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Rezensionen von Ruth:
Unterhaltsamer und schonungsloser Gesellschaftsroman
Die Liebeshungrigen von Karine Tuil
Karine Tuil ist bekannt für ihre gesellschaftskritischen Gegenwartsromane, in denen sie schonungslos Missstände und Ungerechtigkeiten in der französischen Gesellschaft aufzeigt. Das ist nicht anders in ihrem elften Roman „Die Liebeshungrigen“.
Im Zentrum steht Dan Lehman, bis vor einem Jahr noch Präsident von Frankreich.
Einst als Hoffnungsträger für soziale Gerechtigkeit angetreten, hat er seine Wählerschaft während seiner Regierungszeit enttäuscht. Die sehen in ihm einen Verräter der Arbeiterschaft und erteilen ihm nun bei seiner erneuten Kandidatur eine Abfuhr. Diese Niederlage stürzt Lehman in eine tiefe existenzielle Krise. Es fällt ihm schwer, sich mit seinem Machtverlust abzufinden und er kämpft dagegen an, in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Ein Versuch, als Schriftsteller wieder Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, scheitert allerdings grandios.
Danach versinkt er in Selbstmitleid und sucht Zuflucht im Alkohol.
Darunter leidet auch seine Ehe mit der um zwanzig Jahre jüngeren Hilda, einer deutschen Schauspielerin. Für sie hatte er vor ein paar Jahren seine Frau Marianne, eine Schriftstellerin, verlassen, mit der er drei mittlerweile erwachsene Kinder hat.
Während seiner Amtszeit galten Hilda und er als „Power-Paar“, sie die erfolgreiche Schauspielerin, er der charismatische Politiker. Doch nun, wo die schöne Fassade gefallen ist, bröckelt auch das Bild vom glücklichen Paar. Einzig die Liebe zur taub geborenen Tochter Anna verbindet sie noch miteinander.
Auch Hilda fühlt sich ins Abseits gedrängt. Als Präsidentengattin blieben die Rollenangebote aus und nun ist sie mit Anfang Vierzig zu alt für das Filmgeschäft. Doch dann bietet ihr der anerkannte Regisseur Nizon die Hauptrolle in seinem nächsten Film an. Pikanterweise stammt die Buchvorlage von Marianne.
Damit wechselt der Fokus vom Politikbetrieb hin zum Filmgeschäft, wobei sich viele Gemeinsamkeiten zeigen. Beide Welten leben von der Inszenierung und davon, dass die Personen ihre Rollen überzeugend rüberbringen. Eitelkeit, Konkurrenzdenken und Machtmissbrauch sind weitere Parallelen. Und Politiker wie Filmschaffende stehen im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung, müssen mit den Begleiterscheinungen davon leben.
Auch die Medienlandschaft wird kritisch seziert. Der geht es nicht mehr um objektive sachliche Berichterstattung, vielmehr bedient sie den Voyerismus ihrer Gefolgschaft. Und wen sie heute noch euphorisch feiert, der wird morgen schon gnadenlos demontiert.
Das große Finale findet dann bei den Filmfestspielen in Cannes statt, wo alle Figuren des Romans aufeinandertreffen.
Eine unrühmliche Rolle dabei kommt dem Regisseur Nizon zu. Mit seinem Film über eine Arbeiterin, die sich gegen männliche Gewalt zur Wehr setzt, lässt er sich als überzeugter Feminist feiern. Dabei ist er der Prototyp eines Narzissten, der aufs Übelste Frauen manipuliert und demütigt.
Hier entlarvt die Autorin die Kulturbranche, die sich gerne als Vorreiter sieht für Freiheit und Selbstbestimmung und vorgibt, besonders gesellschaftskritisch zu sein, tatsächlich aber Teil des Systems ist, das sie an den Pranger stellt.
Karine Tuil hat ihren Roman mehrstimmig angelegt, wobei Dan Lehman gerade im Anfangsteil viel Platz eingeräumt wird. Von ihm erzählt sie nicht nur in personaler Form, sondern lässt ihn auch selbst zu Wort kommen. In einem Audio-Tagebuch spricht er über Politik und Privates, erzählt von seiner Kindheit und Jugend. Dazu kommen kursiv gesetzte Textstellen, in denen wir seine Alkoholexzesse mitverfolgen dürfen.
Kapitelweise wechselt Karine Tuil die Erzählperspektive und beleuchtet so näher die wichtigsten Protagonisten.
Dass ansonsten nur Marianne eine Ich-Perspektive zugestanden wird, ist klug gewählt, ist sie doch eine der wenigen positiv gezeichneten Figuren und die Einzige, die zur Identifikation einlädt. Und mit ihr, der Schriftstellerin, zeigt die Autorin, welche Rolle sie der Literatur zumisst: Als Gegenpol zur oberflächlichen, nur auf Schein bedachten Welt ist die Literatur zuständig für Wahrheit und Moral.
Überhaupt kommen die Frauenfiguren bei Karine Tuil besser weg als die Männer, die durchgängig Narzissten oder prinzipienlose Ehrgeizlinge sind.
Mit Marianne, Hilde und Léonie, Dans Tochter aus erster Ehe, porträtiert die Autorin drei Frauengenerationen, die unterschiedliche Haltungen einnehmen.
Marianne ist zwar gekränkt, weil ihr Mann sie wegen einer jüngeren Frau verlassen hat. Trotzdem wirkt sie gefestigt und findet in ihrer Arbeit Erfüllung.
Hilda ist ehrgeizig und lässt sich ausnutzen und erniedrigen um des Erfolges willen.
Léonie dagegen steht für eine junge Generation von Frauen, die vehement für ihre Rechte einsteht. Allerdings ist auch sie nicht ohne Widersprüche. So lässt sie sich anfangs noch von Nizons Charme blenden.
Überhaupt zeichnet Karine Tuil all ihre Figuren nicht eindimensional, sondern gibt ihnen Tiefe und Ambivalenz.
Karine Tuil hat sicher keinen Schlüsselroman geschrieben, auch wenn sich Parallelen zu lebenden Personen finden lassen. Ihr ging es darum, Strukturen aufzuzeigen, die sich nicht auf Frankreich beschränken.
Im Original lautet der Titel „La guerre par d’autres moyen“ - Krieg mit anderen Mitteln“, was mir passender erscheint, denn bekämpfen tun sich hier viele.
Karine Tuil hat mit „Die Liebeshungrigen“ einen so unterhaltsamen wie schonungslosen Gesellschaftsroman geschrieben, der viel Stoff zum Diskutieren bietet.
Sommer in Busteni
Tanzende Frau, blauer Hahn von Dana Grigorcea
Der Prolog lässt bereits keinerlei Hoffnung auf ein Happy-End aufkommen. Die zarte Freundschafts- und Liebesgeschichte zwischen Roxana und Camil muss irgendwann ein Ende gefunden haben. Denn nun liest die Ich-Erzählerin auf einer spanischen Nachrichtenseite vom Unfalltod ihres „ ersten und besten Freundes“ und beginnt sich an all die Sommerferien zu erinnern, die sie in den 1990er Jahren in Busteni verbracht hat
In diesem kleinen Dorf am Rande der Karpaten haben Großmutter und Großtante ein Sommerhaus und hierher fährt Roxana Jahr für Jahr.
