Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Zu abwegig und zu konstruiert
NIGHT - Nacht der Angst von Riley Sager
Den neuen Thriller von Riley Sager zu beurteilen, ist gar nicht so einfach. Denn „Night“ überzeugt durchaus durch eine packende Schreibweise und kann auch immer wieder fesseln. Leider wird dieser positive Eindruck zum Schreibstil aber dadurch wieder zunichte gemacht, dass der Thriller insgesamt zu konstruiert wirkt und auch Logiklöcher aufweist.
Im Folgenden möchte ich genauer begründen, was ich damit meine.
So habe ich mich schon zu Beginn gefragt, warum die Protagonistin Charlie zu einem Fremden ins Auto steigt, obwohl ihr bekannt ist, dass der sogenannte Campus-Killer noch frei herumläuft. Sieht man über dieses erste Logikloch hinweg, so wird man auf den folgenden Seiten noch gut unterhalten. Charlie wird dem Leser genauer vorgestellt. Sie ist Studentin der Filmwissenschaften, outet sich als Hitchcock-Fan und kennt sich unheimlich gut mit Filmen aus. Im weiteren Handlungsverlauf gibt es immer wieder Verweise auf bestimmte Filmszenen und auch auf Musik. Das ist gelungen!
Charlie hat ihre Eltern bei einem Unfall verloren und sie muss mit dem schrecklichen Schicksalsschlag umgehen, dass ihre Zimmergenossin Maddie vom Campus-Killer ermordet worden ist. Wohl auch aus diesen Gründen leidet sie unter Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Und die Passagen, an denen man als Leser nicht weiß, ob Charlie halluziniert oder nicht, sind schon gut gemacht. Man wird immer wieder aufs Glatteis geführt und fragt sich während der Lektüre, was Einbildung ist und was echt. Während der Fahrt scheint sich Charlies Zustand zu verschlechtern, auch das überzeugt. Darüber hinaus ist auch die Figurenzeichnung von Charlie für einen Thriller in Ordnung.
Allerdings wird im weiteren Verlauf der Lektüre klar, dass das Krankheitsbild von Charlie ab einem gewissen Punkt wenig realistisch und schon arg klischeehaft gestaltet worden ist. In erster Linie dient es dazu, einen dramatisierenden Effekt zu erzeugen. Darauf konnte ich mich zu Beginn auch bis zu einem gewissen Punkt einlassen, doch mit zunehmendem Handlungsverlauf wird es einfach immer unglaubwürdiger.
Letztlich lebt der Thriller anfangs davon, dass man als Leser nicht weiß, ob und inwieweit man sich auf die Wahrnehmung von Charlie verlassen kann. Man fragt sich zwischenzeitlich, ob sich Charlie womöglich in einen Verfolgungswahn hineinsteigert. Findet das Bedrohungsszenario vielleicht nur in ihrem Kopf statt? Doch leider macht der Autor in meinen Augen zu wenig aus dieser eigentlich guten Idee. Es driftet zu sehr ins Unglaubwürdige ab. Ab einem gewissen Punkt werden Handlungsweisen und Gedankengänge der Figuren unglaubwürdig, nicht plausibel und zudem wenig nachvollziehbar. Es verstärkt sich immer mehr der Eindruck, dass etwas aus dramatischen Gründen konstruiert wird. So etwas entspricht überhaupt nicht meinem Geschmack.
Fazit: Der Thriller startet durchaus vielversprechend und auch der Schreibstil ist gelungen. Es wird vor allem zu Beginn Spannung erzeugt. Auch die Idee mit Charlies Wahnvorstellungen hat Potential. Es macht Spaß, dass man beim Lesen immer wieder aufs Glatteis geführt wird. Leider wird es dann im weiteren Handlungsverlauf zunehmend unglaubwürdig. Handlungen und Gedanken der Charaktere werden unlogisch und sind nicht mehr plausibel. Das ist schade! Ich vergebe 3 Sterne. Ich würde den Thriller solchen Lesern empfehlen, die das Mittel des unzuverlässigen Erzählens mögen und nicht zu viel Wert auf Realismus und Logik legen.
Ein antipsychologischer Roman
Frankie von Michael Köhlmeier
„(…) die Frage, warum einer tut, was er tut, ist nicht so wichtig (…) Es kann sich niemand vorstellen, dass einer etwas tut und keinen Grund dafür hat. Das will sich niemand vorstellen“ (S. 86).
Diese Textstelle macht in meinen Augen deutlich, was den Roman „Frankie“ von Michael Köhlmeier ausmacht.
Ich würde dieses Werk als einen antipsychologischen Roman bezeichnen, einen Roman, in dem viele Leerstellen bleiben. Leerstellen, die vom Leser selbst gefüllt werden müssen, auf die es keine Antwort gibt. Darauf sollte man sich bei der Lektüre dieses Werks einlassen wollen. Es wird sicherlich nicht jedem Leser zusagen, und auch mir war die Offenheit tatsächlich etwas zu groß. Ein paar mehr Dinge hätte ich schon noch gern erfahren (z.B. über die Beziehung zwischen Frankies Großvater und dessen Tochter etc.). Aber nun gut, es ist, wie es ist. Köhlmeier hat es getan. Fertig. Kein Warum, kein Weil. Er hat getan, fertig aus.
