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Rezensionen von Ruth:

Schuldig oder nicht schuldig

Dunkle Momente von Elisa Hoven

Elisa Hoven ist Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin am Sächsischen Verfassungsgericht. Da verwundert es nicht, dass sich ihr Debutroman mit juristischen Fallgeschichten auseinandersetzt; einige davon beruhen auf wahren Begebenheiten.
Die Protagonistin Eva Herbergen ist Strafverteidigerin und beschließt mit Anfang Sechzig ihre Anwaltszulassung zurückzugeben und ihren Dienst zu quittieren.

Wie viele Menschen hat sie in ihrem langen Berufsleben durch deren „ dunkelsten Momente“ begleitet, für sie gekämpft und gestritten vor Gericht? „ Einige von ihnen waren schuldig, andere unschuldig, die meisten beides.“
Aber es sind ihre eigenen „ dunklen Momente“, die sie hinter sich lassen will, Fälle, bei denen sie an sich selbst gezweifelt hat. War ihr Eingreifen angemessen oder hat sie sich womöglich sogar schuldig gemacht?
Im Rückblick sind es ingesamt neun Fälle in ihrer beruflichen Laufbahn, weshalb sie nun ihre Arbeit aufgeben will.
Da gibt es den alten Mann, der einen Einbrecher erschießt. Aber ist das tatsächlich Notwehr oder eine völlig überzogene Reaktion? Und wie ist sein späteres Verdrehen der Tatsachen zu beurteilen? Während man noch über diesen Fragen grübelt, nimmt die Geschichte erneut eine überraschende Wendung.
Das ist ein Merkmal, das viele der ansonsten ganz unterschiedlichen Fälle eint: ein Twist, der alles nochmals in einem anderen Licht erscheinen lässt.
In einem weiteren Fall wird ein Mord vertuscht. Im nächsten eine junge Frau vergewaltigt; zehn Männer sind schuldig, elf kommen dafür ins Gefängnis.
Einmal erweist sich ein Verdächtiger als weitaus abgefeimter und manipulativer als gedacht.
Ein anderer Fall wirft die Frage auf, ob wir uns in Deutschland, in einem Land, das Sicherheit und behütete Kindheiten kennt, anmaßen dürfen, über einen Kriegsverbrecher aus Afrika zu urteilen. Vor allem dann, wenn bekannt wird, dass dieser Mensch, der unvergleichlicher Verbrechen beschuldigt wird, selbst als Kindersoldat rekrutiert wurde.
Alle Fälle zwingen den Leser dazu, einen Standpunkt zu beziehen, denn hinter jeder Tat steckt eine komplexe Vorgeschichte. Wie beurteilt man ein Verbrechen? Kann man Verständnis für den Täter aufbringen? Ethische und moralische Fragen treiben den Leser um und nicht selten hadert man mit dem Gerichtsurteil. Hier zeigt das Buch ganz deutlich die Grenzen von Recht und Gerechtigkeit.
Diese Fragen treiben auch die Staatsanwältin Eva Herbergen um. Sie arbeitet mit unkonventionellen Methoden und bewegt sich sehr oft in juristischen Grauzonen. Dabei überschreitet sie gerne auch mal rechtliche Grenzen oder greift zu zweifelhaften Mitteln. Das irritiert den Leser und lässt ihn an der Integrität der Anwältin zweifeln.
Eva Herbergen begründet ihr fragwürdiges Verhalten mit einem Fall aus ihrer Vergangenheit. Dort hatte sie versagt und die Schuldgefühle lassen sie seither nicht mehr los. Was damals konkret geschehen ist, wird erst im neunten und somit letzten Fall geklärt. Auf ihn wird immer wieder verwiesen. Der Fall „ Stefan Heinrich“ ist die „ Mohrrübe“, die dem Leser vor die Nase gehalten wird, die ihn durch das Buch ziehen soll.
Und damit sind wir bei einem Grundproblem des Romans. Es hätte dieser Rahmenhandlung nicht bedurft, es hätte nicht mal eine durchgängige Hauptfigur gebraucht. Diese Anwältin, die sich sehr oft unprofessionell verhält, sich Fakten zurechtbiegt, unrechtmäßig eingreift und sich sogar zum Komplizen machen lässt, wirkt unglaubwürdig.
Auch erzähltechnisch ist dieses Konstrukt nicht gelungen. Alle Geschichten werden nach dem gleichen Schema erzählt. Das langweilt mit der Zeit.
Mich hätte ein Erzählband mit Fallgeschichten, die in keinem fiktiven Zusammenhang stehen, mehr überzeugt. ( Wobei ich auf die Geschichte mit dem Kannibalen gerne verzichtet hätte.)
Trotz diesem Kritikpunkt habe ich das Buch gerne gelesen. Denn jedes Kapitel bot sehr viel Stoff für kontroverse Diskussionen, sowohl das Verbrechen an sich als auch seine Auswirkungen auf Täter und Opfer und die Strategie der Anwältin . ( Deshalb würde sich dieser Episodenroman geradezu für Lesekreise anbieten.)
Außerdem liest sich das Buch leicht und ist unglaublich fesselnd.

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Wieder sehr gelungen!

Wieso? Weshalb? Warum? Kernreihe, Band 31 - Experimentieren mit allen Sinnen von Angela Weinhold

Meine Enkelkinder lieben die Bücher aus der bewährten „ Wieso Weshalb Warum?“ - Reihe und auch dieser Band gefällt wieder allen.
Dieses Mal geht es um die Welt der Sinne. Jeweils eine Doppelseite ist einem der fünf Sinne gewidmet. Da geht es zunächst um den theoretischen Hintergrund, immer in Frageform formuliert so z.

