Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Ruth:

Umweg zum Ich

Statt aus dem Fenster zu schauen von Anna Katharina Scheidemantel

Hauptfigur im Debutroman der jungen Autorin Anna Katharina Scheidemantel ist die 25jährige Studentin Sophie. Frustriert und gelangweilt von ihrem eintönigen Praktikum, schaut sie sich im Internet auf der Seite „Kleinanzeigen“ um. Ein Klick nur und sie hat für den Schnäppchenpreis von 3100 Euro ein Haus gekauft.

Na ja, es handelt sich dabei wohl mehr um eine Bruchbude, noch dazu in der ostdeutschen Provinz. Und obwohl sie das selbst für eine völlig verrückte Idee hält, gibt sie ihr Zimmer in einer Münchner WG auf und reist mit ein paar Habseligkeiten per Zug in ein Nest zwischen Berlin und Rostock gelegen.
Das Haus ist völlig heruntergekommen, Heizung und Strom funktionieren nicht und im hinteren Bereich fehlt das Dach, stattdessen liegt dort ein Baumstamm.
Aber Sophie lässt sich davon nicht entmutigen. Sie kämpft mit dem Dreck und den Spinnweben, rückt der braunen Wand mit weißer Farbe zu Leibe und dem festen Gartenboden mit dem Spaten.
Schlimm ist nicht der tägliche Kraftakt mit Putzen, Streichen, Abschleifen usw., schlimm ist auch nicht der schmerzende Körper am Abend, nein, schlimm sind die Gedanken, die sie nachts bedrängen. Fragen über Fragen. Warum hat sie das getan? Ist es noch normal, fast die gesamten Ersparnisse für eine Ruine auszugeben; ohne jegliche Erfahrung, ohne Hilfe von außen, ein marodes Haus renovieren zu wollen ? Was macht sie hier in dieser Einöde?
Antworten auf diese Fragen weiß sie zunächst nicht. Sie weiß nur, dass ihr früheres Leben nicht das richtige war.
Dabei war sie lange auf der Überholspur. „Wenn Sophie etwas macht, dann macht sie es gleich richtig.“ Das war die Meinung aller um sie herum und es bezog sich auf die Geigenstunden, das Einser-Abitur, das Studium inklusive Auslandssemester, das Praktikum. „Die Sophie, aus der wird was. Was, das war eigentlich egal. Hauptsache, es war was.“
Alle waren überzeugt, dass sie es einmal weit bringen wird. Doch was will sie eigentlich selbst?
Überlegt Sophie anfangs noch jeden Tag, ob sie nicht ganz schnell zurückkehren, diese schwachsinnige Idee aufgeben soll, so fühlt sie sich mit der Zeit immer lebendiger. Es tut gut, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen, das Ergebnis abends mit Stolz zu betrachten. Natürlich bleiben Misserfolge nicht aus. Aber ist nicht das ganze Leben Learning-by-doing?
Die ersten Wochen ist Sophie völlig allein, die einzigen Gesprächspartner sind die Verkäufer im Baumarkt und die Bedienung im „Kuchenhimmel“, wo sie regelmäßig einen Milchkaffee trinkt und ihr Handy auflädt. Ihre Eltern, ihre Freunde wissen nichts von ihrem neuen Aufenthaltsort, von ihrem Projekt.

Ich muss zugeben, dass ich den Roman anfangs unterschätzt habe. Liest er sich zunächst als witziger Selbstfindungstrip einer Mitzwanzigerin, so gewinnt die Geschichte zusehends an Tiefe.
Sophie lernt in diesen paar Monaten, sich zu lösen von den Erwartungen von außen. Auf sich selbst zurückgeworfen entwickelt sie ein neues Selbstbewusstsein, gestärkt durch die Erfahrungen, die sie gemacht hat. Wie ihr zukünftiger Lebensweg aussehen soll, möchte sie selbst entscheiden, nicht einfach dem vorgegebenen Weg folgen. „Nur, weil die Straße geradeaus führt, heißt das nicht, dass ich nicht einen Umweg über einen Feldweg nehmen kann, einfach nur, weil ich es will.“
Der Roman weckt auch Verständnis für die Nöte und Schwierigkeiten junger Menschen von heute. Sie erben Privilegien, werden aufgefangen von einem Netz aus Sicherheiten, aber das verpflichtet sie auch dazu, ihren Beitrag in dieser Welt leisten zu müssen. „Aber wie soll man denn Neues schaffen und etwas aufbauen in einer Welt, in der es eigentlich schon zu viel von allem gibt?“
Sophie lernt auch einiges über sich und die Welt, weil sie sich auf einmal außerhalb ihrer Blase bewegt. Die Menschen, die sie in dieser Gegend kennenlernt, sind so ganz anders als ihre Freunde von früher, ihre Studienkollegen.
Allein wegen all dieser Erfahrungen, die Sophie durch ihre verrückte Idee machen durfte, hat sich ihr „Umweg“ gelohnt.
Anna Katharina Scheidemantel hat hier ein erfrischendes Debut vorgelegt, voller Leichtigkeit, Humor und Sprachwitz, voller kluger Gedanken. Auch wenn äußerlich wenig passiert, so macht die Protagonistin doch eine entscheidende Entwicklung durch.
Man darf gespannt sein auf weitere Bücher der Autorin.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Packend, berührend, historisch interessant

Der Fährmann von Regina Denk



Die Geschichte führt uns in eine malerische Gegend an der deutsch-österreichischen Grenze zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die Salzach trennt hier nicht nur zwei Dörfer, sondern gleich zwei Länder.
Und hier wachsen Hannes, Elisabeth und Annemarie auf. Die drei verbindet von früher Kindheit an eine enge Freundschaft.

