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Rezensionen von Ruth:

Psychologisch stimmige Frauenporträts

Halbe Leben von Susanne Gregor

Die Geschichte beginnt äußerst dramatisch. Gleich auf der ersten Seite stürzt bei einer Wanderung eine der Hauptfiguren in die Tiefe. Und der Leser fragt sich, wie es dazu kommen konnte.
Danach Rückblende: ein Jahr zuvor.
Klara, eine Frau Ende Dreißig, arbeitet als Architektin in einem renommierten Architekturbüro.

Die Arbeit macht ihr Spaß und wird sehr gut bezahlt. Das ist auch notwendig, denn ihr Mann Jakob verdient als Photograph kaum etwas. Um die zehnjährige Ada kümmert sich Irene, Klaras Mutter. Das bisher funktionierende Gefüge der Familie bricht zusammen, als Irene einen Schlaganfall erleidet. Sie kann nicht mehr für sich selbst sorgen und braucht rund um die Uhr Betreuung. Klara kann das unmöglich neben ihrem arbeitsintensiven Job leisten. In ihrer Not wendet sie sich an eine Agentur für Pflegekräfte. Und nun kommt Paulina ins Haus, die sich die Arbeit im zweiwöchigen Rhythmus mit Radek teilt. Alle sind glücklich. Irene versteht sich gut mit ihrer Betreuerin; Klara kann sich wieder mit voller Kraft ihrer Arbeit widmen. Denn Paulina macht mehr als nötig, kocht für die ganze Familie, führt den Hund aus und hilft bei Festen. Dafür gibt es dann schon mal ein paar Scheine mehr.
Und die kann Paulina gut gebrauchen. Denn seit der Scheidung von ihrem Mann ist sie allein verantwortlich für die beiden halbwüchsigen Söhne. Ihr Gehalt als Krankenschwester hat hinten und vorne nicht gereicht. Einzig um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, hat Paulina diese Arbeit angenommen. Nur deshalb pendelt sie alle zwei Wochen zwischen der Kleinstadt in Slowenien und dem oberösterreichischen Kremstal hin und her. Die Söhne werden während ihrer Abwesenheit von der Schwiegermutter betreut.
Aber die Situation ist für Paulina natürlich alles andere als leicht. Ständig plagt sie das schlechte Gewissen, nicht für ihre Söhne da zu sein. Auch die leiden naturgemäß unter der Trennung. Und Paulina fragt sich, ob es die richtige Entscheidung war, sich für eine fremde Familie aufzuopfern, während ihre eigene auf der Strecke bleibt.
Susanne Gregor greift hier ein Thema auf, das in unserer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen betrifft. Wir holen uns Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern, die uns bei der Pflege und Betreuung unterstützen. Doch was bedeutet das für diejenigen, in der Regel sind es Frauen, die dafür ihre eigene Familie vernachlässigen müssen? Und welche Folgen hat das für die zurückgelassenen Kinder? Und was heißt das für die Infrastruktur eines Landes, wenn so viele Arbeitskräfte abwandern?
Die Autorin beleuchtet aber nicht nur diesen Aspekt, sondern geht auch auf das komplizierte Verhältnis zwischen Klara und Paulina ein. Klara ist freundlich und verständnisvoll, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Die Extradienste, die Paulina anfangs freiwillig übernommen hat, werden zwar honoriert, aber auch immer mehr eingefordert. Dabei übersieht Klara völlig, dass auch Paulina ein eigenes Leben hat und unter ganz anderen Zwängen steht als sie selbst.
Aber Klara führt ebenso ein „ halbes Leben“, wenn auch ein privilegierteres. Ihren Erfolg im Beruf bezahlt sie mit einem enormen Arbeitspensum und dem Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein. Denn ihr ist nicht entgangen, dass ihre Tochter Ada ein weitaus besseres Verhältnis zur Oma hat als zu ihr.
Die dritte spannende Frauenfigur ist Irene. Sie hat ihre Tochter allein großgezogen, sich als Gymnasiallehrerin ihren Unterhalt verdient und legt auch als pflegebedürftige Frau Wert auf Selbstbestimmung und Würde.
Die Männer im Roman spielen eine eher unrühmliche Nebenrolle. Jakob ist zwar lieb und nett, aber keine wirkliche Stütze. Und Paulinas Mann entzieht sich gleich der Verantwortung und gefällt sich darin, seiner Ex- Frau Vorwürfe zu machen.
Die Situation im Roman spitzt sich immer mehr zu und eskaliert auf der eingangs beschriebenen Wanderung. Aber Susanne Gregor hat keinen Krimi geschrieben.
Stattdessen ist ihr ein äußerst feinfühliger, psychologisch stimmiger Roman gelungen. Sie erzählt wechselweise aus Klaras und Paulinas Perspektive. In vielen kleinen Alltagsszenen werden die Verschiebungen im Beziehungsgefüge deutlich. Es sind unterschiedliche Lebenswelten, die hier aufeinanderstoßen, wobei von vornherein ein Ungleichgewicht besteht. Verständnis kann man für beide Frauen aufbringen, wobei das größere Mitgefühl Paulina gilt.
Susanne Gregor, in Slowenien geboren, seit ihrem neunten Lebensjahr in Österreich heimisch, hat mit diesem Roman endgültig bewiesen, dass sie zu den interessantesten Autorinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur gehört.

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Abwechslungsreich

tiptoi® Meine Lern-Spiel-Welt - Logisches Denken von Annette Neubauer

Bücher und Spiele mit dem Tiptoi -Stift verknüpfen Spiel und Spaß mit Lerninhalten und sind eine gute Möglichkeit für die Eigenbeschäftigung von Kindern.
Mit diesem neuesten Buch soll logisches Denken vermittelt und geübt werden. In einer Rahmenhandlung begleiten wir den kleinen Tiger Theo auf einer Reise.