Was diesen Roman ausmacht, ist darüber hinaus auch die Ausgestaltung der Mutter-Sohn und der Enkel-Großvater-Beziehung. Es gibt einen deutlichen Kontrast zwischen der innigen Mutter-Sohn und der schroffen Enkel-Großvater-Beziehung. Frankies Opa wirkt forsch und direkt, er ist das Gegenteil von sanftmütig und verständnisvoll, Frankie ist von ihm eingeschüchtert. Eine große Angst des Opas: bloßgestellt zu werden. Darauf reagiert er aggressiv. Seine Selbstunsicherheit wird gut deutlich. Und er überschreitet dabei Grenzen, wird ausfallend und teilt auch aus. Er hat seine Emotionen nicht im Griff. Und die zwischenzeitlichen Annäherungen von Großvater und Enkel sind nie von Dauer, sie sind äußerst brüchig. Und eine große Frage, die im Raum steht: Was hat Frankies Großvater eigentlich für eine Tat begangen? Warum saß er 18 Jahre im Gefängnis? Und was hat er nun eigentlich vor?
Erzählt wird aus der Perspektive des 14-jährigen Frankie. Doch sein Sprachduktus und auch seine Erfahrungswelt entsprechen in meinen Augen nicht konsequent denen eines Jugendlichen. Auf mich wirkt Frankie wie ein Anachronismus, irgendwie aus der Zeit gefallen. Ob das nun absichtlich oder irrtümlich so gestaltet worden ist, wer weiß, wer weiß.
In sprachlicher Hinsicht sind die verwendeten Sätze der gesprochenen Sprache angenähert, oft sind die Konstruktionen ungelenk, auch mal umständlich. Eine Auffälligkeit sind zudem die zahlreichen Wiederholungen, die vor allem bei der Sprechweise des Opas deutlich werden, dadurch erscheint er verunsichert und tatterig („Hat sie das gesagt? Sicher hat sie das gesagt. Ich sehe dir an, dass sie das gesagt hat“, S. 45), nicht wie eine starke Figur, die auch einmal seinem Enkel gegenüber gewalttätig wird. Ein schöner Kontrast!
Fazit: Ein Roman, der einmal einen anderen Weg einschlägt und zentrale Details auslässt. Hier wird es einmal nicht psychologisch, Leerstellen und Interpretationsspielraum entstehen. Darauf muss man sich einlassen wollen. Für mich war es insgesamt dann aber doch zu offen, deshalb ziehe ich einen Stern ab. 4 Sterne von mir!
Rekorde im Tierreich
Guinness World Records für Erstleser - Tiere von
Bei dem Buch „Guinness World Records für Erstleser. Tiere“, herausgegeben vom Ravensburger-Verlag, handelt es sich um eine lesenswerte Sammlung von Rekorden im Tierbereich. Der Inhalt gliedert sich in vier größere Kapitel: Es geht um die Größten und Kleinsten (S. 9-22), um die Schnellsten und Langsamsten (S.
23-34), um die Giftigsten und Gefährlichsten (S. 35-46) und um die Verrücktesten und Erstaunlichsten (S. 47-58).
Wie schon im Band zu den Dinosauriern sind auch hier die Fotos und Graphiken besonders gelungen, die Tiere werden lebensecht und realistisch präsentiert. Und die Texte sind immer dann besonders gelungen, wenn die gezeigten Tiere zur Veranschaulichung mit Bezugsgrößen in Relation gesetzt werden. Da wird die Wallace-Riesenbiene z.B. zusammen mit einem Streichholz abgebildet. Und das Zwergchamäleon wird auf einem Daumennagel sitzend gezeigt. So können die jungen Erstleser sich die Maße besonders gut vorstellen. Auch die Texte sind mehrheitlich ebenfalls anschaulich konzipiert (z.B. „Mit einem einzigen Biss kann die Schlange 110 Milligramm Gift abgeben. Das ist so viel wie 8 Esslöffel“). Das ist durchdacht und überzeugt (wie schon beim „Guinness-Dinosaurier-Buch“).
Im direkten Vergleich zum Guinness-Dinosaurier-Buch gefällt mir das Guinness-Tier-Buch besser, weil die Zahlenangaben vielfältiger sind. Gewichts-, Größen- und Längenangaben kommen vor, aber auch Tempo-, Datums- und Altersangaben. Auch empfand ich den Inhalt als systematisch geordneter und den Inhalt noch etwas anschaulicher. Beides sind sehr gute Bücher, aber wenn ich zwischen beiden Büchern wählen müsste, so würde ich mich für das Tierbuch entscheiden.