Aber Kindheit endet früh zu jenen Zeiten.
Für Hannes, jüngster Sohn eines armen Bauern, steht sein späteres Betätigungsfeld schon lange fest. Er wird wie sein Onkel Fährmann werden. Eine wichtige Aufgabe, ist er doch das Verbindungsglied zwischen den Menschen hüben und drüben vom Fluss. Tag und Nacht muss er bereitstehen, bekommt dafür keinen festgelegten Lohn, sondern ist auf die Großzügigkeit seiner Fahrgäste angewiesen. Doch das ist noch nicht mal das Schlimmste: Ein Fährmann darf nicht heiraten, damit im Falle seines Todes seine Witwe und seine Kinder nicht der Allgemeinheit zur Last fallen. Hannes fügt sich, auch wenn er andere Träume hat. Dabei weiß er um die Gefährlichkeit seines Berufes, der Fluss ist unberechenbar. Das hat er schon als Kind erfahren müssen, als er beinahe ertrunken ist und danach wochenlang auf Leben und Tod lag. Damals haben die Menschen beider Dörfer um seine Gesundung gebetet. Hannes ist dankbar, Gott und der ganzen Gemeinschaft gegenüber und übernimmt auch aus diesem Grund die notwendige Aufgabe des Fährmanns.
Obwohl er Elisabeth liebt und sie gerne heiraten würde.
Die erwidert seine Gefühle, doch auch für sie ist ein anderer Lebensweg vorgezeichnet. Sie soll nach dem Wunsch zweier Väter Josef heiraten, Sohn eines Großbauern. Ehen werden zu diesen Zeiten oftmals nicht aus Liebe geschlossen, sondern aus ganz pragmatischen Gründen. In diesem Fall: Geld zu Geld, Acker zu Acker.
Elisabeth fügt sich ebenfalls den gesellschaftlichen Konventionen und dem Willen ihrer Eltern und heiratet Josef. Es erwarten sie schlimme Jahre. Auf dem Hof regiert der Altbauer als absoluter Herrscher, mit brutaler Gewalt. Sogar Josef, der einmal den Hof übernehmen soll, behandelt er wie einen Knecht. Und Josef entwickelt sich zu einem genauso unbarmherzigen Menschen wie sein Vater.
Auch Annemarie lässt bald die unbeschwerten Kindheitstage hinter sich. Schon früh muss sie in der elterlichen Wirtschaft mithelfen. Dabei hat sie gelernt, immer freundlich zu den Gästen zu sein, auch wenn die Männer dabei zudringlich werden. Josef ist einer davon. Er kommt sogar noch zu ihr, als er schon längst verheiratet ist und sie gegen ihren Willen zum Beischlaf zwingt. Doch was soll sie tun?
Auch bei ihr, wie bei Elisabeth, zeigt sich, dass Frauen in dieser patriarchalen Gesellschaft keine Stimme haben. Solidarität erfahren sie nicht mal von ihren Müttern, die lieber wegschauen bzw. ihre Töchter zwingen, ihre Rolle klaglos anzunehmen.
Dann kommt der Krieg und vieles ändert sich.
Hannes hat Glück: Seine Stellung als Fährmann ist so wichtig, dass er nicht eingezogen wird. Josef dagegen ist einer der Ersten, der sich freiwillig meldet. Das Soldatentum entspricht so ganz seiner Vorstellung von Männlichkeit.
Bald fehlen auf den Höfen die Männer. Das ist die Stunde der Frauen. „Sie wuchsen, nach oben, nach links und nach rechts, in Winkel, die sonst niemand erreichen konnte, breiteten sich aus, nahmen Platz ein, weil niemand mehr da war, der ihn für sich beanspruchte…“
Elisabeth hofft, dass Josef nicht mehr aus dem Krieg heimkommt . Zu furchtbar war für sie die Zeit mit ihm. Und vielleicht wäre dann ein gemeinsames Leben mit Hannes möglich.
Doch Josef kehrt zurück, schwer versehrt, aber grausamer denn je. Eine Katastrophe zeichnet sich ab.
Regina Denk beschreibt bilderreich und voller eindringlicher Szenen eine vergangene Welt. Dabei fängt sie die Atmosphäre stimmig ein. Das Leben verläuft hier in engen vorgegebenen Bahnen, ein Ausbrechen aus den Konventionen ist kaum möglich. Männer bestimmen zwar den Alltag der Frauen, doch Freiräume gibt es für sie ebenfalls nicht viel. Dazu sind die Lebensbedingungen zu hart. Außerdem legen Tradition und Religion die Regeln fest für beide Geschlechter.
Das vorangestellte Zitat von Erich Maria Remarque verweist auf ein weiteres Thema des Roman. Auch wenn die erzählte Zeit bereits im Jahr 1915 endet, so sind die Verheerungen des Krieges schon überall spürbar. Bald hat jedes Haus Verluste zu beklagen. Und Josef hat nach seiner Rückkehr Albträume, in denen ihn seine auf dem Feld begangenen Taten heimsuchen.
Regina Denk beherrscht ihr Handwerk. Sie arbeitet mit Cliffhängern und versteht es auch sonst Spannung zu erzeugen. Dabei erspart sie ihren Figuren und ihrer Leserschaft nichts. Mancher Schicksalsschlag, manche Wendung ist kaum erträglich. Das Ende war mir dann etwas zu viel Dramatik, doch das hat den positiven Leseeindruck nur unwesentlich geschmälert.
Besonders hervorzuheben ist die Sprachmacht der Autorin, die sich am stärksten in den mit „Anderswo“ gekennzeichneten Einschüben zeigt. Hier erhält der Fluss eine zentrale metaphorische Rolle. Der Fluss, der mal ruhig dahinplätschert, mal wild sich aufbäumt, in dessen Tiefen sich Abgründe verbergen. Ebenso ist die Figur des Fährmanns symbolisch zu deuten: Der Fährmann als Verbindungsglied zwischen Menschen, Dörfern und Ländern, zwischen Leben und Tod. So war Hannes für Elisabeth „ der Mann, der die Brücke zwischen ihnen war, so wie der Josef den Graben ausmachte.“
Der Roman endet versöhnlich und mit der Hoffnung, dass die Menschen aus ihren Fehlern lernen und die Jungen es einmal besser machen. Wir wissen allerdings, dass auf den Ersten ein Zweiter Weltkrieg folgt.
Regina Denk hat mit „ Der Fährmann“ einen unglaublich packenden Roman geschrieben, der eine berührende Liebesgeschichte vor historisch interessantem Hintergrund erzählt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Unterhaltsame Sinnsuche

Einatmen. Ausatmen. von Maxim Leo

Der Autor Maxim Leo ist ein Garant für beste Unterhaltung. Besonders gut in Erinnerung geblieben sind mir seine autobiographisch grundierten Romane („Haltet euer Herz bereit“ und „Wo wir zu Hause sind“). Gerne gelesen habe ich aber auch das erfolgreich verfilmte Buch „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ und sein Roman „Wir werden jung sein“, wo er den Traum von der ewigen Jugend weiterspinnt.