B. „ Womit riecht die Nase?“ oder „Woher kommt der Geschmack?“ Und daran schließen sich Spiele oder kleine Experimente an. Dafür braucht es nicht viel, das meiste ist in jedem Haushalt greifbar. So wird z.B. gezeigt, wie leicht sich ein Bechertelefon basteln lässt oder wie man verschiedene Geräusche erzeugen kann. Spielerisch lassen sich Düfte erraten und zuordnen und am Ende kann man den Schnüffelsieger ermitteln und manches mehr.
Außerdem wird darauf eingegangen, was es bedeutet, wenn ein Sinn eingeschränkt ist und was man dann tun kann. Wer z. B. schlecht hört, kann ein Hörgerät benutzen und wer blind ist, muss sich auf seinen Tastsinn und sein Gehör verlassen.
Text und Illustration stehen in einem guten Verhältnis. Die Bilder sind wie gewohnt farbenfroh und realistisch, mit vielen kleinen Details. Und wie immer sorgen Klappen für zusätzlichen Entdeckerspaß.
Auch dieser Band ist wieder rundum gelungen und sehr zu empfehlen. So macht Lernen und Wissensvermittlung Spaß.

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Tanz am Abgrund

Der ewige Tanz von Steffen Schroeder

Wer kennt es nicht, das beeindruckende Gemälde von Otto Dix „ Bildnis der Tänzerin Anita Berber“? Ganz in Rot gehalten, sowohl Hintergrund als auch Kleid und Haare, sticht das weiß geschminkte Gesicht der Künstlerin mit schwarz umrahmten Augen und einem kirschroten Mond hervor. Alt und verlebt sieht sie auf dem Bild aus, von der Drogensucht gezeichnet.

Doch so alt wie sie darauf wirkt, wurde Anita Berber nicht. Sie starb schon mit 29 Jahren an den Folgen ihrer Tuberkulose.
Vom Krankenbett aus im Berliner Bethanien-Krankenhaus lässt der Autor Steffen Schroeder seine sterbende Protagonistin auf ihr Leben zurückblicken.
Geboren wird Anita 1899 in Leipzig und aufgewachsen ist sie bei ihrer Großmutter, dem einzigen Menschen, „ von dem sie bedingungslose Liebe erfahren hatte“. Die Eltern trennen sich, als Anita drei Jahre alt ist, haben keine Zeit und wenig Interesse an ihrem Kind. Beide leben nur für ihre Kunst. Die Mutter ist eine angesagte Chansonsängerin in Berlin und der Vater feiert europaweit Erfolge als Violinvirtuose.
Anita zieht es auch früh zur Bühne, dem Tanz gilt ihre Leidenschaft. „ Aber tanzen, dachte sie, tanzen konnte man alles.“
Sie nimmt Unterricht an einer Tanzschule, findet aber bald zu ihrem eigenen Stil. Damit wird sie zum angesagten Star an den Bühnen von Berlin und Wien; ja sogar im Nahen Osten gibt sie Gastspiele.
Ihr Tanz ist eine wilde Mischung aus Akrobatik, Hemmungslosigkeit und Emotionen. Obwohl ihre Tänze immer erotisch aufgeladen sind, möchte sie nicht als reine „ Nackttänzerin“ wahrgenommen werden.
Anita Berber ist eine der ganz Großen im Berlin der Weimarer Zeit. Sie spielt in unzähligen Stummfilmen mit und wird zur Mode- Ikone für viele. Sie ist die Erste, die mit Smoking und Monokel auftritt und Männer wie Frauen liegen ihr zu Füßen.
Ihr exzessiver Lebensstil und ihr provokantes Verhalten sorgen für Aufsehen und jede Menge Skandale. Sie trinkt jeden Tag eine Flasche Cognac, später kommen härtere Drogen wie Morphium und Kokain dazu. Sie ist dreimal verheiratet und hat unzählige Affären mit Männer und Frauen.
Doch als sie im Krankenhaus ihrem Ende entgegensieht, finden nur wenige den Weg zu ihr.
Neben einer spannenden Künstlerbiographie ist „ Der letzte Tanz“ auch das Gesellschaftsportrait einer Zeit im Umbruch. Alte Moralvorstellungen werden über Bord geworfen, man lebt, als wäre jeder Tag der letzte.
Gleichzeitig bekommt man einen Einblick in die Künstlerszene der Weimarer Republik. So hat Anita Berber mit zahlreichen Künstlern ihrer Zeit zusammengearbeitet, hatte Kontakt zu ihnen. Manche sind uns auch heute noch ein Begriff, so wie Marlene Dietrich und Fritz Lang. Andere dagegen wie der jüdische Conferencier Fritz Grünbaum sind in Vergessenheit geraten.
( Kleine Randbemerkung, die zeigen soll, wie sich manchmal Querverbindungen zwischen verschiedenen Büchern ergeben: Beim Namen Charlotte Berend-Corinth hätte ich bis vor kurzem nur an den Maler Lovis Corinth gedacht. Dass diese Charlotte, mit der Anita eine kurze, aber heftige Affäre hatte, die Schwester der ehemaligen Bestsellerautorin Alice Berend war, weiß ich erst seit der Lektüre von „ Frau Hempels Tochter“. )
Steffen Schroeder wechselt zwischen den Tagen im Krankenhaus und Rückblicke in die Vergangenheit . Plastisch und voller Detailfreude lässt er uns am aufregenden und selbstzerstörerischen Leben von Anita Berber teilhaben. So bewahrt er eine schillernde Künstlerin, die wie kaum eine das Lebensgefühl einer Epoche vertritt, vor dem Vergessen.
Obwohl mich der neue Roman von Steffen Schroeder emotional weniger berührt hat als sein letzter, habe ich ihn doch gerne gelesen. So ging es in „ Planck oder Als das Licht seine Leichtigkeit verlor“ um den inneren Konflikt des Wissenschaftlers und Nobelpreisträgers Max Planck, der ein Treuebekenntnis zum Führer ablegen soll, während sein Sohn Erwin auf die Hinrichtung durch die Nazis wartet. Zwar ist Anita Berber auch eine tragische Figur, nicht nur durch ihr frühes Ende. Und vieles, was sie tat, war ein Schrei nach Liebe und Anerkennung.
Das Buchcover zitiert Otto Dix‘ Gemälde, allerdings blickt uns hier eine schöne junge Frau entgegen, ein Photo der 19jährigen Anita Berber.

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Finsterburg

Ginsterburg von Arno Frank

Arno Frank hat mit seinem dritten Roman den ganz großen Wurf gewagt. Ging es in seinem ersten Buch um seine Kindheit mit einem kriminellen Vater, der, um der Polizei zu entkommen, mit der ganzen Familie durch halb Europa flüchtet, so spielt sein zweiter Roman „ Seemann vom Siebener“ an einem Sommertag in einem Freibad.