Los geht es von Zuhause und dann weiter ans Meer, in Höhlen und Bergen und in den Wald. Wir sind in einem Schloss und auf einem Jahrmarkt. Auf jeder Doppelseite gilt es zwei bis drei Aufgaben zu lösen. Dabei variieren die Schwierigkeitsgrade, so dass schon kleine Kinder Erfolgserlebnisse haben und Ältere sich nicht langweilen. Man muss genau beobachten und aufmerksam zuhören. Mal sollen Reihen weitergeführt , mal Fußspuren erkannt werden. Oder es geht darum, Schattenbilder zuzuordnen, Reime zu ergänzen und Mengenangaben zu bestimmen. Sudoku- Freunde kommen auch auf ihre Kosten. Die beiden Lieder im Buch sorgen für eine kleine Lernpause..
Fazit:
Das Buch bietet abwechslungsreiche Aufgaben und Rätsel und dürfte auf großes Interesse bei der Zielgruppe stoßen . Auch wenn die Bilder nicht ganz meinen Geschmack treffen, so bin ich mir sicher, dass Kinder ihre Freude daran haben werden.

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Wieder sehr gelungen

Wieso? Weshalb? Warum? junior, Band 76 - Bohrer, Lampe, Spülmaschine von Andrea Erne

Dies ist bereit der 76. Band aus der beliebten Reihe „ Wieso Weshalb Warum? Junior“ und wieder ein sehr gelungener.
Auf 16 Seiten erfahren Kinder ab zwei Jahren Wesentliches über alltägliche Haushaltsgeräte und Maschinen. Eingeteilt in die verschiedenen Lebensbereiche einer Wohnung, geht es von der Küche bis zur Werkstatt und in den Garten.

So vermitteln kurze Texte und anschauliche Bilder Informationen über Elektrizität, über Küchen - und Gartengeräte, über verschiedene Medien usw. Die bewährten Klappen gewähren einen Blick in das Innere der Spülmaschine oder den Rasenmäher. Andere Klappen laden zur Interaktion ein, so kann man z.B. einen Rolladen runterlassen oder Batterien wechseln.
Sogar der Hinweis auf Gefahren fehlt nicht.
Positiv hervorzuheben ist auch, dass bei der Darstellung auf Diversität geachtet wurde und dass keine alten Rollenklischees verbreitet werden. Hier sieht man Papa beim Befüllen der Waschmaschine und beim Bügeln, während Mama gekonnt mit der Bohrmaschine umzugehen versteht.
So kann ich auch den neuesten Band uneingeschränkt empfehlen.

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Belanglis

Drei Wochen im August von Nina Bußmann

Spontan hat Elena zugegriffen, als das Angebot ihrer Chefin Ali kam, sie könne im Sommer das leerstehende Haus von Alis Lebensgefährtin Nana nutzen. Drei Wochen Ferien an Frankreichs Atlantikküste, das klingt doch zu verlockend. Auch wenn ihr Mann Kolja nicht so lange seiner Arbeit fernbleiben möchte.

Außerdem gibt es noch einiges am gemeinsamen Haus zu tun. Dafür darf Eve mitkommen, die langjährige Nanny und „ Mädchen für alles“. Gegen Bezahlung, versteht sich. Schließlich hängen die Kinder an ihr; der sechsjährige Rinus noch mehr als seine 13 Jahre alte Schwester Linn. Die darf im Gegenzug ihre gleichaltrige Freundin Noemi mit in Urlaub nehmen.
Elena freut sich auf ein paar entspannte Wochen. Das Haus ist zwar schon etwas heruntergekommen, und Ilyas, der kurz darauf auftaucht und sich als Freund des Hauses ausgibt, irritiert etwas. Ständig ist er da, kommt Hausmeisterarbeiten nach, drängt sich unaufgefordert auf. Doch bald gehört er wie selbstverständlich dazu.
Auf der Handlungsebene passiert nicht viel. Es erscheinen zwei unerwartete Besucher, was das komplizierte Beziehungsgefüge noch mehr durcheinanderbringt. Später verschwindet auch eines der Mädchen. Aber auch das löst sich ziemlich unspektakulär auf.
Erzählt wird uns die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Elena und Eve. Man liest von den Gedanken und Erinnerungen der beiden Frauen, trotzdem bleiben sie einem sonderbar fremd.
Über allem liegt eine permanente Stimmung von Bedrohung. Da sind die Waldbrände in der näheren Umgebung, man hört sogar von Evakuierungen. Dann taucht eines Tages ein herrenloser Hund auf, der genauso mysteriös wieder verschwindet. Ständig ist der Leser in Erwartung einer Katastrophe. Doch alles plätschert bis zum Ende so vor sich hin.
Sicher, jeder hat so seine Probleme. In der Ehe von Elena und Kolja kriselt es gewaltig. Und Eve darf nach der Trennung von ihrem kriminellen Ehemann dessen Spielschulden bezahlen. Von den Kindern heißt es, sie wären speziell. Aber das sind hier alle, „sehr speziell“. Es gibt unausgesprochene Machtkämpfe zwischen den beiden Frauen um die Gunst der Kinder. Rivalitäten, Misstrauen und Eifersüchteleien zwischen allen. Aber letztendlich wird nicht klar, wo die Autorin mit ihrer Geschichte hinwill. Es gibt keine Entwicklung; die vielen Fragen, die sich bei der Lektüre stellen, bleiben unbeantwortet.
Sicher, die Autorin kann schreiben, ihre Sprache ist klar und sie versteht es, Spannung und Atmosphäre aufzubauen. Doch sie hat wenig zu erzählen. Banale Alltäglichkeiten aus dem Leben einiger Leute, die mich immer weniger interessierten.
Schade! Die Ausgangslage war vielversprechend, doch meine Erwartungen

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Ein leises und poetisches Buch

Über allen Bergen von Valentine Goby

Es ist mitten im Winter des Jahres 1942, als der 12jährige Vincent in Vallorcine, einem Bergdorf im Schatten des Mont Blanc ankommt. Der Junge hat Asthma und die klare Bergluft wird seinen empfindlichen Bronchien guttun. Doch seine Krankheit ist nicht der einzige Grund, warum er mutterseelenallein in die französischen Alpen geschickt wurde.

