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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Kwinsu:

Spread your wings and fly away

Zugvögel wie wir von Julia Dibbern

Eva ist unzufrieden mit ihrem Leben: ihre Tochter Sophie will keinen Kontakt mehr zu ihr, sie hat ihre Arbeit verloren und weiß gerade gar nichts mit sich anzufangen. Als sie zu Besuch bei ihrer Freundin Louise in Schweden ist und einen verletzten Kranich findet, beschließt sie kurzerhand dem Vogel nach dessen Genesung und dank GPS-Tracker mit dem Rad auf der Flugroute nach Frankreich zu folgen.

Es ist weniger eine Reise durch Mitteleuropa, sondern mehr die Suche nach sich selbst.

Julia Dibbern ist mit "Zugvögel wie wir" ein schöner, zarter und einnehmender Reiseroman gelungen. Die Protagonistin Eva ist anfänglich etwas anstrengend, so schwarz wie sie alles sieht. Doch im Laufe der Zeit, als sie sich selbst mehr findet, wird sie zufriedener, hat mehr Selbstvertrauen und wächst förmlich über sich hinaus. Besonders schön finde ich Evas Begegnungen mit dem jungen Johan, der sie ein Stück weit begleitet und der ihr so viele neue Perspektiven eröffnet. Auch die Freundschaft mit Louise, mit der sie nach dem Start ihrer Reise täglich telefoniert, ist tief und sehr akzeptierend. Am meisten beeindruckt hat mich aber, wie Eva über sich hinauswächst, immer und immer wieder über ihre Grenzen geht und wenn sie sie überschritten hat, immer mehr Lebensfreude empfindet.

Im Laufe des Buches lernen wir anhand von Rückblicken auch die Vergangenheit Evas kennen. Nach einem schweren Schicksalsschlag ist Eva in jahrelanger Trauer und vernachlässigt dadurch ihre Tochter. Dass diese als Erwachsene die Vernachlässigung erkennt und keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter haben will, ist zwar hart, wohl aber verständlich. Ebenso wird die zerbrochene Ehe Evas thematisiert, die ebenso aufgrund des Schicksalsschlags ein Ende fand. So viel sie auch verloren hat, so viel Altes und Neues kommt in ihr Leben zurück: wunderbare Begegnungen, die Liebe zur Natur und zur Musik und schließlich auch ihre Zuversicht.

Mein Fazit: "Zugvögel wie wir" ist ein schöner und ruhiger Roman über das Wieder-zu-sich-finden, über Entschleunigung und das Über-sich-hinaus-wachsen, der durch wunderbare Naturbeschreibungen und herzerwärmende Begegnungen besticht. Eine klare Leseempfehlung für alle, die mit einer zerrissenen Protagonistin starten möchten, der im Laufe des Buches Flügel wachsen.

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Weit über Schmetterlinge hinaus

Das Jahr der Schmetterlinge von Lea Korsgaard

Lea Korsgaard nimmt uns in "Das Jahr der Schmetterlinge" mit auf ihre ganz persönliche Annäherungsreise an das Wunder der Metamorphose der Schmetterlinge. Es handelt sich bei dem Buch um eine Mischung aus Beobachtungs- und Reisebeschreibung, Sachbuch und (religions-)philosophischer Abhandlung.

Die Idee war klar: Korsgaard entdeckt ihr Interesse an Schmetterlingen und beschließt kurzerhand, binnen eines Jahres alle dänischen Schmetterlingsarten sehen zu wollen, 64 verschiedene Arten an der Zahl. Das Unterfangen ist nicht leicht und erfordert enormes Wissen, leben die Tiere doch oft nur in ganz speziellen Gebieten und fliegen manchmal auch nur innerhalb von bestimmten Zeiträumen, manche sogar nur innerhalb von zwei Wochen. Also liest sich die Autorin ein umfangreiches Wissen an, spricht mit vielen Expert*innen, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen, und beschäftigt sich auch näher mit der Kulturgeschichte des Tieres. Als Leser*innen lernen wir auch die Natur und die verschiedenen Regionen Dänemarks besser kennen.

Ich fand die Mischung aus persönlichen Schilderungen ihre Vorhabens und der äußerst umfangreichen Kulturgeschichte höchst spannend - unglaublich welche Symbolkraft der hübsche Flieger in vielen Kulturen hat / hatte. Auch die naturwissenschaftlichen Erläuterungen fand ich sehr faszinierend, besonders, wenn es um die Metamorphose und die Tatsache, wie eng das Ökosystem von einzelnen Tieren abhängig ist - und umgekehrt - geht. Erschreckend wie verletzlich die Natur ist und wie sehr wir Menschen in sie eingreifen und unwiederbringlich verändern, das macht uns Korsgaard klar, ohne mit erhobenen Zeigefinger zu arbeiten.

