Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Kwinsu:
Nur die Gedanken sind frei
Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider
Noah ist 14 und muss miterleben, wie sich seine Welt von Tag zu Tag verändert: das Land indem er lebt - vermutlich der Irak - wir von Islamisten in ein Kalifat umgebaut. Erst sind es nur Kleinigkeiten: mit seinem Vater, der ein Modegeschäft betreibt, muss er Plakate ummalen, sodass die Gesichter der darauf bedruckten Frauen nicht mehr sichtbar sind.
Die Repressionen werden immer gewaltiger, Frauen dürfen nicht mehr allein auf die Straße, sie müssen sich bedecken und werden bei vom Regime gefühlter Unsittlichkeit gesteinigt. Zigaretten werden verboten, Alkohol sowieso, bald sind auch Handys und Spiele nicht mehr erlaubt. Halt gibt Noah seine große Leidenschaft: seine Tauben. Bis auch diese eines Tages nicht mehr fliegen dürfen...
Abbas Khider schafft mit "Der letzte Sommer der Tauben" einen berührenden Roman um einen 14-jährigen Jungen, der ebenso gut ein real erlebtes Tagebuch sein könnte. Auf rund 200 Seiten gelingt es dem Autor diesen Widerspruch aus einer sich stark verändernden Realität durch Unterdrückung und der naiven Leichtigkeit eines Kindes an der Schwelle zum Erwachsenwerden zu zeichnen. Die Sprache ist klar, hat teilweise poetische Züge und strotzt vor Metaphern - besonders wenn es um Noahs geliebte Tauben geht. Sie stehen für viel mehr als seine Leidenschaft: für Zusammenhalt, Treue und die verlorene Freiheit.
Neben den gesellschaftlichen Veränderungen und den geliebten Tieren steht vor allem Noahs Familie im Mittelpunkt. Der Junge pflegt eine intensive Vertrautheit mit seinem Onkel Ali, der ihm die Liebe zu den Tauben erst beigebracht hat. Und der ein Rebell ist und die Veränderungen im Land nicht einfach so hinnehmen will. Er ist für Noah nicht nur ein Freund, sondern auch ein Vorbild. Auch die engste Familie wird portraitiert - Noahs Vater, der sich mit den Veränderungen schwer tut, seine Mutter, die nun nicht mehr im Modeladen mitarbeiten darf und seine Schwester Suad, die hochschwanger um ihren in Gefangenschaft geratenen Ehemann bangt. Die Familie hält fest zusammen, auch wenn ihr die unterdrückende Situation immer mehr zusetzt - sie wird immer prekärer, in finanzieller Hinsicht, aber vor allem ob der verloren (Bewegungs-)Freiheit. Und dann geraten auch noch Noahs beste Freunde in die Fänge der Islamisten. Trotz all der düsteren Geschehnisse schafft es der Junge zuversichtlich zu bleiben, seinen Humor und seine Leidenschaft nicht zu verlieren.
Es ist faszinierend, wie authentisch dem Autor die Figuren und die Schilderung ihrer Lage gelungen ist. Die sehr kurz gehaltenen Kapitel und die eingängliche Sprache, gepaart mit der fesselnden Geschichte lassen das Buch nur so davon fliegen, wie es die Tauben tun - sie und auch die Nachwirkungen des Buches kommen verlässlich zurück. Besonders schön ist, dass wir über diese Tiere und ihre Kulturgeschichte allerhand lernen, ohne, dass es je belehrend wirkt. Trotz der fühlbaren Anspannung durch die neu errichtete Diktatur, bleibt das Lesen leicht - was sicher der Tatsache, dass der Protagonist ein noch nicht erwachsener Junge voller Leidenschaft und Hoffnung ist, zu verdanken ist.
Mein Fazit: Der letzte Sommer der Tauben ist ein grandioser Roman über Unterdrückung, Gewalt, Leidenschaft, Tiere und Zusammenhalt in mitreißender Erzählsprache, den man unbedingt gelesen haben muss, um zu Verstehen, wie schnell es gehen kann, bis nur mehr die Gedanken frei sind. Für mich ist er ein Dekadenhighlight, das ich niemals aus meiner Gefühlswelt verbannen will.