Sie, ein Mädchen aus der gehobenen Bukarester Gesellschaft, freundet sich mit Camil, dem gleichaltrigen Jungen aus der heruntergekommenen Eisenbahnersiedlung an. Dass Welten zwischen ihnen liegen, spielt in diesen Wochen keine Rolle. Sie durchstreifen die Gegend, beobachten die Bewohner des Ortes und erzählen sich Geschichten. So z.B. die von der feinen Madame Smara aus Bukarest, die mit ihrem ehemals notorisch untreuen, nun aber todkranken Mann hierher zog. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihn, bis eines Tages ein Kirschbaum in ihrem Haus zu wachsen beginnt.
Oder die Geschichte von der schönen Frau Helmann, die nicht wegen ihres kleinwüchsigen Ehemannes, der Tag für Tag mit einer Sense auf der Schulter durch den Ort läuft, Aufmerksamkeit erhält. Nein, es ist ihre frappierende Ähnlichkeit mit der „Sklavin Isaura“ aus der gleichnamigen brasilianischen Telenovela, die die Dorfbewohner begeistert.
Das sind aber nicht die einzigen ungewöhnlichen Liebespaare, über die Camil und Roxana sich amüsieren.
Daneben begleiten auch andere Kinder die beiden gerne auf ihren Exkursionen, wollen dazugehören und bleiben während dieser Sommerwochen doch nur Randfiguren. So z.B. Radu, der selbst ein bisschen in Roxana verliebt scheint, dem aber die Rolle des Spaßmachers zufällt. Oder Ana-Mia, die immer von ihrem zweibeinigen Hund begleitet wird. Dass diese aus ärmlichsten Verhältnissen stammt, entgeht selbst Roxana nicht.
Man muss zwischen den Zeilen lesen, um bei all den Geschichten, die Dana Grigorcea fabulierfreudig vor uns ausbreitet, etwas über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Rumänien zu erfahren. Da heißt es dann, „Bitte keine Politik am Tisch“ bei einem Fest des ehemaligen Direktors der örtlichen Papierfabrik. Und dass Einheimische dabei nicht gewünscht sind, erfährt man nur in einem Nebensatz.
Auch wenn der Ort gerade anfangs, als wir alles durch die kindliche Perspektive erleben, wie eine Idylle wirkt, so ist er das keineswegs. Von Klassenunterschieden, von den Unterschieden zwischen den Großstädtern und der einheimischen Landbevölkerung, von prekären Verhältnissen lesen wir in allen Geschichten. Ebenso erfahren wir vom Müll, der auf der Prahova schwimmt oder auf dem Grund des Flusses liegt und an dem man sich beim Baden verletzen kann.
Später hören wir von Ovidiu, der wie Roxana seine Sommerferien in Busteni verbracht hat. Er macht als Erwachsener Karriere in der Politik , bevor er nach einem Korruptionsverdacht untertaucht.
Camil und Roxana werden älter, aus der Kinderfreundschaft wird erste Verliebtheit, doch bald wird klar, dass dies eine Sommerliebe bleibt, leicht, unverbindlich, ohne Zukunft.
Und so etwas Leichtes, Schwebendes liegt über dem ganzen Roman. Es sind einzelne Episoden, die die Autorin miteinander verwebt, voller Atmosphäre, manche witzig, beinahe absurd, andere eher still und traurig. Nicht selten mischen sich Realität mit surrealen Elementen.
Eingebunden ist dies in eine Rahmenhandlung, kursiv gesetzt, in der eine Schriftstellerin auf einer Lesereise unterwegs ist, genau mit den Geschichten, die wir lesen. Begleitet wird sie dabei von einem älteren Musiker, der die Texte mit passenden Musikstücken unterlegt.
Und am Ende überrascht uns die Autorin noch mit einer unerwarteten Volte.
Dana Grigorcea und ihr Schriftstellerkollege Catalin Dorian Florescu haben dieses Frühjahr einen neuen Roman veröffentlicht . Beide stammen aus Rumänien und leben schon viele Jahre in Zürich und beide kehren in ihren Büchern gerne in ihre frühere Heimat zurück.
Catalin Dorian Florescu schlägt in „Matei entdeckt die Freiheit“ einen weiten Bogen von der Zeit noch vor Ceaucescus Diktatur bis in die Nachwendejahre und schildert darin eindrucksvoll das Schicksal seines Protagonisten, der seine Zeit im Arbeitslager nicht vergessen kann und auf Rache sinnt, als er Jahrzehnte später auf seinen ehemaligen Peiniger trifft.
Sein Roman unterscheidet sich nicht nur im Ton von „Tanzende Frau, Blauer Hahn“. Wer tief eintauchen möchte in die unheilvolle Geschichte Rumäniens, ist mit dem emotional packenden „Matei entdeckt die Freiheit“ besser bedient. Wer es stattdessen leichter, luftiger und trotzdem tiefgründig haben will, der greife zu Dana Grigorcea . Am besten lese man beide Bücher und bekomme damit einen Einblick in die rumänische Gesellschaft und gleichzeitig gute Literatur.
Für kindliche Entdecker
Wieso? Weshalb? Warum? junior, Band 31 - Tiere im Winter von Andrea Erne
Dieser Band der „Wieso Weshalb Warum?“- Reihe richtet sich an jüngere Kinder zwischen zwei und vier Jahren, wobei auch Ältere noch etwas lernen können. Er widmet sich dem interessanten Themenbereich „Tiere im Winter“.
Schon im Herbst treffen viele Tiere Vorbereitungen für die kommende kältere Jahreszeit.
Während die einen sich einen Vorrat anlegen oder sich ein wärmeres Winterkleid zulegen, entfliehen andere dem unwirtlichen Norden, indem sie Richtung Süden fliegen.
Manche dagegen verschlafen einfach die kalte Jahreszeit, oder kuscheln sich in Höhlen oder verstecken sich einfallsreich. Trotzdem gibt es Tiere, die im Winter auf Futtersuche sind.
Dies alles und noch mehr wird auf 16 Seiten kindgerecht vermittelt. Die Texte sind leicht verständlich und trotzdem informativ. Farbenfrohe und lebensechte Illustrationen, die mit vielen Details aufwarten, vertiefen und ergänzen das Geschriebene. Für Kinder besonders spannend sind die bewährten Klappen, die neugierig machen und zum selbständigen Entdecken einladen . Außerdem punktet der Band mit einem ansprechenden Cover, einer stabilen Verarbeitung und einem angemessenen Preis.
Er ist eine Bereicherung für jedes Bücherregal, sowohl im Kinderzimmer als auch in der Kita.
Bildungsroman im besten Sinne
Orion von Petra Morsbach
Petra Morsbach lässt sich Zeit beim Schreiben. Ihrem Debut „Plötzlich ist es Abend“, 1995 erschienen, folgten bisher erst sieben weitere Romane, die allesamt ganz unterschiedliche Milieus porträtieren, so z.B. die sowjetische Gesellschaft in ihrem Erstling, in „Opernroman“ die Musikwelt und in „Gottesdiener“ die Kirche und die Geistlichkeit.
Stand in ihrem letzten Roman „Justizpalast“, 2017 veröffentlicht, eine Richterin mit ihrer lebenslangen Suche nach Gerechtigkeit im Zentrum, ist es dieses Mal eine Lehrerin für Deutsch und Geschichte mit einer Passion für die Literatur, die aus der Ich- Perspektive auf ihr Leben zurückblickt.
