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Rezensionen von Ruth:
Schade!
Die Gräfin von Irma Nelles
Irma Nelles hat vor ein paar Jahren ihre Erinnerungen an ihren früheren Chef Rudolf Augstein unter dem Titel „ Der Herausgeber“ veröffentlicht. Nun hat sie mit 78 Jahren mit dem Roman „ Die Gräfin“ ihr literarisches Debut hingelegt.
Sie greift darin eine Episode aus dem Leben der Gräfin Diana von Reventlow-Criminil auf.
Diese Frau hat es tatsächlich gegeben. Unter dem Namen „ Hallig-Gräfin“ kennt man sie auch heute noch in Nordfriesland.
Diana, Tochter eines adeligen Gutsbesitzers und seiner schottischen Ehefrau, war eine schöne und eigenwillige Persönlichkeit. Sie blieb zeitlebens unverheiratet, obwohl es nicht an Bewerbern gemangelt hat. Doch ihre Unabhängigkeit war ihr wichtiger. 1910 erwirbt sie die Hallig Südfall und lebt dort die Sommer über einzig mit ein paar wenig Bediensteten und ihren Tieren.
Der Roman setzt ein im Sommer 1944; die Gräfin ist mittlerweile eine Dame über Achtzig. Außer ihr leben auf der Hallig noch die junge Haustochter Meta und der Kutscher Maschmann , der sich als „ Mädchen für alles“ um den Gutshof kümmert.
Da findet eines Tages die Gräfin einen englischen Piloten im Watt, der mit seinem Flugzeug vor der Hallig abgestürzt ist. Gemeinsam mit Maschmann bringt sie den Verletzten in ihr Haus. Meta kümmert sich um den den jungen Mann. Anderntags zieht man noch einen befreundeten Arzt hinzu, der ihn medizinisch versorgt.
Das alles ist nicht ungefährlich für sämtliche Beteiligten. Denn der Absturz hätte gemeldet , der feindliche Flieger ausgeliefert werden müssen. Doch die Gräfin kümmert sich schon lange nicht mehr um das Gerede der Leute. Aus ihrer ablehnenden Haltung dem Nationalsozialismus gegenüber macht sie keinen Hehl. Um sich herum geschart hat sie Menschen mit einer ähnlich kritischen Einstellung. Aus Andeutungen erfährt man, dass sie gemeinsam mit anderen Verfolgten zur Flucht aus Nazi- Deutschland verhilft.
Eine spannende Ausgangslage. Wie geht es weiter mit dem verletzten Piloten? Und kann man dem „ Feind“ überhaupt trauen? Was hat den Absturz herbeigeführt.
Aus dieser historisch verbrieften Situation - die Gräfin soll tatsächlich einem über dem Watt abgeschossenen Piloten mehrere Wochen bei sich versteckt gehalten haben - hätte ein spannender Roman werden können. Doch die Autorin verschenkt leider diese Chance.
Es gelingen ihr zwar sehr schöne Beschreibungen von Landschaft und Natur. Die sind sinnlich, bildgewaltig und poetisch. So wird die Atmosphäre, die das Cover verspricht, sehr gut getroffen.
Überzeugend dargestellt wird auch die Gefühlsverwirrung, die die Ankunft dieses jungen Mannes bei der Gräfin auslöst. Er weckt Erinnerungen an ihre Jugend und Wehmut ob verpasster Gelegenheiten.
Aber ansonsten überwiegen die Schwächen des Romans. Sprachlich gibt es vieles zu kritisieren, nicht nur die hölzernen Dialoge, auch andere sprachlichen Fehlgriffe finden sich. Und sehr oft hapert es mit der Logik. So zweifelt man z.B. an der schnellen Heilung des verletzten Piloten. Verordnet ihm der Arzt an einem Tag noch ein Gipsbett, weil er sich auf keinen Fall bewegen darf, so kann er kurz darauf bei der Bergung des Flugzeugs mithelfen und erlebt sogar eine Liebesnacht. Auch sein sonstiges Verhalten ist nur schwer nachvollziehbar. Ebensolche Unstimmigkeiten lassen sich bei manch anderen Figuren finden.
Der Autorin war es offensichtlich ein Anliegen, das Leben einer faszinierenden Frauenfigur nachzuzeichnen. Allerdings hat sie es nicht geschafft, die notwendigen Hintergründe dieser Biographie organisch in die Geschichte einzubinden. Es ist allzu offensichtlich, dass die Gespräche, in denen die Gräfin von ihrer Vergangenheit erzählt, nur dazu dienen, den Leser zu informieren.
Irma Nelles hat sich ein strenges Korsett gesetzt, in dem sie die Geschichte an sechs Tagen spielen lässt. Ein längerer Zeitraum hätte den Figuren mehr Zeit zur Entwicklung gegeben. So aber erscheint einiges nicht nachvollziehbar.
Doch das größte Manko ist das abrupte Ende des Romans. Er entlässt den Leser unbefriedigt. Zu viele offene Fragen, zu viele lose Fäden… Thematisch wird einiges angerissen und verläuft dann im Sande. Damit werden Erwartungen geweckt, die nicht erfüllt werden. Es werden Motive eingeführt, wie z.B. die kleine Flöte, die der Engländer mit sich führt, Figuren tauchen auf, die im Verlauf keine Rolle mehr spielen usw. Stattdessen bekommt der Leser eine Liebesgeschichte, auf die er gern verzichtet hätte.
Ja, das schmale Buch wirkt unfertig. Auch ein Unterhaltungsroman sollte schlüssig sein. Es hätte eines Lektorats bedurft, das sprachliche Missgriffe beseitigt und auf ein anderes Ende dringt.
Möglicherweise hat der Tod der Autorin eine solche abschließende Arbeit verhindert. Schade!
Liebe, Krankheit, Literatur
Die vorletzte Frau von Katja Oskamp
Katja Oskamp, 1970 in Leipzig geboren, hatte schon drei Bücher veröffentlicht, bevor sie mit ihren Erzählungen über den Alltag einer Fußpflegerin, „ Marzahn, mon amour“, 2019 einen Riesenerfolg landete. Darin versammelt sie die Geschichten ihrer Marzahner Kundschaft, Portraits von ganz normalen Menschen.
Ihre Bücher sind allesamt autobiografisch begründet, so auch ihr neuestes „ Die vorletzte Frau“ . Darin geht es um ihre Liebesbeziehung zum Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann, im Buch kurz „ Tosch“ genannt.
Sie, die dreißigjährige Ich- Erzählerin, lernt ihn am Leipziger Literaturinstitut kennen. Er, ein arrivierter Schweizer Schriftsteller, ist als Gastdozent ihr Lehrer. Die Schülerin bewundert den neunzehn Jahre älteren Mann. Beide stecken in unglücklichen Beziehungen fest und sehen im anderen die Rettung. „ Tosch sagte: Bevor ich dich traf, war ich tot. Mein Schwanz war tot.“ „ Ich sagte: Ich war toter als du, Tosch.“
Es beginnt eine leidenschaftliche Beziehung, aber keine des Alltags. Es gibt getrennte Wohnungen; in der einen lebt die Ich- Erzählerin mit ihrer Tochter, in der anderen der Schriftsteller, der einen ganz anderen Lebensrhythmus braucht. Die Begegnungen finden meist an den Wochenenden statt, im sog. „ Lotterbett“.
