Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Ruth:
Ein wenig bekanntes Thema
Die erste halbe Stunde im Paradies von Janine Adomeit
Janine Adomeit greift in ihrem zweiten Roman ein Thema auf, das kaum in der öffentlichen Wahrnehmung ist. Wir reden und lesen zwar viel über die Pflegebedürftigkeit von älteren Menschen. In unserer alternden Gesellschaft wird das ein immer größeres Problem. Dass es aber beinahe 480.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland gibt, die Verantwortung tragen für pflegebedürftige Familienmitglieder, dürfte wenig bekannt sein.
Die Ich- Erzählerin Anne, eine Frau Anfang Dreißig, arbeitet als Pharmareferentin und sie ist sehr erfolgreich in ihrem Beruf. Ihr Schwerpunkt ist die Schmerztherapie und mit einem Vortrag über die Vorzüge von Fentanylpflastern in der Palliativmedizin hofft sie auf einen Karrieresprung. Da erhält sie bei einer Tagung ihres Unternehmens einen Anruf von ihrem Bruder Kai. Er bittet sie darum, ihn aus einer Suchtklinik abzuholen. Seit Jahren hatten die Geschwister keinen Kontakt zueinander; trotzdem macht sich Anne, widerwillig zwar, auf den Weg. Dieses Zusammentreffen löst bei ihr schmerzhafte Erinnerungen an ihre Kindheit aus.
Sie waren lange Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft: die achtjährige Anne, der sechs Jahre ältere Bruder und ihre Mutter, eine begabte Sängerin. Bis eines Tages bei der Mutter MS diagnostiziert wird. Anfangs versucht sie noch mit Optimismus der Krankheit entgegenzutreten. Mit ein bisschen Unterstützung der Kinder werden sie es gemeinsam schaffen. „ Wir kriegen das hin. Das Wichtigste ist, dass wir zusammenhalten.“
Und es funktioniert tatsächlich eine ganze Weile gut. Die Kinder kümmern sich, besorgen Rezepte, stehen Wache vor dem Badezimmer, falls die Mutter das Gleichgewicht verliert, übernehmen die Hausarbeit und vieles mehr. Doch der Zustand der Mutter verschlechtert sich und die Heranwachsenden sind zunehmend von der Aufgabe überfordert.
Bis eines Tages bei dem 17jährigen Sohn die eigenen Bedürfnisse Priorität haben und er die Schwester im Stich lässt. Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern; die ganze Familie wird auseinandergerissen.
Die Autorin entwickelt ihren Roman auf zwei Erzählebenen, die sie kunstvoll miteinander verzahnt. Die eine ist in der Gegenwart angesiedelt, die zweite spielt in der Kindheit von Anne.
Gerade die Rückblicke in die Vergangenheit berühren stark. Janine Adomeit schildert den Krankheitsverlauf der Mutter in eindringlichen Szenen. Sind es zu Beginn nur motorische Einschränkungen, so wird es später für die Mutter immer peinlicher, ihre Kinder um Hilfe zu bitten. Scham und Schuldgefühle belasten sie. Trotzdem weigert sie sich , professionelle Hilfe anzufordern. Zu groß ist ihre Angst, dass ihr das jüngste Kind weggenommen wird, wenn Ärzte oder Behörden über die tatsächliche Situation Bescheid wüssten. Deshalb sollten auch die Kinder alles tun, um Normalität vorzutäuschen.
Die stecken in einem Loyalitätskonflikt, den sie sich selbst nicht eingestehen dürfen. Natürlich möchten sie alles tun für ihre kranke Mutter. Der Zusammenhalt und die gegenseitige Liebe tragen über vieles hinweg. Und es macht sie auch stolz, was sie gemeinsam schaffen.
Doch ein unbeschwertes Leben gibt es für sie nicht. Das Geld ist knapp, die Familie lebt sehr isoliert und die Aussichtslosigkeit dieser Krankheit lastet auf allen. Außerdem bleiben ihre eigenen Bedürfnisse auf der Strecke. „ Meine Gefühle waren angesichts ihrer Krankheit und ihrer Einschränkungen klein und unwichtig.“
Das Kind Anne lernt früh, Gefühle zu unterdrücken und die erwachsene Anne beherrscht das noch immer. Sie ist eine Frau, die kein Privatleben kennt, sich jegliche Beziehung vom Leibe hält. Sie hat sich einen Panzer zugelegt, der sie vor Schmerz bewahren soll.
Der Titel des Romans bezieht sich auf Annes Vorstellung von Glück: „ Aber die erste halbe Stunde im Paradies -die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann- , diese erste halbe Stunde stelle ich mir vor wie Glück.“ Doch ein Leben ohne Beziehungen und damit ohne Schmerz, gibt es nicht.
Aber nicht nur Anne trägt schwer an ihrer Vergangenheit. Auch bei Kai hat sie gravierende Spuren hinterlassen. Aus ihm ist nicht der erfolgreiche Musiker geworden, obwohl er so talentiert war. Stattdessen ist er abgedriftet in die Sucht. Erst hat er sich mit Alkohol betäubt, später kamen andere Drogen ins Spiel, mittlerweile ist er von Schmerzmitteln abhängig.