Stellenweise hat das Buch auch seine Längen, besonders wenn es um christlich-religiöse Erläuterungen geht, die es im gesamten Buch immer wieder einmal gibt. Das hat für mich die Motivation, alles auf einmal zu lesen, etwas geschmälert, weshalb ich auch immer wieder pausiert habe. Zudem bin ich mir auch nicht ganz sicher, ob mir diese Mischung aus persönlichen Erfahrungsberichten, wo es durchaus auch mal um Beziehungen der Autorin zu verschiedenen Menschen geht, und Sachbuch wirklich so zusagt - die sind momentan ja sehr in Mode. Das Persönliche lenkt aber natürlich auch von einer reinen Informationsflut ab und macht das vermittelte Wissen auch leichter zugänglich.

Mein Fazit: Das Jahr der Schmetterlinge ist ein lehrreiches Buch über die verschiedensten Informationen zu Schmetterlingen - seien es naturwissenschaftliche Erkenntnisse, Kulturgeschichte oder Philosophisches - gepaart mit Erlebnissen der Autorin auf der Suche nach allen dänischen Schmetterlingsarten. Wer sich für die metamorphierenden Tiere interessiert und keine Scheu hat, auch Persönliches über die Autorin zu erfahren, liegt bei diesem Buch richtig.

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Fahr um dein Leben!

Grüne Welle von Esther Schüttpelz

Es gibt Bücher, die begeistern mich. Weil sie eingänglich geschrieben sind, einen besonderen Schreibstil vorweisen, eine berührende und / oder mitreißende Geschichte erzählen, die nachhallen. Und dann gibt es Bücher wie "Grüne Welle", die ich so feiere, dass ich am liebsten jede/r ein Exemplar in die Hand drücken und sagen möchte: Du musst das lesen!

Im Mittelpunkt steht eine Frau, später wird sie sich Amy nennen, die im Auto fährt.

Und fährt. Und fährt. Und sich denkt: wenn die nächste Ampel auf rot schaltet, kehre ich um. Doch es kommt keine rote Ampel, dafür aber immer mehr die Gedanken an ihr Leben, das so wie es ist, nicht gut ist. Ihr Mann ist herrisch, bestimmt über sie, schränkt sie ein, ja, eigentlich sperrt er sie ein. Nur einmal im Monat darf sie mit ihrer Freundin ins Kino gehen, muss aber gleich danach wieder heim kommen. Die Frau ist nur mehr ein Schatten ihrer selbst, nein, eigentlich ist sie gar nicht mehr sie, ihre Träume, ihre Pläne, alles vergessen, der Mann hat sie fest im Griff. Warum also nicht einmal planlos durch die Nacht düsen, die Gedanken schweifen lassen? Das Reh vor ihrem Auto wollte es anders und bringt eine Begegnung mit zwei Tramperinnen mit sich. Im Gespräch mit ihnen erinnert sich die Frau wieder an sich selbst, an ihre Kunst, an das selbstbestimmte Leben, dass sie einmal hatte.

Wie genial Ester Schüttpelz sich an das Thema häusliche Gewalt annähert, ohne belehrend, zu offensichtlich oder zu plakativ zu sein, zeigt sich vor allem an der Wahnsinnssprache. Sie setzt unterschiedliche Stilmittel ein um die Universalität des Themas häusliche Gewalt aufzuzeigen: die Frau bleibt lange nur die Frau; nur kurz, als sie die vertiefenden Gespräche mit den Tramperinnen führt und für einen Augenblick zu sich selbst zurück findet, wird sie wieder Amy - eine eigenständige Person, ein Mensch mit Talenten, Träumen und Hoffnungen. Im Schutze der Anonymität ist sie das unsichtbare Opfer, Gefangen in einem Käfig, der beherrscht wird von dem Mann, der sie als Besitz ansieht. Außerdem nutzt die Autorin Symbolik als starkes Element der übertragenen Situationsbeobachtung. Der plötzliche Stopp, den sie durch das Reh einlegen muss, steht der rasanten, unaufhaltsamen Autofahrt, die eigentlich eine Flucht ist, diametral entgegen, bringt sie jedoch in weiterer Folge für einen kurzen Moment zur Rückbesinnung auf sich selbst. Das Reh ist tot, wie sie selbst, doch sie will es noch nicht ganz gehen lassen.

Die Gewalt, die die Frau in allen Facetten erleben muss, wird nie so wirklich direkt beschrieben, aber feine Andeutungen lassen eine/n beim Lesen wissen, wie der Hase läuft. Ihre - mittlerweile einzige - Freundin, weiß nichts, vermutet aber viel, hat das richtige Gespür und droht Gefahr sich vom Mann täuschen zu lassen. Und die Frau selbst - bis zum Schluss wissen wir nicht, ob sie die Kraft aufwenden wird können, um sich zu befreien.

"Grüne Welle" betört mit einer Tiefgründigkeit, einer distanzierten Sprache und der Intensität der gefühlten Berührung, die sich oft in Form von Beklemmung und Atemlosigkeit Luft schafft. Für mich ist der Roman definitiv ein Jahreshighlight, mit dem ich mich noch des Öfteren beschäftigen werde.