Zwei ganz unterschiedliche Romane, aber beide sehr erfolgreich.
„ Ginsterburg“ - wieder etwas völlig anderes, nämlich ein historischer Roman. Auf über 400 Seiten entfaltet der Autor ein breit angelegtes Panorama vom Alltagsleben während der Nazi- Zeit.
Ginsterburg ist eine fiktive Kleinstadt, wie es viele gab in Deutschland. Im Fünf- Jahres- Rhythmus, von 1935 bis 1945, verfolgen wir die Lebenswege verschiedener Menschen.
Da ist die verwitwete Buchhändlerin Merle mit ihrem zu Beginn dreizehnjährigen Sohn Lothar, der Redakteur Eugen und seine oberflächliche Ehefrau Ursel. Dann der Blumenhändler Gürckel, der erst zum Bürgermeister und dann zum Kreisleiter aufsteigt, sowie seine Zwillingssöhne Knut und Bruno, eifrige und brutale Hitlerjungen. Zu den Hauptfiguren gesellt sich ein großes Arsenal an nicht weniger interessanten Nebenfiguren, so die regimetreue Nachbarin Grasberger mit ihrem behinderten Sohn Fritz, Smolka, ein ehemaliger Kommunist und der Papierfabrikant Jungheinrich und einige mehr.
Mit ihnen haben wir einen exemplarischen Querschnitt, an denen Arno Frank zeigen kann, wie sich die Gesellschaft wandelt. Manche sind von Beginn an begeisterte Anhänger, andere lassen sich korrumpieren, machen Karriere, viele bleiben stumme Mitläufer.
Hatte man zu Beginn noch Sympathien für manche Figuren, so legte sich das mit dem Verlauf der Lektüre. Merle, als ehemalige Sozialistin und Ehefrau eines Kommunisten enttäuscht genauso wie der ehemals kritische Zeitungsschreiber Eugen. Hoffte der noch in der Weimarer Zeit auf eine Anstellung bei der linken „Weltbühne“ von Carl Ossietzky, so lässt ihn der angebotene Posten als Chef des „ Ginsterburger Anzeigers“ bald verstummen. Merle und Eugen flüchten stattdessen in eine heimliche Affäre.
Der sensible Lothar, der anfangs noch unfähig ist, einen Fisch zu töten ( „ Das lernst du schon noch!“ tröstet ihn Freundin Gesine), wird geködert mit seinem Traum vom Fliegen. Er wird später zu einem hochdekorierten Kampfflieger aufsteigen. Lothar sowie Eugen sind die interessantesten Charaktere im Roman, komplex und ambivalent, nicht leicht zu fassen.
Beim Fabrikanten Jungheinrich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er von seinem Prinzip, nicht an Waffen verdienen zu wollen, abrückt.
Nein, es sind keine Helden, die Arno Frank hier porträtiert, sondern ganz normale Menschen, die in die Fänge eines verbrecherischen Systems geraten.
Die meisten Figuren sind fiktiv, bis auf wenige Ausnahmen. So hat der Kampfpilot Lothar Sieber ein historisches Vorbild gleichen Namens.
Das Thema Judenverfolgung kommt nur am Rande vor, so wie es damals von den Menschen wahrgenommen wurde. Jüdische Mitbürger verschwinden beinahe unbemerkt, ein jüdischer Zeitungsverleger stürzt sich in den Tod und der jüdische Ehemann einer Protagonistin wird zum Verhör abgeholt und nie mehr gesehen.
Dass die Protagonisten am Ende auf eine Katastrophe zusteuern, ahnt jeder Leser. Das deutet sehr offensichtlich das passende Cover an. Eine Wolke apokalyptischen Ausmaßes braut sich über einer vermeintlich idyllischen Kleinstadt zusammen. Auch das dem Roman vorangestellte Motto weist darauf hin. Arno Frank zitiert hier einen Vers aus Schillers „ Die Kraniche des Ibykus“. In diesem Gedicht symbolisieren die Kraniche, ein durchgängiges Motiv im Roman, die göttliche Gerechtigkeit, wonach irgendwann die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. „ Und finster plötzlich wird der Himmel / Und über dem Theater hin / Sieht man in schwärzlichem Gewimmel / Ein Kranichheer vorüberziehn.“ Das Kranichheer verweist für mich auf die anrückenden Bombengeschwader der Engländer, die Vergeltung üben für die gnadenlose Zerstörung ihrer eigenen Städte und gleichzeitig mit dazu beitragen, einen erbarmungslosen Krieg zu beenden.
„ Die Hölle wartet auf jene, die es verdient haben. …Der Krieg aber wartet nicht. Er macht keinen Unterschied zwischen den Schuldigen und den Unschuldigen.“
Arno Frank beweist mit seinem dritten Roman, dass er ganz unterschiedliche Bücher schreiben kann. Er hat nach eigenem Bekunden intensiv recherchiert, präsentiert sein Wissen aber nie aufdringlich und belehrend. Es zeigt sich stattdessen in der stimmigen Atmosphäre und wirkt sich in der Figurenzeichnung nieder.
Manches Ungeheuerliche wird in Andeutungen und Nebensätze gepackt, die der heutige Leser mit seinem Wissen über die NS-Zeit zu deuten weiß. Bei dem SS-Arzt Hansemann genügt die Bemerkung, er habe schon immer „ einen Hang zu …abwegigen Experimenten“ gehabt, um zu verstehen, wo man ihn einordnen muss. Die gängige Geisteshaltung kann man auch in der Wortwahl herauslesen. So wirkt
z. B. der Begriff „ Ballastexistenz“ für einen geistig eingeschränkten Jungen für uns heute erschreckend menschenverachtend.
Die Einteilung in Fünf-Jahresschritten ist klug gewählt. Dadurch werden die Veränderungen, sowohl politisch wie auch die der Figuren, offensichtlich. 1935 hatte sich das System bereits etabliert, 1940 befand sich das Land im Siegestaumel der schnellen Eroberungen, 1945 ist das bittere Ende und der Zusammenbruch in Sicht.
Auch sonst überzeugt die literarische Umsetzung. Die Erzählstränge sind geschickt miteinander verwebt und durch die multiperspektivische Erzählweise entsteht ein äußerst lebendiges Bild jener Zeit. Dazu tragen ebenso die verschiedenen Textsorten wie Briefe, Protokolle, amtliche Verordnungen usw. bei. Sprachlich bewegt sich der Roman auf hohem Niveau, elegant, bilderstark, metaphernreich und voller Symbolik, dazu kommen unvergessliche Szenen.
Der Roman beantwortet selbst die Frage, weshalb man noch ein weiteres Buch über diese Zeit schreiben und lesen sollte, wo doch schon so viel dazu geschrieben wurde. Um uns die Augen zu öffnen für die Gegenwart, denn die Mechanismen sind immer dieselben. Obwohl „ Ginsterburg“ als historischer Roman einzuordnen ist, so ist er doch angesichts der politischen Entwicklung brandaktuell. Zeigt er doch, wie schnell sich Menschen einem autokratischen System unterwerfen. Nicht alle sofort, nicht alle ganz freiwillig, doch die meisten lernen bald, sich anzupassen, wegzuschauen, sich selbst zu belügen. Bei der Lektüre wird auch jeder auf sich selbst zurückgeworfen und beginnt sich zu fragen, wie man wohl in einer ähnlichen Situation gehandelt hätte. Das Buch sollte Eingang finden in den schulischen Kanon.
Arno Frank hat mit „ Ginsterburg“ einen herausragenden Roman geschrieben, der unbedingt auf die Nominiertenliste für den Deutschen Buchpreis gehört.