Wie schon beim Dinosaurier-Buch möchte ich auch hier anmerken, dass ich das Buch eher für schon fortgeschrittene Erstleser geeignet finde (ab Klasse 2), was an den Zahlenangaben liegt, die teilweise über den Zahlenraum von Hundert hinausgehen. Auch Kommazahlen kommen hin- und wieder vor. Es fehlen allerdings die schwierig auszusprechenden Dinosauriernamen, deshalb ist es vom Niveau etwas leichter als das Guinness-Dinosaurier-Buch. Anders ausgedrückt: Mit diesem Buch werden Schülerinnen und Schüler bereits beiläufig im Umgang mit Zahlen trainiert. Sie üben so, wie man verschiedene Zahlenangaben liest und ausspricht.
Fazit: Guinness-Rekorde sind für Kinder spannend, sie interessieren sich erfahrungsgemäß dafür. In diesem Buch liegt der Schwerpunkt auf Tieren. Gelungen sind die zahlreichen Illustrationen, die sehr realistisch wirken. Immer dann, wenn die Texte anschaulich mit Referenzwerten formuliert sind, sind sie besonders gelungen. Das Buch trainiert den Umgang mit Zahlen (die Zahlen gehen aber über den Zahlenraum von 100 hinaus), die Aussprache von Zahlenangaben wird hier gut geübt. Ich finde es noch ein bisschen besser als das Guinness-Dinosaurier-Buch und würde es für Erstleser ab Klasse 2 empfehlen. 5 Sterne von mir!
Dino-Rekorde
Guinness World Records für Erstleser - Dinosaurier von
Bei dem Kinderbuch „Guinness World Records für Erstleser. Dinosaurier“, herausgegeben vom Ravensburger-Verlag handelt es sich um eine lesenswerte Sammlung von Rekorden im thematischen Bereich der Dinosaurier. Der Inhalt gliedert sich in vier größere Kapitel: Es geht um eindrucksvolle Größen- und Gewichtsangaben (S.
9-28), um den Dinosauriernachwuchs (S. 29-35), um die Forschung zu den Riesenechsen (S. 35-50) und um Dinosaurier in heutiger Perspektive (S. 51-59).
Gelungen sind in meinen Augen die zahlreichen Fotos und Graphiken. Zur Veranschaulichung werden die Dinosaurier mit Bezugsgrößen in Relation gesetzt. Da wird der 60m lange Amphicoelias z.B. vor einem Flugzeug abgebildet oder der Argentinosaurus steht zusammen mit 10 Elefanten auf der Waage. So können die jungen Erstleser sich die Maße besonders gut vorstellen. Auch die Texte sind mehrheitlich ebenfalls anschaulich konzipiert (z.B. „Der Hals des Sauroposeidon war so lang wie ein Linienbus“). Das ist durchdacht und überzeugt. Hinzu kommen Bilder, auf denen die Dinosaurier sehr lebensecht aussehen. Die Bilder haben in den meisten Fällen die Qualität einer Fotografie, was für ein hohes Maß an Realismus sorgt. Auch das ist lobenswert.
Allerdings finde ich das Buch eher für fortgeschrittene Erstleser geeignet (ab Klasse 2). Einerseits aufgrund der schwierig auszusprechenden Dinosauriernamen, andererseits aufgrund der vielen Zahlenangaben, die teilweise über den Zahlenraum von Hundert hinausgehen. Auch Kommazahlen kommen hin- und wieder vor. Allerdings kann man natürlich auch Leseanfänger aus der ersten Klasse auf diese Weise fordern, man sollte sie nur nicht überfordern. Positiv formuliert: Mit diesem Buch werden Schülerinnen und Schüler bereits beiläufig im Umgang mit Zahlen trainiert. Sie üben, wie man Längen-, Höhen- und Breiten- sowie Gewichtsangaben liest und ausspricht. Es ist aber sicherlich hilfreich, wenn man die Kinder beim Lesen etwas unterstützt.
Fazit: Guinness-Rekorde sind für Kinder spannend, sie interessieren sich dafür. In diesem Buch liegt der Schwerpunkt auf Dinosauriern. Gelungen sind vor allem die zahlreichen Illustrationen, die sehr realistisch wirken. Immer dann, wenn die Texte anschaulich mit Referenzwerten formuliert sind, sind sie besonders gelungen. Das Buch trainiert den Umgang mit Zahlen (die Zahlen gehen aber über den Zahlenraum von 100 hinaus), die Aussprache von Zahlenangaben wird hier gut trainiert. Ich würde es für Erstleser ab Klasse 2 empfehlen und vergebe 5 Sterne.
Erin und Yrso - eine symbiotische Beziehung
Die Giganten 1: Erin von Lylian
Bei dem Comic „Die Giganten 1. Erin“ handelt es sich um den ersten Teil einer sechsteiligen Reihe. In dieser Reihe werden nach und nach verschiedene Heldinnen und Helden mit ihren gigantischen Freunden eingeführt, die in einer besonderen, harmonischen Beziehung stehen. In diesem ersten Band steht Erin im Vordergrund.
Erin ist ein Mädchen mit einem starken Charakter, das früh seine Eltern verloren hat. Sie hat einen grünen Daumen und interessiert sich sehr für Flora und Fauna.