Sexualität ist von Beginn an elementar für die beiden. Voller Leidenschaft und ohne Tabus, das ist ihnen wichtig. Aber die zweite Säule der Beziehung ist die literarische Arbeit. Tosch ist Lehrer und Mentor; er unterstützt, berät, korrigiert und ermutigt. Kein Text von Katja Oskamp, der nicht durch seine Hände geht. „ Sex und Text“ nennen sie folgerichtig ihr Miteinander. „ Tosch liebte meine Texte und meinen Hintern. Ich liebte Toschs Pranken und sein Lektorat.“
Aber als Tosch die Diagnose „ Prostatakrebs“ erhält, ändert sich beinahe alles. Die Krankheit stellt die Partnerschaft auf eine harte Probe. Aus der Geliebten wird die Pflegerin. Auch hier kennt die Autorin keine Tabus. Sie beschreibt gnadenlos ehrlich, ohne jegliche Rührseligkeit, wie eine tödliche Krankheit das Leben verändert. Dabei geht es nicht nur um die emotionale Verfassung, sondern um ganz konkrete körperliche Probleme und Handgriffe.
Da kommt das anfangs gegebene Versprechen erneut zum Tragen. „ Ich mute mich dir zu. Du mutest dich mir zu.“ Ging es damals um Geständnisse, was die eigenen Schwächen und Macken betrifft, so bekommt es hier noch eine viel tiefere Dimension.
Tosch kämpft um sein Leben, die Ich- Erzählerin ist für ihn da. Doch dabei bleibt sie selbst auf der Strecke. Beruflich in einer Sackgasse, die Tochter flügge und aus dem Haus. Das ist der Zeitpunkt, in dem Katja Oskamp beschließt, eine Ausbildung zur Fußpflegerin zu machen. Tosch unterstützt den Vorschlag. Obwohl beiden bewusst ist, dass sie dann nicht mehr immer zur Verfügung stehen wird.
Der Schweizer Schriftsteller ist zu diesem Zeitpunkt bereits zurück in seine Heimat gezogen. Dort ist sein Arztfreund, dort kann er zwischen den Krankenhausaufenthalten arbeiten. Die Beziehung geht ihrem Ende zu; ohne großen Szenen, ohne Knall. „ Eine Trennung in Häppchen, in Loopings, in Etappen. Ein warmer Entzug.“ Bald stellt sich ihre Nachfolgerin ein; sie selbst ist mal wieder „ die vorletzte Frau“.
Neunzehn Jahre betrug der Altersunterschied, neunzehn Jahre dauerte die Beziehung. „ Im ersten Fall galt neunzehn als viel, im zweiten als wenig.“ Gleich auf der ersten Seite stellt sich die Autorin die Frage, „ ob alles so gekommen wäre, wie es gekommen war, wenn Tosch während der neunzehn Jahre nicht krank und ich während der neunzehn Jahre nicht alt geworden wäre.“
Katja Oskamps Roman ist nicht nur die Liebesgeschichte zwischen einer jüngeren Frau und einem älteren Mann. Der Altersunterschied ist nicht der einzige Gegensatz zwischen ihnen. Er entstammt dem Schweizer Bürgertum. Mit einem Politikervater und einer eleganten und kühlen Mutter weiß er sich in den sog. „ besseren Kreisen“ zu bewegen. Sie dagegen kommt aus dem Osten Deutschlands, lebt mit der kleinen Tochter in einem Reihenhaus . Da der erfolgreiche Großschriftsteller, sie die Studentin mit ersten Schreibversuchen.
Doch Katja Oskamp leidet nicht unter dem Gefälle. Sie war gern unten, wie sie freimütig bekennt. Das wird ihr so richtig wieder bewusst, als sie als Fußpflegerin arbeitet. „ Mein Job war das Gegenteil von dem, was er oberste Liga nannte. Ich war unten im doppelten Sinn: anatomisch ( bei den Füßen) und sozial ( als geringfügig Beschäftigte mit Mindestlohn).“
Und sie neidet Tosch nicht seine schriftstellerischen Erfolge, denn sie ist sich bewusst, wie viel sie bei ihm gelernt hat.
So liest sich das Buch nicht nur als Geschichte einer Liebe und nicht nur als Krankheitsgeschichte, sondern erzählt gleichsam von der Entwicklung einer Frau zur Schriftstellerin.
Katja Oskamp ist zu bewundern für ihren Mut und ihre Offenheit. Aufrichtig und ohne sich und andere zu schonen schreibt sie von Sexualität und Krankheit. Auch wenn man sich fragen mag, ob man das immer so genau wissen will. Doch wovon sie schreibt, das gehört zum Leben und will benannt und angenommen werden.
Ihr Schilderungen sind lakonisch, voller Selbstironie und Witz, dabei ergreifend und zu Herzen gehend. Klug und reflektiert seziert sie Liebe und Krankheit, so dass man das Gelesene noch lange in Erinnerung behält.
Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte
Erste Töchter von Ljuba Arnautovic
Die 1954 in Kursk geborene und heute in Wien lebende Autorin hat mit
„ Erste Töchter“ die Trilogie ihrer fiktionalen Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte beendet.
Stand im ersten Band „ Im Verborgenen“ ( 2018 ) die Großmutter der Autorin im Mittelpunkt, eine sozialdemokratische Widerstandskämpferin, so war es in „ Junischnee“ der Vater Karl Arnautović.
Der kommt als Neunjähriger 1934 als sog. „ Schutzbundkind“ in die Sowjetunion. Gemeinsam mit seinem drei Jahre älteren Bruder Slavko verbringt er zunächst einigermaßen gute Jahre in einem Kinderheim. Die Lage ändert sich nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion. Die Brüder werden getrennt, der Ältere wird früh im Gefängnis umkommen. Karl überlebt als Straßenkind, als Gefangener und zehn Jahre als Zwangsarbeiter im Gulag. Erst 1955 kehrt er nach Österreich zurück, gemeinsam mit seiner russischen Frau Nina und ihrem ersten Kind, Tochter Ljuba. Um sie und um die jüngere Tochter Lara geht es nun im vorliegenden Buch.
Der Vater ist die alles dominierende Figur. Seine Traumata bestimmen das Leben seiner Töchter und seiner Frauen. „ Karl ist ein Gezeichneter. Nicht nur Gesicht und Körper tragen die Narben seines schweren Schicksals. Was ihn Jahre des Hungers, der Kälte und ständiger Todesgefahr hat überstehen lassen, ist ein unbändiger Lebenswille und ein Ehrgeiz, …Das harte Leben hat ihn eine Lektion gelehrt: Nie wieder Opfer sein! …Stärker sein als andere. Keine Rücksicht nehmen. Immer nach oben streben, dorthin, wo die Macht ist.“
Er wird sich bald von seiner Frau Nina trennen und die frühere Freundin seines verstorbenen Bruders heiraten. Doch die passt nicht zu den ehrgeizigen Plänen Karls. Seine dritte Frau, eine Ärztin aus gutem Hause, ermöglicht ihm den sozialen Aufstieg. „ Wenn Karl betrunken ist, prahlt er: „ Ich habe eine 25-jährige geheiratet, und als sie 35 war, hab ich mir wieder eine 25-jährige genommen, und als die 35 war, hab ich mir wieder eine 25-jährige genommen.“ Zu seinem Status die passende Ehe. Zu seinen Ehen der passende Status.“ Es wird sogar noch eine vierte Ehefrau geben.
