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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Ruth:

Leise und melancholisch

Der Baum von Tommie Goerz

Im März diesen Jahres ist Tommie Goerz im Alter von 71 Jahren gestorben. Bis zuletzt hat er an diesem Roman gearbeitet. „Der Baum“ ist also sein literarisches Vermächtnis. Erste Erfolge hatte Goerz mit seinen fränkischen Krimis, die weit mehr als simple Regionalkrimis waren. Davon zeugen verschiedene Auszeichnungen.

Zu einem Bestsellerautor, der nicht nur Leser sondern auch Kritiker überzeugte, machten ihn seine Erzählungen „Im Tal“ (2023) und „Im Schnee“ (2025). In dieser Tradition bewegt sich auch sein letzter Roman.
Schauplatz ist hier wieder ein kleines Dorf in seiner fränkischen Heimat und im Zentrum steht ebenfalls ein alter, eigenbrötlerischer Mann.
Der Gruber Michel ist der Wirt vom alten Dorfgasthaus „Der Baum“. Schon in vierter Generation betreibt seine Familie die Gastwirtschaft; mit ihm wird diese Tradition enden. Nicht nur, weil der Michel keine Kinder hat, die in seine Fußstapfen treten könnten, sondern vor allem, weil die Zeit dieser Wirtshäuser vorbei ist. Früher einmal gab es fünf von ihnen im Dorf, heute neben dem „Baum“ nur noch den gut gehenden Landgasthof „Der Hirsch“, in den viele Leute von außerhalb zum Essen gehen. Im „Baum“ treffen sich nur noch die Alten aus dem Dorf, wo sie von früher erzählen. Früher, als es hier noch Höfe gab und jeder jeden kannte. Als die Männer sich regelmäßig am Stammtisch trafen, und Frauen nur ins Wirtshaus kamen, um ihre betrunkenen Ehemänner nach Hause zu holen.
Aber Tommie Goerz beschwört hier nicht die vermeintlich „gute alte Zeit“. Denn die steht nicht nur für Zusammenhalt, sondern auch für soziale Kontrolle. Und das Leben war ungleich härter als heute.
Davon weiß auch der Michel zu erzählen. Musste er doch schon mit sieben Jahren hinter dem Tresen stehen und Bier ausschenken, bis die letzten Trunkenbolde nach Hause gingen. Und wie viele Stunden hat er damals unter dem großen Tisch verbracht, aus Angst vor den Schlägen seines cholerischen Vaters. Einzig bei seinem Großvater fand der Michel Schutz und Halt.
Der Michel hat das Wirtshaus gehasst, er wollte weg davon. Mit siebzehn findet er Arbeit beim Ed, der im Ort eine Tankstelle betreibt. Und dann lernt er Berta kennen und Michl weiß nicht, wie ihm geschieht. Er ist verliebt und Berta liebt ihn ebenfalls. Aber Berta stammt nicht aus dem Dorf. Sie kam nach dem Krieg mit ihren Eltern aus Schlesien hierher. Eine „Vertriebene“, ein „Flüchtling“, und von solchen Leuten hält Michlels Vater nichts. „Die taugen nichts“, das ist sein abfälliges Urteil. Und er verbietet seinem Sohn den Umgang mit dem Mädchen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten und Michel flüchtet aus dem Dorf.
Warum er nach einem Jahr wieder kommt und warum er nach dem Tod seines Vaters das verhasste Erbe antritt und die Wirtschaft übernimmt, das erfahren wir erst gegen Ende des Romans.
Mittlerweile ist Michel alt geworden, sitzt oft allein am großen Wirtshaustisch und hängt seinen Erinnerungen nach.
Tommie Goerz erzählt hier von einem Leben, das vordergründig vielleicht gescheitert sein mag. Von seinen Träumen, seinen Vorstellungen musste sich der Michel verabschieden. Er hat auch nicht die Frau geheiratet, die er geliebt hat, ist stattdessen allein geblieben. Trotzdem hat er seinen inneren Frieden gefunden. „Wie ein Baum. Wo er steht, muss er stehen. Da muss er wachsen, an diesem Ort - oder eingehen und sterben. Er kann nicht weg.“
Das mag bedrückend sein und steht so ganz im Kontrast zu unserer heutigen Zeit, in der alle nach Selbstbestimmung und Selbstoptimierung streben. Man kann es aber auch tröstlich finden.
„Der Baum“ ist ein leiser, ein ruhiger Roman. Er lebt vor allem von seiner Atmosphäre und seiner genauen Beobachtungsgabe. Der Autor zeichnet seine Figuren mit Wärme und Empathie. Dabei verklärt er sie nicht, sondern beschreibt sie mit ihren Fehlern und Widersprüchen. Das macht sie so lebendig und glaubwürdig. Obwohl der Michel seine Gefühle tief in sich verschlossen hält, kommt man ihm nahe.
Es ist auch ein Buch über die Vergänglichkeit. Alles ist im Wandel, im Umbruch, davon erzählt auch das schöne Lied, das die Männer im Wirtshaus anstimmen:
„Und schon wieder sind die Äpfel reif,
sie haben doch grad erst geblüht….“
Am Ende heißt es dann:
„Aber wir sind noch am Leben,
wir sind noch am Leben
und wollen auch lang noch nicht geh‘n.“
Tommie Goerz musste leider schon gehen, aber seine Bücher bleiben. Ein Geschenk an uns alle!

