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Rezensionen von Ruth:

Auf der Suche

Seinetwegen von Zora del Buono


Zora del Buono war gerade mal acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Der 33jährige Mann, aus dem Süden Italiens stammend, war ein beliebter Oberarzt am Kantonsspital Zürich.
Zora lebt von nun gemeinsam mit ihrer Mutter; diese wird nie wieder heiraten. Den Vater, den sie eigentlich nicht gekannt hat, vermisst sie nicht.

Doch eine Leerstelle bleibt und v.a. spürt sie den Verlust, den ihre Mutter erlitten hat.
In der Grundschule ist sie das einzige Kind ohne Vater, zu jener Zeit, Anfang der 1970er Jahre, eine Seltenheit ( anders als in Deutschland kurz nach Kriegsende, anders auch als heute, wie die Autorin anmerkt).
In den Ferien geht es zur Großmutter nach Italien. Denjenigen, die wie ich Zora del Buonos letztes Buch gelesen haben, ist diese Matriarchin vertraut. In „ Die Marschallin“ beschreibt die Autorin ausführlich das Leben dieser Frau. Aus Slowenien stammend, führt sie später gemeinsam mit ihrem Mann, einem Radiologe, ein großbürgerliches Leben. Das hindert die glühende Kommunistin aber nicht daran, sich politisch zu engagieren und im Widerstand gegen Mussolini tätig zu werden.
Mittlerweile ist Zora del Buono eine Frau Anfang Sechzig und die Mutter lebt dement in einem Heim. Nun scheint die Zeit gekommen, um Verdrängtes hervorzuholen und sich intensiv mit ihrem Vater und dem Unfall zu beschäftigen. Dabei interessiert sie, wie das Leben des jungen Mannes verlaufen ist, der durch ein gefährliches Überholvermögen schuld war am Tod des Vaters. Lebt er überhaupt noch? Sie beschließt, ihn zu suchen , den „ Töter“.
So nennt sie ihn, denn „ Unfallverursacher“ klingt ihr zu technisch, verharmlost auch das Ganze und Mörder wäre falsch.
Doch die Suche nach ihm gestaltet sich schwierig. Anfangs kennt sie nur seine Initialen, E.T., erst ganz spät wird sie seinen ganzen Namen erfahren. Für ihre Recherche bemüht sie Briefe und Dokumente, fährt durch ihre alte Heimat in der Schweiz, besucht dort Archive und trifft auf Menschen, die Ernst Traxler noch persönlich gekannt hatten. Dabei wandelt sich ihr Bild von ihm. Er scheint ein ruhiger und „ leutseliger“ Mensch gewesen zu sein, der sich seiner Schuld bewusst war, deshalb jahrelang auch nicht mehr Auto fuhr.
Die chronologisch erzählte Recherchearbeit wird dabei immer wieder unterbrochen durch Reflexionen und Erinnerungen der Autorin. So fragt sie sich, was diese Vaterlosigkeit wohl für Auswirkungen auf ihr Ich gehabt haben könnte, legt dazu eine „ Liste der eigenen Deformationen“an. Sicher rührt ihr „ stilles Wundern über intakte Familien“ daher, möglicherweise auch ihr „ Fremdheitsgefühl“ in einer Zweierbeziehung. Dem steht eine Liste mit den Vorzügen und Merkmalen ihres Vaters gegenüber. Einige wenige private Photos aus dem Familienalbum erlauben einen persönlichen Blick in das Familienleben der Autorin.
Aber Zora del Buono geht in ihrem Buch über das Private hinaus. Sie zitiert Statistiken über Verkehrsunfälle ( Anzahl, Ursachen etc.), listet prominente Opfer des Straßenverkehrs auf ( von Albert Camus bis Lady Di ) , verfolgt die Geschichte des VW Käfers ( das Unfallauto) und überlegt, ob eine Nackenstütze wohl ihrem Vater das Leben gerettet hätte.
Dazwischen gesetzt sind immer wiederkehrende „ Kaffeehausgespräche“, in denen die Autorin mit Freunden Fragestellungen diskutiert, die ihre Recherche bei ihr auslösen.
Diese Collage - Technik sorgt dafür, dass keinerlei Sentimentalität aufkommt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist „ Seinetwegen“ ein Buch, das lange nachhallt.
Beim Lesen wird einem auch bewusst, wie schnell sich ein Leben ändern kann und dass es jeden von uns treffen kann. „ Keiner, der im Straßenverkehr stirbt, hat morgens das Haus mit dem Wissen verlassen, dass dies sein letzter Tag sein wird ( und keiner denkt, dass er heute einen Menschen töten wird).“
Das Buch endet versöhnlich. Zora del Buono ist nicht nur ihrem Vater näher gekommen, sondern auch Ernst Traxler. Von ihrem anfänglichen Groll auf ihn, dem Unbekannten, bleibt am Ende die Gewissheit, dass auch sein Leben durch den Unfall beeinträchtigt wurde.
Eine beeindruckende Verarbeitung und ein in seiner Struktur ungewöhnliches Buch.

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Faszinierende Frau und Künstlerin

Artemisia Gentileschi und Der Zorn der Frauen von Gabriela Jaskulla

Unberührt bleibt kein Betrachter beim berühmtesten Gemälde von Artemisia Gentileschi „ Judith enthauptet Holofernes“ ( 1620 ). Dieses biblische Motiv war weit verbreitet, aber niemand hatte die Mordtat bisher so drastisch und brutal dargestellt. Kühl und entschlossen packt Judith mit der einen Hand den Kopf des Mannes, mit der anderen führt sie zielsicher das Schwert.

Die Magd im Hintergrund hilft ihrer Herrin bei dieser blutigen Tat.

Wer war diese Malerin, die mit kräftigen Farben und dramatischen

Hell - Dunkel- Kontrasten arbeitete und bevorzugt starke Frauen in den Mittelpunkt ihres Schaffens setzte ?

Geboren wurde sie 1593 als Tochter des bekannten Malers Orazio Gentileschi in Rom. Ihre Mutter starb, als Artemisia 11 Jahre alt war. Es war selbstverständlich, dass sie danach die Rolle der Hausfrau übernehmen und für ihren Vater und ihre Brüder sorgen musste. Allerdings erkannte ihr Vater auch früh ihr malerisches Talent und unterrichtete sie gemeinsam mit den Söhnen. Da die Tochter am begabtesten schien, holte er den Malerkollegen Agostino Tassi ins Haus als zusätzlichen Lehrmeister. Der allerdings nutzte seine Position aus und vergewaltigte die junge Frau.

Ungewöhnlich war dann allerdings, dass der Vater einen Prozess anstrengte gegen den Vergewaltiger seiner Tochter. Doch damit erwies er Artemisia keinen Dienst. Tassi wurde zwar verurteilt, doch ohne wesentliche Folgen für ihn. Dafür aber war das Verfahren nicht nur äußerst demütigend für die junge Frau ( mit gynäkologischen Untersuchungen und Folter beim Kreuzverhör), auch ihre Ehre war zerstört.

Mit einer überstürzten Heirat und dem Umzug nach Florenz sollte der gute Ruf der jungen Frau wiederhergestellt werden.

