Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Ruth:
Gleichermaßen faszinierend wie abstoßend
Trophäe von Gaea Schoeters
Die Journalistin und Autorin Gaea Schoeters, geboren 1976, hat mit diesem Roman in ihrer flämischen Heimat Aufsehen erregt. Nun ist „ Trophäe“ auch in Deutschland erschienen und dem Buch wurde auch hier schon viel Aufmerksamkeit geschenkt. Denn es ist eine gleichermaßen faszinierende wie abstoßende Geschichte, die sie uns hier erzählt.
Der Protagonist mit dem sprechenden Namen White Hunter ( wem das zu plump erscheint, bekommt von der Autorin eine schlüssige Erklärung dafür ) ist ein schwerreicher Amerikaner, dessen große Passion die Jagd ist, vornehmlich die Großwildjagd. Er ist in Afrika, um endlich seine „ Big Five“ abzuschließen. Nach Elefant, Löwe, Leopard und Kaffernbüffel fehlt ihm nur noch das Spitzmaulnashorn. Seiner Frau, einer Kunst- und Antiqitätenhändlerin, will er die Trophäe für ihre Sammlung zum Geschenk machen. Hunter hat sehr viel Geld für die Jagdlizenz bezahlt und gemeinsam mit dem Jagdleiter und Freund van Heeren begibt er sich auf die Spur des begehrten Tieres. Doch Wilderer kommen ihm zuvor, denn das Horn ist wertvoll und verspricht viel Geld. Hunter ist enttäuscht. Da macht ihm van Heeren ein verlockendes Angebot. Ob er schon mal von den „ Big Six“ gehört habe? Anfangs ist Hunter schockiert , doch dann siegt sein Jagdtrieb über seine moralischen Bedenken.
Es ist ein erschreckendes Gedankenexperiment, auf das uns die Autorin hier mitnimmt. Und sie versteht es sehr geschickt, uns beinahe zum Komplizen ihrer Hauptfigur zu machen. Sie nimmt uns mit in seine innersten Gedanken, Gefühle und Überlegungen und schreibt dabei so eingängig, dass man anfänglich bereit ist, seiner Argumentation zu folgen. Auch wenn man die Großwildjagd vehement ablehnt, scheint es doch glaubwürdig, dass eine gezielte Jagd dem Schutz der Tiere dient. Denn, so Hunter, das viele Geld, das einer bereit ist für den Abschuss eines Tieres zu bezahlen, werde in den Arten- und Umweltschutz der Region gesteckt. Die anderen Tiere werden weiterhin vor Wilderen geschützt, das Fleisch bekommt die Bevölkerung und die wiederum erhält Arbeit und Verdienst als Fährtenleser und Treiber. Angeblich eine Situation, bei der alle nur gewinnen können. Doch Recherchen im Netz haben mir dann gezeigt, dass es sich Hunter mit seiner Argumentation etwas sehr einfach macht, denn die Problematik erweist sich als weitaus vielschichtiger als er es darstellt. Umweltschützer und Ethnologen kommen auf ganz andere Ergebnisse als Jäger und Jagdverbände.
Doch das ist nur eine von vielen Erkenntnissen, die ich aus dem Roman mitnehme.
Denn es geht der Autorin nicht nur um das Thema Großwildjagd, sondern auch um den Zusammenprall zweier Kulturen und die Folgen des Kolonialismus.
Mit Hunter haben wir einen typischen Vertreter des weißen Mannes, der von seiner Überlegenheit und der der westlichen Kultur überzeugt ist.
„ Denn nur er, Hunter, und niemand anderes, steht ganz oben in der Nahrungskette.“ Trotzdem treibt ihn eine Art romantischer Sehnsucht nach Afrika. „ Für ihn ist Afrika ein großes Naturreservat, von Gott geschaffen, um ihm Freude zu bereiten….Afrika ist sein Vergnügungspark, sein Jagdgebiet.“
In seinem Beruf als Börsenspekulant geht es um wenig Konkretes. Er lebt von den Hoffnungen anderer, oft an der Grenze zur Illegalität. Aber im Privaten sucht er das wahre, das authentische Leben, das Archaische und Ursprüngliche, die existenzielle Gefahr. Das scheint er in der Jagd zu finden, in der wilden Natur Afrikas. Dabei weiß er schon lange, dass es das wahre Afrika, das Afrika vor den Weißen, nicht mehr gibt. Zerstört von Menschen wie ihm. Und am Ende muss Hunter erkennen, dass seine westliche Überlegenheit nur eine vermeintliche ist angesichts den Gesetzen, die in der wilden Natur herrschen.
Auch van Heeren, der sehr gut von den reichen Weißen lebt, die sich bei seinen organisierten Jagden vergnügen und bestätigen, weiß, welche Schuld die Kolonialherren von früher an der jetzigen Situation in Afrika tragen. „ Unsere Vorfahren haben sie umgesiedelt, was eine nette Formulierung dafür ist, dass wir uns ihr Land unter den Nagel gerissen haben. Weil wir sie gezwungen haben, in Städten zu wohnen, sind die besten Jäger des Kontinents innerhalb von drei Generationen zu Alkoholikern und Drogensüchtigen verkümmert.“
Und die Ausbeutung von Land und Leuten geht ja weiter. Der Leser wird sich entsetzt abwenden von der grausamen Jagd im Verlauf des Buches. Gleichzeitig nehmen wir es aber hin, dass die westliche Welt mit ihrem Geld immer noch die Bedingungen stellt und die afrikanische gezwungen ist, sich denen zu unterwerfen.
Doch nicht nur die weißen „ Herrenmenschen“ werden im Roman porträtiert. Der Leser bekommt auch einen kleinen Einblick in afrikanisches Leben und afrikanische Kultur. Dabei legt sich die Autorin nicht konkret fest auf eine Region oder eine Ethnie. Sie zeigt nur den Gegensatz zwischen westlicher Individualität zu afrikanischem Gemeinschaftsdenken, die unterschiedlichen Motivationen zur Jagd und die Unterschiede im Wertesystem. „ Deine westliche Moral ist ein Luxusprodukt, das man sich leisten können muss. Der Rest der Welt muss mit Pragmatismus auskommen.“ Auch das wieder Sätze, die zum Nachdenken zwingen.
„ Trophäe“ ist in vieler Hinsicht ein Roman, der Augen öffnet, uns neue Blickwinkel eröffnet, ohne belehrend zu sein. Die Autorin beschreibt, schildert Situationen und Abläufe, ohne zu werten. Ein Urteil muss sich der Leser selbst bilden.
Dabei ist das Buch unglaublich spannend und fesselnd. Die Autorin erzeugt faszinierende Bilder und schafft eine Atmosphäre, die den Leser direkt teilhaben lässt. Grandiose Tier- und Landschaftsbeschreibungen im Wechsel mit actionreichen Szenen und griffigen Dialogen entwickeln einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Ein ungewöhnlicher Roman, der Stoff bietet für lange Diskussionen.