In seinem neuesten Werk verhandelt Maxim Leo das Thema Selbstfindung und Selbstoptimierung auf gewohnt humorvolle Weise.
Marlene Buchholz steht mit Ende Dreißig kurz vor ihrem lang anvisierten Berufsziel. Ihr Chef, Dr. Finckenstein, Vorstandsvorsitzender des Konzerns, möchte sie als seine Nachfolgerin sehen. Allerdings gilt es noch eine Hürde zu überwinden. Marlene ist bei den Mitarbeitern wegen ihrer spitzen Zunge gefürchtet; sie fühlen sich von ihr permanent unter Druck gesetzt, sie verbreite ein Klima der Kälte und der Angst. Marlene versteht die Anschuldigungen nicht, ihre Bilanzen sind topp, und ein Unternehmen ist schließlich „kein Montessori-Kindergarten“. Doch ihre Einwände nutzen nichts. Marlene muss an ihrer Sozialkompetenz arbeiten, empathischer werden, wenn sie den begehrten Posten erhalten möchte. Deshalb hat Dr. Finckenstein ein zweiwöchiges Achtsamkeitsseminar bei einem führenden Unternehmens-Coach für sie gebucht.
Unwillig reist Marlene in ihr „Umerziehungslager“, wie sie es nennt, ein idyllisch gelegenes Schloss in Brandenburg.
Hier ist der Sitz der „Academy“, der Firma von Deutschlands führendem Mental Coach Alex Grow. Mit einem Heer von Mitarbeitern hat er schon unzähligen Menschen geholfen, ihre mentalen Stärken auszubauen, Blockaden zu lösen und generell ihr Potenzial zu maximieren. Dabei sieht es mit der psychischen Gesundheit von Alex selbst nicht sehr gut aus. Ein Zusammenbruch vor drei Jahren war ein erstes Warnsignal. Dazu kommen finanzielle Probleme, denn die „Academy“ steht kurz vor der Insolvenz. Da kommt ihm das Angebot von Dr. Finckenstein gerade recht. Wenn er es schafft, bei Marlene erfolgreich zu sein dann würde das künftige Business-Coaching-Programm des Konzerns über seine Firma laufen.
Maxim Leo wechselt kapitelweise die Perspektive. Mal verfolgen wir Marlenes Entwicklung, mal die Sinnkrise des Gurus, der selber Hilfe benötigt.
Marlene geht den anderen Teilnehmern nach Möglichkeit aus dem Weg. Sie hat keine Lust, vor anderen ihr Innenleben auszubreiten, genauso wenig, wie sich deren Traumata anzuhören. Auch dem üblichen Wellness-Programm entzieht sie sich.
Dagegen entdeckt Marlene durch unerwartete Begegnungen mit der Natur und der Tierwelt ganz neue Seiten an sich. Und auch die Bekanntschaft mit einem schüchternen Hausmeister, der sein Leben irgendwann rigoros umkrempelte, bringt Marlene zum Nachdenken über sich und ihr bisheriges Leben.
Der Wandel von der zielbewussten, umtriebigen Geschäftsfrau zu einer Frau, die unterdrückte und verdrängte Gefühle in sich wahrnimmt, gelingt vielleicht zu schnell. Doch Maxim Leo schafft es, ihre Wandlung glaubhaft zu beschreiben.
Manches ist dabei vorhersehbar und auch nicht jede Nebenhandlung zwingend notwendig. Aber das offene Ende versöhnt damit.
Dass Maxim Leo sich mit dem Thema auskennt - seine Frau arbeitet als Coach - zeigt sich in vielen Szenen. So ist z.B. eine der wenigen Übungen, an denen Marlene teilnimmt, eine Familienaufstellung, die genau beschrieben wird und die bei Marlene zu erstaunlichen Erkenntnissen führt.
Dabei nimmt der Autor das Milieu ernst, auch wenn er sich manch satirische Spitze erlaubt und nicht wenige Klischees bedient. Neben all der Leichtigkeit werden auch existenzielle Themen angesprochen. So z.B. wenn sich Marlene fragt, „ ob es Dinge gibt, die unveränderlich bleiben, egal, wie man sich entscheidet. Ob es etwas in uns gibt, das wir instinktiv nicht infrage stellen, das unumstößlich ist. Eine Art Wesenskern,…“
Oder wenn Maxim Leo von „ Freudenfressern“ spricht, allen voran „ die Gewöhnung, die jeden Erfolg in atemberaubendem Tempo zur Normalität werden ließ…“ , gefolgt von der „Angst, das gerade erreichte wieder zu verlieren…“
Einen kritischen Blick wirft der Roman auch auf den Zwang, sich optimieren zu müssen. So nach dem Motto „ Wer jetzt nicht heilte, der war selber schuld“.
Maxim Leo schreibt temporeich, voller Pointen und starker Dialoge. Das liest sich flüssig und unterhaltsam, regt gleichermaßen zum Lachen und zum Nachdenken an.
Passend zum Inhalt ist das von Maxim Leo zitierte Brecht-Zitat:
„Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.“

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Ein gutes Leben?

Das gute Leben von Nadine Schneider

Die 1990 geborene Autorin Nadine Schreiber erzählt in ihrem dritten Roman die Geschichte von vier Frauen über die Generationen hinweg.
Im Zentrum steht Anni, die als junge Frau in den 1960er Jahren ihre rumänische Heimat verlässt, um in Deutschland ein „gutes Leben“ zu finden. Sie ist schwanger, doch diese Tatsache soll ihr nicht im Weg stehen.

