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Rezensionen von Ruth:

Ein Buch wie eine Rose

Lady Rose von Ruby Ferguson



Immer mal wieder graben Verlage vergessene Schätze aus, sehr zur Freude der Leser. So auch hier. Der Zürcher Kampa Verlag hat mit „ Lady Rose“ einen zauberhaften Roman veröffentlicht, den, laut Klappentext, schon Queen Mum so geliebt hat, dass sie die Autorin zum Tee einlud. Erschienen ist das Buch bereits 1937; die eigentliche Handlung führt uns aber noch weiter in der Zeit zurück.

En englischer Anwalt, seine Frau und sein amerikanischer Freund reisen Anfang der 1930er Jahre durch Schottland. Auf ihrer Fahrt die Küste entlang stoßen sie auf ein herrschaftliches Anwesen. Da das Haus für eventuelle Mieter offensteht, nutzen sie die Gelegenheit zur Besichtigung. Eine alte Hausdame, Mrs. Memmary, führt die Besucher durch das seit Jahrzehnten leerstehende Haus. Hinter den verblassten Tapeten und dem rissigen Putz lässt sich noch die frühere Pracht und Schönheit erahnen. Während die Touristen durch die leeren Räume gehen, erzählt ihnen Mrs. Memmary die Geschichte von Lady Rose, der Herrin von Haus Keepsfield.

Sie wird Mitte des 19. Jahrhunderts als einziges Kind eines reichen schottischen Grafen geboren. Rose ist ein aufgewecktes und liebevolles Mädchen, voller Stolz auf ihre schottische Heimat. Sie wächst inmitten der Natur und mit allen Annehmlichkeiten ihres Standes auf. Einzig die häufige Abwesenheit ihrer Eltern, die ihren Aufgaben am Hof von Queen Victoria nachkommen müssen, macht sie traurig.

Ihre unbeschwerte Kindheit endet, als sie ihre Eltern auf eine standesgemäße Schule in England schicken. Das Internat ähnelt mehr einem Kloster oder einem Gefängnis, doch Rose fügt sich. Sie findet Freundinnen und lernt brav all das, was eine zukünftige Gräfin wissen muss.

Als Rose 18 Jahre alt ist, darf sie endlich ihren Antrittsbesuch bei Queen Victoria machen. Und danach beginnt die Ballsaison in London, wo es v.a. darum geht, einen Mann zu finden. „ Und es gab zwei Möglichkeiten: Entweder war die Familie hocherfreut über eine „ gute Partie“, oder sie wurde ziemlich wortkarg, damit möglichst keiner merkte, dass man eine „ schlechte Partie“ gemacht hatte.“ Rose ist noch ganz das unschuldige, schwärmerische Mädchen, das von einem gut aussehenden jungen Mann träumt und romantische Vorstellungen von der Ehe hat. Doch ihre Eltern haben schon den passenden Kandidaten für sie ausgewählt. „ Er ist nur Baronet, aber ein alter schottischer Titel, und er hat zehntausend Morgen, die praktisch direkt an Keepsfield grenzen.“ Rose, naiv und vertrauensvoll, beugt sich erneut den Wünschen ihrer Eltern.

Doch ihr Mann leidet von Anfang an darunter, dass seine Frau ihm an Status und Reichtum überlegen ist und lässt sie das spüren. Nach außen hin gelten sie als das perfekte Paar. Drei Kinder scheinen das Glück vollkommen zu machen. Doch Rose, die sich so nach Liebe sehnt , spürt, dass in ihrer Ehe das Wesentliche fehlt. „ Zehn Jahre war sie nun schon mit ihm verheiratet, seit zehn Jahren war sie mit ihrem warmen, impulsiven Wesen an seine Kälte gefesselt.“ Einzig im Umgang mit ihren Kindern lebt sie auf, ist sie glücklich.

Aber dann begegnet sie eines Tages auf einer Parkbank in Edinburgh einem jungen Mann und Rose trifft eine Entscheidung, die niemand in ihrer Umgebung billigt.

Es ist eine bittersüße Geschichte, die uns Ruby Ferguson hier erzählt. Bei aller Nostalgie sind doch die kritischen Töne nicht zu überhören. Schon zu Beginn, als Rose noch vermeintlich eine idyllische Kindheit hat, ist die Distanz und der Standesdünkel der Eltern zu spüren. Da ist der Vater, der lieber einen Sohn, einen richtigen Erben gehabt hätte. Aber auch die Mutter ist, bei aller Liebe zu ihrer Tochter, selten für sie da und legt sehr viel Wert auf den äußeren Schein.

Dabei ist Rose eine Figur, die man ins Herz schließen muss. Liebenswürdig, offen, impulsiv, voller Freude und Neugierde auf das Leben. Doch das sind keine Eigenschaften, die bei Frauen erwünscht waren. Zu eng war das Korsett, in das man sie gepresst hat, gerade für Frauen ihres Standes. Ihnen wurde kein eigener Wille zugestanden, keine eigenen Ansichten oder Ideen. Stattdessen wurde erwartet, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse begraben und sich an die strengen Regeln und Konventionen ihrer Zeit halten. Wer sich darüber hinwegsetzte, wurde hart bestraft. Für solche war kein Platz mehr in der Gesellschaft.

Der Roman kommt zunächst leicht daher, ist aber tiefgründig und melancholisch. Wer auf ein Happy-End gehofft hat, wird enttäuscht. Davor warnt sogar ausdrücklich die Autorin. So heißt es : „ Es kommt noch mehr, und es ist gut möglich, dass es Ihnen nicht gefällt. Wollen Sie riskieren, die Wahrheit zu erfahren, und weiterlesen? Wenn Sie es tun, dann tun Sie es auf eigene Verantwortung. Eine Geschichte ist erst auserzählt, wenn alles zur Sprache gekommen ist - aber das ist kein Grund, sie einem Leser, der bei seiner Lektüre empfindlich ist, aufzudrängen.“

„ Lady Rose“ ist ein wunderbarer Roman über eine liebenswerte und starke Frau und über eine Zeit und eine Gesellschaft, bei der die Fassade wichtiger war als tiefe menschliche Gefühle. Ein Buch wie eine Rose, voller Schönheit und Eleganz und voller schmerzhafter Dornen.

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„ Der See stand in ihrem Zuhause“

Das Echo der Sommer von Elin Anna Labba

Die schwedisch-samische Journalistin Elin Anna Labba hat für ihr Sachbuch über die Zwangsumsiedlung der Sami den wichtigsten schwedischen Buchpreis erhalten. Nun legt sie mit „ Das Echo der Sommer“ ihren ersten Roman vor. Auch hier geht es um ein leidvolles Kapitel in der Geschichte ihres Volkes.