Den Grundstock für diese Leidenschaft legt Oma Auguste, bei der die achtjährige Nora ein paar Wochen verbringt. Denn diese singt abends vor dem Zubettgehen alte Lieder oder rezitiert Balladen mit zum Teil schauerlichem Inhalt. „Seit den Bertinger Abenden führe ich ein zweites Leben in der Literatur. In der Kindheit bot es Nahrung für meine Träume, in der Jugend Trost und Abenteuer, danach Erholung und Orientierung.“
Aus einfachen Verhältnissen stammend schafft es Nora, dank der Fürsprache ihres Volksschullehrers, auf das Gymnasium. Nach dem Abitur geht sie zum Studium nach München. Daneben jobbt sie im Münchner Hauptstaatsarchiv und begegnet dort ihrem späteren Ehemann, dem zehn Jahre älteren Dr. Theseus Dellenbrücker. Dieser ist ein Archivar, wie man ihn sich vorstellt, „hypergebildet, nur ein bisschen unterbelebt“.
Es erfordert einige Umwege, bis die beiden heiraten. Zwanzig Jahre wird diese Ehe anhalten, ein gemeinsames Kind geht daraus hervor.
Doch die Beziehung erweist sich als lieblose Zweckgemeinschaft, voller emotionaler Kälte. Das, was ihr fehlt, menschliche Nähe und Leidenschaft, findet Nora dann bei Bruno. Als Theseus von der Affäre erfährt, ist diese zwar schon längst beendet, doch er ist gekränkt und will die Scheidung. Das Verhältnis zum Sohn, das auch zuvor kein so inniges war, bleibt danach schwierig.
Erfüllung findet Nora in ihrem Beruf als Lehrerin. Mit großem pädagogischen Geschick und eigenem Interesse am Stoff vermag sie zu begeistern. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die Schüler zu kritischem Denken und Hinterfragen anzuleiten. Dabei ist sie immer bereit, selbst auch von den Schülern zu lernen.
Doch dann macht sie eine Nierenerkrankung zur Dialysepatientin und Nora muss leider den Schuldienst quittieren. Auch in diesem Moment ist ihr die Literatur Trost und Hilfe.
So wie sie die großen Dichter und Denker bei allen Lebenslagen zu Rate zieht und dort nach Antworten sucht. Nicht immer wird sie dabei fündig. In Fragen der Schwangerschaft findet sie wenig Hilfreiches in der Literatur. Gerade der klassische Kanon ist voll mit schreibenden Männern, die ein geschöntes Bild von Schwangerschaft und Geburt haben. Erst bei Euripides findet sie wahre Worte: „Ich wollte lieber dreimal ins Grauen / Der Schlacht mich werfen, als einmal nur gebären.“
Man mag kritisieren, dass sich Petra Morsbach vor allem auf Literatur aus weit zurückliegenden Zeiten bezieht und sich nicht Rat bei zeitgenössischen Autoren und Autorinnen holt. Mich hat das nicht gestört, sondern es hat mir im Gegenteil gezeigt, dass „klassische“ Literatur zeitlos ist und uns immer noch etwas zu sagen hat. So wie Sokrates, den sie zitiert, der auf die Frage eines Schülers, ob er heiraten soll , die Antwort gibt: „Was du auch tust, du wirst es bereuen.“ Nicht nur mit diesem Zitat beweist die Autorin ihren Humor.
Allerdings liest Nora nicht nur Bücher, sondern „ liest“ ebenso die Menschen. „ Wenn jedes Buch ein Mensch ist, ist auch jeder Mensch ein Buch.“ Aber so wie manche Bücher langweilen oder ein Buch gerade nicht zur eigenen Lebensphase passt, so kann es einem mit Mitmenschen gehen. Auf das banale Geschwätz einer Bekanntschaft reagiert Nora mit Desinteresse. Da heißt es dann im Roman: „ Auch dieses Buch wollte ich nicht weiterlesen.“
Petra Morsbach berichtet aber vorrangig von den Begegnungen mit Menschen und Büchern, die Nora bereichern: „Die Menschen, die ich traf, und die Bücher, die ich las, gingen durch mich hindurch, und nicht mal ich kenne die Chemie, nach der manche …spurlos verschwanden und andere … einen Volumengewinn für immer bedeuteten.“
Die Autorin hat schon in früheren Büchern bestimmte Gesellschaftskreise genau in den Blick genommen, so auch hier. Deshalb nimmt der Bereich der Schule breiten Raum ein. Dabei zeigt sich erneut, wie gut die Autorin recherchiert. Die drei „Skandale“, in die die Lehrkraft Nora verstrickt sind, dürften der Realität entnommen sein. Ebenso werden die Lehrerkollegen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Interaktionen und ihren hierarchischen Strukturen lebensnah gezeichnet.
Es ist ein gänzlich unspektakuläres Leben, das Petra Morsbach hier ausbreitet, aber so, dass man es mit Interesse verfolgt. Es ist die genaue Beobachtungsgabe, mit der sie Situationen und Personen beschreibt, aber auch ihr subtiler Humor, der das Buch zu einem Vergnügen für mich gemacht hat. Dabei verwebt sie Lebensgeschichten anderer mit ihrem eigenen Leben und das wiederum mit Zitaten aus ihren Lektüren, klug und reflektiert.
Und auch die Figur Nora hat mich für das Buch eingenommen. Sie mag zwar nicht sehr emotional wirken, gerade weil sie einen eher pragmatischen und beobachtend distanzierten Blick auf ihr eigenes Leben hat, trotzdem habe ich sie als keineswegs gefühlsarm empfunden. Sie ist jemand, der Menschen und Schicksalsschläge annehmen kann, nicht jammert, sondern reflektiert, analysiert und voller Optimismus die Dinge angeht. Dabei beweist sie, wie viel Trost und Kraft man aus der Welt der Literatur schöpfen kann.
So ist „Orion“ von Petra Morsbach für mich ein Bildungsroman im besten Sinne.
Vielschichtiger Familien- und Gesellschaftsroman
Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe
Als ihre Mutter stirbt, erbt Tochter Miriam einen Schrank aus Kirschholz, den Urgroßmutter Margarete 1912 anfertigen ließ und der seitdem die Familie begleitet und alle Umzüge mitgemacht hat. In ihm haben die Frauen die ihnen wichtigen Bücher aufbewahrt und ihre liebsten Schätze. Doch was damals gut in die herrschaftliche Villa in Dresden passte, ist nun zu groß für das schmale Reihenhaus, in dem Miriam wohnt.
Zuerst „fürchtet“ sie auch diesen Schrank, will ihn nicht bei sich haben. Aber irgendwann fühlt sie sich „erwachsen genug“, um das Familienstück selbst in Besitz zu nehmen. Und in die Vitrinen kommt ein weiteres Vermächtnis, die Tagebücher und Notizen der Frauen ihrer Familie. Diese sollten sich als unermesslicher Schatz erweisen, und die Grundlage für diesen Roman bilden, der mit fiktionalen Elementen verwoben ist
In ihrem Debutroman erzählt die Autorin von vier Generationen von Frauen, die klug und eigenwillig waren, die aber trotzdem nie das selbstbestimmte und unabhängige Leben führen konnten, das sie sich erträumten.
Die Familiendynastie beginnt mit Margarethe, der Urgroßmutter der Autorin. Sie wächst im Dresdner Bildungsbürgertum auf, in der Villa Parsifal, wo man Wagner hört und Goethe liest. Sie kommt drei Monate nach der Hochzeit ihrer Eltern zur Welt. Die haben sich eigentlich einen Sohn gewünscht, stören sich dann aber an dem „ jungenhaften“ Verhalten der Tochter.