Abwechslungsreich, spannend, unerwartet
Der Trailer (Donkerbloem 1) Donkerbloem von Linus Geschke
Als die momentan suspendierte Polizistin Frieda Stahnke Interviewgästin eines True Crime-Podcasts ist, um über eine verschwundene Studentin zu sprechen, die vor rund 15 Jahren auf einem belgischen Campingplatz spurlos verschwunden ist, ahnt sie nicht, dass sie damit den Fall wieder neu aufrollen lässt.
Der schmierige und zwielichtige Woud hört den Podcast und wird dazu überredet, mit Frieda in Kontakt zu treten - hat er die Studentin Lisa doch noch kurz vor ihrem Verschwinden gesehen. Es beginnt eine rasante und überraschende Jagd auf der Suche nach der Wahrheit...
So stelle ich mir einen gelungen Auftakt einer Thriller-Reihe vor! Mit gutem Tempo wird man in die Geschehnisse eingeführt, die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, peu á peu kommen neue Fakten an die Oberfläche, es geschehen allerhand widerliche, unvernünftige und überraschende Ereignisse, wir erfahren so einiges über die unterschiedlichen, handelnden Personen und bis zum Schluss ist nicht klar, was aus der verschwunden Lisa geworden ist. Die Polizistin Frieda, gerade suspendiert, bleibt an allen Spuren instinktiv dran, lässt sich nicht von ungustiösen Kollegen abschrecken. Woud hingegen ist ein windiger Klein- bis Mittelkrimineller, der sein Gehirn oft in der Körpermitte gelagert hat und außer den fleischlichen Gelüsten nur Geld im Kopf hat. Eine spezielle Figur ist Wouds Mieterin und ab-und-zu-Bettgenossin Katinka, eine blitzgescheite Frau, die vor Neugier und Andersartigkeit strotzt und sich selbst auf die Suche nach den damaligen Geschehnissen rund um Camp Donkerbloem macht - und durchaus erfolgreich Unglaubliches aufdeckt. Und generell - was sich dort bis heute abspielt, ist nicht jedermanns und jederfraus Sache...
Die Charaktere sind alle leicht überspitzt beschrieben, aber trotzdem in ihrer eigenen Art glaubwürdig und irgendwie auch sympathisch. Obwohl sie es nicht wahr haben wollen, sind sie alle von einander abhängig, um des Rätsels Lösung herauszufinden.
Ich habe das Hörbuch gehört und bin begeistert davon. Der Sprecher schafft das Kunststück, die unterschiedlichen Perspektiven einzunehmen, ohne die Sache zu übertreiben. Die Stimme ist sehr angenehm und packend.
Mein Fazit: Der Trailer ist ein absolut spannender, abwechslungsreicher und mit Überraschungen glänzender Thriller, der mich in seiner Hörbuchform die ganze Zeit über gefesselt hat, glaubwürdige Figuren aufweist und am Schluss auch noch einen kleinen Cliffhänger einbaut, weshalb der zweite Teil unbedingt gelesen oder gehört werden muss!
Der Beginn des Niedergangs
Goodbye, Amerika? von Rieke Havertz
Rieke Havertz erzählt in diesem persönlichen, aber auch sehr differenzierten Buch über ihre Erfahrungen der (gesellschafts-) politischen Veränderung der Vereinigten Staaten von Amerika der letzten 25 Jahre. Sie studierte in Ohio und verliebte sich in das Land, das lange als jenes der unbegrenzten Möglichkeiten galt.
Doch zunehmend polarisierte sich die Politik - und somit auch die Gesellschaft - alles verdichtete sich in Richtung Schwarz oder Weiß - in mehrfacher Hinsicht. Havertz, die seit langer Zeit als Korrespondentin für die Zeit tätig ist, scheute nicht davor zurück, immer wieder mit erzkonservativen Menschen zu sprechen, um ihre Anliegen, die für viele von uns vollkommen unverständlich erscheinen, besser zu verstehen. Wenn es um die Menschen geht, zeigt sie Verständnis und Empathie, auch wenn sie sich klar gegen jegliche Segregationen positioniert und ihre persönliche Sicht nicht versteckt.
