Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Kwinsu:
Die Verworrenheit ist die Kraft dieses Buches
Nicht von Dror Mishani
Als Eli seine Frau verliert, glaubt er nicht, dass er noch einmal glücklich werden kann. Doch dann lernt er Lia kennen und es beginnt prickelnd und wunderbar. Bald jedoch unterläuft ihm ein fataler Fehler, der das frische Glück zu zerstören droht. Eli baut ein Netz aus Lügen auf, das unter dessen schwerer Last zu reißen droht - doch Eli gibt nicht auf.
Zugegeben: nach dem Lesen von "Nicht" bleibt eine gewisse Verwirrtheit zurück. Was war das jetzt? Meine erste, intuitive Reaktion: genial, auch wenn ich nicht so genau weiß, weshalb eigentlich. Aber von vorne...
Der Roman beginnt etwas traurig, Eli kann sich sein Leben ohne seine verstorbene Frau nicht so ganz vorstellen, steckt in der Trauer, hat wenig Antrieb. Bei einem Abendessen mit Freunden lernt er die Musikerin Lia kennen. Mit ihr beginnt es wunderbar, von vornherein stellt sie klar, dass ihr Hund Felix für sie das Wichtigste sei, und Eli kann sich mit dem Gedanken anfreunden, neben diesem die zweite Rolle zu spielen. Das wird ihm aber zum Verhängnis, denn als Lia ihn bittet, ihn während einer Konzertreise nach Österreich zu hüten, entwischt ihm der Hund und läuft vor ein Auto. Im Schock verabsäumt er es, das Tier in eine Tierklinik zu bringen, dieser verstirbt schließlich, woraufhin ihn Eli verscharrt. Er sieht sein Glück mit Lia den Bach hinunter gehen und so beschließt er spontan zu lügen und behauptet ihre gegenüber lediglich, Felix sei ihm entwischt. Er verstrickt sich immer mehr in Lügen, auch als Lia tagelang verzweifelt immer wieder nach ihrem geliebten Hund sucht, will er von seiner Version nicht abrücken, so lange, bis ihm gar nichts mehr anderes übrigbleibt, als weiter zu lügen.
Ich bin ganz fasziniert von dem Buch: der Autor schafft es meisterlich in nur 187 Seiten eine äußerst packende und dichte Geschichte mit vielen Wendungen zu konstruieren, die seine hervorragende Beobachtungsgabe zu Tage treten lässt. Die Charaktere - allen voran Eli - sind authentisch und ihre Handlungen sind oft nicht nachvollziehbar, oft mag man den Protagonisten schütteln, um ihm zuzurufen: jetzt sag schon endlich die Wahrheit! Trotzdem konnte ich seine Entscheidungen, seinen inneren Konflikt nachvollziehen, er will um jeden Preis ein gutes Leben mit Lia, nachdem er seinen traurigen Schicksalsschlag überwunden hat. Diese selbst ist ganz eingenommen von der Suche um Felix, kann kaum noch klar denken, ist misstrauisch, hinterfragt Elis Aussagen, auch durch zutun ihres Ex Peter - doch erstaunlicherweise will sie mit Eli zusammenbleiben.
Außergewöhnlich ist die Erzählperspektive, ist sie doch in der "Du"-Form gehalten. Das gibt der ganzen beabsichtigt wirren Geschichte noch einen zusätzlichen Anreiz auf Spekulationen. Spekulieren ist ohnehin etwas, was man nach Beendigung des Romans vortrefflich tun kann, denn es bleibt vieles offen, aber nicht auf ungute Weise, sondern als Beflügelung der Fantasie. Lediglich die Frage, weshalb Elis Sohn den Kontakt mit ihm abgebrochen hat, hätte ich gerne gewusst, konnte es aber aus dem Text nicht herauslesen. Das ist auch das Schöne am Buch: es gibt einige Nebenschauplätze, man erfährt viel nebenbei über Eli und auch wenn nicht alles aufgelöst wird, entsteht ein schlüssiges Charakterbild des Protagonisten. Ein Psychogramm eines Lügners, der auf ein Gegenüber trifft, das diese Lügen akzeptiert - warum auch immer.
