Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Bellis-Perennis:

Eine Leseempfehlung

Die seltenste Frucht von Gaëlle Bélem

Gaëlle Bélem, die selbst von der lnsel La Réunion stammt, entführt uns in das 19. Jahrhundert, als die Insel noch La Bourbon heißt und Sklaven eine Selbstverständlichkeit zur Bewirtschaftung in der Landwirtschaft zählten.

Sie erzählt, stellvertretend für alle rechtlosen Menschen, die Geschichte des Sklavenjungen Edmond Albius, der dem verwitweten und depressiven Plantagenbesitzer Ferréol Beaumont quasi als „Kuscheltier“ überbracht wird.

Edmond erweist sich als neugierig und wissbegierig, heitert seinen Herrn, der sich lieber mit der Orchideenzucht als mit Menschen beschäftigt, tatsächlich auf.

Als sich die jahrelangen Versuche, der Gewürzvanille eine Frucht abzutrotzen, als Fehlschlag entpuppen, versucht der damals zwölfjährige Edmond auf eigene Faust, das Geheimnis der Befruchtung zu lösen.

In der Tat gelingt das Experiment und der Siegeszug des als Bourbon-Vanille bekannten Gewürzes ist nicht mehr aufzuhalten. Von den Gewinnmargen der Plantagenbesitzer und Kaufleuten, die sich mit der Frucht eine goldene Nase verdienen, hat Edmond (wie die Abertausenden Sklaven, die auf der Insel schuften) genau nichts. Ja, es ist ihm sogar verboten lesen und schreiben zu lernen.

Meine Meinung:

Wenn uns heute der exotische Duft von Vanille in der Nase kitzelt, denkt niemand an die Erzeugung und Herkunft dieses Gewürzes, zumal es gelungen ist, das Aroma künstlich herzustellen, um möglichst viele Süßspeisen damit zu verfeinern. Echte Bourbon-Vanille ist nach wie vor teuer, das sie händisch bestäubt werden muss.

Gaëlle Bélem nimmt uns auf den Triumphzug der Vanille rund um den Globus mit. Zunächst gibt es einen kleinen Exkurs nach Mexiko, dem Ursprung der Vanillepflanze, die eine Orchidee ist. Wir besuchen Pflanzungen in Afrika und Asien, Botanische Gärten in Europa, in denen die kostbare Vanille als Zierpflanze angesehen wird, und verkosten in den zahlreichen Cafés und Adelshaushalten Torten, Eis und Schokoladegetränke.

In diesem sprachgewaltigen Roman zeigt Autorin Gaëlle Bélem wie weiße Plantagenbesitzer das Wissen und die Arbeitskraft ihrer Sklaven brutal ausgenützt haben. Dabei gelingt es ihr, manchmal durchaus ironisch und humorvoll, den mühsamen Alltag der Sklaven ihren Leserinnen und Lesern nahe zu bringen.

Wer nostalgisch-gediegene historische Romane, die penibel recherchiert worden sind, und in exotische welten entführt, liebt, wird hier fündig. Sprachlich ist dieser historische Roman, der auf wahren Begegebenheit beruht ein Leckerbissen.

Die Abbildung der Orchidee Gewürzvanille (Vanilla planifolia) ziert das Cover und bietet einen Eindruck der Schönheit der Pflanze. Den betörenden Duft kann man leider nicht riechen.


Fazit:

Gerne gebe ich diesem Ausflug in die Welt der Vanille, der uns darauf hinweist, wie Wohlstand auf dem Buckel von Sklaven erwirtschaftet worden ist, 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Bellis-Perennis

Rezensionen von Bellis-Perennis:

Eine Leseempfehlung

Der Jude der Kaiserin von Vladimir Vertlib

Autor Vladimir Vertlib entführt uns mit diesem historischen Roman in das Wien von 1670. Wir befinden uns damit im Barock und mitten in der Gegenreformation. Es regiert Leopold I. (1640-1705), der nach langen Machtkämpfen, die Unsummen an Bestechungsgeldern gekostet haben, auch Deutscher Kaiser ist.