Gut nachvollziehbar ist der Unglauben über das Absurde und Gefährliche, das spätestens 2016 ins Weise Haus eingezogen ist. Sie spart aber auch nicht mit Kritik an den Demokraten, vor allem an Joe Biden, der den richtigen Zeitpunkt zum Rückzug schlicht verschlafen und somit seine Partei in eine starke Krise geworfen hat. Höchst spannend sind auch ihre Schilderungen über das was in Familien nicht besprochen werden sollte, damit es zu keiner Eskalation kommt.
Rieke Havertz hat das Hörbuch selbst eingesprochen. Ihre Stimme ist sehr angenehm und verleiht dem ohnehin schon persönlichem Buch eine zusätzlich persönliche Komponente. Es ist ein hochaktuelles Buch, das für jede und jeden, die oder der sich mit den aktuellen Entwicklungen der Weltpolitik und gesellschaftlichen Veränderungen in den USA interessiert, eine absolute Bereicherung ist! Ich kann nur eine absolute Lese- und Hörempfehlung aussprechen!
Die Protagonistin als Nebenfigur
Die Frau der Stunde von Heike Specht
Die Protagonistin als Nebenfigur1978, ein Jahr, das Veränderung einläutet: Catharina Cornelius ist bereits nah an der politischen Machtzentrale, als sie durch eine grobe Verfehlung des Außenministers unverhofft dessen Position einnimmt. Als Frau hat sie es nicht nur schwer, nein, sie muss besonders hart kämpfen, um von der tief patriarchalen, internationalen Politikwelt ernst genommen zu werden: sie ist nicht nur eine Frau, sondern auch noch unverheiratet und kinderlos.
Während sich die Männerwelt irritiert, ignorant, intrigant und höchst chauvinistisch zeigt, steht sie ihre Frau, auch wenn sie im Privaten durchaus Sorgen hat. Ihre Affäre mit einem anerkannten Journalisten darf nicht an die Öffentlichkeit geraten, eine ihrer besten Freundinnen, eine iranische Dokumentarfilmerin, hofft inbrünstig auf die Revolution und Absetzung des Shahs und will vor Ort dabei sein und auch eine andere Freundin bereitet ihr Sorgen. Jetzt heißt es keine Schwäche zeigen…
Ich war ja von der inhaltlichen Beschreibung sehr angetan - politische Machtspiele und dann ist noch eine (fiktive) Frau im Mittelpunkt in dieser umbruchhaften Zeit - genau nach meinem Geschmack - dachte ich zumindest. Ehrlich gestanden hat es aber ewig gedauert, bis ich in das Buch gefunden habe, eigentlich habe ich das auch nur für einen kurzen Moment. Ich weiß nicht warum, aber über weite Strecken fand ich es schlicht langweilig. Der Schreibstil ist recht nüchtern, was ich grundsätzlich mag, aber irgendetwas fehlte mir. Die Geschichte plätschert so dahin, es passiert viel, aber es fehlt irgendwie jegliche Emotion, ich konnte nie wirklich in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin eintauchen. Ich hatte immer das Gefühl, als wäre die Hauptfigur nur eine Nebendarstellerin. Vielleicht war es von der Autorin beabsichtigt, eben nicht emotionsgeladen zu schreiben, ist die Hauptfigur doch eine Frau und ich mutmaße, dass sie dieser Frauen zugeschriebenen Eigenschaft der Emotionalität nicht stereotyp begegnen wollte, allerdings ist das beinah völlige Nichtbeschreiben von Emotionen halt auch unglaubwürdig. Im letzten Drittel des Buches wird es kurzzeitig wirklich spannend und ich dachte mir: jetzt kratzt die Geschichte die Kurve. Es war kurz fesselnd, nur um am Ende eine Geschichte nicht aus zu erzählen und uns mitten im Geschehen zurück zu lassen. Das finde ich so schade, weil die Geschichte wirklich gutes Potential hat: eine Frau in den 70ern kommt an die Macht, muss sich gegen konservativste Männer beweisen, während in einem anderen Teil der Welt ihre Freundin Hoffnung auf eine positive Änderung in einem schwenderisch aristokratischen Land hegt, die sich schon kurz nach dem Umsturz in Luft auflöst - und zudem erschreckend aktuell ist. Man kann nicht einmal sagen, das alles oberflächlich bleibt, denn mir fehlte hier jegliche Oberfläche, an der man sich irgendwie festhalten konnte.