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Ein wenig bekanntes Thema

Die erste halbe Stunde im Paradies von Janine Adomeit



Janine Adomeit greift in ihrem zweiten Roman ein Thema auf, das kaum in der öffentlichen Wahrnehmung ist. Wir reden und lesen zwar viel über die Pflegebedürftigkeit von älteren Menschen. In unserer alternden Gesellschaft wird das ein immer größeres Problem. Dass es aber beinahe 480.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland gibt, die Verantwortung tragen für pflegebedürftige Familienmitglieder, dürfte wenig bekannt sein.

Die Ich- Erzählerin Anne, eine Frau Anfang Dreißig, arbeitet als Pharmareferentin und sie ist sehr erfolgreich in ihrem Beruf. Ihr Schwerpunkt ist die Schmerztherapie und mit einem Vortrag über die Vorzüge von Fentanylpflastern in der Palliativmedizin hofft sie auf einen Karrieresprung. Da erhält sie bei einer Tagung ihres Unternehmens einen Anruf von ihrem Bruder Kai. Er bittet sie darum, ihn aus einer Suchtklinik abzuholen. Seit Jahren hatten die Geschwister keinen Kontakt zueinander; trotzdem macht sich Anne, widerwillig zwar, auf den Weg. Dieses Zusammentreffen löst bei ihr schmerzhafte Erinnerungen an ihre Kindheit aus.
Sie waren lange Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft: die achtjährige Anne, der sechs Jahre ältere Bruder und ihre Mutter, eine begabte Sängerin. Bis eines Tages bei der Mutter MS diagnostiziert wird. Anfangs versucht sie noch mit Optimismus der Krankheit entgegenzutreten. Mit ein bisschen Unterstützung der Kinder werden sie es gemeinsam schaffen. „ Wir kriegen das hin. Das Wichtigste ist, dass wir zusammenhalten.“
Und es funktioniert tatsächlich eine ganze Weile gut. Die Kinder kümmern sich, besorgen Rezepte, stehen Wache vor dem Badezimmer, falls die Mutter das Gleichgewicht verliert, übernehmen die Hausarbeit und vieles mehr. Doch der Zustand der Mutter verschlechtert sich und die Heranwachsenden sind zunehmend von der Aufgabe überfordert.
Bis eines Tages bei dem 17jährigen Sohn die eigenen Bedürfnisse Priorität haben und er die Schwester im Stich lässt. Es kommt zum Bruch zwischen den Geschwistern; die ganze Familie wird auseinandergerissen.
Die Autorin entwickelt ihren Roman auf zwei Erzählebenen, die sie kunstvoll miteinander verzahnt. Die eine ist in der Gegenwart angesiedelt, die zweite spielt in der Kindheit von Anne.
Gerade die Rückblicke in die Vergangenheit berühren stark. Janine Adomeit schildert den Krankheitsverlauf der Mutter in eindringlichen Szenen. Sind es zu Beginn nur motorische Einschränkungen, so wird es später für die Mutter immer peinlicher, ihre Kinder um Hilfe zu bitten. Scham und Schuldgefühle belasten sie. Trotzdem weigert sie sich , professionelle Hilfe anzufordern. Zu groß ist ihre Angst, dass ihr das jüngste Kind weggenommen wird, wenn Ärzte oder Behörden über die tatsächliche Situation Bescheid wüssten. Deshalb sollten auch die Kinder alles tun, um Normalität vorzutäuschen.
Die stecken in einem Loyalitätskonflikt, den sie sich selbst nicht eingestehen dürfen. Natürlich möchten sie alles tun für ihre kranke Mutter. Der Zusammenhalt und die gegenseitige Liebe tragen über vieles hinweg. Und es macht sie auch stolz, was sie gemeinsam schaffen.
Doch ein unbeschwertes Leben gibt es für sie nicht. Das Geld ist knapp, die Familie lebt sehr isoliert und die Aussichtslosigkeit dieser Krankheit lastet auf allen. Außerdem bleiben ihre eigenen Bedürfnisse auf der Strecke. „ Meine Gefühle waren angesichts ihrer Krankheit und ihrer Einschränkungen klein und unwichtig.“
Das Kind Anne lernt früh, Gefühle zu unterdrücken und die erwachsene Anne beherrscht das noch immer. Sie ist eine Frau, die kein Privatleben kennt, sich jegliche Beziehung vom Leibe hält. Sie hat sich einen Panzer zugelegt, der sie vor Schmerz bewahren soll.
Der Titel des Romans bezieht sich auf Annes Vorstellung von Glück: „ Aber die erste halbe Stunde im Paradies -die Zeitspanne, in der niemand etwas von einem will oder braucht und man selbst auch von niemandem etwas will oder braucht und daher nichts wehtun kann- , diese erste halbe Stunde stelle ich mir vor wie Glück.“ Doch ein Leben ohne Beziehungen und damit ohne Schmerz, gibt es nicht.
Aber nicht nur Anne trägt schwer an ihrer Vergangenheit. Auch bei Kai hat sie gravierende Spuren hinterlassen. Aus ihm ist nicht der erfolgreiche Musiker geworden, obwohl er so talentiert war. Stattdessen ist er abgedriftet in die Sucht. Erst hat er sich mit Alkohol betäubt, später kamen andere Drogen ins Spiel, mittlerweile ist er von Schmerzmitteln abhängig.
Das Ende lässt hoffen auf eine Aussöhnung. Beide konnten erstmals über ihre Sicht der Dinge reden, Missverständnisse ausräumen und Verständnis füreinander aufbringen.
Der Roman liest sich leicht, trotz des ernsten Themas. Janine Adomeit schreibt nüchtern und klar und trotzdem eindringlich. Obwohl wir die Geschichte nur aus Annes Perspektive kennen, so kommen einem auch die anderen Figuren nahe. Dabei hat man nicht immer Verständnis für deren Handeln.
„ Die erste halbe Stunde im Paradies“ ist ein lesenswerter Roman, der glaubhaft und einfühlsam ein wichtiges Thema behandelt.