Auch beruflich ist Karl erfolgreich . Seine Kenntnisse der russischen Sprache und vor allem der russischen Mentalität sind interessant für die deutsche Wirtschaft. Arbeitet er zunächst nur als Dolmetscher, so wird er bald für deutsche Konzerne in Russland Verhandlungen führen.
Doch unter seinem unbedingten Aufstiegswillen leiden die Töchter. Sie werden zum Spielball seiner Interessen. Auf die leibliche Mutter folgt die erste Stiefmutter, später die zweite , dazwischen Heimaufenthalte. Als Karl mit seiner dritten Ehefrau in München eine Familie gründet, holt er die beiden Mädchen zu sich. Aber die Gemeinsamkeit hält nicht lange an. Karl schickt die jüngere Tochter Lara zurück nach Wien zu seiner ersten Frau. „ Die Schwestern sind fortan wie Erich Kästners doppelte Lottchen …Die eine lebt jetzt beim Vater, die andere bei der Mutter, die eine in München, die andere in Wien….Nur wird in dieser echten Geschichte das Happy End ausbleiben.“ Einzig an diesem Satz wird der Schmerz fühlbar, den die Mädchen erlitten haben.
Die Entfremdung der Schwestern ist nicht aufzuhalten. Die langen Trennungen, das Aufwachsen in unterschiedlichen Milieus hinterlassen Spuren. Während Luna, wie sie sich jetzt nennt, in gutbürgerlichen Verhältnissen aufwächst, hat es Lara bei der Mutter wenig komfortabel. Während die eine in München ein Gymnasium besucht, geht die andere in Wien auf die Hauptschule. Anrührende Briefe im Roman von Lara und Luna zeugen von den hilflosen Versuchen, die alte Nähe wiederherzustellen.
Doch es braucht einschneidende Erlebnisse, damit sich die beiden Schwestern nach Jahren wieder einander nähern.
Dazwischen verfolgen wir vor allem Lunas Weg, einen Weg zunehmender Politarisierung. Wach registriert sie gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche und beteiligt sich aktiv daran. Schon früh begreift Luna den Unterschied zu Mitschülern, deren Eltern während der Nazizeit in Deutschland gelebt haben. „ Sie ist froh, auf der „ richtigen“ Seite geboren zu sein - ihre Freundinnen tragen mehr oder weniger schamhaft das Geburtsmal schuldig gewordener Väter oder mitgelaufener Mütter.“
Schlaglichtartig greift die Autorin einzelne politische Ereignisse heraus, auf die Luna reagiert. Es beginnt mit der Mitarbeit an einer Schülerzeitung, geht weiter mit politischen Schulungen bis zum Wohnen in einer Landkommune. Während Luna studiert und sich ausprobiert, wählt ihre Schwester Lara mit einer frühen Heirat und einem ersten Kind einen gegensätzlichen Weg.
Auch wenn Ljuba Arnautović nicht in der Ich -Form erzählt, so erkennt man sie doch unschwer in der Figur der Luna. Sie erzählt ihre Geschichte in einer distanzierten und weitgehend emotionslosen Prosa. Beinahe protokollartig fasst sie ihr Leben und das ihrer Familie zusammen. Es sind oftmals Erinnerungsssplitter, die assoziativ zusammengefügt werden. Dabei gibt es, gerade zum Ende hin, viele Zeitsprünge, die z.T. offene Fragen hinterlassen. Vielleicht hätten dem schmalen Roman einige Seiten mehr gut getan.
Da „ Erste Töchter“ für sich allein stehen soll, die Vorgeschichte des Vaters aber elementar für die weiteren Geschehnisse sind, so musste die Autorin zu Beginn des Buches den Inhalt ihres letzten zusammenfassen. Ich war froh, den Vorgänger schon zu kennen, so fiel es mir leichter, die geballten Informationen und die vielen Personen besser einzuordnen.
Den kühlen und sachlichen Ton habe ich nicht als Manko empfunden. Ich denke, er musste sein. So konnte sich die Autorin die z.T. schmerzlichen Erinnerungen auf Distanz halten. Außerdem gab es immer wieder kleine Bemerkungen, die die Verletztheit und Trauer spüren ließen. Hier ist der Lesende gefordert, sich vorzustellen, was das Geschilderte mit den Figuren macht. Eine Sicht in ihr Innenleben gibt die Autorin kaum.
Auch wenn der Vater ein Despot war, so ist das Buch keine Abrechnung mit ihm. Indem sich die Autorin so intensiv mit seiner Biographie auseinandergesetzt hat, konnte sie Verständnis für ihn entwickeln. Karl wurde zu dem, der er war, aufgrund seiner bitteren Erfahrungen. Das Buch endet versöhnlich.
„ Erste Töchter“ ist ein Buch, das ich mit Interesse und Gewinn gelesen habe. Auch wenn es nicht an die Qualität und die Intensität von „ Junischnee“ heranreicht. ( Was möglicherweise auch an den unterschiedlichen Erfahrungen der Figuren liegen mag. ) Nun möchte ich noch das erste Buch der Autorin lesen, in dem sie von ihrer Großmutter väterlicherseits erzählt.
Trauerarbeit - ein langer Prozess
Mein drittes Leben von Daniela Krien
Mein Name ist Linda. Linda bedeutet die Milde, die Freundliche, die Sanfte. Dieser Name hat nichts mehr mit mir zu tun.“ So stellt sich die Ich- Erzählerin im neuen Roman von Daniela Krien vor. Die Linda von früher, eine kultivierte und gepflegte Frau, glücklich verheiratet mit dem Maler und Kunstlehrer Richard, diese Linda gibt es nicht mehr.
Ein einziger Moment hat alles verändert.
Die 17jährige Tochter Sonja ist mit ihrem Rad unterwegs und wird von einem abbiegenden LKW überfahren.
Auch zwei Jahre nach dem Unfalltod hat Linda aus ihrer tiefen Trauer noch nicht herausgefunden. Nach ihrer Krebserkrankung hat sie ihren alten Job in einer Kulturstiftung gekündigt und sich auf einen heruntergekommenen Bauernhof in einem kleinen Dorf zurückgezogen. Sie braucht Abstand, braucht Zeit für sich selbst. In der früheren Wohnung in Leipzig erinnert alles an die verstorbene Tochter.
Ihr Mann Richard besucht Linda regelmäßig und versucht, sie zur Rückkehr zu bewegen. Vergeblich! Auch er trauert, doch er will endlich wieder nach vorne schauen, will weiterleben. Irgendwann wird er in der Schriftstellerin Brida eine neue Partnerin finden. ( Sie ist uns schon in Daniela Kriens Roman „ Die Liebe im Ernstfall“ begegnet.)
Mit sehr viel Sensibilität und Einfühlungsvermögen beschreibt die Autorin die Gefühlswelt ihrer Protagonistin, einer Frau, der das Schlimmstmögliche zugestoßen ist. Dabei zeigt sie, wie lange es brauchen kann, aus einem solchem Tiefpunkt herauszufinden.