Bewegendes Frauenschicksal, eingebettet in eine dänisch-jüdische Familiensaga
Annas Lied von Benjamin Koppel
Benjamin Koppel ist ein dänischer Jazzmusiker und Komponist, dessen Debutroman in seiner Heimat die Bestsellerlisten erobert und die Kritiker gleichermaßen begeistert hat. Nun ist diese dänisch - jüdische Familiensaga auf Deutsch erschienen und ich bin überzeugt, dass auch die deutschen Leser dieses Buch lieben werden.
Der Roman basiert auf seiner eigenen Familiengeschichte, denn die Hauptfigur Hannah ist seiner Großtante Anna Koppel ( 1921 - 2019 ) nachempfunden.
Hannah ist das jüngste Kind und einzige Tochter von Bruche und Yitzhak Koppelmann. Die Familie lebt in Kopenhagen. Hierher sind Yitzhak und seine Frau Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts geflüchtet. Auch Yitzhaks Brüder haben ihre Heimat im polnischen Blaszki verlassen und sich, bis auf einen, in Dänemark niedergelassen. Yitzhak arbeitet von früh bis spät in seiner Schneiderwerkstatt, um seiner Familie ein angemessenes Leben zu ermöglichen. Die vier älteren Brüder Hannahs führen das väterliche Erbe nicht weiter, denn alle sind sehr musikalisch und werden erfolgreiche Musiker. Mit dem Berufswunsch der Söhne können sich die Eltern arrangieren, doch dass alle vier nichtjüdische Frauen heiraten, trifft vor allem die Mutter sehr.
Ihre ganze Hoffnung richtet sich nun auf Hannah, sie darf ihre Familie nicht enttäuschen, sie muss das jüdische Erbe weitertragen. „ Hannah würde niemals Schande über die Familie bringen, Hannah würde nie gegen den Willen ihrer Eltern handeln.“ Dabei hat sich Hannah doch gerade leidenschaftlich in Aksel verliebt, einen jungen Kommunisten, der voller Enthusiasmus für eine bessere Welt kämpft. Mit ihm kann Hannah reden und lachen, er nimmt sie und ihre Wünsche und Träume ernst. Denn Hannah möchte wie ihre Brüder Musikerin werden. Sie liebt die Musik und ist eine begabte Pianistin.
„ Musik war eine unerschöpfliche Quelle des Glücklichseins….Das Instrument hörte ihre geheimsten Gedanken, verstand ihre Gefühle und all die anderen Dinge, die sie kaum in Worte fassen oder mit anderen teilen konnte.“
Doch ihre Mutter hat andere Pläne. Sie arrangiert eine Ehe mit Francois, einem wohlhabenden Franzosen aus jüdischer Familie. Dann aber muss erstmal die Hochzeit verschoben werden, denn die Weltgeschichte macht auch vor Dänemark nicht Halt. Die Deutschen besetzen 1940 das Land und einige Zeit später droht auch Familie Koppelman die Deportation. Mit Hilfe von Freunden gelingt ihnen die Flucht nach Schweden
Nach Kriegsende soll nun endlich die geplante Hochzeit stattfinden. Doch zwischenzeitlich hat Hannah eine folgenschwere Entscheidung treffen müssen, was sie schwer belastet . Sie hat keine Kraft mehr, sich zu widersetzen und willigt in die Ehe mit einem für sie fremden Mann ein. Dafür muss sie sogar ihre geliebte Heimat verlassen und nach Paris ziehen. Und Francois erweist sich als despotischer Ehemann und Vater. Doch Hannah bleibt bei ihm, aus Pflichtgefühl und ihrer Töchter willen.
Dabei hilft ihr auch die Musik und ihre Liebe zu Aksel. „ Ich bin mein Leben lang glücklich verliebt gewesen…Nur in einen anderen als meinen Ehemann.“ wird Anna Koppel später ihrem Großneffen gestehen.
Benjamin Koppel hat einen warmherzigen Roman geschrieben über eine Frau, die sich entscheiden muss zwischen Pflicht und Liebe. Diese Hannah wächst dem Leser ans Herz. Erfreut man sich zu Beginn an der lebenslustigen und zielstrebigen jungen Frau, leidet man später mit der älteren Hannah.
Da ändert sich auch der Ton im Roman.
Voller Leichtigkeit und Humor beschreibt der Autor die Sippe der Koppelmans. Zahlreiche Geschichten und Anekdoten ergeben ein lebendiges Bild jüdischen Lebens. Die Familientreffen mit den Brüdern, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen zählen zu Hannahs schönsten Erinnerungen. Dabei verschweigt Benjamin Koppel aber auch nicht die tragischen Momente.
Aber nach jenem Trauma wird der Roman ernster. Was für Konsequenzen hat es, wenn religiöse Traditionen und Konventionen über das Glück des Einzelnen gestellt werden? Für heutige Leser ist das egoistische Beharren der Mutter, aber auch Hannahs klagloses Sicheinfügen kaum nachvollziehbar.
Für Männer war es so viel leichter, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Von Frauen wurde erwartet, dass sie sich dem Willen von Eltern und Ehemann fügen. Dass es auch andere Lebensentwürfe für Frauen geben kann, zeigt der Autor an Hannahs Jugendfreundin Elisabeth.
Benjamin Koppel schreibt mit viel Liebe zum Detail, beschreibt ausführlich einzelne Lebensabschnitte, doch zwischen den Kapiteln gibt es größere Zeitsprünge. Das ermöglicht ihm auf 500 Seiten ein beinahe hundertjähriges Leben auszubreiten.
Musik durchzieht den gesamten Roman. Wer mag, kann sich die zahlreichen Musikstücke, die namentlich aufgeführt werden, anhören.
„ Annas Lied“ ist eine anrührende Familiensaga, die um ein bewegendes Frauenschicksal kreist; schön geschrieben und fesselnd zu lesen.
Packend und vielschichtig
Leute von früher von Kristin Höller
Kristin Höller ist mit achtundzwanzig Jahren noch eine sehr junge Autorin, die trotzdem schon ein beachtliches literarisches Werk aufweisen kann. Verschiedene Hörspiele, ein Theaterstück und einen Roman, der gleich mit dem Kranichsteiner Jugendliteraturstipendium ausgezeichnet wurde, hat sie bisher veröffentlicht .
Da sind die Erwartungen an ihren zweiten Roman dementsprechend hoch.