Das hohe Tempo des Romans, die Verworrenheit, die Unklarheiten, die zahlreichen Lügen - das mag nicht allen Leser*innen gefallen. Ich war gefesselt von der speziellen Art, wie das Buch geschrieben wurde und von der Story, die fast schon Richtung Krimi geht. Und "Nicht" wird sicher nicht das letzte Werk des Autors sein, das ich lesen werde!
Portrait eines normalen Lebens
Orion von Petra Morsbach
Nora befindet sich ganz in ihrer geistigen Welt: neben dem geisteswissenschaftlichen Studium jobbt sie in einem Archiv, wo sie ihren künftigen Ehemann kennenlernt. Nach dem Studium wird sie Deutsch- und Geschichtelehrerin und versucht ihren Schüler*innen viel fürs Leben mitzugeben. Kurz vor der Pension dann trifft sie eine Erkrankung, die ihr Leben umkrempeln wird.
Petra Morsbach zeichnet in "Orion" ein hingebungsvolles Portrait eines ganz normalen Lebens. Die Autorin weiß es vortrefflich, die alltäglichen Probleme ihrer Protagonistin so authentisch darzustellen, als wären wir Lesenden stille Begleiter*innen einer bildungsbürgerlichen Biographie. Selbstzweifel -vs- Selbstbewusstsein, der Wunsch nach einem Kind -vs- der folgenden postpartalen Depression, feministische Haltung -vs- Leben und Gewohnheit im Patriarchat, Übergriffigkeiten -vs- der Mantel des Schweigens, die Sehnsucht nach Liebe und Sexualität -vs- einer pragmatische Beziehung, geistige Nährwelten aus der Antike -vs- gegenwärtige Vermittlungsversuche literarischer Texte, Körperlichkeit -vs- Krankheit - all diese Gegensatzpaare - und viele mehr - werden in dem Buch verhandelt, mit all diesen setzt sich die Ich-Erzählende in ihren Gedanken auseinander.
Es ist kein außergewöhnliches Leben das Nora führt, es sind keine außerordentlichen Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen muss, aber ihre sehr kognitiv fixierte Gedankenwelt ist glaubhaft, zeigt die inneren Konflikte, die wohl jede und jeder von uns nur zu gut kennt. Und das ist das Reizvolle an diesem Buch, dass wir in die Gedanken mit hineingerissen werden, uns zurücklehnen und Entwicklungen von außen betrachten können. Uns wundern, uns bestätigt fühlen, den Kopf schütteln oder zustimmend nicken und wissen: ja, das hätte ich wohl auch so gemacht - oder eben nicht.
Nora wirkt oft distanziert, was auf ihre Kopflastigkeit zurückzuführen ist. Das Verhältnis zu ihrem Mann ist nicht ganz einsichtig, ist es Liebe oder bloße Zweckbeziehung? Die gegenseitige Zuneigung spürt man kaum, nur als Nora eine Affäre eingeht und ihr Mann Theseus (der Name!) nach Jahren dahinterkommt, merkt man eine Gekränktheit, die darauf hindeutet, was Nora ihm bedeutet. Auch die Beziehung zu ihrem Sohn Aeneas ist schwierig - kein Wunder bei diesem Elternhaus. Trost und geistige Nahrung findet die Protagonistin oft in antiken Autoren und sie findet für die meisten Lebenslagen passendes intellektuelles Futter. Man erkennt eine Leidenschaft in Noras Lehrerinnenberuf, eine Berufung, in die sie viel Energie legt. Umso schöner, wie einfach sie sich davon lösen kann, als sie am Ende ihrer Berufslaufbahn schwer erkrankt und ihr Leben neu ausrichten muss. Oder darf, denn Nora sieht es als eine Chance.
Untermauert ist dieses Lebensportrait von einem feinen Humor, der all die Vorkommnisse weniger schwer wiegen lässt und ihm eine gewisse Leichtigkeit verschafft. Um das Buch zu genießen, sollte man offen sein für die kleinen Momente und Begegnungen, die Selbstreflexionen, aber auch die normalen Verdrängungen, die das Leben so mit sich bringen. Außerdem darf man sich nicht erwarten, dass in "Orion" viel Herzlichkeit und Emotionen stecken - dafür ermöglicht es ein glaubhaftes Abtauchen in geistigen Welten. Ich habe es sehr genossen dieses Buch, das von der großartigen Beobachtungsgabe der Autorin lebt, zu lesen und kann es uneingeschränkt empfehlen.