Sein Leben wäre in Gefahr, wenn er weiterhin in Paris bliebe. Dort ist er als Vadim in einem Arbeiterviertel aufgewachsen, mit einem russischen Vater und einer französischen Mutter. Sein Vater und seine Großeltern sind Juden. Und obwohl Vadim katholisch getauft wurde, muss er nun seine frühere Identität abstreifen und als Vincent ein neues Leben führen.
Die Familie, die ihn aufnimmt, behandelt ihn wie einen Sohn. Und auch die Dorfbewohner und der Pfarrer heißen ihn willkommen.
Aber für das Stadtkind ist hier alles fremd und neu. Zum ersten Mal in seinem Leben sieht er so viel Schnee, zum ersten Mal die Berge. Der Junge ist fasziniert von den majestätischen Gipfeln und dem vielen unterschiedlichen Weiß des Schnees. Langsam wird er vertraut mit dem Alltag der Dorfbewohner. Es ist ein einfaches und mühsames Leben, geprägt vom Rhythmus der Natur. Vincent hilft mit bei den Arbeiten auf dem Hof, ist dabei, als ein Kalb geboren wird. Und als das Frühjahr kommt, gibt es für die Kinder des Dorfes einiges zu tun. Vincent hat eine eifrige Freundin, die ihm alles zeigt und erklärt. Die 10jährige Moinette amüsiert sich über seine Unwissenheit . „ Noch nie Huflattich gesehen?“ „ Noch nie Kröteneier gegessen?“ „ Noch nie Vögel singen gehört!“ So nimmt sie ihn unentwegt auf den Arm, aber Vincent ist ein gelehriger Schüler. Er saugt alles Neue begierig auf, versucht einer von hier zu werden. .
So begleitet der Leser diesen liebenswerten Protagonisten durch drei Jahreszeiten. Und in drei große Kapitel ist der Roman auch eingeteilt. „ Weiß“ für Winter, „ grün „ für Frühling, „ gelb“ für Sommer. Jede Jahreszeit bringt für den Jungen neue Erfahrungen. Alles nimmt er intensiv wahr, Farben, Bilder, Töne, Gerüche. Vor allem die Farben spielen eine große Rolle, denn Vincent ist Synästhetiker. Jeder Buchstabe steht für ihn mit einer bestimmten Farbe in Verbindung. So wundert es nicht, dass der Junge seine Umgebung in selbstgemalten Bildern festhält.
Auch die Autorin spricht mit ihrem Roman die Sinne an. In unendlich vielen Variationen werden die Eindrücke des Jungen geschildert. Die vielen Weißtöne, das frische Grün des Frühlings, das Gold der Felder im Sommer, überhaupt die Schönheit der Natur -all das wird mit viel Poesie beschrieben. Wir sehen alles durch den offenen und unverfälschten Blick eines Kindes.
Vincents Entwicklung steht im Zentrum des Romans. Weg von zuhause muss er sich in eine fremde Umgebung integrieren. Die intensive Begegnung mit der Natur, die Gemeinschaft im Dorf, Freundschaften und eine erste zarte Liebe machen aus dem schüchternen Jungen aus der Stadt ein Kind der Berge. Das alles wird liebevoll und mit viel Empathie geschildert.
Der Krieg selbst steht im Hintergrund. Das isolierte Tal hält vieles fern. Die italienischen Besatzer im Dorf scheinen wenig bedrohlich. Doch die ziehen nach der Niederlage Italiens ab und auf sie werden die deutschen Soldaten folgen. Nun ist es auch hier nicht mehr sicher für Vincent.
„ Über allen Bergen“ ist ein leises Buch, das von seinen intensiven Beschreibungen lebt. Wer lyrische Landschaftsbetrachtungen liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Für mich hätten es etwas weniger sein dürfen. Auch war es mir zu viel Idylle im Dorf. Das Böse war etwas, das es nur außerhalb gab.
Trotzdem habe ich den Roman gerne gelesen.

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Herausragender historischer Roman

Die Lungenschwimmprobe von Tore Renberg

Der norwegische Schriftsteller Tore Renberg hat mit „ Die Lungenschwimmprobe“ seinen ersten historischen Roman vorgelegt. In seiner Heimat wurde er dafür gefeiert und auch in Deutschland dürfte er damit erfolgreich sein, spielt doch die erzählte Geschichte in Sachsen, vorrangig in Leipzig, Ende des 17.