Im Zentrum von „ Leute von heute“ steht eine junge Frau. Marlene, Ende Zwanzig, hat endlich ihr neun Jahre dauerndes Studium abgeschlossen und hängt gerade etwas in der Luft. Für ihr Studienfach „ Medienpraxis“ besteht auf dem Arbeitsmarkt wenig Bedarf. Das muss sie immer wieder feststellen, wenn sie auf diversen Jobportalen unterwegs ist. Zur Überbrückung nimmt sie eine Arbeit als Saisonkraft an. In einem Erlebnisdorf auf der nordfriesischen Insel Strand wird sie als Verkäuferin in einem Kramladen arbeiten. In diesem Dorf wird den Touristen ein Leben wie zu Ende des 19. Jahrhunderts vorgegaukelt. Fachwerkhäuser mit Strohdächern, Inschriften wie Webstube, Tischlerei, Fischräucherei usw., Kopfsteinpflaster, knospende Sträucher rund um den Dorfplatz vermitteln eine heimelige Atmosphäre . Zahlreiche Saisonarbeiter in entsprechender Kostümierung halten die Inszenierung am Laufen.
Bald erregt Janne, eine junge Frau von der Insel, Marlenes Aufmerksamkeit. Langsam kommen sich die Beiden näher und eine zarte Liebesbeziehung entwickelt sich. Doch Marlene spürt, dass Janne, wie andere Einheimische auch, ein Geheimnis mit sich trägt, ein Geheimnis, das mit der Vergangenheit der Insel zu tun hat.
Die Autorin vermag es, den Leser von Anfang an zu fesseln. Sehr gut kann sie sich einfühlen in ihre Hauptfigur. Marlene steht für viele junge Menschen heute, die zwar über eine gute Ausbildung verfügen, doch auch mit bald Anfang Dreißig immer noch nicht wissen, wo ihr Platz im Leben ist. Das unverbindliche Studentenleben ist vorbei, doch wie es weitergehen soll, ist fraglich. Zwar hat sie in ihren Freunden Luzia und dem homosexuellen Robert eine verlässliche Stütze, doch schon ihre Beziehung zu Paul ist locker und unverbindlich. Der Kontakt zu ihrer Familie beschränkt sich auf ritualisierte Geschenke und Besuche. Einzig zur Großmutter besteht eine innigere Bindung. Doch auch sie weiß nichts von Marlenes Job auf der Insel. „ Marlenes Leben jetzt, ihr langes Studium, die Urlaube mit Luzia, die Wohnung mit Robert - all das war für ihre Großmutter der Prolog zu ihrem richtigen Leben, einem, das ihr noch bevorstand.“
Auch ob sie eine intensivere Beziehung zu Janne möchte, weiß Marlene erst, als es beinahe zu spät ist. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen beschreibt die Autorin sehr feinfühlig und behutsam und mit großer Selbstverständlichkeit.
Mit dem Roman erhält man aber auch einen guten Einblick in die Arbeitswirklichkeit von Saisonarbeitern. Wenig Freizeit und viel Reglementierung bestimmen den Alltag. Untergebracht sind die Arbeitskräfte in einfachen Baracken mit kleinen Zimmern, gemeinsamer Küche und gemeinsamen Sanitätsbereich. Hier ist wenig von der inszenierten Idylle des Dorfes zu spüren.
Und als Leser schaut man hinter deren Fassade. Die vermeintlich originale Kleidung, die alle Mitarbeiter hier tragen müssen, stammt aus dem Fundus eines Theaters. Die Kekse, die Marlene in ihrem Kramladen verkauft, sind genauso wenig selbst gemacht wie die Marmelade oder der Holundersirup. Nur die Etiketten werden von Hand geschrieben. Doch die Touristen sehen das, was sie sehen wollen.
Janne dagegen zieht eine Parallele zwischen diesem Erlebnisdorf heute und der Piraterie von früher. Was früher die Irrfeuer waren, die man anzündete, um an die Fracht der Schiffe zu kommen, ist heute das Dorf mit seiner Scheinwelt.
Aber die Existenz der Insel ist bedroht. Der Klimawandel lässt das Wasser steigen, jede Flut richtet mehr Schaden an. Schon lange soll deshalb ein neuer höherer Deich gebaut werden, doch wirtschaftliche Interessen stehen dem entgegen.
Dabei hat man doch ein Mahnmal direkt vor Augen. Der Ort Rungholt ist vor ein paar hundert Jahren von einer großen Flut zerstört worden und liegt seitdem im Wattenmeer versunken. Legenden darüber werden im Ort noch wachgehalten.
Die Autorin verhandelt in ihrem Roman viele Themen, ohne dass er überladen wirkt. Alle stehen mit der Hauptfigur und der Geschichte in logischer Verbindung und werden unangestrengt in die Handlung eingebaut. Die Auflösung des dörflichen Geheimnisses nimmt zwar eine Wendung, die mir normalerweise nicht so liegt. Doch hier erscheint sie passend. Der Titel „ Leute von früher“ erschließt sich erst gegen Ende, geht doch der Roman vor allem um „Leute von heute“.
Die Autorin überzeugt überdies mit einer schönen Sprache, lebendigen Dialogen und einer differenzierten Figurenzeichnung.
„ Leute von früher“ ist ein fesselnder Roman, der sich zu lesen lohnt.
Moderner Familienroman, der aktuelle Lebenswelten beschreibt
Weiße Wolken von Yandé Seck
Dieo und Zazie sind zwei Schwarze Schwestern. Dieo, die Ältere, lebt gut situiert mit Mann und drei Söhnen im trendigen Frankfurter Nordend. Sie arbeitet als Psychotherapeutin, ihr Mann ist Mitarbeiter in einem florierenden Finanz-Start-Up. Zazie, mit Ende Zwanzig ein paar Jahre jünger als ihre Schwester, hat gerade ihr Masterstudium hinter sich gebracht und jobbt in einem Jugendzentrum.
Das teure Frankfurt kann sie sich nicht leisten, sie wohnt im günstigeren Offenbach. Ihre Mutter, ebenfalls Psychotherapeutin, hat die beiden Töchter alleine großgezogen, nachdem sie sich von ihrem Mann, einem Senegalesen getrennt hatte.
Während Dieo sich überfordert fühlt von ihren Aufgaben als Mutter, Hausfrau und berufstätiger Frau ( „ Warum war Sysiphos eigentlich ein Mann, wenn doch die Erfahrung der sich ewig wiederholenden Überlastung eine typisch weibliche war?“), arbeitet sich Zazie an den Ungerechtigkeiten der Welt ab. Überall sieht und erlebt sie die Anzeichen und Auswirkungen von Rassismus, Sexismus und patriarchalen Strukturen. ( Es war, als wäre in ihr ein Scanner eingebaut, der jeden Satz aufnahm und durch ein Diskriminierungs- Prüfsystem laufen ließ.“)
Die Autorin Yande Seck hat in ihre beiden Protagonistinnen viel aus ihrer eigenen Biographie einfließen lassen. Sie selbst ist in Heidelberg geboren und in Frankfurt aufgewachsen. Die Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus dem Senegal. Sie arbeitet als Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche und lebt mit Mann und Kindern in Offenbach.
Dass die Autorin die Lebensumstände und die Gesellschaftsschicht ihrer Figuren gut kennt, spürt man. Sehr authentisch beschreibt sie das urbane und bürgerliche Milieu mit ihren „Codes“ und sprachlichen Mustern.
