Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von PucKker:

Das Leben als Kind alkoholkranker Eltern

Säuferkind von Cornelia Hoppe; Wigbert Löer

Cornelia Hoppes „Säuferkind“ ist ein autobiografisches Werk, und solche Bücher zu bewerten, ist immer schwierig. Hoppes Geschichte ist zutiefst erschütternd und macht betroffen: Als Kind alkoholkranker Eltern wächst sie unter katastrophalen Bedingungen auf und heiratet später selbst einen Mann, der trinkt.

Viele ihrer Erlebnisse gehen unter die Haut und schärfen den Blick für die Lebens- und Gefühlswelten von Kindern, die unter ähnlichen Umständen aufwachsen. Es ist ein Buch, das sensibilisiert und sicherlich auch für Hoppe selbst eine Art Therapie war – dafür ziehe ich meinen Hut.

Der Schreibstil hat mich allerdings nicht überzeugt. Viele Sätze beginnen mit „und“, wirken unfertig, fast wie ein Entwurf. Die Sätze sind teilweise so kurz, dass der Lesefluss abgehakt ist. Besonders in den ersten Kapiteln, die die Zeit vor Hoppes Geburt thematisieren, gibt es viele Sprünge. Es liest sich wie eine lose Aneinanderreihung von Stichpunkten. Im weiteren Verlauf wird das zwar um einiges besser, aber ein literarisches Highlight darf man hier nicht erwarten.

Die zwischendurch eingeschobenen Kurzinfos zu Webseiten, Studien und Interviews fand ich ebenfalls störend. Sie reißen einen aus der Erzählung und nehmen dem Buch etwas von seiner Intensität. Für mich haben sie wenig zum Verständnis beigetragen und eher den Lesefluss behindert.

Trotz dieser Schwächen ist Säuferkind ein wichtiges Buch. Es öffnet die Augen für ein oft verdrängtes Thema und erzählt eine Geschichte, die lange nachwirkt. Wer sich nicht am Stil stört, wird hier einen tiefen Einblick in ein Leben finden, das so viele Menschen betrifft und doch so selten zur Sprache kommt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von PucKker

Rezensionen von Kwinsu:

Keine:r sah es kommen

Was wir nicht kommen sahen von Katharina Seck

Ada ist 18, als sie sich das Leben nimmt. Ihr Suizid ist für ihre Eltern Jenny und Dominik anfangs unerklärlich, doch sie machen sich auf Spurensuche und blättern nach und nach auf, welchem Terror sich ihre Tochter unterziehen musste. Ada wurde Opfer einer ganz perfiden Art von Cybermobbing, das auch auf ihr physisches Leben übersprang.

Und keiner konnte ahnen, wie belastet die junge Frau wurde...

Katharina Seck ist mit "Was wir nicht kommen sahen" ein mitreißender Roman gelungen, welcher der Gesellschaft einen Spiegel vorhält - und das mit Nachdruck. Sie thematisiert so viele unterschiedliche gesellschaftliche Aspekte, wie das nach wie vor vorherrschende Patriarchat, Mobbing in seinen unterschiedlichsten Formen (physisch & digital & hybrid), Incels, fehlende Aufklärung im Schulsystem und allgemein in der Gesellschaft was den digitalen sozialen Raum betrifft, um nur einige wenige zu nennen.

Die Erzählperspektive macht das Buch neben der relevanten Themen noch spannender - wir wechseln uns beim Lesen ab zwischen Ada und ihrer Mutter Jenny, wobei auch immer wieder in der Zeit gewechselt wird - wir erleben, wie Jenny und Dominik mit Adas tot und der Trauer kämpfen, aber auch den schweren Kampf, den Ada gegen die digitalen Trolle führte. Nach und nach recherchieren ihre Eltern, welche Ereignisse ihre Tochter durchleben musste, ohne dass sie auch nur einen Funken davon mitbekommen hatten (kaum gab es einen treffenderen Buchtitel!). Den Schreibstil der Autorin finde ich sehr eindringlich, er ist direkt und philosophisch und gesellschaftskritisch durch und durch - und erinnert mich sehr an den Stil von Mareike Fallwickl.