Unsichtbare Helden mit großer Wirkung
Bakterien - die heimlichen Helden von Peter Wohlleben
Es ist unglaublich, dass Bakterien in sämtlichen Bereichen des Lebens eine entscheidende Rolle spielen! Sei es die Entstehung des Lebens selbst, die Art, wie unser Ökosystem funktioniert, selbst in allen Körpern sind sie unerlässlich - und können ebenso tödlich sein. Kommen sie wo nicht bzw. in zu geringer Menge vor, ist das ebenso problematisch, als wenn sie überhand nehmen.
Das Hörbuch bietet einen enorm breiten Überblick auf die vielfältigen Rollen dieser Kleinstorganismen in jeder Ecke unserer Erde.
Das Buch kommt abseits von der umfangreichen und spannenden Informationsladung auch mit allerhand Tipps daher: wie entfernt man unbeliebte Bakterien aus der Waschmaschine, mit welchem Hilfsmittel spült man so bakterienarm wie möglich sein Geschirr, wie verhält man sich auf der Toilette, um nicht einer unnötigen Bakterienschleuder anheim gesucht zu werden, wie vermeidet man bakterienbedingten Schweißgeruch, wie hält man den Kühlschrank bakterienarm, sodass möglichst wenige Lebensmittel verderben und so weiter und so fort.
Erstaunlich ist auch, welche Bakterien eine Rolle spielen, wenn es um den Klimawandel geht. Welche fiesen Organismen aus ferner Vergangenheit können uns durch den abtauenden Permafrost belasten, wie könnten ausgestorbene Arten dank der Kleinstlebewesen wieder zum Leben erweckt werden oder welche Auswirkungen hat ein Überdüngen der landwirtschaftlichen Böden auf das Bakterienleben - und all die Lebensformen, die von ihnen abhängig sind.
Bakterien helfen nicht nur bei der Produktion von Lebensmittel, sie sind auch unerlässlich, wenn es um den Erhalt von Wald und Wiese geht und können zukunftsweisend auch dabei helfen, uns von der Plastikflut zu befreien. Kurzum: Bakterien sind unerlässlich.
Ich habe dieses kurzweilige Hörbuch sehr, sehr gern gehört! Es ist nicht nur äußerst abwechslungsreich und informativ, auch die Stimme von Thomas Loibl ist sehr angenehm und man kann ihm wunderbar folgen. Förster und Naturschützer Peter Wohlleben legt nicht nur wissenschaftliche Inhalte niederschwellig und nachvollziehbar dar, sondern macht den Hörer*innen auch bewusst, wie wichtig es ist, unser Ökosystem zu schützen - und dazu gehört auch, eine ausgewogene Bakterienvielfalt zu gewährleisten. Absolute Hör- bzw. Leseempfehlung, weil das Sachbuch eine echte Wissensbereicherung ist!
Fast eine Liebe
Fast ein Leben von Kiran Millwood Hargrave
Es beginnt im Sommer 1978: die 18-jährige Erica verbringt ihren Sommer nach Abschluss der Schule in Paris und lernt dabei die Kunsttheoretikerin Laure kennen. Trotzdem sie irgendwie nicht richtig zusammenpassen, ist die Anziehungskraft zwischen ihnen groß. Erst nähern sie sich körperlich, aber bald ist richtige Liebe im Spiel und ihr ganzes Leben lang kommen sie nicht ordentlich voneinander los.
Ich muss zugeben: der Einstieg in dieses Buch ist mir nicht leichtgefallen. Sprachlich wird viel und breit ausgeschmückt und erzählt, die Beziehung und Liebe zwischen Laure und Erica besteht zwar, mir war aber eigentlich das gesamt Buch hindurch nicht klar, wieso und weshalb überhaupt. Warum findet Erica Laure so toll und umgekehrt? Warum können sie nicht voneinander lassen, was ist es, was sie aneinander lieben? Diese Fragen bleiben für mich im gesamten Buch unbeantwortet. Die Figurenzeichnung war für mich eher oberflächlich. Erica wird sehr naiv geschildert, ihre Figur wirkt vollkommen ziellos, sie scheint nicht richtig zu wissen, was sie vom Leben überhaupt will. Und vor allem: sie lässt sich durch reine Interpretation sehr einfach von ihrem oft gerade erst vorgenommenen Entschluss abbringen. Sie gibt viel zu schnell auf, hat teilweise sehr unrealistische Vorstellungen, trifft Entscheidungen, die einfach nicht nachvollziehbar sind. Was ich besonders unglaubwürdig fand: sie wird als Masterstudentin für Kreatives Schreiben als nur eine von vier Personen aufgenommen, ist scheinbar gut, aber als das Studium abgeschlossen ist und sie mit ihrem erfolgreichen Kommilitonen verheiratet, will sie ein Buch schreiben - hat dafür aber lange Zeit keine Idee, um was es darin gehen soll. Funktioniert so wirklich das Schriftsteller*innen-Dasein? Ich habe meine Zweifel...