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Zwischen den Fronten

Russische Spezialitäten von Dmitrij Kapitelman

Wer Dimitrij Kapitelmans bisherige Bücher kennt, ist schon bestens vertraut mit seiner Familie. Der Autor ist, wie sein literarisches Ich, 1986 als Sohn einer moldawischen Mutter und eines ukrainisch-jüdischen Vaters in Kiew geboren und im Alter von acht Jahren als „ jüdischer Kontingentflüchtling“ nach Deutschland gekommen.

In Leipzig hat seine Familie in den Neunziger Jahren einen Laden für russische Spezialitäten aufgemacht, ein sog. „Magasin“. Hierher kommen jahrelang die immer gleichen Stammgäste, die sich mit Krimsekt und Kaviar, getrocknetem Fisch und kitschigen russischen Postkarten eindecken. Papa ist der Geschäftsführer des Ladens, Mama sitzt rauchend im Hinterzimmer und erledigt den Papierkram und Sohn Dima arbeitet von klein auf mit. Und er begleitet Mama und Papa bei ihren Handelsreisen nach Kiew. Geht es bei Papa dabei vor allem um günstige Geschäfte, so nützt Mama den Besuch dort, um ihrem Sohn zu zeigen, wie „ unglaublich lebenswert Kyjiw“ ist. Doch Corona bedeutet , wie für viele kleine Geschäfte, das Aus für das Magasin. Der Laden wird geschlossen und geräumt. Aber vor der Übergabe der Geschäftsräume muss noch das damals angeklebte Linoleum entfernt werden, nicht so einfach. Hat doch Onkel Jakob billigsten russischen Leim verwendet. „Das ist sowjetisch-russischer Leim, der löst sich nicht. Was er einmal hatte, lässt er nicht mehr los.“
Von diesen Jahren, vom Ankommen in Deutschland bis in die Gegenwart, erzählt Dimitrj Kapitelman auf seine gewohnt ironisch- humorvolle Art die Geschichte seiner Familie. Doch dieses Mal schleicht sich immer wieder ein ernster, melancholischer Ton ein. Der Grund dafür ist der Krieg in der Ukraine und die Mutter des Autors.
War sein erster Roman „ Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ ein Vater-Buch, so ist dieser Roman eine schmerzhaft-bittere Hommage an die Mutter. Denn diese „ russisch fernsehvölkische Mutter“ glaubt Putins Parolen. Sie schaut ununterbrochen russisches Staatsfernsehen, hält das Massaker von Butscha für Fake und glaubt, dass in der Ukraine die Nazis herrschen. Der Sohn leidet unter der Kälte und der Ignoranz seiner Mutter, die er trotz allem immer noch liebt. Und um sie vom Gegenteil zu überzeugen, reist er mitten im Krieg in die Ukraine.
Davon erzählt der zweite, wesentlich ernstere Teil des Romans. Der Ich- Erzähler trifft in Kiew ehemalige Freunde, erlebt deren Alltag. Er sieht, wie die Menschen dort trotz der täglichen Bedrohung versuchen, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten. Auch er legt sich eine App auf seinem Handy zu, die nicht nur vor dem nächsten Raketenbeschuss warnt, sondern zusätzlich auf den nächstgelegenen Bunker hinweist. Allgegenwärtig sind die Mobilisierungskampagnen, die mehr und jüngere Männer zum Militärdienst aufrufen. Gemeinsam mit einem Freund fährt der Autor nach Butscha und Borodjanka und macht sich selbst ein Bild von der russischen Zerstörungswut.
Doch wird er damit seine Mama überzeugen können? Als er selbst bei einem Luftangriff im Bunker in Kiew sitzt , schreibt ihm seine Mama , es bestehe keine richtige Gefahr, denn „ Russland beschießt ja ausschließlich militärische Ziele.“ Der Ich- Erzähler beschließt daraufhin, seiner Mutter nicht den heiß begehrten ukrainischen Speck mitzubringen. „ Kein Bekenntnis zum Existenzrecht der Ukraine, kein ukrainisches Salo.“
Der Krieg in der Ukraine hat nicht nur zu einem tiefen Riss in der Beziehung zwischen Mutter und Sohn geführt. Auch die Liebe zur russischen Sprache ist davon betroffen. Dimitrij Kapitelman fühlt sich als Ukrainer, doch seine Muttersprache ist Russisch. Eine Sprache, die in Kiew nicht mehr gern gehört wird, ist sie doch die Sprache des Aggressors. Seine Freunde lernen ukrainisch. Doch was bedeutet das für ihn? Er wird sich noch viel fremder fühlen in seiner früheren Heimat.
Dieses Buch sei das schwerste Buch für ihn gewesen, gesteht der Autor in einem Interview. Das verwundert mich nicht. Denn die Realität des Krieges ist auch für ihn äußerst schmerzhaft. Und der Graben innerhalb der Familie scheint nicht überbrückbar zu sein.
Es findet sich auch in diesem Roman der vertraute ironische Erzählton. Kapitelman spielt mit der Sprache, findet originelle Wortschöpfungen, baut surreale Elemente ein, wie z.B. sprechende Fische und stellt philosophische Betrachtungen zur Sprache selbst an. So findet er z.B. über dreißig Synonyme für Hartherzigkeit. Auch ist der Titel doppeldeutig. So meint er zwar vordergründig die Waren, die im „ Magasin“ angeboten wurden, lässt aber auch an „ Spezialoperation“ denken, der russischen Bezeichnung für den Ukrainekrieg.
„ Russische Spezialitäten“ ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Ukrainekrieg, die für jeden lesenswert ist.