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Leckere Rezepte für die kalte Jahreszeit

Winterzeit mit Herz von Saliha Özcan

Die sympathische Sally und ihre originellen Rezepte kenne ich aus vielen Videos und ich habe auch schon einiges von ihr mit Erfolg nachgemacht. Nun gibt es ein neues Koch- und Backbuch von ihr, auf das ich neugierig bin.
Allein das Cover und die hochwertige Aufmachung sind eine Einladung an jeden.
„Winterzeit mit Herz“ verspricht jede Menge Rezepte für die kalte Jahreszeit.

Von wärmenden Suppen und Eintöpfen über herzhafte Familiengerichte bis zu leckeren Desserts reicht die Palette. Selbstverständlich kommt bei Sally auch das Backen nicht zu kurz. Rezepte für Brote und herzhaftes Gebäck finden sich ebenso wie solche für Kuchen, Torten und süße Teilchen. Als zusätzliches Bonbon gibt es von Sally noch Tipps für süße Resteverwertung und Vorschläge für Geschenke aus der Küche.
Doch das Buch überzeugt nicht nur durch seine große Auswahl, sondern auch durch die liebevolle Aufmachung.
Großformatige Photos wecken den Appetit und machen Lust, das jeweilige Rezept auszuprobieren. Hilfreich neben den zusätzlichen Tipps und Tricks, die uns Sally verrät, ist auch, dass oftmals wesentliche Zubereitungsschritte bebildert sind. Und vor jedem Rezept findet sich eine Beschreibung über die jeweiligen Geschmackskomponenten, so dass einem bereits beim Lesen das Wasser im Munde zusammenläuft.
Bekannte Rezepte bekommen oft durch ungewöhnliche Zutaten eine besondere Note. So wird z.B. eine Focaccia mit Cranberrys und Walnüssen aufgepeppt. Oder Bekanntes wird ganz neu interpretiert. So möchte ich unbedingt demnächst das Bienenstich-Tiramisu ausprobieren, ebenso der Butter-Zimt-Kuchen mit Tonka-Pudding und die Lebkuchen Biskuitrolle.
„Winterzeit mit Herz“ bekommt einen festen Platz in meiner Küche , ein Koch- und Backbuch, zu dem ich sicherlich oft greifen werde.
Das Buch ist auch ein perfektes Geschenk für jeden, der gerne kocht und backt.

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Beeindruckendes Debut

Gib mir alles von Alexandra-Maria Pipos

Alexandra-Maria Pipos, Jahrgang 1989, hat mit „Gib mir alles“ ein beeindruckendes Debut vorgelegt.
Wie ihre Protagonistin Iona ist auch sie in Rumänien geboren und in Deutschland aufgewachsen, sie weiß also, was es heißt, zwischen zwei Welten zu leben.
Iona hat es beinahe geschafft. Sie, die Tochter rumänischer Migranten, hat einen lukrativen Job als Unternehmensberaterin bei Cadris Consulting, einer expandierenden Beraterfirma.

Und der bevorstehende Pitch soll ihr endlich die langersehnte Projektleitungsposition bringen. Dafür gibt sie alles, arbeitet Tag und Nacht. Doch dann stirbt ihr Großvater in Rumänien und ihre Eltern erwarten, dass Iona zur Beerdigung anreist.
Mit Iona hat die Autorin eine Figur geschaffen, die im Hamsterrad steckt und allen Anforderungen von außen gerecht werden will.
Schon früh wurde ihr beigebracht, dass man nur mit Leistung etwas erreichen kann. „Wir haben hier nichts, Iona. Nichts. Nur unseren Kopf und unsere Hände. Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun. …Wer vor der Arbeit flieht, flieht vor dem Glück.“ Seit ihrer Kindheit begleiten sie die Ermahnungen ihrer Eltern. Die sind vor Jahren aus Rumänien geflüchtet für ein besseres Leben, für sich, aber vor allem für ihre Tochter. Und die erfüllt brav die Erwartungen ihrer Eltern. Gerade jetzt, als der Vater krank ist und die Mutter ihre Arbeitsstunden reduzieren muss, sind sie auf finanzielle Hilfe von Iona angewiesen.
Der Job aber fordert alles von ihr. Ionas Leben ist durchgetaktet von früh bis spät. Sie muss permanent erreichbar sein, ständig neue Ideen liefern und ja keine Schwäche zeigen. Ein Versagen ihrerseits würde bedeuten, dass der Kollege die Beförderung und den Bonus erhält. Der Preis ist hoch, den Iona für ihren Ehrgeiz bezahlt. Ein Privatleben gibt es kaum. Man fragt sich, wie lange sie das durchhalten kann.
Auch in Rumänien telefoniert sie ständig mit ihrem Chef, entwickelt nachts neue Vorschläge für die Kunden.
Dabei ist die Situation vor Ort schon schwierig genug. Die Verwandtschaft vereinnahmt sie völlig, auch hier gilt es Erwartungen zu entsprechen. Iona fühlt sich mittlerweile fremd zwischen ihnen.
Es liegen Welten zwischen ihrem Leben in Deutschland und der Heimat der Eltern. Es ist eine beinahe archaische Kultur mit alten Traditionen und Ritualen. So wird z.B. der verstorbene Großvater drei Tage lang zuhause aufgebahrt und Verwandte, Freunde und Nachbarn kommen vorbei, um Abschied zu nehmen.
Die Autorin verfällt nun aber nicht in das Klischee, das Leben in Rumänien als idyllischen Kontrast zur leistungsorientierten Business-Welt in Deutschland zu zeichnen. Im Gegenteil! Die Zustände sind alles andere als rosig, die Familie zerrüttet.