Laures Figur wird durchaus als störrisch, aber selbstbewusst gezeichnet. Sie scheint zu wissen, was sie vom Leben will, auch, wenn wir als Leser*innen das oft nicht wirklich erfahren. Sie weiß zumindest, dass sie lesbisch ist und mit Hingabe für ihre Freund*innen einsteht. Besonders hervorzuheben ist ihre Freundschaft mit dem schwulen Michel, der Anfang der 80er Jahre schwer erkrankt und dessen Tod sie nie wirklich verkraftet. Sie ist die leidenschaftlichere Liebende, aber sie weiß auch, wann es keinen Sinn mehr macht.
Ich kann nicht sagen, dass ich das Buch ungern gelesen habe. Ab ca. Seite 180 bin ich dann doch noch in die Geschichte hineingekommen. Was mir gefallen hat, war der jeweilige Zeitgeist des geschilderten Jahrzehnts, besonders die queeren Themen mit Diskriminierung, Anschlägen und Krankheiten fand ich wirklich gut herausgearbeitet. Auch Laure fand ich als Charakter authentisch und nachvollziehbar und habe die Episoden über sie gern gelesen. Etwas anders war dies bei Erica, über deren Charakterzeichnung ich mich oft ärgern musste. Wie man sich so schnell von seinen Entschlüssen abbringen lassen kann, vor allem, wo es nur kleine paranoide Vorkommnisse sind, verstehe ich nicht. Klar, die Liebe ist kompliziert, es kann auch möglich sein, zwei Menschen zu lieben und sicher war es früher sehr viel schwerer, sich für eine queere Liebe zu entscheiden, aber diese Zerrissenheit konnte ich aus ihr einfach nicht herauslesen. Und auch nicht, was sie zu ihrem Ehemann hinzog. Ganz schräg wurde es dann für mich, als die beiden mit ihren Kindern zu Laure nach Frankreich auf Urlaub fahren, um einen Monat bei ihr zu verbringen. Nahezu erschüttern fand ich, wie sie sich ihrem Mann unterordnete und sich selbst - vermeintlich ihm zuliebe - aufgab. Das Buch hat oft enorme Längen, die die Lust weiterzulesen etwas hemmt. Der ganze Roman zieht sich von 1978 bis 2013, allerdings bin ich ob der Zeitbeschreibung etwas verwirrt, weil sie für mich so nicht ganz stimmen kann. Oft fehlen Zeitangaben oder sind nicht schlüssig. Nichtsdestotrotz gab es immer wieder Episoden, vor allem jene in Paris bzw. Frankreich, die ich regelrecht verschlungen habe.
Mein Fazit: "Fast ein Leben" ist ein queerer Liebesroman, der sich durchaus lohnt zu lesen, wenn man sich von einigen Längen und dem oftmals nicht nachvollziehbaren Gebaren einer der Protagonistinnen nicht abschrecken lässt. Besonders gut hat mir gefallen, dass glaubhaft beschrieben wird, wie schwer es lange Zeit war (und vermutlich teilweise immer noch ist), offen queer zu leben. Die Oberflächlichkeit der Liebesgeschichte hinterlässt mich etwas ratlos, kann für andere Lesende aber bestimmt genossen werden.
Dystopisch, sperrig, grandios
Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft von Fiona Sironic
Era ist 15 und kann hautnah miterleben, wie die Welt durch die Klimakatastrophe zu Grunde geht. Wasser ist Mangelware, somit auch frisches Essen, allerorts brennt es, ein lebbarer Wohnraum ist knapp, eine nach der anderen Vogelart stirbt aus - und die Reichen bleiben priviligiert. In diesem Setting aufzuwachsen ist nicht nur bedrückend, sondern auch zu gewissen Maße auch langweilig.