Schon seit Jahrzehnten werden samische Dörfer für die Energieversorgung des Landes geflutet.
Der Roman setzt ein im Jahr 1942. Die dreizehnjährige Ingá macht sich wie jedes Jahr gemeinsam mit ihrer Mutter Rávdná und ihrer Tante Ánne von ihrem Winterquartier auf in ihr „ Sommerland“, ein Dorf an einem See in Nordschweden. Doch ihr Dorf ist schon beinahe ganz im See versunken.Die Regierung hat den Staudamm erhöht, weil die Städte im Süden des Landes mehr Strom brauchen. Auch ihre Torfkote steht schon zur Hälfte unter Wasser. Sie versuchen mit dem Boot noch einige Dinge aus ihrem einstigen Zuhause zu retten. Aber das Wasser steigt schnell. Auch das Grab ihres Vaters, das auf einer erhöhten Insel liegt, versinkt in den Fluten.
Es ist nicht das erste Mal, dass Rávdná und Ánne eine neue Kote bauen müssen. Schon früher hat sie der Staudamm gezwungen, weiterzuziehen, weiter oben am Fjäll zu siedeln.
Rávdná ist zornig. Als Witwe hat sie keine Rentierherde, mit der sie umherziehen muss. Sie lebt vom Fischfang und sie will endlich ein festes Zuhause. Doch der schwedische Staat möchte nicht, dass die Samen sesshaft werden. „ Der Staat hält es für das Beste, wenn sie ihr ursprüngliches Leben beibehalten und weiter mit ihren Rentierherden umherziehen. …Die natürlichen Eigenschaften der Lappen sind für die Sesshaftigkeit nicht gemacht.“
Aber Rávdná gibt nicht auf. Trotz fehlender Genehmigung baut sie sich ein kleines Häuschen und als Jahrzehnte später, wir sind dann Ende der 1960er Jahre, die Staumauer wieder erhöht werden soll, schließt sie sich mit anderen zusammen zum gemeinsamen Protest. Aber aller Widerstand nützt nichts. Erneut wird ihr Zuhause von den Fluten verschlungen.
Die Autorin zeigt uns hier drei starke Frauen aus zwei Generationen, die völlig unterschiedlich mit den Schwierigkeiten ihres Lebens umgehen. Während Rávdná sich gegen das Unrecht zur Wehr setzt, verschließt sich ihre Schwester immer mehr, wird immer stiller, bis sie schließlich stirbt, und Inga arrangiert sich notgedrungen mit den neuen Gegebenheiten.
Wir erfahren in diesem Roman sehr viel über die alte Kultur der Samen, ein Leben in und mit der Natur. Allerdings auch darüber, wie viel sich verändert hat. Dorfgemeinschaften werden auseinandergerissen, ihre Lebensgrundlage immer mehr zerstört. Gleichzeitig wird ihr Volk diskriminiert und ausgegrenzt. Das Winterquartier z.B. ist eine erbärmliche Barackensiedlung ohne Strom am Rande der Stadt. Der indigenen Bevölkerung wird, wie überall, ihre Heimat, ihr Lebensraum weggenommen, ohne ihre Einwilligung und ohne Entschädigung.
Auch hier zeigt sich eindrucksvoll, dass für die Gier der Industrienationen nach Wohlstand andere, Ärmere, bezahlen müssen.
Dabei ist der Roman unglaublich poetisch. Gerade die Passagen, in denen der See selbst zu Wort kommt, wirken wie Gedichte. Die vielen eingestreuten samischen Ausdrücke, die sich meist aus dem Kontext erschließen, stören keineswegs, sondern lassen die Geschichte noch authentischer wirken.
„ Das Echo der Sommer“ ist ein Roman, der Einblick bietet in eine faszinierende Kultur, gleichzeitig ein aufrüttelndes und schmerzhaftes Buch.

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Landleben 2.0

Hier draußen von Martina Behm



Schauplatz des Debutromans von Martina Behm ist ein fiktives 200 Seelen- Dorf in Schleswig- Holstein. Hierher sind vor drei Jahren Ingo und seine Frau Lara mit ihren beiden Kindern gezogen. Sie haben eine Hypothek aufgenommen und sich ein altes Bauernhaus mit einem großen Garten gekauft. Vor allem Lara will weg vom Trubel und der Anonymität der Großstadt.

Auch für die Kinder wäre doch ein Aufwachsen inmitten der Natur viel idyllischer. Aber das Ehepaar ist längst nicht so glücklich wie erhofft. Ingo fühlt sich erschöpft von der ständigen Pendelei nach Hamburg, wo sein Start- Up- Unternehmen seine ganze Energie frisst. Und Lara ist einsam, denn so richtigen Anschluss an die Dorfgemeinschaft hat sie nicht gefunden.
Da fährt nachts auf seinem Heimweg Ingo eine weiße Hirschkuh an. Das verletzte Tier muss getötet werden. Doch was hat es mit dem alten Aberglauben auf sich, dass derjenige, der eine weiße Hirschkuh tötet, binnen eines Jahres selber sterben muss?
Diese Frage beschäftigt nicht nur Ingo und seine Frau, sondern auch andere Dorfbewohner. Auch wenn niemand der alten Weissagung Glauben schenkt, so kommen doch viele ins Grübeln und beginnen ihren Lebensentwurf zu hinterfragen. Was würde man ändern, wenn man nur noch ein Jahr zu leben hätte?
Der Leser begleitet nun mehr als ein Dutzend Figuren ein ganzes Jahr lang.
Wie geht es mit Ingo und Lara weiter? Ihre Ehe kriselt schon eine ganze Weile. Lara fühlt sich allein gelassen mit der Erziehung der Kinder, der Hausarbeit und dem großen Grundstück. Schließlich bräuchte sie mehr Zeit für ihren Job als freiberufliche Grafikdesignerin. Und Ingo zieht sich emotional immer mehr zurück, will nicht reden über seine zunehmende Unlust im eigenen Betrieb. Seine beginnende Freundschaft zum Förster Uwe sorgt für eine weitere Entfremdung zwischen den Eheleuten.
Aber nicht nur die Probleme der Zugezogenen beleuchtet die Autorin. Aus wechselnden Perspektiven erfahren wir von den Schwierigkeiten, mit denen Landwirte heute zu kämpfen haben. Vieles hat sich verändert. Wenn man finanziell über die Runden kommen will, sind Zugeständnisse zu machen. Mit einem idyllischen Bauernleben hat das alles nichts mehr zu tun. Uwe z.B. hätte gerne den Umstieg zur ökologischen Landwirtschaft geschafft, doch seine Bank gab ihm nicht den nötigen Kredit dafür. Nun hat er einen riesigen Mastbetrieb für Schweine. Erholung und Ausgleich findet der alleinlebende Eigenbrötler nur auf seinen Touren im Wald.
Oder Sönke mit seinem Geflügelmastbetrieb, der keine Rechnungen mehr liest und auf einen Burnout zusteuert.
Oder Enno, der seinen Frust darüber, dass keiner der Söhne den Hof übernehmen will, an seiner Frau Tove auslässt.
Gerade auch an den Frauen macht Marita Behm die Entwicklung auf dem Dorf deutlich. Es sind unterschiedliche Frauengenerationen mit unterschiedlichen Rollenverständnissen.
Tove z.B. lässt sich lange von ihrem Mann Enno schikanieren , nicht nur, weil eine Scheudung nicht zu ihrem Bild einer Landfrau passt, sondern auch, weil sie finanziell von ihrem Mann abhängig ist.
Maggie ist aus Liebe zu Sönke aufs Dorf gezogen, hat ihren Traum von der Hotelfachfrau in New York aufgegeben und versucht nun, die perfekte Landfrau zu sein. Bis sie merkt, wie viel Kraft es sie kostet, diesem Image zu entsprechen.
Mit ihrer Tochter Marieke wächst eine andere Frauengenerationen heran, eine, die selbst die Richtung vorgibt und sich nicht mit der traditionellen Rolle der Landfrau begnügt.
Armin und Jutta sind die letzten, die aus einer Gruppe von Aussteigern übergeblieben sind. Eine Kommune haben sie hier gegründet, schon vor Jahrzehnten. Mit viel Idealismus und Illusionen den Traum vom freien und autarken Landleben geträumt. Nun teilen sich nur noch die Zwei die alte Schmiede, die Platz für viele Menschen böte. Jutta gibt Kurse im Schlachten von Hühnern und Armin renoviert leerstehende Häuser und Möbel. Die beiden verbindet Freundschaft oder doch ein bisschen mehr?
Marita Behm schaut genau hin, auch hinter die Fassaden. Sie lässt uns immer tiefer in das Beziehungsgeflecht der einzelnen Figuren bzw. Paaren hineinblicken. Dabei erzählt sie von Eheproblemen, finanziellen Nöten, althergebrachten Zwängen, geplatzten Träumen und manchem mehr.
So entsteht ein lebendiges Bild vom Leben auf dem Land, zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen Landlust und harter Arbeit. Romantisiert wird hier nichts, es ist keineswegs eine Idylle, aber auch keine Hölle, in der sich tiefe Abgründe auftun. Nein, alles wirkt äußerst realistisch und glaubhaft.
Auch die Figuren sind wie aus dem Leben gegriffen und ihre Beweggründe und Gefühle werden überzeugend vermittelt. Tiefe bekommt der Roman auch durch Rückblicke in die Vergangenheit einzelner Personen.
Das alles ist so packend geschildert, dass auf den beinahe 500 Seiten nie Langeweile aufkommt, sondern ein stetes Interesse, wie es wohl weitergehen mag. Auch das Ende hat mich überzeugt. Kein Happy- End, aber manches hat sich zum Positiven entwickelt.
Martina Behm hat mit ihrem Debut Unterhaltungsliteratur vom Feinsten geschaffen und man darf gespannt sein auf weitere Romane von ihr.