Mein Fazit: "Die Stunde der Frau" verspricht eine höchst spannende Geschichte in einer Zeit des großen Umbruchs, sei es frauengesellschaftlich, als auch politisch - in Deutschland und im Iran. Leider kann sie das Versprechen nicht halten, ist sie doch für meinen Geschmack zu unrealistisch emotionslos und auch nicht sonderlich gut geplottet. Wie andere Buchbesprechungen zeigen, konnte sie aber andere Leser*innen durchaus überzeugen.
Gruselige Stimmung, klischeehafte Figuren und Denglisch
Eisnebel von Kate Alice Marshall
Theo ist frisch verliebt und schon verlobt: sie ist sich sicher, dass Connor der Richtige ist. Zweifel kommen allerdings auf, als sie seiner Familie vorgestellt wird: die stinkreichen Angehörigen sind ihr gar nicht geheuer. Als sie schließlich Warnungen erhält, sie solle sich von Connor fern halten, ist die Verunsicherung perfekt.
Auch das seltsame Verhalten der meisten Familienangehörigen Connors mit Anspielungen auf Theos Vergangenheit lassen sie schaudern, dazu kommt das unheimliche, abgelegene Bergdomizil, das sie zusätzliche Bedrohung fühlen lässt. Schnell stellt sich hieraus, dass ihr Bauchgefühl auf der richtigen Fährte ist...
Grundsätzlich ist der Spannungsaufbau der Geschichte gut. Von Anfang an spürt man eine Unwohlsein und das Gefühl, das irgend etwas nicht stimmt mit diesem Winterdomizil und Connors Familie. Lange war ich mir auch nicht sicher, ob nicht Connor selbst ein falsches Spiel spielt, was noch dadurch verstärkt wird, dass Theo gewisse Geheimnisse entdeckt. Ein großes Rätselraten beginnt auch damit, als Theo die Fernhalte-Warnungen bekommt. Es gibt viele Verstrickungen, die anfänglich noch gar nicht erahnt werden können, weder von Theo selbst, noch von den Leser*innen, was zusätzliche Spannungsmomente schafft.
Nun das Aber: die Figurenzeichnung empfinde ich als sehr oberflächlich. So richtig konnte mir nicht vermittelt werden, was Theo so toll an Connor findet und was die beiden tatsächlich verbindet. Die Familienangehörigen und sonstigen Figuren empfinde ich als ziemlich (US-amerikanisch) klischeehaft und platt. Das Thema der extrareichen Familie, die keine zukünftige Ehefrau Connors dulden mag, die aus der unteren "Schicht" stammt, weil sie ohnehin nur auf das Geld aus ist, zieht sich von Anfang bis Ende durch und wirkt für mich nicht sonderlich glaubwürdig und ehrlich gesagt auch ziemlich unkreativ. Obwohl Theo schon einiges durchgemacht hat in ihrem Leben, ist sie erstaunlich naiv. Das hat mich teilweise so geärgert, dass es mich komplett aus der Spannung herauskatapultiert hat. Ebenso die einseitige Darstellung der Charaktere - es scheint nur Gut und Böse zu geben, Zwischenschattierungen sind rar gesät. Leider wird auch nur aus der Sicht der Protagonistin erzählt, ein Perspektivenwechsel zwischendurch hätte der Geschichte bestimmt mehr Tiefe und zusätzliche Spannung gegeben.
Zur Hörbuchumsetzung: ich mag die Stimme der Sprecherin wirklich sehr gerne, sie ist tief und rau, was besonders gut passt um die unheimliche Stimmung im Winterdomizil wiederzugeben und die Spannung aufrecht zu erhalten. Wozu sie aber m.E. nicht passt, ist Theo: die Protagonistin ist 24 Jahre alt, die Stimme klingt aber viel älter, das war für mich leider nicht stimmig und hat mich bis zum Schluss irritiert. Was ich aber wirklich nicht gut und teilweise unerträglich fand, war die Aussprache der US-amerikanischen Namen: während einige Namen, wie Theo oder Connor noch absolut erträglich ausgesprochen wurden, tat es bei Alexis (Aläksis) und Paloma (Palouma) schon dezent weh, bei dem zahlreich vorkommenden Sebastian (Sebesstschn) trieb es mir aber ziemliche Aversionen auf, was dazu führte, dass ich die Geschichte regelmäßig unterbrechen musste und ich teilweise schon gar nicht mehr weiterhören wollte. Auf so etwas reagiere ich aber extrem, das geht anderen bestimmt anders, ich weiß ob meiner Monkischheit. Ich habe mich trotzdem gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, die Namen mit dieser Sprecherin deutsch auszusprechen (wovon ich eigentlich auch kein Fan bin).