Das Ende lässt hoffen auf eine Aussöhnung. Beide konnten erstmals über ihre Sicht der Dinge reden, Missverständnisse ausräumen und Verständnis füreinander aufbringen.
Der Roman liest sich leicht, trotz des ernsten Themas. Janine Adomeit schreibt nüchtern und klar und trotzdem eindringlich. Obwohl wir die Geschichte nur aus Annes Perspektive kennen, so kommen einem auch die anderen Figuren nahe. Dabei hat man nicht immer Verständnis für deren Handeln.
„ Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist ein lesenswerter Roman, der glaubhaft und einfühlsam ein wichtiges Thema behandelt.
Zwischen den Fronten
Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelman
Wer Dimitrij Kapitelmans bisherige Bücher kennt, ist schon bestens vertraut mit seiner Familie. Der Autor ist, wie sein literarisches Ich, 1986 als Sohn einer moldawischen Mutter und eines ukrainisch-jüdischen Vaters in Kiew geboren und im Alter von acht Jahren als „ jüdischer Kontingentflüchtling“ nach Deutschland gekommen.
In Leipzig hat seine Familie in den Neunziger Jahren einen Laden für russische Spezialitäten aufgemacht, ein sog. „Magasin“. Hierher kommen jahrelang die immer gleichen Stammgäste, die sich mit Krimsekt und Kaviar, getrocknetem Fisch und kitschigen russischen Postkarten eindecken. Papa ist der Geschäftsführer des Ladens, Mama sitzt rauchend im Hinterzimmer und erledigt den Papierkram und Sohn Dima arbeitet von klein auf mit. Und er begleitet Mama und Papa bei ihren Handelsreisen nach Kiew. Geht es bei Papa dabei vor allem um günstige Geschäfte, so nützt Mama den Besuch dort, um ihrem Sohn zu zeigen, wie „ unglaublich lebenswert Kyjiw“ ist. Doch Corona bedeutet , wie für viele kleine Geschäfte, das Aus für das Magasin. Der Laden wird geschlossen und geräumt. Aber vor der Übergabe der Geschäftsräume muss noch das damals angeklebte Linoleum entfernt werden, nicht so einfach. Hat doch Onkel Jakob billigsten russischen Leim verwendet. „Das ist sowjetisch-russischer Leim, der löst sich nicht. Was er einmal hatte, lässt er nicht mehr los.“
Von diesen Jahren, vom Ankommen in Deutschland bis in die Gegenwart, erzählt Dimitrj Kapitelman auf seine gewohnt ironisch- humorvolle Art die Geschichte seiner Familie. Doch dieses Mal schleicht sich immer wieder ein ernster, melancholischer Ton ein. Der Grund dafür ist der Krieg in der Ukraine und die Mutter des Autors.
War sein erster Roman „ Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ ein Vater-Buch, so ist dieser Roman eine schmerzhaft-bittere Hommage an die Mutter. Denn diese „ russisch fernsehvölkische Mutter“ glaubt Putins Parolen. Sie schaut ununterbrochen russisches Staatsfernsehen, hält das Massaker von Butscha für Fake und glaubt, dass in der Ukraine die Nazis herrschen. Der Sohn leidet unter der Kälte und der Ignoranz seiner Mutter, die er trotz allem immer noch liebt. Und um sie vom Gegenteil zu überzeugen, reist er mitten im Krieg in die Ukraine.
Davon erzählt der zweite, wesentlich ernstere Teil des Romans. Der Ich- Erzähler trifft in Kiew ehemalige Freunde, erlebt deren Alltag. Er sieht, wie die Menschen dort trotz der täglichen Bedrohung versuchen, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten. Auch er legt sich eine App auf seinem Handy zu, die nicht nur vor dem nächsten Raketenbeschuss warnt, sondern zusätzlich auf den nächstgelegenen Bunker hinweist. Allgegenwärtig sind die Mobilisierungskampagnen, die mehr und jüngere Männer zum Militärdienst aufrufen. Gemeinsam mit einem Freund fährt der Autor nach Butscha und Borodjanka und macht sich selbst ein Bild von der russischen Zerstörungswut.
Doch wird er damit seine Mama überzeugen können? Als er selbst bei einem Luftangriff im Bunker in Kiew sitzt , schreibt ihm seine Mama , es bestehe keine richtige Gefahr, denn „ Russland beschießt ja ausschließlich militärische Ziele.“ Der Ich- Erzähler beschließt daraufhin, seiner Mutter nicht den heiß begehrten ukrainischen Speck mitzubringen. „ Kein Bekenntnis zum Existenzrecht der Ukraine, kein ukrainisches Salo.“
Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur zu einem tiefen Riss in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn geführt. Auch die Liebe zur russischen Sprache ist davon betroffen. Dimitrij Kapitelman fühlt sich als Ukrainer, doch seine Muttersprache ist Russisch. Eine Sprache, die in Kiew nicht mehr gern gehört wird, ist sie doch die Sprache des Aggressors. Seine Freunde lernen ukrainisch. Doch was bedeutet das für ihn? Er wird sich noch viel fremder fühlen in seiner früheren Heimat.