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Erstaunliches aus 1908

Das Tränenhaus. Roman von Gabriele Reuter

Cornelie ist schwanger, doch da sie nicht verheiratet ist, bedeutet das für sie: Schande. Auch ihr gebildeter Hintergrund unterscheidet sie nicht vor den gesellschaftlichen Werten, die tief im Patriarchat verwurzelt sind. Und so zieht sie in das "Tränenhaus", eine Einrichtung, geführt von einer strengen Regentin, in der unverheiratete Frauen ihr Kind im Geheimen zur Welt bringen.

Erst ist Cornelie zurückhaltend, will ihre Ruhe, ist sich ihrem Stand gewiss, doch bald schon sieht sie die Gleichheit und die tiefe Solidarität, die sie mit den anderen Frauen verbindet, wird zu einem starkem Band des Zusammenhalts.

"Das Tränenhaus" ist ein erstaunlich feministischer Roman aus dem Jahr 1908, der viele fortschrittliche Gedanken aufzeigt, die man so nicht unbedingt erwarten würde. Die Autorin Gabriele Reuter war ihrer Zeit weit voraus und versuchte selbst, ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu führen. All das verarbeitete sie in diesem von Reclam neu herausgegebenen Buch. Die Protagonistin äußerst Gedankenwelten, die einem für diese Zeit nicht nur fortschrittlich, sondern teilweise auch gefährlich erscheinen. Sie will sich nicht unterordnen, will sich an keinen Mann binden, ist überzeugt davon, es auch alleine zu schaffen. Cornelie philosophiert über ihre Selbstermächtigung, steht den anderen Frauen bei, ist stark und emotional zugleich, wirkt in ihrer Rolle als bildungsbürgerliche Frau authentisch und doch so anders als erwartet.

Ein weiterer erstaunlicher Aspekt ist die Charakterschärfe, die die Autorin all den fiktiven Figuren zukommen lässt. Keine ist wie die andere, die eine naiv, die andere verzagt, doch die gemeinsame Ausgrenzung schweißt sie zusammen. Die Charaktere wirken so authentisch und andererseits bildhaft gestochen scharf, dass man stellenweise glaubt, man sehe eine Dokumentation über diese Frauen. Ein besonderes Stilelement ist der schwäbische Dialekt, der einigen der Figuren in den Mund gelegt wird - spielt das Geschehen doch in der schwäbischen Provinz. Dementsprechend weist das Buch auch etliche humoristische Tendenzen auf, die das Leseerlebnis umso erfrischender machen. Verschwiegen darf allerdings nicht werden, dass die Sprache der Autorin ziemlich schwülstig und deshalb oft schwer verständlich ist, für mich zumindest.

Es ist nicht verwunderlich, dass Macht, Klassismus, Ausbeutung, Missbrauch, Gier und Frauenverachtung eine zentrale Rollen spielen, das Buch ist wie ein Spiegel der Zeit um die Jahrhundertwende. Das Patriarchat ist eine Bürde, das sowohl die Autorin, als auch ihre Protagonistin Cornelie nicht so einfach hinnehmen wollen. So fließt viel fortschrittliches und feministisches Denken in den Roman, auch wenn dieses beinahe ausschließlich der bildungsbürgerlichen Hauptperson zugeschrieben wird. Außerdem ist Cornelie eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin, die europaweite Erfolge mit ihren Schriften über die Psyche der Frauen feiert. Bezeichnend, dass auch die Schriftstellerin Gabriele Reuter zu ihrer Zeit höchst populär war und im Zuge der männlich fokussierten historischen Literaturwissenschaften aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt wurde. Die Männerwelt bekommt zurecht ihr Fett weg, allerdings gibt es auch positive und ebenso fortschrittliche Männermodelle. Diese Differenziertheit im Gesamten überrascht, lässt eine aber auch hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, denn wie dieser Roman zeigt: Utopien zu träumen, kann auch durchaus realistisch sein. Auch wenn es seine oder ihre Zeit dauert.

Mein Fazit: Das Tränenhaus ist ein erstaunlich fortschrittlicher Roman aus dem Jahr 1908, der Augen öffnen, in so vieler Hinsicht. Es ist ein Hohelied auf die weibliche Solidarität und den unbeirrbaren Glauben daran, dass sich eine Gesellschaft zum Positiven, zur Gleichheit hin entwickeln kann. Wir müssen nur daran festhalten.

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Das große Schweigen

Ich möchte zurückgehen in der Zeit von Judith Hermann

Judith Hermann begibt sich auf eine Reise. Diese Reise ist eine Spurensuche mit undeutlicher Spur, ein Vorantasten an Vergangenes, an Ungesagtes, an Nichtkommunikation, an dem, was verschwiegen wird. Erst geht es nach Polen, genauer in den Ort Radom, wo einst Hermanns Großvater als SS-Funktionär stationiert war.

Die Gräueltaten, die er verrichtet hat, können nur erahnt werden, es gibt keine eindeutigen Beweise seiner Täterschaft, nur das Unausgesprochene. Hermann versucht in Radom nach Anhaltspunkten, die eine vergangene Existenz des Großvaters aufzeigen, findet dort aber mehr zu sich selbst, spürt die Wirkung der Stadt und die Begegnung mit den dortigen Menschen. Zwischendurch gibt es Telefonate mit der Mutter, die partout keine Fragen über ihren Vater beantworten will, sie weiß nichts mehr, will vermutlich nichts wissen. Hermann drängt und wird doch nicht schlauer.