In Florenz begann dann ihre Entwicklung zu einer großen Künstlerin. In relativ kurzer Zeit verschaffte sie sich einen Namen. Sie fand reiche und einflussreiche Gönner, die ihre Kunst zu schätzen wussten. Auch öffentliche Aufträge ließen nicht auf sich warten. Als erste Frau wurde ihr die Ehre zuteil, an der „Accademia delle arti del disegno“ aufgenommen zu werden.

Florenz blieb nicht die einzige Station für die Malerin. Es folgten Aufenthalte in Rom, Venedig, Neapel, London. Immer wieder flieht sie vor Schuldnern, muss an neuer Stätte ihren Platz in der dortigen Gesellschaft finden, muss Kontakte knüpfen, um an Aufträge zu kommen, muss neue Werkstätten aufbauen. Trotz ihres Ruhmes war ihr Stand als weibliche Malerin nicht leicht.

Auch privat war ihr wenig Ruhe gegönnt. Die Ehe war ein Fehlgriff, sie hatte Liebhaber, bekam Kinder, von denen einige früh starben, hatte Freunde, aber auch viele Neider.

Nach ihrem Tod ( das genaue Todesjahr ist nicht bekannt, vermutlich so um 1652/53 ) geriet die Künstlerin in Vergessenheit. Erst in den 1970er Jahren, im Zuge der Frauenbewegung, wurde sie neu entdeckt.



Aus den wenig gesicherten Fakten über das Leben der Artemisia Gentileschi machte Gabriela Jaskulla eine mitreißende Künstlerbiographie. Sie beschreibt Artemisia als eine starke, selbstbewusste, aber auch zornige Frau. Eine Malerin, die sich behaupten muss in einer von Männern dominierten Welt. In ihren Bildern begehrt sie auf gegen die Gewalt von Männern, die sie selbst erfahren musste. „ Sie teilte mit ihren Figuren die weibliche Erfahrung der Gewalt“, so heißt es im Buch.

Sehr detailliert und anschaulich beschreibt Gabriele Jaskulla, die studierte Kunsthistorikerin, zahlreiche Bilder von Artemisia Gentileschi. Dabei geht sie auf Eigenheiten und Besonderes im Stil dieser Barockmalerin ein, benennt die Unterschiede zu Malerkollegen und gibt Hinweise zur Deutung.

Doch neben der spannenden Künstlerbiographie erhält der Leser noch ein lebenspralles Sittengemälde des 17. Jahrhunderts. Wir erfahren von den Unterschieden im gesellschaftlichen Leben der verschiedenen Städten. Dazwischen gibt es Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten, wie z.B. Galileo Galilei, Caravaggio und Velasquez. Wir sind am Hofe der Medici, sind dabei, als die Pest nach Venedig kommt und in Neapel der Vesuv ausbricht.

Im Nachwort lässt uns die Autorin an ihrer Arbeit teilhaben, zeigt, wo sie Leerstellen gefüllt hat und wie sie dabei vorging. Hier begründet sie auch, warum sie den ansonsten chronologisch erzählten Text durch kurze „ Cuts“ unterbrochen hat. Dabei lässt sie ein Filmteam die Geschichte der Artemisia im Heute spiegeln. So schaffe sie einerseits Distanz und mache gleichzeitig bewusst, dass es sich hierbei um Fiktion handle.

Gabriele Jaskulla hat mir mit dieser Romanbiographie eine faszinierende Frau und Künstlerin nahegebracht. Deren Gemälde habe ich schon zuvor bewundert, doch nun verstehe ich sie besser. Daneben lässt die Autorin eine Zeit lebendig werden, die uns heute so fern liegt.

Fesselnd, unterhaltsam und lehrreich!

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Fluchtgeschichte eines Kindes

Solito von Javier Zamora

Javier Zamora, ein heute in den USA lebender Lyriker, erzählt in seinem ersten Roman die Migrationsgeschichte eines 9jährigen Jungen. Es ist seine eigene Geschichte.
1999 macht er sich auf eine wochenlange Reise quer durch Mittelamerika, von San Salvador über Guatemala und Mexiko bis in die USA, dorthin, wo seine Eltern leben.

Der Vater floh vor dem Bürgerkrieg im Land, da war sein Sohn etwas mehr als ein Jahr alt. Die Mutter folgte ihrem Mann vier Jahre später. Der Junge wächst bei seinen Großeltern und seinen Tanten auf. Es ist eine arme, aber behütete Kindheit und Javier hat sich zu einem klugen, etwas schüchternen Jungen entwickelt.
Ein Versuch, ihren Sohn mit falschen Papieren in einen Flieger zu setzen, schlug fehl und als Illegale hatten die Eltern keine Möglichkeit, ihn auf legale Weise zu sich zu holen. Nun ist endlich genug Geld gespart, um einen Schleuser, einen sog. „Koyoten“, zu bezahlen. Der Großvater begleitet seinen Enkel noch auf der ersten Etappe und übergibt ihn dann Don Dago, der schon die Mutter erfolgreich außer Land geschleust hatte.
Es beginnt eine abenteuerliche und lebensgefährliche Odysee für die siebenköpfige Gruppe um Javier. In Bussen und Lastwagen, auf einem Boot und zu Fuß, Tausende von Kilometer unterwegs. Dazwischen immer in Verstecken und Verschlägen, tagelang wartend auf neue Anweisungen oder Transportmöglichkeiten. Dazu kommt die ständige Angst, entdeckt und abgeschoben zu werden. Zweimal scheitert ihr Fluchtversuch, erst beim dritten Mal schaffen sie es über die Grenze.
Das alles beschreibt Javier Zamora detail- und bilderreich auf beinahe 500 Seiten. Auch wenn ich anfangs gehadert habe mit der kleinteiligen Schilderung dieser Flucht, so vermittelt der Autor damit doch sehr authentisch, wie eine solche ganz konkret abläuft und wie es sich anfühlt. Lange Phasen des Wartens und der Langeweile werden unterbrochen durch Phasen der Anspannung und der Gefahr. Das wirkt nicht nur sehr realistisch, sondern macht die Lektüre auch so bedrückend.
Die Hitze, der Durst, die körperliche Anstrengung und Erschöpfung , das alles wird erlebbar gemacht. Bei der lebensgefährlichen Bootsfahrt z.B. spürt der Leser das bedrohliche Schaukeln der Wellen, riecht den permanenten Gestank von Benzin und Kotze, hört das unablässige Lärmen des Motors und fühlt die brennende Sonne und die Kälte der Nacht. Und er hält den Atem an bei jeder Polizeikontrolle, oder wenn Scheinwerfer die Wüste erhellen oder Hubschrauber über den Flüchtenden kreisen. So wird dem Leser ganz eindringlich und nachfühlbar vor Augen geführt, was Menschen auf sich nehmen für ein Leben mit einer Zukunftsperspektive. Denn dort, woher sie kommen, haben sie keine. Deshalb bezahlen sie viel Geld und riskieren ihr Leben.
Javier Zamora hat sich bei seinem Buch für die Kinderperspektive entschieden. Er schreibt konsequent aus der Sicht seines 9jährigen Ichs, nicht aus der Rückschau und mit dem Wissen des Erwachsenen. So wird einem immer wieder bewusst, dass es ein Kind ist, dem dies alles widerfährt.
Die kindliche Perspektive mag den Leser manchmal nerven, wenn Javier alles aufführt, was er sieht und was er fühlt, Wichtiges und Unwichtiges. Oder sie kann den Leser unbefriedigt zurücklassen, weil wichtige Informationen fehlen ( Warum musste der Vater das Land verlassen?) oder weil viele der begleitenden Figuren blass bleiben. Aber ein Kind beobachtet alles um sich herum, durchschaut aber nur Weniges.
Eine sprachliche Besonderheit sind die zahlreichen spanischen Brocken, mit denen der Text durchsetzt ist. Im Anhang findet sich dazu ein Glossar, das leider nicht alphabetisch geordnet ist und vieles garnicht aufführt. Das Nachschlagen hemmte auf Dauer so meinen Lesefluss, dass ich mich dagegen entschied. Damit fühlte ich mich in einer ähnlichen Situation wie viele Migranten, die auch nicht jedes Wort verstehen.
Javier war das, was bei uns im Amtsdeutsch als „ unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ gilt. Und man denkt unwillkürlich, dass Kinder solche Erfahrungen nicht machen sollten. Oft fühlt er sich einsam, sehnt sich nach Zuwendung. „ … solo, solito, solito de verdad“ ( allein, ganz allein, mutterseelenallein).
Zu seinem Glück nimmt sich eine Frau und ein junger Mann seiner an. Die bilden zusammen mit der etwas älteren Tochter der Frau eine Art Ersatzfamilie für ihn. Sie kümmern sich, teilen das Essen und den Schlafplatz mit ihm, tragen ihn durch die Wüste, als er nicht mehr kann.
Und am Ende, als er in den USA angekommen ist, freut sich Javier zwar auf seine Eltern, doch der Abschied von seiner Zweitfamilie fällt ihm schwer. Er wird sie nicht nur vermissen, nein, sie fehlen ihm auch als Zeugen für das Erlebte, denn niemand sonst in seiner neuen Umgebung wird verstehen oder nachempfinden können, was diese Zeit ihm bedeutet.
Der Autor hat sie nie mehr getroffen, aber er widmet ihnen sein Buch : „ Für Patricia, Carla, Chino & alle Immigranten, die ich auf dem Weg in die USA kennenlernte und nie wiedersah. Ohne euch wäre ich nicht hier“