Den Kindsvater lässt sie zurück, keiner soll sie aufhalten. Sie will nicht versauern in ihrem Dorf, will den Dreck und die Armut hinter sich lassen. Und so macht sie sich auf, zunächst nach Österreich zu ihrem Vater, dann weiter nach Nürnberg, wo ihr Bruder schon länger lebt.
Aber einfach wird es nicht werden für Anni. Nur widerwillig lässt sie ihr Bruder bei sich wohnen. Anni findet Arbeit beim Versandhandel Quelle, wo sie tagein, tagaus Pakete füllt. Die Arbeit dort gibt ihr Halt und Sicherheit, die Firma ist wie eine Familie für sie. Ihr Leben lang wird sie von einer Begegnung mit der Firmenchefin zehren; Grete Schickedanz bleibt ihr unangefochtenes Idol. Umso härter trifft sie die Kündigung kurz vor ihrer Rente, als das Unternehmen gezwungen ist, Personal abzubauen.
Anni zahlt einen harten Preis für ein besseres Leben. Sie hat zwar auch Glück, so vermacht ihr z.B. ein Onkel sein Haus, doch „wenn sie mal einer gefragt hätte, hätte sie gesagt, dass sie nicht das allergrößte Stück vom Kuchen abgekriegt hat,…. und dass ihr dieses Stück auch keiner geschenkt hat, und während alle vom Wirtschaftswunder redeten, stand sie sich mit der Kati und Hunderten von anderen Frauen jeden Tag die Beine in den Bauch, damit die Leute ihre schönen Pakete bekamen,…“
Und zugehörig hat sich Anni in Deutschland nie gefühlt. Aus der selbstbewussten, aufmüpfigen jungen Frau, die zielbewusst ihre alte Heimat verlassen hat, wird eine Frau, die ihre Stimme verliert, sich anpasst und beinahe verschwindet.
Das alles lässt sie verhärten. Ihren Zorn bekommen aber nur die Menschen in ihrer nächsten Umgebung zu spüren.
Das macht sie als Charakter nicht unbedingt sympathisch, glaubwürdig allerdings schon.
Männer kommen im Roman kaum vor, wenn, nur am Rande. Die Väter sind abwesend, das beginnt schon mit Annis Vater. Der zählte als Banater Schwabe zur deutschen Minderheit in Rumänien und schloss sich während der deutschen Besatzung den Nazis an. Aus Furcht vor Vergeltung ging er nach dem Krieg nach Österreich, wo er wieder heiratete. Anni hat früh gelernt, dass Väter für die Kindererziehung entbehrlich sind, sie hat schließlich auch keinen Vater gebraucht. So zieht sie erst Tochter Helene alleine auf und als diese irgendwann nach Florida verschwindet und ihre 10jährige Tochter Christina zurücklässt, kümmert sie sich um die Enkelin. „Das erste Kind, Helene, bringt Anni durch, doch das zweite, Helenes Kind, liebt sie dann.“ Mit dem eigenen Kind ist Anni überfordert, da fehlt ihr die Zeit und die Geduld. So greift sie oft zu drastischen Maßnahmen: „Für das Kind gibt es den Kochlöffel. Für das Kind gibt es die Hand, den Besen …“ und einmal fliegt sogar ein Bügeleisen durch das Zimmer.
Nadine Schneider beginnt ihre Geschichte mit dem Tod von Anni. Enkelin Christina erbt ihr Haus in der Nähe von Nürnberg. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir nun, wie es Christina beim Ausräumen des Hauses geht. Dabei erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend bei der Großmutter, an die vielen Sommer in Rumänien bei der Urgroßmutter. Wehmut erfüllt sie bei dem Gedanken, dass sie ihrer Großmutter noch so viele Fragen stellen wollte und nun ist der Zeitpunkt für intensive Gespräche verstrichen.
Parallel dazu wird in Rückblenden Annis Leben aufgeblättert.
Über Helene erfährt man dabei wenig. Wie Anni ist auch sie früh Mutter geworden, ohne einen Mann an ihrer Seite. Und ihre Tochter habe sie zurückgelassen, weil sie befürchtet hat, sie könne eine solche Mutter wie Anni werden. Ob das nur eine Ausrede ist, mag der Lesende beurteilen
Der Roman erzählt von schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, von der Unfähigkeit zur Kommunikation, von verpassten Möglichkeiten und der Suche nach einem Platz im Leben.
Auch wenn ich mit den Charakteren, ihren Handlungsweisen und Beweggründen oft gehadert habe, so weiß ich das literarische Können der Autorin zu schätzen. Die Erzählebenen werden kunstvoll verwoben; aus vielen Mosaiksteinchen ergibt sich ein Gesamtbild. Trotzdem bleiben viele Leerstellen und der Text lässt Raum für eigene Interpretationen. Mit ihrer präzisen und zugleich bilderreichen Sprache schafft sie Atmospäre und lässt ihre Figuren lebendig werden.
Trotz der vorherrschenden Melancholie endet der Roman versöhnlich. Christina und Helene sind fähig zu einem wirklichen Gespräch. Und für das Verbindende zwischen den Generationen von Frauen steht ein Rebstock. Ursprünglich im Garten in Rumänien gewachsen, von Anni nach Nürnberg gebracht, wandert nun ein Trieb in die Berliner Wohnung von Christina.
Die Autorin lässt einiges aus ihrer eigenen Familiengeschichte in den Roman einfließen. Ihre Familie sind Aussiedler aus dem Banat, ihre Großmutter hat bei Quelle gearbeitet.
„Das gute Leben“ ist eine lesenswerte Familiengeschichte, die genug Stoff liefert zum Nachdenken und Diskutieren .

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Ideal für Vorschulkindet

Hallo, jetzt bin ich Vorschulkind! von Johanna von Vogel


Meine Enkelin ist schon ganz begierig darauf, auch endlich Vorschulkind zu werden. Die meisten ihrer Kindergartenfreunde sind etwas älter und kommen bald in die Schule. Neidisch sieht sie immer, was für interessante Dinge sie in der Vorschule machen. Da kommt dieses Bilderbuch für sie genau richtig.

Als Identifikationsfigur bietet sich die Protagonistin hier geradezu an.
Die Sommerferien sind vorbei und endlich geht es lost mit dem letzten Kindergartenjahr. Aber Anna weiß noch nicht, ob sie sich darauf freuen soll. Was wird sie erwarten?
Mit Anna erleben wir nun spannende Erlebnisse in der Vorschule. Spielerisch werden Buchstaben, Zahlen und Formen entdeckt. Gemeinsam wird gebacken und Frühstück zubereitet, doch zuvor müssen die Zutaten eingekauft werden. Richtig aufregend ist es, als ein Verkehrspolizist zu den Vorschulkindern kommt und ihnen das richtige Verhalten im Straßenverkehr erklärt. So passiert noch einiges, bevor das letzte Kindergartenjahr mit einem fröhlichen Abschlussfest endet.
Anna ist in diesem Jahr nicht nur älter geworden, sondern klüger und selbständiger. Und das gemeinsame Spielen kam auch nicht zu kurz.
Dieses Bilderbuch ist eine tolle Vorbereitung für alle zukünftigen Vorschulkinder. Sie wissen nun, was auf sie zukommt und dass man überhaupt keine Angst davor haben muss.
Die Szenen sind ganz nah am kindlichen Alltag, die vielen farbenfrohen Illustrationen unterstreichen und ergänzen den Text. Auch dieser ist kindgerecht, gut verständlich und nicht zu simpel.
Kleine Aufgaben beziehen das Kind öfter mit ein. Es gibt unterschiedliche Suchaufgaben, oder sie dürfen Dinge erklären.
So ist dieses Buch eine ideale Vorbereitung für alle Vorschulkinder. Es lädt ein zum Entdecken und darüber reden.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Wunderbare Wiederentdeckung