Besonders hervorheben möchte ich, dass zwischendurch auch immer wieder "die Anonymität" zum Erzählen kommt: in diesen kurzen Kapiteln werden Menschen, über deren Identität wir nichts genaueres erfahren, beschrieben - wie sie denken und fühlen, beispielsweise ein Incel, der über seinen Frauenhass und seine Incel-Gruppe berichtet, aber auch eine junge Frau aus schwierigen Verhältnissen, die (Mobbing-) Täterin und Opfer zugleich ist. Das finde ich deshalb so gut, da hier ohne Wertung auch die "Gegenseite" gezeigt wird, die nämlich auch Menschen und meist selbst in irgendeiner Weise Benachteiligte der Gesellschaft sind. Aber auf sie wird nicht mit dem Finger gezeigt, sondern durch die objektive Beschreibung dieser Charaktere den Lesenden veranschaulicht, dass es eben auch eine andere Seite mit eigenem Schicksal gibt - toll!

Besonders die Trauer und Verzweiflung von Adas Mutter Jenny werden so absolut nachvollziehbar beschrieben, dass ich beinahe das Gefühl hatte selbst in ihrer Haut zu stecken. Auch die Beziehung zu ihrem Mann Dominik, die in der Trauer nicht nur Höhen erlebt, wird authentisch dargestellt. Einen kleinen Punkteabzug gebe ich aber trotzdem, da für mich die Figur Ada nicht ganz greifbar ist. Sie wird als so starke und kämpferische junge Frau dargestellt, dass für mich der radikale Schritt Suizid nicht wirklich nachvollzogen werden kann. Ich möchte keinesfalls herunterspielen, dass das was sie durchmachten musste, an Heftigkeit kaum zu überbieten ist, hinzu kam ein persönlicher Vertrauensbruch als letztes Tüpfelchen - und trotzdem fühlte sie sich wie eine Person an, die gegen das System kämpft und nicht aufgibt.

Mein Fazit: "Was wir nicht kommen sahen" ist ein Buch, was alle Eltern von Teenagern lesen sollten, um etwas mehr von ihrer Lebensrealität zu verstehen. Es wäre außerdem ein hervorragendes Buch für den Unterricht, um das Thema Cybermobbing zu reflektieren. Im Stil von Mareike Fallwickl hält Katharina Seck der Gesellschaft eine Spiegel vor, der einen ordentlich zum Nachdenken bringt und auch etwas fragend hinterlässt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Kwinsu

Rezensionen von Michaela:

Spannend mit leichten Längen in der Mitte

Minus 22 Grad von Quentin Peck

'Minus 22 Grad' beginnt sehr spannend. Laura Gehler wird nachts bei einer Radtour entführt und erwacht in einem gläsernen Käfig. Kurze Zeit später erhält ihre Mutter eine Puppe zugesendet, welche den ermittelnden Kriminalkommissar Lukas Johannsen auf die Spur eines ungeklärten Falls bringt. In einem Nebenstrang lernen wir Ariane kennen, welche Tom an einem eiskalten Abend vor dem Ertrinken im Eiswasser rettet.

Wie werden diese beiden in die Geschichte passen?
Der Spannungsaufbau am Beginn ist meines Erachtens wirklich sehr gut gelungen. Ich kann das Buch kaum aus der Hand legen. Der Schreibstil ist eingehend und unterhaltsam. Leider schwächt sich dieser Eindruck nach ca. einem Drittel ab. Ich hatte dann das Gefühl, dass die Geschichte nicht vorankommt und über viele Seiten zu viele unwichtige Details viel Raum bekommen. Ca. im letzten Drittel kommt wieder Bewegung in die Geschichte und es wird wieder richtig spannend, mit unerwarteten Wendungen. Also durchhalten lohnt sich!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Michaela

Rezensionen von yellowdog:

Loretta Darling

Not your Darling von Katherine Blake

Es sind die fünfzigern Jahre. Margaret aus England will unbedingt in die USA, nach Hollywood und sie ist entschlossen sich durchzusetzen. Als Maskenbildnerin für die Stars.
Das Cover gefällt mir gut und genau so, wie die Frau mit Hut und dem spöttischen Blick darauf aussieht, habe ich mir die Protagonistin beim Lesen vorgestellt.

Margarete nennt sich schließlich Loretta Darling.
Ihre originelle, schlagfertige Erzählstimme dominiert den Text. Sie nimmt die Umgebung mit kritischen Blick wahr, hat immer auch ihren Vorteil im Blick.
Das Erzähltempo ist recht hoch, das passt zur Handlung.
Katherine Blake hat einen filmreifen Stil. Man glaubt beim lesen, die Szenen direkt vor sich zu haben.
Mutig, so eine egozentrische Hauptfigur einzusetzen, das erinnert mich an Emma Clines Protagonistin aus Die Einladung.
Doch Loretta hat auch eine weiche Seite, die sich darin zeigt, dass immer wieder Briefe an ihre Schwester nachhause schreibt.Erst am Ende erfährt man dazu noch etwas entscheidendes.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von yellowdog

Rezensionen von Miro:

Mutterliebe

Wenn nachts die Kampfhunde spazieren gehen von Anna Brüggemann

Regina ist eine Selfmadewoman und wird nicht müde das immer wieder zu betonen; bei jedem Geburtstag ihrer Töchter, bei deren Abifeiern und eigentlich bei jedem Anlass, wo man eine kurze Rede halten kann. Immer wieder hält sie ihren Töchtern vor Augen, was sie alles geschafft hat, ganz ohne Unterstützung ihrer Eltern und wie gut es nur ihre Töchter hätten, die ja so exzellent von ihr gefördert werden.

