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Rezensionen von Ruth:
Lesenswerter Klassiker
Norden und Süden von Elizabeth Gaskell
Elizabeth Gaskell (1810 -1865) gilt in ihrer Heimat als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des viktorianischen Zeitalters, in Deutschland dagegen ist sie eher weniger bekannt. Deshalb ist es zu begrüßen, dass der Reclam Verlag in seiner Reihe „ Reclams Klassikerinnen“ ihren Roman „Norden und Süden“ neu übersetzt und herausgegeben hat.
Ursprünglich ist der Roman in zwanzig Fortsetzungen in der von Charles Dickens herausgegebenen Zeitschrift „Household Words“ erschienen. Eine überarbeitete Buchausgabe folgte 1855.
Viele von Elizabeth Gaskells eigenen Erfahrungen sind in den Roman eingeflossen; darauf wird auch im informativen Nachwort hingewiesen.
Wir sind in England Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Industrialisierung löst die alte Agrarwirtschaft und damit die alten herrschende Klassen ab.
Margaret Hale, eine Pfarrerstochter aus der südenglischen Provinz, freut sich nach Jahren bei der Londoner Verwandtschaft auf ihre Rückkehr ins Elternhaus. Doch als ihr Vater aus Gewissensgründen seine Stelle als Landpfarrer aufgibt, zieht die Familie nach Milton, eine aufstrebende Industriestadt im Norden Englands, die Manchester, dem Wohnort Gaskells, nachempfunden ist.
Für Margaret und ihre Mutter ist die neue Umgebung ein Schock: Schmutz und Lärm und ein gesellschaftlich rauer Ton stoßen sie ab. Welch ein Unterschied zur ländlichen Idylle, die sie verlassen mussten.
Margaret blickt voller Standesdünkel auf die neureichen Emporkömmlinge in Milton herab. Ihre Vorurteile sieht sie bestätigt, als sie den 30jährigen Fabrikbesitzer Thornton kennenlernt. Die beiden liefern sich erbitterte Wortgefechte. Dabei ahnt der Lesende schon früh, dass sich hier eine Liebesgeschichte anbahnt. Bis es aber so weit ist, müssen noch einige Hürden überwunden werden. Vorbehalte, Vorurteile und Missverständnisse stehen ihrer Liebe im Weg.
Margaret lernt in Milton aber auch die Schattenseiten des neu entstehenden Kapitalismus kennen. Durch die Begegnung mit der gleichaltrigen Bessy wird sie mit den Lebensbedingungen der Arbeiterschaft konfrontiert. Die junge Frau ist todkrank, sie leidet an einer Staublunge, als Folge ihrer Arbeit in der örtlichen Baumwollfabrik. Margaret versucht die Familie zu unterstützen, so gut sie kann. Und Bessys Vater Mr. Higgins kämpft als Gewerkschaftsführer für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Höhepunkt des Romans ist ein Streik der Arbeiter. Und als Thornton irische Streikbrecher in die Stadt holt, kommt es zu einem Aufstand ins Thorntons Fabrik.
Margaret Gaskell hat mit „Norden und Süden“ einen vielschichtigen Roman geschaffen.
Zum einen erzählt sie eine unterhaltsame Liebesgeschichte, mit all den Verwirrungen, Eifersüchteleien und Fehlinterpretationen, wie sie typisch sind für Romane dieser Zeit.
Zum anderen liefert das Buch v.a. ein Gesellschaftsportrait des aufkommenden Industriezeitalters. Dabei zeichnet die Autorin ein sehr realistisches Bild von den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft. Sie zeigt die Spannungen auf zwischen Fabrikbesitzern und Arbeitern und ihre Sympathie gilt letzteren. Dabei propagiert sie nicht den Klassenkampf, sondern hofft auf eine Einigung durch den Dialog.
Nicht zuletzt haben wir es hier mit einem Entwicklungsroman zu tun, nicht nur in Bezug auf die Hauptfigur.
Margaret ist zwar von Anfang an eine intelligente und eigensinnige Persönlichkeit. Doch sie emanzipiert sich zunehmend im Verlauf der Geschichte, ist bereit, ihre vorgefertigten Meinungen zu hinterfragen und zu revidieren. Früh muss sie Verantwortung übernehmen, zahlreiche Schicksalsschläge lassen sie reifen. Aus dem ruhigen und mittellosen Mädchen wird eine Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Eine Erbschaft lässt sie sogar finanziell unabhängig werden.
Und Thornton, der zu Beginn noch davon überzeugt ist, dass es jeder nach oben schaffen kann, wenn er nur fleißig und zielstrebig genug ist, wird eines Besseren belehrt.
Auch wenn wir heute nicht mehr jede Gefühlsregung und jede Verhaltensweise der Protagonisten nachvollziehen können, so hat Margaret Gaskell ihre Figuren doch psychologisch stimmig entwickelt. Sie lässt ihnen ihre Fehler und Macken, gibt ihnen aber die Chance zur Weiterentwicklung. Auch die Nebenfiguren werden realistisch und nuancenreich gezeichnet. Gerade im Kontrast zueinander entwickeln sie Profil.
Der Roman lebt auch von seinen Gegensätzen:
Norden und Süden stehen sich gegenüber, verkörpert in den beiden Hauptfiguren Margaret und Thornton. Der Süden steht für die alte Gesellschaftsordnung, der Norden für die aufkommende.
Es gibt den Konflikt zwischen Arbeiterschaft und Fabrikbesitzer, personifiziert in Higgins und Thornton.
Die Autorin will die Gegensätze miteinander versöhnen, hofft auf eine Annäherung durch gegenseitiges Kennenlernen. Dass Gaskell keine radikalen Forderungen stellt, sondern in ihrem Buch für Versöhnung und Dialog eintritt, ist sicherlich ihrem christlichen Weltbild geschuldet.
Wir lesen den Roman als Produkt seiner Zeit und da war Elizabeth Gaskell ihrer Zeit in manchem voraus. Sie hat auf die Schattenseiten der Industrialisierung hingewiesen und Lösungen angeboten, auch wenn uns die zu idealistisch anmuten.