Was Linda dabei hilft, ist die körperliche Arbeit auf dem Hof und im Garten. Diese Arbeit gibt ihrem Tag Struktur und Sinn. Und der Kreislauf der Natur vom Wachsen und Vergehen hat etwas Tröstendes.
In der Erinnerung durchlebt Linda die Zeit mit ihrer Tochter. Dabei macht sie sich Vorwürfe, ihr Kind mit zu kritischen Augen betrachtet zu haben, stellt sich auch die sinnlose Frage, ob sie das Unglück nicht hätte verhindern können.
Dazwischen gibt es immer wieder Phasen, wo der Schmerz unerträglich wird und der Gedanke an Selbstmord verlockend erscheint.
Während Linda sich beinahe ganz von ihrem früherem Umfeld gelöst hat, findet sie langsam neue Kontakte im Dorf. Das sind Menschen, die weit weg sind von dem gutbürgerlichen Milieu, in dem sie sich früher bewegt hat. Solche wie Nachbar Klaus und seine Frau, die sich als Wendeverlierer sehen und trotzdem nicht resignieren. Oder Natascha, die ein Leben mit einer behinderten Tochter meistern muss.
Es ist ein langer Weg raus aus der Trauer, langsam, oft mit Rückschritten verbunden, bis Linda gelernt hat, mit dem Verlust zu leben.
Dass sie mit ihrer Mutter über die gemeinsame Vergangenheit reden konnte, Verdrängtes ansprechen, war ebenso hilfreich wie der Bruch mit einer früheren Freundin, mit der sie nichts mehr verbindet.
Der Roman ist aber nicht nur die Geschichte über einen unerträglichen Schmerz, sondern auch die Geschichte einer großen Liebe.
Denn dass Richard ihr „ Lebensmensch“ ist, weiß Linda schon lange. „ Nicht die Liebe ist Richard und mir abhandengekommen, nur die gemeinsame Blickrichtung.“
Und als Richard sie braucht, ist sie für ihn da.
Obwohl der Roman tieftraurig ist, entlässt er den Leser mit einem Gefühl der Hoffnung.
Selten treffen die Adjektive „ berührend“ und „ bewegend“ so gut auf einen Roman zu wie hier. Daniela Krien findet die richtigen Worte , nie gleitet sie ins Sentimentale ab. Und obwohl der Leser sehr nah bei Linda ist, hat er großes Verständnis und Sympathie für Richard. Das spricht für die sensible Figurenzeichnung der Autorin. Auch die Nebenfiguren werden nuancenreich beschrieben.
Gleichzeitig ist das Buch eine Lehrstunde in Sachen Empathie. Linda hat früh gespürt, wie sich Freunde und Bekannte abwenden. „ Menschen ermüden vom Leid anderer Menschen. Sie verlieren die Lust, Rücksicht zu nehmen, wollen wieder selbst klagen dürfen. Sie sind heimlich wütend darüber, dass vor meinem Problem jedes ihrer eigenen Probleme verblasst. Meine Anwesenheit zwingt sie, ihr Glück zu begreifen.“
Im Roman erfahren wir, was Trauernde brauchen. Keine gut gemeinten Sprüche, keine Ungeduld! Jeder trauert anders, jedem steht die Zeit zu, die er dafür braucht.
Der Roman findet sich völlig zu Recht auf der Longlist für den diesjährigen Buchpreis. Es ist das bisher beste Buch der Autorin. Klug, einfühlsam und realistisch.
Vielschichtig
Fast wie ein Bruder von Alain Claude Sulzer
Nach seinem überaus erfolgreichen Roman „ Doppelleben“ über die beiden Goncourt - Brüder stehen dieses Mal zwei Männer im Zentrum die zwar keine Brüder sind, aber fast wie Brüder aufwachsen. Ihre Familien ziehen 1962 in dasselbe Mietshaus in Bochum. Da sind die Jungs gerade mal ein Jahr alt und die beiden Einzelkinder sind von nun an unzertrennlich.
Erst in der Pubertät beginnt ihre wachsende Entfremdung.
Der Besuch einer Kunstausstellung, eine große Werkschau mit Bildern des Malers Sigmar Polke, ist für den 15jährigen Frank eine Art Erweckungserlebnis. Danach steht für ihn fest, dass er Maler wird. Unablässig füllt er nun Blatt für Blatt mit seinen Zeichnungen.
Zwei Jahre später trennen sich die Wege der beiden Freunde. Die Väter ziehen mit ihren jeweiligen Söhnen weg, die einen nach Stuttgart, die anderen nach München. Ausschlaggebend dafür war aber nicht der Tod der Mütter, die beide kurz nacheinander an Krebs verstarben. Sondern der Eklat, als Frank beim Sex mit Matteo, dem Roma-Jungen aus dem Stockwerk darunter, erwischt wird. Hier zeigt sich nun, wie fremd sich die Freunde geworden sind. Ein Gespräch über das Vorgefallene vermeiden beide.
Erzählt wird uns das von einem namenlosen Ich- Erzähler, der dreißig Jahre später zufällig mit dem Werk seines früheren Freundes konfrontiert wird.
Frank ging Anfang der 1980er Jahre nach New York, wo er vergeblich versuchte, künstlerisch Fuß zu fassen und zugleich ein sexuell ausschweifendes Leben führte. „ Beruflich brachte New York ihn nicht weiter. Persönlich war es sein Untergang.“ Frank kehrt lediglich nach Deutschland zurück, um hier zu sterben. Aids, die damals noch tödlich verlaufende Krankheit, hat auch ihn erwischt. Der Erzähler besucht ihn eine Woche lang im Krankenhaus und wird von Frank als Nachlassverwalter für sein künstlerisches Werk eingesetzt.
Ohne die Bilder ein einziges Mal anzuschauen, verstaut sie der Erzähler in die Remise auf seinem französischen Landsitz. Und dort bleiben sie, bis ein Teil von ihnen eines Tages in einer Berliner Galerie wieder auftaucht. Nachdem der Erzähler sich überzeugt hat, dass der Schuppen auf seinem Grundstück tatsächlich leergeräumt ist, besucht er die Galerie und sieht sich dort mit einem obszönen Porträt von sich selbst gegenübergestellt.
„ Mit stiller Wucht“ erzählt Alain Claude Sulzer, so heißt es auf dem Klappentext, und das trifft es sehr genau. Ergriffen schlägt man am Ende das schmale Buch zu. Auch weil der Autor nicht alles aufklärt und den Leser mit manchen Fragen zurücklässt.