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Hinter den Türen

Das Haus der Türen von Tan Twan Eng

Der malaysische Autor Tan Twan Eng, dessen drei Romane allesamt für den Booker Prize nominiert waren, hat mich schon mit seinem zweiten Roman „ Der Garten der Abendnebel“ überzeugt.
Und William Somerset Maughams Erzählungen und Romane habe ich vor vielen Jahren verschlungen. Zwei Gründe, die mich zu diesem Buch greifen ließen.

Der britische Schriftsteller William Somerset Maugham zählt mit seinen Theaterstücken, Erzählungen und Romanen zu den berühmtesten und erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. In diesem Roman wird er nun selbst zum Protagonisten.
Als er im Jahr 1921 mit seinem Sekretär und Geliebten Gerald Haxton auf der malaiischen Insel Penang ankommt, befindet er sich in einer tiefen Krise. Eine Fehlinvestition hat ihn sein ganzes Vermögen gekostet und seine Frau in London droht mit Scheidung. Diese Probleme wirken sich auf seine Kreativität aus. Er hofft auf ein paar entspannte Tage im Hause seiner Gastgeber, den Hamlyns. Robert ist ein alter Freund aus Londoner Tagen, der hier als Anwalt arbeitet und mit der wesentlich jüngeren Lesley verheiratet ist. Die ist anfangs wenig angetan von dem homosexuellen Paar, bedauert Maughams Ehefrau, die sie in einer Scheinehe gefangen wähnt. Und der Schriftsteller sieht in ihr nur eine „ von vielen unglücklich verheirateten Frauen in den Tropen“, die unzufrieden ist von ihrem oberflächlichen und gelangweilten Alltag. Doch langsam vergessen beide ihre Vorurteile und Lesley findet in Willie, wie ihn seine Freunde nennen, einen aufmerksamen Zuhörer. Wohl mit dem Hintergedanken, Stoff für sein Schreiben zu finden. Viele Abende sitzen sie gemeinsam auf der Terrasse und Lesley geht in ihren Erzählungen zurück in das für sie bedeutsame Jahr 1910, in jenes Jahr, als Dr. Sun Yat-Sen in Penang für seine politische Bewegung Geld und Unterstützer sucht und ihre Freundin Ethel Proudlock wegen Mordes vor Gericht steht.
Lesley ist nicht nur fasziniert von dem chinesischen Revolutionär, der den Kaiser stürzen und aus China eine Republik machen will. Sie arbeitet mit in dieser Bewegung, ungewöhnlich für eine weiße Frau aus ihrer Klasse. Dabei lernt sie einen Mitstreiter Sun Yat-Sens kennen und lieben. Beide treffen sich heimlich in jenem titelgebenden „ Haus der Türen“, hier fühlt sie sich lebendig und begehrenswert, anders als in ihrer unglücklichen Ehe.
Zur gleichen Zeit verfolgt sie den Prozess gegen ihre Freundin, der vorgeworfen wird, einen zudringlichen Vergewaltiger erschossen zu haben.
Dieser Mordfall ist historisch verbürgt und Maugham wird ihn in seiner Erzählung „ Der Brief“ literarisch verewigen.
Tan Twan Eng greift also in seinem Roman auf historische Figuren und Fakten zurück und verknüpft diese gekonnt mit einer fiktiven Geschichte. Dabei wechseln die Erzählstimmen, einmal ist es Lesley, die zu Wort kommt, dann wieder„ Willie“.
Zu den beiden Zeitebenen kommt mit der Rahmenhandlung, die im Jahr 1947 angesiedelt ist, eine dritte hinzu. Dass der Leser dabei trotzdem nicht den Überblick verliert, ist der Erzählkunst des Autors zu verdanken. Souverän verknüpft er die verschiedenen Zeit - und Handlungsebenen.
Es sind im Grunde drei Geschichten, die er uns hier erzählt. Zum einen die des Schriftstellers in einer Schaffenskrise, dann die Lebens- und Liebesgeschichte einer Frau und dazu ein packendes Gerichtsdrama. Das alles vor dem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund Malaysias.
Bildgewaltig und ungeheuer lebendig erzählt der Autor von der kolonialen Vergangenheit seiner Heimat, von den Spannungen zwischen den Kulturen. Hier die weiße Oberschicht mit ihrem gesellschaftlichen Leben, mit ihren Regeln und Gesetzen, ihren Privilegien und ihrer Doppelmoral. Daneben die einheimische Bevölkerung, die sich wiederum aus verschiedenen Ethnien und Klassen zusammensetzt. Landschaft und Vegetation werden in stimmungsvollen Bildern heraufbeschworen .
Der Erzählton ist ruhig und melancholisch, das Tempo langsam. Es geht dem Autor weniger um Effekte, als um die subtile Beschreibung von Menschen und ihren Motiven. Jeder hat hier seine Geheimnisse, die es zu verbergen gilt. Spannung kommt erst im letzten Drittel auf, was ich aber keineswegs als Manko empfunden habe. Dafür ist die Sprache zu schön und die Geschichten und das Setting zu faszinierend. William Somerset Maugham hätte seine Freude an dem Roman gehabt.
Ich empfehle nach der Lektüre zu Maughams Erzählung „ Der Brief“ zu greifen.