Yande Seck wechselt kapitelweise die Erzählperspektive. Dabei nimmt sie nicht nur die der beiden Schwestern ein, sondern lässt auch Simon, Dieos Ehemann, seine Sichtweise darstellen. Simon versucht als „ mittelalter weißer Mann“ alles richtig zu machen. Doch seine Arbeit erfordert viel Zeit und Engagement, so dass er nicht immer der Partner und Vater sein kann, der er gerne wäre.
Die leicht überzeichneten Nebenfiguren lassen schmunzeln. Gerade die Elterngeneration entspricht so ganz dem Bild allzeit engagierter Alt- Linker. Da die Psychotherapeutenmutter, die beständig ihre Töchter analysieren muss. Da die Mutter von Simon, die darunter leidet, dass ihr Sohn in seinem Job so richtig gut Geld verdient. Hatte sie sich doch gewünscht, dass ihre Kinder „ den Drang haben, die Welt zu verändern, stattdessen…“
Entgegen den Erwartungen, die der Klappentext weckt, steht die Reise in den Senegal zur Trauerfeier für den plötzlich verstorbenen Vater nicht im Zentrum des Romans. Erst im zweiten Drittel des Buches werden die Schwestern in die frühere Heimat ihres Vaters aufbrechen. Trotzdem spielt diese Reise eine wichtige Rolle für die Frauen, besonders für Dieo, für die es die erste Begegnung mit der dortigen Verwandtschaft ist. Hier erlebt sie eine ganz andere Form von Familie; gleichzeitig bedeutet es für sie eine Auseinandersetzung mit dem afrikanischen Teil ihrer Identität.
Der Titel verweist nicht auf eine romantische oder meteorologische Symbolik, sondern meint jene weißen Flecken auf den Fingernägeln, die man auch „ weiße Wolken“ nennt. Sie sind nicht, wie vielfach angenommen, Zeichen von Kalziummangel, sondern sind Überbleibsel von kleinen Verletzungen in der Nagelstruktur. Im Roman geht es also um Verletzungen und Einwirkungen, die ein Gesellschaftssystem auf die Identität eines jeden hat. „…dass Verletzungen uns zu dem Menschen machen, der wir sind.“ „ Viele winzige Verletzungen, die unseren Charakter formen.“
Yande Seck überzeugt mit einem genauen Blick und pointierten Dialogen. Ihr Text ist gespickt mit Anglizismen, einer woken Sprache und Begriffen aus der Psychoanalyse. Das macht ihn sehr gegenwärtig.
Neben den schon erwähnten Themen wie Rassismus und Sexismus verhandelt der Roman auch noch Fragen zu Frauen- und Männerbildern, sowie Mutterschaft und Vatersein. „ Übermächtige Mütter und abwesende Väter gehören zusammen.“
Auch wenn ich als alte weiße Frau aus der deutschen Provinz nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehöre, so habe ich mich mit dem Buch doch bestens unterhalten gefühlt. Ein kurzweiliger moderner Familienroman, der aktuelle Lebenswelten beschreibt. Man darf nach diesem Debut gespannt sein auf weitere Bücher der jungen Autorin.
Dramatisch und emotional bewegend
Leuchtfeuer von Dani Shapiro
Dani Shapiro ist Schriftstellerin und betreibt einen erfolgreichen Podcast. Ihr jüngster Roman „ Leuchtfeuer“ war in den USA ein großer Erfolg und wurde von diversen Zeitungen zum „ Buch des Jahres“ gewählt. Dass eine Verfilmung geplant ist, überrascht nicht.
Der Roman beginnt an einem Abend im August 1985 in Avalon, einem Vorort von New York.
Drei Teenager sind auf dem Heimweg von einer Party; am Steuer der fünfzehnjährige Theo Wilf, ohne jegliche Fahrerlaubnis . Neben ihm Misty, ein Mädchen, für das er schwärmt. Auf dem Rücksitz Sarah, Theos siebzehnjährige Schwester. Weil sie getrunken hat, übergibt sie ihrem Bruder die Autoschlüssel. Dann, ein Moment der Unachtsamkeit, und danach ist nichts mehr wie zuvor. „ Änderst du ein Element, ändert sich alles. Eine Erschütterung hier verursacht ein Erdbeben dort. Eine Bruchlinie vertieft sich.“
Misty kommt bei diesem Unfall ums Leben und für die gesamte Familie Wilf wird er zu einem Trauma, das ihr weiteres Leben bestimmt. „ Auf der Tonspur des Lebens läuft der Todesschrei eines Mädchens in Dauerschleife. Man kann ihm nicht entkommen.“
Sarah wird später eine erfolgreiche Produzentin werden, hat mit Mann und zwei Töchtern eine nach außen perfekte Familie. Doch glücklich wird sie nicht. Ihre Dämonen bekämpft sie mit zu viel Alkohol und lässt sich auf eine verhängnisvolle Affäre ein. Theo ist, nach Jahren des Suchens und Herumirrens, ein begnadeter Meisterkoch mit angesagtem Restaurant, privat aber ein wortkarger Einzelgänger.
Auch bei den Eltern hat diese Unglücksnacht ihre Spuren hinterlassen, v.a. beim Vater. Ben war als Erster bei der Unfallstelle und hat als Arzt Fehler gemacht. Und Mutter Mimi wird die unausgesprochene Vereinbarung, über das Geschehene zu schweigen, den Mantel des Vergessens darüber zu legen, zur Vollendung bringen. Sie erkrankt im Alter an Demenz.
Doch nicht nur die Familie Wilf steht im Zentrum des Romans. Jahre später zieht das Ehepaar Shenkman in das Haus gegenüber. Auch deren Familiengeschichte und ihre Verbindung zu den Wilfs beleuchtet die Autorin in eindrücklichen Szenen. Am Silvesterabend des Jahres 1999 wird Dr. Wilf Alice Shenkman bei der dramatischen Geburt ihres Sohnes Waldo zur Seite stehen. Jahre später bahnt sich eine innige Freundschaft zwischen dem hochbegabten und sensiblen Jungen und Dr. Wilf an. Und in einer der innigsten Szenen des Romans wird Waldo Mimi beistehen.
Die Autorin kann schreiben, mit Sprache umgehen, Spannung aufbauen und Figuren entwickeln. Sehr gut fühlt sie sich in ihre Charaktere hinein, aus deren Perspektive sie die Geschichte entwickelt. Kapitelweise stehen Sarah, Theo, Ben, Waldo und dessen Vater Shenkman im Fokus. Dass dabei die beiden Frauenfiguren Mimi und Alice Shenkman etwas blasser bleiben, ist deshalb nur folgerichtig.
