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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Kwinsu:

Was ist schon Glück?

Erde von Sven Hillenkamp

Jan ist entsetzt: er beobachtet, wie Bauarbeiter ohne mit der Wimper zu zucken, ein Möwennest zerstören, die Eier einfach auf den Asphalt werfen. Das Trauerkreischen der Möweneltern zerreißt ihm fast das Herz. Dies sind mitunter die intensivsten und empathischsten Gefühlsregungen, die wir vom Protagonisten im kompletten Buch direkt und ohne Umschweife zu spüren bekommen.

Nach diesem Prolog wird Jans Geschichte bis zur Gegenwart aufgerollt - und diese ist hart und nur schwer verdaulich.

Auf den knapp 170 Seiten werden wir als Lesende mit so viel Rohheit und Gewalt konfrontiert, dass es nur schwer auszuhalten ist. Jans Kindheit ist - nach den ersten wenigen, schönen Jahren - scheinbar immer mehr ein Weg in die Hölle. Seine Mutter ist selbst- und sexsüchtig, ihr Äußeres das Wichtigste, genauso wie verschiedene Beziehungen zu Männern. Wenn diese in die Brüche gehen, folgt rasch ein Suizidversuch der Mutter, die ihren Verflossenen, jedoch nicht ihrem Sohn einen Abschiedsbrief hinterlässt. Zuneigung für ihr Kind lässt sie nur wenig spüren, vielmehr ist Vernachlässigung ein steter Begleiter. Irgendwann verschwindet die Mutter und Jan zieht zu seinem Vater und dessen neue Frau Alexandra. Der Vater ist schwach und entzieht Jan jegliche Grenzen, einstig Alexandra erkennt, wie wesentlich solche für die Entwicklung eines Kindes sind - und wird dementsprechend zur Buhfrau für Jan. Mit nur 16 Jahren zieht er aus und weg und wird mehr oder minder selbstständig. Jans Leben allein ist geprägt von Dingen, die ihm seine Eltern gut beigebracht haben: er sucht sich Bestätigung durch Sex, ist von sich selbst sehr überzeugt, rührt für andere keinen Finger. Er eckt überall an, scheint oft teilnahmslos, ja durchaus emotionslos zu sein. Nicht einmal der Tod bestimmter Menschen scheint sonderlich an ihm zu kratzen. Er treibt durch das Leben wie ein Stück Holz durch einen übergetretenen Fluss - er ist Teil vom Leben, aber ebenso teilnahmslos, wohin er treibt, scheint völlig egal zu sein. Er vernachlässigt sich selbst genauso wie die Menschen, die ihm etwas bedeutet haben könnten.

Der Ich-Erzähler Jan ist äußerst unzuverlässig. Oft gibt er vor, glücklich zu sein, ohne, dass man ihm das abkauft. Er macht Dinge, ohne wirklich Anhaltspunkte für eine Erklärung zu liefern. So kämpft er in einer linksradikalen Gruppierung, ohne, dass wir seiner Ideologie näher kommen würden. Grundsätzlich: alles was er erzählt ist karg und entrückt. Diese harte Sprache ist so distanziert, dass man in keiner Sekunde das Gefühl hat, ihm näher zu kommen. Es gibt wenige Situationen, bei der wir Lesende erahnen können, dass Jan tatsächlich (positiv) fühlt, etwa, wenn er mit Kindern zu tun hat oder wenn er von seinem Großvater erzählt. Doch wenn das Buch beendet ist, liest man den Beginn von Neuem und weiß - Jan hat sich entwickelt. Und vielleicht doch noch sein Glück gefunden. Aber was ist schon Glück?

Mein Fazit: "Erde" ist ein schmerzhaft zu lesender Roman, der von der Kraft der Distanziertheit und Grenzenlosigkeit lebt. Er schockiert, macht fassungslos und braucht definitiv lange bis er sickert. Am Besten tut er das, wenn man die Möglichkeit hat, sich mit anderen über ihn auszutauschen. Ich für mich habe irgendwann erkannt: diese Gewalt in jeglicher Hinsicht wird lange nicht vergessen werden. "Erde" ist langsam zu einem Jahreshighlight herangewachsen und könnte durchaus noch das ein oder andere Jahr überdauern.

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Leicht, sommerlich und informativ

Im Sommer der Wildbienen von Nina Mayen

Flora ist Autistin und tut sich unheimlich schwer mit Geräuschen jeglicher Art - und auch mit Menschen. Nachdem sie wieder einmal eine Panikattacke hatte, ihr das Familienleben Zuhause zu viel wird und sie keine Lust mehr an ihrem Studium in der Großstadt hat, beschließt sie, in das Haus ihrer verstorbenen Großmutter zu ziehen, das zwei Stunden entfernt in einem kleinen Dorf in der Eifel liegt.

Doch auch hier muss sie mit Menschen umgehen lernen. Nachdem ein Wildbienenschwarm sich in ihren Garten verirrt, kommt ihr August zu Hilfe, mit dem sie langsam ein Vertrauensverhältnis aufbaut. Auch andere Menschen treten in ihr Leben - vor allem Eden, für die sie bald schon mehr als freundschaftliche Gefühle hegt. Doch Flora steht sich selbst im Weg.