Jahrhunderts.
Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges sind noch lange nicht vergessen und auch nicht die Pest, die erst vor kurzem die Stadt heimgesucht hat.
Der Roman fußt auf einem historisch verbrieften Fall. Im Herbst 1681 bringt die ledige 15jährige Anna Voigt ein Kind zur Welt. Zusammen mit ihrer Mutter, die völlig überrascht von der Schwangerschaft ihrer Tochter war, vergraben die beiden das Totgeborene. Dienstboten, die das Kind ausgraben, bringen den Fall zur Anzeige. Nun sieht sich das Mädchen mit dem Vorwurf der Kindstötung konfrontiert, die Mutter ist als Mittäterin ebenfalls angeklagt. Nach dem damaligen geltenden Recht, der „ Constitution Criminalis Carolina“ droht ihr damit der Tod, durch lebendiges Begraben, durch Pfählen oder Ertränken. Dafür ist aber ihr Schuldeingeständnis erforderlich, was notfalls durch Folter erzwungen wird.
Anna ist aber die Tochter eines wohlhabenden Gutsbesitzers, der über die nötigen Mittel verfügt und sich einen angesehenen Rechtsgelehrten leisten kann. Der Vater beauftragt den Leipziger Rechtsanwalt Christian Thomasius, einen streitbaren Juristen, der sich mutig gegen die herrschende Obrigkeit stellt. ( Thomasius, eine historisch bedeutsame Figur, gilt als Wegbereiter der Aufklärung in Deutschland und war einer der Gründungsväter der Universität Halle.) Dieser kann sich in seiner Beweisführung auf die „ Lungenschwimmprobe“ stützen. Denn bei den ersten Untersuchungen des toten Kindes war der Arzt Schreyer zugegen, der bei Annas Kind diese neue Untersuchungsmethode anwendet. Sinkt die Lunge nach der Autopsie im Wasser, ist das Kind totgeboren, sinkt sie nicht, enthält sie Luft, dann hat das Kind gelebt. Die titelgebende Lungenschwimmprobe markiert den Beginn der modernen Rechtsmedizin.
Obwohl das Ergebnis Annas Aussage stützt, ist Anna noch lange nicht gerettet. Der Prozess zieht sich über Jahre hin, zu viele Widersacher machen dem Verteidiger die Arbeit schwer und Annas Leid immer größer.
Um ein differenziertes Bild zu bekommen, erzählt Tore Renberg aus verschiedenen Perspektiven. So leidet der Leser nicht nur mit der angeklagten jungen Frau, sondern liest ebenso von der Verzweiflung und den Rachegedanken des Vaters, verfolgt die Bemühungen des Rechtsanwalts und erfährt viel über das Leben und die Arbeit eines Scharfrichters. Auch schaltet sich hin und wieder der Autor selbst ein, lässt uns in die Zukunft der Figuren blicken, zeigt auf, wo er den Bereich der Fakten verlässt und macht seine Faszination für das Thema spürbar.
Dabei zeichnet er seine Figuren facettenreich und ambivalent. So ist sein Thomasius nicht nur ein kluger Kopf, der sich dem Fortschritt und der Aufklärung verschrieben hat, sondern auch eitel und aufbrausend
Mein einziger Kritikpunkt an diesem außergewöhnlichen historischen Roman ist der Rachefeldzug des verbitterten Vaters. Dieser genau beschriebenen Gewaltexzesse hätte es nicht bedurft.
Recherchiert hat der Autor über fünf Jahre lang, nicht nur in zahlreichen Archiven und im Austausch mit Wissenschaftlern, sondern auch ganz konkret vor Ort.
Lesenswert ist ebenso noch der Anhang, der online abrufbar ist ( per QR-Code oder per Link ), in dem die Kurzbiograhien aller historischer Personen aufgeführt werden, sowie historisches Bildmaterial und sämtliche Quellenangaben.
„ Die Lungenschwimmprobe“ ragt aus der Masse an historischen Romanen heraus, denn hier ist der historische Hintergrund nicht nur Kulisse für eine spannende Geschichte. Tore Renberg lag es vielmehr daran, ein authentisches Bild dieser Zeit zu vermitteln, einer Zeit, in der traditionelles Denken auf Wissenschaft und Rationalismus trifft. Dabei erfährt der Leser vieles über die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse, über die Macht der Obrigkeit und der Kirche, das geltende Rechtssystem und die Stellung der Frau.
Mit seinen über 700 Seiten, mit seinem detailreichen Sachwissen und seinen Zeiten- und Perspektivwechseln , sowie einer Sprache, die sich der barocken Zeit anpasst, ist es aber kein leicht zu konsumierendes Buch, sondern erfordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers.
Fazit: Nicht nur für historisch Interessierte ein äußerst lesenswerter Roman!

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Warmherzige Hommage auf Erich Kästner

Der Goldhügel von Tobias Roller



2024 ist in zweifacher Hinsicht ein Kästner-Jubiläumsjahr. Zum einen jährt sich sein 50. Todestag; außerdem sind es 125 Jahre, seit Erich Kästner in Dresden geboren wurde. Passend dazu ist der Debutroman
„ Der Goldhügel“ von Tobias Roller erschienen.
Das Buch weckte mein Interesse, denn mir geht es ebenso wie Tobias Roller: Die Werke Erich Kästners begleiten mich schon mein Leben lang.

