrer eigenen Ratschläge verhält. Ihr Verhalten hätte nicht nur sie, sondern alle um sie herum unglücklich gemacht und dennoch kriegt sie es nicht hin, darüber zu sprechen oder Mike gegenüber zu sagen, was sie stört.
Dann Chris, hilfsbereite ist das eine, übervorsorglich das andere. Auch Frauen können ihr Auto freischaufeln und Larissas Nussallergie… zu viel! Immerhin konnte sich hier einiges aufklären und er hat sein Verhalten reflektiert, aber es hat mich dennoch Nerven gekostet.
Und dann noch die drei toxischen Figuren Mike, Donna und Nancy, die alle unglaublich schrecklich handeln und einen immer wieder zum Kopfschütteln bringen.
Auch die Beziehung zwischen Mike und Larissa konnte ich zu keiner Zeit nachvollziehen, sie lief einfach nebenher ab und war doch irgendwie nie wirklich existent. Monate vergingen und gefühlt haben die beide sich kein bisschen besser kennengelernt. Da fällt es auch schwer, Larissas Problem an einer Trennung nachzuvollziehen, denn gefühlt war da gar keine Beziehung.
Generell hat mir auch der Zeitraum der Geschichte Probleme gemacht. Einzelne Szenen/Tage werden sehr detailliert dargestellt, dann verrinnen wieder Wochen oder Monate und nichts ist in der Zwischenzeit passiert.
Mich hat lediglich das Interesse an der Auflösung dieses Chaos interessiert, weswegen ich die Geschichte zu Ende gelesen habe und das wiederum ist auch der einzige positive Aspekt, den ich hervorheben kann. Ich mochte die Entwicklung, das Reflektieren und die Worte, die zwischen und für eine Freundschaft fielen.
Rezensionen von Katyleh:
Kleinstlebewesen mit Großwirkung
Bakterien – die heimlichen Helden von Peter Wohlleben
Ich geb’s zu: Vor dem Buch dachte ich bei Bakterien an „eklig“ und „Hände waschen“. Nach 200 Seiten denk ich: „Okay, ohne die läuft hier gar nichts.“ Peter Wohlleben schafft es wieder, ein Thema das eigentlich unsichtbar ist, lebendig und greifbar zu machen.
Worum’s geht:
Wohlleben zeigt, wie sehr unser Leben von Bakterien abhängt.
Nicht nur beim Joghurt oder Sauerkraut, sondern direkt in uns. In jeder Körperzelle, auf der Haut, im Darm. Die kleinen Kerle produzieren Hormone, beeinflussen unsere Stimmung, motivieren uns sogar zum Sport. Und draußen in der Natur steuern sie das Wetter mit und könnten sogar bei der Klimakrise helfen. Seine These: Wir bestehen zu großen Teilen aus Bakterien und sollten endlich aufhören, gegen sie Krieg zu führen. Besser kooperieren.
Was mir gefallen hat:
Sympathischer Ton: Wohlleben schreibt nicht wie ein Laborbericht, sondern wie jemand, der dir beim Spaziergang begeistert erzählt, was er gerade entdeckt hat. Man merkt, dass er selbst fasziniert ist.
Anschauliche Geschichten: Er bindet viel eigene Erfahrung und Beispiele aus dem Alltag ein. Plötzlich macht es Sinn, warum Sauerkraut gut für den Bauch ist oder warum ein Spaziergang im Wald guttut.
Aha-Momente: Ich wusste nicht, dass Bakterien kommunizieren und gemeinsame Aktionen planen können. Das Buch ist wie ein Mikroskop – man sieht plötzlich eine ganze Welt, die vorher unsichtbar war.
Was mir gefehlt hat:
Manchmal wird’s ein bisschen zu erzählerisch. Wer knallharte Fakten und Studien will, muss sich durchhangeln. Und an ein paar Stellen wiederholt sich die Botschaft „Wir müssen netter zu Bakterien sein“. Verstanden hab ich’s nach dem zweiten Mal auch.
Fazit:
Ein Buch für Neugierige, die verstehen wollen, was im Hintergrund unseres Körpers und der Natur abläuft. Kein Fachbuch, sondern Alltagsbiologie zum Mitnehmen. Man legt es weg und guckt danach mit anderen Augen auf den Joghurt im Kühlschrank und auf den eigenen Darm.
4 Sterne für sympathisches Storytelling und viel neues Wissen. Den 5. Stern gibt’s nicht, weil’s mir stellenweise zu wenig Struktur und zu viel „Wohlleben erzählt“-Vibe war. Aber gelernt hab ich auf jeden Fall was.
Rezensionen von carola1475:
Spannend, beklemmend und realitätsnah
Nummer 138 von Gavin Bell
Ein behördeninternes Analyseprogramm findet schnell heraus, was einige Morde, die in verschiedenen US-Bundesstaaten verübt werden, gemeinsam haben: es ist die Adresse 138 Main Street. Davon gibt es über 7000 im ganzen Land, was einen großen, komplexen Fall mit ungeheurem Medieninteresse erwarten lässt.
FBI-Agent Ben Walker stellt eine Taskforce zusammen, zu der auch der Analytiker Matt Brodie und Officer Zoe Hill gehören, die Walker an einem der Tatorte durch ihre Aufmerksamkeit und Kombinationsstärke aufgefallen ist.
Es gibt keinerlei Spuren vom Täter, die Ermittler stehen unter Zeitdruck und untersuchen in alle Richtungen, können weitere Morde nicht verhindern und erst ein an die Presse gesandtes Manuskript offenbart die Gedankenwelt des Täters, der wie ein Terrorist die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.