Javier Zamora hat seine traumatische Flucht jahrelang in sich verschlossen, bis er sie mit therapeutischer Hilfe verarbeitet hat. Das Ergebnis liegt uns nun als Buch vor.
Nach der Lektüre betrachtet man das sog. „ Flüchtlingsproblem“ nochmals mit anderen Augen. Es wäre zu wünschen, dass möglichst viele dieses „ Memoir“ lesen . Es ist keine einfache Lektüre, aber eine, die lange nachhallt.
Interessiert wäre ich an einer Fortsetzung, denn das hier ist eine reine Fluchtgeschichte, die das Danach ausspart.
Unverständlich bleibt, warum der Verlag dem Buch keine Karte mit dem Fluchtweg vorangestellt hat.

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Wichtiges Thema - kindgerecht umgesetzt

Wieso? Weshalb? Warum? Band 44 - Wie leben wir miteinander? von Patricia Mennen

Der neueste Band aus der bewährten „ Wieso Weshalb Warum?“ -Reihe ist wieder einmal ganz besonders gut gelungen. Er umfasst 16 Seiten, ist großformatig wie alle Bände für die größeren Kinder ( 4-7 Jahre), hat Spiralbindung und ist aus stabiler Pappe. Zahlreiche Illustrationen veranschaulichen und ergänzen die kurzen und kindgerechten Texte.

Auch die beliebten Klappen, die Szenen weiterführen oder zusätzliches Wissen vermitteln, fehlen nicht.
Hier geht es um das wichtige Thema des friedlichen Zusammenlebens. Schon das Cover zeigt, dass Wert gelegt wird auf Diversität. Kinder aller Hautfarben und auch mit kleinen oder größeren körperlichen Einschränkungen spielen gemeinsam.
Und diese Vielfalt wird durch das ganze Buch hin durchgehalten und zeigt so den Kindern, dass wir alle, trotz unserer Unterschiede, eine große Gemeinschaft sind. Zahlreiche Situationen des alltäglichen Lebens werden aufgegriffen. Dabei geht es um Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten, über Regeln des Zusammenlebens, sei es daheim, in der Kita oder Schule oder im öffentlichen Raum. Grundbedürfnisse eines Jeden werden benannt, Rechte von Kindern angesprochen und an Beispielen erläutert
Auch schwere Themen wie Krieg und Flucht werden behandelt. Zu Recht, denn Kinder bekommen mit, was aktuell passiert und die Geschehnisse machen ihnen Angst. Deshalb ist es wichtig, mit ihnen darüber zu sprechen. Das gelingt mit Hilfe dieses Buches sehr gut. Ausgehend von Streitigkeiten zwischen Kindern wird auf Ursachen und Folgen eines Krieges eingegangen. Eine Folge von Krieg sind die zahlreichen Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Für deren Schicksal Verständnis und Empathie zu entwickeln ist enorm wichtig, denn viele Kinder werden in ihrem Umfeld auf Flüchtlingskinder treffen.. Auch hierbei ist der Band hilfreich.
Positiv endet das Buch, nämlich mit Vorschlägen, was jeder Einzelne tun kann für ein friedliches und harmonisches Zusammenleben. Deshalb sollte dieser Band in keinem Kinderzimmer, in keiner Kita und in keiner Grundschule fehlen. Denn gerade heute, wo der Ton immer rauer, das friedliche Miteinander im Kleinen und im Großen von allen Seiten bedroht wird, ist die Botschaft des Buches so elementar.
Kleinere Kinder werden noch nicht alles verstehen. Da liegt es am Vorleser, was er auswählt. Wichtig ist aber auf jeden Fall, dass man über den Inhalt ins Gespräch kommt.

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Zwei Reisen -eine äußere und eine innere

Das Pfauengemälde von Maria Bidian

Wie viele Debütantinnen ließ sich Maria Bidian, 1988 in Mainz geboren, für ihren ersten Roman von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren. Wie ihre Protagonistin Ana hat auch die Autorin einen rumänischen Vater und eine deutsche Mutter und eine große Familie in Rumänien.
Als Ana zwei Jahre nach dem Tod ihres geliebten Vaters Nicu erfährt, dass die Familie den Prozess um ihren enteigneten Besitz endlich gewonnen hat, fährt sie nach Rumänien.