Die Autorin erzählt ihren Roman, der sich über einen langen Zeitraum von fünfzig Jahren erstreckt, nicht chronologisch, sondern springt zwischen den Zeiten hin und her. Dabei greift sie Schlüsselmomente aus den Jahren 1999, 2010, 2014 und 2020 heraus. Das erfordert zwar etwas Aufmerksamkeit vom Leser, doch die Kapitel sind datiert, so dass man sich gut zurechtfinden kann. Dieses sprunghafte Erzählen wurde von Dani Shapiro zum einen benutzt, um nicht langweilig zu schreiben. Doch wichtiger hierbei war ihr mehr noch der Gedanke, dass alles mit allem verbunden ist. In den Erinnerungen und aus großer Distanz verschwinden die verschiedenen Zeitebenen.
Nicht jeder mag diese leicht esoterischen Gedankengänge der Autorin nachvollziehen können.
Doch davon abgesehen ist ihr ein vielschichtiger und spannend zu lesender Roman gelungen. Die Autorin belegt eindrucksvoll, wie schnell sich das Leben einer zuvor glücklichen Familie ändern kann, welche seelischen Narben durch unbeabsichtigt schuldhaftes Verhalten entstehen. Und sie zeigt, dass es nicht gut sein kann, Geheimnisse tief in sich zu vergraben, statt darüber zu sprechen. Aber auch, wie sehr wir miteinander verbunden sind und dass wir Liebe und Verständnis brauchen.
Wer Freude hat an dramatischen und emotional bewegenden Familiengeschichten, der ist mit diesem Unterhaltungsroman bestens bedient.
Zwischen Religion und Selbstbestimmung
Die Hoffnung der Chani Kaufman von Eve Harris
Viele Jahre mussten die Leser warten, um endlich zu erfahren, wie es mit den Figuren aus „ Die Hochzeit der Chani Kaufman“ weitergegangen ist.
Chani und Baruch sind nach ihrer Hochzeit nach Jerusalem gezogen, wo Baruch für sein zukünftiges Dasein als Rabbiner den Talmud studiert. Ihr Glück wäre vollkommen, wenn Chani endlich schwanger würde.
Doch bisher waren alle Versuche vergeblich. Nicht nur die Erwartungen von außen belasten Chani. Nein, ihre Ehe wäre ernsthaft in Gefahr, denn nach jüdischem Recht darf ein Mann die Trennung verlangen, wenn seine Frau ihm keine Kinder schenkt. „ Ein unverheiratetes Mädchen war wie ein ruderloses Schiff oder ein Topf ohne Deckel, doch eine unfruchtbare Frau war schlimmer. Ihr Mann konnte sie verstoßen. Er konnte sich neuen Weidegrund suchen.“
Deshalb reist das junge Paar nach London und lässt sich, finanziell unterstützt von Baruchs Eltern, in einer Fruchtbarkeitsklinik untersuchen. Die Ergebnisse sind einerseits beruhigend, denn es liegen keine organischen Gründe für die Kinderlosigkeit vor. Trotzdem stürzt der Befund das Paar in schwere Konflikte. Es sind die strengen jüdischen Gesetze, die einer Befruchtung im Wege stehen, denn diese regeln genau, wann ein Paar sexuell enthaltsam sein muss.
Baruch und Chani stehen somit vor einem riesigen Problem. Wie sollen sie Gottes Gesetz erfüllen, sich zu vermehren, wenn die Gebote das gleichzeitig unmöglich machen ?
Aber Chani ist nicht die einzige Frau, die sich zwischen religiösen Vorgaben und Selbstbestimmung entscheiden muss.
In einem zweiten Erzählstrang geht es um Rivka Zilbermann, die im ersten Buch als Rebezzin Chani auf die Ehe vorbereitet hat. Rivka hat mittlerweile ihren Mann Chaim verlassen, weil sie es in der streng reglementierten Welt der orthodoxen Gemeinde nicht mehr ausgehalten hat. Doch ihr Ausbruch hat schwerwiegende Konsequenzen. Ihr wird der Kontakt zu ihren Kindern verboten und ihr Mann übergibt ihr den „ Get“, den Scheidebrief. Seine Stellung als Rabbiner wäre nicht zu halten mit einer getrennt lebenden Frau. Doch das ist noch nicht alles. Der jüngere Sohn wird in der Schule wegen seiner abtrünnigen Mutter gemobbt, die Tochter will nichts mehr von ihr wissen. Rivka steckt „ zwischen zwei Welten fest und es zerreißt“ sie. Der Preis für ihre Freiheit ist immens hoch.
Und auch ihr ältester Sohn Avromi, der momentan in einer Talmudschule in Jerusalem studiert, steckt in einer tiefen Sinnkrise.
Eve Harris beschreibt nun mit sehr viel Einfühlungsvermögen die Schwierigkeiten, in denen sich ihre Figuren befinden. Es geht ihr dabei nicht darum, die Religion und Gott selbst in Frage zu stellen. Was sie kritisiert sind die z.T. unmenschlichen Gesetze und Verbote, die Männer vor Jahrhunderten erlassen haben und auf deren Einhaltung religiöse Eiferer dringen. Dabei prangert sie jegliche Intoleranz und Bigotterie an.
In ihrer Kritik bleibt die Autorin aber nicht einseitig, denn dass auch Männer unter dem rigiden Diktat leiden, zeigt sie eindrucksvoll an verschiedenen Beispielen.
Und längst nicht alle orthodoxen Juden verhalten sich hier hartherzig und engstirnig. Chani, Rivka und Avromi treffen auf Menschen, die sie in ihrem Bestreben, den richtigen Weg zu finden, bestärken und unterstützen.
Eve Harris beschreibt all ihre Figuren mit Liebe und Empathie und mit genügend Humor. Auch für die Fehler und Schwächen der weniger sympathischen Zeitgenossen zeigt sie Verständnis .
Kapitelweise wechselt die Autorin die Perspektive, so dass der Leser den Hauptfiguren sehr nahe kommt. Und auch die Schauplätze wechseln. Mal sind wir in Golders Green, jenem Stadtteil Londons, in dem vorrangig orthodoxe Juden wohnen, mal in Israel. Dort stellt sie dem ruhigen und traditionellen Leben in Jerusalem das lebendige und pulsierende Tel Aviv gegenüber.
Wie schon im Vorgängerroman bekommt der Leser einen tiefen Einblick in jüdischen Alltag, in Bräuche und Rituale orthodoxer Juden. Das ist ein Blick in eine uns eher fremde unbekannte Welt. Zur Atmosphäre tragen auch die zahlreichen, im Text verstreuten jüdischen Begriffe bei, von denen die wichtigsten in einem anhängenden Glossar erläutert werden.
Mit leichten Ton und in schnörkelloser Sprache greift die Autorin fundamentale Fragen auf.
Man muss den ersten Band nicht kennen, um den vorliegenden Roman verstehen und genießen zu können. Doch wer ihn liest, will sicherlich den Vorgänger kennenlernen und alle, die mit derselben Begeisterung wie ich „ Die Hochzeit der Chani Kaufman“ gelesen haben, werden sich auf die Fortsetzung stürzen.