Eines Tages lernt Erin zufällig ihren Giganten Yrso kennen, der sie gegen eine Jungenbande verteidigt. Und Yrso eröffnet Erin, dass es noch mehr Giganten und einen uralten Konflikt in ihrer Welt gibt. Zudem wird gut deutlich, dass beide in einer besonderen Beziehung zueinander stehen. Sie leben in einer Art Symbiose und Yrso kann dafür sorgen, dass Erin die Welt der Pflanzen wahrnimmt. Mit seiner Hilfe kann Erin auch Pflanzen wachsen lassen.
Doch Yrso wird bedroht. Ein Forschungsteam ist hinter ihm her. Und im Eis von Grönland wird ein weiterer Gigant gefunden, der Yrso und den anderen Giganten feindlich gesinnt ist. Am Ende des ersten Bands bleiben viele Fragen offen, so dass man zum Weiterlesen animiert wird: Welche Ziele verfolgt das Forschungsteam in Grönland? Was hat es mit dem Multimilliardär Crossland auf sich? Er wirkt sehr bedrohlich. Wie geht es mit Erin und ihrem Giganten weiter? Wohin werden sie gehen? Werden sie die anderen Giganten suchen und finden? Und wird es zum Kampf mit Alyphar kommen?
Es ist davon auszugehen, dass in jedem Band weitere Figuren und weitere symbiotische Beziehungen eingeführt werden. Vermutlich wird es dann im letzten Band ein großes Finale geben. Grundsätzlich habe ich keine Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Es gibt einen klaren roten Faden, die Figuren erhalten einen passenden Charakter und ein erkennbares Profil. Interessant gestaltet fand ich die Kommunikation zwischen Erin und ihrem Giganten. Auch die Leserichtung war immer eindeutig. Die Bilder sind strukturiert angeordnet. Der Text ist in ausreichendem Umfang vorhanden.
Was mir auch gut gefallen hat: Es gibt häufiger einmal Schnitte wie im Film. Dann folgen geschickt platzierte Szenenwechsel. Und auch Überblendungen werden punktuell eingesetzt. Auch die atmosphärische Gestaltung hat mir gefallen, insbesondere wenn der Gigant auftritt, werden die Bildsequenzen auch einmal düster und unheimlich. Der Zoom auf die Augenpartie sorgt dann für eine weitere Dramatisierung.
Fazit: Für Kinder, die gern Comics lesen, ist diese Reihe sicherlich empfehlenswert. Im Zentrum stehen Heldinnen und Helden mit ihren jeweiligen Giganten, zu denen eine Vorgeschichte deutlich wird und die in einer besonderen Beziehung zu ihren Schützlingen stehen. Ich finde es geschickt gemacht, dass man direkt von Anfang an weiß, wie viele Bände diese Reihe umfasst und dass schon klar ist, worum es in den einzelnen Bänden jeweils ungefähr gehen wird. Man ist neugierig darauf, weitere Charaktere kennenzulernen und weitere Hintergründe zu den Forschungsteams und ihren Plänen aufzudecken. Auch wartet man schon jetzt auf das Duell mit Alyphar.
Ein Suchender
Das glückliche Geheimnis von Arno Geiger
In seinem autobiographischen Werk „Das glückliche Geheimnis“ beschreibt Arno Geiger sein Leben als suchender Schriftsteller. Was ihn auszeichnet: Seine Liebe zu Büchern und zu Briefkonvoluten. Aus Weggeworfenem bezieht er seinen Lesestoff und verdient mit dem Verkauf solcher Werke in den Studentenjahren seinen Lebensunterhalt.
Es wird deutlich, mit welcher Leidenschaft er seinem Treiben nachgeht. Im Rahmen seiner Recherchen und Lektüren eignet sich Geiger nicht nur viel Wissen, sondern auch Menschenkenntnis an. Eine wichtige Vorbedingung für seinen Erfolg als hoch gelobter und mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller.
Die Beschreibungen empfand ich allesamt als recht grob, nicht detailliert. Ich hatte schon das Gefühl, dass der Autor seine Leser bei allen privaten Einblicken, die er gewährt, noch auf genügend Abstand halten will (was auch völlig in Ordnung ist). Geiger bleibt oft im Abstrakten und Vagen, einiges wird nur angedeutet und angerissen. Dennoch gibt es zahlreiche Passagen, die ich sehr interessant fand, so z.B. die Beschreibung der Phase des Stillstands, als Geiger feststeckte und in seinem literarischen Schaffen auf der Stelle trat. Diese Phase bezeichnet der Autor als depressives Intermezzo.
Auch fand ich solche Textstellen aufschlussreich, wo Geiger Auskunft über die Verlagsarbeit gibt, auch über den Umgang von Verlagsmitarbeitern mit seiner Person und seinem Werk. Hier wird schon gut deutlich, wie schwer man es als Schriftsteller hat, sich zu etablieren, und wie sehr man abhängig ist von den Entscheidungen anderer. Man benötigt scheinbar einen „langen Atem“. Und irgendwie ist es schon bitter zu lesen, dass Geiger sich bei der Arbeit an seinem dritten Buch vom Verlag eher entmutigt als ermutigt fühlte.