Mein Fazit: wer einen spannenden Thriller sucht, dem es nicht stört, dass die Figuren klischeehaft us-amerikanisch und ohne Tiefgang sind, wird hier sicher gut unterhalten. Beim Hörbuch ist die Stimme toll, auch wenn sie nach meinem Dafürhalten nicht zur jungen Hauptfigur passt und die Aussprache der US-amerikanischen Namen einem klaren Denglisch zugeordnet werden kann.
Entzückendes Mitmachbuch mit großartigen Illustrationen!
Hilf den Tierkindern von Nico Sternbaum
Katze, Schaf, Huhn, Hase und Hund bekommen in diesem entzückenden Mitmachbuch für Kinder ab 1,5 Jahren ihren großen Auftritt - ob mitmiauen, Kopfwackeln, Farben erkennen oder Streicheln, das Büchlein regt die Kleinsten an, mit verschiedenen Sinnen mitzumachen. Die Illustrationen sind sehr süß und kindgerecht, wobei ich sagen muss, dass sie mir persönlich auch sehr, sehr gut gefallen und sehr lustig sind - hier in Österreich würde man liebevoll sagen, dass die Tiere teilweise "schaßaugat" dreinschauen ;)
Ich habe das Buch mit meinem kleinen zweijährigen Neffen durchgeblättert, vorgelesen und nachgemacht - und er hat begeistert mitgemacht und viel dabei gelacht.
Sogar seine fünfjährige Schwester hat sich aktiv beteiligt und ihm vorgezeigt was zu tun ist, wenn er nicht schnell genug reagiert hat :D
Die Texte sind auch angenehm kurz und sprechen die Kleinen direkt an, in einer adäquaten Sprache. Mir gefällt auch gut, dass immer nett erklärt wird, was passiert, nachdem man den Tieren "geholfen" hat. Hier wird auch untereschwellig vermittelt, dass gemeinsames Tun etwas schönes ist und Positives bewirkt. Die Seiten sind wie bei solchen Büchlein für die ganz kleinen Kinder aus dickem Karton und fühlen sich sehr wertig und langlebig an.
Ich kann "Hilf den Tierkindern" von Nico Sternbaum nur wärmstens für die kleinsten Mitmachkinder empfehlen!
Große Liebe für dieses Buch!
Eden von Auður Ava Ólafsdóttir
Alba, Sprachwissenschaftlerin an der Uni in Reykjavík, begegnet einem Haus am Land, mit dem sich ihr Leben ändert. Kurzerhand beschließt sie, es zu kaufen, sie lässt sich ein auf die Dorfgemeinschaft und beginnt langsam ihr Leben zu verändern. Und wir Leser*innen dürften in Ausschnitten dabei sein.
Gleich vorweg: Auður Ava Ólafsdóttirs "Eden" ist eines meiner Jahreshighlights aus dem Jahr 2025! Ich liebe das Sprunghaftige an diesem Buch, die vielen Auslassungen, die einen stets überraschen, manchmal auch überrumpeln, die vielen Fragezeichen, die beim Lesen aufkommen, die offensichtliche Verdrängung diverser Tatsachen der Protagonistin, die Übergriffigkeit der Dorfgemeinschaft, die Alba völlig egal zu sein scheint, die Interaktion der Charaktere, die distanziert und gleichzeitig voller Inniglichkeit ist, die Atmosphäre der Landschaft, die in keinem isländischen Buch fehlen darf und das stimmige Ende. Es hat alles, was isländische Literatur ausmacht, es ist ein wenig schräg, teilweise unzugänglich (vor allem wenn man das Land nicht kennt), voller Philosophie, die Figuren sind zutiefst menschlich, schrullig und nachvollziehbar, fügen sich in die karge aber wunderschöne Landschaft, sind mit Tieren verbunden und dann gibt es auch noch dieses Etwas, was nicht zu beschreiben ist.