„Norden und Süden“ ist ein Klassiker, der sich auch heute noch zu lesen lohnt.
Was für ein Debut!
Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten von Anna Maschik
Was für ein Debut, das die junge österreichische Autorin Anna Maschik, Jahrgang 1995, hier vorgelegt hat. So ungewöhnlich und originell wie der Titel ist der gesamte Text.
Der titelgebende erste Satz legt den Ton und das Setting des Romans fest, führt er doch in eine archaisch anmutende Welt.
Es beginnt mit einer illegalen Hausschlachtung während des Zweiten Weltkriegs auf einem Bauernhof in Norddeutschland.
Wer hier ganz allein ein Schaf schlachtet ist Henrike, die Urgroßmutter von Ich- Erzählerin Alma. Ehemann Georg und Sohn Benedikt sind an der Front, aber wenn sie heimkehren will die Bäuerin Fleisch und Würste für sie bereithalten. Ein Schwein heimlich töten wäre zu gefährlich, denn „Schweine verraten dich mit ihrem entsetzlichen Geschrei, die Schafe aber sterben still.“
Dass Tod und Geburt eng beieinanderliegen, nicht nur in diesem Roman, macht die Autorin gleich mit dem nächsten Abschnitt deutlich. „Wir betreten die Geschichte durch die Innereien eines Schafes und wie auch ich die Welt betreten habe: durch einen Schnitt im Unterleib. Die Nabelschnur hat sich dreimal um meinen Hals gewunden wie ein Strick, und so schneidet die Hebamme, ihr Name ist Anna, meiner Mutter einen lachenden Mund in den Bauch, holt mich heraus und näht ihr das Lachen zu einem schiefen Lächeln zu. Ich möchte mich vorstellen: ich bin Alma und meine Erzählung ist eine Eingeweideschau…“
Alma fungiert als allwissende Erzählerin und sie geht weit zurück in der Genealogie ihrer Familie.
Henrike, die Urgroßmutter, kommt mit dem neuen Jahrhundert zur Welt. Sie ist die Älteste von fünf Geschwistern und sie ist dreizehn, als die Mutter stirbt. Nun muss sie sich um den Haushalt und die jüngeren Brüder kümmern. Der Vater fällt im Ersten Weltkrieg und Henrike braucht einen Mann für die viele Arbeit auf dem Hof. Das erste Kind, Sohn Benedikt, „ ein verwunschenes Kind“, kommt schlafend zur Welt und wird erst als junger Mann aufwachen. Tochter Hilde hält nichts auf dem Hof. Sie wird schwanger von einem österreichischen Soldaten und folgt diesem nach dem Krieg in seine Heimat. Dort kommt als drittes Kind Miriam zur Welt, die Mutter von Alma.
Anna Maschik braucht nicht viele Seiten für ihre vier Generationen umspannende Familiengeschichte. Das gelingt ihr, indem sie sich auf wenige prägende Ausschnitte beschränkt. Vieles steht zwischen den Zeilen.
Und vieles wiederholt sich. Das Schweigen zwischen den Figuren, die Bevorzugung einzelner Kinder, die Liebe zur Natur.
Anna Maschik macht ihre Geschichte vorrangig an den Frauenfiguren fest. Jede hat Schwierigkeiten mit ihrer Rolle als Mutter und jede möchte es anders, besser machen. Trotzdem, oder gerade vielleicht deshalb, verfallen sie in die gleichen Muster.
Die einzelnen Episoden werden durch Listen ergänzt, so z.B. eine knappe Aufzählung der Mahlzeiten, die die Großmutter kocht, aber auch solche:
„Dinge, die hängen:
Das Schaf am Haken
Die Schinken in der Räucherkammer
Der Urgroßvater am Balken
Die Puppen an der Deckenlampe
Das Kind an der Nabelschnur“
Eine weitere Besonderheit des Romans sind die magischen Elemente, die sich neben den realistischen Beschreibungen des Alltäglichen, zuhauf finden lassen. So wird das Gemüse im Garten blass angesichts des Todes, ein Kind verschläft viele Jahre seines Lebens, ein anderes erscheint dem Bruder als ein Stück Holz, Menschen werden zu Pflanzen usw.
Und zwei alterslose Figuren durchziehen den ganzen Roman, sind nicht gebunden an Ort und Zeit. Das ist zum einen Anna, die Hebamme des Dorfes, die bei jeder Geburt den Müttern zur Seite steht, aber auch bei unerwünschten Kindern Abhilfe weiß. Und am Ende eines Lebens erscheint Nora, die Leichenfrau, die unter ihrem schwarzen Kleid bunte Farben trägt. Tröstlich auch die Vorstellung, dass auf die Verstorbenen schon ihre Vorfahren warten, die vorangegangen sind.
Obwohl ich ansonsten kein Freund von surrealen Texten bin, so fügen sich hier die phantastischen Elemente hervorragend in das Gesamtkonzept des Romans.
Anna Maschik hat mich mit ihrem Debut mehr als überzeugt. Ihr Gefühl für Rhythmus und Magie, ihre poetische Sprache und ihre eigenwillige Erzählform wirken lange nach.
Freundschaft in schweren Zeiten
Lebensbande von Mechtild Borrmann
Wenn von Mechtild Borrmann ein neuer Roman erscheint, greife ich immer sofort zu. Denn bisher bin ich noch nie enttäuscht worden, verbindet sie doch äußerst gekonnt zeitgeschichtliche Ereignisse mit dem Schicksal ihrer Protagonisten. Dafür hat sie schon zahlreiche Preise erhalten. Ihrem Schreiben geht auch immer eine intensive Recherchearbeit voraus, das lässt ihre Geschichten lebensecht und stimmig wirken.
Ihrem neuesten Roman „Lebensbande“ ist ein Zitat des amerikanischen Schriftstellers Ralph Waldo Emerson vorangestellt: „Der einzige Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“ Um die Freundschaft dreier Frauen in schweren Zeiten geht es im Buch.