Auch solche Passagen, an denen Geiger Einblick in den Entstehungsprozess von Werken gibt, finde ich äußerst interessant. So wird auch sehr klar, dass die Arbeit als Schriftsteller anstrengend und auch kraftraubend ist. Ein Buch zu vollenden, erscheint als regelrechter Leidensprozess. Auch interessant: Durch die Verleihung eines Buchpreises ändert sich das Leben von Geiger plötzlich völlig. Dabei berichtet der Autor auch offen darüber, welche Schattenseiten der Erfolg hat.
Sehr bereichernd fand ich auch die Ausführungen zu der Frage, was literarische Qualität ausmacht. Und nach Geiger ist es eben nicht die Stilisierung eines Textes, sondern der Umstand, dass das Geschriebene alltäglich und unbekümmert sowie aufrichtig verfasst ist. Weiterhin fand ich Geigers Bemerkungen zum Thema der Lebenserfahrungen und zu der Frage, was Texten Leben einhaucht, lesenswert. Letztlich finde ich beeindruckend, was Geiger in Weggeworfenem für „Schätze“ geborgen hat und was er daraus gemacht hat. Das Entsorgte verleiht seinem künstlerischen Schaffen erst wichtige Impulse. Ohne die Briefkonvolute z.B. wäre „Unter der Drachenwand“ in dieser Form wohl nie entstanden.
Was mich grundsätzlich weniger angesprochen hat, waren die Beschreibungen des Familienlebens mit den tragischen Schicksalsschlägen und die der Frauengeschichten. Das mag anderen Lesern aber vermutlich ganz anders gehen. Geiger selbst bemerkt schon selbst sehr treffend, dass bei seinem Buch jeder Leser seine eigenen Anknüpfungspunkte finden wird. Man sollte keinen chronologisch geordneten Text erwarten.
Fazit: Ein Buch, in dem wohl jeder Leser, der sich für die Person Arno Geiger interessiert, etwas Wissenswertes über ihn erfährt. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass der Autor an den für mich interessanten Textstellen noch mehr in die Tiefe geht und Dinge ausführlicher schildert, deshalb vergebe ich 4 Sterne und keine 5 Sterne.
Schöne Fortsetzung
Die Stoffis - Alle für einen (Band 2) von Sabine Städing
Bei dem Kinderbuch „Die Stoffis. Alle für einen“, geschrieben von Sabine Städing und illustriert von Nadine Reitz, handelt es sich um den zweiten Band einer Reihe. Nach meinem Dafürhalten ist es ein gelungenes Kinderbuch mit einem warmherzigen Erzählton und liebreizenden Figuren. Ich empfehle aber mit Band 1 einzusteigen, um sich mit der Vorgeschichte der ausgesetzten Plüschtiere vertraut zu machen.
Was mir besonders gut gefällt, ist der Lebensweltbezug der Geschichte. Schließlich spielt jedes Kind gerne mit Stofftieren und auch das Gefühl, alte Stofftiere abzugeben und auszurangieren, ist wohl jedem Kind bekannt. Hier knüpft das Buch schön an das Vorstellungsvermögen der jungen Zuhörer:innen an.
Im Zentrum der Handlung stehen sechs Plüschtiere, die zu Beginn der Geschichte auch in pointierten Einführungstexten kurz eingeführt werden: Sunny bzw. Wunderfell (Einhorn), Minnie (der Kater), Helmut (der Hund), Melisande (Schildkröte), Sternchen (Seestern) und Rumpel (Bär). Das ist gut! Der rote Faden der Geschichte ist auch sehr klar erkennbar: Sternchen wird von Kindergartenkindern, die einen Ausflug unternehmen, einfach mitgenommen, und die anderen Stoffis versuchen nun, ihre Freundin wiederzufinden und zu retten. Dabei lernen sie auch weitere Plüschtiere kennen, die dann im weiteren Handlungsverlauf eine Rolle spielen.
Der Schreibstil ist, wie man es von Sabine Städing kennt, sehr flüssig und eingängig. Und die Autorin macht einfach Vieles richtig: Die Kapitel haben eine angenehme Länge zum Vorlesen, sie haben zudem einen ähnlichen Umfang. Die Bilder sind textunterstützend, farbenfroh und äußerst putzig. Der Wortschatz ist kindgerecht. Und anders als in ersten Band wird diese Mal auf die Verwendung anspruchsvollerer Lexik verzichtet. Der Wortschatz ist also etwas vereinfacht worden, was ich schon schade finde (vgl. dazu meine frühere Rezension zu Band 1). Und nicht zuletzt weist das Buch wieder folgende wichtige Themen auf, die man auch beim Gespräch über das Buch nach Bedarf weiter vertiefen kann: „Zusammenhalt“, „Freundschaft“ und „Hilfsbereitschaft“.