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Voller Witz und Lebensklugheit

Frau Hempels Tochter. Roman von Alice Berend



Alice Berend, 1875 geboren, war einst eine gefeierte Bestsellerautorin. Ihre zahlreichen Romane, die meist im kleinbürgerlichen Milieu Berlins angesiedelt sind, erreichten hohe Auflagen. Man sah sie in der Tradition Fontanes und lobte ihre ironisch-humoristische Schreibweise. Doch mit dem Machtantritt der Nazis war es mit ihrer Karriere vorbei.

Ihre Bücher wurden 1933 auf die „ Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Sie selbst ging 1935 ins Exil, da sie, obwohl christlich getauft, nach den Rassegesetzen als Jüdin galt. 1938 starb Alice Berend krank und verarmt in Florenz. Ihre Romane sind heute weitgehend vergessen. Umso erfreulicher, dass nun in der Reihe
„ Reclams Klassikerinnen“ der 1913 erschienene Roman „ Frau Hempels Tochter“ in einer neuen, schön aufgemachten Ausgabe erscheint. ( Einziger Kritikpunkt daran ist das Cover, das so garnicht zur Protagonistin passt.)
Der Roman führt in ein großes Mietshaus im Berlin der Jahrhundertwende. Frau Hempel ist als Portiersfrau die gute Seele des Hauses. Gemeinsam mit ihrem Mann, der als Schuster etwas dazu verdient, und der hübschen sechzehnjährigen Tochter bewohnen sie die düstere und feuchte Erdgeschosswohnung. Der Titel mag vielleicht irritieren, „ Frau Hempels Tochter“, denn im Zentrum des Romans steht weniger Töchterchen Laura, sondern vielmehr die Mutter. Aber er passt insofern, da die hauptsächliche Triebfeder von Frau Hempel der soziale Aufstieg der Tochter ist. Sie soll es einmal besser haben und nicht als Dienstbote arbeiten müssen. Dafür rackert sich Frau Hempel seit Jahren ab, nimmt zusätzliche Aufgaben und Pflichten auf sich, um noch mehr Groschen auf dem Sparbuch anzuhäufen.
Und als sich die Chance bietet, greift sie zu. Frau Hempel wagt mit ihrem sauer Ersparten den Weg in die Selbständigkeit. Sie erwirbt eine Badeanstalt mit dazu gehörendem See und Gelände, und alle helfen mit. Laura zieht mit ihrem hübschen Gesicht an der Kasse zusätzliche Besucher an und für Herr Hempel finden sich genug schief getretene Schuhe, die er reparieren kann. Auch zwei Verehrer für das Fräulein Tochter stellen sich ein. Ein wackerer Schutzmann bietet finanzielle Sicherheit, aber Laura hat schon längst ihr Herz an einen jungen Grafen verloren. Der ist zwar arm und ein Muttersöhnchen, doch er erwidert ihre Liebe.
Hat man als Leser noch Bedenken, ob sich Frau Hempel hier nicht übernommen hat und ob es für Laura doch nur zu einer Vernunftehe reicht, so nimmt das Schicksal nochmals eine überraschende Wendung.
Was diesen Roman zu etwas Besonderem macht, ist der Humor der Autorin. Sie beschreibt ihre Charaktere zwar liebevoll, doch mit einer gewissen ironischen Distanz. So z.B. wenn sie meint „ Wir wissen immer, was wir tun wollen, aber nie, was wir tun.“ Oder auch „ Man plant viel, aber was man tut, hat man niemals gewollt.“ Dabei erweist sie sich als gute Menschenkennerin . Auch wenn sie ab und an manches Klischee bedient, sind die Figuren trotzdem glaubhaft und authentisch. Allen voran Frau Hempel, eine Frau aus dem Volke, patent und voller Energie. Sie nimmt die Dinge, wie sie sind, jammert und hadert nicht, sondern versucht das Beste daraus zu machen.
Ganz nebenbei finden sich kluge Sentenzen, die voller Witz Lebensweisheiten auf den Punkt bringen. „ Ein langes Zusammenleben schmiedet viele brauchbare Waffen für den täglichen Lebenskampf.“ Oder: „ Wir täuschen uns selbst leichter als andere.“ und am Ende heißt es: „ Denn man erkennt den Baum erst an seinen Früchten, wie den Menschen an seinen Taten.“
Der Roman beschreibt auch sehr anschaulich das Milieu, in dem sich Dienstboten, Handwerker, Hausbesitzer und verarmte Adelige bewegen. So bekommen wir Einblick in deren Wohnverhältnisse, den Arbeitsalltag, lesen von Standesdünkel und Klassenunterschieden. Sozialkritik übt Alice Berend dezent, so, indem sie den unbedingten Aufstiegswillen der „ kleinen Leute“ zeigt oder sich lächerlich macht über die sog. „ besseren Kreise“.
„ Frau Hempels Tochter“ ist eine unterhaltsame Milieustudie, die mit Witz und Lebensklugheit überzeugt und beim Lesen sehr viel Vergnügen bereitet. Die Autorin gönnt ihren Figuren ein positives Ende. Das mag wenig realistisch sein, erfreut aber den Lesenden. Denn hier wird Eigenverantwortung, Fleiß und Zuvertrauen belohnt. Ein Buch, das bestens unterhält und zugleich das Sittengemälde einer vergangenen Zeit liefert.
Lesenswert ist auch das Nachwort von Margret Greiner, das den Roman zeitlich und literarisch einordnet und das Wesentliche aus der wechselvollen Biographie der Autorin zusammenfasst.