Lene, eine junge Frau aus einem Dorf nahe der niederländischen Grenze, verliebt sich Anfang der 1930er Jahre in den Holländer Joop. Ihre Eltern sind strikt gegen diese Verbindung und tun alles, um sie zu unterbinden. Mehr oder weniger ungewollt schlittert Lene dann in eine Ehe mit einem gewalttätigen Mann. Bei der Geburt ihres ersten Kindes kommt es zu Komplikationen mit Folgen für den Sohn. Leo stottert und hat leichte Lernverzögerungen, nichts Schlimmes eigentlich. Doch in Nazi-Deutschland ist das Urteil „Schwachsinn“ schnell gefällt. Lene wird die elterliche Fürsorge entzogen und ihr Sohn kommt im Winter 1940 als „Reichsausschusskind“ in die Kinderabteilung der Heil - und Pflegeanstalt Bonn.
Hier arbeitet die Krankenschwester Nora, eine Cousine von Lene. Diese kümmert sich nun fürsorglich um Leo. Als dem Jungen die Verlegung in eine andere Einrichtung droht, die Schlimmes ahnen lässt, riskiert sie ihr Leben, um ihn zu retten.
Lieselotte, eine glühende Anhängerin der Nazi- Ideologie, begegnet Nora im Zug zu ihrem Arbeitseinsatz in Danzig. Trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauung freunden sich die beiden Frauen an. Diese Freundschaft ist ihr Halt in den folgenden Jahren. Denn kurz vor Kriegsende werden sie als Arbeitskräfte in den russischen Gulag verschleppt; wie 900.000 andere sind sie Teil der Reparationsleistungen, die Stalin zugesichert wurden. Sie ertragen unvorstellbaren Hunger, Kälte und erbarmungslosen Arbeitseinsatz. Als Adenauer sechs Jahre nach Kriegsende beginnt, die deutschen Kriegsgefangenen zurückzukaufen, bewährt sich die Freundschaft auf dramatische Weise.
Mechtild Borrmann entwickelt ihre Geschichte auf zwei Ebenen. Während man den Lebensweg von Lene von 1931 an verfolgen kann, setzt ein zweiter Erzählstrang im Herbst 1991 an.
In einem kleinen Ort an der Ostsee in der ehemaligen DDR wird eine ältere Witwe durch einen Brief an ihre lang verdrängte Vergangenheit und damit an ihre Lebenslüge erinnert. Schreibend versucht sie nun, ihre traumatischen Erlebnisse aufzuarbeiten.
Im Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit entfaltet sich hier deutsche Geschichte über sechs Jahrzehnte. Dabei werden die Zeitumstände am Schicksal der Figuren festgemacht. Es sind Erfahrungen, die viele Frauen in diesen Zeiten durchlitten haben, schmerzhafte, grausame, leidvolle. Aber auch solche, die von Liebe, Freundschaft, Mut und Fürsorge geprägt sind. Als Lesender fühlt man mit, ist ganz nah bei den Figuren, gerade weil die Autorin das alles ohne Pathos beschreibt.
Mechtild Borrmann gelingt es erneut, präzise und voller Empathie die Lebenswege verschiedener Charaktere in Zeiten von Terror und Krieg nachzuzeichnen, mit einer authentischen Geschichte, die berührt und fesselt.
Der Titel ist Programm
No Way Home von T.C. Boyle
Als seine Mutter starb, hatte er Dienst.“. Terry, 31, ein junger Assistenzarzt kurz vor dem Examen wird völlig unvorbereitet mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert. Normalerweise ist er es, der die Angehörigen vom Tod eines Menschen unterrichtet. Doch nun ist er persönlich gefordert. Er muss sich in Boulder City, einer Kleinstadt mitten in der Wüste von Nevada, um die Beerdigung und den Nachlass seiner Mutter kümmern.
Eine Aufgabe, die ihn überfordert. Hilfe bekommt er von Bethany, einer jungen, attraktiven Frau, die er in einem Café kennenlernt. Nach einer gemeinsamen Nacht bietet sie ihm an, sie könne sich, während er in L.A. seiner Arbeit nachgeht, um das Haus seiner Mutter und deren Hund Daisy kümmern. Ihr Angebot ist keineswegs uneigennützig, denn Bethany ist nach ihrem Auszug aus der Wohnung ihres Ex-Freundes Jesse ohne Bleibe.
Gegen Terrys Willen quartiert sich Bethany im Haus der verstorbenen Mutter ein und feiert dort sogar während seiner Abwesenheit wilde Partys mit ihren Freunden. Doch als Terry anreist, um sie rauszuschmeißen, landen sie wieder im Bett.
Richtig Probleme gibt es dann, als Jesse auftaucht und auf seinen alten Rechten beharrt. Er ist keineswegs gewillt, seinen Anspruch auf Bethany aufzugeben. „ Sie ist Gift. Das weißt du noch nicht, aber du wirst es bald rausfinden.“ warnt er Terry.
Aber die Warnung kommt zu spät. Terry ist Bethany verfallen und der Kampf zwischen den beiden ungleichen Männern beginnt. Ein Streit um eine Frau, der bald immer drastischere Formen annimmt.
T.C.Boyle beschreibt hier eine Dreiecksgeschichte, bei der es weniger um Liebe als vielmehr um Obsessionen, Abhängigkeiten und Besitzansprüche geht.
Für keine der drei Figuren kann der Lesende Sympathien entwickeln. Terry ist zwar ein Arzt, der sich fürsorglich um seine Patienten kümmert, doch ansonsten wirkt er höchst unreif und unreflektiert. Man fragt sich, warum er sich auf diese unheilvolle Liaison einlässt. Schließlich ist offensichtlich, dass er und Bethany nicht zusammenpassen. Trotzdem trifft er eine fatale Entscheidung nach der anderen. Als Leser kann man nur den Kopf schütteln.
Obwohl Terry und Jesse auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Typen sind , so eint sie doch ihr Anspruch auf Bethany. Beide sehen in ihr das Objekt ihrer Begierden, weniger eine eigenständige Frau.