Dieses Buch sei das schwerste Buch für ihn gewesen, gesteht der Autor in einem Interview. Das verwundert mich nicht. Denn die Realität des Krieges ist auch für ihn äußerst schmerzhaft. Und der Graben innerhalb der Familie scheint nicht überbrückbar zu sein.
Es findet sich auch in diesem Roman der vertraute ironische Erzählton. Kapitelman spielt mit der Sprache, findet originelle Wortschöpfungen, baut surreale Elemente ein, wie z.B. sprechende Fische und stellt philosophische Betrachtungen zur Sprache selbst an. So findet er z.B. über dreißig Synonyme für Hartherzigkeit. Auch ist der Titel doppeldeutig. So meint er zwar vordergründig die Waren, die im „ Magasin“ angeboten wurden, lässt aber auch an „ Spezialoperation“ denken, der russischen Bezeichnung für den Ukrainekrieg.
„ Russische Spezialitäten“ ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Ukrainekrieg, die für jeden lesenswert ist.
Voller Witz und Lebensklugheit
Frau Hempels Tochter. Roman von Alice Berend
Alice Berend, 1875 geboren, war einst eine gefeierte Bestsellerautorin. Ihre zahlreichen Romane, die meist im kleinbürgerlichen Milieu Berlins angesiedelt sind, erreichten hohe Auflagen. Man sah sie in der Tradition Fontanes und lobte ihre ironisch-humoristische Schreibweise. Doch mit dem Machtantritt der Nazis war es mit ihrer Karriere vorbei.
Ihre Bücher wurden 1933 auf die „ Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Sie selbst ging 1935 ins Exil, da sie, obwohl christlich getauft, nach den Rassegesetzen als Jüdin galt. 1938 starb Alice Berend krank und verarmt in Florenz. Ihre Romane sind heute weitgehend vergessen. Umso erfreulicher, dass nun in der Reihe
„ Reclams Klassikerinnen“ der 1913 erschienene Roman „ Frau Hempels Tochter“ in einer neuen, schön aufgemachten Ausgabe erscheint. ( Einziger Kritikpunkt daran ist das Cover, das so garnicht zur Protagonistin passt.)
Der Roman führt in ein großes Mietshaus im Berlin der Jahrhundertwende. Frau Hempel ist als Portiersfrau die gute Seele des Hauses. Gemeinsam mit ihrem Mann, der als Schuster etwas dazu verdient, und der hübschen sechzehnjährigen Tochter bewohnen sie die düstere und feuchte Erdgeschosswohnung. Der Titel mag vielleicht irritieren, „ Frau Hempels Tochter“, denn im Zentrum des Romans steht weniger Töchterchen Laura, sondern vielmehr die Mutter. Aber er passt insofern, da die hauptsächliche Triebfeder von Frau Hempel der soziale Aufstieg der Tochter ist. Sie soll es einmal besser haben und nicht als Dienstbote arbeiten müssen. Dafür rackert sich Frau Hempel seit Jahren ab, nimmt zusätzliche Aufgaben und Pflichten auf sich, um noch mehr Groschen auf dem Sparbuch anzuhäufen.
Und als sich die Chance bietet, greift sie zu. Frau Hempel wagt mit ihrem sauer Ersparten den Weg in die Selbständigkeit. Sie erwirbt eine Badeanstalt mit dazu gehörendem See und Gelände, und alle helfen mit. Laura zieht mit ihrem hübschen Gesicht an der Kasse zusätzliche Besucher an und für Herr Hempel finden sich genug schief getretene Schuhe, die er reparieren kann. Auch zwei Verehrer für das Fräulein Tochter stellen sich ein. Ein wackerer Schutzmann bietet finanzielle Sicherheit, aber Laura hat schon längst ihr Herz an einen jungen Grafen verloren. Der ist zwar arm und ein Muttersöhnchen, doch er erwidert ihre Liebe.
Hat man als Leser noch Bedenken, ob sich Frau Hempel hier nicht übernommen hat und ob es für Laura doch nur zu einer Vernunftehe reicht, so nimmt das Schicksal nochmals eine überraschende Wendung.
Was diesen Roman zu etwas Besonderem macht, ist der Humor der Autorin. Sie beschreibt ihre Charaktere zwar liebevoll, doch mit einer gewissen ironischen Distanz. So z.B. wenn sie meint „ Wir wissen immer, was wir tun wollen, aber nie, was wir tun.“ Oder auch „ Man plant viel, aber was man tut, hat man niemals gewollt.“ Dabei erweist sie sich als gute Menschenkennerin . Auch wenn sie ab und an manches Klischee bedient, sind die Figuren trotzdem glaubhaft und authentisch. Allen voran Frau Hempel, eine Frau aus dem Volke, patent und voller Energie. Sie nimmt die Dinge, wie sie sind, jammert und hadert nicht, sondern versucht das Beste daraus zu machen.