Wenn ich so darüber sinniere, merke ich, dass ich das Buch gleich wieder lesen will und eigentlich auch sonst alles von dieser Autorin. Die Geschichte ist voller schöner Begegnungen, einer ungewöhnlichen Normalität und Selbstverständlichkeit, fein beobachtet und festgehalten. Was nicht unerwähnt bleiben darf, ist der ganz eigene Humor, der immer mitschwingt, vor allem wenn Alba von der Presse immer und immer wieder auf einen Literaten hingewiesen wird, mit dem sie offensichtlich eine spezielle Verbindung hat und dies geflissentlich ignoriert und einfach unkommentiert stehen lässt.
Eden ist ein Leseerlebnis, das aufgrund seiner Schrulligkeit und bloßen Besonderheit bestimmt nicht jedem gefällt. Wer aber eine Vorliebe für fein Beobachtetes, Schräges, Schwarzhumoriges und kein Problem mit bewusst eingesetzten Auslassungen hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Ich muss sagen: ich liebe es!
(Un-) Zugehörigkeit - ein Highlight
Die Riesinnen von Hannah Häffner
"Was haben sie daran geglaubt, dass sie zusammengehören, nur um festzustellen, dass nichts für die Ewigkeit sein kann, was menschlich ist." (S. 277)
Drei Frauen, so groß, so rothaarig, so anders - und trotzdem gehören sie dazu. Nach Wittenmoos, einem kleinen Dorf im Schwarzwald, borniert, konservativ, jeder weiß über jeden Bescheid.
Sie brechen aus in ihrer Haltung, ohne den Ort wirklich lange zu verlassen. Liese übersteht eine langweilige und trostlose Ehe, die von Gewalt gezeichnet ist. Halt gibt ihr ihre Tochter Cora, die bereits als Kind zur Außenseiterin wird. Im jungen Erwachsenenalter flieht sie aus dem engen Korsett der Dorfgemeinschaft, nur um kurze Zeit später in schwangerem Zustand und resigniert wieder zurückzukehren. Ihre Tochter Eva will eigentlich gar nicht weg aus Wittenmoos, studiert kurz in einer größeren Stadt, um danach, sowie die beiden anderen Frauen auch, ihre Bestimmung zu finden.
Hannah Höffner ist mit "Die Riesinnen" ein grandioser, literarisch anspruchsvoller Roman gelungen, der drei Generationen von Frauen portraitiert, die anderes für sich gewollt hätten, das Leben aber so nehmen, wie es kommt, um das beste daraus zu machen. Der Schreibstil der Autorin ist sehr poetisch, teils nüchtern, oft philosophisch, was einem durchaus etwas abverlangt. Ihr Sinn, eine dichte und eindrückliche Atmosphäre zu schaffen, ist feinfühlig und atemberaubend zugleich. Die Geschichte wirkt aus der Zeit gefallen und ist deshalb umso einnehmender. Das gesellschaftliche Korsett der Dorfgemeinschaft ist eng geschnürt, deshalb ist es umso erstaunlicher, dass sie trotzdem ein schier unüberbrückbarer Anziehungspunkt ist, dem die Protagonistinnen nur halbherzig entfliehen mögen.
Der Roman hat einen beeindruckenden Tiefgang, zahlreiche Themen werden verhandelt. Zentral ist aber immer die Frage nach der Heimat, nach den Wurzeln, auch jene des eigenen Selbst. Neben den drei Frauen ist der Schwarzwald und seine betörende Natur ein wesentlicher Protagonist, er scheint für alle ein essentielles Lebenselixier zu sein, genauso wie die familiäre und intensive Bindung zueinander - und das alles ohne jeglichen Kitsch, mit einer Klarheit, die oft im Versteckten lauert, aber irgendwann sicher zum Vorschein kommt. Besonders schön herausgearbeitet ist meines Erachtens die Unterschiedlichkeit der drei Frauen, die aber niemals ohne einander können und unmissverständlich zueinander gehören. Wie sie mit den vielfältigen Herausforderungen des Lebens umgehen, trotz vieler Schicksalsschläge, ist nachvollziehbar und strotzt vor innerlicher Stärke, die ihnen aber so gar nicht bewusst ist. Einer der besonderen Aspekte des Buches ist es auch, dass wirklich die drei Frauen im Mittelpunkt stehen und alle anderen Figuren, so sehr sie sie beeinflussen oder auch nicht, nur peripher steuernde Charaktere sind, die nie eine so zentrale Rolle spielen, als dass die Protagonistinnen aus ihrem Mittelpunkt fallen würden.