Jesse ist ein Macho wie aus dem Bilderbuch. Er akzeptiert keine Zurückweisung, nimmt sich, notfalls mit Gewalt, was ihm vermeintlich zusteht. Aber auch ihn zeichnet Boyle nicht eindimensional. Er ist nicht nur Trinker und Biker, sondern auch Lehrer und versucht sich in der Schriftstellerei. Inwiefern diese unterschiedlichen Rollen zusammenpassen und glaubwürdig sind, muss jeder Lesende selbst entscheiden.
Und Bethany ist eine Frau, die sich einerseits treiben lässt, gerne Party macht und sich mit Alkohol und Drogen zudröhnt, aber trotzdem Sicherheit sucht. Von Jesse kommt sie nicht los, mit ihm ist das Leben aufregender als mit dem Langweiler Terry. Der verspricht dafür finanzielle Sicherheit als zukünftiger Arzt und ein höheres gesellschaftliches Ansehen. Ihr größtes Pfund ist ihr Aussehen, das weiß sie und das setzt sie ganz gezielt auch ein.
Während man Bethany manipulatives Verhalten vorwerfen muss, so kann man Jesse und Terry toxische Männlichkeit attestieren, dem einen mehr, dem anderen weniger.
Von wirklicher Liebe zwischen den Figuren ist wenig zu spüren, auch wenn sie diese behaupten.
Der einzig wirkliche Sympathieträger ist Daisy, die Hündin. Auch wenn sie nach einem gewalttätigen Zusammenstoß mit Jesse nur noch ein Auge hat, so ist sie doch weniger blind als die anderen Figuren.
Boyle erzählt diese Dreiecksgeschichte chronologisch, aber aus wechselnden Perspektiven. Das hat seinen besonderen Reiz, denn so zeigen sich oftmals verschiedene Versionen der Geschichte und neue Facetten in den Charakteren.
Nicht nur Jesse und Terry sind Gegenspieler, auch der Kontrast zwischen Stadt und Land wird anschaulich herausgearbeitet. Ist Terry als Arzt in der Notaufnahme seiner Klinik mit den Gestrandeten, den Obdachlosen und Armen in der Multikulti-Stadt L.A. konfrontiert, so trifft er in Boulder City auf die Tristesse einer heruntergekommenen Kleinstadt, wo sich die Menschen mit billigem Fast Food, Alkohol, Drogen und Sex betäuben.
Der Titel des Romans ist Programm. Keiner hier hat ein Zuhause, jeder sucht es, im wörtlichen und übertragenen Sinn. Es ist kein Zufall, dass Boyle den einen Handlungsort in der Wüste ansiedelt, auch dies ein unwirtlicher Ort.
„No Way Home“ ist kein typischer Boyle. Behandelte er in seinen meisten Romanen doch politische und ökologische Themen, so kommen diese hier nur am Rande vor.
Da lässt er den Möchtegern-Schriftsteller Jesse an einem Roman schreiben, der vom Bau des Hoover-Damms und seinen Folgen für Mensch und Umwelt erzählt. Hier am Lake Mead zeigt sich der Klimawandel ganz massiv. Seit Jahren sinkt der Wasserspiegel und legt tote Tiere und menschliche Skelette bloß.
Möglicherweise lässt sich „No Way Home“ als Parabel lesen, wie Menschen sich von zerstörerischen Kräften manipulieren und instrumentalisieren lassen, obwohl offensichtlich ist, wie sehr diese ihnen schaden.
Auf jeden Fall zeichnet der Roman das Bild einer Gesellschaft, die nur auf sich bezogen ist und Beziehungen nach dem Nutzprinzip eingeht.
„No Way Home“ ist sicher nicht Boyles bestes Buch. Trotzdem habe ich mich gut unterhalten gefühlt. Es liest sich süffig, bleibt spannend und auch sprachlich konnte es mich überzeugen. Ihm gelingen großartige Bilder ( „ Und dann stürzte der Nachmittag krachend in den Abend.“), atmosphärische Beschreibungen von Landschaft und Milieu, und entlarvende Dialoge.
Das Ende mag manchen enttäuschen, für mich ist es stimmig.
Fabelhafter Schmäh
Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels von Vea Kaiser
Die österreichische Autorin Vea Kaiser schaffte 2012 mit ihrem Debut den Durchbruch. Der Roman „Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam“ war nicht nur ein Bestseller, sondern erreichte auch Platz 1 der ORF-Bestenliste. Zwei ebenfalls erfolgreiche und mit Preisen ausgezeichnete Bücher folgten und nun liegt, nach sechs Jahren, ihr neuester Roman vor.
Der Titel „ Fabula Rasa“ - dieses Wortspiel, das einen radikalen Neuanfang mit dem Fabulieren, dem Geschichten erzählen, in Verbindung bringt - ist gut gewählt.
Inspiriert wurde die Autorin von dem realen Fall einer Buchhalterin im Hotel Sacher, die über einen längeren Zeitraum hinweg 4 Mio. Euro veruntreut hatte, aus Mutterliebe, wie sie gestand. Für Vea Kaiser, selbst frisch Mutter geworden, war diese Begründung nachvollziehbar und damit hatte sie einen neuen Romanstoff gefunden.
Wir sind im Wien der ausgehenden 1980er Jahre. Angelika Moser, so heißt ihre Protagonistin, hat keinen leichten Start ins Leben. Aufgewachsen ist sie in einem Gemeindebau, als Tochter der Hausbesorgerin, der Vater ist unbekannt. Doch Angie lässt sich nicht unterkriegen. Obwohl sie gerne mit ihrer besten Freundin das wilde Nachtleben Wiens genießt, so erledigt sie doch tagsüber ihre Arbeit als Buchhalterin im legendären Grand- Hotel Frohner zur vollsten Zufriedenheit ihres Chefs. Dieser hat so viel Vertrauen in sie und ihre buchhalterischen Fähigkeiten, dass er sie bittet, ein bisschen mit den Zahlen zu tricksen. Angelika merkt schnell, wie einfach das ist, denn die falschen Abrechnungen werden unkontrolliert durchgewunken.
Und als sie dann selbst in finanziellen Schwierigkeiten steckt, beginnt sie Gelder auf ihr Privatkonto zu überweisen. Immer in der Hoffnung, das „geborgte“ Geld zurückzugeben, sobald sie dazu in der Lage ist. Allerdings wird ihre finanzielle Situation über Jahre hinweg nicht besser.