Schließlich fährt sie zu ihrer Schwester nach Süditalien. Die beiden sind, wenn wir der Autorin glauben, wie Tag und Nacht, ihr Kontakt grundsätzlich kaum vorhanden, eine ständige Genervtheit umgibt sie in der gegenseitigen Kommunikation. Vor allem aber haben sie das Schweigen gemein, das sich scheinbar durch die Familiengeschichte zieht. Über dunkle Dinge, sei es die Vergangenheit, die Gegenwart oder die Zukunft spricht man nicht, schon gar nicht vor den Kindern. Diese Scheuklappen sind symbolisch für den Umgang mit Unangenehmen, erkennt Hermann. Auch wenn sie diesen Schweigenskreislauf durchbrechen will, kommt sie nicht dagegen an. Dafür steht ein Karpfen, gefangen in einem kleinen Becken, der nur im Kreis schwimmen kann, sinnbildlich - ein Bild, eigentlich das einzige Bild, dass sich langfristig von diesem Buch in meinem Kopf festgesetzt hat.

Zum Abschluss folgt das große Finale des Schweigens, nämlich eine kurze Geschichte der Schwiegereltern, die auf Reisen gehen, bei ihrer Sollunterkunft aber nie ankommen. Die Sorge ist groß, man findet Spuren in Polen und plötzlich sind sie wieder da. Und genau: auch darüber wird nie gesprochen.

Ich hatte mir nach dem Lesen des Beschreibungstextes eine andere Geschichte erwartet: eine Spurensuche nach der Wahrheit, der bitteren Vergangenheit des Großvaters und seiner Mittäterschaft. Daweil steht das Schweigen im Mittelpunkt, gerahmt von Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen der Autorin oder der Figur - es ist unklar, was wahr ist und was fiktional. Ich konnte davon nicht alles nachvollziehen und das Buch hinterließ mich ob der differenten Erwartungen enttäuscht, auch wenn man der Autorin ein hervorragendes und einnehmendes Sprachgefühl attestieren muss. Für viele, die dieses Hintreiben der Sprache, das Philosophieren über die Welt und die scharfen Beobachtungen zur Kommunikation, oder vielmehr der Nichtkommunikation, genießen können, ist "Ich wollte zurückgehen in der Zeit" bestimmt ein ansprechender Lesegenuss. Mich hinterlässt das Buch jedoch recht unbeeindruckt.

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The inner circle of politics

Die Stockholm-Protokolle von Moa Berglöf; Joakim Zander

Julia wurde als Politikjournalistin abgesetzt, nachdem sie durch eine Aufdeckung eine Ministerin zum Rücktritt zwang. Dass sie dem Politikzirkus näher bleibt, als ihr lieb ist, verdankt sie ihrem Partner Alfred, der unerwartet zum Pressesprecher des Ministerpräsidenten berufen wird. Doch Julia kann es nicht lassen und jagt nach einem brisanten Hinweis der Aufdeckung eines Politikskandals hinterher, der die gesamte Regierung zum Platzen bringen könnte.

Und auch Alfred erkennt, dass die Politikwelt nicht nur mit lauteren Mitteln arbeitet. Es beginnt eine rasante Spurensuchen nach Wahrheiten, die das Leben ihrer gesamten Familie bedrohen.

Die Stockholm-Protokolle der beiden Autoren Moa Berglöf und Joakim Zander zeichnen ein erschreckend realistisches Bild der Politikwelt, welche gezeichnet ist von aufstrebenden und egozentrierten Persönlichkeiten, die durch ihr scheinbares Charisma von ihren eigentlichen Zielen ablenken: dem absoluten Machtstreben. Nicht überraschend sind diese männlich. Im ersten Drittel des Romans erfolgt eine Einführung der verschiedenen Figuren, die in Anbetracht der aktuellen Weltlage und ob der erschreckenden Nachvollziehbarkeit für mich nicht immer leicht verkraftbar waren. Außerdem habe ich diesen Teil stellenweise auch als langatmig empfunden. Im zweiten Drittel nimmt die Geschichte dann Fahrt auf und mir fiel es zunehmend schwerer, das Buch wegzulegen. Immer mehr schmutzige Details und Vermutungen kommen zutage. Im dritten Drittel wird es dann echt rasant und spannend, die Ereignisse überschlagen sich, ich war gefesselt und habe mich zunehmend gefragt, wie diese Geschichte in den immer weniger werdenden Seiten noch aufgelöst werden kann. Die Ernüchterung erfolgte am Ende: es gibt sie nicht, die Auflösung. Alles endet mit einem Cliffhanger, der uns die Fortsetzung des Buches ankündigt. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein, trotzdem war ich enttäuscht, als die immer steiler werdende Spannungskurve wirklich senkrecht abfiel. Ein rundes Ende, das durchaus mit einem offenen und fortsetzungsverdächtigen Schlussakkord daherkommt - dagegen ist nichts einzuwenden. Trotzdem ist das für mich bei den "Stockholm-Protokollen" alles andere als rund. Es liest sich, als wäre die Geschichte komplett abrupt mitten unter der Erzählung abgebrochen worden sein. Und ohne Recherche war es für mich nicht klar und verständlich, dass es eine Fortsetzung geben wird. Das Ende hinterlässt mich frustriert ob der jähen Unterbrechung und diese Frustration überwiegt beinahe den Willen und die Lust, die Fortsetzung lesen zu wollen.