Margarete heiratet 1911; auf Sohn Heiner folgt 1914 Tochter Marianne. Zwei Tage nach deren Geburt wird der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet, der Vater fällt bald darauf im Ersten Weltkrieg. Ein paar Jahre später heiratet Margarete erneut, den Bruder ihres verstorbenen Mannes. Mit dem neuen „Vati“ ändert sich manches. Da dieser beruflich wenig erfolgreich ist, muss die Familie öfter umziehen, was jedes Mal ein sozialer Abstieg bedeutet.
Marianne entwickelt künstlerische Neigungen, würde gerne eine erfolgreiche Malerin werden, doch sie wird daheim gebraucht. Erst 1939 wird sie eine richtige Arbeitsstelle finden und zwar als Schreibkraft in einer Kaserne. Sie verliebt sich in ihren Chef, einen Offizier der Wehrmacht namens Alfred Carbe und beginnt mit ihm eine Affäre. Mittlerweile ist sie siebenundzwanzig Jahre alt und noch immer unverheiratet. Doch Alfred hält sie immer wieder hin und als er im April 1945 getötet wird, ist Marianne schwanger. Nur durch ein kurzes Schreiben, das Marianne im Falle seines Todes die Rechte einer Ehefrau zugesteht, wird Tochter Monika nicht den Makel eines unehelichen Kindes tragen müssen.
Monika, die Mutter der Autorin, ist dann diejenige, die am stärksten rebelliert und am tragischsten scheitert. Sie ist zwar hochintelligent, aber leidet zeitlebens unter psychischen Krisen, die zu mehreren Klinikaufenthalten führen. Während ihres Studiums lernt sie einen Studenten aus Nigeria kennen und wird schwanger. Als sie sich gegen alle Widerstände für ihre Tochter entscheidet, kommt es zum Zerwürfnis innerhalb der Familie. Die Existenz der unehelichen dunkelhäutigen Miriam wird der Urgroßmutter drei Jahre lang verschwiegen.
Auch wenn Mütter und Töchter sich oft aneinander reiben, wenig Verständnis füreinander aufbringen, so sind sie doch in Liebe miteinander verbunden. Daran lässt die Autorin keinen Zweifel. Sie verurteilt auch keine der Frauen, sondern versucht sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen.
Unerwünschte Töchter sind sie allesamt, sei es, dass sie zum falschen Zeitpunkt geboren werden, sei es, dass sie das falsche Geschlecht haben oder die falsche Hautfarbe . Dieses Gefühl, ungelegen, unvollkommen oder eine Last zu sein, prägt die Frauen
Männer spielen im Roman nur Nebenrollen, aus gutem Grund. Väter und Brüder fielen in den Weltkriegen oder sind bald nach der Geburt verschwunden. Die Frauen sind auf sich allein gestellt und müssen meist ohne männlichen Beistand ihre Familie zusammenhalten.
Dass alle Frauennamen mit demselben Buchstaben beginnen, ist kein Zufall, sondern gewollt. So lässt sich eine Genealogie herstellen, auch wenn der Nachname immer wechselt.
Die Romanhandlung umspannt das ganze Zwanzigste Jahrhundert und die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche prägen selbstverständlich das Leben der Figuren.
Nehmen die beiden großen Kriege den Frauen der älteren Generation die Männer bzw. die Väter, so kämpfen Monika mit ihrer dunkelhäutigen Tochter gegen Diskriminierung und Rassismus im Nachkriegsdeutschland. Und es sind auch die vorherrschenden Rahmenbedingen und Rollenbilder der jeweiligen Zeit, die die Frauen einengen und ausbremsen.
Die vier Frauen geben die Struktur des Romans vor. Miriam Carbe erzählt chronologisch an deren Leben entlang. Mit jeder neu geborenen Tochter wechselt die Perspektive zur nächsten Generation. So ist man von Anfang an sehr nah an der jeweiligen Figur, verfolgt deren Entwicklung vom Kind bis zur erwachsenen Frau. Miriam Carbe selbst kommt in kurzen Zwischenkapiteln zu Wort, in denen sie sich in Beziehung setzt zu den Frauen ihrer Familie. Dadurch werden durchgängige Strukturen und Muster noch deutlicher erkennbar. Jede Frauenfigur erhält von der Autorin ihre eigene Sprache und ihren eigenen Ton, passend zur jeweiligen Zeit . Eingestreute echte Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und Notizen verleihen dem Text zusätzliche Authentizität und verorten ihn historisch.
„Unerwünschte Töchter“ ist ein mitreißender und vielschichtiger Familien - und Gesellschaftsroman, literarisch überzeugend und für mich ein echtes Highlight.
Zwischen Rache und Freiheit
Matei entdeckt die Freiheit von Catalin Dorian Florescu
Der 1976 in Rumänien geborene Autor Catalin Dorian Florescu lebt zwar seit seiner Ausreise kurz vor seinem 15. Geburtstag in der Schweiz, kehrt aber in seinen Romanen immer wieder zurück in die ehemalige Heimat. So z.B. in seinem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Werk „Jakob beschließt zu lieben“, 2011 erschienen.
Und auch seine neueste Veröffentlichung „Matei entdeckt die Freiheit“ spielt wieder in Rumänien.
Der Ich-Erzähler Matei wird als junger Mann im Herbst 1956 wegen ein paar großspurig als „politisches Manifest“ angekündigter Gedichte verhaftet und zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als er 1964 entlassen wird, ist das keine Rückkehr in die Freiheit. „ Das ganze Land hatte sich in eine Zelle verwandelt,…“ Ein Klima von Angst, von Bespitzelung und Überwachung lähmt das Volk.
Matei selbst muss gleich eine bittere Erfahrung hinnehmen. Während ihm die Liebe zu seiner Freundin Irina Halt und Stütze war in den Jahren der Gefangenschaft, hat diese sich längst von ihm losgesagt. Sie ist mittlerweile mit einem Geheimdienstoffizier verheiratet. Doch bald lernt er Monica kennen, Witwe eines Gulag-Häftlings und Mutter einer Tochter. Sie nimmt ihn bei sich auf, vermittelt ihm Arbeit als Sargmacher in der Volkskooperative „Genossenschaftlicher Trost“. Man begegnet ihm, dem ehemaligen „Volksfeind“, zwar mit Misstrauen, doch das Schicksal meint es nun endlich gut mit ihm. Die Ehe mit Monica ist liebevoll, Andrei, Freund als Gulagtagen, steht ihm lebenslang zur Seite und Enkelin Aurelia ist die Freude seines Alters.
Aber das Lager steckt nicht nur in Form zahlreicher Krankheiten und Beschwerden in seinem Körper, sondern noch tiefer in seiner Seele. Die Bilder von damals verfolgen ihn Tag und Nacht, die früheren Weggefährten besuchen ihn in seinen Träumen.
Eine tiefe Lethargie lähmt ihn geradezu.
Da trifft er eines Tages auf seinen früheren Peiniger. „Das erste Mal, als ich meinen Henker wiedersah, war in einem schäbigen Bukarester Bus.“ Leutnant Pana war Geheimdienstmitarbeiter und hatte ihn in dieser Funktion verhört und gefoltert. Und als 1989 mit dem Tod des Diktators eine neue Zeit beginnt, beschließt Matei sich zu rächen.
Der Wunsch nach Rache ist stärker als alles andere, stärker als die Liebe zu Frau, Familie und Freund. Besessen arbeitet Matei an seinem Racheplan. Ob ihm das Ruhe und Frieden schenken wird, soll hier nicht verraten werden.