Wir sind nah an der Protagonistin, denn das meiste wird aus ihrer Perspektive geschildert. Um mehr über die Hintergründe und die Vergangenheit der Figuren zu erfahren, greift die Autorin zu einem originellen Kunstgriff. In Zwischenkapiteln, abgesetzt durch eine andere Schrift und mit einer Randbordüre versehen, lässt sie Ikonen als allwissende Erzählinstanz sprechen. So z.B. die Heilige Johanna, Namenspatronin der Hauptfigur, die gleich zweimal zu Wort kommen darf, zu Beginn und am Ende. Diese Heiligen verweisen nicht nur auf den religiösen und kulturellen Hintergrund der rumänischen Herkunft, sondern ermöglichen der Autorin zusätzliche Sichtweisen. Wir erfahren dabei von Ionas Aufwachsen als einsames Migrantenkind und verstehen danach besser, warum ihr Erfolg und Karriere so wichtig sind. Wir lesen vom einsamen Sterben des Großvaters, aber auch was damals geschehen ist, als Onkel Radu ein Auge verlor. Diese Geschichte reicht weit hinein in die rumänische Vergangenheit, in eine Zeit voller Verrat und Bespitzelung unter dem Regime Ceaușescus, eine Zeit, deren Traumata noch immer nachwirken.
Der Roman liest sich leicht, trotz des ernsten Themas. Alexandra-Maria Pipos geht souverän mit Sprache um, findet anschauliche Bilder und fängt den Jargon der jeweiligen Lebenswelt gekonnt ein, so z.B. die vielen Anglizismen in der deutschen Unternehmenswelt, rumänische Zwischenbemerkungen, die für zusätzliche Atmosphäre sorgen und den ganz eigenen Sprachstil der Ikonen.
Am Ende zeichnet sich eine leise Entwicklung der Hauptfigur ab. Auch wenn es nur kleine Veränderungen sind, so darf man doch hoffen, dass Iona einen Weg zu mehr Selbstbestimmung und Freiheit findet.

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Religion und Glauben als Chance

Welt mit anderen Mitteln von Nora Bossong

Nora Bossong kenne ich bisher als Schriftstellerin äußerst lesenswerter Romane. Man denke nur an „Schutzzone“ und „Reichskanzlerplatz“.
Nun hat sie sich mit einem Essay zu einem ganz anderen Thema geäußert. Die bekennende Christin - Nora Bossong ist Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und engagiert sich stark in ihrer eigenen Gemeinde - legt mit „Welt mit anderen Mitteln“ ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben dar.

Sie ist der Überzeugung, dass wir gerade in unseren „erschöpften Zeiten“ mehr der Religion bedürfen.
Auslöser für dieses Buch war der überraschende Tod ihres Vaters, der ihr zeigte, wie gerade in einer solchen Situation die vertrauten Rituale der Kirche Trost und Halt geben
Die Autorin versteht unter Religion weitaus mehr als „ christliche Werte“. Kirche ist keine „NGO“, Religion ist kein weiteres Wellness-Programm. Religion denkt über das Hier und Jetzt hinaus.
Zwar suchen viele in unserer heutigen Welt nach Sinn, nach Sinnhaftigkeit. Wir sind überfordert von der Allgegenwart aktueller Probleme. Das lässt manche ihre Zuflucht finden bei populistischen Heilsversprechern. Andere versuchen durch Konsum die Leere ihres Lebens zu überdecken. Doch für Nora Bossong kann das nicht die Antwort sein. Ihr Blick geht über die reine Endlichkeit hinaus.
Anders als Marx, der von der Religion als „Opium fürs Volk“ spricht, wünscht sich Nora Bossong „ keine narkotisierende Hoffnung“. Stattdessen eine „Hoffnung aus dem Himmel, Zuversicht auf der Erde“ , so fasst sie die Vorstellung vom Reich Gottes auf. „Hoffnung als das, was über unsere Macht hinausgeht; Zuversicht hingegen als das, was wir auch in der Hand haben.“ Und in diesem Sinne sollten wir unseren Gestaltungsauftrag ernst nehmen, Verantwortung übernehmen, aber mit der Demut, dass wir nicht alles bestimmen können . „Wir können etwas ändern, nur nicht alles und nicht alles allein.“ Das nimmt uns das Gefühl der Hilflosigkeit und Resignation, lässt uns dabei aber realistisch bleiben.
Zwar verschließt Nora Bossong nicht die Augen vor all den Verfehlungen der Institution Kirche, sieht, wo sie schuldig geworden ist, benennt ihre Mängel und Versäumnisse. Angefangen bei den unzähligen Missbrauchsvorfällen über Machtmissbrauch innerhalb der Kirche, den Umgang der katholischen Kirche mit gleichgeschlechtlich Liebenden bis zur Stellung der Frauen- all das ist ihr bewusst, kritisiert sie. Trotzdem hält sie daran fest, dass der institutionelle Glaube vielfältige Möglichkeiten bietet und jeder Gläubige sich einbringen sollte, um Veränderungen zu bewirken .
Auf keinen Fall dürfen wir die Religion denjenigen überlassen, die sie für ihre politischen Ziele instrumentalisieren.
Ein Kapitel widmet die Autorin der Theodizee -Frage, also der Frage, wie das Leid in der Welt sich mit der Existenz eines allmächtigen und gütigen Gottes vereinbaren lässt. Diese Frage stellt sich nach den Verbrechen des Zwanzigsten Jahrhunderts anders als in der Antike oder im Mittelalter.
Nora Bossong greift viele Themen auf in ihrem klugen und nachdenkenswerten Essay. Dabei verknüpft sie persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen, philosophischen und theologischen Fragen. Es ist kein Text, der sich leicht und schnell wegliest, das soll er auch nicht sein. Dieses Buch lohnt sich für jeden, der bereit ist, sich mit Religion und Glauben auseinanderzusetzen und einen eigenen Weg dazu sucht.
„Mir jedenfalls wäre die Welt ohne Himmel zu eng.“