Was positiv hervorgehoben werden kann, ist, dass die Geschichte und die meisten Charaktere tatsächlich sehr realistisch anmuten. Politik ist kein Kinderspiel, es geht um Macht, Einfluss und die Hervorhebung der einzelnen Interessen. Auch die beiden Protagonist*innen Julia und Alfred sind glaubwürdig gezeichnet und die Dynamik zwischen der erfahrenen Politikjournalistin und dem naiven Newbie in der Politik ist authentisch und nachvollziehbar herausgearbeitet. Ab dem zweiten Drittel jedoch habe ich über einige sehr naive und unerfahren Wirkende Aktionen der Handelnden gestaunt, die dadurch etwas an ihrer Glaubwürdigkeit einbüßen. Teilweise sind sie so hanebüchen, dass ich mich gewundert habe, weshalb dies dem Lektorat nicht aufgefallen ist.

Trotz aller Kritikpunkte: ich habe das Buch, je weiter es fortgeschritten ist, wirklich gern gelesen. Die Art wie Skandinavier*innen Krimis und Thriller schreiben, beeindruckt mich ob der Realitätsnähe immer wieder. Und ich muss definitiv wissen, wie es mit Julia, Alfred und der aufgedeckten, dreckigen aber vertuschten Skandale weitergeht.

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Grüße des Zeitgeists

Hellere Tage von Ulrich Woelk

Ruth ist Universitätsprofessorin für Philosophie und ihr Leben gerät ins Wanken, als aufgedeckt wird, dass sie als junge Frau und Umweltaktivistin an einem Anschlag an einem Strommasten beteiligt war. Sie ist Mitte fünfzig, hat sich vor einiger Zeit von ihrem Mann getrennt, nachdem dieser eine Affäre mit einer wesentlich jüngeren Frau begann und ist jetzt offen für neue Abenteuer, auch wenn sie ihrem Ex immer noch gram ist.

Auch ihr Verhältnis zu ihrer Ziehtochter Jenny ist mittlerweile distanziert, aber Ruth arbeitet daran, dies wieder zu ändern. Als ihr Vater dann noch stirbt und sie sein gut gehütetes Geheimnis entdeckt, stellt sie all ihre Beziehungen in Frage - und philosophiert darüber.

Ulrich Woelk setzt mit "Hellere Tage" seinen Erfolgsroman "Mittsommertage" fort. Ich kannte den 1. Teil nicht, kam größtenteils aber gut mit der Geschichte mit. Der Schreibstil des Autors ist eingänglich und ich habe das Buch recht gern gelesen, nachhallen tut es bei mir aber überhaupt nicht mehr. Daweil greift der Autor allerhand wichtige und gegenwärtige Themen auf: wie geht es einer Frau in der Wissenschaft, wie ist es kinderlos zu sein und doch ein Ziehkind zu haben, mit dem man sich verbunden fühlt, wie geht eine Frau mittleren Alters mit ihren Bedürfnissen um, wie soll sich Frau ihrem Ex-Partner gegenüber verhalten, der sich entschloss, sich in eine Jüngere zu verlieben, was bedeutet Besitz, wie lässt man einen Elternteil, der sein Leben honorig gelebt hat, gehen, wie geht man mit der Homosexualität von nahen Angehörigen um, wie handhabt man unerwartete Situationen, wie geht man mit jemanden um, der einem unbekannt vertraut ist und bei dem man feststellen muss, dass er politisch zum Extremen tendiert, man selbst auch durchaus die Einstellungen nachvollziehen kann, und so weiter uns so fort.

Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich Ruth einfach so treiben lässt, ihre Entscheidungen, die sie trifft, sind oft intuitiv, nicht immer nachvollziehbar, sie ist neugierig, das muss man ihr zugute halten. Genauso kann man den Groll ihrem Ex-Partner gegenüber verstehen, dass sie ihn einfach nicht so davon kommen lassen will, auch weil er sie unter Druck setzt und ihr Schuldgefühle einreden mag, die sie einfach nicht haben muss. Die Beziehung zu ihrer Ziehtochter Jenny ist angespannt, hier wäre es vermutlich sinnvoll, den Erstroman zu kennen. Jenny hatte eine toxische Beziehung, wir erfahren, dass ihr Partner als Student von Ruth eine gewisse Obsession ihr gegenüber entwickelt hat und es kann gemutmaßt werden, dass er Jenny dazu missbraucht, um Ruth näher zu kommen. Er erniedrigt Jenny und sie lässt es sich gefallen, denkt sogar in die Richtung, sich ihm völlig zu unterwerfen, ihm Untertanin zu sein, was durchaus abstoßend anmutet. In die Tiefe gehen diese Gedanken Jennys aber nicht, vermutlich wäre versteht man diese Figur besser, wenn man "Mittsommertage" gelesen hat.