Dabei ist sie weniger an dem großen Haus interessiert, das sie endlich zurückerhalten, sondern viel mehr an dem legendären Pfauengemälde, das ihrem Vater so viel bedeutet hat. Damit möchte sie auch ihr schlechtes Gewissen beruhigen. Denn Ana fühlt sich schuldig, ihren Vater nicht bei seiner letzten Reise begleitet zu haben. Jener Reise, von der er nicht zurückkam. Und sie hofft, dass sie ihren Schmerz und ihre Trauer hinter sich lassen kann, wenn sie mit dem Bild nach Deutschland zurückkehrt.
Doch das Procedere erweist sich schwieriger als gedacht, denn die Mühlen der rumänischen Bürokratie mahlen langsam. Ana nützt die Zeit, um ihre weitverzweigte Familie zu besuchen. Sie reist zu Onkeln und Tanten, trifft Cousins und Cousinen. Dadurch bekommt der Leser ein anschauliches Bild vom Rumänien der Gegenwart, von den Unterschieden zwischen Stadt und Land, von verlassenenen Dörfern, weil ihre Bewohner nach 1989 ins Ausland gezogen sind. Andere Ortschaften schmücken sich für Touristen, die Arbeit und Geld ins Land bringen sollen. Viele Gespräche drehen sich auch um die aktuelle politische Situation. Die Rumänen sehen ihre Zukunft zwar in der EU, gleichzeitig aber setzen sie sich mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinander. Ana besucht einmal eine Bar, die Cocktails anbietet, die nach Daten rumänischer Geschichte benannt sind. So z.B. bezieht sich das Getränk namens „1784“ auf den Aufstand rumänischer Bauern gegen den ungarischen Adel. Sinnigerweise nennt sich die Bar
„ Déjà-vu“, „ weil es wichtig ist, seine Geschichte zu kennen, alles wiederholt sich.“
Gleichzeitig weckt diese Reise Erinnerungen an die Sommer ihrer Kindheit, denn jedes Jahr verbrachte sie die Ferien hier mit ihren Eltern.
Dabei erfährt der Leser nach und nach von Nicos tragischem Schicksal. Unter der Diktatur wurde er als Widerstandskämpfer verfolgt und inhaftiert. Ihm gelang danach die Flucht nach Deutschland. Dort wollte er allen erzählen, was in Rumänien wirklich passiert, musste aber bald feststellen, dass sich niemand dafür interessiert.
Die Autorin erzählt von den zwei Reisen ihrer Protagonistin, einer äußeren durch das Land und einer inneren durch ihre Erinnerung und die Vergangenheit ihrer Familie. Ana muss dabei lernen, dass Trauer nicht verschwindet, aber der Schmerz weniger wird. Am Ende kann sie mit vielem abschließen, „ aber zu Ende war es nicht“.
Maria Bidian erzählt in einer bildhaften und schönen Sprache; der ruhige und melancholische Grundton passt zur Geschichte. Sehr gut gefallen haben mir auch die in den Text eingebetteten Parabeln und Märchen, die lebensklug und amüsant sind.
Es war allerdings nicht immer leicht, den Überblick über die vielen Figuren zu behalten. Hier wäre ein Stammbaum hilfreich gewesen.
„ Das Pfauengemälde“ ist ein Familienroman, das uns Rumänien, seine Bewohner und seine Geschichte näherbringt. Ein Debut, das große Erwartungen weckt.

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Eine lesenswerte Wiederentdeckung

Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens von Gabriele Reuter

Gabriele Reuter „ Aus guter Familie“ (1895/2024 )

Aufmerksam gemacht auf diesen Roman hat mich Nicole Seifert mit ihrem Buch „ Frauenliteratur Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ ( 2021 ).
Darin zieht sie eine Analogie zu Theodor Fontanes „ Effi Briest“. Beide Romane sind im selben Jahr erschienen, beide waren große Erfolge, wurden von der Leserschaft und von den Kritikern gefeiert.

Trotzdem geriet die Autorin und ihr Roman in Vergessenheit, während „ Effi Briest“ zum Kanon der deutschen Literatur gehört und seit Jahrzehnten Schullektüre ist.
Dass „ Aus guter Familie“ der breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, ist dem Reclam Verlag zu danken, der es in einer schön aufgemachten Ausgabe in seiner Reihe „ Reclams Klassikerinnen“ herausgebracht hat.
Wer war Gabriele Reuter? Geboren 1859 in Alexandria, als Tochter eines deutschen Kaufmanns, begann sie aus finanziellen Gründen früh mit dem Schreiben; zuerst kleinere Beiträge für Zeitungen, später Novellen und Romane. Um die Jahrhundertwende zählte sie zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen. 1941 starb sie , nahezu vergessen.
Es gibt eine weitere Parallele zu Fontane. Beide Protagonistinnen, Effi Briest und Agathe Heidling, gehen „ letztendlich an der Unmenschlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse“ zugrunde. ( Zitat: Nicole Seifert)
Der Roman setzt ein mit der Konfirmation der beinahe siebzehnjährigen Agathe. Der Pastor und ihr Vater, der Herr Regierungsrat, machen in ihren Tischreden deutlich, welche Erwartungen an das Mädchen gestellt werden. Spricht der Vertreter der Kirche von ihrer Verantwortung als Christin, so hält der Vater ihr die Pflichten einer Frau und Mutter vor. Dazu passt, dass Agathe anstelle Herweghs Gedichten, die sie sich gewünscht hat, der Prachtband „ Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau, Gattin und Mutter“ geschenkt wird.
Agathe möchte gerne den Anforderungen genügen, möchte ein liebenswertes Mädchen und eine brave Tochter sein. Gleichzeitig aber träumt sie von Freiheit und Liebe.
Ist anfangs noch ein Aufbegehren gegen die ihr zugewiesene Rolle zu spüren, so legt sich dies bald. In ihrem Umfeld gibt es niemand, der sie darin unterstützt. Im Gegenteil! Ihre Wissbegierde, ihr Interesse an neuen Ideen und aufklärerischen Schriften sind bei einer Frau nicht gerne gesehen.
Dann, eine erste schwärmerische Liebe zu einem Maler, die unerwidert bleibt und Agathe desillusioniert zurücklässt. Selbst als sie ihre Ansprüche an einen Ehemann herunterschraubt, kommt eine Ehe nicht zustande, da ihr älterer Bruder ihre Mitgift verspielt hat.
Als unverheiratete Frau gibt es für Agathe kaum mehr Möglichkeiten, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Sie wendet sich der Kirche zu, doch das Heuchlerische dort stößt sie ab. Die Rolle als treusorgende Tochter, die sich um die Eltern kümmert und nach dem Tod der Mutter dem Vater Gesellschaft leistet, kann auch nicht die Erfüllung bringen. Agathe versinkt in tiefe Resignation, wird krank . In einem sog. „ Frauenbad“ soll sie, wie unzählige andere Frauen, geheilt werden. „ Frauen - Frauen- nichts als Frauen. Zu Hunderten strömten sie aus allen Teilen des Vaterlandes hier…zusammen,…Fast alle waren sie jung,…Und sie teilten sich in zwei ungefähr gleiche Teile: die von den Anforderungen des Gatten, von den Pflichten der Geselligkeit und den Geburten der Kinder erschöpften Ehefrauen und die bleichen, vom Nichtstun, von Sehnsucht und Enttäuschung verzehrten Mädchen.“
Aber Agathe kann hier nicht geholfen werden, sie endet als Dreißigjährige, in einer Nervenheilanstalt.
Dieser Roman berührt und macht zugleich wütend. Weil hier eine junge, sensible und kluge Frau an den Ansprüchen der Gesellschaft zugrunde geht. Weil es keinen Platz gibt für ihre Träume und Wünsche, weil die Gesellschaft genaue Vorstellungen hat, was einer Frau zusteht und was nicht. Immer wieder wird von anderen über sie entschieden, ohne dass sie ein Mitspracherecht hätte. Und Agathe ist keine Rebellin, die eigenständig ihren Weg geht. Dazu fehlt ihr der Mut. Nein, sie möchte sich anpassen, ist bereit, den Erwartungen zu genügen. Das macht ihr Schicksal doppelt tragisch.
Es finden sich im Roman auch keine anderen Frauenfiguren, die sich als Vorbild eignen würden. Agathes Mutter, eine schwache, ständig kränkelnde Frau, hat die Vorstellungen der damaligen Gesellschaft verinnerlicht. Eugenie, eine Freundin aus Kindertagen, findet zwar ihren Platz an der Seite von Agathes Bruder. Doch sie ist eine zutiefst unsympathische Frau, berechnend und manipulativ. Eine erfolgreiche und bewunderte Schauspielerin muss ein Doppelleben führen, weil niemand von ihrem unehelichen Kind wissen darf. Und besonders bedauernswert ist ein früheres Dienstmädchen im Elternhaus von Agathe, die, vom Sohn des Hauses geschwängert, im Elend versinkt.
Es sind v.a. die Männer, die Frauen keine Entwicklungsmöglichkeiten zugestehen, weil sie von der Rollenverteilung profitieren. Besonders enttäuschend hat sich Agathes Cousin Martin entwickelt. Er, der als junger Mensch für revolutionäre und sozialistische Ideale einsteht, ist ihr auch keine Hilfe.
Gabriele Reuter beschreibt dies alles sehr eindringlich und anschaulich. Sie bietet keine Lösungen an und endet nicht versöhnlich, im Gegensatz zu Fontane. Dabei überrascht sie immer wieder mit unerwarteten Wendungen.
Der Roman ist nicht nur die „ Leidensgeschichte eines Mädchens“, wie er im Untertitel heißt, sondern auch ein Zeitdokument.
Hervorzuheben ist noch das informative Nachwort von Tobias Schwartz, das Autorin und Roman einordnet. Es ist nun zu wünschen, dass das Buch viele Leser und seinen Platz im Literaturkanon findet.