Zunächst wird Angelika ungewollt schwanger. Mit Freddy, einem abgerockten Sänger, kann man zwar gut nächtelang um die Häuser ziehen, und der Sex mit ihm ist auch mehr als befriedigend, doch für die Rolle als verantwortungsvoller Vater ist er eher weniger geeignet. Angelika ist deshalb auf sich allein gestellt mit der Erziehung ihres Sohnes.
Und auch ihre zusehends dement werdende Mutter kostet nicht nur Nerven, sondern ihre Unterbringung in einem guten Pflegeheim auch sehr viel Geld.
Die Jahre vergehen, die Summen, die Angelika unterschlägt, werden immer größer. Der Sohn macht Dummheiten, die beglichen werden müssen und Angelika selbst hat Gefallen gefunden an dem schönen Leben. Doch im Hintergrund lauert immer die Angst, irgendwann aufzufliegen.
Vea Kaiser erzählt von einer sympathischen Betrügerin, für die der Lesende Verständnis entwickelt. Denn eigentlich ist die Protagonistin ein anständiger Mensch. Doch Wohlstand und Privilegien sind nicht gerecht verteilt auf der Welt. Während Angelika als alleinstehende Mutter selbst schauen muss, wo sie bleibt, gibt es andere, die mit dem silbernen Löffel im Mund geboren werden. Da darf ein Wochenende schon mal so viel kosten, wie ein Zimmermädchen im Jahr verdient, die Summe lässt sich ja als Spesen von der Steuer absetzen.
Vea Kaiser hält der sog. „besseren Gesellschaft“, die im Frohner absteigt oder sich beim Wiener Opernball feiern lässt, den Spiegel vor.
Und auch die Männer kommen bei ihr nicht gut weg. Angelika hat kein Glück mit ihnen. Sie sind entweder langweilig oder Hallodris. Sogar ihr Sohn, für den sie alles tut ( vielleicht zu viel des Guten), ist eine Enttäuschung.
Das alles wird flott erzählt, mit sehr viel Humor und Wiener Schmäh. Für alle Piefkes gibt es im Anhang dazu ein „sehr kleines Wienerisch-Wörterbuch“.
Vea Kaiser gelingen lebendige Milieuschilderungen, sei es im noblen Grand-Hotel, in den diversen Bars und Nachtklubs oder im Gemeindebau mit seinen skurrilen Bewohnern. Sehr gut fängt sie auch die Situation von alleinerziehenden Müttern ein, mit ihrer ständigen Überlastung, dem permanenten schlechten Gewissen und der Liebe zum Kind.
Authenzität verleiht die Rahmenhandlung dem Roman. Hier besucht insgesamt elfmal eine Schriftstellerin namens Vea Kaiser die Betrügerin Angelika Moser im Gefängnis und lässt sich deren Geschichte erzählen.
Ein paar Längen muss ich zwar dem umfangreichen Roman attestieren, trotzdem habe ich mich bei der Lektüre gut unterhalten gefühlt. Gerade der bitterböse Blick auf die Wiener Klassengesellschaft hat mir gut gefallen.
„ Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ ist ein amüsanter Roman über eine Frau, die mit unkonventionellen Mitteln ihr Leben in die Hand nimmt und sich nicht zum Opfer machen lässt.
Frauenpower
Die Frau der Stunde von Heike Specht
Von der Historikerin Heike Specht stammt das Buch „Die Ersten ihrer Art. Frauen verändern die Welt“ Hierin porträtiert sie bekannte Frauen, die sich einen Platz in einer männerdominierten Welt erobert haben. Unter anderem Frauen wie Margaret Thatcher, Angela Merkel und Kamela Harris, die als erste britische Premierministerin, als erste deutsche Bundeskanzlerin und als erste US- Vizepräsidentin in die Geschichtsbücher Eingang gefunden haben.
Die Recherchearbeit und die Interviews zu dem Buch dürften Auslöser gewesen sein für ihren ersten Roman.
Hierin wagt sie ein interessantes Gedankenspiel: Was wäre gewesen, wenn in Deutschland schon viel früher eine Frau eine herausragende Rolle in der Politik gespielt hätte? Wie wären die Parteifreunde, die Opposition, die Presse und die Bevölkerung mit der Situation umgegangen?
Der Roman spielt Ende der 1970er Jahre. Der liberale Außenminister stolpert über eine Affäre und muss deshalb zurücktreten. Seine Parteikollegin Catherina Cornelius soll seinen Job als Außenminister und Vizekanzler übernehmen und damit die Regierungskoalition retten. Catharina steht vor einer schwierigen Entscheidung. Ist ihre Partei und ist das Land schon reif für eine Frau in dieser Position? Sie nimmt die Herausforderung an, obwohl das Risiko zu scheitern groß ist. Schonfrist wird ihr keine gegönnt. Mit Argwohn wird jeder ihrer Schritte beobachtet und kommentiert. Aber Catharina ist klug und weiß mit Selbstbewusstsein, Kompetenz und Charme zu überzeugen. Schwäche darf sie keine zeigen, denn im Hintergrund werden schon Intrigen gegen sie geschmiedet.
Doch Catharina hat Verbündete, die sie unterstützen und ihr mit Rat zur Seite stehen. Da sind zum einen ihre beiden Freundinnen aus Internatstagen Suzanne und Azadeh, auf die sie sich immer verlassen kann. Aber auch ihre politische Mentorin Hilde von Rochow, die Grande Dame der Partei, lässt sie nicht im Stich. Es ist eine ganze Riege von starken Frauen, die Heike Specht hier auftreten lässt. Zu den schon genannten kommen noch die resolute Büroleiterin Sieglinde und die zurückhaltende junge Referentin Juliane hinzu. Catharina ist keine Einzelkämpferin, sondern kann auf ein ganzes Netzwerk zurückgreifen.