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Hilfreich für Eltern und Kinder

Mein artgerecht-Trotzbuch: Nein! von Nicola Schmidt

Nicola Schmidt, Verfasserin des vorliegenden Bilderbuchs, hat das „artgerecht-Konzept“ entwickelt, ein Erziehungsmodell, das den Alltag von Familien an den ursprünglichen Bedürfnissen des Menschen ausrichtet. „artgerecht heißt, dass wir mit der Natur der Kinder arbeiten, nicht gegen sie.“ so steht es in den hinten aufgeführten Hinweisen für Eltern.

Das Bilderbuch spricht schon durch seine wunderschönen Illustrationen von Iris Blanck an. Mit kräftigen Farben und ausdrucksstarker Mimik werden die Figuren lebendig. Jede Emotion ist in Körperhaltung und Gesichtsausdruck auch für die Kleinen erkennbar.
Wir begleiten zwei Eichhörnchen-Kinder und ihre Mama durch den Tag. Dabei werden die einzelnen Übergänge, die oft zu Problemen führen, angesprochen. Vom Aufwachen über die Vorbereitungen für die Kita, den nachmittäglichen Spielplatzbesuch bis zum abendlichen Schlafengehen - immer wieder gibt es Situationen, auf die das Kleinkind mit Trotz reagiert. Zum Glück weiß Mama Eichhorn, wie sie damit umgehen muss. Verständnisvoll geht sie auf ihre Kleinen ein, erkennt die Bedürfnisse, die hinter dem Verhalten stecken, weiß aber auch, Grenzen zu ziehen. Dass dabei auch die Mama mal an ihr Limit kommen kann, wird ebenfalls thematisiert .
Das Bilderbuch richtet sich an Kinder ab zwei Jahren. Die dargestellten Situationen sind nah an deren Alltag und die Figuren laden so zur Identifikation ein. Ein zusätzliches „Bonbon“ ist „Das Anziehlied“, das man nach einer bekannten Melodie gemeinsam singen kann.
Hilfreich finde ich das Buch aber vor allem für Eltern. Die Geschichte illustriert das, was im Anhang erklärt wird: Nämlich, warum Kinder herausfordernd reagieren, was hinter dem vermeintlichen „Trotz“-Verhalten steckt und wie Eltern angemessen damit umgehen.

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Gelungene Mischung

tiptoi® Liederbücher - Rolf Zuckowskis Liederwelt von Rolf Zuckowski; Cee Neudert

Bei den Liedern von Rolf Zuckowski werden Erinnerungen wach an die Kindheit von Sohn und Tochter. Deshalb war es keine Frage, dass ich bei diesem Buch sofort zugegriffen habe, denn nun dürfen sich meine Enkelkinder daran erfreuen.
Das Buch bietet aber weitaus mehr als einige der bekanntesten Songs des beliebten Liedermachers, die man sowohl mit Gesang als auch in der Instrumentalversion anhören kann und von denen alle Strophen abgedruckt sind.

Die Lieder sind eingebettet in eine jeweils passende Situation, die lebensecht und farbenfroh dargestellt wird. Meist sind es Begebenheiten aus dem kindlichen Umfeld, bei einigen wenigen sind Tiere die Protagonisten. Bei den Illustrationen wird erfreulicherweise auch auf Diversität geachtet. Es kommen hell- und dunkelhäutige Menschen, Kinder mit Einschränkungen, männliche Erzieher usw. vor.
Dazu gibt es wie bei allen tiptoi- Büchern zusätzliche Informationen und Geräusche, und viele verschiedene Möglichkeiten zum aktiven Mitmachen. Bei „Stups, der kleine Osterhase“ z.B. sollen die Kinder alle versteckten Eier finden. Beim Lied „Zebrastreifen“ gibt es ein Straßenverkehrsquiz, bei dem man bestimmte Aussagen als „richtig“ oder „falsch“ einordnen soll. Woanders gilt es Reime zu finden oder Suchaufträge zu erledigen.
So ist „Rolf Zuckowskis Liederwelt“ eine gelungene Mischung aus Musik, Spielen und Lernen, ein Buch, das bei Eltern nostalgische Erinnerungen auslöst und bei den kleinen „Lesern“ für Spaß und Freude sorgt. Für Kindergartenkinder geeignet und empfehlenswert!

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Thesenroman

Nach der Sonne schauen von Martina Hefter

Die Installationskünstlerin Iona Bartok bekommt von ihrem Freund Franz eine alte Industriehalle zur Verfügung gestellt. Hierher, ins Leipziger Neuseenland, will sie sich für einen Sommer lang zurückziehen, um in Ruhe an ihrem neuen Projekt zu arbeiten. Gleichzeitig braucht sie nach einem Eklat Abstand zum Leipziger Kulturbetrieb.