Aufmerksam gemacht auf diesen Roman hat mich Nicole Seifert mit ihrem Buch „ Frauenliteratur Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“ ( 2021 ).
Darin zieht sie eine Analogie zu Theodor Fontanes „ Effi Briest“. Beide Romane sind im selben Jahr erschienen, beide waren große Erfolge, wurden von der Leserschaft und von den Kritikern gefeiert. Trotzdem geriet die Autorin und ihr Roman in Vergessenheit, während „ Effi Briest“ zum Kanon der deutschen Literatur gehört und seit Jahrzehnten Schullektüre ist.
Dass „ Aus guter Familie“ der breiten Öffentlichkeit zugänglich wird, ist dem Reclam Verlag zu danken, der es in einer schön aufgemachten Ausgabe in seiner Reihe „ Reclams Klassikerinnen“ herausgebracht hat.
Wer war Gabriele Reuter? Geboren 1859 in Alexandria, als Tochter eines deutschen Kaufmanns, begann sie aus finanziellen Gründen früh mit dem Schreiben; zuerst kleinere Beiträge für Zeitungen, später Novellen und Romane. Um die Jahrhundertwende zählte sie zu den meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen. 1941 starb sie , nahezu vergessen.
Es gibt eine weitere Parallele zu Fontane. Beide Protagonistinnen, Effi Briest und Agathe Heidling, gehen „ letztendlich an der Unmenschlichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse“ zugrunde. ( Zitat: Nicole Seifert)
Der Roman setzt ein mit der Konfirmation der beinahe siebzehnjährigen Agathe. Der Pastor und ihr Vater, der Herr Regierungsrat, machen in ihren Tischreden deutlich, welche Erwartungen an das Mädchen gestellt werden. Spricht der Vertreter der Kirche von ihrer Verantwortung als Christin, so hält der Vater ihr die Pflichten einer Frau und Mutter vor. Dazu passt, dass Agathe anstelle Herweghs Gedichten, die sie sich gewünscht hat, der Prachtband „ Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau, Gattin und Mutter“ geschenkt wird.
Agathe möchte gerne den Anforderungen genügen, möchte ein liebenswertes Mädchen und eine brave Tochter sein. Gleichzeitig aber träumt sie von Freiheit und Liebe.
Ist anfangs noch ein Aufbegehren gegen die ihr zugewiesene Rolle zu spüren, so legt sich dies bald. In ihrem Umfeld gibt es niemand, der sie darin unterstützt. Im Gegenteil! Ihre Wissbegierde, ihr Interesse an neuen Ideen und aufklärerischen Schriften sind bei einer Frau nicht gerne gesehen.
Dann, eine erste schwärmerische Liebe zu einem Maler, die unerwidert bleibt und Agathe desillusioniert zurücklässt. Selbst als sie ihre Ansprüche an einen Ehemann herunterschraubt, kommt eine Ehe nicht zustande, da ihr älterer Bruder ihre Mitgift verspielt hat.
Als unverheiratete Frau gibt es für Agathe kaum mehr Möglichkeiten, ihr Leben sinnvoll zu gestalten. Sie wendet sich der Kirche zu, doch das Heuchlerische dort stößt sie ab. Die Rolle als treusorgende Tochter, die sich um die Eltern kümmert und nach dem Tod der Mutter dem Vater Gesellschaft leistet, kann auch nicht die Erfüllung bringen. Agathe versinkt in tiefe Resignation, wird krank . In einem sog. „ Frauenbad“ soll sie, wie unzählige andere Frauen, geheilt werden. „ Frauen - Frauen- nichts als Frauen. Zu Hunderten strömten sie aus allen Teilen des Vaterlandes hier…zusammen,…Fast alle waren sie jung,…Und sie teilten sich in zwei ungefähr gleiche Teile: die von den Anforderungen des Gatten, von den Pflichten der Geselligkeit und den Geburten der Kinder erschöpften Ehefrauen und die bleichen, vom Nichtstun, von Sehnsucht und Enttäuschung verzehrten Mädchen.“
Aber Agathe kann hier nicht geholfen werden, sie endet als Dreißigjährige, in einer Nervenheilanstalt.
Dieser Roman berührt und macht zugleich wütend. Weil hier eine junge, sensible und kluge Frau an den Ansprüchen der Gesellschaft zugrunde geht. Weil es keinen Platz gibt für ihre Träume und Wünsche, weil die Gesellschaft genaue Vorstellungen hat, was einer Frau zusteht und was nicht. Immer wieder wird von anderen über sie entschieden, ohne dass sie ein Mitspracherecht hätte. Und Agathe ist keine Rebellin, die eigenständig ihren Weg geht. Dazu fehlt ihr der Mut. Nein, sie möchte sich anpassen, ist bereit, den Erwartungen zu genügen. Das macht ihr Schicksal doppelt tragisch.
Es finden sich im Roman auch keine anderen Frauenfiguren, die sich als Vorbild eignen würden. Agathes Mutter, eine schwache, ständig kränkelnde Frau, hat die Vorstellungen der damaligen Gesellschaft verinnerlicht. Eugenie, eine Freundin aus Kindertagen, findet zwar ihren Platz an der Seite von Agathes Bruder. Doch sie ist eine zutiefst unsympathische Frau, berechnend und manipulativ. Eine erfolgreiche und bewunderte Schauspielerin muss ein Doppelleben führen, weil niemand von ihrem unehelichen Kind wissen darf. Und besonders bedauernswert ist ein früheres Dienstmädchen im Elternhaus von Agathe, die, vom Sohn des Hauses geschwängert, im Elend versinkt.
Es sind v.a. die Männer, die Frauen keine Entwicklungsmöglichkeiten zugestehen, weil sie von der Rollenverteilung profitieren. Besonders enttäuschend hat sich Agathes Cousin Martin entwickelt. Er, der als junger Mensch für revolutionäre und sozialistische Ideale einsteht, ist ihr auch keine Hilfe.
Gabriele Reuter beschreibt dies alles sehr eindringlich und anschaulich. Sie bietet keine Lösungen an und endet nicht versöhnlich, im Gegensatz zu Fontane. Dabei überrascht sie immer wieder mit unerwarteten Wendungen.
Der Roman ist nicht nur die „ Leidensgeschichte eines Mädchens“, wie er im Untertitel heißt, sondern auch ein Zeitdokument.
Hervorzuheben ist noch das informative Nachwort von Tobias Schwartz, das Autorin und Roman einordnet. Es ist nun zu wünschen, dass das Buch viele Leser und seinen Platz im Literaturkanon findet.