Das ist auch notwendig, denn die Altherren-Riege, aus der sich die Politik-Elite jener Zeit zusammensetzt, tut sich schwer mit einer Frau an der Spitze. Gerne wird sie unterschätzt. Doch mit Catharina und ihrer Frauenclique zeigt die Autorin, dass nun eine neue Frauengeneration herangewachsen ist. Eine, die unabhängig und zielstrebig ihren Weg geht.
Catharinas Privatleben spielt im Roman eine zweitrangige Rolle und das ist gut so . Der Lesende erfährt zwar manche Details aus ihrem Leben, vieles im Hinblick auf ihre neue Aufgabe, aber das Hauptaugenmerk liegt auf ihrer politischen Arbeit.
Dabei bietet Heike Specht einen glaubwürdigen Einblick in den Bonner Politikbetrieb. Reale Ereignisse, die in die fiktive Handlung eingebaut werden, verstärken diesen Eindruck. Wer wie ich diese Zeit noch miterlebt hat, dem kommt vieles bekannt vor. Es macht auch Spaß zu rätseln, wer mit manchen der fiktiven Figuren gemeint sein könnte. Helmut Kohl, Franz Josef Strauß und Petra Kelly sind leicht zu erkennen. Aber die Autorin hat keinen Schlüsselroman geschrieben; die meisten Protagonisten sind wohl ein Konglomerat aus den unterschiedlichsten Personen.
Ein zweiter Schauplatz im Roman ist der Iran, in dem sich zu diesem Zeitpunkt gewaltige Veränderungen ankündigen. Unruhen erschüttern das Land und führen zum Sturz des Schahs. Catharinas Freundin Azadeh, eine engagierte Dokumentarfilmerin, reist in ihre frühere Heimat, um hautnah dabei zu sein. Doch die Lage dort wird gefährlich für Frauen. Und Catharina muss als Außenministerin Position beziehen.
Das alles macht aus „Die Frau der Stunde“ einen äußerst realistischen zeitgeschichtlichen Roman, trotz der fiktiven Prämisse. Vieles lässt sich auch auf die Gegenwart übertragen. Machtspiele und Konkurrenzgerangel findet man auch heute im politischen Betrieb. Und viele der internationalen Probleme sind leider immer noch aktuell. Auch die Aussage über die Deutschen trifft nach wie vor zu: „Die Deutschen waren ein scheues Reh, man musste ihnen lange gut zureden, wenn man ihnen irgendeine Veränderung präsentieren wollte. Eine unbedachte Bewegung, ein lautes Geräusch, und sie verschwanden wieder im undurchdringlichen Dickicht der bösen Ahnungen, alten Ängste und Furcht einflößenden Zukunftsszenarien.“
Zwar sind Frauen heutzutage in einer Führungsposition keine Ausnahme mehr, aber auch nicht die Regel.
Das Ende schreit geradezu nach einer Fortsetzung und ich wäre wieder mit dabei.
Gelungene Fortsetzung
Die Farbe des Schattens von Susanne Tägder
Die Juristin Susanne Tägder konnte mich schon mit ihrem Debut „Das Schweigen des Wassers“ überzeugen und gespannt erwartete ich die Fortsetzung.
Die schließt nahtlos an den Vorgänger an. Im Zentrum steht wieder Hauptkommissar Arno Groth, der im Herbst 1991, nach zwanzig Dienstjahren bei der Hamburger Polizei, als Aufbauhelfer Ost in seine Geburtsstadt Wechtershagen in Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt ist.
Seit drei Monaten lebt er nun hier, doch richtig angekommen ist er noch nicht. Da landet eine Vermisstenanzeige auf seinem Schreibtisch: Der elfjährige Matti war nur kurz einkaufen und ist seitdem spurlos verschwunden. Groth ordnet eine großangelegte Suchaktion an, auch Nachbarn beteiligen sich, denn bei der Kälte ist Eile geboten. Doch die Suche bleibt ergebnislos. Zwei Tage später wird in einem Keller die Leiche des Jungen gefunden. Indizien weisen auf einen ortsbekannten Alkoholiker hin, der dann tatsächlich nach einem zermürbenden Verhör die Tat gesteht. Aber Groth hat seine Zweifel, berechtigt, wie sich bald herausstellt. Stattdessen beginnt er einer anderen Spur nachzugehen. Vor ein paar Jahren verschwand in der Gegend schon einmal ein Junge, der Fall wurde nie gelöst.
Die Ermittlungen führen Groth in eine Plattenbausiedlung in einem Brennpunktviertel. Viele hier haben nach der Wende ihren Job verloren; Frust und Wut sind die vorherrschenden Gefühle. „Da gibt es diejenigen, die an nichts mehr glauben, und diejenigen, die an das Falsche glauben. Dazwischen ist nicht viel.“ Groth trifft oft auf eine Mauer des Schweigens. Das Vertrauen in die Polizei ist nicht groß. Umso höher der Druck auf Groth, Ergebnisse zu liefern.
Susanne Tägder erzählt auch hier wieder in einem ruhigen Tempo. Detailliert beschreibt sie die tägliche mühsame Polizeiarbeit, ebenso die emotionale Belastung, die so ein Mordfall mit sich bringt.
Und mit Groth hat die Autorin einen besonderen Ermittler geschaffen. Einen, der nachdenklich und voller Selbstzweifel die Sache angeht und sich mehr von seinem Bauchgefühl leiten lässt. Und er ist ein Versehrter, wie viele der Figuren im Roman. Dazu passt auch, dass sich die Liebesbeziehung zu einer ehemaligen Schulkameradin nur langsam entwickelt. Groth ist ein Polizist, für den die betroffenen Menschen im Vordergrund stehen, nicht „ der Fall“.
Auch die Nebenfiguren werden vielschichtig und mit viel Empathie gezeichnet. Da ist das Opfer Matti, ein schweigsamer Junge, über den seine überforderte Mutter und der arbeitslose Vater wenig wissen. Oder die Taxifahrerin Ina, die mit ihrem Sohn vor ihrem saufenden und prügelnden Ehemann geflüchtet ist und deshalb viel zu spät mit ihren Beobachtungen zur Polizei geht.