Die Feldzüge gegen die Türken, die Bestechungsgelder, die Bauwut des Kaisers sowie die Kosten der Feierlichkeiten anlässlich seiner Hochzeit mit Infantin Margarita Theresa (1651-1673) von Spanien, die ein ganzes Jahr (!) gedauert haben, haben in dem ohnehin immer klammen Habsburgerreich leere Kassen beschert. Was Leopold nun dringend braucht, ist ein männlicher Erbe. Zu diesem soll ihm Margaritas Leibarzt Pedro de Rojas, der im Gefolge der jungen Spanierin nach Wien gekommen ist, verhelfen. Pedro hat jedoch ein für ihn lebensgefährliches Geheimnis: Er ist ein spanischer Converso, ein konvertierter Jude, der seinen Glauben im Geheimen praktiziert. Zudem wird er von den Wiener Ärzten angefeindet, weil er sich lange Jahre als Feldscher und Chirurg anatomische und praktische Kenntnisse angeeignet hat.

Gemeinsam mit der jüdischen Hebamme versucht Pedro der Kaiserin zu einem lebensfähigen Kind zu verhelfen.

Die erzkatholische Kaiserin, hält, auch auf Grund ihrer spanischen Herkunft, die Juden für die Ursache allem Übels. Sei es das schlechte Wetter, die leeren Kassen oder den fehlenden Nachwuchs. Sie weiß auch durch die Spitzeldienste der Inquisition über Pedro de Rojas Bescheid. Sie bestärkt den Kaiser, alle Juden aus Wien zu vertreiben, nicht ohne zuvor deren Vermögenswerte einzuziehen. 1670/71 ist es dann soweit - die Juden werden aus Wien vertrieben, an Stelle der Synagoge erhebt sich heute die Leopoldskirche und das ehemalige Judenviertel heißt fortan Leopoldstadt und ist der zweite Bezirk von Wien.

Zu einem Thronfolger hat diese barbarische Aktion dem Kaiserpaar nicht verholfen. Nach zahlreichen Schwangerschaften und Fehlgeburten wird die Kaiserin 1673 mit nur 22 Jahren völlig entkräftet sterben. Letztlich wird nur eine Tochter (Maria Antonia 1669-1692) das Erwachsenenalter erreichen.

Meine Meinung:

Wer, so wie ich in der Leopoldstadt aufgewachsen ist, und sich für die Geschichte Österreichs interessiert, wird sich sehr gut in diesem detailreichen historischen Roman auskennen sowie die eine oder andere beschriebene Örtlichkeit kennen. Wie immer, wenn es um Juden geht, wird die eine oder andere Person, solange sie nützlich ist, geduldet. Hier ist es Pedro de Rojas. In der Realität waren es die beiden Frankfurter Bankiers Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer, die als sogenannten Hofjuden, die Kriege und den Ausbau der Wiener Hofburg (Leopoldinischer Trakt) finanzieren „durften“.

Der dynastische Druck, der auf den Gemahlinnen der Monarchen lastet, lässt einen schon ein wenig Mitleid ihnen haben. Eine Entschuldigung für so ein Pogrom soll es aber nicht sein.

Schon damals galt, wenn auch nicht expressis verbis ausgesprochen, sondern praktisch gelebt „Wer ein Jud‘ ist, bestimme ich.“. Dieser Satz wird dann später sowohl dem Wiener Bürgermeister und Antisemiten Karl Lueger als auch Hermann Göring zugeschrieben.

Vladimir Vertlib gelingt sehr gut, die beiden Welten, hier das Leben am Kaiserhof, dort jenes im Ghetto, lebendig darzustellen. Er verbindet in diesem historischen Roman, der hin und wieder auch humorvolle Szenen hat, Leben und Tod, Intrigen und Verrat, mit Hoffnung und Liebe sowie mit tiefer Freundschaft. Interessant ist auch der Einblick in die Geburtshilfe jener Zeit. So werden wir Zeugen eines Disputes zwischen Margarita und der Hebamme Esther über den Gebrauch bzw. Nichtgebrauch des Gebärstuhls.