"Im Sommer der Wildbienen" ist ein unterhaltsamer und kurzweiliger Coming-of-Age-Roman, der den Lesenden einen besonderen Einblick in die Gedanken und Verhaltensweisen von Menschen mit Autismus gibt. Wir erfahren, was die Protagonistin Flora irritiert, womit sie schwer zurecht kommt und was sie benötigt, damit es ihr gut geht, auch wenn sie das selbst nicht immer so treffsicher weiß. Aber Flora wird nicht nur auf ihr Autismusspektrum reduziert, vor allem ist sie eine junge Erwachsene, die gerade selbstständig wird, sich behaupten muss, über ihre Grenzen geht und die Verliebtsein erlebt. Besonders schön sind die Begegnungen mit den Menschen im Dorf gezeichnet, die Flora allesamt offen gegenübertreten und viel Herzlichkeit ausstrahlen. Auch ihre Familie ist offen und will nur ihr Bestes, dagegen wehrt sich die Protagonistin aber manchmal auch recht übertrieben.

Ich habe abwechselnd das Buch gelesen und das Hörbuch gehört - weil mir aber die Stimme und Erzählweise der Sprecherin Vanessa Bolder so gut gefallen hat, hab ich mir im Anschluss das ganze Hörbuch noch einmal angehört. Es ist ein gelungener, ruhiger Sommerroman, der gut unterhält und aufgrund der manchmal recht pubertierenden Verhaltensweise der Protagonistin vor allem für Jugendliche gut geeignet ist. Auch wenn das Buch nicht sonderlich tiefgründig ist, war es für mich besonders hinsichtlich der Schilderungen über Autismus und kurzweiliger Infos über Wildbienen auch sehr lehrreich. Und wie die Dorfgemeinschaft dargestellt wird, berührt einfach das Herz!

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Einfühlsam erzählte Familiengeschichte, leider mit historischem Manko

Wirf einen Schatten von Elena Fischer

Bauer Joseph kann nicht mehr. Nachdem ihn seine Frau Lis vor einigen Monaten samt dem gemeinsamen Sohn Samuel verlassen hat, sieht er keinen Grund mehr weiterzuleben. Am Weihnachtsabend des Jahres 1963 beschließt er also, seinem Leben ein Ende zu setzen. Just als er seinen Plan in die Tat umsetzen will, steht plötzlich die junge Birdie vor seiner Tür, schwerkrank benötigt sie dringend seine Hilfe.

Mit Widerwillen hilft er ihr, doch je mehr Tage sie miteinander verbringen, desto mehr Lebensgeister werden in Joseph wieder geweckt.

Elena Fischer erzählt mit "Wirf einen Schatten" eine einfühlsame Geschichte über das Leben in der Peripherie, das für die einen stimmig scheint und für die anderen zum Gefängnis wird. Es geht darum, wie bedrückend Konventionen sein können, wie belastbar Nichtgesagtes ist und wie nur ein Mensch das eigene Leben schlagartig verändern kann. Besonders hervorzuheben ist die geglückte Erzählperspektive. Einerseits wird in der erzählenden Gegenwart (1963/64) chronologisch die Beziehung von Joseph, Birdie sowie Josephs Schwägerin Ada erzählt, zu der er eine ganz besondere Verbindung hat. Ein weiterer Erzählstrang wird rückwärts geschildert, nämlich jener von Joseph, seiner Frau Lis und ihrem Sohn Samuel (und auch Ada). Nichts an den entgegenlaufenden Zeitstrahlen ist verwirrend, sondern alles überaus stimmig und einfach gut gelungen. Außerdem ist die Sprache der Autorin ein besonderer Genuss - sie erzählt beinahe schon in poetischem Stil, in einer Leichtigkeit, die etwas von der Schwere der damaligen Zeit nimmt, ihr etwas märchenhaftes verleiht. Die Sprache ist so eingänglich, dass bei mir sofort ein Film mit starken Bildern im Kopf entstanden ist, den ich nicht so schnell vergessen werde. Besonders die Landschaftsbeschreibungen, vom Wald, vom Schnee, vom Bauernhof, von den Tieren haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, ebenso wie die eindrücklichen Charakterbeschreibungen der einzelnen Figuren, in die man sich sehr gut hineinfühlen kann. Vor allem Josephs Figur ist gut gelungen, er ist gezeichnet von einer schweren Kindheit, in der er immer nur der schwache Bruder war und unter dem herrischen Vater und der verzweifelten Mutter litt. Seine Emotionalität und Empathiefähigkeit sind für eine Männerfigur eine Wohltat, was mich aber auch gleich zu den Negativpunkten meiner Rezension führt.