Der Roman reißt so viel Themen an, ohne in die Tiefe zu gehen, dass man die Protagonistin Ruth gar nicht so genau kennenlernen kann. Sie ist wenig fassbar, doch irgendwie selbst bestimmt, manchmal emotional, manchmal abgeklärt, manchmal naiv und manchmal stur, aber für mich überhaupt nicht greifbar. Schade, dass sich der Autor nicht dazu entschlossen hat, entweder ein umfangreicheres Buch zu schreiben, in dem man seinen Haupt- und Nebenfiguren näher kommt oder sich auf einige wenige Aspekte zu beschränken. So bleibt Ruth, Jenny und all die anderen blass, nicht immer nachvollziehbar und vergisst sie folglich auch wieder schnell.

Mein Fazit: "Hellere Tage" ist ein Roman der mit viel Zeitgeist grüßt, der aber aufgrund der Vielfalt der angeschnittenen Themen den Figuren zu wenig Entwicklung und Tiefgang ermöglicht. Er ist zwar gut zu lesen, hallt aber leider nicht nach.

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So viel mehr!

Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher

Ann war immer ein wildes Kind, das war für ihre Familie zwar anstrengend, aber man hat sie trotzdem so genommen. Anders ist es nun für ihren neunjährigen Sohn Oz, der so gar nicht in diese genormte Welt passen will. Als durch seine vermeintliche Unaufmerksamkeit ein Hase zu Tode kommt, bricht für ihn die Welt zusammen.

Und scheinbar tut das die Welt im Gesamten, denn nicht nur verschwindet seine Großmutter, auch die Welt selbst scheint durch ein Jahrhundertunwetter darnieder zu gehen.

Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher liefert mit "Sie wollen uns erzählen" (der Titel ist dem gleichnamigen Song von Tocotronic aus dem Jahr 1997 entlehnt) erneut einen literarisch herausragenden Roman. Birnbachers Sprache ist eine Wucht, aus mehreren Gründen: ihr Erzähltempo gleicht sich dem Thema an - sei es ADHS, Demenz, Muttergefühle, komplizierte Familienverhältnisse oder die unabsichtliche Tötung eines Hasen. Der österreichische Lokalkolorit, der so speziell ist, aber so echt, so authentisch. Überhaupt ist alles so authentisch und glaubhaft erzählt, das man den Eindruck gewinnt, die Schreibende selbst erzähle ihre eigene Geschichte. Die Autorin hat die Gabe, Menschen in ihren Feinheiten zu beobachten und sie so erzählen zu lassen, als wären sie das Natürlichste der Welt, sie haben Ecken und Kanten, sind klug oder naiv, patriarchal oder konservativ, gebildet oder ungebildet, glauben an die Welt oder an Geschwurble, sind jähzornig oder hyperinteressiert. Das "oder" muss zwangsläufig immer durch ein "und" ergänzt werden. Ich hatte - wie bei allen Büchern der Autorin - das Gefühl, dass die Autorin genauso schreibt, wie sie denkt - und das ist äußerst klug, ohne zu werten, sie zeigt alle Facetten, die wir Menschen so mitbringen.

Dass Oz und vermutlich auch seine Mutter Ann ADHS hat, wird in den meistens Rezensionen als auch in den Buchbesprechungen der Medien als zentraler Aspekt des Buches hervorgehoben, für mich persönlich ist er es aber nicht. Denn es geht um so viel mehr: es geht darum, in einer Welt klarzukommen, die sich rasant weiterentwickelt und doch immer ein wenig stillsteht; um die Mutterrolle, die Frau liebt aber gleichzeitig hasst; um eine Ungeduld, die das heutige Leben so mit sich bringt, die aber das Zusammenleben nicht einfach macht; um Verantwortung der Familie gegenüber, was immer das auch heißen mag; um das Lieben und das Entlieben, sei es dem Partner, der Mutter oder Geschwistern gegenüber; das Unbeschwerte der Kindheit, das nicht sein darf, weil es nicht ins System passt; das Passen-müssen, aber nicht Passen-wollen; der Klimakatastrophe, die auch vor den Alpen nicht halt macht; dem Vergessen mitsamt dem Rückbesinnen auf Vergangenes; den Glauben, den wir nicht wirklich glauben können; schlicht: es geht ums Menschlich-Sein.