Oder Kollege Gerstacker, den man noch aus dem ersten Band kennt. Der ist mittlerweile wegen seiner früheren Stasi-Verbindung vom Dienst suspendiert, wird aber von Groth zu den Ermittlungen herangezogen, da er als Einziger mit dem alten Fall vertraut ist.
Obwohl der Grundton eher ruhig und melancholisch ist, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
„Die Farbe des Schattens“ ist ein atmosphärisch dichter und ungemein fesselnder Roman, der das Niveau des Vorgängers halten kann. Auch dieses Mal liefert die Autorin ein stimmiges Bild der Nachwendezeit. Ich freue mich schon auf weitere Bände mit dem sympathischen Ermittler.
Kritischer Blick auf die chinesische Gesellschaft
Schwanentage von Zhang Yueran
Zhang Yueran, 1982 geboren, gilt als eine der wichtigsten Stimmen der jungen chinesischen Literatur. Mit „Schwanentage“ kann sie nun der deutsche Leser entdecken und es ist zu hoffen, dass auch ihr Roman „ Cocoon“, den die New York Times zu den besten Büchern des Jahres 2022 gewählt hat, ins Deutsche übersetzt wird.
Im Zentrum von „ Schwanentage“ steht die dreißigjährige Yu Ling, die als Kindermädchen bei einer wohlhabenden und einflussreichen Familie in Peking angestellt ist. Sie kümmert sich liebevoll um den siebenjährigen Sohn Kuan Kuan. Die Eltern, er ein erfolgreicher Geschäftsmann, sie eine ambitionierte, aber wenig erfolgreiche Künstlerin, haben wenig Zeit für ihr einziges Kind und so wundert es kaum, dass der Junge eine intensive Bindung zu seinem Kindermädchen entwickelt hat. Diese aber plant nun mit ihrem Freund zusammen die Entführung des Kindes. Das Lösegeld soll ihnen beiden eine gemeinsame Zukunft ermöglichen. Doch, das ist Yu Ling wichtig, dem Kind soll nichts geschehen. Die Entführung wird als vergnüglicher Ausflug getarnt, aber dann bringt eine Radiodurchsage die Pläne zum Platzen. Der Großvater des Jungen, ein hochrangiges Parteimitglied, wird wegen Korruption verhaftet, der Vater zum Verhör abgeholt und die Mutter taucht unter.
Yu Ling kehrt mit dem Kind in die Villa im noblen Golden Lake Viertel zurück und ist nun ganz allein auf sich gestellt. Den Jungen im Stich zu lassen kommt für sie nicht in Frage. Doch wie soll es weitergehen?
Der Roman wirft einen kritischen Blick auf die chinesische Gesellschaft. Unrechtsbewusstsein scheint es auf allen Ebenen wenig zu geben. So rechtfertigen Yu Ling und ihr Freund die geplante Entführung damit, dass das Geld der reichen Familie von den einfachen Leuten kommt, „ was ist schon dabei, wenn wir uns etwas davon zurückholen?“ Auch ist Yu Ling nicht sehr überrascht über die Anschuldigung gegen ihren Arbeitgeber, viel Geld veruntreut zu haben. „Machen das nicht alle Staatsfunktionäre so? Warum sonst wird man das denn?“
Überall herrscht das Prinzip „ Eine Hand wäscht die andere.“ Reich zu sein bedeutet Einfluss zu haben. Schnell aber kann sich das Blatt wenden.
Allerdings gelten nicht für alle die gleichen Regeln. Wie stark die Klassenunterschiede in der chinesischen Gesellschaft sind, auch das zeigt ausdrucksvoll dieser Roman. Yu Ling hat wenig Chancen auf eine Veränderung ihrer Lebenssituation. Ihre einfache Herkunft und ihre mangelhafte Schulbildung sowie ein dunkler Fleck in ihrer Vergangenheit verhindern dies. Obwohl ihre Arbeitgeber zufrieden sind mit ihrer Leistung, so bekommt sie doch keine Anerkennung dafür. Ein Dienstmädchen oder Kindermädchen mag noch so sehr in den Alltag ihrer wohlhabenden Arbeitgeber eingebunden sein, deren intimsten Geheimnisse kennen, ihre Rolle ist die einer Dienenden, nicht mehr.
Und China mag noch so sehr eine moderne Großmacht sein, Frauen stehen immer noch in der Hierarchie an zweiter Stelle. Yu Ling kämpfte vergebens um die Anerkennung ihres Vaters, ihre Mutter bevorzugt stets den Sohn und ihr Chef behandelt seine eigene Frau mit einer gewissen Herablassung. „ Früher hatte sie (Yu Ling) sich immer gefragt, woher diese Männer eigentlich ihre Autorität nahmen. Sie saßen auf den Stühlen der Macht, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.“
Der Titel „Schwanentage“ ist bewusst mehrdeutig gehalten. Er bezieht sich zum einen auf eine Episode bei dem eingangs geschilderten Ausflug. Der Junge Kuan Kuan befreit dort eine Gans aus einem Tiertransport und hält die Gans fälschlicherweise für einen Schwan. Er richtet ihr ein Zuhause in der Villa ein und für ihn und Yu Ling beginnen die „Schwanentage“, einen Zeitraum, in dem die alten Hierarchien außer Kraft gesetzt sind. Doch so wenig wie aus einer Gans je ein fliegender Schwan werden kann, so wenig kann Yu Ling aus der ihr zugewiesenen Rolle ausbrechen.
Die Autorin überzeugt aber nicht nur mit ihrem Blick auf die chinesische Gesellschaft, sondern auch mit einer Sprache, die zugleich präzise und klar ist, dabei aber Platz für Zwischentöne lässt. Bis zum Ende gibt es immer wieder überraschende Wendungen.
Durch Rückblicke in die Vergangenheit bekommt die Hauptfigur Tiefe und Profil. Aber auch die anderen Charaktere sind wiedersprüchlich und komplex.
Intertextuelle Bezüge schafft Zhang Yueran mit einem Verweis auf den Roman „ Was vom Tage übrig blieb“ vom Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro. Titel und Autor werden zwar nicht genannt, aber eine Parallele gezogen.