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Geschichtsschreibung von unten

Schwebende Lasten von Annett Gröschner

Warum es dieser Roman nicht auf die Liste für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Umso mehr hoffe ich, ihn auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis zu finden.
Schon auf der ersten Seite wird uns die komplette Biographie der Hanna Krause im Schnelldurchlauf präsentiert, um sie dann auf den kommenden beinahe dreihundert Seiten mit Leben zu füllen.

Geboren noch im Kaiserreich 1913, hat sie zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, zwei Demokratien und zwei Weltkriege erlebt und überlebt, dabei viel Schlimmes durchgemacht, aber nie gejammert oder resigniert, sondern sich in das Unvermeidliche gefügt und alles getan, um ihre Familie durchzubringen und zusammenzuhalten.
In ärmliche Verhältnisse hineingeboren, wird sie früh elternlos. Ihre wesentlich ältere Stiefschwester wird sie bei sich aufnehmen. Dafür muss Hanna schon als Kind im schwesterlichen Blumengeschäft mitarbeiten. Und dabei wird der Grundstock gelegt für ihre beständige Leidenschaft für die Blumen. Sie sind ihr Trost und Freude bis an ihr Lebensende. „ …dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung.“
In Berlin lernt sie Karl kennen, beide heiraten und ziehen zurück nach Magdeburg. Hier im Knattergebirge, dem Armenviertel der Stadt, eröffnen sie einen kleinen Blumenladen und Hanna ist sehr erfindungsreich, um ihre Sträuße an den Mann zu bringen. Aber auf Karl kann sie nicht bauen. Er vertrinkt und verspielt das bisschen Geld, das sie einnehmen, ist nicht immer treu und wird schon vor Kriegsbeginn durch einen Arbeitsunfall zum Invaliden.
Die Kriegszeiten dann stellen die immer größer werdende Familie vor große Herausforderungen. Wie die Autorin diese Zeit beschreibt, gehört mit zum Eindringlichsten des Romans. Bei der Bombardierung Magdeburgs wird Hanna mit ihren Kindern in einer Kirche verschüttet und ihr ältester Sohn kommt im Feuersturm um. Nur vier ihrer sechs Kinder überleben den Krieg.
Im neuen Staat wird aus der Blumenbinderin Hanna eine Kranführerin, kein typischer Frauenberuf. Doch auch in der DDR fehlen Männer und die Arbeit wird gut bezahlt. Hanna fühlt sich wohl da oben, endlich einmal ein „ Raum für sich allein“. Zwanzig Jahre wird sie diese Arbeit machen, ihre Kinder großziehen und als ihr Mann tot ist und ihre Töchter aus dem Haus sind, kann sie ein selbstbestimmtes Leben führen und nochmals ihrer Liebe zur Blumenbinderei nachgehen.
Was Annett Gröschner hier erzählt ist ein Frauenschicksal, das exemplarisch steht für viele. Hanna ist eine Frau aus dem Volke, eine aus dem Heer der zahllosen Arbeiterinnen, die vergessen werden bei der Geschichtsschreibung, die aber den Laden am Laufen halten. Sie ist keine Heldin, nur eine Frau, die versucht in all den Umbrüchen „ anständig zu bleiben“.
Doch die Autorin beschreibt nicht nur eine private Geschichte; der gesellschaftspolitische Hintergrund spielt immer mit, er bestimmt das Leben der Figuren. Das alles wird wunderbar miteinander verwoben.
Zusammengehalten wird das Ganze durch ein Stilleben eines holländischen Meisters. In einer Schlüsselszene des Romans betritt eines Tages im Jahr 1938 ein mysteriöser Herr Hannas Blumenladen und er hat einen ungewöhnlichen Auftrag. Sie solle einen Strauß binden, der dem auf einer Postkarte entspricht: „Ambrosius Bosschaert ( 1573-1621), Vaas met bloemen“, steht auf deren Rückseite. Die Schwierigkeit für Hanna besteht darin, dass die Blumen zu völlig unterschiedlichen Zeiten blühen. Nach einem großzügigen Vorschuss setzt Hanna alles daran, den Auftrag zu erfüllen. Der Kunde wird nicht wiederkommen, aber Hanna bekommt dafür eine Ahnung von einer Welt außerhalb ihres gewohnten Umfelds, einer Welt der Schönheit und der Kunst . Dieses Stilleben gibt dem Roman seine Struktur, ist doch jedem Kapitel die Beschreibung einer Blume aus dem Gemälde vorangestellt.
Der Roman liest sich leicht, schon allein durch die chronologische Erzählweise und die Konstanz in der Perspektive. Alles wird aus Hannas Sicht erzählt, so bleiben wir immer ganz dicht bei ihr. Die Sprache ist nüchtern und lakonisch, ohne jegliche Sentimentalität, dafür mit einem ganz eigenen Witz. Die Autorin vermeidet es zu psychologisieren. Was in Hanna vorgeht, wird nicht ausbuchstabiert, doch wir ahnen, wie es in ihr aussieht. Es geht selten um ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte, dafür ist sie zu sehr gefangen in einem Netz aus Verpflichtungen und Fürsorge. Mag sie auch manchmal hart erscheinen, hart gegenüber sich selbst und anderen, so tut sie doch alles, um die Ihren zu schützen und zu versorgen.
Annett Gröschner erzählt dieses Frauenleben ungeheuer lebendig und plastisch, mit einem Gespür für ausdrucksstarke Szenen und Episoden.
Der poetische Titel entstammt aus der Sprache des Arbeitsschutzes und bezieht sich auf Objekte, die beispielsweise von Kränen gehoben werden. Gleichzeitig verweist das poetische Paradoxon, auf all das, was Hanna in ihrem Leben aufgebürdet wurde.
Der Roman ist außerdem eine Liebeserklärung an Magdeburg, die Geburtsstadt der Autorin.
Und wer wissen möchte, wie der Alltag für viele in den beiden Diktaturen aussah, ist nach der Lektüre schlauer. Gerade Westdeutsche erfahren hier viel Unbekanntes, abseits der üblichen Klischees, über den Alltag in der DDR.
„ Schwebende Lasten“ ist ein großartiger Roman über eine beeindruckende, starke Frau und über das vergangene Jahrhundert. Lesen? Unbedingt!

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Lebenslinien

Flusslinien von Katharina Hagena



2008 erschien Katharina Hagenas äußerst erfolgreiches Debut „ Der Geschmack von Apfelkernen“. Seitdem hat sie zwei weitere Romane veröffentlicht , außerdem u.a. ein Buch über das Singen, eine Passion von ihr.
Nun also ihr vierter Roman mit dem mehrdeutigen Titel „ Flusslinien“: Und am Fluss leben auch ihre drei Protagonisten.