Trotzdem ich von dem eben geschilderten sehr begeistert bin, gibt es für mich in diesem Buch aber leider ein wesentliches Manko, nämlich die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Ich habe ja grundsätzlich nichts gegen fantastische Geschichten. Wählt jedoch eine Autorin bewusst ein zeithistorisches Setting, sollte dieses für meinen Geschmack auch glaubwürdig und gut recherchiert dargestellt werden. Auch wenn wir nicht genau wissen, in welchem Gebiet das Buch spielt - ich gehe von einem ländlichen Raum in Deutschland aus - sollten die zeitgenössischen Gegebenheiten doch auch einigermaßen stimmen. Das fängt bei den Namen an. So nennt sich Tilda etwa Birdie, was eher an eine Hippiebezeichnung (der sehr späten 60er/1970er) erinnert, als ein selbstgewählter Spitzname der frühen 1960er Jahre. Auch dass sich eine Elisabeth "Lis" genannt hat, ist außergewöhnlich, ebenso der Name "Ada". Dann ist auch ein Telefonanschluss im Roman sehr üblich - ein Telefonvollanschluss speziell im ländlichen Raum war aber in den 1960ern kaum vorhanden, noch weniger ein vorkommender Anrufbeantworter. Besonders Birdie ist eine Rebellin und ihrer Zeit weit voraus, wenn sie Themen wie Care-Arbeit oder die klassische Rollenverteilung kritisiert. Völlig unglaubwürdig ist dann Josephs Haltung zur Homosexualität, ist ihm diese doch völlig gleichgültig. Selbst wenn der Roman in der Gegenwart angesetzt wäre, wäre dies schon eine ungewöhnliche Haltung für einen Bauern in der Peripherie mit höchst konservativen Umfeld, aber im Setting der frühen 1960er-Jahre? Nö. Es ist zwar nachvollziehbar, warum die Zeit gewählt wurde, etwa, weil Mann eine Frau heiraten musste, nachdem er sie geschwängert hat und eine Trennung oder gar Scheidung höchstverpönt war. Aber wenn schon historisch, dann bitte doch plausibel.

Mein Fazit: "Wirf einen Schatten" ist ein wunderbar erzählte Familiengeschichte mit tollen, bildgewaltigen Charakter- und Landschaftsbeschreibungen, die leider durch historische Unglaubwürdigkeiten abgeschwächt wird. Schade, aber wem diese historischen Fehlgriffe nicht stören, kommt hier auf einen hohen Grad des Lesegenusses.

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Über das Festhalten an Vergangenem

Tschikago von Alexandra Stahl

Alexandra Stahl gibt uns in diesem Erinnerungswerk nicht nur Einblicke über die Leben ihrer Großeltern, sondern auch über ihre ehrenamtliche Tätigkeit in einem Seniorenheim und ihre Motivation, all dies niederzuschreiben. Sie verbindet ihre persönlichen Erinnerungen zu den Menschen mit einer historischen Rückschau auf die Leben von einer Generation, die so ganz andere Zeiten erlebt hat, wie wir sie heutzutage kennen.

Das Buch beginnt mit Erinnerungen an ihre Großeltern. Während ihre Oma sich vorwiegend um streunende Katzen kümmert, ist der Blick des Großvaters fokussiert auf handwerkliche Tätigkeiten und der für diese Generation zu typischen Nüchternheit. Sehr humorvoll wird immer auch der fränkische Dialekt der Menschen, über die gerade erzählt wird, eingewoben. Die Großeltern waren für die Autorin alles und es ist beeindruckend, wie sie es trotz verschiedener Schicksalsschläge geschafft haben, immer noch nach Vorne zu schauen. Der Tod des Großvaters scheint in der Autorin das Bedürfnis ausgelöst haben, sich nicht nur mit seiner Geschichte, sondern auch jener seiner Generation auseinanderzusetzen.

Im zweiten Teil des Buches steht dann die ehrenamtliche Tätigkeit der Autorin in einem Seniorenheim im Vordergrund. Umfassend erzählt sie von den Begegnungen und Sonderheiten der Personen, die sie regelmäßig und vorwiegend für Gruppenarbeit besuchte. Dabei streift die Autorin Themen wie Demenz, Einsamkeit und Verlust von Ehepartner*innen, aber auch jene, die den Menschen es ermöglichen, ihr Leben im Alter hoffnungsvoll weiterzugestalten, wie Musik, Backen und positive Erinnerungen an ihre gelebte Geschichte.

Im abschließenden dritten Teil fasst die Autorin zusammen, was all diese Begegnungen mit ihrer Motivation, die Erinnerungen aufzuschreiben, zu tun haben.

"Tschikago" ist ein liebevoll niedergeschriebenes Erzählbuch, das Menschen würdigt, die für die Autorin langfristig in Erinnerung blieben. Es besticht mit einem Zeitkolorit, der den Erzählenden überaus wichtig war und der es wert ist, ihn festzuhalten. Alter und Krankheit spielen ebenso eine Rolle wie die Wichtigkeit, Erinnerungen nachhaltig festzuhalten. Der Aufbau des Buches ist zwar nachvollziehbar, trotzdem wirkt er in der Gesamtschau als etwas chaotisch und willkürlich. Manchmal geraten die Beschreibungen der Menschen eher oberflächlich und scheinen unmotiviert. Trotzdem ist "Tschikago" ein kurzweiliges Buch, das all jenen gefallen wird, die sich für persönliche Geschichten aus dem vergangenen Jahrhundert interessieren.