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Informative und unterhaltsame Vorlesegeschichten

Wieso? Weshalb? Warum? Meine Vorlesegeschichten, Band 2 - Was passiert in Wald und Wiese? von Anna Pooch

Die bewährte Sachbuchreihe „ Wieso Weshalb Warum?“ hat sich vergrößert. Unter dem Label „ Meine Vorlesegeschichten“ gibt es schon drei Bände, die Wissen in kleine Geschichten verpacken. Wir, meine Enkelin ( 4) und ich haben gemeinsam das Buch „Was passiert in Wald und Wiese?“ gelesen .

In insgesamt 15 mehrseitigen, in sich abgeschlossenen Geschichten wird das Thema Natur von allen Seiten beleuchtet. Gleich zu Beginn werden die Protagonisten vorgestellt, insgesamt vier Familien mit zusammen fünf Kinder. Dabei fällt sogleich die Diversität der Figuren auf. Es finden sich verschiedene Hautfarben und Nationalitäten und die unterschiedlichsten Familienkonstellationen. Auch werden klassische Rollenklischees vermieden.
In einer Erzählung erfahren wir, wie klug und einfallsreich Krähen sind ( der Favorit bei meiner Enkelin). In einer anderen lernen wir, worin sich Wespen und Bienen unterscheiden und den richtigen Umgang mit diesen nützlichen Insekten. Ein Besuch auf dem Bauernhof , bei dem es um verschiedene Getreidesorten geht, endet mit gemütlichem Stockbrotessen . Und als die frisch geernteten Himbeeren nach einiger Zeit matschig geworden sind, werden sie nicht weggeworfen, sondern zu leckerer Marmelade verarbeitet. Schon an diesen Beispielen wird deutlich, dass es hier nicht um reines Faktenwissen geht, sondern um den richtigen Umgang mit der Natur, um Respekt und Nachhaltigkeit.
Auch die farbenfrohen Illustrationen überzeugen .
Ein ideales Vorlesebuch , das die kindliche Erfahrungswelt widerspiegelt und gleichzeitig Sachwissen vermittelt.

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Weiterleben

Von hier aus weiter von Susann Pásztor

Schon in ihrem 2017 erschienenen Roman „ Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“ ging es um Tod und Trauer. Dass sich die Autorin, die als ehrenamtliche Sterbebegleiterin arbeitet, mit diesem Thema auskennt, beweist sie auch in ihrem neuesten Buch „ Von hier aus weiter“.
An ein Weitergehen mag Marlena nicht mehr glauben.

Nach dreißig Ehejahren und dem Selbstmord ihres Mannes steht sie nun allein da . So war das nicht geplant. Deshalb ist Marlena nicht nur traurig, sondern auch wütend. Einsam und lebensmüde zieht sie sich immer mehr zurück, lehnt jegliche Hilfsangebote stur ab.
Dabei war sie es lange gewohnt, alleine zu leben, hat ihre Unabhängigkeit geliebt. Sie war nicht mehr ganz jung, als sie Rolf geheiratet hat. Ihn, einen Witwer mit drei fast erwachsenen Söhnen, hat sie damals über eine Kontaktanzeige kennengelernt. Es war eine glückliche Ehe. Marlena arbeitete weiter als Grundschullehrerin, Rolf hatte bis zu seinem Ruhestand eine gut gehende Landarztpraxis. Alles lief bestens, bis seine Krebsdiagnose ihr beschauliches Leben auf den Kopf stellte.
Die Tage nach der Trauerfeier übersteht Marlena nur mit Hilfe von Beruhigungsmitteln. Eigentlich hält sie nichts mehr am Leben.
Doch dann benötigt Marlena einen Klempner, der ihre defekte Dusche reparieren soll. Der Handwerker entpuppt sich als ehemaliger Schüler von ihr. Jack, so heißt der junge Mann, braucht dringend eine Unterkunft und Marlena bietet ihm ihr Gästezimmer an.
Jack revanchiert sich, in dem er für beide kocht und sich auch sonst um seine Gastgeberin kümmert. Langsam freunden sie sich an und Marlena nimmt wieder mehr Anteil am Leben.
Sie geht auch wieder ans Telefon und erfährt so, dass ihre alte Freundin Wally einen Brief von Rolf an sie hat. Den muss sie aber persönlich in Wien abholen. Jack lässt Marlena nicht allein die weite Strecke fahren. Und mit von der Partie ist auch Ida, die junge Ärztin, die Rolfs Praxis übernommen hat. Eine Art Roadmovie beginnt, mit einem überraschenden Ende.
Susann Pásztor erzählt hier von einer Frau, die wieder lernen muss, ins Leben zurückzufinden. Denn: Wie lebt es sich weiter, wenn der geliebte Mensch tot ist? Marlena reagiert mit Rückzug, doch es braucht Menschen aus ihrem Umfeld, die einfach da sind, zuhören und Mut machen, damit ihr ein Neubeginn gelingen kann. Und ihre Enttäuschung und Wut kann der Leser erst richtig einordnen, wenn er die genaueren Umstände kennt.

Auch in diesem Roman verbindet die Autorin ein schweres Thema mit erzählerischer Leichtigkeit. Es gibt immer wieder Situationen voller Komik, und Witz in den Dialogen. Besonders ans Herz wachsen einem die Figuren, die liebevoll und sympathisch gezeichnet sind. Und dieses Mal tragen noch eine Prise Magie und eine beginnende Liebesgeschichte zum Zauber der Erzählung bei.
Mag manches auch zu schön um realistisch zu sein, so ist es doch eine Lektüre, die Hoffnung macht und zum Nachdenken anregt.

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Ein Roman über Kolonialismus, Kunst und Sprache

Die Kolonie von Audrey Magee



Schauplatz des Romans ist eine atlantische Insel vor der Westküste Irlands. Mittlerweile leben nur noch 92 Einwohner auf dem kleinen Eiland. Viele der ehemaligen Bewohner sind weggezogen, manche bis nach Amerika. Das Leben da draußen ist hart, der karge Boden ist wenig ertragreich, die Winter sind lang und kalt.