„Schwanentage“ liest sich leicht, bietet aber viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren. Ich empfehle den Roman allen, die sich für chinesische Literatur und die Machtstrukturen innerhalb der chinesischen Gesellschaft interessieren.
Rundum gelungen
Das Haus mit der kleinen roten Tür von Grace Easton
Als erstes fällt die hochwertige Aufmachung dieses großformatigen Bilderbuchs ins Auge. Doch nicht nur damit kann das Buch punkten. Inhaltlich geht es um die Frage, was ein Haus zu einem richtigen Zuhause macht. In dem titelgebenden „Haus mit der kleinen roten Tür“ wohnt ein Mädchen namens Olivia.
Und in einer alten Eiche hinten im Garten lebt die kleine Maus. Der Winter kommt und mit ihm viel Schnee, so viel, dass die Eiche unter seiner Last zerbricht. Wo soll nun das Mäuschen wohnen? Am Ende finden sie gemeinsam eine Lösung, die beide glücklich macht.
Mit wenig Text erzählt die Autorin eine warmherzige Geschichte über Freundschaft und Geborgenheit. Die farbenfrohen, in warmen Tönen gehaltenen Illustrationen sind eine wahre Freude. Abwechslungsreich und mit viel Liebe zum Detail erzeugen sie eine zauberhafte Atmosphäre, voller Nostalgie. Auf beinahe jeder Seite finden sich ausgestanzte Klappen, die zum Entdecken einladen. Ein rundum gelungenes Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren, ideal für die kommende Winterzeit.
Geschichtsschreibung von unten
Anna oder: Was von einem Leben bleibt von Henning Sußebach
Der Journalist Henning Sussebach begibt sich auf Spurensuche nach seiner Urgroßmutter. Dabei ist es recht wenig, auf das er sich berufen kann: ein paar Daten, zwei Poesiealben aus Annas Kinder- und Jugendzeit, einige Photos, ein paar Postkarten, Briefe und Notizbücher, ein Verlobungsring und ein Kaffee-Service.
Niemand in seiner Familie kennt die 1932 gestorbene Frau noch persönlich. Angesichts dieser Ausgangslage ist es erstaunlich, was er geschaffen hat.
Geboren wurde Anna 1866 in einem kleinen Dorf in Westfalen. Der Vater stirbt früh, Anna kommt mit zwölf Jahren in ein Kloster, wo sie eine Ausbildung zur Lehrerin erhält. Mit zwanzig Jahren tritt sie ihre Stelle an als Dorfschullehrerin. Dieser Beruf verschafft ihr zwar Ansehen, ein kleines Gehalt und eine Dienstwohnung, doch er ist an Auflagen gebunden. Als Lehrerin darf man nicht heiraten, tut man es doch, muss man den Beruf aufgeben und verliert seine Pension. Aber Anna verliebt sich in den Sohn der angesehensten Familie des Ortes. Clemens ist nicht nur vier Jahre jünger, sondern auch „der Dorfprinz“, „der begehrteste Junggeselle im Dorf“. Seine Eltern lehnen die Verbindung ab. Erst nach dem Tod des Vaters, zwölf Jahre später, heiraten Anna und Clemens. Doch ihr Glück währt nur kurz. Zwölf Wochen nach der Hochzeit kommt Clemens bei einem tragischen Unfall zu Tode. Und Anna leitet nun selbstständig die vielen Geschäftszweige ihres Mannes, nicht nur die Gaststätte und den Kolonialwarenladen, sondern auch die angeschlossene Poststelle, und sie zieht ihren Sohn alleine groß. Jahre später wird sie erneut heiraten. Sie ist zu diesem Zeitpunkt eine reife Frau von dreiundvierzig Jahren, er 19 Jahre jünger. Mit 45 Jahren bekommt Anna noch eine Tochter, die Großmutter des Autors.
Henning Sussebach nähert sich seiner Urgroßmutter mit viel Empathie und Respekt. In manchem ist er auf Mutmaßungen angewiesen, das verschweigt er nicht. Was mag Anna gedacht, gefühlt haben? Mit einem Urteil hält er sich zurück, da unsere heutige Perspektive eine andere ist als zu ihrer Zeit. Doch das Bild, das er von ihr vermittelt, ist beeindruckend und wirkt glaubhaft.
Anna ist eine außergewöhnliche Frau, eigenwillig und selbstbewusst. So tritt sie uns auch in den im Buch abgedruckten Photos gegenüber. Sie lässt sich von Widerständen und Schicksalsschlägen nicht unterkriegen. Sie verstößt gegen gesellschaftliche Regeln und behauptet sich in einer von Männern dominierten Welt.
Zusätzlich zu den privaten Hinterlassenschaften hat Henning Sussebach in Archiven, Kirchenbüchern und Museen recherchiert. Er zitiert z.B. aus Schulbüchern, mit denen Anna gearbeitet haben könnte und er versucht uns den ländlichen Alltag von damals zu vergegenwärtigen, indem er z.B. aufzählt, was und wann ein Erwachsener gegessen hat.
Die Geschichte von Annas Leben wird immer wieder mit der Zeitgeschichte verwoben, eine Zeit der Umbrüche und des Wandels. Dabei stellt der Autor die großen weltbewegenden Ereignisse neben die kleinen: 1890 tritt Otto von Bismarck zurück und in Cobbenrode, wo Anna wohnt, wird das Schulhaus geweißelt. Ob Anna von all den Neuigkeiten in der Welt gehört hat, ist zu bezweifeln. Trotzdem stimmt, was Henning Sussebach schreibt: „In jeder Biografie spiegelt sich Weltgeschehen, und jeder unserer Vorfahren hat dieses Weltgeschehen mitgeprägt, ob durch Anpassung oder Auflehnung, bremsend oder beschleunigend.“
„Anna oder: Was von einem Leben bleibt“ ist ein kluges und reflektiertes Buch. Hier erzählt einer von einem Leben, das keinen Eingang gefunden hat in die Geschichtsbücher, das es aber trotzdem verdient hat, aufgeschrieben zu werden. Geschichtsschreibung von unten und gleichzeitig ein Denkmal für eine gewöhnliche wie ungewöhnliche Frau.