Noch einige wenige Sätze zu den bunten Zeichnungen, die wirklich liebevoll gestaltet worden sind: Insgesamt enthält das Buch 34 Bilder auf 111 Seiten. Das ist eine Bebilderungsquote von 30%. Im ersten Band lag die Bebilderungsquote bei 32%. Großflächige Bilder, die mehr als eine halbe Seite umfassen, gibt es relativ wenige: Insgesamt 11 (ca. 10%). In Band 1 lag diese Quote noch bei 15%. Was ich damit sagen will: In Band 2 hat sich die Bebilderungsquote etwas verringert und es gibt auch einmal längere Abschnitte ohne ein Bild.
Wie schon Band 1 punktet das Buch dafür aber wieder mit motivierenden Belohnungsstickern, die nach jedem gelesenen Kapitel von den Kindern eingeklebt werden können. Was die Nachbereitung der Lektüre betrifft, war der erste Band aber wiederum vielfältiger. Dieses Mal gibt es keine kreative Aufgabe und auch kein Rezept zum Ausprobieren (vgl. meine frühere Rezension). Aber mich hat das nicht gestört. Schließlich kann man ein solches Angebot nicht jedes Mal erwarten.
Fazit: Ein durchdacht konzipiertes Kinderbuch mit vielen lebensweltrelevanten Themen. Es ist eine gelungene Fortsetzung zu Band 1, aber man merkt auch, dass Band 1 noch ein Stück besser war. So war die Bebilderungsquote höher, die Lexik war stellenweise auch einmal etwas fordernder und es gab noch mehr Angebote für die Nachbereitung des Textes. Dennoch bleibt das Buch ein äußerst gelungenes Kinderbuch und erhält von mir knappe 5 Sterne.
Luki bringt den Schulalltag durcheinander
Luki träumt von der Schule von Lejla Tiro; Greta Scherzer
Die Geschichte wird aus der Perspektive des Katers erzählt, was dafür sorgt, dass bei den jungen Zuhörer:innen Empathie gefördert wird. Aus Versehen gerät Luki mit in die Schule und sorgt dann dort für ein wenig Chaos, als Mila ihren Ranzen öffnet. Was mir gut gefallen hat, ist der Umstand, dass die Lehrerin situationsangemessen reagiert und das Tier prompt in den Unterricht integriert.
Sie spricht mit den Kindern über das Thema „Haustiere“ statt über Mathe.
Man merkt, dass die Kinder motiviert sind, sich mitzuteilen und über ihre eigenen Haustiere zu sprechen. Es ist schön, dass hier einmal nicht das Klischee einer strengen, mürrischen Lehrerin bedient wird, die nur auf die Einhaltung von Regeln besteht, wie man es auch des Öfteren in Kinderbüchern findet, sondern dass hier das Bild einer freundlichen, zugewandten Lehrkraft gezeigt wird, die pädagogisch angemessen reagiert und den Spaß der Kinder zulässt.
Grundsätzlich ist dieses Buch auch eine gute Auseinandersetzung mit dem Thema „Haustierhaltung“. Gerade für Kinder, die sich ein Haustier wünschen, wird hier bereits deutlich gemacht, dass auch Verantwortung für das Tier mit der Haltung einhergeht. Beiläufig lernt man ein wenig über Katzen dazu und darüber, was sie fressen oder wie alt sie werden.
Es ist in diesem Buch aber nicht so, dass der Kater den Schulalltag aus seiner Perspektive erlebt und schildert. So hatte ich es mir ursprünglich vorgestellt. Sondern es geht darum, dass der Schulalltag durch sein Auftauchen ein wenig durcheinandergewirbelt wird. Es geht also nicht um das Thema „Einschulung“ o.ä. Mit dieser falschen Erwartungshaltung bin ich anfänglich an dieses Kinderbuch herangegangen.
Die Bebilderung ist ansprechend, Luki steht hier ganz klar im Zentrum der Aufmerksamkeit. Er taucht auf den meisten Bildern auf und spielt ganz klar die Hauptrolle in diesem Buch. Die Sprachgestaltung ist kindgerecht, die Satzkonstruktionen sind einfach gehalten und auch der Wortschatz ist schon für jüngere Kinder gut verständlich.
Das einzige, was ich noch als Verbesserungsvorschlag unterbreiten kann, ist das Folgende: Auf S. 14 wird nicht klar zwischen den Begriffen „Katze“ und „Kater“ unterschieden. Das hätte sich hier jedoch durchaus angeboten.
Fazit: Ein Kinderbuch, das sich schon für jüngere Kinder gut als Vorlesebuch eignet. Der Wortschatz und die Satzkonstruktionen sind einfach gehalten. Das Thema ist für Kinder, lebensweltrelevant. Denn der Wunsch nach Haustieren kommt ja immer wieder einmal auf. Hier wird beiläufig etwas Wissen zu Katzen vermittelt. Zudem agiert die Lehrerin hier freundlich und zugewandt. Das hat mir ebenfalls gut gefallen. Ich vergebe knappe 5 Sterne!
Kindersachbuch mit interessanter Idee und integrierten Experimentvorschlägen
Der Himmel am Tag und in der Nacht von Anna Claybourne
Das Kindersachbuch „Der Himmel am Tag, der Himmel bei Nacht“ von Anna Claybourne, illustriert von Kerry Hyndman, hat in meinen Augen zwei klare Stärken. Einmal die interessante, ausgefallene Idee eines Wendecovers, so dass man das Buch entweder von hinten oder von vorne lesen kann. In der Mitte des Buchs treffen die Inhalte des Buchs dann zusammen, und zwar bei den Themen „Sonnernaufgang bzw.