Vor uns die Zeit von R. C. Sherriff



Viele freuen sich auf ihren wohlverdienten Ruhestand, haben hochfliegende Pläne, was sie alles mit ihrer freien Zeit anfangen werden, und fallen bald in ein emotionales Loch. Plötzlich fehlt die tägliche Struktur, der Kontakt mit den Kollegen und Kolleginnen, eine sinnvolle Aufgabe.
Vor dieser Herausforderung steht auch der Protagonist in dem 1936 erschienenen Roman „Vor uns die Zeit“.

Einundvierzig Jahre lang hat Tom Baldwin als Angestellter in einer Londoner Versicherung gearbeitet. Nun ist sein letzter Arbeitstag gekommen. Es gilt noch die Abschiedsrede des Direktors und die freundlichen Wünsche der Kollegen hinter sich zu bringen, dann ist er ein freier Mann. Endlich kann er sich diversen Projekten zuwenden, für die bisher die Zeit fehlte. Der Garten hinterm Haus ist arg vernachlässigt und bedarf dringend intensiver Pflege. Und für Geschichtliches hat er sich schon immer interessiert. Nun kann er richtig Studien betreiben, Exkursionen unternehmen und eventuell sogar Vorträge zu verschiedenen Themen ausarbeiten.
Doch alles, was er beginnt, scheitert bald. Das stellt den häuslichen Frieden auf eine harte Probe. Nicht nur Ehefrau Edith fühlt sich in ihren gewohnten Abläufen gestört; auch das alt gewordene Dienstmädchen verteidigt ihren Bereich. Das führt zu manch absurd- komischen Situationen.
Es sieht so aus, als würden sich die bösen Vorahnungen bestätigen. Baldwin wird immer unglücklicher, die Stimmung im Haus immer trüber.
Doch ein Spaziergang zu einem früheren Lieblingsort bringt das Paar auf eine kühne Idee. Erst sind sie ganz entsetzt, dass sich in dem schönen Tal von einst eine moderne Neubausiedlung breitmacht. Aber bald träumen auch sie von einem neuen Haus. Wie wäre es, das dunkle heruntergekommene Heim im Londoner Vorort zu verkaufen und hier nochmals neu zu beginnen. Eifrig werden Pläne geschmiedet, alles durchgerechnet und dann riskieren sie den Schritt.
Man befürchtet das Schlimmste, so vieles kann hier schiefgehen. War das Ganze doch nur eine verrückte Idee, die zum Scheitern verurteilt war? Riskieren sie den finanziellen Ruin?
Doch der Autor meint es gut mit seinen Figuren und seiner Leserschaft. Er zeigt uns eine Möglichkeit, das Alter sinnvoll zu gestalten und zwar, indem man sich wieder einbringt in die Gemeinschaft.
R.C. Sherriff konnte mich schon mit seinem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman „Zwei Wochen am Meer“ überzeugen. Und was mir dort gefiel, finde ich auch hier wieder. Eine ruhige Erzählweise und einen liebevollen Blick auf seine Protagonisten. Sherriff fühlt sich gut ein in ihre Befindlichkeiten, betrachtet ihre Verschrobenheiten mit leisem Humor, aber ohne sich über sie lustig zu machen oder sie zu diffamieren. Mit großer Sympathie beobachtet er das alte Paar, das mit den Veränderungen in ihrem Leben klarkommen muss.
Zu Beginn seines Ruhestands fühlt Tom sich noch „ wie ein alter Kanarienvogel, dessen Käfigtüre offen stand und der auf dem hintersten Ende seiner Stange kauerte.“ Aber obwohl er eher zaghaft, zweiflerisch ist, seine festen Gewohnheiten braucht, wagt er den Neustart. Dabei unterstützt ihn Ehefrau Edith mit Wort und Tat. Auch wenn der Abschied vom Vertrauten beiden nicht leicht fällt.
Das alles beschreibt der Autor einfühlsam und realistisch, mit einem genauen Blick auf die Details und leicht ironisch. Dabei gibt es einiges zu schmunzeln, manches mag einem vertraut erscheinen.
Anderes wiederum hat Symbolcharakter, wie z.B. die Uhr, die Tom Baldwin von seinen Arbeitskollegen zum Abschied geschenkt bekommt. Soll der tägliche Blick darauf ihn an die zurückliegende Zeit erinnern? Oder soll die Uhr eine Ermahnung sein, die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen? Zumindest macht sie sich gut in der neuen Wohnung.
„Vor uns die Zeit“ ist eine wunderbare Wiederentdeckung, die mir sehr viel Freude bereitet hat. Und obwohl wenig Spektakuläres geschieht, hält der Autor die Spannung bis zum Schluss.
R.C. Sherriff hat mit diesem Roman einen Klassiker geschaffen, weil er zeitlose Themen anspricht. Dabei ist ihm ein Roman gelungen, der Mut macht, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen.
Lesenswert und lobenswert ist ebenfalls das aufschlussreiche Nachwort von Rainer Moritz, der den Roman stimmig übersetzt hat.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Beste Unterhaltung mit einigen Denkanstößen

Real Americans von Rachel Khong

Der zweite Roman der in Malaysia geborenen US-amerikanischen Schriftstellerin war in den USA ein Riesenerfolg und steht auch bei uns schon kurz nach Erscheinen auf der Bestsellerliste. Möglicherweise trug dazu die groß angelegte Werbekampagne des Verlags bei.
Der Roman ist ein drei Generationen umspannender Familienroman, der viele Themen aufgreift und große Fragen stellt.