In einer dortigen Ausstellung wurde eine frühere Arbeit von ihr von dem stadtbekannten Künstler Herto Straus mit dem Wort „Bullshit“ besprüht. Iona reagiert mit Rückzug darauf. „ Den Zorn aufheben, vielleicht für später.“
Anfangs ist ihr einziger Gefährte Robyn, ein KI- generierter Hund. Diese App gehört Franz und er möchte, dass sich Iona während ihres Aufenthalts darum kümmert. Ohne wirkliches Interesse, aber pflichtbewusst erledigt sie diese Aufgabe.
Dann aber läuft ihr die reale Hündin Bella zu, die ihr ans Herz wächst.
Die Tage vergehen, es passiert wenig, Iona lässt sich treiben. Erinnerungen werden wach an ihre Kindheit auf einer Alm in den Allgäuer Bergen. Doch dann ist es mit ihrer selbstgewählten Einsamkeit vorbei. Nova, die junge Nichte ihres Vermieters, schlägt hier ihr Lager auf. Jugendliche Festivalbesucher stören die Ruhe.
Zur Arbeit an ihrem neuesten Kunstprojekt kommt Iona auch nicht . Dabei hat sie sehr konkrete Vorstellungen davon, was sie schaffen möchte, weiß auch schon den Titel für das Werk: „Die Landschaft in fünftausend Jahren.“ Modell ist das Gebiet des ehemaligen Tagebaus im Süden von Leipzig, genau die Ecke, in der sie sich gerade befindet. Dabei ist die Landschaft hier sowieso schon weit weg von ihrem ursprünglichen Zustand. Der See, die Abraumhalden, alles menschengemacht. Wird sich die Natur in fünftausend Jahren wieder erholt, sich ihr Refugium zurückerobert haben oder, was wahrscheinlicher ist, wird alles zerstört sein?
Ein zentrales Thema des Romans ist der Klimawandel, der sich in diesem Sommer schon mit einem beständigen Wechsel von Regen und Dürre zeigt. Die einzige Konstante ist der Wind, der ununterbrochen , mal stärker, mal schwächer, weht.
Der Roman lebt nicht von seinem Plot, denn Handlung gibt es wenig. Stattdessen erfahren wir viel über die seelischen Befindlichkeiten der Protagonistin, trotzdem blieb sie mir weitgehend fremd. Seitenlang beschreibt die Autorin in eindringlichen und poetischen Bildern Landschaft und Naturphänomene. Das überzeugt zwar auf literarischer Ebene, kann dem Lesenden aber auch zu viel werden.
Den Roman konnte ich nicht als realistische Geschichte lesen, eher als ein Konstrukt, in dem die Autorin die ihr wichtigen Themen unterbringen wollte. So tragen z.B. die meisten Figuren Namen, die keinerlei Rückschlüsse auf ihr Geschlecht erlauben. Das mag noch bei den jüngeren Protagonisten passen, doch dass ihre Eltern Kim ( der Vater) und Leto ( die Mutter) heißen und der Allgäuer Jugendfreund Zia, ist wenig glaubhaft.
Die Kindheit ist eine Idylle zwischen Kühen, wo kein Tier geschlachtet wird. Der Vater stirbt an einer seltenen Krebsart, eine Spätfolge des Reaktorunglücks in Tschernobyl.
Immer sind es Männer, die zerstörerisch wirken. Auf der Alm sind es die „Deppen“ aus dem Dorf, in der Stadt ein neidischer Kollege.
Nova hat sich mit ihren Freundinnen einer Bewegung angeschlossen, die keinerlei Beziehungen zu Männer unterhalten. „Keine Bewegung queerer Frauen, es ist eine Gruppe, die für die konsequente Befreiung aller weiblich gelesenen Menschen steht.“ So erklärt sich auch das Cover, denn der Hirsch ist ihr Wappentier.
Das ist mir alles mit zu dickem Pinsel gezeichnet.
Immer wieder wird im Roman Simone Weil zitiert, eine französische Philosophin des Zwanzigsten Jahrhunderts. Auch ein Satz von ihr steht als Motto dem Buch voran. Die Protagonistin hat sich intensiv mit deren Schriften auseinandergesetzt, trägt deren Text „Schwerkraft und Gnade“ beständig bei sich. Ich kenne nichts von Simone Weil, kann deshalb deren Bedeutung für diesen Roman nicht einschätzen. Das zweite vorangestellte Zitat von Marlene Haushofer dagegen ist einfacher zu deuten. „Aber wir waren nicht ganz verloren, weil wir zu zweit waren.“ In deren Roman „Die Wand“ wird eine Frau plötzlich durch eine unsichtbare Wand von der Zivilisation abgetrennt. Ihr bleibt als Weggefährte ein Hund.
Der Hund, der reale, nicht der Bildschirmhund, bekommt auch in diesem Roman eine zentrale Rolle zugewiesen. Empathie für Tiere allgemein ist immer wieder herauszulesen.
Die Autorin verarbeitet offensichtlich auch die Kränkung, die sie bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises erlitt. Herto Straus, der Ionas Kunstwerk herabsetzt, erinnert an den Auftritt von Clemens Meyer. Im Nachwort erklärt Martina Hefter, dass „Herto Straus“ ein Anagramm von Herostratos ist, der 356 v.Chr. den Artemis- Tempel in Brand setzte und dafür zum Tode verurteilt wurde.
Obwohl Martina Hefter Spannendes in ihrem Roman thematisiert - neben dem Klimawandel und seinen Folgen, die Natur im Kontrast zu den Auswüchsen unserer Zivilisation, den Sinn von Kunst - bin ich nicht glücklich geworden mit ihm. Auch die schöne Sprache hat mich nicht durch die Geschichte getragen. Positiv schlägt noch zu Buche, dass die melancholische Grundstimmung sich in einem hoffnungsfrohen Ende niederschlägt.