Fazit:

Mir hat die historische Roman sehr gut gefallen, weshalb ich ihn mit 5 Sternen bewerte.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Bellis-Perennis

Rezensionen von ReiShimura:

Zwischen Dorfidylle, Humor und mildem Krimiflair

Mord & Breakfast. Ein Fall für Melody Moss Melody Moss von Anne Gordon

Anne Gordons Auftakt ihrer Melody Moss Serie ist eine gelungene Mischung aus Landroman, cosy crime und humorvoller Liebesgeschichte. Eingefleischte Krimifans, vor allem diejenigen die Spannung und Nervenkitzel in ihren Büchern brauchen, damit sie sie genießen können, werden hier allerdings weniger auf ihre Kosten kommen und sollten eher die Finger von dem Buch lassen.

Der Einstieg in das Buch ist mir recht leichtgefallen und ich konnte mich in der Geschichte recht schnell zu recht finden. Dies liegt natürlich einerseits daran, dass die Handlung nicht allzu kompliziert ist, aber auch daran, dass die Autorin sich zu Beginn ein wenig Zeit nimmt, um in die Gänge zu kommen. Bereits nach kurzer Zeit wird klar, dass es sich hier nicht um einen nervenaufreibenden Krimi, sondern um einen gemütlichen Cosy Crime Roman handelt. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass dies bereits nach dem ersten Blick auf das Cover und kurzer Studie des Klappentextes klar gewesen sein sollte.

Anne Gordons Schreib- und Erzählstil hat mir gut gefallen und ich bin nur so durch die Seiten geflogen. Die Beschreibungen der Personen und der Landschaft hat mir sehr gut gefallen und ich fand diese Ausführungen weder langweilig noch langatmig. Wie es sich für einen Landkrimi gehört, gibt es sehr viele doch recht skurrile Personen und alles ist gewürzt mit einer ordentlichen Prise Humor. Alle klassischen Zutaten, die man für diese Art von Buch braucht, hat die Autorin verwendet und meiner Meinung nach auch Großteiles richtig dosiert.

Die Charaktere sind wie bereits erwähnt teilweise sehr skurril und schräg. An manchen Stellen wandert die Autorin auf einem schmalen Grad zwischen übertrieben absurd und gerade noch angemessen witzig. In den meisten Fällen schafft sie es noch auf die richtige Seite. Da es sich aber um einen Reihenstart handelt, bin ich gespannt, wie das ganze weitergehen wird. Natürlich darf auch ein tierischer Sidekick nicht fehlen, der das ganze abrundet.
Die Handlung ist recht interessant und wartet mit der einen oder anderen mehr oder weniger überraschenden Wendung auf. Als spannungsgeladen würde ich das Buch jetzt nicht unbedingt bezeichnen und die Kriminalromanelemente geraten sehr oft ein wenig in den Hintergrund.

Das Hörbuch wird von Sandrine Mittelstädt gelesen. Ihre Stimme passt perfekt zur Geschichte und rundet das Hörbucherlebnis auf eine eindrucksvolle Art und Weise ab. Sowohl der Klang ihrer Stimme wie auch ihre Art die Wörter zu betonen, passt einfach perfekt zur Handlung und zum Setting des Buches. In diesem Fall musste ich nicht einmal die Hörgeschwindigkeit erhöhen, wie ich es sonst meistens mache, denn auch das Tempo war hervorragend gewählt. Ich hoffe sehr, dass ich bald wieder ein Hörbuch mit der Stimme von Sandrine Mittelstädt in den Händen halten werde.

Alles in allem war es ein angenehmes und kurzweiliges Erlebnis und ein wunderbares Buch für zwischendurch. Besonders hohe Ansprüche an den Kriminalteil sollte man allerdings nicht haben. Fans von den Agatha Raisin Romanen werden hier aber auf ihre Kosten kommen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ReiShimura

Rezensionen von Harakiri:

ein etwas schwächerer Teil

Zorn - Die Akte Heinlein von Stephan Ludwig

Eine abgetrennte Hand im Stadtpark? Wem gehört die? Genau der Frage müssen sich Schröder und Zorn im neuen Buch von Stephan Ludwig stellen.