Ganz nebenbei finden sich kluge Sentenzen, die voller Witz Lebensweisheiten auf den Punkt bringen. „ Ein langes Zusammenleben schmiedet viele brauchbare Waffen für den täglichen Lebenskampf.“ Oder: „ Wir täuschen uns selbst leichter als andere.“ und am Ende heißt es: „ Denn man erkennt den Baum erst an seinen Früchten, wie den Menschen an seinen Taten.“
Der Roman beschreibt auch sehr anschaulich das Milieu, in dem sich Dienstboten, Handwerker, Hausbesitzer und verarmte Adelige bewegen. So bekommen wir Einblick in deren Wohnverhältnisse, den Arbeitsalltag, lesen von Standesdünkel und Klassenunterschieden. Sozialkritik übt Alice Berend dezent, so, indem sie den unbedingten Aufstiegswillen der „ kleinen Leute“ zeigt oder sich lächerlich macht über die sog. „ besseren Kreise“.
„ Frau Hempels Tochter“ ist eine unterhaltsame Milieustudie, die mit Witz und Lebensklugheit überzeugt und beim Lesen sehr viel Vergnügen bereitet. Die Autorin gönnt ihren Figuren ein positives Ende. Das mag wenig realistisch sein, erfreut aber den Lesenden. Denn hier wird Eigenverantwortung, Fleiß und Zuvertrauen belohnt. Ein Buch, das bestens unterhält und zugleich das Sittengemälde einer vergangenen Zeit liefert.
Lesenswert ist auch das Nachwort von Margret Greiner, das den Roman zeitlich und literarisch einordnet und das Wesentliche aus der wechselvollen Biographie der Autorin zusammenfasst.
Informative und unterhaltsame Vorlesegeschichten
Wieso? Weshalb? Warum? Meine Vorlesegeschichten, Band 2 - Was passiert in Wald und Wiese? von Anna Pooch
Die bewährte Sachbuchreihe „ Wieso Weshalb Warum?“ hat sich vergrößert. Unter dem Label „ Meine Vorlesegeschichten“ gibt es schon drei Bände, die Wissen in kleine Geschichten verpacken. Wir, meine Enkelin ( 4) und ich haben gemeinsam das Buch „Was passiert in Wald und Wiese?“ gelesen .
In insgesamt 15 mehrseitigen, in sich abgeschlossenen Geschichten wird das Thema Natur von allen Seiten beleuchtet. Gleich zu Beginn werden die Protagonisten vorgestellt, insgesamt vier Familien mit zusammen fünf Kinder. Dabei fällt sogleich die Diversität der Figuren auf. Es finden sich verschiedene Hautfarben und Nationalitäten und die unterschiedlichsten Familienkonstellationen. Auch werden klassische Rollenklischees vermieden.
In einer Erzählung erfahren wir, wie klug und einfallsreich Krähen sind ( der Favorit bei meiner Enkelin). In einer anderen lernen wir, worin sich Wespen und Bienen unterscheiden und den richtigen Umgang mit diesen nützlichen Insekten. Ein Besuch auf dem Bauernhof , bei dem es um verschiedene Getreidesorten geht, endet mit gemütlichem Stockbrotessen . Und als die frisch geernteten Himbeeren nach einiger Zeit matschig geworden sind, werden sie nicht weggeworfen, sondern zu leckerer Marmelade verarbeitet. Schon an diesen Beispielen wird deutlich, dass es hier nicht um reines Faktenwissen geht, sondern um den richtigen Umgang mit der Natur, um Respekt und Nachhaltigkeit.
Auch die farbenfrohen Illustrationen überzeugen .
Ein ideales Vorlesebuch , das die kindliche Erfahrungswelt widerspiegelt und gleichzeitig Sachwissen vermittelt.
Weiterleben
Von hier aus weiter von Susann Pásztor
Schon in ihrem 2017 erschienenen Roman „ Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ ging es um Tod und Trauer. Dass sich die Autorin, die als ehrenamtliche Sterbebegleiterin arbeitet, mit diesem Thema auskennt, beweist sie auch in ihrem neuesten Buch „ Von hier aus weiter“.
An ein Weitergehen mag Marlena nicht mehr glauben.
Nach dreißig Ehejahren und dem Selbstmord ihres Mannes steht sie nun allein da . So war das nicht geplant. Deshalb ist Marlena nicht nur traurig, sondern auch wütend. Einsam und lebensmüde zieht sie sich immer mehr zurück, lehnt jegliche Hilfsangebote stur ab.
Dabei war sie es lange gewohnt, alleine zu leben, hat ihre Unabhängigkeit geliebt. Sie war nicht mehr ganz jung, als sie Rolf geheiratet hat. Ihn, einen Witwer mit drei fast erwachsenen Söhnen, hat sie damals über eine Kontaktanzeige kennengelernt. Es war eine glückliche Ehe. Marlena arbeitete weiter als Grundschullehrerin, Rolf hatte bis zu seinem Ruhestand eine gut gehende Landarztpraxis. Alles lief bestens, bis seine Krebsdiagnose ihr beschauliches Leben auf den Kopf stellte.
Die Tage nach der Trauerfeier übersteht Marlena nur mit Hilfe von Beruhigungsmitteln. Eigentlich hält sie nichts mehr am Leben.