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Perfektes Lesevergnügen - klug und unterhaltsam

Die englische Scheidung von Margaret Kennedy



Erfreulicherweise machen es sich immer mehr Verlage zur Aufgabe, unbekannte oder zu Unrecht vergessene Schätze zu heben. So auch der Schöffling- Verlag, der nach „ Das Fest“ nun einen weiteren Roman der englischen Schriftstellerin Margaret Kennedy veröffentlicht hat. Zur Freude des Lesers.

Die 1896 in London geborene und 1967 verstorbene Autorin war zu ihrer Zeit äußerst erfolgreich mit zahlreichen Romanen,
Theaterstücken und Drehbüchern.
Alec und Betsy sind ein gut situiertes Ehepaar im England Mitte der 1930er Jahre. Sie haben drei Kinder und Alec, ein ehemaliger Beamter, nun erfolgreicher Autor von Libretti, hat es zu Ruhm und Geld gebracht. Eigentlich könnte alles bestens sein. Doch Betsy fühlt sich nach siebzehn Ehejahren gelangweilt und unzufrieden. Sie möchte die Scheidung. Alec dagegen wünscht keine Veränderung und kurz scheint es so, als könne er seine Frau nochmals umstimmen. Aber zu spät! Die Schwiegermütter, von Betsy über ihr Vorhaben informiert, eilen herbei, um die Katastrophale aufzuhalten.
Deren Einmischung bewirkt allerdings das Gegenteil. Plötzlich scheinen die Fronten klar und es entwickelt sich ein Rosenkrieg, den ursprünglich keiner wollte.
Margaret Kennedy beginnt ihren Roman wie eine typisch englische Komödie, mit Sommerfrische am See, mit Dienstboten und Kindermädchen usw. Vor allem die beiden Schwiegermütter mit ihren Macken und Allüren werden vortrefflich gezeichnet.
Doch dann wird aus der Komödie eine Tragödie. Alec stürzt sich aus gekränkter Eitelkeit in eine Affäre mit dem Kindermädchen, das unglückseligerweise sofort schwanger wird. Betsy weiß garnicht mehr, was sie sich eigentlich von einer Trennung versprochen hat.
Auch der Freundes- und Bekanntenkreis äußert seine Meinung ( „ Du kannst keine Frau in Betsys Alter verlassen. Das ist nicht gerade ermutigend für uns, die wir die Zähne zusammenbeißen und bei der Stange bleiben.“) und ergreift Partei für die eine oder andere Seite.
Aber vor allem die Kinder leiden unter der neuen Situation. Langsam beginnen sie zu begreifen, dass damit das vertraute Familiengefüge zusammenbricht. „ Ihre gemeinsame behütete Kindheit war vorbei.“ An ihnen zeigt die Autorin exemplarisch, wie unterschiedlich Kinder auf eine Scheidung reagieren können.
Das alles gestaltet Margaret Kennedy souverän, mit sehr viel Witz und auch mit Seitenhieben auf diese englische Gesellschaft. Dabei stellt sie keinen Protagonisten bloß, sondern begegnet allen mit sehr viel Verständnis für ihre Schwächen und Eigenheiten.
Die Autorin versteht ihr Metier. Sie verwendet gekonnt verschiedene Textsorten, baut eine leise Spannung auf und überrascht mit unerwarteten Wendungen. Ihre Erfahrung als Schreiberin von Theaterstücken und Drehbüchern zeigt sich in pointierten Dialogen und prägnanten Szenen.
Der auktoriale Erzählstil wird heute nur noch selten verwendet, doch hier passt er bestens. Damit erlaubt uns die Autorin einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt aller Charaktere. Dadurch ist der Leser oft schlauer als die Akteure, was für zusätzliche Komik sorgt.
Der englische Titel „ Together and apart“ ist weitaus passender als „ Die englische Scheidung“. Denn das Leben geht für alle Beteiligten auch nach der Scheidung weiter, möglicherweise nicht ganz so, wie anfangs gedacht und geplant, doch mit Bedingungen, mit denen man sich arrangieren kann.
Es ist nicht nur das Paar, das sich trennt. Es gibt auch andere Konstellationen, die sich voneinander entfernen und wieder annähern, so z.B. die Freunde des Paares, die Beziehungen der Kinder untereinander, die Beziehung zwischen Eltern und Kinder, das Verhältnis Schwiegertochter und Schwiegermutter. Alle durchlaufen einen Prozess der Veränderung. Alle wachsen an den Herausforderungen, nicht sofort, aber mit der Zeit. Dass dabei die einzelnen Figuren unterschiedlich gestärkt hervorgehen, ist nur realistisch. Von einer Scheidung sind immer mehr als zwei Menschen betroffen und das fängt die Autorin sehr gut ein.
Neben dieser klugen Betrachtung über Ehe, Familie und Trennung finden sich zahlreiche allgemein gültige Lebensweisheiten, wie z.B. folgende Sentenz: „ Menschen wurden nicht über Nacht netter. Oft steckte eine bittere Erfahrung dahinter. Es war mühsam und kostete viel Kraft, sich zu verändern. Trotzdem war es besser, sich auf schmerzenden Füßen auf einen Berg hinaufzuquälen, als ein Leben lang im Morast aus Apathie und Selbstmitleid festzustecken.“
Der Roman bietet kein Happy-End ( das hätte auch nicht gepasst ), aber ein Ende, das den Leser zufrieden zurücklässt.
Für mich war „ Die englische Scheidung“ ein perfektes Lesevergnügen, klug und unterhaltsam. Und es ist zu wünschen, dass der Schöffling- Verlag noch weitere Romane der Autorin folgen lässt.

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Malayische Familiengeschichte

Nach uns der Sturm von Vanessa Chan

Nicht nur wir Deutsche kennen das Schweigen unserer Eltern- und Großelterngeneration über ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs. Auch die malayische Schriftstellerin Vanessa Chan stieß bei ihren Großeltern auf ausweichende Antworten, wenn sie nach deren Vergangenheit fragte. Nur nach und nach erfuhr sie von ihrer Großmutter Details über die Jahre 1941 - 1945, wie sie im Vorwort schreibt.