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Die Wahrheit über unsere Körper

Unshame von Louisa Dellert

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich etwas gewehrt habe, dieses Hörbuch anzuhören. Natürlich hat es damit etwas zu tun, dass ich die Thematik unangenehm finde und ich auch nicht verneinen kann, dass ich das Thema gerne verdränge. Aber auch deswegen, weil es mir in meinem zugegebenermaßen gut gebildeten und akademischen Umfeld gut gelingt, Körper nicht zu thematisieren, weil jede*r doch so sein kann, wie sie oder er ist.

Klarerweise war mir bewusst, dass das aber nicht üblich ist, dass - auch wenn ich mich Körperbewertungen persönlich entziehe - es trotzdem für viele Frauen ein belastendes Thema ist. Wir alle werden bewertet, völlig egal ob wir dick oder dünn sind, ob wir Schönheitsidealen entsprechen oder nicht. Denn das ist die Quintessenz aus dem Buch - egal, was wir äußerlich "leisten" oder nicht, wir als Frauen werden immer bewertet. Und wir bewerten uns selbst, weil es uns in den patriarchalen Strukturen, in denen wir seit Jahrtausenden leben, so gewohnt sind, es uns sozialisiert worden ist.

Besonders eindringlich bleibt mir das erzählte Beispiel von den Fidschi-Inseln in Erinnerungen. Hier erzählt die Autorin von einer wissenschaftlichen Studie. In den 1990ern wurden auf den Fidschi-Inseln, wo es zu dieser Zeit kein "westliches" Fernsehen gab, Schülerinnen befragt, wie sie zu ihren Körpern stehen. Das gängige Schönheitsideal war zu dieser Zeit ein rundliches, wohlgenährtes und beinahe alle Schülerinnen waren zufrieden mit ihrem Körpern, solange er rundlich war. Nur wenige Jahre später, als das westliche geprägte Fernsehen auch auf den Fidschis Einzug gehalten hatte, wurde die Umfrage erneut durchgeführt. Und es zeigte sich: viele Schülerinnen fühlten sich viel zu dick, litten teilweise sogar an Essstörungen. Das zeigt: wie wir Körper sehen, ist "einfach" sozialisiert und vor allem: von Männern geprägt.

Louisa Dellert war selbst Fitness-Influencerin und berichtete jahrelang auf ihrem Insta-Account von ihrem Körperwahn. In "Unshame" berichtet sie uns nicht nur glaubhaft, sondern auch eindringlich, wie manipulativ sämtliche vermittelte Körperideale sind. Sie erklärt historische Entwicklungen, patriarchale Einengungen und Body Positivity anschaulich und nachvollziehbar, macht uns darauf aufmerksam, dass es niemals darum geht, jemanden gefallen zu müssen und dass es essentiell ist, immer das Individuum und dessen körperlichen und gesundheitlichen Voraussetzungen zu betrachten.

Auch wenn ich es erst nicht wahrhaben wollte, ist diese Buch ein so wichtiger Beitrag dafür, uns als Individuum anzuerkennen und uns klar zu machen, dass wir niemals wie "alle" sein können, dass wir niemals "genug" sein können, solange wir uns nicht selbst so akzeptieren, wie wir sind. Und dass wir gesellschaftlichen Zwängen unterliegen, gegen die wir uns auch wehren müssen. Dass die Scham nicht nur die Seite wechseln muss, sondern ganz verschwinden, wir uns nicht aufdrücken lassen müssen, was wir nicht sind!

Abschließend - neben der essentiellen Thematik - ist zum Hörbuch zu sagen, dass die Sprecherin Luise Georgi das Buch mitreißend und eindringlich einspricht und mit ihrer Eindringlichkeit jede mitreißt, die sich auf die schambehaftete Thematik einlässt. Das Buch - ob gelesen oder gehört - ist für jede Frau, die bereit ist, ihren Horizont zu erweitern, nicht nur ein schmerzlicher Genuss, sondern ein absolutes Muss!

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Unglaubwürdige Einsiedelei

Der Einsiedlersommer von Anne Sverdrup-Thygeson

Nachdem die Biologin Eva einen toten Sohn zur Welt bringen muss, will sie nur eines: Abstand. So bewirbt sie sich auf eine Projektstelle im Norden Norwegens, bei dem sie den ausgestorben geglaubten Eremitenkäfer nachweisen soll. Die größte Herausforderung scheint hier ihre abweisend wirkende Nachbarin Olga zu sein, mit der sie aber schon bald eine Freundschaft eingeht.

Die wirklichen Schwierigkeiten sind aber die rein kapitalistisch geprägten Menschen, die den Lebensraum des Käfers zerstören wollen. Und eine NS-geprägte Familiengeschichte, die von Lügen und falschen Wahrnehmungen nur so strotzt.

Leider konnte mich das Buch so überhaupt nicht überzeugen. Zwar ist der Schreibstil der Autorin sehr kurzweilig, nichtsdestotrotz ist die Figurenzeichnung und die sich manchmal zäh entwickelnde Geschichte für mich sehr mau - und unglaubwürdig.