Schließlich ist das Ganze auch noch kombiniert mit Bildern, die die Autorin erzeugt, die sich ins Hirn einbrennen und nicht mehr gehen werden. Über die aktuelle Gesellschaft, wie sie ist und bald schon wieder nicht mehr sein wir, was eventuell sogar tröstlich ist. Zusammenfassend kann man mit Tocotronics Worten sagen:

Sie wollen uns erzählen
Sie hätten eine Seele
Sie wollen uns glauben machen
Es gäbe was zu lachen
Sie wollen ganz bestimmt
Daß wir glücklich sind und
Unsere Leidenschaft
Ist ihnen rätselhaft
Sie wollen uns erzählen
Wir sollen uns nicht mehr quälen
Und sie sind schon zufrieden
Wenn wir die Kurve kriegen
Denn für unser Selbstmitleid
Haben sie keine Zeit.
(Tocotronic, Sie wollen uns erzählen, 1997)

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Time for something new

Vor uns die Zeit von R. C. Sherriff

Tom Baldwin steht vor seiner Pensionierung, über 40 Jahre war er in der Versicherungsbranche tätig. Er träumt sich ein wundervolles Leben herbei, in dem er seinen großen Leidenschaften, wie Geschichte, Archäologie und der Bearbeitung seines Gartens nachgehen kann. Doch die Realität ist ernüchternd und langsam verfällt er in depressive Episoden.

Bis er eines Tages mit seiner Frau Edith beschließt, einen Ausflug in das Wendental zu machen. Dort haben sie eine Begegnung, die ihr Leben tiefgreifend verändern wird: ein junger Immobilienmakler führt ihnen ein Musterhaus vor und das Ehepaar weiß: das ist ihre Zukunft.

Der Roman "Vor uns die Zeit" von dem Theaterautor, Drehbuchschreiber und Schriftsteller R.C. Sherriff erschien unter dem Namen "Greengates" das erste Mal im Jahr 1936. Das Buch strotzt vor britischer, gutbürgerlicher Attitüde seiner Zeit und ist dennoch erstaunlich zeitlos. Es ist so absolut nachvollziehbar, dass das plötzliche Loch, das einen durch den Eintritt ins Rentenalter mit hässlicher Fratze lachend entgegenstrotzt, in eine tiefe Depression stürzen kann. Die Beziehungsverhältnisse, wie sie bisher waren, können so nicht weitergehen: die Ehefrau, die sich stets um Haus und Garten kümmerte und nichts mehr liebte, als ihr kurzes Nachmittagsnickerchen, ist in ihrer Routine erschüttert, genauso wie ihr Dienst"mädchen" Ada, die plötzlich ihre Arbeit nicht mehr nach gewohnten Mustern verrichten kann. Und der Pensionär selbst weiß nichts mit seiner neu gewonnenen Zeit anzufangen. Der Autor Sherriff weiß mit feinem Humor eine Charakterstudie der Protagonist*innen nachzuzeichnen, die vor Beobachtungsgabe und zeitloser Modernität nur so strotzt.

Alles ändert sich nach dem Ausflug ins Wendental: das Ehepaar verliebt sich Hals über Kopf in das Musterhaus und trotzdem sie bisher sehr auf Sparsamkeit bedacht lebten, sind sie gewillt ihr Erspartes und Geerbtes für einen neuen Lebensabschnitt in einem Haus, das allen modernen Komfort der Zeit bietet, zusammenzukratzen und würden am liebsten gleich dort einziehen. Lustigerweise haben sie kaum noch Geduld um abzuwarten, dort einzuziehen. Auch als Leserin fiebert man mit, dass alles wirklich so gut gehen wird, wie sich das Ehepaar so erhofft - ohne dabei von irgendjemanden übers Ohr gehauen zu werden. Als es endlich so weit ist, werden die beiden gleich ins nächste Projekt gezogen und widmen ihr Leben nun der Gemeinschaft, in Form eines partizipativen Klubs.

Es ist erstaunlich, wie fein und tiefgehend der Autor seine Figuren zeichnet, sich mit einem Augenzwinkern über sie lustig macht, ohne sie jemals bloßzustellen oder die Augenhöhe zu verlieren. Großartig gelingt es ihm, ein eigentlich recht fades Leben mit Enthusiasmus und liebevollen Standesdünkel zu würzen und die Charaktere absolut glaubhaft und authentisch darzustellen. In keinem Moment kommt Langeweile auf und es ist herrlich mitzuverfolgen, wie Tom über seine eigene Entwicklung reflektiert - und staunt. Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass der Roman vor 90 Jahren das erste Mal veröffentlicht wurde und nichts an Aktualität verloren hat - wenn man von dem dargestellten, gutbürgerlichen Milieu mit starkem britischen Akzent einmal absieht. Die Charaktereigenschaften von Tom sind humorig schrullig, er weiß sich standesgemäß zu benehmen und ist anfänglich auch den Umständen entsprechend genügsam. Trotzdem der Hauskauf sie vor finanzielle Herausforderungen stellt, kommt er keine Sekunde auf seine Idee, etwas von ihrem bisherigen Lebensstandard - beispielsweise auf seine Haushälterin - zu verzichten. Äußerst amüsant ist es auch mitzuverfolgen, wie plötzlich ihr jahrzehntelang gewohntes Haus vom einst geliebten Zuhause zu einer hässlichen, ungemütlichen und unkomfortablen Bude heranwächst, nachdem ihnen ihr neues Zuhause vor Augen steht. Auch die Befindlichkeiten und Meinungen anderen Menschen gegenüber, beispielsweise dem kolonialistischen und leicht unsympathischen Mr. van Doon, sind bezeichnend, aber erstaunlich versöhnlich und offen.