Catalin Dorian Florescu entwickelt seine Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denen er nicht chronologisch folgt. So gelingt ihm nicht nur ein glaubhaftes Bild der Jahre unter Ceaucescu, sondern er zeigt auch die Endphase des stalinistischen Rumäniens ebenso wie die Nachwendezeit.
Weil Matei schon in jungen Jahren dem Wunsch nach Freiheit Worte verleiht, wird er eingesperrt. Den Alltag im Arbeitslager, das Überleben und Sterben im Donaudelta beschreibt der Autor so genau und präzise, als hätte er dies selbst erlebt. Es sind Szenen, die kaum auszuhalten sind. Matei erfährt dabei aber nicht nur unfassbare Grausamkeit und Willkür, sondern auch Momente von Menschlichkeit und Solidarität.
Florescu zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild vom Leben unter Ceaucescus Diktatur. Die Menschen kämpfen ums Überleben. Sie stehen an für Lebensmittel und Heizmaterial, bekommen keine notwendigen Medikamente; es fehlt an allem. Die Securitate unterdrückt jeglichen Widerstand, verfolgt mit unbarmherziger Grausamkeit offensichtliche und vermeintliche Gegner des Regimes.
Und das Ende der Diktatur bringt wenig Verbesserungen für die Bevölkerung . „Die Renten sind miserabel, das halbe Land ist arbeitslos, und an der Macht sind ehemalige Kommunisten.“ Denen liegt wenig an einer Aufarbeitung der Geschichte. Matei wartet vergebens darauf, dass die Täter von damals verhaftet und verurteilt werden. Er muss die Sache selbst in die Hand nehmen.
Florescu verfolgt mit seinem Schreiben eine „Mission“. Er will aufklären, ergreift Partei für diejenigen, die unter das Rad der Geschichte gekommen sind. Dazu erschafft er lebendige, glaubwürdige Charaktere, mit denen der Lesende empathisch mitgeht. Mit Monica ist ihm wieder eine starke Frauenfigur gelungen und Matei ist geradezu eine tragische Figur. So lange ihn sein Hass und sein Wunsch nach Rache antreiben, so lange wird er unfrei bleiben.
Florescu beweist hier erneut seine erzählerische Kunst, die sich durch eine bildstarke und poetische Sprache, große Intensität und Spannung auszeichnet.
So ist „Matei entdeckt die Freiheit“ ein Roman, der auf eindringliche Weise beschreibt, wie stark eine Diktatur das Leben der Betroffenen bestimmt, sie nie mehr loslässt. So lange ein Land seine Vergangenheit nicht aufarbeitet und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden, so lange gibt es keine Freiheit für die Opfer.
Der 1976 in Rumänien geborene Autor Catalin Dorian Florescu lebt zwar seit seiner Ausreise kurz vor seinem 15. Geburtstag in der Schweiz, kehrt aber in seinen Romanen immer wieder zurück in die ehemalige Heimat. So z.B. in seinem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Werk „Jakob beschließt zu lieben“, 2011 erschienen. Und auch seine neueste Veröffentlichung „Matei entdeckt die Freiheit“ spielt wieder in Rumänien.
Der Ich-Erzähler Matei wird als junger Mann im Herbst 1956 wegen ein paar großspurig als „politisches Manifest“ angekündigter Gedichte verhaftet und zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als er 1964 entlassen wird, ist das keine Rückkehr in die Freiheit. „ Das ganze Land hatte sich in eine Zelle verwandelt,…“ Ein Klima von Angst, von Bespitzelung und Überwachung lähmt das Volk.
Matei selbst muss gleich eine bittere Erfahrung hinnehmen. Während ihm die Liebe zu seiner Freundin Irina Halt und Stütze war in den Jahren der Gefangenschaft, hat diese sich längst von ihm losgesagt. Sie ist mittlerweile mit einem Geheimdienstoffizier verheiratet. Doch bald lernt er Monica kennen, Witwe eines Gulag-Häftlings und Mutter einer Tochter. Sie nimmt ihn bei sich auf, vermittelt ihm Arbeit als Sargmacher in der Volkskooperative „Genossenschaftlicher Trost“. Man begegnet ihm, dem ehemaligen „Volksfeind“, zwar mit Misstrauen, doch das Schicksal meint es nun endlich gut mit ihm. Die Ehe mit Monica ist liebevoll, Andrei, Freund als Gulagtagen, steht ihm lebenslang zur Seite und Enkelin Aurelia ist die Freude seines Alters.
Aber das Lager steckt nicht nur in Form zahlreicher Krankheiten und Beschwerden in seinem Körper, sondern noch tiefer in seiner Seele. Die Bilder von damals verfolgen ihn Tag und Nacht, die früheren Weggefährten besuchen ihn in seinen Träumen.
Eine tiefe Lethargie lähmt ihn geradezu.
Da trifft er eines Tages auf seinen früheren Peiniger. „Das erste Mal, als ich meinen Henker wiedersah, war in einem schäbigen Bukarester Bus.“ Leutnant Pana war Geheimdienstmitarbeiter und hatte ihn in dieser Funktion verhört und gefoltert. Und als 1989 mit dem Tod des Diktators eine neue Zeit beginnt, beschließt Matei sich zu rächen.
Der Wunsch nach Rache ist stärker als alles andere, stärker als die Liebe zu Frau, Familie und Freund. Besessen arbeitet Matei an seinem Racheplan. Ob ihm das Ruhe und Frieden schenken wird, soll hier nicht verraten werden.
Catalin Dorian Florescu entwickelt seine Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denen er nicht chronologisch folgt. So gelingt ihm nicht nur ein glaubhaftes Bild der Jahre unter Ceaucescu, sondern er zeigt auch die Endphase des stalinistischen Rumäniens ebenso wie die Nachwendezeit.
Weil Matei schon in jungen Jahren dem Wunsch nach Freiheit Worte verleiht, wird er eingesperrt. Den Alltag im Arbeitslager, das Überleben und Sterben im Donaudelta beschreibt der Autor so genau und präzise, als hätte er dies selbst erlebt. Es sind Szenen, die kaum auszuhalten sind. Matei erfährt dabei aber nicht nur unfassbare Grausamkeit und Willkür, sondern auch Momente von Menschlichkeit und Solidarität.
Florescu zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild vom Leben unter Ceaucescus Diktatur. Die Menschen kämpfen ums Überleben. Sie stehen an für Lebensmittel und Heizmaterial, bekommen keine notwendigen Medikamente; es fehlt an allem. Die Securitate unterdrückt jeglichen Widerstand, verfolgt mit unbarmherziger Grausamkeit offensichtliche und vermeintliche Gegner des Regimes.
Und das Ende der Diktatur bringt wenig Verbesserungen für die Bevölkerung . „Die Renten sind miserabel, das halbe Land ist arbeitslos, und an der Macht sind ehemalige Kommunisten.“ Denen liegt wenig an einer Aufarbeitung der Geschichte. Matei wartet vergebens darauf, dass die Täter von damals verhaftet und verurteilt werden. Er muss die Sache selbst in die Hand nehmen.
Florescu verfolgt mit seinem Schreiben eine „Mission“. Er will aufklären, ergreift Partei für diejenigen, die unter das Rad der Geschichte gekommen sind. Dazu erschafft er lebendige, glaubwürdige Charaktere, mit denen der Lesende empathisch mitgeht. Mit Monica ist ihm wieder eine starke Frauenfigur gelungen und Matei ist geradezu eine tragische Figur. So lange ihn sein Hass und sein Wunsch nach Rache antreiben, so lange wird er unfrei bleiben.