Bis die Schwestern Maya und Merle in Eras Leben treten. Die beiden Töchter bekannter Influencer-Moms jagen samstags Dinge in die Luft, filmen das Spektakel und stellen es ins Netz. Anonymität ist den beiden Schwestern das höchste Gut. Doch Era schafft es sich mit den beiden zu befreunden - und sie und Maya werden ein Paar. Sie treten eine gemeinsame Flucht an, um aus ihrem Leben auszubrechen - irgendwie hoffnungslos.
Fiona Sironic ist mit "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" eine eindringliche und realistische Dystopie gelungen, die eine Zukunft zeigt, die nicht allzu sehr in der Ferne liegt und erschreckenderweise genau so stattfinden könnte. Der Roman hat eine weltuntergangshafte Atmosphäre, ist dementsprechend frustrierend und vor allem: sperrig. Die knapp 200 Seiten lesen sich nicht flott, sondern ziehen sich wie Kaugummi, sind extrem intensiv, schockierend und drängen förmlich die Frage in den Kopf: warum fahren wir unsere Welt so an die Wand? Ich erachte es als besondere Kunst ein Buch zu schreiben, das gleichermaßen abstoßend und anziehend ist, es fühlt sich an als würde die geschaffene Welt jene sein, die erwartet wird, die wir aber um keinen Preis haben wollen. Die Figuren sind gefangen in einer aussichtslosen Welt, die dem Niedergang geweiht ist und doch versuchen sie das Essentielle: zu leben.
Schafft man das Buch bis ans Ende, weiß man: man hat als Lesende hart gearbeitet und wird dafür auch belohnt. Mit der Erkenntnis, dass Sironic hier große Literatur geschaffen hat, so unpackbar, dass sie irgendwie grandios ist. Das Buch ist wie ein Fiebertraum, in dem man aufwacht und nie wieder freikommt: die erzeugten Bilder brennen sich in den Kopf und werden vermutlich nie ganz verschwinden. Man weiß: das ist unsere Zukunft - der Planet stirbt, die Tiere sterben und schließlich auch wir Menschen, wenn wir nicht umgehend etwas ändern. Alles deutet darauf hin, dass wir das nicht tun. Im Nachhinein kann aber gesagt werden: Fiona Sironic hatte eine Ahnung.
Die Spuren, die bleiben
Onigiri von Yuko Kuhn
Akis Mutter Keiko ist an Demenz erkrankt. Erst im Zuge dieser Krankheit merkt sie, wie wenig sie eigentlich über deren Leben weiß. Als junge Frau wanderte sie einst von Japan aus und nach Deutschland ein, lernte den Vater kennen und bekam zwei Kinder. Die Ehe klappte nicht und so fristete sie ein arbeitsreiches Leben, ohne viele Spuren zu hinterlassen.
Aki möchte nun die Biographie ihrer Mutter erkunden, solange das noch irgendwie möglich ist. So entschließt sie sich, mit Keiko zu ihrer Familie nach Japan zu reisen, eine Reise die größte Herausforderungen - aber auch Erkenntnisse - mit sich bringen.
Was für ein tolles Buch ist Yuko Kuhn hier gelungen! Sie schildert sehr eindringlich, wie wenig die Protagonistin doch über ihre eigene Herkunft weiß, wie viel Kultur sie von ihrer Familie mitbekommen hat und wo und wie sie schließlich sie selbst ist - eine ruhige, aber erkenntnisreiche Spurensuche. Das Buch wirkt sehr authentisch und nachvollziehbar, wem ergeht es im Laufe des Lebens nicht auch so, dass sie oder er sich die Frage stellt: wie viel weiß ich eigentlich über meine Eltern? Besonders lebt die Geschichte von den vielen Begegnungen Akis - mit ihrer Mutter und ihrer Verwandtschaft in Deutschland und in Japan. Es sind alles ruhige, aber bewegende Kontakte, die das Lebensbild der Mutter peu á peu zum Vorschein holt - auch wenn es nie vollständig sein wird, schon gar nicht, weil ihr Sein sich langsam verabschiedet.