Mein Fazit: "Vor uns die Zeit" ist ein absolut empfehlenswerter Roman, der schon 90 Jahre auf dem Buckel und nur wenig an Aktualität verloren hat. Er besticht durch feine Charakterbeobachtungen und zum Schmunzeln bringenden Humor, ohne dabei die Figuren ins Lächerliche zu ziehen. Es ist ein meisterliches Werk britischer Literatur, die alle lesen sollten, die der britischen upper middle class gewogen sind und sich für die tiefgehenden Veränderungen interessieren, die passieren, wenn man das Arbeitsleben hinter sich gelassen hat.

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Schönheit, oder nicht

Das schönste aller Leben von Betty Boras

Vios schlechtes Gewissen ist für sie kaum aushaltbar: durch eine Unachtsamkeit verbrühte heißes Wasser das Gesicht ihrer kleinen Tochter und hinterlässt eine hässliche Narbe. Daweil war Schönheit alles, was sie für Sophie wollte. Doch was ist Schönheit überhaupt? Woher kommt der Wunsch, anderen immer gefallen zu wollen? Anhand dieser und vieler anderer Fragen wird Vios Leben, beginnend mit der Auswanderung aus dem Banat nach Deutschland nachgezeichnet.

Zwischendrin erfahren wir auch von ihrer Ahnin Theresia, die bereits im 18. Jahrhundert dafür kämpfte, selbstbestimmt leben zu können.

Betty Boras ist mit "Das schöne aller Leben" ein berührender Debutroman gelungen, der mit seiner einfühlsamen Sprache tiefgehende Verwundungen einzelner Frauengeschichten aufzeigt. Besonders beeindruckend sind die unterschiedlichen Erzählperspektiven: die Ich-Erzählerin ist, wie ich erst im Laufe des Romans verstanden habe, Vio in der Gegenwart, etwas distanzierter erfahren wir über Vios Kindheit und vor allem ihrer Jugend, Theresia, dessen Erzählung im 18. Jahrhundert spielt, sowie - und das ist besonders außergewöhnlich: die Banater Erde, die zwar nur kurz, aber umso einprägsamer ihre regelmäßige Auftritte bekommt.

Besonders die Ich-Erzählerin ist - ehrlichgestanden und vermutlich auch beabsichtigt - nicht immer leicht auszuhalten. Sie scheint in einem Teufelskreis aus Selbstvorwürfen, Schönheitsidealen und Selbstmitleid gefangen zu sein, immer wieder kreisen ihre Gedanken um die selben Themen, immer geht es darum, dass ihre Tochter jetzt nie wieder schön sein wird und alle Menschen, denen sie begegnen, nur Schlechtes über deren Aussehen denken würden. Ich musste deswegen das Buch öfter weglegen, weil mir das zu viel wurde, ich sie rütteln, ja - ihr auch oft ihr Kind wegnehmen wollte. Die Ich-Vio triggert Gedanken, die man selbst hat und nicht haben möchte, auch deshalb ist sie schwer zu ertragen. Daweil wird im Laufe des Buches auch ein Stück weit erklärt, warum sie zu dieser Person geworden ist, werden doch ihre Familienbeziehungen samt Haltungen aufgedröselt, ihr eigenes Schicksal, dass ihr nicht nur ihre Heimat entriss, sondern sie als Teenager auch in ein Korsett zwang, das für sie unerträglich war. Glücklicherweise versöhnt sie sich im letzten Drittel des Buches mit sich selbst - und damit auch mit mir als manchmal genervte Leserin.

Auch Theresias Geschichte berührt. Ihr Schicksal schwankt zwischen angenommen-sein und abgestoßen-werden, wobei ihre Selbstbestimmung - auch aufgrund der Zeit, in der ihr Schicksal liegt, sehr eingeschränkt ist. Fast fühlt sich dieser Erzählstrang etwas hineingequetscht an. Theresia ist eine Ahnin Vios, das erfahren wir im Klappentext, wobei ich lange Zeit nicht einordnen konnte, zu welcher Zeit ihr Erzählstrang spielt. Ich habe mich beim Lesen immer wieder gefragt, weshalb Theresias Geschichte überhaupt in das Buch aufgenommen wurde. Ja, es zeigt den Weg der Familie in den Banat, aber Theresias Schicksal ist so ergreifend und spannend, dass sie ruhig einen eigenen Roman verdient hätte. Für mich waren ihre Kapitel aber auch jene, die mich wieder zurückgeholt haben in den Roman, nachdem ich diesen aufgrund der Nervigkeit Vios weglegen musste.

Speziell ist auch der Auftritt der Banater Erde, die danach lechzt, geliebt und anerkannt zu werden. Sehr ungewöhnlich, sehr berührend und ein Stück weit passende Theatralik für ein Land.

Mein Fazit: "Das schönste aller Leben" ist ein berührender, aufwühlender und an die Emotionen appellierender Roman, der einen heftigst zum Nachdenken anregt. Über: Schönheit, Herkunft, Identität und die Selbstbestimmtheit von Frauen. Ein großartiges Debut, das man gelesen haben sollte!

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