Gavin Bell schreibt klar, lebendig und bildhaft, beschreibt auch die vielfältigen verschiedenen Main Streets, die zu Tatorten werden und zeigt so die Beliebigkeit der Mordopfer. Ich bekomme Einblicke in das Leben verschiedener Bewohner von 138 Main Streets, die auf die potentielle Bedrohung mehr oder weniger gelassen oder zunehmend ängstlich und panisch reagieren und nehme Teil an den fast schon verzweifelten Ermittlungen, denen der Täter stets einen Schritt voraus ist.
Der Autor erhöht die Spannung auch durch multiperspektivisches Erzählen, was mich immer neugierig auf den nächsten Perspektivwechsel hat warten lassen, um zu erfahren, wie es dort weitergeht.
Die Figurenzeichnung ist gelungen und lässt mich mitfiebern und bei den Protagonisten hoffen, dass sie den Fall überleben.
'Nummer 138' ist klug konzipiert und fesselnd geschrieben, beängstigend sind die Aktualität und die Realitätsnähe der von Anfang bis Ende spannenden Geschichte. Mir hat der temporeiche Thriller mit dem düsteren Cover sehr gut gefallen und ich hoffe auf weitere Bücher von Gavin Bell.
Rezensionen von yellowdog:
Regime Change in Europa
Wer sind wir? von Joschka Fischer
Der politisch nicht mehr aktive Joschka Fischer ist doch noch sehr präsent. Erst letztes Jahr hat er mit einem eindrucksvollen und komplexen Werk überzeugt.
Jetzt ein Buch über deutsche Identität. Doch diesmal enttäuscht er, denn eigentlich erzählt er hauptsächlich die Geschichte Deutschlands, z.
B. ab Stunde Null nach. Offenbar definiert Fischer Deutschlands Identität aus dem Wiederaufbau nach 45. Westdeutschland war in dem Sinne verwestlicht, im positiven Sinne.
Er spricht viel von Europa und der Abkehr der USA.
Wenn ich richtig interpretiere, liegt Deutschlands Identitätssuche ein gutes Stück weit bei dem Versuch einer deutschen Führung in Europa, sozusagen ein Regime Change in Europa.
Einige Passagen des Buches sind also schon gelungen, doch ob sich darin die Frage nach der Identität erschöpft, wage ich zu bezweifeln.
Folgen kann man der im Nachwort angebotenen Antwort, dass Europa sich jetzt selbst kümmern muss, da auf die USA nicht mehr gezählt werden kann. Jetzt oder nie!
Vielleicht gelingt Joschka Fischer die Debatte über das Thema, wenn er mit diesem Buch und seinem wichtigen Thema auf Lesereise geht.
Rezensionen von Shilo:
Viel Gefühl, aber wenig Prada
Prada – Sie träumte von Mode und fand die Liebe von Susanne von Berg
Schon nach den ersten Kapiteln war spürbar, dass hier weniger die Geschichte eines bekannten Modehauses im Mittelpunkt steht, sondern vor allem eine sehr romantisch angelegte Liebesgeschichte. Die junge Sofia verlässt ihr Dorf, arbeitet bei den Brüdern Prada in Mailand und träumt davon, eigene Entwürfe zu schaffen.
Gerade dieser Einstieg machte zunächst neugierig, weil die Verbindung aus Mode, Italien und einer Frau mit großen Plänen viel Atmosphäre versprach. Auch das Cover und die Inhaltsangabe weckten Erwartungen an einen Roman, der stärker in die Welt von Prada eintaucht.
Leider konnte die Geschichte dieses Gefühl nur selten halten. Vieles wirkte recht oberflächlich und oft auch unnötig dramatisch. Die Liebesgeschichte zwischen Sofia und Mario nahm schnell sehr viel Raum ein, während die Entwicklung des Geschäfts eher im Hintergrund blieb. Dadurch entstand stellenweise das Gefühl, dass der Name Prada vor allem als Kulisse genutzt wird. Wer hofft, mehr über die Entstehung der Marke oder das damalige Italien zu erfahren, dürfte vermutlich etwas enttäuscht sein.
Auch die Figuren blieben eher blass. Sofia hatte zwar sympathische Momente, wirkte aber oft zu idealisiert. Mario wiederum blieb schwer greifbar und manche Entscheidungen erschienen wenig glaubwürdig. Einige Dialoge klangen zudem überraschend zeitgemäß und dem heutigen Sprachgebrauch angepasst, wodurch die Zeit um 1913 nicht immer lebendig wirkte. Gerade bei einem historischen Liebesroman fällt so etwas schnell auf.
Dabei liest sich das Buch durchaus flüssig und leicht. Die Seiten vergehen schnell und manche Szenen vermitteln ein angenehmes Bild vom alten Mailand, von Stoffen, kleinen Werkstätten und dem Wunsch nach einem besseren Leben. Trotzdem fehlte über weite Strecken die Tiefe. Gefühle wurden häufig sehr ausgeschmückt beschrieben, ohne wirklich zu berühren. Dadurch wirkte vieles etwas überladen und vorhersehbar.
Besonders schade war das nach den positiven Eindrücken anderer Bücher der Autorin. Vor allem die Kaufhaus-Reihe sowie die Alltagswunder-Saga konnten mit Atmosphäre, Figuren und Zeitgefühl deutlich mehr überzeugen. Umso größer war hier die Hoffnung auf einen Roman, der Modegeschichte und persönliche Schicksale glaubwürdig verbindet.
Wichtig ist aber auch, dass es sich um einen fiktiven Liebesroman handelt, der keine wirkliche Geschichte über Prada erzählt und die Realität keineswegs widerspiegelt. Wer eher eine leichte Liebesgeschichte mit etwas Glamour sucht, könnte trotzdem unterhalten werden. Die Erwartungen an einen tieferen Roman über die berühmte Marke sollten allerdings nicht zu hoch sein.
3 Sterne.