Besonders beeindruckt hat mich die einfühlsame und komplexe Schilderung über die Demenz von Keiko: die Momente der absoluten Verwirrtheit, die für das eigene Kind so schmerzhaft sind, die ständigen, mühsamen Wiederholungen und die tiefe Ergriffenheit, sich mit der Krankheit nicht abfinden zu wollen, sondern die Person zu halten, auch wenn sie Schritt für Schritt verschwindet. Über allem schwelt eine um sich greifende Melancholie, die einem bewusst macht, dass auch das eigene Leben vergänglich ist und es gut tut, sich die Frage zu stellen: welche Spuren möchte ich hinterlassen?
Mein Fazit: Onigiri ist ein melancholischer, authentischer Roman über eine bewegende Spurensuche über das Leben der eigenen Mutter im Zeichen einer Krankheit, die die eigene Biografie auszulöschen droht. Ein Lieblingsbuch und eine absolute Leseempfehlung für alle, die ruhige, reflektierte Erzählungen mögen, die nicht ohne Tiefgründigkeit und Komplexität auskommen.
Es ist so, wie es ist
Im Leben nebenan von Anne Sauer
Was, wenn Frau aufwacht und merkt: irgendetwas ist falsch? So ergeht es Toni - eigentlich lebt sie mit ihrem Freund Jakob in der Stadt, der Kinderwunsch wird irgendwann zentral. Doch in einer zweiten Erzählperspektive ist es die gleiche Person - hier Antonia genannt - die mit ihrer Jugendliebe Adam ein Kind hat, am Dorf lebt und sich ständig fragt: wie konnte es nur dazu kommen?
Anne Sauers Roman "Im Leben nebenan" ist ein kluges Buch, das in unkonventioneller Art und Weise die Was-wäre-wann-Frage thematisiert.
Bis zum Schluss wird nicht klar: gibt es dieses alternative Leben tatsächlich oder ist es alles nur ein Traum? Oder ist Tonis eigentliches Leben nur im Schlaf erdacht? Zentral ist: die Figur der Antonia ist verwirrt, hat das Leben als Toni verinnerlicht und weiß nicht, wie sie mit ihrem neuem Ich "Antonia" - und ihrem plötzlich existenten Kind - umgehen soll. Warum ist sie wieder mit Adam zusammen und lebt nun am Dorf? Wie konnte es dazu kommen, dass sie mit ihm ein Kind bekommt - und ist es wirklich das was sie will?
Ich habe das Hörbuch zu dem Roman gehört und bin von der Erzählweise der Sprecherin Chantal Busse begeistert! Mit ihrer eindringlichen Stimme schafft sie es, der Geschichte eine Lebendigkeit zu verschaffen und ihr die nötige Melancholie und Rückfrage zu geben, die im gesamten Buch mitschwingen. Es hat ein wenig gedauert, bis ich das Gehörte einordnen konnte: wer ist Toni und wer Antonia? Doch einmal verstanden, begeisterte mich das Buch zunehmend. Die ruhige und nachdenkliche Art, in der es geschrieben ist, hat mich speziell eingenommen. Besonders beeindruckt war ich von dem Gefühl der Verwirrtheit, die Antonia über die gesamte Erzähldauer begleitet, denn sie kann sich nicht erklären, wie sie hier gelandet ist, in einem Leben, das vielleicht nicht ganz so aufregend verlaufen ist, aber ihr doch einen Wunsch erfüllt, den sie als Toni nicht haben kann: ein Kind. Aber ist es wirklich das, was sie will? Zum Ende hin deutet sich eine Auflösung an, die dann aber doch nicht kommt, was mich persönlich mit einem Lächeln zurückgelassen hat, denn es braucht nicht immer eine Klarheit um zu verstehen, um was es geht.
Mein Fazit: "Im Leben nebenan" ist ein tolles Hörbuch, das zum Denken anregt, lange nachhallt und aus dem man mit der Erkenntnis zurückbleibt: es gibt kein Wenn- und Aber.
Alles ist anders
Home Before Dark von Eva Björg Ægisdóttir
Marsibil kann noch immer nicht glauben, dass ihre Schwester Kristin vor 10 Jahren einfach so verschwunden ist, ohne großartig Spuren zu hinterlassen. Durch verschiedene Umstände plagt sie ein enorm schlechtes Gewissen. Als sie eines Tages zurück in ihr Elternhaus kommt, beschließt sie, sich noch einmal auf die Suche nach ihrer verschollenen Schwester zu machen.
Dabei tauchen Wahrheiten auf, die niemand für möglich gehalten hätte...