Es geht um Freundschaft, um das, was sie ausmacht und woran sie zerbrechen kann. Der Ich- Erzähler verdrängt das „ Vermächtnis“ in seiner Remise, nicht nur aus Ignoranz oder Desinteresse, sondern auch, weil es ihn an sein eigenes Versagen erinnert. Hätte er nicht zu Lebzeiten von Frank mehr Interesse für dessen Kunst aufbringen sollen? Und hätte er nicht nach dessen Tod sich um die Gemälde besser kümmern müssen? Die Vorwürfe seiner Frau treffen ihn hart, weil sie berechtigt sind. „ Du warst sein bester Freund, du hättest es besser machen müssen, aber du hast nichts getan, du hast das Zeug sich selbst überlassen. Du hast deinen Freund im Stich gelassen.“
Aber es ist natürlich auch ein großer Künstlerroman. Er erzählt von der Rätselhaftigkeit der Kunst und dem Unverständnis vieler. Gleichzeitig heißt Künstler - Sein auch, trotz fehlender Anerkennung und ausbleibender Erfolge, weiter seinen Weg zu gehen. Wie viele Künstler scheint auch Frank seiner Zeit voraus zu sein, denn erst Jahrzehnte später ist die Öffentlichkeit so weit, die Relevanz seiner Werke zu erkennen. Wäre Frank nicht schon in jungen Jahren gestorben, hätte er seinen Triumph noch erlebt. Was hätte er alles noch schaffen können ?
Das Thema „ Vergänglichkeit“ wird außerdem in verschiedenen Variationen durchgespielt. Da sind die beiden Mütter, die früh sterben; da ist Frank, gezeichnet von seiner tödlichen Krankheit, und da geht es um die Vergänglichkeit von Kunst, wenn Bilder verschwinden oder in Vergessenheit geraten..
„ Fast wie ein Bruder“ ist ebenso ein Zeitroman, der die Verklemmtheit und das Verdrängen jener Jahre atmosphärisch dicht einfängt. Dazu ein Coming - of - Age Roman und zum Ende hin entwickelt er sich noch zu einem Krimi.
Im Vorfeld war der Text Teil eines kleinen literarischen Skandals. Alain Claude Sulzer hatte sich mit einem Auszug aus dem Roman für eine Förderung bei der Basler Literaturjury beworben. Die Jury hat bemängelt, dass das Wort Zigeuner und dementsprechende Stereotypen vorkommen; daraufhin hat Sulzer seinen Antrag zurückgezogen. Sulzer geht es aber sicherlich nicht um eine Herabwürdigung einer bestimmten Volksgruppe, sondern er spiegelt damit den Sprachgebrauch und die Vorurteile jener Zeit. Genau wie er später von der „ Schwulenpest“ und „ Schwulenseuche“ spricht und damit das Klima der 80er Jahre sehr genau trifft, in denen man Homosexuelle wie Aussätzige behandelt hat und die Krankheit als gerechte Strafe für ein lasterhaftes Leben ansah.
Eine Dreingabe für die Leser seiner Bücher hat der Schweizer Autor auch noch eingebaut. Einen kleinen Auftritt hat Marek Olsberg, jener Pianist, der in Sulzers Roman „ Aus den Fugen“ mitten im Konzert aufsteht, den Klavierdeckel zuschlägt und den Saal verlässt. Hier ist er noch am Anfang seiner Karriere, als er mit Frank in New York eine Liebesnacht verbringt. Und eine Aufnahme von ihm , ein „ Nocturne“ von Chopin“, wird bei Franks Beerdigung gespielt.
Ein vielschichtiger Roman, geschrieben in Sulzers bewährtem eleganten Stil, mit dem Blick für Nuancen. Lesenswert!
Porträt einer modernen jüdischen Familie
Juli, August, September von Olga Grjasnowa
Die 1984 in Baku, Aserbaidschan, geborene Autorin ist eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb. Ihr Debut „ Der Russe ist einer, der Birken liebt“, 2012 erschienen, war ein großer Erfolg und wurde auch von der Kritik gefeiert. Mit elf Jahren, nach dem Zerfall der Sowjetunion, kam sie mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland.
Zur Zeit arbeitet sie als Professorin am Institut für Sprachkunst der Universität Wien. „ Juli, August, September“ ist ihr fünfter Roman.
Lou, die Ich-Erzählerin , lebt mit ihrem zweiten Mann Sergej und ihrer fünfjährigen Tochter Rosa, benannt nach ihrer Großmutter, in Berlin. Sergej ist als gefragter Pianist sehr viel unterwegs und ist er zuhause, muss er üben und ist kaum ansprechbar. Lou fragt sich deshalb zu Recht, ob sie überhaupt noch ein Paar sind.
Beide sind russisch-stämmige Juden, aber der Glaube spielt in ihrem Alltag kaum eine Rolle. Lou überlegt, ob sie ihrer Tochter nicht mehr von ihrer jüdischen Identität vermitteln sollten. Ihr Mann winkt lachend ab: „ Juden haben keine Wurzeln, Juden haben Beine.“
Aber Lou lässt der Gedanke keine Ruhe. Deshalb ist sie auch bereit, zusammen mit Rosa und ihrer Mutter zum 90. Geburtstag von Großtante Maya nach Gran Canaria zu fliegen. Dort will die israelische Verwandtschaft gemeinsam feiern. Die weit verzweigte Familie ist aus Russland nach Israel ausgewandert. Nur Lou und ihre Mutter leben in Deutschland. Während die Familie in Israel mittlerweile ein gut situiertes Leben führen, muss Lous Mutter mit einer kleinen Rente auskommen, „ denn die Arbeitsjahre der Russlanddeutschen in der Sowjetunion wurden angerechnet, die der Juden nicht.“
Dazu ist es in Israel einfacher, seine jüdische Identität zu leben. Das Aufeinandertreffen auf der Kanarischen Insel ist deshalb nicht unbelastet.
Der größte Streitpunkt aber sind die Geschichten von Maya über ihre Kindheit und Jugend in der Sowjetunion. Denn ihre Erinnerung weicht stark ab von den Erzählungen der verstorbenen Großmutter Rosa. „ Maya war die letzte Zeugin, und sie veränderte die Geschichte vom Überleben nach ihren Bedürfnissen. …Sie manipulierte die Erinnerung und war doch zugleich die Einzige, die sich überhaupt noch erinnern konnte.“
Um herauszufinden, was wirklich passiert war, reist Lou deshalb nicht mit Mutter und Tochter nach Deutschland zurück, sondern fliegt nach Israel, um dort Antworten zu finden auf ihre Fragen.
Olga Grjasnowa lässt hier eine Frau zu Wort zu kommen, die sich über vieles im Unklaren ist. Ist ihre Ehe noch zu retten? Wann begann die Entfremdung zwischen ihr und ihrem Mann? War die Fehlgeburt, über die Lou nicht hinwegkommen kann, einer der Gründe dafür oder liegt es an Sergejs beruflicher Krise?
Neben diesen ganz privaten Problemen werden aber auch Fragen nach jüdischer Identität aufgegriffen. „ Wir geben uns so viele Mühe für eine Religion, obwohl wir nicht an Gott glauben, für eine Vergangenheit, an der kaum etwas gut war, für eine Zukunft, die maximal ungewiss ist, und für eine Identität, die wir selbst nicht mehr verstehen.“ so resümiert die Protagonistin.
Daneben erfahren wir vom Aufwachsen einer russisch-stämmigen Jüdin in Deutschland. Auf Lou lastet eine große Hypothek, denn ihr Erfolg muss all die Entbehrungen und die Arbeit ihrer Mutter rechtfertigen. „ Ihre Immigration bedeutete, dass sie ihr Leben gegen meine Zukunft eingetauscht hatte, und ich war ihr diese Zukunft schuldig….Also versuchte ich ihr zu beweisen, dass ihr Opfer nicht umsonst war, sei es durch meine Ausbildung, meine Ehe oder meine Karriere.“
Berührend ist vor allem das grausame Schicksal von Rosa und Maya, das Olga Grjasnowa in einer kurzen Binnenerzählung darstellt. Auch in der Sowjetunion gab es einen Genozid an den Juden.