Ich beginne bei der Protagonistin Eva: sie ist eine oft sehr übergriffig agierende Person. Sie ist überaus neugierig und scheint keine Grenzen zu kennen. So besucht sie Personen im Altenheim, um die "wahre" Geschichte herauszufinden, ohne dabei auf die Gefühle anderer zu achten. Oder sie betritt Häuser einfach so, mit dem unglaubwürdigen Argument, sie würde sich Sorgen um die betreffende Person machen. Dem nicht genug, wird ihr jegliche Übergriffigkeit aber sofort wieder verziehen. Sie wird beschrieben als Person, der die Natur sehr am Herzen liegt, aber als es wirklich darauf ankommt, nimmt sie einfach alles so hin, wie es ist. Ein weiterer Punkt, der nicht so recht stimmig erscheinen mag, ist ihr Verhältnis und ihr Umgang mit Männern. Sie fühlt sich von ihrem Lebenspartner eingeengt und nimmt diesen Job an, ohne ihn darüber zu informieren - mit der Begründung, dass sie durch den Verlust ihres gemeinsamen Kindes viele psychische Schmerzen erleiden musste, was ja durchaus plausibel klingt. Sie ist ihm - Einar - gegenüber aber oft so unfair, dass es ein Wunder ist, dass er trotzdem noch hartnäckig zu ihr steht. Abrupt und für mich nicht nachvollziehbar, ändert er seine Meinung und lässt dann wochenlang nichts von sich hören. Da streckt Eva schon ihre Fühler aus nach einem anderen, den sie "süß" findet, nur um herauszufinden, dass der doch nichts für sie ist, als sie sich annähern. Eva ist für mich insgesamt eine schwache und unausstehliche Person, bei der ich keine eindeutigen Haltungen erkennen konnte - was ich sehr schade finde.

Ziemlich sympathisch hingegen ist Olga, Evas schrullige 76-jährige Nachbarin, mit der sie sich recht schnell anfreundet - und das, obwohl Eva sich besonders ihr gegenüber sehr übergriffig verhält. Die ältere Dame ist eine zurückgezogene Person, die am liebsten nichts mit anderen Menschen zu tun haben mag. Warum sie trotzdem an Eva, die ihr gegenüber sehr viele Grenzen überschreitet, Gefallen findet, erschließt sich mir bis zum Schluss nicht. Olgas Charakter hat sehr viel Potenzial, wird aber leider am Ende hin zur naiven, wechselmütigen Charakterdarstellerin.

Die vorkommenden Männercharaktere sind ebenfalls allesamt für mich unglaubwürdig und bleiben weitgehend oberflächlich und vor allem: einseitig.

Was mich am meisten innerlich erzürnt hat, war aber, dass oft betont wird, dass es Eva in ihrer gesamten Gedankenwelt um die wirklich wichtigen Dinge im Leben geht, nämlich: dem unrespektvollen Umgang mit der Natur und dessen Zerstörung, sie aber schlussendlich überhaupt nicht in diese Richtung handelt. Oft wird vermittelt, als könnte sie den Status der Welt und wie Menschen mit Natur und Umwelt umgehen, gar nicht ertragen, aber am Ende akzeptiert sie einfach, dass halt Gesteine mit Profitgedanken abgebaut werden, obwohl die Natur rundherum zerstört wird.

Mein Fazit: "Der Einsiedlersommer" startet mit hehren Gedanken, hält im Laufe der Geschichte aber keineswegs, was es verspricht. Die Charakterzeichnungen sind für mich unglaubwürdig und oberflächlich, ebenso die Geschichten um NS-belastete Vorkommnisse. Das finde ich sehr schade, denn die Geschichte hätte für mich ein moralisch hochgehaltenes Potential gehabt, das leider einfach nicht erfüllt wird. Alle, die eine leichte Sommergeschichte mit viel Naturbeschreibungen lesen möchten, könnte das Buch aber trotzdem gefallen.

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Großartiges Gesellschaftsportrait mit Krimielementen

Die Auster von Yael Inokai

Wie seit über 40 Jahren will Leonora bei ihrem Chef Dr. Bronstett diesen Morgen sein Haus auf Vordermann bringen. Blöderweise liegt dieser aber tot und ohne Hände in seinem Haus. In Schockstarre erledigt sie trotzdem ihre Arbeit als Putzfrau und gerät so vorerst in den näheren Kreis der Verdächtigen der Mordermittlung.

Doch wer nun meint, einen kurzweiligen Krimi in Händen zu halten, muss enttäuscht werden. Die restliche Geschichte ist eine intelligente und schwarzhumorige Milieustudie, die am Ende auch eine Auflösung des Mordes mit sich bringt.