Doch dann benötigt Marlena einen Klempner, der ihre defekte Dusche reparieren soll. Der Handwerker entpuppt sich als ehemaliger Schüler von ihr. Jack, so heißt der junge Mann, braucht dringend eine Unterkunft und Marlena bietet ihm ihr Gästezimmer an.
Jack revanchiert sich, in dem er für beide kocht und sich auch sonst um seine Gastgeberin kümmert. Langsam freunden sie sich an und Marlena nimmt wieder mehr Anteil am Leben.
Sie geht auch wieder ans Telefon und erfährt so, dass ihre alte Freundin Wally einen Brief von Rolf an sie hat. Den muss sie aber persönlich in Wien abholen. Jack lässt Marlena nicht allein die weite Strecke fahren. Und mit von der Partie ist auch Ida, die junge Ärztin, die Rolfs Praxis übernommen hat. Eine Art Roadmovie beginnt, mit einem überraschenden Ende.
Susann Pásztor erzählt hier von einer Frau, die wieder lernen muss, ins Leben zurückzufinden. Denn: Wie lebt es sich weiter, wenn der geliebte Mensch tot ist? Marlena reagiert mit Rückzug, doch es braucht Menschen aus ihrem Umfeld, die einfach da sind, zuhören und Mut machen, damit ihr ein Neubeginn gelingen kann. Und ihre Enttäuschung und Wut kann der Leser erst richtig einordnen, wenn er die genaueren Umstände kennt.
Auch in diesem Roman verbindet die Autorin ein schweres Thema mit erzählerischer Leichtigkeit. Es gibt immer wieder Situationen voller Komik, und Witz in den Dialogen. Besonders ans Herz wachsen einem die Figuren, die liebevoll und sympathisch gezeichnet sind. Und dieses Mal tragen noch eine Prise Magie und eine beginnende Liebesgeschichte zum Zauber der Erzählung bei.
Mag manches auch zu schön um realistisch zu sein, so ist es doch eine Lektüre, die Hoffnung macht und zum Nachdenken anregt.
Ein Roman über Kolonialismus, Kunst und Sprache
Die Kolonie von Audrey Magee
Schauplatz des Romans ist eine atlantische Insel vor der Westküste Irlands. Mittlerweile leben nur noch 92 Einwohner auf dem kleinen Eiland. Viele der ehemaligen Bewohner sind weggezogen, manche bis nach Amerika. Das Leben da draußen ist hart, der karge Boden ist wenig ertragreich, die Winter sind lang und kalt.
Einzige Einnahmequelle ist der Fischfang.
Hierher, „ am Rande Europas“, reist im Sommer 1979 der englische Maler Mr. Lloyd. Er hat sich ein kleines Häuschen gemietet, um in Ruhe malen zu können. Die Inselbewohner sind wenig angetan von dem arroganten und umständlichen Londoner, doch sein Geld können sie gut brauchen.
Noch ein zweiter Gast reist an. Der Franzose JP Masson verbringt schon seinen vierten Sommer auf der Insel. Er ist Linguist und schreibt an seiner Doktorarbeit über den Wandel und den Niedergang der gälischen Sprache.
Ein Konflikt zwischen den beiden Männern ist unvermeidbar. Der Sprachwissenschaftler sieht in dem Engländer eine weitere Bedrohung der irischen Sprache, weil dessen Anwesenheit die Inselbewohner zwingt, Englisch zu sprechen. Und Lloyd, der Ruhe und Einsamkeit braucht für seine Arbeit, fühlt sich von dem Franzosen gestört.
Auch die Inselbewohner sehen den kommenden Monaten mit Skepsis entgegen. Die einen fürchten Konflikte, andere freuen sich auf das „ Spektakel“. „ Kampf der Egos“, „ Frankreich gegen England“. „ Die denken, ihnen gehört die Insel.“ Aber all das ist nichts Neues für die Iren. Schon immer waren sie Spielball anderer Mächte.
Während JP Masson weiter seine Studien betreibt, lange Gespräche mit der beinahe neunzigjährigen Bean Uí Fhloinn führt und mit dem Rekorder aufnimmt, um so den ursprünglichen Dialekt der Insel zu dokumentieren, quartiert sich Lloyd auf einer baufälligen Hütte direkt an der Küste ein. In James, einem einheimischen fünfzehnjährigen Jungen, findet er einen Vermittler und Helfer. James ist zwar auf der Insel aufgewachsen, doch er fühlt sich nicht als „ Inseljunge“ und will nicht in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten. Nicht nur, weil sein Vater und sein Großvater beim Fischen auf dem Meer umgekommen sind. Nein, er träumt von einem anderen Leben, fernab von hier. Durch das Zusammensein mit Lloyd wird sein Interesse an der Malerei geweckt. Und es zeigt sich, dass James eine natürliche Begabung dafür hat. Lloyd erkennt das Potential, das in dem Jungen schlummert, und macht ihm Hoffnung auf eine gemeinsame Ausstellung in London. Aber was ist von den Versprechungen eines Engländers zu halten.