Einzige Einnahmequelle ist der Fischfang.
Hierher, „ am Rande Europas“, reist im Sommer 1979 der englische Maler Mr. Lloyd. Er hat sich ein kleines Häuschen gemietet, um in Ruhe malen zu können. Die Inselbewohner sind wenig angetan von dem arroganten und umständlichen Londoner, doch sein Geld können sie gut brauchen.
Noch ein zweiter Gast reist an. Der Franzose JP Masson verbringt schon seinen vierten Sommer auf der Insel. Er ist Linguist und schreibt an seiner Doktorarbeit über den Wandel und den Niedergang der gälischen Sprache.
Ein Konflikt zwischen den beiden Männern ist unvermeidbar. Der Sprachwissenschaftler sieht in dem Engländer eine weitere Bedrohung der irischen Sprache, weil dessen Anwesenheit die Inselbewohner zwingt, Englisch zu sprechen. Und Lloyd, der Ruhe und Einsamkeit braucht für seine Arbeit, fühlt sich von dem Franzosen gestört.
Auch die Inselbewohner sehen den kommenden Monaten mit Skepsis entgegen. Die einen fürchten Konflikte, andere freuen sich auf das „ Spektakel“. „ Kampf der Egos“, „ Frankreich gegen England“. „ Die denken, ihnen gehört die Insel.“ Aber all das ist nichts Neues für die Iren. Schon immer waren sie Spielball anderer Mächte.
Während JP Masson weiter seine Studien betreibt, lange Gespräche mit der beinahe neunzigjährigen Bean Uí Fhloinn führt und mit dem Rekorder aufnimmt, um so den ursprünglichen Dialekt der Insel zu dokumentieren, quartiert sich Lloyd auf einer baufälligen Hütte direkt an der Küste ein. In James, einem einheimischen fünfzehnjährigen Jungen, findet er einen Vermittler und Helfer. James ist zwar auf der Insel aufgewachsen, doch er fühlt sich nicht als „ Inseljunge“ und will nicht in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten. Nicht nur, weil sein Vater und sein Großvater beim Fischen auf dem Meer umgekommen sind. Nein, er träumt von einem anderen Leben, fernab von hier. Durch das Zusammensein mit Lloyd wird sein Interesse an der Malerei geweckt. Und es zeigt sich, dass James eine natürliche Begabung dafür hat. Lloyd erkennt das Potential, das in dem Jungen schlummert, und macht ihm Hoffnung auf eine gemeinsame Ausstellung in London. Aber was ist von den Versprechungen eines Engländers zu halten.
Auch Maired, James‘ Mutter, zieht das Interesse Lloyds auf sich. Überraschenderweise willigt sie ein, ihm Modell zu stehen, heimlich, denn ihre Familie wäre dagegen. Ein Bild von ihr, damit würde sie unsterblich, anders als ihr ertrunkener Mann, von dem nicht mal ein Grabstein zeugt. Außerdem fühlt sie sich von diesem Maler als Frau wahrgenommen, sie, die sonst nur als die „ junge Witwe von der Insel“ gesehen wird.
Der Roman trägt zu Recht seinen Titel. Denn um die vielfältigen Formen der Kolonialisierung geht es hier. Beide, sowohl der Engländer wie auch der Franzose, beanspruchen für sich die Deutungshoheit über die Insel. „ Sie machen aus der Insel etwas, das sie gar nicht ist.“ Denn so unterschiedlich sie auf den ersten Blick wirken mögen, so sehr ähneln sie sich. Jeder vereinnahmt die Insel für sich und möchte sie konservieren. Der eine, in dem er sein Bild von ihr auf der Leinwand festhält, der andere, indem er ihre Sprache als Forschungsobjekt benutzt. Vordergründig geht es ihnen um die Insel und die Menschen dort, in Wirklichkeit um ihre Reputation als Künstler und Wissenschaftler.
Sprache als Machtinstrument der Kolonialisierung ist eines der zentralen Themen im Roman. Denn Sprache ist nicht nur Kommmunikationsmittel, sondern darüber hinaus identitätsstiftend, weil in ihr das kulturelle Erbe einer Volksgruppe erhalten ist. Masson ist deshalb auf einem „ Feldzug“ für den Erhalt der gälischen Sprache. Durch seine Studien bekommt der Leser einen kurzen, aber äußerst informativen Überblick über irische Geschichte und das Verdrängen der irischen Sprache durch die Engländer. Das wird aber nicht lehrbuchartig dargestellt, sondern organisch in die Handlung verwoben.
Zu Beginn wirkt die Insel mit ihren archaischen Lebensbedingungen wie aus der Zeit gefallen. Doch die Autorin verortet die Handlung sehr genau in der politischen Realität des Jahres 1979 durch zwischen die einzelnen Kapiteln eingeschobenen Berichte über reale Anschläge der IRA und den Vergeltungsaktionen der Briten. Und die nüchtern gehaltenen Zeitungs- und Rundfunknachrichten wirken wie Fremdkörper im Text, ähnlich wie die beiden Besucher auf der Insel. Aber im Verlauf der Handlung gewinnen sie Einfluss auf die Inselbewohner.
Genießt der Leser anfänglich den trockenen Humor der Einwohner und den intellektuellen und gleichzeitig boshaften Schlagabtausch der beiden Kontrahenten, so schleicht sich gegen Ende eine bedrohliche Stimmung ein.
Die Komplexität des Romans literarisch zu vermitteln, beherrscht Audrey Magee meisterhaft. Sie verwendet unterschiedliche Erzählstile für ihre Charaktere. So ist es bei dem Maler eine sehr rhythmisierte, beinahe impressionistische Sprache, während der Linguist in weit ausschweifenden komplizierten Satzgebilden denkt.
Wunderschöne poetische Beschreibungen von Landschaft und Natur finden sich im Wechsel mit pointierten Dialogen und inneren Monologen. Nicole Seifert hat den 2022 für den Booker Prize nominierten Roman kongenial übersetzt.
„ Die Kolonie“ ist ein Roman über Kolonialismus, Kunst und Sprache, verhandelt in den persönlichen Erfahrungen einiger Figuren.
Während der Lektüre wird man bestens unterhalten und danach wirkt das Buch noch lange nach. Was will man mehr?

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