Florescu beweist hier erneut seine erzählerische Kunst, die sich durch eine bildstarke und poetische Sprache, große Intensität und Spannung auszeichnet.
So ist „Matei entdeckt die Freiheit“ ein Roman, der auf eindringliche Weise beschreibt, wie stark eine Diktatur das Leben der Betroffenen bestimmt, sie nie mehr loslässt. So lange ein Land seine Vergangenheit nicht aufarbeitet und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden, so lange gibt es keine Freiheit für die Opfer.
Zwiespältiger Eindruck
Mirabellentage von Martina Bogdahn
Martina Bogdahn hatte 2024 mit ihrem Debüt „Mühlensommer“ einen Riesenerfolg; monatelang stand der Roman auf der Bestsellerliste. Und auch ihr neues Buch „Mirabellentage“ hat sich dort schon einen Platz erobert. Anscheinend stillt die Autorin mit ihren Geschichten das Bedürfnis vieler nach einem überschaubaren Ort, der zwar auch keine Idylle bietet, aber ein dörfliches Miteinander.
Wir sind wieder in Blumfeld, einem fiktiven Dorf im Fränkischen. Hier ist Anna, die Ich-Erzählerin, aufgewachsen und hier war sie dreißig Jahre lang die Haushälterin des Dorfpfarrers, mit dem sie seit Kindheitstagen befreundet ist. Doch nun ist Josef überraschend gestorben und Anna muss sich neu orientieren. Wird der zukünftige Pfarrer sie überhaupt brauchen? Und wo ist fortan ihr Platz in der Gemeinde? Kann sie mit Mitte Fünfzig eine andere Aufgabe finden?
Doch zunächst muss sie noch ein ganz anderes Problem lösen, nämlich den letzten Wunsch des Verstorbenen erfüllen. Der wollte nicht in das Familiengrab zu seiner Mutter. Die hatte ihn mit sehr viel Liebe und Druck sein Leben lang dominiert. Traumatisiert von den Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht war ihr ganzer Lebensinhalt ihr Junge. Er sollte einmal Pfarrer werden, das war der sehnlichste Wunsch der frommen Frau. Und Josef als braver Sohn gehorcht. Doch im Tod will er endlich frei sein von ihr. Seine Asche soll im Meer verteilt werden. Und so kommt es, dass die Gemeinde einen mit Steinen gefüllten Sarg beerdigt und Anna dasteht mit einer Dose voller Asche.
Mit Anna lernen wir eine Frau kennen, wie es viele geben mag. Ihr Alltag ist mit so vielen Aufgaben ausgefüllt, dass sie einfach funktioniert. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse stellt sie hintenan, kennt sie kaum. Ganz selten streift sie der Gedanke, dass auch ein anderes Leben möglich gewesen wäre. „Viele Dinge, die ich mir wünschte, waren einfach nicht passiert, und ich wusste nicht, wie ich das hätte ändern sollen. Andererseits war mir klar, dass derjenige, der eine Wahl hat, sich auch für den falschen Weg entscheiden kann.“
Auch in dieser Situation, in der wir sie kennenlernen, versucht sie es allen recht zu machen. Einerseits Josefs letzte Reise zu
ermöglichen, andererseits ihre Pflichten nicht zu vernachlässigen. Sie muss die Beerdigung organisieren, sich um den jungen Pfarrer kümmern, der mit seiner Aufgabe völlig überfordert scheint, und außerdem sind die Mirabellen reif und sie sollte wie jedes Jahr Unmengen an Marmelade einkochen. Für Trauer bleibt da wenig Zeit.
In Rückblenden erfahren wir manches aus Annas Kindheit und Jugend, aber auch unzählige Anekdoten aus dem Dorfleben. Manche davon erschienen mir überzeichnet und albern, andere dagegen waren sehr berührend. So hätte ich z.B. auf die Kneippfahrt, unter der die Männer des Dorfes etwas anderes verstanden haben, verzichten können. Das war Bauerntheater, nicht lustig, sondern platt und diffamierend. Es wäre besser gewesen, hier einige Episoden zu streichen und stattdessen den Fokus stärker auf Anna und ihre Entwicklung zu richten. Es gibt zwar deutliche Anzeichen, dass sich für Anna neue Perspektiven auftun. Leider wird das Ende etwas zu schnell abgehandelt.
Ich habe den Roman zwar gerne gelesen. Martina Bogdahn entwirft Bilder und Szenen, die voller Atmosphäre sind. Mit einem liebevollen Blick betrachtet sie die meisten ihrer Figuren.
Allerdings erschien mir die Geschichte wie aus der Zeit gefallen. Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 2010; vieles wirkt aber wie in einem alten Heimatroman. Wann hat man in letzter Zeit eine Geschichte über eine Pfarrhaushälterin gelesen? Ich bin allerdings froh, dass die Autorin keine Liebesgeschichte zwischen dem Pfarrer und seiner Haushälterin erfunden hat. Auch wenn eine tiefe emotionale Verbindung zwischen den beiden spürbar war.
So ist „Mirabellentage“ für mich eine etwas irritierende Lektüre gewesen. Einerseits hat mich das Thema „Abschied und Neubeginn“ angesprochen und auch in der Umsetzung weitgehend überzeugt. Andere Teile des Buches waren überzeichnet und wenig sinnhaft.
Trotzdem: Wer sich ein paar entspannte Stunden mit einem Wohlfühlbuch gönnen möchte, liegt hier nicht falsch.
Erinnern, vergessen, verdrängen
Ich möchte zurückgehen in der Zeit von Judith Hermann
Dieses Buch, ein Roman ist es keiner, auch wenn es fiktionale Teile enthält, spaltet das Feuilleton und die Leserschaft. Die einen sind begeistert vom typischen Judith-Hermann- Sound, die anderen empfinden das Buch als Ärgernis. Denn die Autorin begibt sich auf Spurensuche nach ihrem Großvater, und findet …nichts.
Der Großvater, 1904 geboren, schon vor 1933 NSDAP-Mitglied, später Mitglied der SS , war als solcher in Radom, in Polen stationiert. Fast ein Drittel der damals 85.000 Einwohner waren Juden. Die Nazis haben sie in Arbeitslager und Vernichtungslager verschleppt, ins Ghetto gesperrt, erschossen, vergast oder sie starben an Krankheiten. Heute lebt nur noch ein einziger Jude in der Stadt
Nach Radom, dieser Kleinstadt zwischen Krakau und Warschau, reist nun die Autorin und bezieht dort für Wochen eine Wohnung . Im Gepäck u.a. ein Photo von ihrem Großvater, wie er auf einem Motorrad sitzt und in die Kamera lächelt. Den Platz in Radom, wo das Bild entstanden ist, wird sie später finden, viel mehr nicht. Sie liest viel in Radom, auch Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“. Sie macht lange Spaziergänge, sucht die Reste der alten Ghettomauer, besucht Museen und schreibt an Archivare und Historiker. Erst kurz vor ihrer Abreise bekommt sie Antwort, man lädt sie ein. Aber mehr erfahren wir dazu nicht.
Auslöser für diese Reise war nicht nur der Fund jenes Photos, sondern auch eine kurzzeitige Amnesie der achtzigjährigen Mutter. Dieses Ereignis zeigt ihr deutlich, dass die Zeit drängte, wenn sie noch Antworten bekommen wollte. Mit der Mutter telefoniert die Autorin dann auch täglich von Polen aus. Aber die Mutter kann oder will ihre Fragen nicht beantworten.