Die Geschichte beginnt in Manhattan im Jahr 1999. Hier lebt die 22jährige Lily, Tochter chinesischer Einwanderer. Sie arbeitet als unbezahlte Praktikantin für ein kleines Medienunternehmen. Das ist für ihre Eltern, beide Wissenschaftler, eine Enttäuschung. Schließlich sind sie auch deshalb in die USA ausgewandert, weil sie sich hier ein besseres Leben versprochen haben. Dass ihre Tochter so gar keine Ambitionen zu haben scheint, frustriert vor allem ihre Mutter.
Auf einer Party lernt Lily den fünf Jahre älteren Mathew kennen, einen gutaussehenden, charmanten Mann. Mathew findet Gefallen an ihr, lädt sie in teure Restaurants ein und sogar zu einem Kurztrip nach Paris. Obwohl Welten zwischen ihnen liegen - da der reiche weiße Erbe eines Pharmakonzerns, hier eine junge Frau mit asiatischen Wurzeln, die kaum weiß, wie sie ihre Miete bezahlen soll - verlieben sich die beiden ineinander, heiraten und bekommen einen Sohn.
Das klingt nach einer wunderbaren Romanze, einer modernen Version von Aschenputtel. Und so endet der erste Teil des Romans, allerdings mit kleinen Irritationen.
Szenenwechsel. Wir sind nun im Jahre 2021 auf einer abgeschiedenen Insel an der Westküste der USA. Hier wächst Nick mit seiner alleinerziehenden Mutter Lily auf. Da Nick überhaupt keine Ähnlichkeit mit seiner Mutter aufweist, die aber auf Nachfragen nach dem Vater ihm jegliche Auskunft verweigert, beginnt Nick selbst, nach seinem Vater zu suchen. Mit Hilfe einer Datenbank stößt er auf Mathew, dessen Geld und Einfluss ihm den Weg auf eine Elite-Uni ebnet.
Im dritten und interessantesten Teil wechseln wir zu May, Lilys Mutter. In San Francisco im Jahr 2030 treffen Nick und seine hochbetagte Großmutter aufeinander. May erzählt ihm ihre erschütternde Lebensgeschichte, die zurück ins China der 1960er Jahre führt. Sie war damals eine junge Biologiestudentin, die davon träumte, eine chinesische Marie Curie zu werden. Dafür hat sie ihr Dorf, ihr armseliges Elternhaus verlassen, um dann in Peking die Brutalität der Roten Garden mitzuerleben. Sie verlässt ihre Heimat Richtung USA. „Amerika war ein Ort, von dem ein Versprechen ausging. In Amerika konnte eine Bauerntochter Wissenschaftlerin werden.“ Und tatsächlich findet sie Arbeit in einem Pharmaunternehmen und wird eine erfolgreiche Genetikerin.
Rachel Khong gliedert ihren Roman in drei Teile, die eine ganz eigene Erzählstimme haben. Das liegt an den wechselnden Ich- Erzählern. Aus Lilys Perspektive bekommen wir eine moderne Liebesgeschichte, bei Nick den typischen Campusroman und bei May haben wir eine Mischung aus historischem Roman mit Science-Fiction - Elementen. Spannung wird aufgebaut, weil sich manche Fragen und das große Familiengeheimnis erst am Ende erklären.
Real Americans - schon im Titel klingt die Frage an, was einen „ wirklichen“ Amerikaner ausmacht. Wie viel Anpassung wird von Migranten erwartet und gehört man am Ende dann tatsächlich dazu? Lilys Eltern haben nach ihrer Ankunft alles Asiatische abgestreift, sich völlig assimiliert. Ihre Tochter weiß wenig über die Heimat ihrer Eltern, sie selbst spricht kein Chinesisch, ist Amerikanerin von Geburt an. Trotzdem wird sie aufgrund ihres Aussehens immer als Asiatin identifiziert, wobei für Amerikaner Korea oder China dasselbe zu sein scheint. Ihr Sohn Nick, der ganz stark seinem weißen Vater Matthew ähnelt, stößt auf Unverständnis, wenn er Lily als seine Mutter vorstellt. Und eine schwarze Freundin wünschte , er „würde nicht so weiß aussehen“.
Rachel Khong hat den Roman während Trumps erster Amtszeit geschrieben. Aber Sätze wie diese sind heute aktueller denn je. „Weiße Rassisten fühlten sich bedroht und schlugen wild um sich. Sie glaubten, nur sie könnten entscheiden, wer ein echter Amerikaner war und wer nicht, wobei sie bequemerweise vergaßen, dass sie selbst gestohlenes Land besetzten.“
Aber auch das Thema Klassenzugehörigkeit wird auf verschiedenen Ebenen durchgespielt. Dass Geld viele Türen öffnet, erleben einige Figuren, auch wenn sie sich gegen manche Privilegien stellen.
Ein zentraler Aspekt des Romans ist die Genetik. Mays Forschungen werfen viele ethische Fragen auf. Darf man alles machen, was möglich ist und welche Folgen hat es, wenn der Mensch Gott spielt?
Dies und noch viel mehr hat Rachel Khong in ihren umfangreichen Roman gepackt. Manchem mag die Fülle an Themen zu viel sein, manches dabei zu konstruiert wirken. Und es stimmt, dass nicht immer alles plausibel erscheint, es keiner phantastischen Ebene bedurft hätte und manche der Figuren zu blass wirken.
Trotzdem habe ich den Roman gerne gelesen, bin den Lebenswegen der Protagonisten gerne gefolgt. Rachel Khong schreibt ungeheuer packend, so dass sich die 500 Seiten in einem Rutsch lesen lassen.
„ Real Americans“ ist für mich beste Unterhaltung, die einige Denkanstöße liefert.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Vom Ende der Kindheit

Schwarzer September von Sandro Veronesi

Sandro Veronesi ist einer der angesehensten Schriftsteller Italiens, dessen Werk mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet wurde.
Auch in seinem neuesten Roman „Schwarzer September“ beweist er sein Können.
Wir sind im Sommer 1972 im toskanischen Badeort Fiumetto. Hier verbringt der zwölfjährige Gigio mit seiner Familie wie jedes Jahr die Sommerferien.