Was für ein geniales Buch ist Autorin Yael Inokai da gelungen! Sie portraitiert die Reinigungsdame und Kaufhausaufhilfe Leonora Bloch in einer derart unsentimentalen und authentischen Art und Weise, dass man sofort glaubt, sie könnte die Nachbarin von nebenan sein. Und das mit Sätzen, die so nachvollziehbar sind, dass man es manchmal schade findet, dass sie einen nicht selbst eingefallen sind. Wenn sie sich einfach nur wegdenken möchte, schreibt sie beispielsweise:

Leonora drehte sich um und sah auf den Wäscheständer. Sie sehnte sich danach, ein Ding zu sein, ein Möbelstück, ein langweiliges Buch, dieser Wäscheständer, behangen mit Unterhosen, Unterhemden und Socken, frei von Mord und Totschlag, Steuererklärungen, verwöhnten Töchtern, die nicht mehr in ihre winzigen Kleider passten. (S. 109)

Leonora ist eine Person, die einfach nur Leben will, ohne Pomp und vor allem - ohne viel Kontakt zu anderen Menschen. Deshalb schätzt sie ihre Arbeit als Reinigungskraft so sehr, weil sie mit den Schmutzverursachern so wenig wie möglich zu tun hat. Trotzdem weiß - oder glaubt zu wissen - erstaunlich viel über ihren getöteten Chef Dr. Bronstett. Deshalb ist sie auch nur mäßig überrascht, als er sie testamentarisch dazu beauftragt, sein Begräbnis zu organisieren. Bedauerlicherweise will da aber auch noch seine Tochter Amande - widerwillig aber doch - ein Wörtchen mitreden.

Es ist einfach so schön zu lesen, wie die Autorin die Protagonistin beschreibt. Leonora ist schrullig, zurückgezogen, menschenabgewandt, zutiefst genügsam, aber auch eine Person, die schwere Schicksalsschläge erlebt hat. So hat sie ihren Sohn früh an eine schwere Krankheit verloren, ein Ereignis, dass sie tief geprägt hat. Trotzdem war und ist sie immer noch äußerst pflichtbewusst und versucht, allen alles recht zu machen. Im Laufe der Geschichte finden wir heraus, dass Leonora viel wusste, aber auch viel intuitiv ahnte. Besonders schön fand ich, ihre Gedanken mitverfolgen zu können - sie sagt Dinge und führt sie im Gedanken weiter, ohne sie auszusprechen - wer kennt es nicht?

Gesamtheitlich betrachtet ist Leonoras Schicksal zutiefst traurig, aber die Autorin schafft es, sie so realistisch darzustellen, dass man erkennt: solch eine Geschichte gibt es Zuhauf, wir mögen nur nicht hinschauen. Hier gibt es das immer-wieder-auf-das-Geld-schauen-müssen, eine Genügsamkeit ohne den geringsten Funken an Neid, die nur Menschen kennen, die weit von Luxus entfernt sind und einen Schicksalsschlag, der durch gesellschaftliche Konventionen zu einer tiefen, unberechtigten Scham führen. Die Charakterzeichnung ist der Autorin einfach nur genial gelungen. Außerdem portraitiert sie die ehemalig wichtige Bedeutung der Lebenswelt eines Großkaufhauses in all seinen hierarchischen Aspekten.

Nebenher läuft die Aufklärung des Mordfalles, die wirklich nur eine Nebenrolle spielt. Der Mord wird geklärt und man mag dem Buch anlasten, dass diese Aufklärung konstruiert ist - dann verkennt man aber, dass es vordergründig nicht um das Tötungsdelikt geht - sondern um eine Alltagsheldin, die trotz Schicksalsschlägen immer an ihrem Verantwortungsbewusstsein festhält. Was "die Auster" damit zu tun hat: außer dass das Tier regelmäßig gegessen wird, gibt es viele Bezüge, die ihm und den handelnden Personen angelastet werden können.

Mein Fazit: "Die Auster" ist für mich zweifelsohne ein Highlight des diesjährigen Lesejahres, dass durch Tiefgründigkeit, hervorragende Menschenbeobachtung und schwarzem Humor besticht. Einen handelsüblichen Krimi darf man sich aber nicht erwarten, sondern ein gelungenes Gesellschaftsportrait, das lange nachhallt!

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Ein Abschied mit vielen Facetten

Abschiedssommer von Jochen Missfeldt

Während Gustav Hasse sich vor einer OP langsam in den narkotisierenden Dämmerschlaf begibt, keimen in ihm Erinnerungen an jenen Sommer auf, der für ihn von zentraler Bedeutung zu sein scheint: jener an der Geltinger Bucht im Jahre 1959. Der damals 18-Jährige durchlebte zahlreiche Emotionen, die durch Musik, seiner ersten Liebe und dem Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit geprägt sind.