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Frauen im Wald

Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova

Ich kenne und liebe die beiden ersten Romane von Jarka Kubsova. „Marschlande“ hat bei mir noch einen größeren Eindruck hinterlassen als „Bergland“. Dementsprechend groß war meine Vorfreude und hoch meine Erwartungen.
Wie immer verknüpft die Autorin Frauenschicksale aus verschiedenen Zeiten miteinander, spiegelt sie im jeweilig anderen, so auch hier.

Die Schriftstellerin Elli Hajek, Ich-Erzählerin im Roman, ist an einem Tiefpunkt angelangt. Ihr einziges Kind Klara, das sie allein großgezogen hat, ist aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, um in der Stadt zu studieren. Eine Lücke hat sich aufgetan, verstärkt auch dadurch, dass die Tochter offensichtlich die Distanz zur Mutter braucht. Gleichzeitig befindet sich Elli in einer Schaffenskrise. Der neue Roman soll endlich die Kritiker zum Schweigen bringen, die ihr mangelnde Tiefe vorwerfen. Doch sie kommt einfach nicht voran beim Schreiben. Deshalb mietet sie sich in einem Häuschen im Wald ein. Hier sucht sie die nötige Ruhe für ihre Arbeit, ohne die üblichen Ablenkungen. Jan, mit dem sie seit fünf Jahren ihr Leben teilt, ist konsterniert, war doch eigentlich eine gemeinsame Wohnung geplant.
Hier nun, in der Abgeschiedenheit ihres neuen Zuhauses, suchen Elli die Gespenster ihrer Vergangenheit heim. Zu den Erinnerungen zählen auch die Märchen und Geschichten, die ihre Großmutter ihr früher erzählt hat. Eine Figur daraus, die Viktorka aus dem tschechischen Klassiker „ Babička“ von Božena Němcová, lässt sie nicht mehr los. Viktorka war eine junge Frau, die von ihrer Umgebung für eine Verrückte gehalten wurde und die sich nach einem einschneidenden Erlebnis in die Wälder des Riesengebirges zurückzog, wo sie früh starb. Als Elli erfährt, dass es sich bei der besagten Viktorka um eine historisch verbürgte Figur handelt, die in Wirklichkeit bis ins hohe Alter im Wald lebte und dass das ihr zugeschriebene Verbrechen sich ganz anders dargestellt hat, beschließt sie nach Tschechien zu reisen, um mehr über diese Frau zu erfahren. Doch um hinter Viktorkas Geheimnis zu kommen, muss Elli bei Božena Němcová beginnen, die ihr ein literarisches Denkmal setzte.
Jarka Kubsova bedient sich bei ihrer Erzählstruktur am Prinzip der Matroschka-Püppchen. In jeder der Puppen verbirgt sich ein weiteres Püppchen.
Bei Ellis Recherchen in jenem Tal, in dem einst Viktorka gelebt hat, begegnet ihr im Wald eine alte Frau, die ihr, wie im Märchen, eine Aufgabe zuweist: „Finde die Wahrheit über dich heraus.“ Denn: „Bevor man die Geheimnisse von anderen lüftet, sollte man doch vielleicht seine eigenen kennen,…“
Und so verschränkt Jarka Kubsova die Biographien dieser drei Frauen.
Elli ist, wie auch die Autorin, als Kind mit ihren Eltern aus der Tschechoslowakei geflohen, ein für alle dramatisches und später verdrängtes Erlebnis. Besonders schwer wog für Elli, dass sie ihre geliebte Großmutter ohne Abschied zurücklassen musste.
Was Jarka Kubsova hier erzählt, ist die Geschichte einer Migration, die man so ähnlich schon öfter gelesen hat, die aber trotzdem nicht weniger berührt. Sie schreibt von der Anpassungsleistung der Eltern, die alles Tschechische abstreifen - die Sprache, die Kultur, das Essen- um nur nicht unangenehm aufzufallen. Elli, die ursprünglich Eliška hieß, bekommt von den Behörden einen deutschen Namen zugewiesen. Das ist gut gemeint, um die Integration zu vereinfachen, nimmt dem Betroffenen aber ein Stück Identität.
Auch das Gefühl, nirgends dazuzugehören, der ursprünglichen Heimat entfremdet, in der neuen nicht wirklich angekommen zu sein, teilt Elli mit vielen Migranten.
Indem Elli aber immer mehr über Viktorka und Božena Němcová herausfindet, desto besser versteht sie sich selbst. Und am Ende kann sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen, all den verdrängten Gefühlen, der Scham, der Schuld, dem Schmerz.
Jarka Kubsova entwickelt ihre Geschichte kunstvoll, aber nicht alles hat mich völlig überzeugt.
Während sie in „Marschlande“ mit der ebenfalls historisch verbürgten Abelke Bleken eine unvergessliche Figur geschaffen hat, so kamen mir hier Viktorka und Božena Němcová nicht wirklich nahe. Das mag daran gelegen haben, dass deren Biographien mehr referiert als plastisch dargestellt wurden.
Jarka Kubsova greift in diesem Roman auch auf Elemente des magischen Realismus zurück. Damit tue ich mich grundsätzlich schwer. Gerade auch, wenn sie wie hier eher unvermittelt und willkürlich in den ansonsten realistischen Text eingefügt werden.
Märchen und Märchenmotive spielen als verbindendes Element eine wichtige Rolle im Roman. Ebenso der Wald, der für Elli und Viktorka gleichermaßen Bedeutung hat. Für Viktorka ist er zuerst ein Ort der Verbannung, dann ein Ort, in dem sie endlich frei sein kann. Elli sucht Ruhe und Zuflucht im Wald, später wird er für sie zu einem mystischen Raum, der sie zwingt, sich ihrer Traumata zu stellen.
Ingesamt ist Jarka Kubsova auch hier wieder ein lesenswerter Roman gelungen, der mit einer poetischen und atmosphärischen Sprache und einer komplexen Struktur zu überzeugen weiß. Dabei verhandelt er auf unterhaltsame Weise spannende Fragen und Themen, wie die von Identität, weiblicher Selbstbehauptung, von Migration und Vergangenheitsbewältigung .