Dass Ludwig die Handlung um Heinlein wieder aufgreift, finde ich eine gute Idee. Zum Glück gibt es am Anfang ein erklärendes Kapitel, für die, die das Buch nicht kennen, oder – wie bei mir – die Lektüre schon länger her ist.

Zu Beginn des Buches wechselt die Handlung ab zwischen Heinlein und Zorn, mit eingeschobenen, kursiv geschriebenen, Kapiteln über das Opfer. Der Leser weiß also ein wenig mehr als die Kommissare.

Im Mittelpunkt steht erneut der eigenwillige Hauptkommissar Claudius Zorn, der sich deutlich von klassischen Ermittlerfiguren abhebt: wortkarg, unbequem, innerlich zerrissen – und gerade deshalb so interessant. Interessant sind zudem die Sätze, die der Autor zu Beginn oder auch mitten in der Handlung einstreut. Erleben wir wirklich Zorns letzte Zigarette?

Mir hat so ein wenig die Interaktion zwischen Schröder und Zorn gefehlt. Und was da zwischen Frida und Zorn los war, habe ich auch nicht wirklich nachvollziehen können. Aber sonst fand ich die Handlung sehr gelungen. Vor allem auch wieder die kleinen spitzigen Bemerkungen voller schwarzen Humors.

Fazit: Die Akte Heinlein wird geschlossen, es wäre sicher gut, wenn man das Buch „Der nette Herr Heinlein“ vorher liest. Aber auch ohne vorherige Lektüre hatte ich viel Spaß beim Lesen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Harakiri

Rezensionen von Shilo:

Wenn die Vergangenheit nicht vergeht

Nelka von Svenja Leiber

Diese Geschichte beginnt ruhig. Ohne Umwege führt sie in das Leben eines jungen polnischen Mädchens, das plötzlich keine Wahl mehr hat. Schnell wird spürbar, wie wenig Schutz es für Nelka gibt und wie sehr ihr Alltag von Angst und Anpassung bestimmt ist.
Der Alltag auf dem norddeutschen Gutshof ist hart.

Die Tage folgen einem festen Rhythmus aus körperlicher Arbeit und ständiger Wachsamkeit. Nelkas Wissen aus der Kindheit schützt sie ein wenig, aber es bindet sie auch. Die Arbeit mit den Obstbäumen gibt ihr eine Aufgabe und etwas Sicherheit, doch sie macht auch abhängig von der Gunst des Verwalters. Diese Spannung spürt man auf jeder Seite.
Neben der Arbeit spielen die Begegnungen mit den anderen Frauen eine wichtige Rolle. Zwischen ihnen entsteht Halt. Kleine Gesten, kurze Gespräche und geteilte Blicke reichen aus, um ein Gefühl von Zusammenhalt zu schaffen. Diese Nähe ist kein Trost, aber sie hilft, den Alltag zu ertragen und nicht völlig zu verstummen.
Viele Jahre später kehrt Nelka zurück an diesen Ort. Alles wirkt ruhig und fest. Es geht nicht um Vorwürfe, sondern darum, sich an das Vergangene zu erinnern. Das Erlebte hat Spuren hinterlassen, bei den Menschen und in der Landschaft.
Die Sprache bleibt klar und einfach. Alles wird so erzählt, wie es passiert, ohne dass es kommentiert wird. Gerade das macht das Buch stark. Es bleibt nah beim Geschehen und zeigt, wie lange solche Erfahrungen nachwirken. So entsteht ein eindringlicher Roman, der Respekt vor den Betroffenen bewahrt und die Erinnerung lebendig hält.
Mein Fazit:
Ein stiller, berührender Roman über Zwangsarbeit, Zusammenhalt und die Kraft von Wissen und Erinnerung.
5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Shilo

Rezensionen von clematis:

Geschichten aus dem Moor

Spiegelland von Rebekka Frank

Der vierzehnjährige Elias fährt kurzerhand mit dem Rad ins Moor, wo seine Oma Catharina (Cato) lebt, denn in der Abgeschiedenheit will er sich verstecken, nachdem er sich völlig daneben benommen hat. Was er nicht weiß: nicht nur er hütet ein Geheimnis, auch die Großmutter könnte so einiges erzählen.