Wie der Titel schon andeutet, ist der Roman in drei Teile gegliedert, wobei der erste ( Juli ) in Deutschland spielt, der zweite ( August ) auf Gran Canaria und der letzte ( September) in Israel.
Die Ich- Perspektive ermöglicht eine eindrückliche Innensicht der Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonistin und dadurch kommt man ihr sehr nahe. Glaubhaft und nachvollziehbar werden ihre Probleme und ihre Ängste beschrieben, ebenso die Fragen, die sie umtreiben.
Dazwischen gestreut finden sich hin und wieder kurze Bemerkungen zur aktuellen Situation, sowohl in Deutschland als auch in Israel.
„ Juli, August, September“ ist ein sprachlich überzeugender Roman, der viele Denkanstöße liefert und zugleich ein interessantes Porträt einer modernen jüdischen Familie.
Oscar + Moni = Freunde
Pi mal Daumen von Alina Bronsky
Oscar ist hochbegabt und mit seinen sechzehn Jahren sicherlich der Jüngste an der Uni. Schon in der Grundschule wusste er, dass er später einmal Mathematik studieren würde.
Leicht verspätet kommt Moni zur ersten Vorlesung. Mit ihrem schrillen Outfit - roter Kunstlederrock und eine tief ausgeschnittene Bluse im Leopardenmuster, dazu eine gut gefüllte Ikea-Tasche an der Schulter - wirkt sie wie ein Fremdkörper im Vorlesungsraum.
Außerdem ist sie deutlich älter als die anderen im Saal. Neben Oscar ist ein Platz frei und damit beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft zweier Außenseiter.
Auch wenn Oscar überzeugt ist, dass Moni sowieso bald aufgeben wird, nimmt er sich ihrer an und unterstützt sie bei den Übungsaufgaben. Er betrachtet sie als sein„ Wohltätigkeitsprojekt“, dabei hat der Leser längst bemerkt, dass es sich eher umgekehrt verhält. Denn der weltfremde Oscar ist zwar ein mathematischer Überflieger, hat aber erhebliche Defizite im zwischenmenschlichen Bereich. Freunde hatte er noch nie, außer einem gewissen Mr. Brown, der allerdings nur in Oscars Phantasie existiert. „ Ich war es nicht gewohnt, dass fremde Menschen nach dem Erstkontakt weiter mit mir sprachen. Schon meine erste Reaktion war für mein Gegenüber meist so erschöpfend, dass kein weiterer Bedarf bestand.“ So bilanziert er selbst seine Erfahrungen mit anderen.
Schwungvoll und mit Humor lässt Alina Bronsky ihre beiden Protagonisten aufeinandertreffen. Da prallen unterschiedlichste Welten zusammen. Hier der autistische Sohn aus gutem Hause, sogar mit Adelstitel, dem die besorgten Eltern schon immer alle Hindernisse aus dem Weg räumten. Dagegen Moni, eine Frau Anfang Fünfzig, die vieles allein schultern muss. Sie kümmert sich nicht nur um ihren ständig brummeligen Ehemann, sondern außerdem um ihre drei Enkelkinder, weil Tochter Püppi mit der Aufgabe völlig überfordert ist. Und obendrein braucht sie noch diverse Nebenjobs, um über die Runden zu kommen. Wie soll da Zeit bleiben für ein so anspruchsvolles Studium? Doch Moni scheint begabt zu sein, das muss Oscar bald neidvoll feststellen. Und außerdem kennt sie einen der Professoren, ausgerechnet den, der Oscars großes Vorbild und Idol ist.
Moni gibt Oscar viele Fragen auf. Weshalb beginnt Moni in ihrem Alter noch ein Studium und warum versucht sie dies vor ihrer Familie geheimzuhalten? Und vor allem: Woher kennt Moni Professor Johannsen? Er beginnt nachzuforschen.
Erzählt wird das alles aus der Perspektive Oscars, das macht den Roman so besonders. Denn Oscars spezieller Blick auf die Welt sorgt für viele komischen Beobachtungen, Szenen und Dialoge. Anschaulich und witzig zugleich sind auch seine Vergleiche : „ Im Mathestudium mit Schulwissen anzukommen war, als wollte man mit einer Sandkastenschaufel versuchen, einen See auszugraben.“
Moni hat ein großes Herz und sie kümmert sich mit mütterlicher Fürsorge um Oscar. Von ihrer Beziehung profitieren beide. Moni, die bisher von allen unterschätzt wurde, kann zeigen, was in ihr steckt und Oscar lernt den Umgang mit Menschen. „ Es war der Sommer, in dem ich mich dabei ertappte, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben spontan das Pronomen wir aussprach.“.
Und das Ende lässt Raum für Interpretationen.
Alina Bronsky hat ihre Charaktere, wie gewohnt, satirisch überspitzt und sie spielt mit vielen Klischees. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb wachsen die Figuren dem Leser ans Herz.
Auch greift der Roman wichtige Fragen auf, so z. B. warum immer noch der soziale Hintergrund bei der Beurteilung von Intelligenz eine Rolle spielt .Und er zeigt, dass es nie zu spät ist für einen Neuanfang.
„ Pi mal Daumen“ ist ein Roman, der bestens unterhält und man muss kein mathematisches Genie sein, um ihn zu genießen.
Frei erfunden, aber…
Freunderlwirtschaft von Petra Hartlieb
Die österreichische Schriftstellerin und Buchhändlerin Petra Hartlieb hat ihre schriftstellerische Karriere als Krimiautorin begonnen. Gemeinsam mit dem Literaturkritiker Claus-Ulrich Bielefeld hat sie vor Jahren eine dreibändige Krimireihe geschrieben. Nun hat sie mit „ Freunderlwirtschaft“ erneut einen Krimi vorgelegt; für diesen aber ist sie allein verantwortlich.
Hauptkommissarin Alma Oberkofler, frisch von Linz nach Wien versetzt, bekommt es gleich in der ersten Woche mit einem brisanten Mordfall zu tun. Der smarte junge Minister für Tourismus und Landwirtschaft, Max Langwieser, wird tot in seiner Penthouse- Wohnung aufgefunden. Todesursache: ein Sturz auf den gläsernen Designertisch. War es ein Unfall oder hat hier jemand nachgeholfen? Doch wer sollte ein Interesse haben, den beliebten Politiker umzubringen. Der Verdacht fällt bald auf seine Freundin Jessica, die seitdem verschwunden ist. Doch Alma hat hier ihre Zweifel. Bald gibt es einen zweiten Toten, der mit dem ersten Opfer in Beziehung stand.