Auch Maired, James‘ Mutter, zieht das Interesse Lloyds auf sich. Überraschenderweise willigt sie ein, ihm Modell zu stehen, heimlich, denn ihre Familie wäre dagegen. Ein Bild von ihr, damit würde sie unsterblich, anders als ihr ertrunkener Mann, von dem nicht mal ein Grabstein zeugt. Außerdem fühlt sie sich von diesem Maler als Frau wahrgenommen, sie, die sonst nur als die „ junge Witwe von der Insel“ gesehen wird.
Der Roman trägt zu Recht seinen Titel. Denn um die vielfältigen Formen der Kolonialisierung geht es hier. Beide, sowohl der Engländer wie auch der Franzose, beanspruchen für sich die Deutungshoheit über die Insel. „ Sie machen aus der Insel etwas, das sie gar nicht ist.“ Denn so unterschiedlich sie auf den ersten Blick wirken mögen, so sehr ähneln sie sich. Jeder vereinnahmt die Insel für sich und möchte sie konservieren. Der eine, in dem er sein Bild von ihr auf der Leinwand festhält, der andere, indem er ihre Sprache als Forschungsobjekt benutzt. Vordergründig geht es ihnen um die Insel und die Menschen dort, in Wirklichkeit um ihre Reputation als Künstler und Wissenschaftler.
Sprache als Machtinstrument der Kolonialisierung ist eines der zentralen Themen im Roman. Denn Sprache ist nicht nur Kommmunikationsmittel, sondern darüber hinaus identitätsstiftend, weil in ihr das kulturelle Erbe einer Volksgruppe erhalten ist. Masson ist deshalb auf einem „ Feldzug“ für den Erhalt der gälischen Sprache. Durch seine Studien bekommt der Leser einen kurzen, aber äußerst informativen Überblick über irische Geschichte und das Verdrängen der irischen Sprache durch die Engländer. Das wird aber nicht lehrbuchartig dargestellt, sondern organisch in die Handlung verwoben.
Zu Beginn wirkt die Insel mit ihren archaischen Lebensbedingungen wie aus der Zeit gefallen. Doch die Autorin verortet die Handlung sehr genau in der politischen Realität des Jahres 1979 durch zwischen die einzelnen Kapiteln eingeschobenen Berichte über reale Anschläge der IRA und den Vergeltungsaktionen der Briten. Und die nüchtern gehaltenen Zeitungs- und Rundfunknachrichten wirken wie Fremdkörper im Text, ähnlich wie die beiden Besucher auf der Insel. Aber im Verlauf der Handlung gewinnen sie Einfluss auf die Inselbewohner.
Genießt der Leser anfänglich den trockenen Humor der Einwohner und den intellektuellen und gleichzeitig boshaften Schlagabtausch der beiden Kontrahenten, so schleicht sich gegen Ende eine bedrohliche Stimmung ein.
Die Komplexität des Romans literarisch zu vermitteln, beherrscht Audrey Magee meisterhaft. Sie verwendet unterschiedliche Erzählstile für ihre Charaktere. So ist es bei dem Maler eine sehr rhythmisierte, beinahe impressionistische Sprache, während der Linguist in weit ausschweifenden komplizierten Satzgebilden denkt.
Wunderschöne poetische Beschreibungen von Landschaft und Natur finden sich im Wechsel mit pointierten Dialogen und inneren Monologen. Nicole Seifert hat den 2022 für den Booker Prize nominierten Roman kongenial übersetzt.
„ Die Kolonie“ ist ein Roman über Kolonialismus, Kunst und Sprache, verhandelt in den persönlichen Erfahrungen einiger Figuren.
Während der Lektüre wird man bestens unterhalten und danach wirkt das Buch noch lange nach. Was will man mehr?
Psychologisch stimmige Frauenporträts
Halbe Leben von Susanne Gregor
Die Geschichte beginnt äußerst dramatisch. Gleich auf der ersten Seite stürzt bei einer Wanderung eine der Hauptfiguren in die Tiefe. Und der Leser fragt sich, wie es dazu kommen konnte.
Danach Rückblende: ein Jahr zuvor.
Klara, eine Frau Ende Dreißig, arbeitet als Architektin in einem renommierten Architekturbüro.
Die Arbeit macht ihr Spaß und wird sehr gut bezahlt. Das ist auch notwendig, denn ihr Mann Jakob verdient als Photograph kaum etwas. Um die zehnjährige Ada kümmert sich Irene, Klaras Mutter. Das bisher funktionierende Gefüge der Familie bricht zusammen, als Irene einen Schlaganfall erleidet. Sie kann nicht mehr für sich selbst sorgen und braucht rund um die Uhr Betreuung. Klara kann das unmöglich neben ihrem arbeitsintensiven Job leisten. In ihrer Not wendet sie sich an eine Agentur für Pflegekräfte. Und nun kommt Paulina ins Haus, die sich die Arbeit im zweiwöchigen Rhythmus mit Radek teilt. Alle sind glücklich. Irene versteht sich gut mit ihrer Betreuerin; Klara kann sich wieder mit voller Kraft ihrer Arbeit widmen. Denn Paulina macht mehr als nötig, kocht für die ganze Familie, führt den Hund aus und hilft bei Festen. Dafür gibt es dann schon mal ein paar Scheine mehr.