Eva Björg Ægisdóttir gehört zu einer von vielen hochkarätigen Schriftsteller*innen aus Island, die sich dem Nordic Noir verschrieben haben. Die Geschichte beginnt typisch langsam, ruhig und sphärisch, ist aber sogleich einnehmend und fesselnd. Die Story spielt abwechselnd im Jahre des Verschwindens von Kristin, 1966 und der erzählerischen Gegenwart, dem Jahr 1977. Besonders spannend sind die unterschiedlichen Erzählperspektiven - wir lesen abwechselnd aus der Sicht von Marsibil in den unterschiedlichen Erzählzeiten, als auch aus jener der verschwundenen Kristin.
Von Beginn an rätselt man, was mit Kristin passiert sein könnte. Die Autorin legt zahlreiche Fährten und so ergeben sich umfassende Möglichkeiten, was mit Kristin passiert sein könnte. Bis zum Schluss bleibt die Wahrheit offen und überrascht einen schlussendlich dann mit einem unerwartetem Ausgang. Zahlreiche Charaktere beleben den Thriller, allesamt auf ihre eigene Art verdächtig - jede*r ist gebeutelt von dem eigenen Schicksal. Keine*r scheint mit dem Verschwinden angemessen umgegangen zu sein, außerdem gibt es Figuren, die man lange Zeit gar nicht am Schirm hat. Peu á peu spitzt sich das Geschehen zusammen, um in einem überraschenden Finale zu gipfeln.
Die Atmosphäre des Buches ist düster, wobei die isländische Landschaft diesmal keine spezielle Rolle einnimmt. Vielmehr ist die tückische Psyche der Protagonistinnen Hauptschauplatz der Geschichte. Gekonnt spielt die Autorin mit Fakten, Wahrnehmungen und Empfindungen und führt so die Lesenden oftmals in die Irre.
Mein Fazit: "Home before dark" ist ein fesselnder und einnehmender Nordic Noir-Thriller, der mit vielen unerwarteten Wendungen daherkommt und deswegen auch keine Sekunde langweilig wird. Das Buch ist genau das, was ich mir von einem spannenden Thriller aus nordischen Gefilden erwarte, weshalb ich ihn uneingeschränkt für alle Liebhaber*innen dieses Genres empfehlen kann!
Der lange Hall des Missbrauchs
Schlaf von Honor Jones
Margarets Kindheit ist geprägt von der innigen Freundschaft zu ihrer Freundin Biddy und: schwierigen Familienverhältnissen. Ihre Mutter Elisabeth ist herrisch und kalt, ihr Bruder Neal hingegen lässt ihr eine Aufmerksamkeit zukommen, die sie so nie wollte. Der familiäre Missbrauch verfolgt sie bis ins Erwachsenenalter und als das Leben der Mutter dem Ende zugeht, startet Margaret einen nüchternen Aufarbeitungs- und Befreiungsversuch.
"Schlaf" von Honor Jones ist ein bewegender Roman, der vor allem durch die Authentizität der Protagonistin und ihren emotionalen Kampf um Selbstbestimmung besticht. Margaret scheint von sich selbst entrückt zu sein, kapselt ihre Gefühle hab, wirkt dadurch nüchtern, distanziert und manchmal auch naiv. Lange Zeit ist es ihr nicht möglich, sich von ihrem kindlichen Ich zu befreien, erst im Laufe der Zeit, als sie zu reflektieren beginnt, gelingt es ihr an Stärke zu gewinnen - und sich nicht immer alles gefallen zu lassen. Die Kälte und die Manipulation, die ihr ihre Mutter zukommen hat lassen - und die ihr auch im Erwachsenenalter noch immer zu Teil wird, ist beklemmend, man fragt sich, wie es möglich ist, dass man sein eigenes Kind so für die eigene Selbstdarstellung missbrauchen kann. Durch die nüchterne, aber eindringliche und oft kindliche Sprache gelingt es der Autorin, dass man beim Lesen selbst den riesigen Kloß spürt, den Margaret mit sich herumschleppt.