Auf diesen ersten Teil des Buches, „Radom“ tituliert, folgt Teil II. „Napoli“.
Im Anschluss fährt Judith Hermann weiter nach Neapel, wo ihre Schwester mit Mann und Kindern lebt. Die Schwester ist Archäologin, gräbt also ebenfalls in der Vergangenheit. Aber nicht in der familiären, davon will sie nichts wissen und nicht darüber reden. Sie interessiert sich dagegen für „geschlossene Fälle“, so wie die Verschütteten in Pompeji, die vor über Jahren vom Ausbruch des Vesuvs überrascht wurden. Der Großvater, der ist „ kein geschlossener Fall“.
Im kürzesten und letzten Teil des Buches , mit dem poetischen dänischen Wort „Tidslomme“- „Zeittäschchen“ überschrieben, geht es um das tagelange Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise. Auch das eine Leerstelle.
Ist dieses Buch nun ein gescheiterter Versuch, eine Enttäuschung? Wenn man ein weiteren Text über einen SS-Täter lesen wollte, dann ja. Aber es geht nicht darum, was dieser Großvater im Krieg getan hat. Das ist eindeutig. Er war in Radom, als das Ghetto aufgelöst wurde, als Menschen deportiert und erschossen wurden, und ganz sicher war er als SS -Mann daran beteiligt.
Nein, es geht darum, was dieser Großvater mit der Familie gemacht hat. Welche Auswirkungen hatten seine Taten und das Schweigen darüber auf seine Familie und auf die Nachfahren? Judith Hermann hat ihren Großvater nie gekannt, er starb sechs Jahre vor ihrer Geburt. Aber als Schatten, als dunkles Loch war er präsent. „Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet.“
Judith Hermann wird weder von ihrer Mutter noch von ihrer Schwester bei ihrer Suche nach der Wahrheit unterstützt. Das mag unbefriedigend sein, dürfte aber in vielen Familien ähnlich ablaufen. So zeigt dieses Buch eben auch, wie schwierig es noch immer ist, sich der eigenen Nazivergangenheit zu stellen.
Es lohnt sich, die Autorin bei ihrem Versuch, in der Zeit zurückzugehen, zu begleiten. Sie lässt uns teilhaben an ihren „Befindlichkeiten“, beschreibt präzise, was diese Zeit in Radom mit ihr macht. Ja, sie stochert im Nebel, aber das macht sie mit einer Sprache, die einem mitnimmt. Tastend und reflektierend, mit eindringlichen Bildern, erzeugt sie eine Atmosphäre, die berührt
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist eine Geschichte vom Suchen und Nichtfinden, eine Reflexion über sich und die eigene Familie, über das Erinnern, Vergessen, Verdrängen.
Großer Antikriegs-Roman
Im ersten Licht von Norbert Gstrein
„Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er es mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ Mit seinem ersten Satz legt Norbert Gstrein gleich das alles bestimmende Thema seines Romans fest.
Mit Adrian, seinem Protagonisten, genau ein Jahr jünger als das Jahrhundert, geht der österreichische Autor durch die gewaltsame, von Kriegen bestimmente Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl selbst kein Kriegsteilnehmer, ist Adrian Zeit seines Lebens vom Krieg fasziniert. Dass er nicht, wie die meisten seiner Generation, auf den Schlachtfeldern des Ersten großen Krieges kämpfen muss, hat er seinem Vater zu verdanken. Der, ein einfacher Postbeamter und überzeugter Sozialist, will seinen Sohn vor diesem Los bewahren und haut Adrian mit einer Axt in den Unterschenkel. „In den Krieg zu gehen war nur etwas für Dumme und nichts für seinen Sohn…“ Adrian hinkt seitdem und wird die fehlende Kriegserfahrung immer als einen mit Scham und Schuldgefühlen belasteten Mangel empfinden.
Die drei jungen Männer, die für Adrians Leben bestimmend waren, geben dem Roman Struktur. Chronologisch werden sie in den ersten drei Kapiteln vorgestellt.
Den Beginn macht Ernest Eller, Sohn einer wohlhabenden Adelsfamilie, der mit einer grauenhaften Gesichtsverletzung aus dem Krieg heimkehrt. Seine Eltern verstecken ihn mit ähnlich versehrten Leidensgenossen in ihrer Sommervilla im Salzburger Land und erklären ihn offiziell, auch für seine Verlobte, für tot. Adrian wird viele Tage in der Villa verbringen, wird zum Vertrauten des „ jungen Herrn“. Nach dem Suizid von Ernest Eller nimmt sich dessen aus England stammende Mutter um Adrian an und ermöglicht ihm ein Lehramtsstudium.
Später, als Adrian in Wien an einem Gymnasium Geschichte und Englisch unterrichtet, trifft er auf Martin Baumgartner, dem das mittlere Kapitel gewidmet ist. Bei ihm werden Adrians detaillierte und begeisterte Schilderungen der Schlachten des letzten Krieges auf fruchtbaren Boden fallen. Martin Baumgartner, in dem sich die Figur Kurt Waldheims spiegelt, wird aus Begeisterung für das Heer zum Nazi. Bei einem Fronturlaub besucht der ehemalige Schüler seinen früheren Lehrer und erzählt von Erschießungen im Osten, an denen er beteiligt war. Adrian wird so zu einem frühen Mitwisser von Kriegsverbrechen, doch er schweigt. Aber die Geschichte wird er nie mehr loswerden.
Frauen spielen in diesem Buch, das so sehr den Krieg ins Zentrum stellt, eine Nebenrolle - was nicht verwundert. Kriegsführung war und ist auch heute noch vorrangig ein Handwerk der Männer, Frauen müssen deshalb am Rande bleiben. Außerdem ist Adrian ein Mensch, der sich nur schwer auf Beziehungen einlassen kann. Zögerlich und verstockt strapaziert er die Geduld der Frauen, mit denen er liiert ist. So verlässt ihn seine erste Freundin Karla, ebenso Ehefrau Elfriede. Sie, die wie Adrian auch Geschichte unterrichtet, lässt sich nach dem Krieg von ihm scheiden.
Erst mit Mitte Fünfzig erlebt Adrian eine späte Liebe zu einer Engländerin, die ihren, im Ersten Weltkrieg als Deserteur verurteilten und hingerichteten Bruder, rehabilitieren will. Um diesen Teddy geht es im dritten Teil des Buches. Der zeigt Adrian, „ dass es immer auch eine andere Möglichkeit gab, schließlich konnte man sich jederzeit entscheiden, nicht mehr mitzumachen, welches Risiko auch man dafür in Kauf nehmen musste.“
Die Gespräche mit Vivian und ihre gemeinsamen Spaziergänge in den Downs helfen den beiden, ihre eigenen Kriegstraumata hinter sich zu lassen.
Die Downs, auf die schon im vorangestellten Zitat von Virginia Woolf hingewiesen wird, ziehen sich als zentrales Motiv durch den Text. Für Frau Eller sind sie ein Sehnsuchtsort und Adrian spaziert im dritten Teil durch diese Landschaft. Sie ist als Kontrast zu den Schlachtfeldern zu lesen und ermöglicht Adrian einen Perspektivwechsel. Mit dem Blick übers Meer kann Adrian mit Abstand auf seine Heimat und dessen Geschichte blicken.