Und die kann Paulina gut gebrauchen. Denn seit der Scheidung von ihrem Mann ist sie allein verantwortlich für die beiden halbwüchsigen Söhne. Ihr Gehalt als Krankenschwester hat hinten und vorne nicht gereicht. Einzig um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, hat Paulina diese Arbeit angenommen. Nur deshalb pendelt sie alle zwei Wochen zwischen der Kleinstadt in Slowenien und dem oberösterreichischen Kremstal hin und her. Die Söhne werden während ihrer Abwesenheit von der Schwiegermutter betreut.
Aber die Situation ist für Paulina natürlich alles andere als leicht. Ständig plagt sie das schlechte Gewissen, nicht für ihre Söhne da zu sein. Auch die leiden naturgemäß unter der Trennung. Und Paulina fragt sich, ob es die richtige Entscheidung war, sich für eine fremde Familie aufzuopfern, während ihre eigene auf der Strecke bleibt.
Susanne Gregor greift hier ein Thema auf, das in unserer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen betrifft. Wir holen uns Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern, die uns bei der Pflege und Betreuung unterstützen. Doch was bedeutet das für diejenigen, in der Regel sind es Frauen, die dafür ihre eigene Familie vernachlässigen müssen? Und welche Folgen hat das für die zurückgelassenen Kinder? Und was heißt das für die Infrastruktur eines Landes, wenn so viele Arbeitskräfte abwandern?
Die Autorin beleuchtet aber nicht nur diesen Aspekt, sondern geht auch auf das komplizierte Verhältnis zwischen Klara und Paulina ein. Klara ist freundlich und verständnisvoll, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Die Extradienste, die Paulina anfangs freiwillig übernommen hat, werden zwar honoriert, aber auch immer mehr eingefordert. Dabei übersieht Klara völlig, dass auch Paulina ein eigenes Leben hat und unter ganz anderen Zwängen steht als sie selbst.
Aber Klara führt ebenso ein „ halbes Leben“, wenn auch ein privilegierteres. Ihren Erfolg im Beruf bezahlt sie mit einem enormen Arbeitspensum und dem Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein. Denn ihr ist nicht entgangen, dass ihre Tochter Ada ein weitaus besseres Verhältnis zur Oma hat als zu ihr.
Die dritte spannende Frauenfigur ist Irene. Sie hat ihre Tochter allein großgezogen, sich als Gymnasiallehrerin ihren Unterhalt verdient und legt auch als pflegebedürftige Frau Wert auf Selbstbestimmung und Würde.
Die Männer im Roman spielen eine eher unrühmliche Nebenrolle. Jakob ist zwar lieb und nett, aber keine wirkliche Stütze. Und Paulinas Mann entzieht sich gleich der Verantwortung und gefällt sich darin, seiner Ex- Frau Vorwürfe zu machen.
Die Situation im Roman spitzt sich immer mehr zu und eskaliert auf der eingangs beschriebenen Wanderung. Aber Susanne Gregor hat keinen Krimi geschrieben.
Stattdessen ist ihr ein äußerst feinfühliger, psychologisch stimmiger Roman gelungen. Sie erzählt wechselweise aus Klaras und Paulinas Perspektive. In vielen kleinen Alltagsszenen werden die Verschiebungen im Beziehungsgefüge deutlich. Es sind unterschiedliche Lebenswelten, die hier aufeinanderstoßen, wobei von vornherein ein Ungleichgewicht besteht. Verständnis kann man für beide Frauen aufbringen, wobei das größere Mitgefühl Paulina gilt.
Susanne Gregor, in Slowenien geboren, seit ihrem neunten Lebensjahr in Österreich heimisch, hat mit diesem Roman endgültig bewiesen, dass sie zu den interessantesten Autorinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur gehört.
Abwechslungsreich
tiptoi® Meine Lern-Spiel-Welt - Logisches Denken von Annette Neubauer
Bücher und Spiele mit dem Tiptoi -Stift verknüpfen Spiel und Spaß mit Lerninhalten und sind eine gute Möglichkeit für die Eigenbeschäftigung von Kindern.
Mit diesem neuesten Buch soll logisches Denken vermittelt und geübt werden. In einer Rahmenhandlung begleiten wir den kleinen Tiger Theo auf einer Reise.
Los geht es von Zuhause und dann weiter ans Meer, in Höhlen und Bergen und in den Wald. Wir sind in einem Schloss und auf einem Jahrmarkt. Auf jeder Doppelseite gilt es zwei bis drei Aufgaben zu lösen. Dabei variieren die Schwierigkeitsgrade, so dass schon kleine Kinder Erfolgserlebnisse haben und Ältere sich nicht langweilen. Man muss genau beobachten und aufmerksam zuhören. Mal sollen Reihen weitergeführt , mal Fußspuren erkannt werden. Oder es geht darum, Schattenbilder zuzuordnen, Reime zu ergänzen und Mengenangaben zu bestimmen. Sudoku- Freunde kommen auch auf ihre Kosten. Die beiden Lieder im Buch sorgen für eine kleine Lernpause..