Die Ermittlungen führen die Polizeibeamtin und ihre Kollegen in allerhöchste Kreise. Langwieser war ein enger Freund von Bundeskanzler Fercher, der einige Ähnlichkeiten zum früheren österreichischen Kanzler Sebastian Kurz aufweist. Bald stellt sich heraus, dass der saubere Landwirtschaftsminister einige dubiose Geschäfte laufen hat. Wirtschaft und Politik gehen hier eine lukrative Verbindung ein. „ Die waren nicht sauber. Denen ging es nicht um das Wohl des Landes, das war höchstens der romantische Beginn ihrer politischen Karriere gewesen. Nun ging es um Geld, Macht und Privilegien , und auch wenn Frauen irgendwie mitspielen durften, war es ein Männerzirkel wie schon seit jeher. Verschlossen, kameradschaftlich und gnadenlos. Wo man hinsah, die Jungs hielten eisern zusammen, einfach weil es ein Prinzip war, aber auch, weil jeder vom jeweils anderen etwas in der Hand hatte, etwas, mit dem man erpressbar war.“
Mit Sachverstand ( die Recherche erforderte hier viel Zeit und Arbeit, wie die Autorin in einem Interview bekennt) und mit bissigem Spott beschreibt Petra Hartlieb die Ermittlungsarbeit . Doch es gibt noch eine zweite Perspektive im Roman, nämlich die von Jessica, der Verlobten des Toten. Hier erfährt der Leser aus erster Hand, wie sich die Beziehung zwischen der jungen Frau und dem Minister entwickelt hat. Beide kennen sich seit ihrer Schulzeit. Und hier begleiten wir Jessica auf ihrer Flucht und erfahren die Gründe dafür. So ist der Leser immer etwas schlauer als die ermittelnde Beamtin.
Petra Hartlieb legt Wert auf eine differenzierte Figurenzeichnung. Alle wichtigen Protagonisten bekommen einen biographischen Hintergrund. Das macht die Figuren authentisch und lebendig. Von Alma erfährt der Leser gleich zu Beginn, dass ein Kindheitstrauma verantwortlich war für ihre Berufswahl. Mentalen Ausgleich findet Alma in der Beziehung zu Antti, einem finnischen Professor, den sie vor drei Jahren auf Sylt kennengelernt hat und der seinen Arbeitsplatz ihr zuliebe nach Österreich verlegt hat. Und eine nette Buchhändlerin darf im Roman auch nicht fehlen. Die ist Wohnungsnachbarin von Alma und hat immer ein offenes Ohr und etwas zum Essen und Trinken für sie.
„ Freunderlwirtschaft“ ist ein unterhaltsamer Krimi, der zwar frei erfunden ist, aber Ähnlichkeiten mit Personen und Vorkommnissen aus der Realität aufweist. Die sympathische Ermittlerin und ihre geradlinige Vorgehensweise lassen auf eine Fortsetzung hoffen.
Ein Frauenleben im Zwanzigsten Jahrhundert
Nur nachts ist es hell von Judith W. Taschler
Wer den Vorgängerroman „ Über Carl reden wir morgen“ gelesen hat, der hat mit viel Vorfreude dieses Buch erwartet. Dort erzählte Judith W. Taschler die Geschichte der Familie Brugger, die in einem kleinen Ort im österreichischen Mühlviertel eine Mühle betreibt. Sie spannt dabei den Bogen über drei Generationen hinweg, vom frühen 19.
Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.
„ Nur nachts ist es hell“ schließt unmittelbar daran an. Doch hier geht es vorrangig um das Leben von Elisabeth Brugger, der einzigen Tochter der letzten Bruggerfamilie. Im Vorgängerroman griff Judith W. Taschler zu verschiedenen Perspektiven und schuf so ein vielstimmiges Bild. Hier wird alles aus der Perspektive von Elisabeth erzählt. Man muss den Vorgänger allerdings nicht gelesen haben, um dieses Buch zu verstehen. Die österreichische Autorin baut alle notwendigen Informationen organisch in die Geschichte ein.
Elisabeth war das jüngste Kind und der Liebling ihrer Eltern. Die Zwillingsbrüder Carl und Eugen waren zwölf Jahre älter. Deren dramatisches Schicksal spielt auch in Elisabeths Leben herein. Gustav, der mittlere der Geschwister, der ihr in ihrer Kindheit am nächsten stand, stirbt in den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Elisabeth wird später in dessen Fußstapfen treten und wie er Medizin studieren; eine ungewöhnliche Laufbahn für Frauen zur damaligen Zeit. Doch gegen viele Widerstände, zuerst von den Eltern, dann von Studenten- und Professorenseite aus, setzt sich Elisabeth durch und wird eine anerkannte und beliebte Ärztin. Zunächst aber arbeitet sie während des gesamten Krieges als Krankenschwester an der Front.
Nach Kriegsende heiratet Elisabeth Georg, einen Studienfreund ihres gefallenen Bruders. Georg kommt versehrt aus dem Krieg nach Hause; ihm fehlt der linke Arm. Aber er unterstützt sie in ihrem Wunsch, Medizin zu studieren und bis zum Tod ihres Mannes werden sie gemeinsam eine Arztpraxis in Wien betreiben. Das Paar bekommt zwei Söhne, die glücklicherweise den Zweiten Weltkrieg überleben.
Man spoilert nicht, wenn man das alles verrät, denn das erfährt der Leser schon zu Beginn des Romans. Hier fasst Elisabeth die Eckpunkte ihrer Biographie ganz sachlich zusammen, um sie dann im Verlauf des Buches mit Leben zu füllen.
Das Ganze ist angelegt als langer Monolog, adressiert an die Großnichte Christina. Ihr erzählt sie Anfang der 1970er Jahre ihr Leben, aber auch von den Verhältnissen in ihrer weitverzweigten Familie. Dabei geht sie nicht streng chronologisch vor, sondern springt zwischen den Zeiten hin und her. Oft greift sie vor, dann wieder nimmt sie zurückliegende Erzählfäden auf oder schweift ab. So erschließt sich nach und nach die komplexe Figur der Elisabeth und man kommt ihr erst gegen Ende wirklich nahe.
Ärztin zu sein ist für Elisabeth mehr als ein Job, sie versteht ihn als Berufung. Das Thema Medizin und Medizingeschichte nimmt deshalb auch einen breiten Raum im Roman ein.
Einen noch größeren Einfluss auf Leben und Alltag der Protagonistin haben die historischen Zeitumstände, allen voran die beiden Weltkriege. Judith W. Taschler verknüpft dabei die gut recherchierten geschichtlichen Hintergründe meist sehr gekonnt mit der Romanhandlung. Manches wird aber auch nur aufgelistet, nach dem Motto : Was geschah sonst noch in der Welt? ( Amüsiert zur Kenntnis genommen habe ich, dass die Veröffentlichung des ersten Romans von Franz Werfel „Verdi. Roman der Oper“ im neu gegründeten Zsolnay Verlag Erwähnung findet.)
Lakonisch und gänzlich unsentimental wird uns hier das Leben einer kämpferischen und fortschrittlich denkenden Frau präsentiert, ein Leben mit einigen Höhen und vielen Tiefen.