Margrit ist 102 Jahre alt und lebt seit zehn Jahren in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Täglich lässt sie sich von dem vierundzwanzigjährigen Arthur zum Römischen Garten fahren, wo sie ihren Gedanken und Erinnerungen nachhängen kann. Zu Besuch kommt regelmäßig ihre Enkelin Luzie.
Der Einstieg in den Roman fällt leicht und die Figuren bekommen schnell Konturen. Vor allem Margrit hat es mir angetan. Mag auch ihr Körper alt geworden sein, ihr Geist ist noch sehr wach. Sie nimmt regen Anteil an ihrer Umgebung und ist offen für Neues. Es ist ein bewegtes Leben, auf das sie zurückblicken kann, mit einer Kindheit ohne Vater, dem frühen Tod der Mutter, die im Bombenhagel ums Leben kam, einem Ehemann und einem Geliebten. Mutter wurde sie erst spät. Sohn Frieder lebt mittlerweile mit seiner zweiten Frau und den gemeinsamen Kindern in Australien. Erfüllung fand Margrit in ihrem Beruf als Unterrichtende in Stimmbildung und Atemtherapie.
Mit dem Römischen Garten verbindet sie die Erinnerung an ihre Mutter. Wurde dieser Garten doch von Else Hoffa in den 1920er Jahren angelegt. Else Hoffa war damals die Obergärtnerin der jüdischen Familie Warburg und zeitweise die Geliebte ihrer Mutter.
Hier verbindet die Autorin ihre fiktive Geschichte mit einer historisch verbürgten Figur. Else Hoffa gab es wirklich und ihre Biographie wird in den Roman eingeflochten.
Zwischen den drei Hauptfiguren liegen Jahrzehnte. Während die eine auf viel Vergangenheit zurückblicken kann und nur noch wenig Zukunft vor sich hat, liegt das Leben noch vor den anderen beiden. Trotzdem tragen auch sie schon schwer an Vergangenem. Welche Traumata sie quälen, welche Verluste sie erlitten haben, erfährt der Lesende erst nach und nach.
Luzie hat kurz vor dem Abitur die Schule abgebrochen und lebt nun ganz allein in einem DLRG- Häuschen unten an der Elbe. Der Grund dafür liegt in einem Vorfall während ihres Auslandaufenthalts in Australien. Ihre Verletztheit und ihr dadurch bedingtes sprödes Verhalten beschreibt die Autorin mit sehr viel Empathie. Verständnis und Unterstützung erfährt das junge Mädchen kaum. Ihr Vater lebt weit weg und ihre Mutter ist dabei, sich selbst zu finden. Nur bei Margrit fühlt sie sich wohl. Die unterstützt sie auch in ihrem Ziel, Tätowiererin zu werden und bietet sich selbst als Übungsobjekt an. Den Einwand, ein Tatoo sei für immer, wehrt sie ab: „ …mein für immer ist eine sehr absehbare Zeit.“
Auch bei Arthur rätselt der Leser lange, was ihn so belastet. Früher arbeitete er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder als Taucher. Nun jobbt er als Fahrer in der Seniorenresidenz, kutschiert die Betagten zur Dialyse oder in den Römischen Garten. Daneben erfindet er Sprachen, sog. Conlang ( = Constructed language) für Science Fiction- oder Fantasy- Geschichten , oder sucht mit seiner Sonde den Elbstrand ab.
Es sind alle drei ungewöhnliche Figuren mit einem interessanten Hintergrund, die uns Katharina Hagena mit viel Empathie nahebringt. Äußere Geschehnisse fließen in den Text ein, so wie sie unser aller Leben beeinflussen, so z.B. Margrits Erinnerungen an den Krieg oder an die Shoa ( eine Musiklehrerin verschwindet von einem Tag auf den andern) oder der Klimawandel, der sich auch in der Elblandschaft ablesen lässt. Manches dagegen, vor allem zum Ende hin, wirkt etwas gewollt wie z.B. Arthurs Reise nach Belarus.
Die Handlung erstreckt sich über zwölf Tage, denen jeweils ein längeres Kapitel gewidmet ist. Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive der drei Hauptfiguren. Jeder Tag wird eingeleitet mit einer kurzen, aber sehr atmosphärischen und poetischen Beschreibung der Natur am Rande der Elbe. Erst am Ende wird aufgelöst von wem diese lyrischen Passagen stammen.
Es ist eine ruhige Erzählweise, wie die Elbe fließt sie dahin. Das meiste findet in den Gedanken und Erinnerungen der Figuren statt. Dabei gibt es viele kluge, nachdenkenswerte Überlegungen , z.B. über die verschiedenen Formen von Stille ( „ …jene Stille, die eintritt, nachdem der Besuch gegangen ist“ ) oder von Schweigen. ( „ Es gibt so viele Schweigen, wie es Gefühle gibt….Ein beredtes Schweigen klingt anders als ein vielsagendes Schweigen.“) Daneben finden sich humorvolle Wortverdrehungen wie „ Internetz“, das voll ist von Leuten, die „ nur senden, und niemand mehr empfangen.“ Oder die App, mit der man Pflanzen erkennen kann, wird bei Margrit zum „ Pflanzenerkennungssepp“.
Leider verliert sich der positive Leseeindruck zum Ende hin. Einige Episoden sind nicht nur unnötig, sondern verwässern das Ganze. Manches ist schlicht unglaubwürdig . Schade!
Trotzdem halte ich „ Flusslinien“ für einen lesenswerten Roman, der Themen wie Alter und Tod, Familie und Freundschaft, Traumata und Verluste auf berührende Weise verhandelt. Ein Buch voller Symbolik und Anspielungen, die sich möglicherweise erst bei einer zweiten Lektüre ganz erschließen.

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Irische Erzählkunst vom Feinsten

Der Junge aus dem Meer von Garrett Carr




„ Wir waren ein zäher Menschenschlag, geformt vom Leben mit dem Atlantik. Ein paar Tausend Männer, Frauen und Kinder, die sich an die Küste klammerten und versuchten, trocken zu bleiben. Unsere Stadt war nicht einfach nur eine Stadt, sie war eine Notwendigkeit und ein Schicksal.“
Der irische Autor Garrett Carr wählt eine ungewöhnliche Erzählperspektive für seinen Debutroman „ Der Junge aus dem Meer“.