Fazit:
Das Buch bietet abwechslungsreiche Aufgaben und Rätsel und dürfte auf großes Interesse bei der Zielgruppe stoßen . Auch wenn die Bilder nicht ganz meinen Geschmack treffen, so bin ich mir sicher, dass Kinder ihre Freude daran haben werden.
Wieder sehr gelungen
Wieso? Weshalb? Warum? junior, Band 76 - Bohrer, Lampe, Spülmaschine von Andrea Erne
Dies ist bereit der 76. Band aus der beliebten Reihe „ Wieso Weshalb Warum? Junior“ und wieder ein sehr gelungener.
Auf 16 Seiten erfahren Kinder ab zwei Jahren Wesentliches über alltägliche Haushaltsgeräte und Maschinen. Eingeteilt in die verschiedenen Lebensbereiche einer Wohnung, geht es von der Küche bis zur Werkstatt und in den Garten.
So vermitteln kurze Texte und anschauliche Bilder Informationen über Elektrizität, über Küchen - und Gartengeräte, über verschiedene Medien usw. Die bewährten Klappen gewähren einen Blick in das Innere der Spülmaschine oder den Rasenmäher. Andere Klappen laden zur Interaktion ein, so kann man z.B. einen Rolladen runterlassen oder Batterien wechseln.
Sogar der Hinweis auf Gefahren fehlt nicht.
Positiv hervorzuheben ist auch, dass bei der Darstellung auf Diversität geachtet wurde und dass keine alten Rollenklischees verbreitet werden. Hier sieht man Papa beim Befüllen der Waschmaschine und beim Bügeln, während Mama gekonnt mit der Bohrmaschine umzugehen versteht.
So kann ich auch den neuesten Band uneingeschränkt empfehlen.
Belanglis
Drei Wochen im August von Nina Bußmann
Spontan hat Elena zugegriffen, als das Angebot ihrer Chefin Ali kam, sie könne im Sommer das leerstehende Haus von Alis Lebensgefährtin Nana nutzen. Drei Wochen Ferien an Frankreichs Atlantikküste, das klingt doch zu verlockend. Auch wenn ihr Mann Kolja nicht so lange seiner Arbeit fernbleiben möchte.
Außerdem gibt es noch einiges am gemeinsamen Haus zu tun. Dafür darf Eve mitkommen, die langjährige Nanny und „ Mädchen für alles“. Gegen Bezahlung, versteht sich. Schließlich hängen die Kinder an ihr; der sechsjährige Rinus noch mehr als seine 13 Jahre alte Schwester Linn. Die darf im Gegenzug ihre gleichaltrige Freundin Noemi mit in Urlaub nehmen.
Elena freut sich auf ein paar entspannte Wochen. Das Haus ist zwar schon etwas heruntergekommen, und Ilyas, der kurz darauf auftaucht und sich als Freund des Hauses ausgibt, irritiert etwas. Ständig ist er da, kommt Hausmeisterarbeiten nach, drängt sich unaufgefordert auf. Doch bald gehört er wie selbstverständlich dazu.
Auf der Handlungsebene passiert nicht viel. Es erscheinen zwei unerwartete Besucher, was das komplizierte Beziehungsgefüge noch mehr durcheinanderbringt. Später verschwindet auch eines der Mädchen. Aber auch das löst sich ziemlich unspektakulär auf.
Erzählt wird uns die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Elena und Eve. Man liest von den Gedanken und Erinnerungen der beiden Frauen, trotzdem bleiben sie einem sonderbar fremd.
Über allem liegt eine permanente Stimmung von Bedrohung. Da sind die Waldbrände in der näheren Umgebung, man hört sogar von Evakuierungen. Dann taucht eines Tages ein herrenloser Hund auf, der genauso mysteriös wieder verschwindet. Ständig ist der Leser in Erwartung einer Katastrophe. Doch alles plätschert bis zum Ende so vor sich hin.
Sicher, jeder hat so seine Probleme. In der Ehe von Elena und Kolja kriselt es gewaltig. Und Eve darf nach der Trennung von ihrem kriminellen Ehemann dessen Spielschulden bezahlen. Von den Kindern heißt es, sie wären speziell. Aber das sind hier alle, „sehr speziell“. Es gibt unausgesprochene Machtkämpfe zwischen den beiden Frauen um die Gunst der Kinder. Rivalitäten, Misstrauen und Eifersüchteleien zwischen allen. Aber letztendlich wird nicht klar, wo die Autorin mit ihrer Geschichte hinwill. Es gibt keine Entwicklung; die vielen Fragen, die sich bei der Lektüre stellen, bleiben unbeantwortet.
Sicher, die Autorin kann schreiben, ihre Sprache ist klar und sie versteht es, Spannung und Atmosphäre aufzubauen. Doch sie hat wenig zu erzählen. Banale Alltäglichkeiten aus dem Leben einiger Leute, die mich immer weniger interessierten.
Schade! Die Ausgangslage war vielversprechend, doch meine Erwartungen