Der Roman endet mit der Frage, was entscheidend ist für das Leben eines jeden von uns. „ Was macht einen Menschen zu dem, was er ist? Was prägt ihn? Der Kopf und das Temperament. Hör auf dein Temperament….Bis zu einem gewissen Teil prägt einen auch die Familie, aus der man kommt.“ Doch Elisabeth hält nichts davon, die Verantwortung auf andere abzuwälzen. „ Geh davon aus, dass du allein die Verantwortung für dein Handeln trägst, und leb dein Leben danach.“ Diesen klugen Rat erteilt sie ihrer Großnichte. „ Und abgesehen von der Zeit, in die man hineingeboren wird und deren Unwägbarkeiten man sein Leben lang hinterherhechelt, gibt es auch noch Begegnungen mit Menschen, die direkt oder indirekt Einfluss auf uns nehmen.“
Genau all diese Aspekte greift der Roman auf: die eigene Persönlichkeit, das Elternhaus und die Familie, die Zeitumstände und die Menschen, die wichtig werden für das eigene Dasein.
Mit „ Nur nachts ist es hell“ ist Judith W. Taschler wieder ein unterhaltsamer Roman gelungen, der zwar nicht ganz an seinen Vorgänger heranreicht, aber sich zu lesen lohnt.
Ein Weckruf
Das Lied des Propheten von Paul Lynch
Das Unheil kommt in Gestalt zweier Männer. Sie stehen eines Abends vor der Tür des Hauses der Familie Stark in Dublin. Die beiden sind Zivilbeamte der neu gegründeten Geheimpolizei und sie wollen Larry Stark sprechen. Der ist als stellvertretender Generalsekretär der Lehrergewerkschaft ins Visier der neuen Regierung geraten.
Doch Larry will sich nicht einschüchtern lassen und bereitet mit anderen Mitstreitern eine Großkundgebung gegen die neuesten Restriktionen der Regierung vor. Von dieser Demonstration wird Larry nie mehr heimkommen. Er wird wie Tausende mit ihm verhaftet und verschleppt. Sein weiteres Schicksal bleibt im Dunkeln.
Und Eilish, seine Frau, wird mit den vier Kindern, zwischen 16 und einem halben Jahr alt, alleine zurechtkommen müssen.
Wir sind in Irland, das sich innerhalb kürzester Zeit in eine Diktatur verwandelt hat. Eine nationalistische Partei, die National Alliance Party
( NAP) hat die Wahl gewonnen. Sie regiert mit Notverordnungen, verfolgt Andersdenkende und besetzt Schaltstellen der Macht mit ihren eigenen Leuten. Bürgerrechte werden außer Kraft gesetzt. Das bewährte Instrumentarium aller Diktaturen wird aufgefahren.
Wie es dazu kommen konnte, welche Ziele die neue Regierung verfolgt, wird nicht näher erläutert. Darum geht es dem Autor offensichtlich nicht.
Nein, er setzt in dieses Szenarium eine ganz gewöhnliche Frau, jemanden wie Du und ich, und zeigt ganz konkret, wie deren Leben unter den veränderten Bedingungen weitergeht.
Eilish mag anfangs nicht glauben, dass ihr Mann verhaftet wurde. Sie hält es für einen Irrtum, pocht auf ihre Rechte, bis sie begreift, dass das alte Recht nicht mehr gilt. Sie kämpft auf der einen Seite für die Freilassung ihres Mannes und versucht gleichzeitig die Familie zusammenzuhalten. Um die Kinder nicht zu beunruhigen, greift sie zu Lügen und Ausflüchten. Doch lange lässt sich der Schein der Normalität nicht aufrechterhalten. Die Lage spitzt sich dramatisch zu. Die Familie wird schikaniert und steht unter Beobachtung. Eilish verliert ihren Job. Die Schulen werden geschlossen, Lebensmittel werden rationiert. Der älteste Sohn Mark soll zur Armee eingezogen werden. Doch der geht in den Untergrund und schließt sich den Rebellen an.
Eilishs Schwester in Kanada dringt schon früh auf eine Ausreise. „ …die Geschichte ist eine stumme Liste derer, die nicht wussten, wann sie gehen müssen.“ Doch Eilish kann nicht einfach weggehen. Zu viele Verpflichtungen halten sie zurück. Die Kinder brauchen ihre gewohnte Umgebung, außerdem trägt sie die Verantwortung für ihren zusehends dementer werden Vater, den sie nicht allein lassen kann. Und dann ist ist da immer noch die Hoffnung auf die Rückkehr ihres Mannes.
Als Leser leidet man mit Eilish, aus deren Perspektive wir die Entwicklung verfolgen. Wir hadern mit ihrem Zögern und ihren Entscheidungen und fragen uns gleichzeitig, wie wir in einer vergleichbaren Situation handeln würden.
Es muss noch einiges passieren, bis Eilish sich durchringen kann, das Land zu verlassen. Doch auf legalem Weg ist das nicht mehr möglich, die Grenzen sind dicht. Der Roman endet am Meer, dort, wo aktuell so viele aufbrechen in eine bessere Zukunft.
Dass der Autor das Geschehen ganz konkret in Irland verortet, nicht in einem weit entfernten Land oder in einer fernen Zukunft, macht die Geschichte so beklemmend. Damit macht Lynch deutlich, dass so eine Entwicklung jederzeit und überall passieren kann. Und wie wichtig es ist, die Zeichen der Zeit frühzeitig zu erkennen und richtig zu deuten. Im Grunde beschreibt Lynch nichts Neues. Beispiele aus der Geschichte und der Gegenwart gibt es zu Genüge. Aber es ist notwendig, sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen. Demokratie ist nicht selbstverständlich und für sie muss beständig eingetreten werden. Ein Weckruf an uns alle, damit wir uns nicht denselben Vorwurf machen müssen wie Eilish: „ Dein ganzes Leben lang hast du geschlafen, wir alle haben geschlafen, und jetzt beginnt das große Erwachen.“
Das Buch ist keine leichte Lektüre. Es erfordert die volle Konzentration und sein Stil und die verengte Perspektive erlauben keine Distanz. Lynch unterteilt es zwar in einzelne Kapitel, doch dazwischen gibt es keine Absätze. Die starke Rhythmisierung der Sätze und das durchgehende Präsens ergeben eine Dringlichkeit, der man sich als Leser nicht entziehen kann. Dialoge werden nicht durch Anführungszeichen kenntlich gemacht; wer spricht, oder ob es sich um Gedanken oder Gespräche handelt, wird oft nur durch den Kontext deutlich.
Was den Roman neben seiner Thematik aber so besonders macht, ist seine lyrische Sprache. Lynch findet ausdrucksstarke Bilder, die das Grauen fühlbar machen. Die Bedrohung rückt so dem Leser ganz nahe. Dabei arbeitet er mit Leitmotiven und einer starken Symbolik.
Gegen Ende lässt der Autor den titelgebenden biblischen Propheten zu Wort kommen: „ …und der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon,…, dass die Welt immer wieder aufs Neue an einem Ort endet, aber nicht an einem anderen, und dass das Ende der Welt immer ein lokales Ereignis ist, es kommt in dein Land und besucht deine Stadt und klopft an die Tür deines Hauses, und wird für andere nur eine ferne Warnung, ein kurzer Bericht in den Nachrichten, ein Echo von Ereignissen, das in die Folklore eingegangen ist,…“
Der irische Autor wurde 2023 für diesen Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Völlig zu Recht, wie ich finde. „ Das Lied des Propheten“ ist ein schmerzhaftes Buch, aber ein wichtiges, ein notwendiges; ein Buch, das nicht nur thematisch überzeugt, sondern v.a. durch seine literarische Umsetzung.