Der Text ist voller Andeutungen, Verweisen und durchgängigen Motiven. Auch der sprechende Name „Adrian Reiter“ ist wohl überlegt. Der Zugang zur Adria, zum Meer wird mit Weite, Weitblick, mit Leichtigkeit verbunden. Und das alles ist verschwunden nach dem verlorenen Krieg und dem Ende der k.u. k. Monarchie. „ Wenn uns wenigstens die Adria geblieben wäre. Das Meer würde uns zu sanfteren Menschen machen.“ heißt es gleich zu Beginn im Roman. Und der Nachname „Reiter“ für einen, der nie in einem Sattel saß, aber fasziniert war von der Eleganz der k.u.k. Kavallerie, passt gleichfalls.
Im titelgebenden „Ersten Licht“ waren sowohl die Angriffe im Ersten Weltkrieg, wie auch die Erschießungen im Zweiten und die Hinrichtung des englischen Deserteurs, allesamt schicksalhafte und tragische Momente im Morgengrauen.
Im Epilog besucht der 80jährige Adrian die Lesung eines jungen Autors, in dem man unschwer Norbert Gstrein erkennen kann. Der aber wird der Einladung von Adrian nicht nachkommen, obwohl ihm dieser seine Geschichte verspricht.
In diesem letzten Teil wird auch explizit der Bezug zu Kurt Waldheim hergestellt. Steht doch der ehemalige österreichische Bundespräsident für das Beschönigen und Verdrängen der Nazi- Vergangenheit.
Mit seiner Hauptfigur hat Gstrein einen ambivalenten Charakter geschaffen, keinen Sympathieträger. Und obwohl wir alles aus seiner Perspektive erleben, stellt sich keine Nähe zu ihm ein. Seine Fixierung auf Schlachten, Formationen und kriegerischen Entscheidungen ist nicht nur für seine Ehefrau unbegreiflich. Kann man vielleicht noch Verständnis aufbringen für seine jugendliche Schwärmerei für die Kavallerie, ist seine Verklärung des Krieges später nicht mehr nachvollziehbar . Denn er hatte doch mit den Kriegsversehrten in der Villa eindringlich vor Augen, welche verheerenden Folgen ein Krieg hat. Diese jungen Männer sind stolz und siegesgewiss in den Kampf gezogen und an Körper und Seele versehrt zurückgekehrt. Viele von ihnen werden sich davon nie mehr erholen und ihr Leben selbst beenden.
Wie kann Adrian als Lehrer seine Kriegsbegeisterung an Schüler weitergeben?
Adrian ist der typische Mitläufer, der durch Kriegsverherrlichung, Anpassung und Schweigen schuldig wird.
Der Roman fordert einiges von seiner Leserschaft, nicht nur auf emotionaler Ebene. Er zwingt zum Nachdenken, eröffnet immer neue Aspekte. Gstreins lange Satzbögen erfordern Aufmerksamkeit. Dabei ist der Text elegant erzählt und von sprachlicher Brillanz.
Trotz des historischen Stoffes ist der Roman mit seinen Fragen nach Schuld, Mitverantwortung und Mitläufertum angesichts jetziger Kriege erschreckend aktuell. Zeigt er doch, dass keiner unversehrt aus einem Krieg hervorgehen kann.
„Im ersten Licht“ reiht sich somit ein in die großen Werke der Antikriegsliteratur.
Große Leseempfehlung!
Anders und besonders
Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher
Die Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher gilt als eine der wichtigen Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Nun hat sie mit „Sie wollen uns erzählen“ ihren vierten Roman vorgelegt.
Der neunjährige Oz ist anders als seine Mitschüler, tut sich schwer im schulischen Alltag. Er ist nicht langsam, nein, manchmal ist er viel zu schnell.
Da galoppieren seine Gedanken einfach davon. Oz hat ADHS. Seine Mutter Ann hat schon früh bemerkt, dass ihr Sohn ihr ähnelt. In ihr war auch schon immer so eine Unrast; „energiegeladen“ hieß es, eine Diagnose dafür gab es damals noch nicht . „Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ.“ Das macht ihren nicht gerade einfachen Alltag noch schwieriger. Sie ist zwar promovierte Soziologin, hangelt sich aber von einem befristeten Auftrag zum nächsten. Vom Vater des Jungen lebt sie getrennt. Ständig bewegt sich Ann am Rande der Überforderung. Das weiß Oz und deshalb will er ihr nichts vom Vorfall in der Schule erzählen. Dabei sah es für ihn sehr gut aus. Er hat den Notenschnitt erreicht, der ihm die Qualifikation für das Gymnasium verschafft. Doch nun hat er neben dem Zeugnis noch einen Brief an seine Mutter in der Tasche. Nur wegen dieser dummen Geschichte mit dem Hasen. Und Oz ist wieder einmal an allem schuld.
Auf dem Heimweg wünscht sich der Junge eine kleine Katastrophe, etwas, das seine Mutter ablenkt von dem Brief der Lehrerin.
Als Oz nach Hause kommt, erwarten ihn tatsächlich schlimme Nachrichten. Die Zillyoma ist aus dem Krankenhaus verschwunden und nun muss Ann sich kümmern. Auf ihre Hippie-Schwester Nell ist wenig Verlass. Die schafft es dann nicht einmal, ihren Neffen im Feriencamp für Kinder mit und ohne ADHS abzuliefern.
Was nun folgt ist ein irrer Roadtrip durch das Salzburger Land. Während Ann ihre Mutter im Innergebirg sucht, und Oz von der Bauernhofkommune der Tante flüchtet, braut sich über dem Land ein Unwetter auf „Alarmstufenlevel“ zusammen
Birgit Birnbacher hat mit Ann und Oz zwei unvergessliche Figuren geschaffen.
Oz ist ein besonderes Kind, er spielt nicht die Spiele, die andere Kinder mögen, er hört nur zu, wenn ihn etwas wirklich interessiert, aber er hat ein besonderes Gespür für die Gefühlsregungen anderer Menschen und er ist intelligent. Ann liebt ihren Sohn, so wie er ist und vermittelt ihm das auch. „ Ihn sollen sie nicht zurechtstutzen, wie sie es mit ihr getan haben, er soll wild wachsen dürfen, nicht dauernd deprimiert von diesem diffusen Gefühl sein, irgendwie nicht hineinzupassen…“
Ann ist eine Mutter, die für ihren Sohn immer da ist und für ihn kämpft. Dabei kommt sie selbst oft an ihre Grenzen, auch weil ihre eigene Zündschnur sehr kurz ist.
Wie sich der Alltag für neurodivergente Menschen anfühlt, mit welchen Herausforderungen sie zu kämpfen haben, zeigt die Autorin empathisch und keineswegs belehrend. Sie nimmt uns mit in die Köpfe und Seelen ihrer beiden Hauptfiguren. So spiegelt ihre Sprache die Gedankenwelt von Mutter und Sohn, ist flirrend, sprunghaft und assoziativ. Humor, Ironie und originelle Sprachbilder nehmen dem Thema die Schwere und sorgen für eine heitere Leichtigkeit des Textes.
„Sie wollen uns erzählen“ - sie, das sind die anderen, die der Norm entsprechen, die Norm festlegen. Birgit Birnbacher lässt dagegen Ann und Oz erzählen, ihre Sicht der Dinge. Sie wehren sich gegen die Festschreibung von außen, beharren auf ihrer eigenen „Erzählung“.
So ist dieser Roman ein Plädoyer dafür, Menschen in ihren Eigenheiten und ihren Besonderheiten anzunehmen, sie nicht als Störung, sondern als Bereicherung zu verstehen.