Angefangen hat meine Liebe mit den unvergesslichen Kinderbüchern. Den großartigen Roman „ Fabian. Geschichte eines Moralisten“ oder wie er heute heißt „ Der Gang vor die Hunde“, habe ich nicht nur einmal gelesen. Und seine Gedichte lese ich immer wieder. Eines davon ist auch dem Buch vorangestellt: „ Einsam bist du sehr alleine…“ Und einsam fühlt sich auch Erich Kästner, denn er ist zu einem längeren Sanatoriumsaufenthalt verurteilt. Im Tessin, auf dem „Collino d‘Oro“ , dem Goldhügel, soll er seine Tuberkulose auskurieren.
Wir sind im Februar 1962. Der alternde Dichter hat den Zenit seiner Laufbahn längst überschritten. „ Ein älterer Herr, der genügend hinter sich und wohl nicht mehr viel vor sich hat, das ist er nun.“ Sein Wort gilt nicht mehr viel, seine Bücher werden immer weniger gelesen. Geschrieben hat er auch schon länger nichts mehr. „ Noch nicht einmal die Liebe will ihm gelingen, aber gelungen ist sie ihm ja noch nie.“ Zerrissen zwischen zwei Frauen ringt er um eine Lösung seines privaten Dilemmas. Da ist seine langjährige Freundin Luiselotte Enderle, genannt Lotte, in deren Schuld er steht und die ihn nicht freigeben möchte. Doch wie gern wäre er bei Friedel und dem gemeinsamen kleinen Sohn. Wie soll er sich angesichts dieser Schwierigkeiten um seine Gesundheit kümmern? Ein folgsamer Patient ist er nicht und wenig bereit, den strikten Anweisungen des Professors zu folgen, der ihm seine größten Laster verbietet. Aber wie soll er die Welt ertragen ohne die Schlückchen „Privatmedizin“, die er sich immer wieder gönnt, und seine geliebten Zigaretten?
Einziger Lichtblick ist da eine junge Dame, wie er zur Genesung auf dem Goldhügel. Ihr Anblick schmeichelt seinem Auge, ihre Verehrung seinem Ego.
Tobias Roller beschränkt sich in seinem Roman auf wenige Tage im Leben Kästners. In Erinnerungen werden wichtige Episoden und Menschen aus Kästners Leben erweckt . In Träumen und Halluzinationen erfahren wir von seinen Ängsten und Zweifeln.
Einmal unternimmt der Dichter bei heftigem Schneetreiben einen Ausflug . Hier im Wirtshaus bei den Männern des Dorfes, „ wo das wahre Leben spielt“, darf er endlich „ Mensch unter Menschen“ sein, eine zentrale Stelle im Roman. Hier begreift er, „ dass er die Beleuchtung in seinem Leben ändern muss.“
Obwohl Tobias Roller nur eine Momentaufnahme aus Kästners Leben beschreibt, so kommt man dem Dichter doch sehr nahe. Man erlebt ihn mit seinen Zweifeln und Ängsten und sieht seine Schwächen. Allerdings beschreibt Tobias Roller diese verständnisvoll und mitfühlend. Dabei blitzt immer wieder der typische Kästner- Humor durch.
Auch die fiktiven Elemente sind dem Autor sehr gut gelungen. Die beiden Frauenfiguren, die er Kästner gegenüberstellt -neben dem Fräulein gibt es noch eine alte, strenge Richtersgattin- tragen zum Charme des Buches bei. Beide machen durch die Begegnung mit dem immer noch charismatischen Dichter eine glaubhafte Entwicklung durch und Kästner profitiert ebenso von den Gesprächen mit ihnen. Hier reift der Entschluss und die Idee für sein nächstes Kinderbuch, das er seinem Sohn widmen wird. Es wird den Titel tragen „ Der kleine Mann“.
Auch sprachlich hat mich der Roman überzeugt. Roller passt sich hierin wunderbar dem Sujet und der Zeit an.
Gleichzeitig lassen sich Anklänge an den „ Zauberberg“ von Thomas Mann erkennen, ohne sich mit diesem großen Vorbild messen zu wollen. Hier handelt es sich ja auch nur um einen „ Hügel“ und nicht um einen „ Berg“ und die erzählte Zeit umfasst auch nur wenige Tage und nicht sieben Jahre.
Aufschlussreich ist das Nachwort, das die letzten Jahre Kästners umreißt.
Tobias Roller ist mit „ Der Goldhügel“ eine warmherzige Hommage auf Erich Kästner gelungen. Es wäre zu wünschen, dass nach der Lektüre viele Leser erneut zum Werk Erich Kästners greifen würden.

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Denkmal für eine unkonventionelle und widerstandsfähige Frau

Man kann auch in die Höhe fallen von Joachim Meyerhoff



Mit seinem neuesten Buch ist Joachim Meyerhoffs ambitioniertes Erzählprojekt „ Alle Toten fliegen hoch“ auf mittlerweile sechs Bände angewachsen. Die treue Leserschaft ist vertraut mit der skurril-liebenswerten Familie des Autors. In seinem erfolgreichsten, auch verfilmten Buch „ Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ ( 2013 erschienen ) erfuhr man von seinem Aufwachsen auf dem Gelände einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, da sein Vater dort leitender Direktor war.