Ein wunderbarer Roman in drei großartig verwobenen Zeitebenen erwartet die Leser von Spiegelland, jede einzelne der 560 Seiten ist so fesselnd und absolut kurzweilig, dass ich das Buch an einem Tag regelrecht verschlungen habe. Aber von vorne: Elias flüchtet sich im Sommer 2025 zu seiner Großmutter, wodurch sich ein perfekter Rahmen für die anderen beiden Geschichten ergibt, nämlich jene von seiner Oma und seiner Mutter im Jahre 1999 und eine noch viel weiter zurückliegende Begebenheit, der Urbanisierung des Moores 1756. Nicht nur die historischen Fakten sind akribisch recherchiert und unaufdringlich in den Roman eingeflochten, auch andere - fiktive - Details fußen auf wahren Grundlagen, auf die im Nachwort hingewiesen wird. Abwechslungsreich geht es durch die unterschiedlichen Zeitabschnitte, welche - einem Leporello gleich - die jeweiligen Episoden geschickt und nahtlos miteinander verknüpft, sodass die Gemeinsamkeiten über die Jahrhunderte bestens verdeutlicht werden.

Mit ihrer eloquenten Ausdrucksweise überzeugt Rebekka Frank ebenso wie mit ihren überaus realitätsgetreuen Figuren, die man genau so auch im echten Leben antreffen könnte. Die angesprochenen Themen, vom notwendigen Schutz der Moore über Gewalt in der Familie bis hin zur Täter-Opfer-Umkehr, sind in allen drei Abschnitten gleichermaßen aktuell und zeigen größtenteils ohne moralisierenden Unterton, wie viel auch heute noch zu tun ist. Der Bogen spannt sich vom beschwerlichen Leben im Moor über eine toxische Ehe bis hin zu einer inakzeptablen Handlung eines Jugendlichen und verknüpft alles zu einem ganz besonderen Leseerlebnis.

Nicht immer vergnüglich, dafür aber umso glaubwürdiger, präsentiert sich der neue Roman Spiegelland von Rebekka Frank und verdient, nicht zuletzt durch die vielen bildhaften Beschreibungen, eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von clematis

Rezensionen von Ruth:

Heimkehr nach Triest

Alma von Federica Manzon

Die Autorin Federica Manzon, 1981 in Pordenone, einem Ort zwischen Venedig und Triest, geboren, ist Schriftstellerin und Verlegerin. Für ihren fünften Roman „Alma“, der von der Kritik gefeiert wurde, erhielt sie namhafte Preise, u.a. den „Premio Campiello“. Es ist ihr erster Roman, der auf Deutsch veröffentlicht wurde.