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Packendes Familienepos, warmherzig und empathisch erzählt

Buckeye von Patrick Ryan


Das Verhängnis beginnt mit einem Kuss. Auf der Suche nach einem Radio stürmt im Mai 1945 eine rothaarige junge Frau in Cals Eisenwarenladen und gemeinsam lauschen sie Präsident Trumans Ansage, dass sich Deutschland den Alliierten ergeben hat. Im Überschwang der Gefühle gibt Margaret dem Mann einen Kuss.

Dabei bleibt es nicht. Was folgt ist eine hitzige Affäre, die ein Ende findet, als Margarets Mann Felix aus dem Krieg heimkehrt .
Doch zunächst springt der Erzähler zurück in die Vergangenheit und erzählt die Vorgeschichte seiner Protagonisten.
Schauplatz des Romans ist eine fiktive Kleinstadt in Ohio, die stellvertretend für die amerikanische Provinz stehen kann. Der Roman umspannt mehrere Jahrzehnte, beginnend in den Zwanziger Jahren und er endet mit der 200- Jahrfeier der USA im Jahr 1976.
Cal wächst bei einem schwierigen Vater auf. Die Mutter und zwei Geschwister sterben früh. Von Geburt an hat er ein verkürztes Bein, was ihn in seiner Kindheit zu einem Außenseiter macht. Doch später erweist sich dieser vermeintliche körperliche Makel als Vorteil, denn Cal wird bei Kriegseintritt der USA ausgemustert. Er selbst empfindet das als Manko, schämt sich sogar dafür.
Cal heiratet Becky, eine liebenswerte Frau mit einer außergewöhnlichen Gabe: Sie kann mit Toten in Kontakt treten. So ist sie Anlaufstelle für viele, die von ihren Lieben im Jenseits eine beruhigende Antwort erhoffen. Dass sie für ihre Seancen kein Geld nimmt, spricht für ihren lauteren Charakter. Doch Cal hält ihr Tun für Humbug, was zu einer Entfremdung zwischen dem Ehepaar führt.
Auch deshalb lässt sich Cal auf eine Beziehung zu Margaret ein.
Margaret ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Vor deren Tür wurde sie als Säugling abgelegt. Und später fand sich keine Pflegefamilie, die Margaret dauerhaft bei sich haben wollte. Dieses Gefühl, ungewollt, unerwünscht zu sein, prägt Margaret und begleitet sie ein Leben lang. Nicht einmal ihrem Mann vertraut sie das Geheimnis ihrer Herkunft an.
Aber nicht nur das steht zwischen ihr und Felix, einem attraktiven Mann aus gutem Hause. Auch er trägt schwer an einem Geheimnis und kann ihr deshalb nicht der Mann sein, den sie sich wünscht und braucht.
Patrick Ryan erzählt abwechselnd von den beiden Familien, die schicksalshaft miteinander verbunden sind. Beide Paare bekommen einen Sohn, Skip und Tom. Die beiden freunden sich in ihrer Kindheit an, ohne etwas vom Geheimnis der Erwachsenen zu wissen.

Mit seiner linearen Erzählweise und einem allwissenden Autor ist der Roman konventionell geschrieben , was ich keineswegs als Manko empfinde. Im Gegenteil! Patrick Ryan lässt sich Zeit, um zu beschreiben, wie seine Figuren zu dem wurden, was sie sind. Warmherzig und voller Empathie begleitet er sie auf manchen Irrwegen, lässt sie Fehler machen, ohne sie zu verurteilen. Gerade ihre Ambivalenz macht die Protagonisten zu lebendigen und authentischen Charakteren, die dem Lesenden ans Herz wachsen.
Dass der Roman einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann, liegt nicht nur an den Figuren, sondern auch an der Atmosphäre, die er vermittelt. In vielen detailreich geschilderten Episoden lässt der Autor das Kleinstadtleben in der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts auferstehen. Das wird keineswegs als Idylle gezeichnet . Vorgeschriebene Rollenmuster, unterschiedliche Zwänge und die soziale Kontrolle zwingen den Menschen ein Korsett auf. So kann eine Figur seine Homosexualität nur im Verborgenen ausleben, kann nie zu seiner wahren Identität stehen. Und auch eine längst beendete Affäre führt bei seiner Entdeckung zu weitreichenden Folgen.
Das Zeitgeschehen wird über die Figuren transportiert. Zentrale Bedeutung haben die Kriege, in denen die USA verwickelt waren. Sie alle haben traumatische Auswirkungen auf die Protagonisten. So kommt Cals Vater als ein an der Seele versehrter Mensch nach Hause. Und er wird zeitlebens gegen den Wahnsinn des Krieges ankämpfen, in dem er immer wieder bitterböse Briefe an die jeweiligen kriegsführenden Präsidenten schreibt. Cal dagegen empfindet seine Kriegsuntauglichkeit als Schmach. Felix wiederum kommt nie darüber hinweg, dass er einer der wenigen Überlebenden eines japanischen Torpedoangriffs war. Und später meldet sich Skip als Freiwilliger nach Vietnam.
Der 1965 geborene US-Autor Patrick Ryan hat sich zuvor mit Kurzgeschichten und Jugendbüchern einen Namen gemacht. Mit seinem ersten Roman „Buckeye“ eroberte er einen Platz auf der Bestsellerliste in seiner Heimat. Ich hoffe, dass diese opulente und packende Familiensaga auch in Deutschland erfolgreich ist.