Und wir alle können nur hoffen, dass Eve Harris nicht wieder so viele Jahre verstreichen lässt bis zum nächsten Folgeroman.
„ Die Hoffnung der Chani Kaufman“ ist Unterhaltungsliteratur vom Feinsten, ein Roman, der einem von Anbeginn an fesselt und nicht mehr loslässt.
Fenster und Spiegel zugleich
Demon Copperhead von Barbara Kingsolver
Barbara Kingsolver, 1955 geboren und in Kentucky aufgewachsen, ist eine anerkannte und mehrfach ausgezeichnete Autorin. Ihr neunter Roman „ Demon Copperhead“ wurde zu einem der „ 10 besten Bücher des Jahres 2022“ gekürt.
Für den Protagonisten und Ich- Erzähler Demon sind die Chancen von Anfang an schlecht.
Seine junge Mutter ist drogenabhängig und arm. Die beiden leben in einem Trailer am Rand einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung. Der Vater starb auf mysteriöse Weise vor Demons Geburt. Noch übler wird die Situation, als Demons Mutter heiratet. Der Stiefvater tyrannisiert und misshandelt Mutter und Sohn. Und dann stirbt die Mutter an Demons elftem Geburtstag an einer Überdosis Oxycontin.
Demon kommt in verschiedene Pflegefamilien, doch her erfährt er keine Liebe und Zuwendung. Von den einen wird er als billige Arbeitskraft ausgenutzt, die anderen sind nur am Pflegegeld interessiert.
Doch endlich scheint sich das Blatt zu wenden. Die Großmutter väterlicherseits verschafft ihm Zugang an eine High School und einen Platz im Haus des Footballtrainers der Schule. Für kurze Zeit wird Demon ein gefeierter Footballstar, bis ein Sportunfall die Karriere vorzeitig beendet.
Die Schmerzmittel, die er großzügig verordnet bekommt, führen in die Sucht und Abhängigkeit mit all ihren schrecklichen Folgen.
Es ist eine Zeit voller Leid, Gewalt und Verlust, aus der sich Demon nur mit der Hilfe guter Freunde befreien kann. Das Ende lässt Hoffnung aufkommen.
Diese Lebensgeschichte erzählt Demon im Rückblick. Sein schnoddriger, oftmals bissig- witziger Ton macht das Geschilderte einigermaßen erträglich. Denn es ist manchmal kaum zum Aushalten, was Demon und anderen Kindern angetan wird. Erschreckend zu sehen, wie Armut, Hunger, Gewalt und Verachtung das Leben so vieler bestimmt. Dazu kommt das institutionelle Versagen der zuständigen Behörden, die die ihnen anvertrauten Kinder nur verwalten.
Sicher, es gibt den Zusammenhalt der Familien und auch immer wieder Erwachsene, die sich Demons annehmen.
Demon selbst ist ein Kämpfer, der sich nicht unterkriegen lassen will. Aber auch er trifft falsche Entscheidungen, lässt sich mit Menschen ein, die ihm nicht guttun.
Die Autorin zeigt dabei sehr anschaulich, welche Auswirkungen Drogen auf die Konsumenten, aber auch auf deren Umfeld haben. Was es heißt, wenn sich alles nur noch darum dreht, Geld für den nächsten Kick zu verschaffen.
Barbara Kingsolver reagiert hier auf die Opioidepidemie in den USA . Durch das leichtfertige Verschreiben von Oxycontin und ähnlichen Schmerzmitteln stieg die Anzahl der Drogenabhängigen und Drogentoten enorm. Eine ganze Generation Kinder wächst ohne Eltern auf, weil diese entweder abhängig, im Knast oder tot sind. Die Pharmaindustrie macht ihre Gewinne auf Kosten der Ärmsten des Landes.
Ihr anderes großes Thema sind die Abgehängten dieser Region, die sog. „ Hillbillys“, auf die das andere Amerika herabschaut. Sie erzählt die Geschichte dieser Gegend, benennt die Schuldigen, die das Land heruntergewirtschaftet und die Bewohner ohne Perspektiven zurückgelassen haben.
Die Autorin hat sich für ihren Roman von Charles Dickens „ David Copperfield“ inspirieren lassen. Wie der englische Autor übt auch sie scharfe Kritik an den sozialen Missständen im Land und beleuchtet die verheerenden Auswirkungen von Armut und Perspektivlosigkeit auf das Leben von Kindern und Jugendlichen.
Man muss aber den englischen Klassiker nicht kennen, denn dieser Roman hier steht für sich.
Barbara Kingsolver wurde für „ Demon Copperhead“ 2023 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, gemeinsam mit Hernan Diaz, der die Auszeichnung für seinen Roman „ Treue“ erhielt.
Ich habe beide Bücher gelesen und auch wenn „ Treue“ mit seiner originellen Struktur und seinen unterschiedlichen Erzählformen literarisch ambitionierter sein mag, so halte ich „ Demon Copperhead“ für das wichtigere Buch. Wer Amerika, die Zerrissenheit des Landes und die Probleme seiner Bewohner besser verstehen möchte, der tut das nach der Lektüre des Romans.
Dieses Buch soll, so der Wunsch der Autorin, „ Fenster sein und Spiegel“. Die einen sollen verstehen und die anderen sich gesehen fühlen. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch und seine Botschaft von vielen gelesen und verstanden wird. Und dass sich niemand von seinem Umfang abschrecken lässt.
Eine leise, aber intensive Geschichte
Lichtungen von Iris Wolff
Mit ihrem fünften Roman ist der 1977 in Hermannstadt in Siebenbürgen geborenen Autorin wieder ein großer Wurf gelungen. Obwohl sie schon seit 1985 in Deutschland lebt, siedelt sie ihre Geschichten im Land ihrer Kindheit an , im Banat und in Siebenbürgen.
Erzählt wird hier die Geschichte von Lev und Kato.
Eine innige Freundschaft besteht seit Kindheitstagen zwischen ihnen. Mit elf Jahren war Lev wegen einer rätselhaften Lähmung seiner Beine wochenlang ans Bett gefesselt und Kato brachte ihm täglich die Hausaufgaben.
Aufgewachsen sind sie im Maramuresch, einer ländlichen, waldreichen Gegend im Norden Rumäniens, Kato ohne Mutter und mit einem trinkenden Vater und Lev ohne Vater. Der kam bei einem Bergrutsch ums Leben, als Lev gerade mal fünf Jahre alt war .
Es ist eine Kindheit und Jugend im Rumänien unter Ceausescu. Viele träumen vom Weggehen, von einem Leben in Freiheit. Und als 1989 endlich der Eiserne Vorhang fällt, ergreift Kato die nächstbeste Möglichkeit zum Aufbruch in den Westen. Doch der Kontakt zwischen den beiden reißt nicht ab. Aus jedem Land, in dem sie einige Zeit wohnt und sich ihren Lebensunterhalt durch Straßenmalerei verdient, schickt sie Lev eine selbstgemalte Postkarte. Und als sie ihn nach fünf Jahren fragt „ Wann kommst du?“ , da macht sich Lev auf nach Zürich. Nach einigen Wochen quer durch Europa, kehren sie gemeinsam nach Rumänien zurück.