Danach konnte man ihn begleiten auf seinen schauspielerischen Lehrjahren in München. Hier wohnte der Autor bei seinen geliebten Großeltern, einem exzentrischem Paar mit ungeheurem Alkoholkonsum. Es folgten Geschichten über seine ersten turbulenten Liebschaften und in seinem letzten Buch verarbeitete Meyerhoff den Schlaganfall, der ihn Anfang Fünfzig ereilte.
Waren die ersten Bücher, getreu dem Motto „ Alle Toten fliegen hoch“, liebevolle Erinnerungen an verstorbene Familienmitglieder, seinen Vater, seinen früh tödlich verunglückten Bruder, seine Großeltern, so steht nun im Zentrum seines neuesten Bandes die quicklebendige 86jährige Mutter des Autors.
Zu ihr ist Joachim Meyerhoff geflüchtet. „ Ich redete mir ein, sie bedürfe dringend meines Beistands, dabei war sie kerngesund, offensiv vital, …und kam bestens allein zurecht. Ich hingegen war derjenige, der nicht mehr klarkam und dem viele Fäden gerissen waren.“ Der Neustart nach dem Schlaganfall war gründlich misslungen. Dabei ist Meyerhoff mit viel Optimismus aus Wien weggegangen und wollte in der deutschen Hauptstadt neue Wege gehen -neues Umfeld, neues Theater, neue Kollegen. Doch bald muss er feststellen, dass ihn die Krankheit verändert hat und das nicht zum Besseren. Dünnhäutiger ist er geworden, empfindlich, leicht reizbar. Da ist Berlin mit seiner latenten Aggressivität das falsche Pflaster für ihn. Den traurigen Höhepunkt bildet dann der neunte Geburtstag seines Sohnes. Sein dortiges Verhalten ist unentschuldbar und so beschließt er, eine Auszeit zu nehmen.
Er fährt zu seiner Mutter, die in einem Haus mit parkähnlichem Garten an der Nordsee lebt. Hier will er zur Ruhe kommen, seine Schreibblockade überwinden.
Und das gelingt erstaunlich gut. Die Mutter spannt ihn ein bei Gartenarbeiten, die bei der Größe des Grundstücks nie abnehmen. Er hilft ihr, die Unmengen an Äpfel zu ernten und zu verarbeiten. Und Meyerhoff stellt fest, wie unglaublich heilsam körperliche Arbeit an der frischen Luft sein kann. Er geht mit Mutter in der Ostsee schwimmen, wobei sie sich weitaus beherzter in die Fluten stürzt als ihr zögerlicher Sohn. Gemeinsam pflegen sie ein altes Familienritual: um 18.00 Uhr ist Zeit für einen Whiskey.
Wir lesen hier nun abwechselnd vom Heilungsprozess, den diese Wochen mit der Mutter zusammen für den Autor bedeuten, und dazwischen Geschichten aus Meyerhoffs Leben.
Joachim Meyerhoff nimmt für sich nicht den Anspruch heraus, große Literatur schreiben zu wollen. Er weiß, dass das, war er schreibt, in der literarischen Hierarchie weit unten angesiedelt ist. „ Unter Literaturgattungen herrscht eine brutale Hierarchie. Es gibt Versepen, Gesänge und tausendseitige Gesellschaftsromane, die alles überdauern. Es gibt unsterbliche Dramen, deren Personal unverwüstlich durch die Zeiten schreitet. Und natürlich Lyrik, die dem Wort unsterblich einen tieferen Sinn verleiht. …Was wäre nun in einer Geografie der literarischen Formen die Anekdote? Ich wage zu behaupten: eine winzige Quelle, aus der ununterbrochen, seit Anbeginn der Zeit, das klarste Wasser sprudelt. Müde und ausgelaugt vom Besteigen literarischer Achttausender kann man sich hier erfrischen und kurz verweilen. Und natürlich war das Theater der verlässlichste Anekdotenlieferant, der sich nur denken ließ.“
Als alter Theaterhase weiß Meyerhoff unzählige Anekdoten, die er pointiert zu erzählen versteht. So z.B. von den gar nicht glamourösen Anfängen beim Kindertheater. Er kennt aus seiner Laufbahn überambitionierte Regisseure, die auch noch im „ Dschungelbuch“ ihre politische Botschaft unterbringen möchten oder Bühnenbilder, die zu einer Gefahr für Schauspieler werden können. Er schildert, wie nur durch das beherzte Auftreten einer Souffleuse, ein Stück zu Ende gebracht werden konnte. Er besucht einen Applaussammler, der mit seinem Tonband den Applaus im Gorki- Theater jahrzehntelang dokumentiert hat und einen Schauspieler, der seine Datscha nach und nach mit ausrangierten Bühnenbildern ausstaffiert und zu jedem Bauteil noch das jeweilige Theaterstück parat hat.
Auch aus seiner Kindheit steuert Meyerhoff noch das ein oder andere Erlebnis bei, so z.B. die Fahrradprüfung in der Grundschule. Sogar seinen ersten Schreibversuche aus alten Schulheften sind abgedruckt und legen ein beredtes Zeugnis ab vom Legastheniker Meyerhoff. Denn der Autor ist gnadenlos ehrlich und schont sich selbst am wenigsten.
Für den Leser ist das höchst unterhaltsam. Schon lange nicht mehr musste ich so oft und laut lachen beim Lesen wie bei diesem Buch.
Doch neben aller Komik, bei aller Absurdität werden die schmerzlichen Punkte des Lebens nicht ausgeklammert. Das macht das Buch so lesenswert.
In erster Linie ist „ Man kann auch in die Höhe fallen“ eine Liebeserklärung an die Mutter. Auf sie passe das Hölderlin- Zitat, wie der Autor in einem Interview erklärt. „ Sie wurde über einen langen Teil ihres Weges immer glücklicher.“
Obwohl es das Schicksal ihr nicht immer leicht machte, hat diese Frau nie ihren Lebensmut verloren. Ihre Vitalität, auch noch im hohen Alter, ist erfrischend und ansteckend. Wenn Meyerhoff beschreibt, wie sie auf Bäume klettert, oder wie sie mit Elan ihren Rasen mäht, ob mit Balkenmäher oder ganz bequem auf dem Aufsitzrasenmäher, dann möchte man den Hut ziehen vor ihr. Beifahrer bei ihren halsbrecherischen Autofahrten mag man dagegen nicht sein, denn laut Sohn fährt sie „ wie eine besengte Sau“.
Wie beglückend für uns Leser, dass Joachim Meyerhoff den Ratschlag seiner Mutter befolgt hat. „ Schreib doch über mich. …Ich würd mich nämlich freuen, wenn ich es lesen kann, bevor ich sterbe.“ Auch wenn sie meinte, ihr Leben sei wenig interessant, so wird das hier aufs Beste widerlegt. Mit diesem Denkmal für eine unkonventionelle und widerstandsfähige Frau ist Meyerhoff zur ganz großen Form aufgelaufen.
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Voller Wärme und Menschlichkeit

Wohnverwandtschaften von Isabel Bogdan

Isabel Bogdan hatte sich längst einen Namen als Übersetzerin ( z.B. von Jane Gardam ) gemacht, bevor sie 2016 mit ihrem ersten Roman „ Der Pfau“ einen Bestseller landete. Ernstere Töne schlug sie mit ihrem nächsten Buch an; in „ Laufen“ schreibt sie über eine Frau, die den Suizid ihres Lebensgefährten mit Laufen verarbeitet.