Wenn das mal nicht Druck auslöst, der sich irgendwie Bahn brechen wird.

Während die ältere Antonia auf die ganze Unterstützung pfeift und ihr Studium hinschmeißt, ergibt sie die jünger und vielversprechendere Wanda dem ganzen Druck und wird dabei zu einer anorektischen Perfektionistin.

Wir begleiten die beiden Töchter auf ihrem Abnabelungsprozess, der alles andere als linear verläuft. Beide haben ihre Päckchen zu tragen und müssen auch einen Weg finden, miteinander klar zu kommen. Denn die Ansprüche der Mutter reißen eine tiefe Kluft zwischen die Schwestern. Sie werden ständig in eine Rivalität gedrängt, die beiden nicht zusagt. Ihre Wege sind sehr unterschiedlich und doch nagen beide and den selben Wunden und sehnen sich dabei nach nichts anderem als bedingungsloser Mutterliebe.

Dieser Roman hat mich sehr beeindruckt. Als Leserin mit Schwestern und einer Mutter im Alter von Regina kann ich ganz einig Parallelen finden. Zum Glück waren sie bei uns bei weitem nicht so ausgeprägt. Aber zu denken gibt mir das schon. Man beginnt Muster und Strukturen zu erkennen, die unterschwellig immer zu spüren waren.

Der Weg aus der traumatisierenden Kindheit wird hier so schön dargelegt. Die Töchter gehen völlig verschiedene Wege und sehen sich immer wieder mit anerzogenen Mustern konfrontiert, die sie manchmal handeln lassen, sich aber auch immer wieder auch hinterfragen lassen. So ein Weg ist nicht einfach zu gehen, aber in einem stetigen Auf und Ab, ist doch ein vorankommen zu erkennen. Das hat mir außerordentlich gut gefallen!

Somit empfehle ich das Buch allen, die sich mit der Mutterrolle mal kritisch auseinandersetzten wollen. Es werden so viele Themen abgehandelt, dass sich wahrscheinlich alle Interessierten was für sich herausholen können. Für mich war das Buch ein Highlight und wird dem coolen Titel absolut gerecht. Ich hoffe, es findet noch viele begeisterte Leser*innen!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Miro

Rezensionen von Tara:

Köln in der Nachkriegszeit

Die Melodie des Aufbruchs von Marion Johanning

„Die Melodie des Aufbruchs“ ist der Trilogieabschluß der Neue-Zeiten-Serie der Autorin Marion Johanning. Zum besseren Verständnis und um die Ereignisse richtig einordnen zu können, würde ich empfehlen zunächst die beiden vorherigen Bände zu lesen.

Die Handlung beginnt im Oktober 1946 und endet im August 1947.

In dieser Zeitspanne begleiten wir Emma und Kurt. Ihre Liebe zueinander gestaltet sich von Beginn an als schwierig, da Emma verheiratet und noch nicht geschieden ist.

Emma ist eine liebenswerte Protagonistin, die das Herz am rechten Fleck trägt und die im Verlauf der Handlung eine bemerkenswerte Entwicklung durchmacht. Ihre Gedanken und Gefühle sind nachvollziehbar. Sie wirkt authentisch und nahbar. Auch die übrigen Charaktere werden greifbar und gut beschrieben.

Der Schreibstil von Marion Johanning liest sich angenehm leicht und flüssig. Sie hat die Atmosphäre der Nachkriegsjahre, die Not der Menschen sowie die wiederkehrende Lebenslust gut eingefangen.

Mit Köln hat die Autorin ein tolles Setting gewählt, das sie großartig beschreibt. Da ich die Stadt kenne, hatte ich beim Lesen alles direkt vor Augen.

In einem kurzen Glossar werden abschließend einige umgangssprachliche und kölsche Ausdrücke erklärt, die die Atmosphäre des Romans nochmals gelungen unterstützt haben.