„Geografie siegt immer über Geschichte“- dies ist ein zentraler Satz im Roman und Alma, die Protagonistin ist von seinem Wahrheitsgehalt überzeugt. Und so spielt die Stadt Triest, seine geopolitische Lage und seine Geschichte, eine wesentliche Rolle für die Figuren im Roman.
Die 53jährige Alma arbeitet seit Jahren schon als Journalistin in Rom. Nun zwingt sie das Erbe, das ihr Vater ihr hinterlassen hat, zurückzukehren in ihre Heimatstadt Triest. Drei Tage, während des orthodoxen Osterfestes, nimmt sie sich Zeit dafür. Drei Tage, in denen sie nochmals die Orte ihrer Kindheit und Jugend aufsucht, bevor sie sich mit Vili treffen wird. Ausgerechnet Vili, der Mann, den sie nie mehr sehen wollte, ist es, der ihr das Vermächtnis ihres Vaters übergeben soll.
Während Alma die Straßen der Stadt durchstreift, drängen sich ihr die Erinnerungen an früher auf.
Aufgewachsen ist sie in zwei Welten. Da die schöne Wohnung in der Platanenallee, in der ihre Großeltern leben. Hier fühlt sich Alma geborgen. Mit dem Großvater führt sie lange Gespräche, die Großmutter verwöhnt sie mit Sahnetorten und glitzernden Geschenken. Die beiden verkörpern ein Bildungsbürgertum in der alten Tradition des Habsburgerreiches.
Ganz anders in dem Häuschen auf dem Karst, nahe der Grenze. Hier herrscht eine schlampige Unordnung. Die Mutter hat wenig Zeit für ihre Tochter. Sie arbeitet in der „Stadt der Irren“, wo der Psychiater Franco Basaglia eine moderne Form der Psychiatrie geschaffen hat, mit offenen Türen und ohne Gewaltmaßnahmen. Das Verhältnis zur Mutter ist distanziert , das zum Vater sehr viel inniger. Auch wenn dieser oft tagelang über die Grenze verschwindet und wenig erzählt, was er dort macht. Dass er für Tito gearbeitet hat und dessen Reden schrieb, ist alles, was Alma später erfahren wird.
Als Alma elf Jahre alt ist, bringt ihr Vater eines Tages einen Jungen mit nach Hause. Vili ist der Sohn serbischer Intellektueller, die in Ungnade gefallen sind. Vili wird für Alma Bruder, Freund und Geliebter.
Nach Titos Tod ändert sich vieles. Der Vater bleibt von nun an daheim, aus dem Rastlosen wird ein Mann, der sich zurückzieht.
Alma wird Vili bis nach Belgrad folgen, wird die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe erleben, bevor sich ihre Wege für Jahrzehnte trennen.
Im steten Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzählt Federica Manzon ihre Geschichte. Dabei bleibt sie ganz nah bei ihrer Hauptfigur, nimmt deren Perspektive ein, beschreibt deren Entwicklung vom Kind zur reifen Frau. Aber auch die anderen Charaktere bekommen Kontur, obgleich die beiden Männerfiguren, der Vater und Vili, lange schwer zu fassen sind. Erst am Ende werden sich für Alma und damit für den Lesenden die meisten Rätsel auflösen.
Sehr sinnlich und atmosphärisch werden die Kindheits- und Jugenderlebnisse geschildert, beklemmend dagegen die Kriegsszenen. Wenige in den Text eingestreute Schwarz- Weiß- Fotografien verleihen dem Geschriebenen zusätzliche Authentizität.
Allerdings macht es die Autorin dem Lesenden nicht einfach.
Verschwimmende Zeitebenen und manche nebulöse und sperrige Formulierungen erfordern volle Konzentration. Kenntnisse über die jugoslawische Geschichte und über den Balkankrieg sind zwar nicht Voraussetzung, aber hilfreich. Außerdem vermeidet die Autorin Jahreszahlen und oftmals klare Benennungen. Man weiß zwar, wer mit dem Marschall, der Stadt oder der Hauptstadt usw. gemeint ist, doch der Mehrwert dieses Kunstgriffes ist nicht erkennbar.
Ansonsten ist „Alma“ ein lesenswerter Roman, der die Themen Herkunft und Identität, Erinnerung und Geschichte auf facettenreiche Weise beleuchtet.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Rezensionen von ekiam:

Ein spannendes Vorlesebuch rund um das Farmleben

Judiths kleine Farm, Band 3, von Judith Rakers

Die Tiere auf Judiths Farm sind ganz aufgeregt: Fohlen Charlie darf zur Fohlenschau! Schon Wochen vorher übt Judith fleißig mit ihm, doch besonders das Traben will einfach nicht so recht gelingen.
Am großen Tag schmuggeln sich die beiden Katzenkinder Jack und Lotti heimlich in den Pferdeanhänger; schließlich sind sie viel zu neugierig, um dieses Ereignis zu verpassen.

Auf der Fohlenschau verfolgen sie begeistert Charlies Auftritt und seinen Erfolg. Doch vor lauter Abenteuerlust verpassen sie den richtigen Moment zur Rückkehr und Judith fährt ohne sie nach Hause. Ob Jack und Lotti den Weg zurück zur Farm wiederfinden?