„ Wohnverwandtschaften“ nun erzählt von einer Wohngemeinschaft, die zu einer Art Ersatzfamilie für alle wird. Jörg ist mit Ende Sechzig der Älteste, ihm gehört die Wohnung. Doch nach dem Tod seiner Frau ist sie ihm zu groß, außerdem lebt er nicht gerne allein. So sind Anke und Murat bei ihm eingezogen. Und zu ihnen gesellt sich zu guter Letzt noch Constanze. Die dreißigjährige Zahnärztin hat nach dem Heiratsantrag ihres Freundes die Flucht aus ihrer so spießigen wie langweiligen Beziehung ergriffen und findet auf die Schnelle keine Wohnung. Als Übergangslösung war das gedacht, schließlich träumt sie weiterhin von einer eigenen Familie. Doch Constanze findet zunehmend Gefallen an der neuen und für sie ungewohnten Situation. Denn die Vier verstehen sich gut, bis auf ein paar Eifersüchteleien , obwohl sie völlig unterschiedliche Typen sind.
Jörg war früher Journalist und träumt nun von einer langen Reise. Bis nach Georgien will er mit seinem alten VW-Bulli fahren. Da kommt ihm die Miete der anderen gerade recht für seine Reisekasse.
Die Schauspielerin Anke steckt in einer richtigen Krise. Mit Anfang Fünfzig bekommt sie keine Rollenangebote mehr. Das kratzt an ihrem Selbstwertgefühl und bringt sie in eine finanzielle Schieflage.
Murat ist der Sonnenschein der Truppe. Immer gut gelaunt, immer ein offenes Ohr für die Nöte der anderen, ein Liebling der Frauen und ein Kumpel für seine Fußballkollegen. In seiner Freizeit werkelt der IT- Spezialist mit Begeisterung in seinem Schrebergarten und verarbeitet danach dessen Erzeugnisse zu phantasievollen Gerichten, sehr zur Freude seiner Mitbewohner. „ Darin ist er echt gut, genießen kann er. Was auch immer. Essen, die Sonne, das Leben.“ so denkt, beinahe neidisch, Constanze, der diese Lockerheit fehlt.
Die Autorin schreibt vom Alltag dieser Wohngemeinschaft wechselweise aus den Perspektiven der vier Protagonisten. So entstehen aus der Innensicht und der Außenperspektive glaubhafte und lebendige Charaktere, die dem Lesenden bald vertraut sind. Dazwischen gestreut finden sich immer wieder lebensnahe Dialoge zwischen den Figuren. Das alles wird in einem lockeren, flapsigen Stil erzählt.
Doch dann schleicht sich zusehends ein ernsterer Tonfall ein. Denn Jörg gibt Anlass zur Sorge. Seine Schusseligkeit wird immer schlimmer. Gut, etwas verpeilt war Jörg schon immer. So versucht er und versuchen es seine Mitbewohner abzutun. Doch es häufen sich die Situationen, wo Jörg nicht mehr weiß, wo er sein Auto abgestellt hat oder nicht nach Hause findet. Manchmal erkennt er nicht mal mehr seine Freunde, versucht das aber geschickt zu verbergen. Aber irgendwann ist seine zunehmende Demenz für alle offensichtlich. „ Mir fallen die Wörter nicht mehr ein, wo sind meine Wörter hin, meine Schätze? …Sie fehlen mir, die Wörter. Die schönen. Und die hässlichen. Meine Schätze, Wortschatz, Wortschätze. Wo sind sie hin, meine Wörter?“ Dieses Defizit macht Isabel Bogdan durch Lücken im Text greifbar.
Für die Wohngemeinschaft stellt sich nun die Frage, wie sie mit Jörgs Erkrankung umgehen sollen. Sie wollen zusammenhalten, denn schließlich sind sie so etwas wie eine Familie geworden. Alle bringen sich ein, wechseln sich ab mit der Betreuung, suchen Hilfe von außen. Aber wie lange können sie das? Und welche Konsequenzen hat das für jeden von ihnen? Sie sehen mit Sorge, dass ihr Zusammenleben in Gefahr ist.
Isabel Bogdan verhandelt in diesem Roman ernste Themen. Sie zeigt, dass es Rücksicht braucht und ein Verantwortungsbewusstsein, wenn eine solche selbst gewählte Wohngemeinschaft auch in Krisenzeiten funktionieren soll. Gleichzeitig stellt ein solches Lebensmodell eine Alternative dar angesichts der vielen unfreiwilligen Singles und den horrenden Mieten in den Städten.
„ Wohnverwandtschaften“ ist ein unterhaltsamer Roman, der zugleich Stoff zum Nachdenken liefert. Ein Buch, das mit seiner Menschlichkeit und Wärme berührt und Hoffnung gibt.