Soweit das Grundgerüst der Story. Die Geschichte adäquat zusammenzufassen, ist schier unmöglich, zu viele Schnipsel, Textformen und Begegnungen werden in dem Buch verarbeitet, um das große Ganze klar herausfiltern zu können. Zentral ist jedenfalls seine Beziehung mit der Jugendliebe Johanna, die jäh endet, nachdem ihr der Protagonist aus Eifersucht eine Ohrfeige verpasst. Dass die Liebesbeziehung damit ins Aus geschossen wurde, sickert aber nur ganz langsam in Gustavs Gehirn, langatmig werden seine Gedanken und Rechtfertigungen dazu ausgebreitet. Dazwischen passiert ganz viel und der Autor entschloss sich dazu, das Geschehene nicht linear und konventionell zu erzählen, sondern in Form von unterschiedlichen Textsorten und -Bausteinen. So können die Lesenden u.a. Theateraufführungen von Fluchttagebüchern oder imaginierte Flüge mit einer reimenden Möwe mitverfolgen. Hier immer den Zusammenhang zu erkennen, fällt wahrlich nicht leicht. Zweifelsohne ist diese Herangehensweise originell, führt aber mitunter zu Verwirrung und folglich auch zur Frustration. Passend dazu ist auch die verwendete Sprache, die zwischen literarischer, alltagstauglicher und ans Ordinäre anmutender Erzählweise schwankt.

Durch die wohl bewusst gewählten Text- und Erinnerungssprünge, weist das Buch auch einige Brüche auf, die durchaus herausfordernd sind. So ist im letzten Viertel des Romans die Geschichte um Gustavs einst hochverehrten Kunstlehrer Hensel - einer real existierenden Person mit nationalsozialistischer Vergangenheit - zentral. Gustav (oder Missfeldt?!) erforscht hier, inwieweit der Maler Gerhard Fritz Hensel im Regime verankert war und muss zu seinem Entsetzen feststellen, wie tief diese reichte. So war Hensel regelmäßiger Gast bei seinem Schwager Rudolf Höß, dem Kommandanten des KZs Ausschwitz und portraitierte Gefangene. Die Frage, ob ein Bild von dem NS-Künstler offen ausgehängt werden soll oder nicht, entwächst sich zu einem verwirrenden Schlussakkord in der Geschichte.

Die Figuren, die in "Abschiedssommer" auftauchen, sind allesamt recht unzugänglich. Besonders blass erscheint die Jugendliebe Johanna, die der Protagonist erzählenderweise nur sehr wenige und recht geistlose Worte in den Mund legt. Mehr Charakter weist da schon ihre Mutter Claude auf, die immer wieder eine wichtige Rolle spielt. Zurecht nervig sind jene, die von allem nichts gewusst haben wollen und die durch humorige Bemerkungen einen fahlen Beigeschmack hinterlassen. Ansonsten trifft der Autor den Zeitkolorit der endenden 1950er Jahre recht gut, besonders durch die Schilderungen über die Auftritte von Gustavs Band "Die Flamingos", ebenso die stets schwelenden Nachwirkungen des Dritten Reichs auf jene, die es miterlebt haben. Und dann ist da noch das Miederbusiness, das immer wieder Erwähnung findet - aus welchen Gründen auch immer - informativ ist es jedenfalls.

Abschiede spielen, wie der Titel vermuten lässt, eine Rolle, in unterschiedlicher Weise: seien es Abschiede von Personen, von verdrängten Erinnerungen, von Verehrungen, von lebenslangen Beziehungen, von kurzen Begegnungen, von konventionellen Erzählsträngen, von Ignoranz und schließlich auch von einem Sommer, der im Angesicht von narkotisierenden, medizinischen Drogen kurzzeitig das Gedächtnis wiedererreichte. Ein hundertprozentig zufriedenstellendes Leseereignis war das Buch für mich nicht, aber das kann auch daran liegen, dass ich keinen anderen Teil der "Solsbüll"-Reihe von Jochen Missfeldt kenne, dessen Abschluss vorliegendes Buch darstellt. Einige interessante und originelle Ideen kann es aber durchaus auch ohne Vorkenntnisse vorweisen.

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Die Kunst des wuchtigen Erzählens

Luft nach unten von Tamara Stajner

Iva will ein Kind, um jeden Preis. Iva will ein Kind mit ihrem Ehemann, Felix. Als der Kinderwunsch längere Zeit unerfüllt bleibt, stresst sie jegliche Aktivität, die es zum Kindermachen braucht - die Lust ist schlicht nicht mehr wirklich vorhanden. Da kommt Gabriel ihr sehr gelegen, mit dem sie ungehemmt entspannen kann.

Aber das Leben ist nie so einfach, wie man es sich ausdenken vermag - neben den körperlichen Gelüsten ist auch die familiäre Last erdrückend und steht der Erfüllung tiefgründig im Weg.

"Luft nach unten" ist ein Buch, das in seiner Rohheit verstört, das mit seiner Ehrlichkeit und Komplexität teilweise schwer zu ertragen ist. Gleichzeitig betört es aber auch mit seinem Realitätsbezug, ist so authentisch und aus dem Leben gegriffen, dass jede Zeile wahrhaftig erscheint. Und es lässt sich nicht reduzieren auf das eine Thema, denn es sind mannigfaltige Topics, die sich in die Geschichte einweben. Zentral ist zweifelsohne der unerfüllte Kinderwunsch, aber gleichsam geht es auch um Identität, um familiäre Netzwerke, um gewaltvolle Sozialisation und um die Unehrlichkeit in Beziehungen, die in diesem Buch nicht zu verurteilen sind, denn sie sind überaus menschlich und natürlich.