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Tschechisch-deutsche Geschichte erlebbar gemacht

Geteiltes Haus von Alice Horáčková




Der Gastlandauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr führt dazu, dass über hundert tschechische Bücher ins Deutsche übersetzt werden. Das ist erfreulich, denn so können deutsche Leser und Leserinnen viele literarische Entdeckungen machen. Eine davon ist dieses wunderbare Epos, eine Familiengeschichte über mehrere Generationen.

Die 1980 geborene tschechische Autorin Alice Horáčková hat die Geschichte ihrer Vorfahren zu einem äußerst lesenswerten Schmöker - im besten Sinne des Wortes - verarbeitet. Dafür hat sie an die zehn Jahre recherchiert, in Archiven, in Gemeinde- und Pfarrchroniken, und mit Zeitzeugen gesprochen
Die Handlung erstreckt sich über fünf Jahrzehnte, von der K.-u.-K.-Monarchie bis Ende der 1940er Jahre. Schauplatz ist vorwiegend das kleine Bergdorf Benetzko im westlichen Siebengebirge, im tschechisch - deutschen Grenzgebiet. Knapp ein Fünftel der Bevölkerung im Dorf sind Deutsche.
Jahrhundertelang lebten Deutsche und Tschechen friedlich zusammen. Doch nach dem Niedergang der Habsburger Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs kommt es zu ersten Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen. Mit der Annexion des Sudetenlandes 1938 durch die Nationalsozialisten beginnt die brutale Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung. Die rächt sich nach der Befreiung 1945, in dem sie mehr als drei Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertreibt.
Das ist der historische Hintergrund, vor dem dieser Roman spielt.
Im Zentrum stehen die beiden Freundinnen Zdenka und Anežka, die eine ist Tschechin, die andere Deutsche, beide wachsen hier zusammen auf. Die Freundschaft der Frauen überdauert Krisen, Krieg und Vertreibung, auch persönliche Differenzen. Zu einer ersten Bewährungsprobe kommt es, als Anežka Hans Hollmann heiratet, den Mann, den Zdenka schon lange liebt und von dem sie ein Kind hat. Zdenka heiratet daraufhin Vinzenz Hollmann, einen Bruder von Hans.
Neben den beiden eigenwilligen Frauen und der Hollmann-Sippe bevölkern noch zahlreiche andere Figuren den Roman, so z.B. der neue tschechische Dorflehrer Alois Tomek, der an einer Dorfchronik arbeitet.
Gerade weil die Autorin ihren Fokus auch mal weg von den Hauptfiguren lenkt, bekommt man einen sehr detaillierten und vielfältigen Eindruck der Verhältnisse.
Interessant ist vor allem, ob und wie sich die Charaktere unter dem Einfluss der NS-Herrschaft verändern. Da gibt es die strammen Mitläufer wie Vinzenz oder die Nutznießer wie Hans, der von den neuen Verhältnissen finanziell profitiert. Er ist der typische Opportunist, der die Gunst der Stunde nutzt.
Das gesamte dörfliche Gefüge zerbricht unter den veränderten Bedingungen. Menschen, die zuvor friedlich miteinander gelebt hatten, werden plötzlich zu Feinden. Ein Riss geht nicht nur durch das Dorf, sondern spaltet auch die Familien.
Die Autorin entfaltet ihre Geschichte auf beinahe 900 Seiten, von denen mir keine zu viel war. Sie erzählt linear und chronologisch, in zahlreichen kurzen Kapiteln, die unterschiedlichen Figuren folgen. Eingerahmt wird die Handlung von einem Briefwechsel zwischen den beiden Freundinnen. Anežka schreibt aus Bayern, wohin sie vertrieben wurde an Zdenka, die noch immer in Benetzko lebt.
Alice Horáčková erzählt anfangs von den dörflichen Strukturen, vom Alltag der Dorfbewohner, von den Sitten und Gebräuchen, von alten Mythen und natürlich von den Eigenheiten der Charaktere und ihren Beziehungen untereinander. Dabei gelingt es ihr, alle Fäden souverän in der Hand zu behalten und nie die Übersicht über ihr großes, fein herausgearbeitetes Figurenensemble zu verlieren. Hilfreich für den Lesenden ist das angehängte Personenverzeichnis, das man aber nur anfangs benötigt. Die Charaktere werden so plastisch und lebendig beschrieben, dass man mit Interesse und Empathie ihre Lebenswege verfolgt.
Im Laufe der Handlung wird aber das Poltische immer bedeutsamer und hat auch ganz konkrete Auswirkungen auf die Figuren. Die Autorin macht diese historischen Veränderungen immer auf der persönlichen Ebene erfahrbar. Da wirkt nichts dozierend oder aus Wikepedia abgeschrieben, sondern alles wird organisch in die Schicksale der Figuren eingebunden.
Fazit:
„Geteiltes Haus“ ist ein detailreicher, unterhaltsamer Roman, der gekonnt Privates mit Politischem verknüpft und dabei ein wichtiges Kapitel tschechisch - deutscher Geschichte lebendig werden lässt.
Gleichzeitig zeigt uns das Buch lehrstückmäßig , wie innerhalb einer Gemeinschaft plötzlich das Trennende bestimmend wird, so dass ein friedvolles Zusammenleben unmöglich ist.

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