Sein Vater, ein angesehener Strafverteidiger, kann wegen beruflicher Verpflichtungen nur an den Wochenenden zu Frau und Kinder kommen. Dann aber verbringt er mit seinem Sohn viele Stunden auf dem Meer, denn er ist ein leidenschaftlicher Segler. Die Woche über ist Gigio mit seiner jüngeren Schwester Gilda und seiner schönen Mutter am Strand. Die ist Irin und zieht mit ihren roten Haaren die Blicke der Männer auf sich.
Das beschauliche Einerlei von Gigios Alltag verändert sich durch die Ankunft von Astel , die mit ihrer Mutter die benachbarte Strandkabine bezieht. Eigentlich kennt er das Mädchen schon von früher, doch dieses Jahr sieht er sie mit anderen Augen. Und er verliebt sich in sie. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander, sie hören Musik und Gigio übersetzt für Astel die englischen Songtexte.
Dann aber geschieht etwas Furchtbares, was auf einen Schlag die sommerliche Idylle zerstört. Astels Vater, ein reicher Mann aus Fiumetto, wird ermordet und unter dringendem Tatverdacht steht seine Ehefrau, eine schöne elegante Äthiopierin.
Ich-Erzähler der Geschichte ist Gigio; der Autor wählt aber nicht die kindliche Perspektive. Stattdessen erinnert sich der 60jährige Gigio an jenen Sommer, in dem seine Kindheit so jäh endete. Und er holt weit aus, um die Vergangenheit heraufzubeschwören, beschreibt genau, was für ein Kind er damals war. Ein Kind, das sich behütet und beschützt gefühlt hat von seinen Eltern, ein Junge, der sich für Sport interessierte, sich auf die Olympischen Spiele freute und seltsame Gewohnheiten pflegte. Und er schildert, wie sehr ihn die Begegnung mit der reiferen Astel veränderte.
Veronesi beschreibt in vielen Szenen detailreich jene Wochen, schwelgt im Geruch des Sommers, lässt die Musik der Siebziger erklingen und bekannte Sportler der Zeit aufleben.
Diese Erzählung wird aber immer wieder unterbrochen von düsteren Vorausdeutungen, die die Spannung steigern.
Der Sommer 1972 endete aber auch für die Welt mit einer Tragödie, darauf verweist schon der doppeldeutige Titel des Romans „Schwarzer September“. So nannte sich die palästinensische Terrororganisation, die bei den Olympischen Spielen in München ein Attentat verübten, das 17 Menschenleben kostete.
Veronesi verknüpft hier ein traumatisches historisches Ereignis mit einem privaten. Danach ist die Unbeschwertheit der Kindheit ebenso Vergangenheit wie die Illusion von den „heiteren Spielen“.
Man sollte keinen plotgetriebenen Roman erwarten und sich stattdessen auf den ruhigen und melancholischen Erzählstil einlassen. Veronesi gelingt es, die Atmosphäre der 1970er Jahre einzufangen und seine Figuren nuancenreich zu zeichnen. Jede einzelne bekommt Tiefe, sogar Nebenfiguren wie Onkel Giotti bleiben dem Lesenden im Gedächtnis.
Immer wieder finden sich Sätze, die zum Nachdenken einladen, so z.B. „Wir wissen genau, wann wir etwas zum ersten Mal tun, haben aber keinen blassen Schimmer, wann es das letzte Mal ist.“
Mit einer wunderschönen parabelhaften Geschichte über einen Olivenhain endet der Roman.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Beeindruckendes Debut

Das schönste aller Leben von Betty Boras

Die junge Autorin Betty Boras ließ sich für ihren Debutroman von der eigenen Biographie inspirieren
Wie ihre Protagonistin Vio ist auch sie 1980, nach dem Sturz von Diktator Ceaucescu, als Sechsjährige mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Obwohl die Familie aus dem deutschsprachigen Banat stammt, nimmt sie in ihrer neuen Heimat, einem Ort nahe Stuttgart, eine Außenseiterrolle ein.

Zu sehr unterscheidet sich ihr Dialekt, ihre Kleidung und ihre Lebensweise von dem ihrer schwäbischen Nachbarn. Deshalb gilt es für Vio und ihre Eltern sich anzupassen, nie unangenehm aufzufallen. Mutter und Vater arbeiten hart, damit ihre Tochter es einmal besser haben wird. Wie alle Eltern wünschen sie sich für ihr Kind „ das schönste aller Leben“. Und auch Vio gibt alles dafür. Sie ist fleißig, besucht das Gymnasium, studiert sogar. Sie scheint angekommen zu sein. Das Glück ist vollkommen, als sich bald nach ihrer Heirat das erste Kind einstellt. Doch dann der Unfall, von dem ihre kleine Tochter bleibende Narben davonträgt. Und Vio gibt sich die Schuld daran. Das stürzt die junge Mutter in eine tiefe Krise, an der sie beinahe zerbricht.
Die Geschichte von Vio erzählt Betty Boras in zwei Erzählsträngen, die sich langsam annähern. Der eine handelt von Vios Aufwachsen in Deutschland, der andere beschreibt die Situation der jungen Mutter. Hier verwendet die Autorin die Ich-Perspektive, was den Lesenden noch stärker an der Verzweiflung von Vio teilnehmen lässt.
Es gibt aber noch einen weiteren Erzählstrang, der zurück in die Vergangenheit führt. Im Wiener Umfeld lebt im 18. Jahrhundert Theresia. Der wird ihre Schönheit zum Verhängnis. Von den jungen Männern im Dorf begehrt, von den Frauen als uneheliches Kind gebrandmarkt, gerät sie ins Visier der Keuschheitskommission, eine Art Sittenpolizei unter Maria Theresia. Sie wird verurteilt und ins Banat deportiert, wo sie in einem Arbeitslager schuften muss.
Betty Boras verbindet gekonnt die verschiedenen Erzählstränge, verknüpft ihre Themen wie Herkunft, Zugehörigkeit, Mutterschaft und Schönheitsideale über die Generationen hinweg. Dabei findet sie für jeden Erzählstrang eine eigene Stimme, einen eigenen Ton. Feinfühlig beschreibt sie die inneren Konflikte ihrer Figuren, lässt sie an den Umständen wachsen und reifen.
Was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen und in einer fremden Umgebung Fuß zu fassen, kennen wir aus unzähligen Migrationsgeschichten. Doch auch diese hier verdient es, erzählt zu werden. Für die Banater Schwaben gilt zusätzlich, dass sie in beiden Ländern eine Außenseiterrolle spielten. Waren sie in Rumänien die Deutschen, so waren sie in Deutschland „ nicht deutsch genug.“
Warum Vio der Schönheit ihrer Tochter einen so hohen Stellenwert zumisst, lässt sich leicht aus ihrer Biographie erklären.
Immer war das wichtigste Kriterium in ihrer Familie, was andere über sie dachten. Und gerade weil Vio selbst so um Anerkennung kämpfen musste, soll ihr Kind es leichter haben. Schönheit und Makellosigkeit öffnen viele Türen, das weiß Vio. Auch wenn es immer heißt, dass die inneren Werte zählen, so urteilt die Gesellschaft sehr oft doch nach äußeren. Sich von diesem Schönheitsideal frei zu machen, das fällt Vio schwer. Nur langsam und mit Hilfe von außen kann sie darauf vertrauen, dass ihr Kind, trotz Narben im Gesicht, ein gutes Leben haben kann.
Die Banater Erde kommt in einigen Kapiteln ebenfalls zu Wort. „Dreihundert Jahre ist es her, dass ich eure Mutter wurde. Ihr kamt aus vielen Teilen Deutschlands zu mir, aber ihr wurdet alle Schwaben genannt.“ So erfährt der Lesende einiges über die Geschichte dieser Gegend, die einst zur Habsburger Monarchie gehörte, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg auseinandergerissen und zum Großteil Rumänien, aber auch Jugoslawien und Ungarn zugeteilt wurde. Die Bewohner dort hatten es nie leicht. „Die Ersten von euch starben zuhauf, in meinem schleimigen Inneren wuchsen Krankheiten zu Seuchen heran. Die nächste Generation plagte sich mit harter Arbeit, entwässerte und beackerte mich, während ihre Kinder endlich das Ergebnis der Mühen ihrer Ahnen ernten konnten.“
Betty Boras ist mit „Das Schönste aller Leben“ ein beeindruckendes Debut gelungen, das mich von der ersten Seite an gefesselt hat.
Das Buch ist von seiner vielschichtigen Thematik her auch eine ideale Lektüre für Lesekreise.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth

Heimkehr nach Triest

Alma von Federica Manzon

Die Autorin Federica Manzon, 1981 in Pordenone, einem Ort zwischen Venedig und Triest, geboren, ist Schriftstellerin und Verlegerin. Für ihren fünften Roman „Alma“, der von der Kritik gefeiert wurde, erhielt sie namhafte Preise, u.a. den „Premio Campiello“. Es ist ihr erster Roman, der auf Deutsch veröffentlicht wurde.

„Geografie siegt immer über Geschichte“- dies ist ein zentraler Satz im Roman und Alma, die Protagonistin ist von seinem Wahrheitsgehalt überzeugt. Und so spielt die Stadt Triest, seine geopolitische Lage und seine Geschichte, eine wesentliche Rolle für die Figuren im Roman.
Die 53jährige Alma arbeitet seit Jahren schon als Journalistin in Rom. Nun zwingt sie das Erbe, das ihr Vater ihr hinterlassen hat, zurückzukehren in ihre Heimatstadt Triest. Drei Tage, während des orthodoxen Osterfestes, nimmt sie sich Zeit dafür. Drei Tage, in denen sie nochmals die Orte ihrer Kindheit und Jugend aufsucht, bevor sie sich mit Vili treffen wird. Ausgerechnet Vili, der Mann, den sie nie mehr sehen wollte, ist es, der ihr das Vermächtnis ihres Vaters übergeben soll.
Während Alma die Straßen der Stadt durchstreift, drängen sich ihr die Erinnerungen an früher auf.
Aufgewachsen ist sie in zwei Welten. Da die schöne Wohnung in der Platanenallee, in der ihre Großeltern leben. Hier fühlt sich Alma geborgen. Mit dem Großvater führt sie lange Gespräche, die Großmutter verwöhnt sie mit Sahnetorten und glitzernden Geschenken. Die beiden verkörpern ein Bildungsbürgertum in der alten Tradition des Habsburgerreiches.
Ganz anders in dem Häuschen auf dem Karst, nahe der Grenze. Hier herrscht eine schlampige Unordnung. Die Mutter hat wenig Zeit für ihre Tochter. Sie arbeitet in der „Stadt der Irren“, wo der Psychiater Franco Basaglia eine moderne Form der Psychiatrie geschaffen hat, mit offenen Türen und ohne Gewaltmaßnahmen. Das Verhältnis zur Mutter ist distanziert , das zum Vater sehr viel inniger. Auch wenn dieser oft tagelang über die Grenze verschwindet und wenig erzählt, was er dort macht. Dass er für Tito gearbeitet hat und dessen Reden schrieb, ist alles, was Alma später erfahren wird.
Als Alma elf Jahre alt ist, bringt ihr Vater eines Tages einen Jungen mit nach Hause. Vili ist der Sohn serbischer Intellektueller, die in Ungnade gefallen sind. Vili wird für Alma Bruder, Freund und Geliebter.
Nach Titos Tod ändert sich vieles. Der Vater bleibt von nun an daheim, aus dem Rastlosen wird ein Mann, der sich zurückzieht.
Alma wird Vili bis nach Belgrad folgen, wird die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe erleben, bevor sich ihre Wege für Jahrzehnte trennen.
Im steten Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzählt Federica Manzon ihre Geschichte. Dabei bleibt sie ganz nah bei ihrer Hauptfigur, nimmt deren Perspektive ein, beschreibt deren Entwicklung vom Kind zur reifen Frau. Aber auch die anderen Charaktere bekommen Kontur, obgleich die beiden Männerfiguren, der Vater und Vili, lange schwer zu fassen sind. Erst am Ende werden sich für Alma und damit für den Lesenden die meisten Rätsel auflösen.
Sehr sinnlich und atmosphärisch werden die Kindheits- und Jugenderlebnisse geschildert, beklemmend dagegen die Kriegsszenen. Wenige in den Text eingestreute Schwarz- Weiß- Fotografien verleihen dem Geschriebenen zusätzliche Authentizität.
Allerdings macht es die Autorin dem Lesenden nicht einfach.
Verschwimmende Zeitebenen und manche nebulöse und sperrige Formulierungen erfordern volle Konzentration. Kenntnisse über die jugoslawische Geschichte und über den Balkankrieg sind zwar nicht Voraussetzung, aber hilfreich. Außerdem vermeidet die Autorin Jahreszahlen und oftmals klare Benennungen. Man weiß zwar, wer mit dem Marschall, der Stadt oder der Hauptstadt usw. gemeint ist, doch der Mehrwert dieses Kunstgriffes ist nicht erkennbar.
Ansonsten ist „Alma“ ein lesenswerter Roman, der die Themen Herkunft und Identität, Erinnerung und Geschichte auf facettenreiche Weise beleuchtet.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Ruth