Mein Fazit: "Die Riesinnen" ist ein unvergleichliches Lesehighlight, das durch poetische, nüchterne und philosophische Sprache und der feinen Beobachtungsgabe von familiärer Bindung besticht. Zentral sind drei starke Frauen, tief verbunden mit dem Schwarzwald, die trotz Widrigkeiten und Enge der Dorfgemeinschaft für sich selbst kämpfen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Ein sehr besonderes Buch, das wohl in den nächsten Jahren immer als eins meiner Lieblingsbücher gelistet werden wird.
Liebenswerte Schrägheit
Happiness Forever von Adelaide Faith
Sylvie ist eine Person der Extreme: entweder sie widmet sich etwas mit Haut und Haar, oder gar nicht. Momentan gilt ihre komplette Aufmerksamkeit ihrer Therapeutin - in die sie nicht nur verliebt, sondern von der sie förmlich besessen ist. Mit ihr arbeitet sie ihr bisheriges Leben auf und als Lesende erkennt man bald: hier ist einiges schief gelaufen.
Das scheint Sylvie gar nicht so zu stören, denn wichtig ist nur: die Therapeutin samt ihren dazugehörigen Phantasien. Als Chloe in ihr Leben tritt, findet sie eine Gleichgesinnte, die das Leben für sie erträglicher macht.
So außergewöhnlich das Cover, so außergewöhnlich das Buch. Adelaide Faiths "Happiness Forever" ist ein Text, der sich nicht so leicht kategorisieren lässt. Die Protagonistin Sylvie ist mehr als schräg: besessen, zwänglerisch, aber auch irrsinnig liebenswert. Eigentlich hat sie die Hölle auf Erden durchgemacht, wurde von Ex-Partnern in einer Tour gedemütigt und ausgenutzt, doch das scheint sie gar nicht weiters zu stören. Oder sie verdrängt es geschickt. Und man ertappt sich immer wieder bei dem irrgeleiteten Gedanken: kein Wunder, Sylvie ist doch eine irrsinnig anstrengende Person, da sind doch viele Schrauben locker. Klarerweise rechtfertigt dies in keiner Weise, wie mit ihr umgegangen wurde und zeigt das Problem: nur weil ein Mensch gesellschaftlich schwer ertragbar ist, rechtfertigt das noch lange nicht, schlecht mit ihm umzugehen.
Fast schon bewundernswert ist Sylvies Art mit Problemen umzugehen: sie lächelt sie schlicht weg. Sie wirkt naiv, doch sie verdrängt, um nicht alles aushalten zu müssen. Wie sie von ihren psychisch oft sehr grausamen Erlebnissen spricht, bricht einem teilweise das Herz, aber sie strotzt dem mit ihrer Besessenheit und bestimmt absichtlich zugelegten Naivität. Was noch sehr schräg, aber umso liebenswerter ist, ist Sylvies Ehrlichkeit gegenüber ihrer Therapeutin. Sie gesteht ihr ihre teils abstrusen Phantasien und die Professionistin nimmt alles mit Gelassenheit hin. Sylvie interpretiert jeden Wort, jede Geste der Therapeutin bis zum Umfallen. Ihre neue Freundin Chloe nimmt alles so hin, nimmt Sylvie so, wie sie ist, auch wenn sie selbst kaum Raum einnehmen kann in der Freundschaft. Aber so genau wissen wir das auch nicht, wird uns doch nur Sylvies Sichtweise geschildert. Tiere spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im Leben der Protagonistin, ist sie doch auch spätberufene Tierpflegerin und hat selber einen Hund mit Beeinträchtigung. Allerdings halten sich ihre Emotionen gegenüber den Tieren in Grenzen, muss sie diese ja ganz für ihre Besessenheit aufsparen.