Dass sich die Protagonistin als Erwachsene von der für sie unbefriedigenden Ehe mit Ezra befreit, deutet auf ihren Befreiungsschlag in Richtung Selbstbestimmung hin. Doch Elisabeth, ihre Mutter, will sie nicht loslassen, hält sie in starren Fängen, die es Margaret nicht ermöglichen sollen, eigenständig zu sein. Besonders gern spielt sie die Karte der umsorgenden Oma aus, die der eigenen Tochter auch noch ihren kruden Erziehungsstil aufdrücken will. Ein Lichtblick ist die tiefe Verbundenheit mit der Kindheitsfreundin Biddy, die unumwunden an ihrer Seite ist und Margaret nimmt, wie sie ist, auch wenn nicht immer alles aus- und angesprochen wird.
Die Autorin erzeugt besonders damit eine Sogwirkung, dass vieles nicht explizit geschildert wird, sondern eher angedeutet und vor allem die Auswirkungen auf die Psyche der Protagonistin dargestellt wird. So wird vermittelt, wie schwer es ist, aus sich selbst auszubrechen, um sich von den sozialisierten Lasten zu befreien. Auch die Bewusstseinsbildung für das Geschehene kommt erst im Laufe der Zeit zum Vorschein. Margaret kämpft tapfer und traut sich irgendwann auch zu konfrontieren.
Mein Fazit: "Schlaf" ist ein gelungener Roman über die tiefen Kerben einer Kindheit, die geprägt ist von Missbrauch, Verdrängung und Schweigen, deren Vollumfänglichkeit aber erst im Laufe eines Lebens bewusst wird. Es ist ein berührendes Buch über eine Selbstermächtigung, deren Schmerz man aber auch aushalten muss. Eine Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich auf psychische und teilweise auch körperliche Gewalt einzulassen und nicht wegzuschauen.
Spread your wings and fly away
Zugvögel wie wir von Julia Dibbern
Eva ist unzufrieden mit ihrem Leben: ihre Tochter Sophie will keinen Kontakt mehr zu ihr, sie hat ihre Arbeit verloren und weiß gerade gar nichts mit sich anzufangen. Als sie zu Besuch bei ihrer Freundin Louise in Schweden ist und einen verletzten Kranich findet, beschließt sie kurzerhand dem Vogel nach dessen Genesung und dank GPS-Tracker mit dem Rad auf der Flugroute nach Frankreich zu folgen.
Es ist weniger eine Reise durch Mitteleuropa, sondern mehr die Suche nach sich selbst.
Julia Dibbern ist mit "Zugvögel wie wir" ein schöner, zarter und einnehmender Reiseroman gelungen. Die Protagonistin Eva ist anfänglich etwas anstrengend, so schwarz wie sie alles sieht. Doch im Laufe der Zeit, als sie sich selbst mehr findet, wird sie zufriedener, hat mehr Selbstvertrauen und wächst förmlich über sich hinaus. Besonders schön finde ich Evas Begegnungen mit dem jungen Johan, der sie ein Stück weit begleitet und der ihr so viele neue Perspektiven eröffnet. Auch die Freundschaft mit Louise, mit der sie nach dem Start ihrer Reise täglich telefoniert, ist tief und sehr akzeptierend. Am meisten beeindruckt hat mich aber, wie Eva über sich hinauswächst, immer und immer wieder über ihre Grenzen geht und wenn sie sie überschritten hat, immer mehr Lebensfreude empfindet.
Im Laufe des Buches lernen wir anhand von Rückblicken auch die Vergangenheit Evas kennen. Nach einem schweren Schicksalsschlag ist Eva in jahrelanger Trauer und vernachlässigt dadurch ihre Tochter. Dass diese als Erwachsene die Vernachlässigung erkennt und keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter haben will, ist zwar hart, wohl aber verständlich. Ebenso wird die zerbrochene Ehe Evas thematisiert, die ebenso aufgrund des Schicksalsschlags ein Ende fand. So viel sie auch verloren hat, so viel Altes und Neues kommt in ihr Leben zurück: wunderbare Begegnungen, die Liebe zur Natur und zur Musik und schließlich auch ihre Zuversicht.
Mein Fazit: "Zugvögel wie wir" ist ein schöner und ruhiger Roman über das Wieder-zu-sich-finden, über Entschleunigung und das Über-sich-hinaus-wachsen, der durch wunderbare Naturbeschreibungen und herzerwärmende Begegnungen besticht. Eine klare Leseempfehlung für alle, die mit einer zerrissenen Protagonistin starten möchten, der im Laufe des Buches Flügel wachsen.