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Wie uns die Vergangenheit prägt

Kleine Monster von Jessica Lind

Pia und Jakob werden zu einem Gespräch in die Schule gebeten. Ihr siebenjähriger Sohn Luca soll ein gleichaltriges Mädchen sexuell belästigt haben. Die Lehrerin beschränkt sich auf Andeutungen. Es wird also nicht klar, um welche Art Grenzüberschreitung es sich gehandelt hat. Und Luca schweigt zu den Vorwürfen.

Aus Angst? Aus Trotz? Aus schlechtem Gewissen ? Der Vorfall hat Folgen. Pia und Jakob werden sofort aus der WhatsApp - Elterngruppe ausgeschlossen, man geht ihnen aus dem Weg.
Während Jakob seinem Sohn vertraut und das Ganze als kindliches Spiel abtut, nagen in Pia die Zweifel. Misstrauisch beginnt sie ihren Sohn zu beobachten, versucht sein Verhalten zu interpretieren. Sind Kinder so unschuldig, wie es Eltern gerne glauben mögen? Oder stecken in ihnen nicht doch „ kleine Monster“? „ Jakob sieht nicht, was ich sehe. Weil er das Dunkle nicht kennt. Aber ich kenne es, und wenn Luca auch so ist, dann ist er es wegen mir.“.
Bald wird klar, dass Pias Zweifel viel mit ihr selber zu tun haben, mit ihrer Sicht auf sich selbst. „ Ich bin die, mit der etwas nicht stimmt.“
Der Vorfall löst Erinnerungen aus an in ihre eigene Kindheit. Aufgewachsen ist sie mit zwei Schwestern, mit der adoptieren Romi und dem Nachzügler Linda, in einem idyllischen Haus am Waldrand. Die Eltern haben sich aus altruistischen Gründen für ein Adoptionskind entschieden, sie wollten „ einem Kind eine Chance geben, mit dem es die Welt nicht so gut meint“ . Nach außen hin entsprachen sie so dem Bild einer glücklichen Familie. Aber stimmte dieser Eindruck? Wie soll man sich sonst den wütenden Vorwurf der Mutter erklären, den Pia nie vergessen kann? „ Dich habe ich geboren, aber Romi habe ich mir ausgesucht. Sie ist unser Wunschkind.“ Die Schwestern schwanken zwischen inniger Verbundenheit und Eifersüchteleien und Rivalitäten.
Aber erst ein tragischer Unfall, der nie ganz aufgeklärt wird, führt zum Bruch in der Familie. „ Wir drei sind eins. Drei Schwestern. Eine glückliche Familie. Bis wir es nicht mehr sind.“
Das Gefüge zerbricht. Ein großes Schweigen legt sich über alles. Doch darunter gärt es. Unausgesprochene Vorwürfe wirken sich im Umgang miteinander aus. Die Eltern werden hart; der Vater entzieht sich, die Mutter ist mal liebevoll, mal grausam. „ Ich hatte drei Mütter.“ heißt es im Roman. „ Die erste war gut und lieb, streng, aber gerecht. Die zweite war kalt und verschlossen. Die dritte lächelt immerzu und backt Apfelkuchen“
Romi wird zum Sündenbock in der Familie, bis diese auszieht und den Kontakt abbricht.
In diesem Roman wird deutlich vorgeführt, wie Traumata weiterwirken. Unverarbeitetes aus der Vergangenheit hat Folgen bis in die Gegenwart hinein.
Pia kennt die Fragilität von Familienbeziehungen und die Unwägbarkeit von Menschen; ihre Erfahrungen haben zu einem grundsätzlichen Misstrauen und zu großen Verlustängsten geführt. Dabei traut sie auch ihrer Sicht auf die Wirklichkeit nicht.
Die Autorin hält auf beiden Zeitebenen die Spannung aufrecht bis zum Schluss. Nicht nur, weil man sich fragt, was denn nun in beiden Fällen genau geschehen ist, sondern auch weil sich Pia immer mehr in ihren Argwohn Luca gegenüber hineinsteigert. Dabei greift sie zu Methoden, die sich nicht entschuldigen lassen. Man kann nur hoffen, dass ihr Verhalten keine langfristigen Folgen für den sensiblen Jungen hat.
Pia ist die Ich- Erzählerin, aus ihrer Sicht erfahren wir alles. Sie ist keineswegs zuverlässig und auch nicht unbedingt sympathisch. Erzählt wird in kurzen Kapiteln, das verwendete Präsens schafft eine Unmittelbarkeit. Die Autorin hat ein gutes Gespür für prägnante Szenen und aussagekräftige Dialoge. Die Stimmung wirkt oftmals bedrohlich und unheimlich. Cliffhanger und vage Andeutungen machen das Buch zu einem echten Pageturner. Nur das Ende kommt etwas zu abrupt daher.
Pia kann sich in weiten Teilen mit ihrer Vergangenheit aussöhnen. Klärende Gespräche mit Mutter und Schwester haben ihr dabei geholfen. Dass nicht alle Fragen beantwortet werden, ist hier kein Manko.
Jessica Lind greift die Themen Mutterschaft, Eltern-Kind-Beziehungen und Familie in verschiedenen Konstellationen auf. So bekommen wir auch einen Einblick in Jakobs Familie. Hier gab es keine einschneidenden Geschehnisse, trotzdem ist das Verhältnis nicht ungetrübt.
Hervorzuheben sind noch der eher doppeldeutige Titel und das surrealistische Cover, das perfekt zum Inhalt passt.
„Kleine Monster“ ist der zweite Roman der österreichischen Autorin und er steht zu Recht auf der Liste für den diesjährigen österreichischen Buchpreis. Man darf gespannt sein auf weitere Bücher von ihr.
Der Roman ist ein packendes Familiendrama, das sich mit seinen psychologisch spannenden Fragestellungen wunderbar für Lesekreise eignet.

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