Sonnenuntergang“. Das ist durchdacht und kreativ. Und was mir auch gut gefallen hat, sind die anschaulich und nachvollziehbar erklärten Experimente zum selbst machen, die man mit recht einfachen Mitteln selbst durchführen kann. Die Experimente sind meiner Meinung nach nicht zu aufwändig. Die Handlungsanweisungen sind verständlich formuliert und die Dinge, die dort gefordert werden, sind im Haushalt größtenteils vorhanden.
Inhalt
In der einen Hälfte des Buchs geht es um das, was sich tagsüber beobachten lässt. Themen sind hier: „Der Himmel“, „altertümliche Vorstellungen vom Himmel“, „die Sonne“, „Wolkenlandschaften“, „Niederschlag“, „Unwetter“, das ungewöhnliche Thema „Himmelsrätsel“, „Vögel“, „Insekten und Spinnen“, „Tiere, die durch die Luft gleiten können“ sowie „verschiedene Fluggeräte“.
In der anderen Hälfte des Buchs steht im Vordergrund, was man nachts wahrnehmen kann. Hier geht es um das Thema „Dunkelheit“ und um die Frage, warum es dunkel wird. Weitere Themen: „frühzeitliche Vorstellungen von der Nacht“, „Sternbilder“, „Planeten“, „der Mond“, „Sternschnuppen“, „Fledermäuse“, „nachtaktive Vögel und Insekten“, „Weltraum“, „Satelliten“, „Großstadtbeleuchtung“, „Polarlichter“. Kurzum: Es wird eine sehr große Bandbreite an Themen abgedeckt.
Ursprünglich hatte ich die Vorstellung, dass ein- und dieselben Themen einmal für die Nacht und einmal für den Tag behandelt werden, sozusagen aus zwei verschiedenen Perspektiven. Dem ist aber nicht so.
Illustrationen und Textgestaltung
Die Zeichnungen sind lebensecht und passen gut zu den Kapitelüberschriften. Was die Textgestaltung angeht, möchte ich aber einen Verbesserungsvorschlag machen: Mehr Struktur und Systematik hineinbringen! Es koexistieren in meinen Augen zu viele kleinere Texte nebeneinander. Denkbar wäre z.B. ein längerer Fließtext, dem dann verschiedene Infoboxen zugeordnet sind. Ich empfand die Textpräsentation auf den Seiten einfach als zu unstrukturiert, teilweise auch als zu überfrachtet. Auch für das Layout hätte ich Ideen: Die Schriftfarbe sollte sich deutlich vom Hintergrund abheben, sonst fällt das Vorlesen schwer. Auch hätte ich bei einigen Texten eine größere Schriftart gewählt. Als Referenz verweise ich hier auf die sehr schöne Kindersachbuchreihe „Schauen und Wissen!“, in der die Texte sehr ansprechend und systematisch gestaltet sind.
Fazit: Das Wendecover sowie die integrierten Experimente sind tolle Ideen, die Themenauswahl ist vielfältig und abwechslungsreich, die Zeichnungen sind lebensecht und passen zu den Kapiteln, lediglich die Textgestaltung lässt noch zu wünschen übrig und bietet Verbesserungspotential. Deshalb vergebe ich auch nur 3 Sterne.
Was hält die Welt im Innersten zusammen?
Was für ein Zufall! von Bernhard Weßling
In seinem sehr lesenswerten Buch „Was für ein Zufall!“ widmet sich der Autor Bernhard Weßling den großen allgemein-menschlichen Fragen von Unvorhersehbarkeit, Komplexität und dem Wesen der Zeit. Er gibt sich dabei als „Sinn-Suchender“ zu erkennen und unterbreitet auf der Grundlage eigener Erfahrungen Vorschläge, wie man die Beschaffenheit der Welt mit Hilfe der folgenden Begriffe besser beschreiben könnte: Zufall, Nicht-Gleichgewichtssystem, Entropie und Zeit.
Und was ich direkt zu Beginn dieser Rezension bereits lobend herausstellen kann: Der Autor schreibt weitestgehend anschaulich und ist sehr darum bemüht, den Leser bzw. die Leserin auf seiner gedanklichen Reise „mitzunehmen“. Sein Text zeichnet sich in großen Teilen durch Verständlichkeit aus, was einerseits an den nachvollziehbaren Erklärungen liegt, andererseits an den zahlreichen Beispielen, die er anführt. Da der Autor jedoch mit vielen Internetquellen arbeitet, empfehle ich, die digitale Version des Buchs zu lesen, um den Hyperlinks folgen zu können, und sie nicht mühsam in die Adresszeile einzutippen.