1941 marschierte die Kaiserlich Japanische Armee in Malaya ein ( so hieß Malaysia vor der Unabhängigkeit) und vertrieb die britischen Kolonialherren, die das Land seit über 150 Jahren besetzt hielten. Doch mit den Japanern kamen keine Befreier. Im Gegenteil, mit brutaler Gewalt herrschten sie über das Land.
Vor diesem historischen Hintergrund siedelt die Autorin ihren Debutroman an. Dabei erzählt sie abwechselnd auf zwei Zeitebenen.
Cecily lebt mit ihrem Mann Gordon und den beiden Kindern Jujube und Abel im britischen Malaya der 1930er Jahre. Gordon arbeitet als Beamter im Dienst der englischen Kolonialherren, Cecily ist mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zutiefst unzufrieden. Da begegnet sie bei einem offiziellen Essen einem charmanten Hongkonger Kaufmann, der sich ihr bald als hochrangiger japanischer Offizier namens Fujiwara zu erkennen gibt. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Bereitwillig beginnt Cecily für Fujiwara zu spionieren. Sie stiehlt geheime Unterlagen vom Arbeitsplatz ihres Mannes und verhilft so den Japanern zu wertvollem Geheimwissen. Dabei wird Cecily von zwei Dingen angetrieben.
Zum einen teilt sie die Ideologie des Japaners, der von einem „ Asien für die Asiaten“ träumt. Zu oft war sie dem alltäglichen Rassismus der Engländer ausgesetzt, musste sich von den Weißen demütigen lassen. Dabei fühlte sie sich mit ihrer eurasischen Herkunft, als Nachkommen von Portugiesen, den Malaien oder Indern und Chinesen im Land überlegen. Aber das galt innerhalb der weißen Kolonialgesellschaft nichts. „ Es war nichts Neues, dass die Briten die Einheimischen wie lästigen Schorf behandelten, mit dem sie leben mussten, bis sie ihn abkratzen und entsorgen konnten.“ Cecily träumt von einer besseren Zukunft für ihre Kinder, von einer Zukunft ohne Engländer im Land.
Aber noch stärker ist ihre Motivation, dem Japaner zu gefallen. In obsessiver Liebe tut sie alles für ihn, verachtet sich aber gleichzeitig für ihre emotionale Bedürftigkeit.
Der zweite Erzählstrang führt ins Jahr 1945. Cecily wird von Schuldgefühlen geplagt, denn ihre Spionagetätigkeit hat mit dazu beigetragen, die schlimmste Besatzung in ihrem Land zu installieren. Und ihre Familie muss nun mit den Folgen leben.
Ihr Mann hat seinen angesehenen Posten verloren und schuftet nun in einer Metallfabrik. Die älteste Tochter Jujube arbeitet in einem Teehaus, wo sie aufdringlichen japanischen Soldaten Tee einschenkt. Nicht einmal die leise Freundschaft zu einem älteren Japaner, der sie und ihre Familie unterstützt, kann ihren Groll auf die Lebensumstände beseitigen.
Jasmin, die siebenjährige Tochter, wird mit kurzgeschorenem Haar und in Jungenskleidung im Keller versteckt, damit sie dem drohenden Schicksal einer Trostfrau entkommen kann.
Aber am schlimmsten hat es den fünfzehnjährigen Abel getroffen. Er war eines Tages einfach verschwunden wie viele Jungen in seinem Alter. Er wird Gefangener in einem Arbeitslager und ist dort täglicher Gewalt und Demütigungen ausgesetzt.
Vanessa Chan erzählt aus vier Blickwinkeln. Während der erste Erzählstrang sich völlig auf die Figur der Mutter konzentriert, wird im zweiten vermehrt die Perspektive der Kinder eingenommen. So bekommt man nicht nur einen umfassenden Blick auf die verschiedenen Lebensumstände, sondern kommt auch den einzelnen Figuren sehr nahe. Das Leid, das jeder Einzelne erfährt, wird erfahrbar, besonders das Schicksal von Abel ist kaum erträglich. Dabei eignet sich keiner der Charaktere als Identifikationsfigur. Es sind keine Helden, die uns Vanessa Chan präsentiert, sondern Menschen, die widersprüchlich sind, die falsche Entscheidungen treffen, die befremdlich reagieren. Vor allem die Hauptfigur Cecily und ihre komplexe Beziehung zu dem undurchschaubaren Japaner ist ein rätselhafter Charakter. Auch Nebenfiguren werden differenziert gezeichnet.
Leider überschlagen sich am Ende die Ereignisse und manche unglaubwürdige Wendung bringen eine Dramatik in die Geschichte, der es nicht bedurft hätte.
Der englische Titel „The Storm We Made“ trifft die Aussage des Buches weitaus besser als der deutsche, bringt er doch die Eigenverantwortung der Protagonisten mit ins Spiel.
Trotzdem habe ich den Roman gerne und voller Spannung gelesen.
Dieses Buch ist gerade auch für uns deutsche Leser interessant, die wir den Zweiten Weltkrieg vor allem aus der Perspektive Nazi-Deutschlands kennen. Wir wissen zwar von den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, doch wenig über den Krieg im Pazifik. Vanessa Chan gibt uns in ihrem Debut einen tiefen Einblick in die leidvolle Geschichte ihrer Heimat und füllt damit eine Lücke in unserem Geschichtsbild. Allein deshalb kann ich über einige literarische Mängel hinwegsehen.

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Schnitzeljagd durch Georgien

Vor einem großen Walde von Leo Vardiashvili

Leo Vardiashvili, 1983 in Georgien geboren, lebt seit seinem zwölften Lebensjahr in England. Er ist Steuerberater und hat nun seinen ersten Roman veröffentlicht, in dem er viel aus seiner eigenen Biographie verarbeitet hat.
Der Ich-Erzähler Saba ist noch ein Kind, als er 1992 mit seinem Vater und dem zwei Jahre älteren Bruder Sandro vor dem Bürgerkrieg Georgien nach London flieht.

Die Mutter bleibt vorerst zurück, denn das Ersparte reicht nicht für ihr Visum.
Der Vater Irakli arbeitet hart, um sie nachkommen zu lassen. Endlich hat er das Geld beisammen, doch der freundliche Landsmann, der sie aus Georgien holen soll, erweist sich als Betrüger.
Letztendlich stirbt die Mutter, ohne ihre Familie jemals wieder gesehen zu haben.
Elf Jahre nach dem Tod seiner Frau, die Söhne sind längst erwachsen, reist Irakli zurück in die alte Heimat, um seine toten und lebenden Verwandten zu besuchen. Doch dann hören die Brüder nichts mehr von ihm. So macht sich Sandro auf den Weg nach Georgien, aber auch er scheint dort zu verschwinden. Nun reist Saba ihm nach.
Schon kurz nach seiner Landung gerät Saba ins Visier der Polizei. Aber er findet auch im Taxifahrer Nodar einen verlässlichen Freund. Gemeinsam mit ihm macht sich Saba auf die Jagd nach den geheimen Botschaften, die Sandro ihm hinterlassen hat. Es ist ein lebensgefährliches Abenteuer, das die beiden Männer quer durch die Viertel von Tbilissi führt und schließlich zu einem Kloster im Kaukasus und am Ende bis über die Grenze nach Ossetien vor einem großen Walde.
Immer dabei sind auch die Geister der verstorbenen Familienmitglieder und Freunde, als ermutigende Stimmen im Kopf von Saba.
Es gibt aber noch weitere surreale und märchenhafte Elemente in diesem Roman. So irren beispielsweise Nilpferde, ein Tiger und andere wilde Tiere durch die Straßen und Wälder von Tbilissi. Dabei greift Leo Vardiashvili auf ein tatsächliches Ereignis zurück, das in Wirklichkeit erst später stattfand. 2015 sind aus dem Zoo von Tbilissi Tiere ausgebrochen.
Auch der Titel „ Vor einem großen Walde“ verweist auf ein Märchen der Gebrüder Grimm. „ Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern,…“ so beginnt „ Hänsel und Gretel“. Und so wie diese Kinder Brotkrumen auf den Weg streuen, um wieder nach Hause zu finden, so verteilt Sandro überall seine rätselhaften Botschaften, die nur sein Bruder verstehen kann.
Leo Vardiashvili erzählt von Georgien und dessen unheilvoller Geschichte. Ein Land, das an der Schnittstelle von Europa und Asien liegt, und das schon immer die Begehrlichkeiten anderer Mächte geweckt hat. Georgien war auch eine der ersten Sowjetrepubliken, die nach Unabhängigkeit strebten. Doch damit kamen Gewalt und Krieg ins Land.
Der Roman beschreibt die Auswirkungen von Krieg und Gewalt, Flucht und Vertreibung am Beispiel einer Familie. Er zeigt auch , was der Verlust der Heimat bedeutet.
Dabei scheint immer wieder die Liebe zu Land und Leuten durch. So entstehen vor den Augen des Lesers die alten malerischen Viertel der Hauptstadt und die wilde Landschaft abseits der Zivilisation. Auch erfährt man viel über georgische Bräuche und die Kultur des Landes, so z.B. die legendäre Gastfreundschaft. „ Jeder Gast ist ein Geschenk Gottes“, so lautet ein georgisches Sprichwort. Doch der Autor verschweigt auch nicht die weniger schönen Seiten des Landes, so z.B. die allgegenwärtige Korruption.
„ Vor einem großen Walde“ ist ein spannender Roadtrip durch ein mir unbekanntes Land und gleichzeitig eine anrührende Familiengeschichte.
Doch die überbordende Fabulierfreude des Autors hat leider zu einigen Längen im Buch geführt. Auch hätte ich auf die vielen märchenhaften Elemente verzichten können und hätte weniger skurrile Momente und kauzige Figuren gebraucht.