Mit ihrer Trilogie hat die Autorin es geschafft ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte anhand einzelner Schicksale lebendig werden zu lassen. Ich habe die Bücher sehr gerne gelesen, da sie Geschichte und Emotionen gut miteinander vereinen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Tara

Rezensionen von Miro:

Alle für einen, einer für alle!

Das perfekte Grau von Salih Jamal


In einem schäbigen Hotel an der Ostsee kreuzen sich die Wege von Dante, Rofu, Mimi und Novelle. Sie alle haben ihr Päckchen zu tragen und sind irgendwie auf der Flucht. Dante ist auf der Flucht vor seinem Leben, weil es ihm nie gelungen ist Entscheidungen zu treffen. Rofu ist über das Mittelmeer geflohen und musste auf seinem Weg so einiges mitansehen.

Mimi ist irgendwie auf der Flucht vor der Polizei und Novelle flieht regelmäßig in Alkoholexzesse.

Auf einem gemeinsamen Ausflug lernen sich die Vier besser kennen und langsam Schritt für Schritt beginnen sie sich einander zu öffnen. Nach einem speziellen Ereignis machen sie sich wieder auf den Weg und treten eine gemeinsame Reise an, die sie in ein neues Leben bringen soll. Welches auch immer auf sie warten wird.

Mit diesem Buch machen wir uns auf den Weg mit vier Fremden, die wir anfangs überhaupt nicht verstehen. Seite für Seite bringt uns der Autor die Facetten der Persönlichkeiten näher und wir erfahren stückchenweise was sie zu den Leuten gemacht hat, die sie nun sind. Sie lernen langsam wieder zu vertrauen und beginnen zu erkennen, dass man Familie auch finden kann. Sie stehen für einander ein und beginnen sich dabei selbst zu finden.

Auf ihrem Weg thematisieren sie die verschiedensten Problematiken und das wirkt manchmal leider etwas aufgesetzt. Hier hat der Salih Jamal vielleicht ein bisschen zu viel reingepackt. Das wird allerdings durch die Eloquenz des Autor wieder wettgemacht. Seine Sprachbilder sind beeindruckend, emphatisch und anschaulich. Das macht das Buch zu einem vielversprechenden Debüt. Auch wenn mir inhaltlich nicht immer gefällt, wie sich die Handlung entwickelt, bleibt das Buch sprachlich durchgängig auf einem sehr hohen Level.
Mich macht das Buch definitiv neugierig auf das nächste Buch aus der Feder von Salih Jamal. Und es wartet auch bereits auf meinem SuB.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Miro

Rezensionen von Streiflicht:

Spannung und viele Ermittlungen

Mit kaltem Kalkül von Michael Tsokos

Da ich bereits Kaltes Land und Mit kalter Präzision mit großer Begeisterung gelesen habe, war ich natürlich neugieirg, wie es mit Dr. Sabine Yao weitergeht. Die Story klang vielversprechend und extrem spannend und das war es auch. Ich finde die Rechtsmedizin ein sehr spannendes Feld, gerade auch aus ermittlungstechnischer Sicht.

Mir hat das Buch wieder sehr gut gefallen, schade fand ich allerdings, dass die Person, die als Hauptfigur genannt wird und die ich sehr schätze, eher am Rande vorkam. Da hätte ich mir mehr gewünscht.
Richtig gelungen fand ich die verschiedenen Erzählperspektiven, die sehr viel Nähe zwischen dem Leser und den Figuren zulassen. Dadurch wird es zum Teil sehr berührend, beispielsweise bei den Szenen aus der Sicht des Kindes. Ebenfalls gut finde ich die kurze Einordnung bzgl. Ort und Zeit am Anfang jedes kurzen Kapitels. So hat man immer eine gute Orientierung und durch die kurzen Abschnitte liest sich das Buch auch sehr flott.
Man merkt, wo der Autor selbst arbeitet und dass True Crime-Fälle miteinfließen, denn das Buch scheint extrem authentisch zu sein. Insgesamt eine echt gute Umsetzung und Unterhaltung! Wenn dann beim nächsten Mal wieder ein bisschen mehr Sabine Yao mit drin ist, bin ich restlos begeistert!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Streiflicht

Rezensionen von Ryria:

Wichtiges Buch über die dunklen Seiten des Internets

Was wir nicht kommen sahen von Katharina Seck

Das Internet verbindet mittlerweile Menschen aus der ganzen Welt miteinander, man findet Freunde, die tausende Kilometer entfernt wohnen. Problematisch wird es nur, wenn die Anonymität dazu ausgenutzt wird, seine eigenen dunklen Seiten dort auszuleben.
"Was wir nicht kommen sahen" beschäftigt sich auf eindrückliche und zutiefst berührende Art mit eben diesen Schattenseiten und den Konsequenzen, die daraus entstehen können.