Für ihre Geschichte hat Iris Wolff eine ungewöhnliche Erzählweise gewählt: Sie erzählt sie rückwärts, d.h. sie beginnt mit Kapitel „ Neun“ und endet mit Kapitel „ Eins“. Dabei wählt sie entscheidende Episoden aus, Geschehnisse, zwischen denen jeweils einige Jahre liegen. Das sorgt für Spannung beim Leser und erfordert einiges Mitdenken. Dabei wird erfreulicherweise längst nicht alles auserzählt, sondern Iris Wolff lässt Leerstellen und vertraut dem Leser.
Nach und nach gewinnen so die einzelnen Figuren Konturen, Verbindungen und Beziehungen zwischen ihnen werden hergestellt und es wird verständlich, was sie zu denen werden ließ, die sie sind. So sind nicht nur die Unterschiede im Charakter - da die unerschrockene und freiheitsliebende Kato, hier der sensible und zögerliche Lev - maßgeblich für ihr Verhalten. Im Verlaufe der Lektüre wird deutlich, was Lev geprägt hat, warum er nach Liebe und Beständigkeit sucht, musste er doch schon früh traumatische Verluste erleben.
Themen wie Freundschaft und Liebe und die fließenden Grenzen davon werden in Variationen durchgespielt, ebenso wie Fragen nach Herkunft, Wurzeln und Identität.
Im Vielvölkerstaat Rumänien finden sich verschiedene Volksgruppen, Sprachen und Kulturen, die im Verlaufe der Geschichte neben- und miteinander existiert haben. So hat sich Levs Großvater Ferry irgendwann dafür entschieden , Österreicher zu sein. „ Er sei als Österreicher in dieses Jahrhundert gestartet und, obwohl er sich geographisch nicht vom Fleck bewegt hatte, Rumäne geworden, dann Ungar“ und nun weist ihn sein Pass wieder als Rumäne aus. Doch jahrelanges vergebliches Warten auf die Ausreisepapiere lassen ihn die Flucht über die grüne Grenze nach Wien antreten. Aber ist er nun dort angekommen, wo er hingehört? Diese Frage muss Ferry verneinen. „ Man ist, einmal gegangen, immer ein Gehender.“
Lev dagegen, mit einer siebenbürgischen Mutter, einem rumänischen Vater und einem Großvater mit österreichischen Vorfahren, verweigert sich einer Einordnung und Vereinnahmung.
Die große Geschichte wird an vielen kleinen Details aufgezeigt und spiegelt sich im Schicksal der Protagonisten.
So beschreibt die Autorin anschaulich das Klima von Lähmung und Misstrauen während der Diktatur und welche Auswirkungen auf Menschen und Landschaften die Öffnung des Eisernen Vorhangs hatten. Während die einen nichts mit der so sehnlichst erhofften Freiheit anfangen konnten, beginnt der Exodus der anderen. Verwaiste Dörfer, verfallene Kirchen, heruntergekommene Wohnblocks und stillgelegte Fabriken zeugen davon.
Nicht nur mit ihrer Sprachmacht überzeugt Iris Wolff. Sie beschwört Landschaften und Stimmungen, schafft Atmosphäre und Bilder, die in Erinnerung bleiben, ist gleichzeitig präzise und poetisch. Sprache selbst wird auch von ihr thematisiert. In der Schweiz begreift Lev „ Seine Herkunft war in seinem Akzent, war ihm eingenäht in Kleidung und Schuhe.“ Und das vertraute Rumänisch zwischen Lev und Kato weckt Erinnerungen an früher.
Die Reflexionen über Erinnerungen führen zu den titelgebenden „ Lichtungen“. „ Etwas blieb, und etwas ging verloren, manches schon im Augenblick des Geschehens,…Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen. Man begegnete ihnen nur zufällig und wusste nie, was man darin fand.“
„ Lichtungen“ ist eine leise, aber intensive Geschichte, mit seiner ungewöhnlichen Struktur und seiner besonderen Sprache von hohem literarischen Niveau. Ein wunderbares Buch, das unbedingt einer Zweitlektüre bedarf. Ob man dann von hinten beginnen möchte und die Geschichte chronologisch aufrollen will oder ob man die gewählte Erzählform beibehält und sie nun mit dem gewonnenen Wissen intensiver liest, steht jedem frei. Auf jeden Fall ist „ Lichtungen“ ein Roman, der viel Stoff zur Reflexion bietet und sich somit bestens für Lesekreise eignet.
Ein literarisches Spiel
Das Philosophenschiff von Michael Köhlmeier
Michael Köhlmeier greift in seinem neuesten Roman eine historische Begebenheit auf und verknüpft diese mit einer fiktiven Biographie.
Die titelgebenden Philosophenschiffe gab es tatsächlich. Bei dieser Aktion der bolschewistischen Regierung wurden im September und November 1922 missliebige Intellektuelle außer Landes gebracht.
Lenin war der Urheber dieser Ausweisung und Trotzki verteidigte die Maßnahme als Akt „ vorausschauender Humanität“.
Auf einem dieser Schiffe befindet sich in Köhlmeiers Roman die vierzehnjährige Anouk mit ihren Eltern. Der Vater, ein Professor der Universität Sankt Petersburg und die Mutter, eine Ornithologin, gehören beide der sog. Intelligenzija an und sympathisieren mit den Bolschewiken. Doch leider verkehrten sie mit Personen, die verdächtig waren und das machte sie gleichermaßen verdächtig.
Das Mädchen macht nun auf dem Schiff die Bekanntschaft eines Passagiers, der Tage später heimlich an Bord gebracht wird: Lenin selbst. Aber er ist nicht mehr der große Held des Volkes, sondern ein gebrechlicher, kranker Mann im Rollstuhl. Die beiden ungleichen Passagiere treffen sich öfter und unterhalten sich und eines Tages belauscht Anouk ein Gespräch zwischen Lenin und und einem Fremden. Ein sehr aufschlussreiches Gespräch, das für Lenin ein tragisches Ende nimmt.
Köhlmeier selbst, das will er uns zumindest glauben machen, hat die Geschichte von Anouk höchstpersönlich. Die ist mittlerweile eine hochbetagte Dame und war eine der bedeutendsten Architektinnen des 20. Jahrhunderts. Und sie wünscht sich den bekannten Autor als Biographen. Er soll ihre Lebensgeschichte niederschreiben, denn er steht in dem Ruf, ein Schriftsteller zu sein, „ dem man nicht glaubt, was er schreibt.“
Anhand der Vita dieser faszinierenden Frau entwirft Köhlmeier ein plastisches Bild russisch- sowjetischer Geschichte. Er schreibt von Hunger und Verfolgung, von Ermordung und Exil. Zahlreiche reale Figuren tauchen im Roman auf, ihre Lebensgeschichte und ihr oft gewaltsames Ende erzählt Köhlmeier.