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Zwischen- Welten

Das Jahr ohne Sommer von Constanze Neumann

Während Constanze Neumann in ihrem 2021 erschienenen Roman
„ Wellenflug“ das Leben ihrer Urgroßmutter und deren Schwiegermutter verarbeitet hat, geht es in ihrem neuesten Buch wohl um ihre eigene Geschichte. „ Das Jahr ohne Sommer“ kommt ohne Gattungsbezeichnung
„ Roman“ aus und wird streng aus der Ich- Perspektive erzählt.

Die namenlose Ich- Erzählerin ist noch ein kleines Kind, als ihre Eltern 1977 die Flucht aus der DDR wagen. Doch durch den Verrat eines der beteiligten Fluchthelfer werden sie entdeckt. Beide Eltern kommen ins Gefängnis und das kleine Mädchen wird nach ein paar Tagen Kinderheim von den Großeltern nach Leipzig geholt. Anderthalb Jahre später werden die Eltern vom Westen freigekauft und sie dürfen ausreisen. Und danach darf auch die Tochter Ostdeutschland verlassen. Wieder ein Einschnitt, denn der Abschied von der geliebten Großmutter fällt ihr schwer.
Nach ersten Anlaufschwierigkeiten findet der Vater eine Stelle als Leiter einer großen Musikschule in Aachen. Kein leichter Neuanfang für einen Mann Anfang Fünfzig. Doch mit dem unbedingten Willen, alles richtig zu machen, gelingt ihm dieser.
Für die wesentlich jüngere Mutter gestaltet sich das Ankommen in der neuen Heimat schwieriger. Im Gefängnis war sie sehr krank geworden und ist nun immer noch körperlich und psychisch angeschlagen. Ihr Ziel, wieder so wie zuvor Geige spielen zu können und einen Platz in einem Orchester einzunehmen, wird sie nie mehr erreichen. Ihre Arme und Finger verweigern den Dienst; da hilft auch das stundenlange Üben nichts.
Die Familie hat Schulden. Die Flucht hatte Geld gekostet, neue Möbel mussten angeschafft werden. Doch an Büchern wurde nie gespart. Endlich konnten sie sich all die Bücher kaufen, die in der DDR verboten oder nicht erhältlich waren.
Schön und schmerzhaft zugleich sind die Treffen mit der in Leipzig gebliebenen Großmutter. Möglich sind die nur in den Sommerferien in getrennten Unterkünften in der Tschechoslowakei, wohin alle Beteiligten reisen durften. Mit zehn Jahren kann die Ich- Erzählerin auch allein die Oma besuchen. Dabei aber immer die Ermahnung des Vaters im Ohr, nie den Pass, der sie als Bundesbürgerin auswies, aus den Händen zu lassen.
Nüchtern und unsentimental berichtet die Ich- Erzählerin vom Aufwachsen im Westen. In der Grundschule freundet sie sich mit dem einzigen Mädchen an, das wie sie eine Außenseiterin ist, ein Mädchen aus Korea.
Und sie verspürt bald die Trennung, die zwischen der Welt daheim und der Welt draußen besteht. Die Leichtigkeit draußen und drinnen „ die Angespanntheit meines Vaters, alles richtig zu machen, es zu schaffen in dem Land, das ihn und uns aufgenommen und Chancen gegeben hatte. Drinnen waren die DDR, …, und die Angst meines Vaters, dass die westdeutschen Politiker die Gefahr, die von der UdSSR ausging, nicht ernst nahmen.“ Die Wünsche der Westdeutschen nach Abrüstung und Frieden waren ihm fremd.
„ Die beiden Welten draußen und drinnen berührten sich, sie existierten nebeneinander, ich konnte von einer in die andere schlüpfen, aber ich konnte sie nicht zusammenfügen.“
Das Gefühl der Zerrissenheit sollte bleiben. Und eine Verständigung mit den Westdeutschen sollte nicht möglich sein. Zu unterschiedlich waren die jeweiligen Erfahrungen und das Interesse am Osten im Rheinland kaum vorhanden.
Die Friedensbewegung im Westen gewinnt an Zulauf, der Vater beobachtet Glasnost und Perestroika mit Unglauben und Misstrauen.
Als die Mauer fällt ist die jugendliche Ich- Erzählerin in den USA zum Schüleraustausch. Aber nun entfremdet sich der Vater auch von seinen früheren Leipziger Freunden. Die träumen vom dritten Weg als Chance einer Veränderung und der Vater vertritt die Position der Westdeutschen, die sich auf der richtigen Seite fühlen.
Die Ich- Erzählerin muss sich Vorwürfe von einer ostdeutschen Studentin gefallen lassen, die vehement die Flucht ihrer Eltern verurteilt. „ Da hätten sie die paar Jahre auch noch warten können,…“
Constanze Neumann erzählt in einer schnörkellosen und klaren Sprache. Gerade in der kindlichen Perspektive zeigt sich ein unbelasteter, aber deshalb genauer Blick auf die Geschehnisse. In prägnanten Szenen wird eindrucksvoll beschrieben, wie schwierig ein Neuanfang in einem fremden Land sein kann. Auch wenn man dieselbe Sprache spricht, heißt das noch lange nicht, dass man verstanden wird. Aber das Leben im Dazwischen hinterlässt seine Spuren. Davon erzählt Constanze Neumann im Epilog.
„ Das Jahr ohne Sommer“ ist eine eindringliche Lektüre über den Verlust von Heimat und einem Neuanfang, über das Leben im Dazwischensein; ein lesenswerter Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte.

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