Besonders kurzweilig ist die wechselnde Erzählperspektive. Größtenteils wird aus der Ich-Perspektive erzählt, das Geschehen wird aus Ivas Sicht geschildert. Immer wieder sind aber auch Chatverläufe eingewoben, die zwar die Wahrnehmung Ivas stärken, aber auch andere Perspektiven - hauptsächlich jene ihrer Liebhaber - zulassen. Zudem kommt immer wieder die persönliche Anrede an Ivas Mutter ins Spiel, die die toxische Mutter-Tochter-Beziehung aufblättert und die teils zwänglerische Verhaltensweise der Protagonistin ein Stück weit erklärt.

Die Geschichte selbst spielt immer wieder mit der unklaren Identität, welche die Protagonistin durchlebt - sie selbst, Geigerin von Beruf und aufgewachsen zwischen Wien, Slowenien und ein Stück weit auch in Mazedonien, springt sie auch in der Erzählung zwischen diesen kulturellen Welten. Geprägt wurde sie von allen, fein und subtil arbeitet die Autorin diese aber anhand von kulturellen Unterschieden heraus und verordnet sie exakt darin, wo sich die Protagonistin befindet: nämlich zwischendrin.

Eine besondere Rolle nimmt - wie schon angedeutet - die Mutter-Tochter-Beziehung ein. Die Mutter verhält sich ihrer Tochter gegenüber äußerst psychisch gewaltvoll und die Tochter leidet auch im Erwachsenenalter sehr unter der dominanten und abwertenden Rolle ihrer Erzeugerin. Wenn man die Lesung bei den Bachmann-Tagen der Autorin in Erinnerung hat, kann man davon ausgehen, dass ein stark autobiographischer Anteil dieser Geschichte zugrunde liegt. Die Eltern, beide stark übergewichtig, wollten die Tochter formen, so wie sie die Gesellschaft für wertvoll genug hält, auch wenn sie selbst diesem Ideal nie genug werden würden. Die Rolle der jugoslawischen Identität - oder jener der slowenischen, mazedonischen oder österreichischen - schwelt kontinuierlich mit, ohne das ganz klar wird, ob sie tatsächlich eine so gewichtige Rolle spielt.

"Luft nach unten" ist ein äußerst forderndes Buch, das vor allem durch seine Rohheit und Irritation in der Gegensätzlichkeit von modernem Schreibstil, traditioneller Erzählweise und grundsätzlicher Bedürftigkeit nach Nähe besticht. Es glänzt durch einprägsame Bilder, Widersprüchen in kulturellen Belangen sowie der Erzählung von Grundbedürfnissen des menschlichen Seins, die sich tief ins Gedächtnis einprägen. Der Roman kommt mit einer Wucht daher, die einen umreißt und zugleich sprachlos macht und entwickelt sich stet aber unvergesslich zu einem Ereignis, das man nicht so schnell vergessen wird.

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Die fabelhafte Welt der Gemüsevögel

Gemüsevögel von Sarah Heuzeroth

Als ich gesehen habe, dass es die Gemüsevögel nun auch als Buch gibt, war ich äußerst erfreut! Ich bin bereits im Besitz mehrerer dieser Fabeltiere auf Postkarten, folge der Autorin auf Instagram und konnte es kaum erwarten, das Buch in Händen zu halten. Und auch nach intensivem Schmökern bin ich mehr als begeistert! Was für eine Kreativität, was für ein zeichnerisches Talent hier in den wunderschönen Tierwesen steckt!

Aber was sind die Gemüsevögel eigentlich? Die Kreaturen sind Mischwesen aus genau dem, was sie versprechen: Vögel und Gemüse.

In unglaublich schönen Illustrationen lernen wir sie kennen: die Taubergine, die Knobrauchschwalbe, den Kolkrabi oder die Möhrwe - um nur einige zu nennen. Die Zeichnungen erinnern an realitätsnahe Tierillustrationen des 18. und 19. Jahrhunderts, in wunderschönen Farben mit sehr viel Herzblut illustriert. Im Buch sind zu jedem "Tier" kleine Texte, welche die Charaktere der einzelnen Wesen beschreiben - diese sind nicht nur lustig, sondern auch irrsinnig intelligent, vereinen sie auch im Text die Eigenschaften der Vögel sowie des dazugehörigen Gemüses - wie und wo wachsen sie, wie pflanzen sie sich fort, was sind ihre Besonderheiten.

Besonders schön und spannend fand ich am Ende des Buches die Information, wie die Sarah Heuzeroth zu der Idee dieser gesunden Vögel kam, genauso wie den anschaulichen Prozess, wie eine neue "Art" zeichnerisch entworfen wird.

Das Buch ist nicht nur geeignet, es für sich selbst immer wieder herauszuholen, um zu staunen und die eigene Laune zu verbessern, sondern eignet sich auch hervorragend als Geschenk für alle, die etwas ganz Besonders & ästhetisch Ansprechendes verschenken wollen. Ich hoffe sehr, dass die Kreativität der Autorin / Illustratorin lange anhält und dass sie uns mit noch viel mehr wunderbaren Gemüsevögel beglückt!

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