Dabei geht er zurück bis in die Zarenzeit und zeigt eine Kontinuität innerhalb der russischen Geschichte. Despoten unterschiedlicher Coleur wechseln sich ab; mögen sich auch ihre Weltanschauungen unterscheiden, so bleiben ihre Methoden doch dieselben.
Anspielungen auf heutige Verhältnisse und Personen sind sicherlich beabsichtigt. So z.B. wenn Köhlmeier von Zar Pawel I. schreibt, „ Er ließ sich einen Tisch zimmern, gut acht Meter lang, an dem empfing er seine Gäste, immer nur einen, er auf der einen Seite des Tisches, der Gast auf der anderen. Zunächst habe er den benachbarten Staatsmännern geschmeichelt und so getan, als sei er einer von ihnen, aber dann habe er Kriegspläne erstellen lassen, zuerst gegen die Ukraine, die er Kleinrussland genannt haben wollte.“
Und auch mit solchen Sätzen entlarvt Köhlmeier den Typus des Autokraten: „ Einer zerstört ein ganzes Land, richtet Millionen Menschen zugrunde, lässt Millionen umbringen, schafft eine neue Gesellschaft - man denkt, solche Männer handeln aus ebenso großen Motiven, weltumfassenden Motiven, Gerechtigkeit, Freiheit, Friede, Ordnung, Ruhe. Und dann stellt sich heraus, es ist gar nicht so. Er ist gekränkt worden, persönlich gekränkt.“
Köhlmeier mischt hier sehr gekonnt und sprachlich versiert Fiktion und Realität. Seine fiktive Hauptfigur gibt ihm schriftstellerische Freiheiten, die er mit einer historisch verbürgten Figur nicht gehabt hätte. Sie und ihre Familie stehen exemplarisch für das Schicksal vieler Exilanten.
Dadurch, dass er sich selbst in den Roman schreibt, gewinnt dieser noch zusätzlich an Authentizität.
Ein literarisches Spiel und eine anspruchsvolle Lektüre!
Kein Buch für mich
Die sieben Monde des Maali Almeida von Shehan Karunatilaka
Der Autor Shehan Karunatilaka war in Deutschland bisher ein Unbekannter. Doch die Tatsache, dass sein zweiter Roman „ Die sieben Monde des Maali Almeida“ mit dem renommierten Booker Prize 2022 ausgezeichnet wurde, weckte mein Interesse.
Wir sind im bürgerkriegsgeschüttelten Sri Lanka der 1990er Jahre.
Hier tobt seit Jahren ein blutiger Kampf zwischen der singhalesischen Regierungspartei und tamilischen Seperatisten. Aber auch verschiedene andere Gruppierungen sind in die Kämpfe verwickelt. Zwischen 80.000 und 100.000 Menschen sind in diesem Bürgerkrieg, der erst 2009 sein Ende fand, umgekommen
Hauptfigur ist der 35jährige Maali Almeida, eine schillernde Figur. Er arbeitet als Kriegsfotograf und verkauft seine Bilder an jeden, der sie haben will. Nebenbei ist er leidenschaftlicher Spieler und heimlicher Homosexueller mit einer großen Liebe und vielen sexuellen Bekanntschaften. Und er ist tot, ermordet. Gleich zu Beginn des Romans befindet er sich in einem seltsamen Zwischenreich und ihm bleiben sieben „ Monde“, also sieben Tage, um herauszufinden, wer ihn ermordet hat.
Maali macht sich auf die Suche, begleitet von zahlreichen Geistern und Dämonen, die ihn unterstützen oder zu behindern versuchen. Aber noch eine andere Mission treibt ihn an. Maali plant eine Ausstellung mit unveröffentlichten Photos, die er sicher versteckt hat, brisante Bilder, die die Verantwortlichen eines Massakers zeigen. Von der Veröffentlichung erhofft sich Maali einen Skandal, der zu einem Politikwechsel führen soll. „ Vielleicht konntest du für den Bürgerkrieg in Sri Lanka tun, was das nackte Napalmmädchen für Vietnam getan hat.“ Deshalb versucht er Kontakt aufzunehmen zu den beiden Menschen, die ihm am nächsten standen: sein Geliebter DD und seine beste Freundin Jaki.
Tatsächlich wird Maali beide Missionen erfolgreich beenden: er findet seinen Mörder und die Ausstellung findet statt, allerdings ohne groß Wirkung zu erzielen.
Shehan Karunatilaki hat für seinen Roman eine ungewöhnliche Perspektive gewählt; Maali erzählt seine Geschichte sich selbst in der Du - Form. „ Du wachst auf mit der Antwort auf die Frage, die sich jeder stellt. Die Antwort lautet : Ja, und die Antwort lautet: Genau wie hier, bloß schlimmer. Mehr ist nicht drin an Erkenntnis. Also schlaf ruhig weiter.“ So rätselhaft beginnt das Buch.
Die Du- Perspektive ermöglicht eine genaue Innensicht der Figur, baut aber gleichzeitig eine Distanz zum Leser auf.
Wir begleiten die Hauptfigur zu vielen unterschiedlichen Schauplätzen in der Gegenwart, gehen aber mit ihm auch in die Vergangenheit zurück. Dabei entwirft der Autor ein erschreckendes Bild seines Heimatlandes. Verschiedene Ethnien und Religionen kämpfen um die Vorherrschaft. Korrupt und skrupellos sind alle Beteiligten.
In einer bilderreichen, oft drastischen und derben Sprache und vorrangig über Dialoge erzählt der Autor seine Geschichte. Zynischer Witz kann nicht über die Grausamkeiten hinwegtäuschen.
Doch der Roman erwies sich schon bald als anstrengende Lektüre. Normalerweise schreckt mich so etwas nicht ab, sondern ich nehme die Herausforderung gern an. Aber hier war für mich bald klar, dass das Buch und ich nicht zusammenfinden werden. Die überbordende Phantasie des Autors, die von vielen Lesern positiv bewertet wurde, war mir einfach zu viel. Die skurrile Welt der Geister und Untoten und die geschilderten Grausamkeiten haben mich eher abgestoßen. Und die enorme Anzahl an Figuren mit für mich kaum unterscheidbaren Namen und die schnellen Szenenwechseln ließen mich eher verwirrt zurück. Eine Nähe zu irgendeiner Person ließ die Erzählweise nicht zu. Es gab einzelne Passagen und Sätze, die mich packen konnten und die ich interessant fand, doch die gingen im geschwätzigen Gesamttext beinahe unter.
Wenn man wie ich mit der politischen Lage in Sri Lanka und mit der dortigen Religion nicht vertraut ist, bleibt manches unverständlich.
Diese Lektüre war eine Aufgabe, an der ich gescheitert bin.