Ada ist gerade einmal 18 Jahre alt, aber schon eine recht erfolgreiche Streamerin auf Twitch. Dies lockt nur leider zahlreiche Menschen an, die ihre eigenen Missstände im Leben dadurch kompensieren wollen, indem sie anderen das Leben zur Hölle machen. Der Leser begleitet einerseits Ada auf ihrer Reise in die Abgründe unserer (Internet-)Gesellschaft, andererseits ihre Mutter Jenny auf ihrer Suche nach Antworten nach Adas Suizid. Es entsteht ein geschicktes Spiel mit verschiedenen Perspektiven und Zeitebenen: Für Ada entwickelt sich das Grauen in diesem Moment, für Jenny ist all dies schon Vergangenheit, die sie nicht mitbekommen hat. Ebenso gibt es immer wieder Kapitel aus der Sicht der "Anonymität", also den Menschen, die sich hinter den Nutzernamen verbergen, die oft ohne Hemmungen Hasskommentare etc. verbreiten. Dies ist teilweise unangenehm zu lesen, aber doch auch sehr wichtig: Warum werden Menschen zu Tätern? Vielleicht kennt man als Leser ja auch solche Personen und kann so möglicherweise auch helfen oder Schlimmeres verhindern.

Generell hat mir der Schreibstil auch sehr gut gefallen, die Gefühle wirken extrem authentisch und viele Beschreibungen und Metaphern sind einfach sehr passend. Vor allem die Charakterisierung von Ada finde ich sehr gelungen, sie ist eine Streamerin/Gamerin frei von diesen Vorurteilen, die man so oft liest. Auch Jennys Erfahrungen als Mutter und die ihres Mannes haben echt auf mich gewirkt, man konnte ihre Verzweiflung, Trauer und Besessenheit wirklich gut spüren.
Die geschilderten Arten des Cybermobbings sowie die Arten von "Menschen im Internet" fand ich auch überzeugend, wenn man viel online unterwegs ist wird man zwangsläufig selbst damit konfrontiert.

Auch wenn man von Beginn an weiß, wie Adas Schicksal aussieht, so war es doch auch spannend herauszufinden, was sie an diesen Punkt geführt hat. Bei Nebencharakteren fragt man sich, was sie verschweigen mögen, bei Adas Erlebnissen fürchtet man sich vor dem nächsten Angriff.
Insgesamt halte ich dieses Buch für echt wichtig: Ich bezweifle zwar, dass die Leser*innen hiervon selber Mobber sind und durch die Lektüre geläutert werden, aber es spendet Betroffenen ein wenig Hoffnung (niemand ist alleine!) und informiert vor allem Eltern nochmal mehr über mögliche Gefahren und das, was wirklich so abgeht.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ryria

Rezensionen von Harakiri:

Gänsehaut

Eisiges Glas von Anders de la Motte

Zwei junge Männer kommen auf einer einsamen Insel zu Tode, ein rätselhaftes Monster mit roten Augen tötet die beiden.
Leo Asker soll beweisen, dass ihr Vater keine Schuld am Tod seines ehemaligen Freundes hat, der nach vielen Jahren in der Nähe seiner Farm tot aufgefunden wird.
Martin Hill möchte ein Buch über eine bekannte Persönlichkeit schreiben und stochert in ein Wespennest.

3 Handlungsstränge, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben. Doch bald wird klar: Alle Spuren führen nach Stjärneholm. De la Motte entwirft hier ein Szenario, das Gänsehaut verursacht.
Das Tempo des Romans ist ausgewogen – de la Motte nimmt sich Zeit, die Charaktere und ihre Motivation zu entwickeln, während er gleichzeitig die Spannung nie ganz aus den Augen verliert. Die Dialoge sind lebendig und tragen zur Charakterisierung bei, ohne je überflüssig oder langweilig zu wirken. Dennoch hat sich das Buch etwas gezogen, weil die Handlung nicht so recht vorankommen wollte.
Die Story wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was zusätzlich für Spannung sorgt.
Dadurch, dass Leo von der Unschuld ihres Vaters überzeugt ist, war ich es beim Lesen auch. Ich mochte vor allem die Szenen, in denen ihre Schläue zutage trat und wie sie ihre Gegner belauert, um dann zuzuschlagen. Der Kriminalfall ist raffiniert konstruiert und führt am Ende die beiden Stränge logisch und klar zusammen.
Fazit: ein wirklich schlüssiger Fall, der für Gänsehautmomente sorgt und die Grenzen zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit auslotet.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Harakiri