Die Wir- Perspektive bezieht den Leser mit ein und lässt ihn selbst zu einem Beobachter der Geschehnisse werden.
Schauplatz ist eine kleine Stadt an der Westküste Irlands. Hier wird eines Tages im Jahr 1973 ein Baby in einem halben Fass am Strand gefunden. Der ganze Ort ist fasziniert von diesem mysteriösen Fund, diesem „ Geschenk aus dem Meer“. Und so sind alle dankbar, als sich der Fischer Ambrose und seine Frau Christine des Kindes annehmen. Sie adoptieren den kleinen Jungen und geben ihm den Namen Brendan. Das Ehepaar hat schon einen Sohn, den zweijährigen Declan, und der reagiert höchst ungehalten mit einem „ Warum“ auf den Eindringling. Für ihn ist das Baby ein Störfaktor, der schleunigst wieder verschwinden soll. Und an dieser Haltung wird er sehr lange festhalten.
Auch zwischen Christine und ihrer unverheirateten Schwester Phyllis gibt es Reibereien. Die ältere Schwester fühlt sich benachteiligt, weil sie sich um den knurrigen alten Vater kümmern muss und kritisiert gerne an Christine herum.
Die Jahre gehen vorüber. Declan verfolgt eifersüchtig die Entwicklung seines jüngeren Bruders; beide gehen, älter geworden, getrennte Wege. Und Ambrose und seine Frau werden von Geldsorgen geplagt. Mit seinem kleinen Boot ist Ambrose bald nicht mehr konkurrenzfähig und muss immer weiter aufs Meer hinausfahren, um überhaupt noch einen Fang zu machen.
Zwanzig Jahre begleiten wir nun das Leben dieser Familie. Im Zentrum steht dabei die Rivalität der beiden Brüder und ihr Kampf um die Liebe des Vaters.
Gleichzeitig werden wir aber auch Zeugen der gesellschaftlichen Entwicklung im Ort. Die meisten Einwohner leben vom Meer; sie heuern entweder auf einem Fischkutter an, finden Arbeit in der Fischfabrik oder transportieren mit Lastwagen den Fang durchs Land. Die Arbeit ist hart und gefährlich, doch die meisten haben ihr Auskommen. Aber nun mit dem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, dem Vorläufer der EU, im Jahr 1973 ändert sich vieles. Während die irischen Bauern unbedingt in die EWG eintreten wollen, möchten die irischen Fischer ihre Gewässer auf keinen Fall mit anderen teilen. Unter den neuen Bedingungen gibt es bald keinen Platz mehr für kleine Fischer wie Ambrose. Und Ambrose muss einen Weg finden, wie er weiter für seine Familie sorgen kann. „ In Ambroses Jugend hatte Geldmangel noch ausgesehen wie in den Geschichtsbüchern: Arme Leute hatten damals keine Elektrizität, kein Bankkonto, keine Zähne, aber sie hatten auch keine Schulden, sie lebten jenseits des Geldes, …, unterstützt von Verwandten und der Gemeinschaft. Aber solche armen Leute gab es nicht mehr; alle hatten jetzt Geld, nur eben nicht genug. Geldmangel war zu etwas Bösartigem geworden,…Er machte sich im Kopf breit und ließ einen keine Ruhe,…Und es war fast unmöglich, darüber zu sprechen.“
Der Autor erzählt mit sehr viel Wärme und Humor eine sehr irische Geschichte. Es ist ein besonderer Menschenschlag, der hier lebt, geprägt von der kargen Landschaft und der Unberechenbarkeit des Meeres. „ Generation um Generation von Horizontbeobachtern, die lieber in eine wortlose Unermesslichkeit blickten als auch nur eine Sekunde lang in ihr Inneres.“ Einerseits wortkarg, andererseits immer für eine gute Geschichte zu haben. Und über allem das verbindende „ Wir“ , einer Gemeinschaft, die Anteil nimmt und zusammenhält.
„ Der Junge aus dem Meer“ ist ein wunderbarer Roman mit unverwechselbaren Figuren, voller Atmosphäre und unverhoffter Wendungen, sprachlich auf hohem Niveau. Es ist zu wünschen, dass der Autor seinem Debut noch viele Bücher folgen lässt.

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Frauenleben

Dream Count von Chimamanda Ngozi Adichie

Mehr als zehn Jahre mussten Fans der Autorin auf einen neuen Roman warten. Seit ihrem Welterfolg „ Americanah“ von 2013 hat Chimamanda Ngozi Adichie feministische Essays geschrieben, sowie ein Trauerbuch nach dem Tod ihrer Eltern, dabei sich zu politischen und feministischen Themen geäußert und drei Kinder bekommen.

Nun ist er da, der lang ersehnte Roman von ihr.

Vier Schwarze Frauen stehen im Zentrum, drei aus Nigeria, eine aus Guinea.

Den Anfang macht Chiamaka, eine Frau Anfang Vierzig und in Amerika lebend. Sie stammt aus der nigerianischen Oberschicht und arbeitet als Reiseschriftstellerin. Nun aber zwingt sie das Coronavirus zur Isolation und Untätigkeit und sie zieht Bilanz, über ihr Leben, über ihre Träume und v.a. über ihre vergangenen Beziehungen. Denn obwohl sie schön und reich ist, lebt sie allein. Sie wünscht sich nicht unbedingt Heirat und Kinder, ihr Traum ist ein anderer. „ Ich habe mich immer danach gesehnt, von einem anderen Menschen erkannt zu werden, wirklich erkannt.“

Dieser erste Satz im Roman ist elementar, nicht nur für Chia, sondern für den ganzen Roman. Und in diesem Zusammenhang ist auch der Titel „ Dream Count“ zu interpretieren. Es ist ein Wortspiel, das sich auf den Begriff „ Body Count“ bezieht. Im Krieg meint dieser die Anzahl der getöteten Gegner, in der Liebe die Anzahl der Sexpartner. „ Dream Count“ nun ist eine Bilanz unserer Träume, der geplatzten, der aufgeschobenen, der unerfüllt gebliebenen.

Und interessant ist, wie sehr sich Chia abhängig gemacht hat von den Männern, die sie einmal geliebt hat. Drei Jahre lang war sie mit einem Mann zusammen, der sie immer wieder demütigte und man fragt sich beim Lesen, warum sie das so lange mit sich machen lässt. Und so gibt es noch einige Episoden mit längst verflossenen Liebhabern.

Auch bei Zikora dreht sich vieles um das Thema Mann. Sie ist eine Freundin von Chiamaka und lebt als erfolgreiche Anwältin in Washington. Sie träumt schon lange von einer eigenen Familie, doch als sie endlich schwanger ist, macht sich der zukünftige Vater aus dem Staube. In dieser Situation findet sie in ihrer Mutter Hilfe und Unterstützung, obwohl das Verhältnis zwischen ihnen bisher sehr unterkühlt war.

Die dritte Frau in diesem Kreis Omelogor, Chias Cousine, eine erfolgreiche Bankerin in Nigeria, liebt dagegen ihre Unabhängigkeit und weiß, dass sie keinen Mann ständig an ihrer Seite braucht. Trotzdem ist sie irritiert, als eine Tante in Bezug auf ihre Kinderlosigkeit meint: „ Tu nicht so, als wärst du zufrieden mit deinem Leben.“

Immer noch, und nicht nur in afrikanischen Kulturen, gilt ein Frauenleben ohne Mann und Kind als unvollständig.

Es sind keine feministischen Ikonen, die uns die Autorin hier präsentiert, sondern moderne Frauen, die sich zwar aus manchen Fesseln befreit haben, sich aber nicht ganz dem Druck von außen entziehen können.