Die Geschichte rund um Jack, Lotti und Charlie ist in altersgerechter, leicht verständlicher Sprache erzählt. Die niedlichen Illustrationen ergänzen die Handlung stimmungsvoll..
Das Buch eignet sich hervorragend zum Vorlesen, aber auch Leseanfängerinnen und Leseanfänger können hier erste eigene Leseerfahrungen sammeln. Zusätzlich bietet die Kosmos-Plus-App die Möglichkeit, sich das Buch vorlesen zu lassen. Das Konzept ist kindgerecht gestaltet: Zu Beginn benötigen Kinder noch etwas Unterstützung, später genügt es, Zahlen einzugeben, um die passenden Inhalte abzurufen.

Für Leserinnen und Leser, die die ersten beiden Bände noch nicht kennen, gibt es zu Beginn eine kurze Zusammenfassung sowie eine Vorstellung der wichtigsten Figuren.
Besonders schön sind die ergänzenden Erklärungen und kreativen Anregungen. So erfahren Kinder beispielsweise, wie ein Pferd richtig geputzt wird oder wie man mit Kartoffeln basteln kann.

Insgesamt eine warmherzige Geschichte, die Kindern auf spielerische Weise das Farmleben näherbringt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von ekiam

Rezensionen von Sophie H.:

Helden sind überall

Theo und die Immerhelden von Ruth Katharina Breuer

Theo liebt seine beiden Helden Superman und Hulk über alles. Stundenlang spielt er jeden Tag mit ihnen. Eines Tages hat er den Begriff „Alltagshelden“ aufgeschnappt und fragt seine Mutter, was das sind. Als seine Mutter ihm erklärt, dass das Menschen sind, die sich immer um andere Menschen kümmern, fallen diese Alltagshelden Theo überall ins Auge.

Und zwar immer dort, wo Menschen nicht „Dienst nach Vorschrift“ machen: die Müllmänner, die warten, bis Papa die Tonne an die Straße gestellt hat, oder die Klofrau, die Theo auf Klo lässt, obwohl er kein Geld dabeihat. Theo tauft diese Menschen kurzerhand „Immerhelden“, weil sie immer da sind.
Ein wunderschönes Bilderbuch, das klar macht, dass wahre Helden keinen roten Umhang tragen und dass sie uns täglich in unserem Leben begegnen. Dieses Buch macht deutlich, was im Leben zählt: Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Das Buch richtet sich an Kinder an 4 Jahren und greift Situationen auf, die jedes Kind kennt. Dadurch bietet es zahlreiche Gelegenheiten für Gesprächsanlässe.
Sehr gut gefallen haben mir auch die tollen Illustrationen von Bernd Lehmann. Auf jeder Doppelseite kann man zusammen mit seinem Kind viel entdecken. Das gilt auch besonders für den Vorsatz. Von mir gibt es 5 Sterne!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Sophie H.

Rezensionen von yellowdog:

Das Urteil der Eulen

Casino von Cihan Acar

Cihan Acar hat einen deutsch-türkischen Familienroman geschrieben.
Cumali Karagöz ist Geschäftsmann und Familienvater. Ein Mann mit Profil und Durchsetzungsvermögen. Er betreibt Spielhallen, ein etwas anrüchiges Gewerbe für viele. Doch Cumali ist reich dadurch geworden und wohnt in einer Villa.

Der Autor wechselt die Figuren mit jedem Kapitel. So bekommen auch Cumalis Frau Hannah und seine Tochter Zaha, sein Sohn Ediz und andere ihre Abschnitte. Der Roman zeichnet sich durch seine Unverkrampftheit aus. Das ist vielleicht auch der jugendlich wirkenden Art des Autors Cihan Acar geschuldet. Casino ist sein zweiter Roman. Ihm gelingt es, seine Szenen ansprechend zu gestalten.
Auffällig aber, das man die Figuren, insbesondere Cumali, mehr nur von Außen sieht. Das erzeugt Distanz. Zum Teil ist Cumali mir fremd geblieben, bei seinen Kindern war es nicht ganz so.
Der Roman bleibt für mich ein Stück weit gehobenes Mittelmaß, wenn auch mit vielen starken Passagen. Ich kann mir vorstellen, auch Cihan Acars ersten Roman Hawaii noch zu lesen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von yellowdog