Der Schreibstil der Autorin ist einnehmend, aber da die Protagonistin viele anstrengende Charakterzüge aufweist und diese sehr detailliert beschrieben werden, konnte ich das Buch nicht am Stück lesen, weil ich zwischendurch immer wieder ziemlich genervt war. Trotzdem wird mir das Buch ob der Schrägheit und Ehrlichkeit aber sich noch lange in Erinnerung bleiben.
Mein Fazit: "Happiness forever" ist ein sehr spezielles Buch, das einem ob der Schrägheit der Protagonistin einiges abverlangt. Es lohnt sich aber, wenn man dranbleibt, denn irgendwie hält uns die nervige Sylvie mit ihrer Naivität einen großen gesellschaftlichen Spiegel vor die Nase und regt so zum Reflektieren und Nachdenken über den Umgang miteinander an.
Rasant, unerwartet, spannungsgeladen
Blutwild von Saskia te Marveld
Anka ist noch immer traumatisiert: vor sechs Jahren wurde sie Opfer eines Psychopathen, der sie qualvoll in den Tod schicken wollte. Doch die ehemalige Polizistin entkam in letzter Sekunde, der Täter wurde inhaftiert. Oder war es doch nicht der richtige Täter? Das fragt sich Anka nun, nachdem mysteriöse Vorfälle passieren und sie sich wieder im Zentrum einer Verfolgung sieht, die ihr erst keiner glauben will.
Dass die Fakten dann doch so anders sind, als sie sich je vorstellen hätte können, werfen sie nicht nur aus der Bahn, sondern lassen sie ums bittere Überleben kämpfen.
Saskia te Marvelds Thriller "Blutwild" ist ein höchst spannendes und rasantes Debut, das viele unerwartete Ereignisse hervorbringt, viel Rätselraten auslöst und dann doch ganz anders ist, als vermutet. Die Protagonistin Anka wirkt anfänglich paranoid, schnell stellt sich aber heraus, dass sie sich sehr gut auf ihre Instinkte verlassen kann. Des Öfteren dachte ich mir: ok, das ist jetzt aber unglaubwürdig, jedoch schafft es die Autorin sehr gut, die Vorkommnisse nachvollziehbar aufzuklären und immer wieder für neue Überraschungen zu sorgen. Der Schreibstil ist sehr eingänglich, sodass sich das Buch sehr schnell lesen lässt. Sehr schön und ein zusätzlicher Spannungsmoment ist die Erzählperspektive: größtenteils werden die Vorkommnisse um Anka geschildert, einige Kapitel jedoch verfolgen einzelne Momente des Täters: so können wir erahnen, weshalb er zu dem geworden ist, was er ist, ohne über lange Zeit jedoch zu wissen, wer er tatsächlich ist. Zudem wird man immer wieder in die Vergangenheit geschickt, um auch genauer zu erfahren, was mit Anka passierte. Im Laufe der Zeit kommen die Erlebnisse von Izzy, Ankas bester Freundin, die ebenfalls eine entscheidende Rolle in dem Thriller spielt, hinzu.
Grundsätzlich braucht man beim Lesen wirklich gute Nerven, denn es ist äußerst spannend, das Tempo ist hoch und die Art, wie der Täter mordet ist wirklich sehr, sehr grausam. Auch wird Tierquälerei nicht ausgelassen, was mich immer besonders erschüttert. Das führte auch dazu, dass ich das Buch etliche Male weglegen musste, obwohl ich grundsätzlich schon einiges gewohnt bin. Insgesamt war mir das Tempo auch etwas zu rasant, ich hätte es angenehm empfunden, wenn man sich zwischendurch auch einmal erholen hätte können. Das ist aber natürlich Geschmacksache.
Mein Fazit: Blutwild ist ein rasanter und höchst spannender Thriller, der mit vielen unerwarteten Wendungen aufwarten kann. Für meinen persönlichen Geschmack war das Tempo teilweise zu hoch, denn es ist kein Platz für eine Atempause. Zudem greift der Täter auf enorme Grausamkeiten zurück, die den Magen flau werden lassen. Leseempfehlung für alle, die eine hohe Spannungs- und Grausamkeitstoleranz haben und sich beim Lesen verausgaben möchten.