Die vierte Frau, der Adichie ein ganzes Kapitel widmet, sticht aus diesem Kreis hervor. Nicht nur, weil sie aus Guinea stammt, sondern weil sie nicht wie die drei anderen der Oberschicht angehört. Kadiatou ist in einem afrikanischen Dorf aufgewachsen und ist als Geflüchtete in die USA gekommen. Hier arbeitet sie als Haushälterin bei Chiamaka und hofft endlich auf ein ruhiges, gesichertes Leben. Diese Hoffnung zerschlägt sich, denn sie wird Opfer eines sexuellen Übergriffs. In einem Hotel, in dem sie als Zimmermädchen arbeitet, wird sie von einem reichen prominenten Gast vergewaltigt. Die anschließende Untersuchung und Befragung wird zu einem demütigenden Spießrutenlauf für die Frau. Adichie hat sich hier, wie sie im Nachwort schreibt, an dem Fall Dominique Strauss-Kahn orientiert.

Die Autorin verwebt die Geschichten dieser vier Frauen gekonnt miteinander, Chiamaka ist das Bindeglied und der Rahmen des Romans. Während Adichie die Kapitel von Chia und Omelogor aus der Innensicht der Figuren schreibt, so erhalten Zikara und Kadiatou keine eigene Stimme. Ihre Abschnitte werden aus der dritten Person geschildert.

Adichie betrachtet sehr genau das Leben heutiger Frauen und ihre Probleme. So geht es um die Erwartungen an ein gelungenes Leben, um das Verhältnis zu den Eltern, um Freundschaften zwischen Frauen und vieles mehr. Dabei richtet sie aber auch ihren Blick auf das gesellschaftliche Umfeld, auf Missstände in den USA und in Nigeria.

Omelogor, die Karriere in einer Bank gemacht hat, gibt uns einen genauen Einblick in die kriminellen Machenschaften, in die Banken, Geschäftsleute und korrupte Politiker verstrickt sind. Und an ihr können wir auch sehen, mit welchen Vorurteilen und Hemmnissen Frauen in Führungspositionen zu kämpfen haben.

Das Schicksal Kadiatous hat mich am meisten berührt; hier bekommt der Lesende eine Vorstellung von den patriarchalen Strukturen ihres Landes. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hat sie früh Vater und Schwester verloren. Später kommt ihr Ehemann in einem Bergwerk um. Unter vielen Schwierigkeiten gelingt es ihr, mit ihrer Tochter Asyl in Amerika zu erhalten. Doch auch hier findet sie nicht das Glück, das sie erträumt.

Der Roman ist voll von Geschichten und es gibt eine Fülle an Szenen, die im Gedächtnis bleiben, so die einer Beschneidung oder die einer Geburt. Nichts, was ein Frauenleben ausmachen kann, wird ausgespart. Das alles wird erzählt in einer kraftvollen Sprache mit scharfsinnigen Dialogen und genauen Beobachtungen.

Und Adichies Charaktere sind Menschen aus Fleisch und Blut: nicht immer sympathisch, sondern widersprüchlich und ambivalent.

Auch wenn „ Dream Count“ nicht an die literarische Qualität von „ Americanah“ heranreicht, so ist es doch ein Buch, das unbedingt lesenswert ist.

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Mehr als eine Mutter-Tochter-Geschichte

Halbinsel von Kristine Bilkau

Kristine Bilkau, eine Meisterin der leisen Töne, bleibt auch im neuen Roman ihrem Stil treu.
Annett, die 49jährige Ich- Erzählerin, arbeitet als Bibliothekarin und lebt ansonsten zurückgezogen auf einer kleinen Halbinsel in der Nähe von Husum. Hier hat sie nach dem frühen Unfalltod ihres Mannes die Tochter Linn allein großgezogen.

Nun ist Linn erwachsen und längst weg von zuhause..
Da bekommt Annett eines Tages den Anruf einer Klinik in Neubrandenburg. Ihre Tochter Linn habe bei ihrem Vortrag einen Schwächeanfall erlitten und liege nun im Krankenhaus. Wie konnte das sein?
Annett war stolz auf ihre kluge und engagierte Tochter. Nach dem Abitur hatte Linn zunächst in Schweden und in den rumänischen Karpaten bei Aufforstungsarbeiten geholfen und nun nach dem Studium Arbeit bei einer Firma gefunden, die sich um Umweltprojekte kümmert.
Die Mutter reist sofort ans Krankenbett der Tochter und holt sie zu sich nach Hause.
Aus den angedachten acht Tagen Erholung wird eine Pause von mehreren Monaten. Und Mutter und Tochter müssen sich wieder aneinander gewöhnen, ihre Beziehung neu sortieren.
Annett ist zunächst besorgt, will helfen und verstehen, doch Linn vermeidet jegliches Gespräch über ihren Zustand. Als die Tochter dann noch ihren Job kündigt und ihre Wohnung in Berlin auflöst, ist Annett ratlos. Wie soll das weitergehen, sie beide unter einem Dach? Die Tochter sollte doch ihr eigenes Leben führen und nicht wieder zurück ins Kinderzimmer ziehen.
Es ist ein langsamer Prozess, in dem sich die beiden Frauen wieder näher kommen und den Kristine Bilkau feinfühlig beschreibt.
Der fragile Zustand der Tochter weckt schmerzhafte Erinnerungen an den Tod des Mannes, der bei einer Joggingtour zusammengebrochen und gestorben ist. Hat Annett danach ihre Tochter erdrückt mit ihrer Fürsorge und ihren Erwartungen? Das wirft ihr Linn zumindest vor. Und Annett muss zugeben, dass sie enttäuscht ist, als die Tochter beim örtlichen Bäcker einen Aushilfsjob annimmt. Und ja es stimmt, sie hat lange versucht, ihr Kind vor der Wirklichkeit zu beschützen. „ Ich hatte Linn die Zukunft als großes Versprechen verkauft.“
Darin werden sich viele Eltern wieder erkennen. Man möchte den Kindern Hoffnung geben, sie bestärken darin, dass die Welt ein guter und gerechter Ort ist. Dabei wissen wir viel zu gut, dass das nicht stimmt. Nein, im Gegenteil! Wir hinterlassen unseren Kindern und Enkelkindern eine Welt voller Probleme, wobei der Klimawandel etwas ist, was sehr konkret die Zukunft unserer Kinder bedroht.
Linn hat sich schon früh für dieses Thema interessiert. Ihr Engagement im Umweltschutz war für sie eine Möglichkeit, dagegen zu halten . Umso größer dann ihre Enttäuschung, als sie feststellt, dass ihr Arbeitgeber Firmen und Institutionen beim „Reinwaschen“ mit CO2 - Zertifikaten hilft. Deshalb möglicherweise der Zusammenbruch, deshalb die Kündigung.
Es ist aber nicht nur die Tochter, die sich neu orientieren muss, auch Annett steht vor der Frage, wie ihr Leben weitergehen soll. Sollte sie irgendwo anders einen Neuanfang wagen? Die stille Auseinandersetzung mit der Tochter führt dazu, dass auch sie vieles in Frage stellt und mit neuer Energie die Dinge anpackt.
Kristine Bilkau beschreibt diesen Prozess sehr ruhig und unaufgeregt. Vieles wird nur angedeutet, steht zwischen den Zeilen. Das lässt genügend Raum für eigene Gedanken und Interpretationen.
Maßgeblich für die Atmosphäre des Romans ist auch sein Schauplatz, die Küstenlandschaft vor der Nordsee, einem beständigen Wandel unterworfen und mit seinen verheerenden Sturmfluten in der Vergangenheit Menetekel für die Zukunft.
Literarische Verweise, die die Themen des Romans illustrieren, finden sich einige im Roman. Da ist z.B. ein ins Meer hinaustrabender Schimmel, der sogleich an Theodor Storms „ Schimmelreiter“ denken lässt. Dann Liliencrons Gedicht über die in der Nordsee versunkene Stadt Rungholt und Ibsens Drama „ Ein Volksfeind“, in dem die Öffentlichkeit genauso wenig die Wahrheit hören will wie heute beim Klimawandel.
Ja, es steckt ungemein viel in diesem schmalen Buch, trotzdem wirkt es nicht überfrachtet. Denn Kristine Bilkau bringt all diese Themen sehr subtil im Text unter.
So ist „ Halbinsel“ das Porträt einer Mutter- Tochter- Beziehung und zugleich ein Roman, der aktuelle Probleme aufgreift und Verständnis weckt für die Ängste und Nöte einer Generation. Völlig zurecht mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

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Krimi, Familiengeschichte, Gesellschaftsporträt

Der Gott des Waldes von Liz Moore




„ Long Bright River“ von Liz Moore habe ich gerne gelesen und mit dementsprechend hohen Erwartungen bin ich an ihren neuen Roman herangegangen und nicht enttäuscht worden.
Wir sind im Sommer 1975 in den Adirondack Mountains. Hier findet wie jedes Jahr ein Sommercamp für Kinder statt und die gut betuchten Familien Neuenglands schicken alljährlich ihren Nachwuchs hierher.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit der Natur soll ihnen hier vermittelt werden. So hatte es sich der Gründer des Camps, Peter Van Laar, vorgestellt und das Camp nach seinem Lieblingsphilosophen Emerson benannt. Unter der Aufsicht von Betreuern gibt es jede Menge Spaß und Unternehmungen für die Kinder; der Höhepunkt ist immer ein mehrtägiges Überlebenstraining im Wald.
Auf dem weitläufigen Gelände der Van Laars liegt dieses Ferienlager und über diesem thront das feudale Wohnhaus der Familie, ein Chalet namens „ Self-Reliance“, zu Deutsch „ Eigenständigkeit“, „ Selbstvertrauen“.
Wie jedes Jahr verbringt die reiche Bankiersfamilie Van Laar, Nachkommen jenes Gründers, ihre Sommermonate in den Adirondacks Mountains, laden Freunde und Verwandte ein.
In diesem Sommer nimmt auch die dreizehnjährige Tochter der Van Laars am Lagerleben teil. Barbara ist ein aufmüpfiger Teenager, widersetzt sich beständig allen Familienregeln und Mutter Alice ist froh, eine Zeitlang nicht Barbaras Launen ausgesetzt zu sein.
Doch eines Morgens ist Barbaras Koje leer und sie bleibt auch nach längerer Suche nicht auffindbar.
Das reißt alte Wunden auf, denn 14 Jahre zuvor ist schon Barbaras damals achtjähriger Bruder Bear spurlos verschwunden. Und obwohl sich die ganze Gegend an der Suche nach dem Jungen beteiligt hat, fand sich keine Spur von ihm, bis heute nicht.
Kann das ein Zufall sein? Oder gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen? Ist der aus dem Gefängnis geflohene Serienmörder Jacob Sluiter, genannt „ der Schlitzer“, der Täter? Immerhin wird er für zahlreiche Morde in der Gegend verantwortlich gemacht. Aber warum reagiert die Familie seltsam unberührt auf Barbaras Verschwinden? Und was wissen die Kinder aus dem Camp darüber und welche Geheimnisse verbergen die Betreuer?
Es sind viele Fragen, die sich im Verlauf der Lektüre einstellen. Und mit einem sicheren Gespür für Spannung und Timing entwirft die Autorin ihre breit angelegte Geschichte. Dabei wird es auf den beinahe 600 Seiten niemals langweilig. Dafür sorgen auch zahlreiche, gut eingebaute Cliffhänger.
Wir erfahren von der aufwendigen Suchaktion nach dem Mädchen, bei der sich wieder wie damals Menschen aus der ganzen Gegend beteiligen. Und wir verfolgen die Ermittlungen der Polizei, die bald einige Verdächtige aufweisen kann.
Doch Liz Moore belässt es nicht bei den Geschehnissen rund um Barbaras Verschwinden, sondern geht zurück in die Vergangenheit der Familie. In den Sommer 1961, als der Erstgeborene auf mysteriöse Weise in den Wald ging und nie zurückkehrte. Und noch weiter zurück in die Jahre, als sich die Eltern der beiden Kinder kennenlernten.
Dabei nimmt die Autorin die Perspektiven wechselnder Figuren ein. Das ergibt ein vielstimmiges Bild der Geschehnisse und der darin verstrickten Personen.
Der Leser findet sich aber gut zurecht in diesem multiperspektivischen und auf verschiedenen Zeitebenen spielenden Erzählen. Dafür sorgen ein Zeitstrahl und eine Namensangabe über den einzelnen Kapiteln.
Außerdem lässt sich die Autorin Zeit, ihre Geschichte zu entwickeln. Viele der Figuren, auch Nebenfiguren, bekommen eine Biographie, so dass jeder Charakter unverwechselbar und glaubhaft wird.
Dabei beleuchtet sie sehr genau die Unterschiede zwischen den Klassen und den Geschlechtern. Da sind auf der einen Seite die Reichen, die Van Laars und ihre Freunde, die bestimmend und selbstherrlich agieren. Sie haben die Macht und das Geld und die nötigen Beziehungen und scheuen sich nicht, dies für ihre Zwecke einzusetzen. Während die weniger Privilegierten schauen müssen, wo sie bleiben.
Dass die Rolle der Frau in jenen Jahren, in den frühen Sechziger bis weit in die Siebziger Jahre des letzen Jahrhunderts, eine andere war als heute, wird an einigen Beispielen gezeigt. So steht Alice, die Mutter der beiden Kinder, ganz im Schatten ihres dominanten Mannes und Judyta hat als erste State Troopers der USA einen schweren Stand bei ihren männlichen Polizeikollegen. Aber diese schafft es, sich nicht nur aus dem Einfluss ihrer konservativen Familie zu befreien, sondern auch allen zu beweisen, was in ihr steckt.
Einen Roman mit dieser komplexen Struktur sicher über die Ziellinie zu bringen ist nicht leicht. Doch die Autorin hält souverän alle Fäden in der Hand und die Spannung bis zum Schluss.
Aber auch der Schauplatz des Romans trägt zum Lesevergnügen bei. Mit ihrer bildhaften Sprache hat Liz Moore die Atmosphäre dieser urwüchsigen Gegend in den Adirondack Mountains wunderbar eingefangen, ebenso die Stimmung im Camp, zwischen Abenteuer und Lagerfeuer.
So ist „ Der Gott des Waldes“ ein fesselnder Unterhaltungsroman, der zugleich Krimi, Familiengeschichte und Gesellschaftsporträt ist.

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