Schon das Vorwort ist ein gelungener Einstieg ins Buch und macht Lust auf mehr, flüssig und leserlich geschrieben. Vereinfachend, aber nicht zu simplifizierend! Es wird ein eingängiger, leserfreundlicher und leserzugewandter Sprachstil verwendet. Auch die vielen direkten Leseransprachen lockern den Text gut auf und lassen ihn äußerst lebendig wirken. Ebenso sorgen die stellenweise eingestreuten chinesischen Sprichwörter dafür, dass der Fließtext nicht zu trocken wird. Und der Autor macht gut deutlich, um welche zentralen Fragen es ihm geht: Woher kommt der Zufall? Wie kommt er in unsere Welt? Warum ist er normal? Wie entsteht Komplexität? Auch der interessante Begriff des „Nicht-Gleichgewichtssystems“ wird von ihm eingeführt. Das führt zu den nächsten zentralen Fragen: Warum befinden sich kompliziert strukturierte Systeme nicht im Gleichgewicht? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zufall und „Nicht-Gleichgewicht“? Und was ist das Wesen der Zeit? Der Autor gibt in diesem Zusammenhang auch unumwunden zu, dass er sich an vielen Stellen nicht an der klassischen Lehrmeinung orientiert, sondern eigene Wege beschreitet, um die genannten Fragen zu beantworten. Deshalb möchte ich zu Beginn meiner Rezension auch direkt festhalten: Ich kann als Nicht-Chemiker und Laie nicht alle Inhalte auf Plausibilität hin überprüfen. Fachliche Inhalte kann ich aufgrund fehlender Expertise nicht einschätzen, die vielen Thesen kann ich nicht alle auf Stichhaltigkeit hin prüfen. Ich kann mich nur meines eigenen Verstandes bedienen und im Wesentlichen solche „Stolperstellen“ benennen, die mir unklar oder nicht nachvollziehbar in Erinnerung geblieben sind.
Kapitel 1 – Der Zufall nimmt seinen Lauf (S. 1-14)
Ungewöhnlich für ein Sachbuch ist der recht autobiographisch geprägte Einstieg in die einzelnen Kapitel. Man lernt viel Privates über den Autor kennen. Vorteil dieser Herangehensweise: Der Autor ist für mich als Leser kein anonymer Fremder, über den ich nichts weiß, sondern ich kann eine persönliche Beziehung zu ihm herstellen. Ein ungewöhnlicher Stil, der die Leser aber in meinen Augen auch anspricht. Ich konnte mich jedenfalls darauf einlassen, wusste aber nach der Lektüre des ersten Kapitels noch nicht so recht, auf welche gedankliche Reise Weßling mich mitnehmen wird. Am interessantesten für mich war der Exkurs zum Internet und zu seiner Erfindung, den der Autor hier auf Basis seines persönlichen Erfahrungsschatzes skizziert.
Kapitel 2 – Der Zufall ist überall (S. 15-60)
Hier geht es nun vor allem um Zufälle. Der Autor nimmt eine inhaltliche Systematisierung vor und spielt an Beispielen durch, was für verschiedene Arten von Zufällen es gibt. Die zugrundeliegende Botschaft des Kapitels ist recht klar: Überall ist unser Leben von zufälligen Ereignissen geprägt. Für mich wurde das zweite Kapitel vor allem dann spannend, als der Autor sich der wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens „Zufall“ widmet (S. 29 ff.). Es wird deutlich, dass es Weßling vor allem um sogenannte „essenzielle Zufälle“ geht (vgl. S. 33 ff.), also um solche Zufälle, die unvorhergesehen passieren. Sie seien dadurch charakterisiert, dass zwei oder mehr Kausalketten, die voneinander unabhängig sind, zusammentreffen. Mehr als eine Ursache läge ihnen zugrunde. Was dem Autor dabei gut gelingt, ist es, den essenziellen Zufall mit vielen konkreten Beispielen nachvollziehbar zu veranschaulichen.
Weßling ist es wichtig zu betonen, dass Zufall nicht bedeute, „dass das entsprechende Ereignis keine Ursache hat“ (S. 39). So werde es von Anhängern anderer Fachrichtungen aber häufig verstanden, so der Autor. Jedes Ereignis habe eine Ursache, meist mehrere, und bei essenziellen Zufällen hätten die zu den Ursachenden führenden Ereignisketten ursprünglich nichts miteinander zu tun, so Weßling. An vielen Stellen widerspricht Weßling der gängigen Lehrmeinung, was für mich insofern in Ordnung ist, als er die Leser auf diese Weise stärker dazu veranlasst, sich mit der Herangehensweise des Autors intensiv auseinanderzusetzen. Er fordert die Leser sozusagen zum Mitdenken förmlich heraus. Das ist gelungen. Aber man muss sich auf so etwas einlassen wollen.
Letztlich kann ich die gesamte, spannende und zum Nachdenken anregende Diskussion zum Zufall hier nicht im Detail wiedergeben, das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Ich möchte aber schon deutlich machen, dass ich nicht allen Aussagen des Autors zustimmen kann. Häufig ist er mir auch zu kategorisch in seinen Schlussfolgerungen.
Für mich persönlich ist der Zufall eine „Wahrnehmungskategorie“, d.h. abhängig von der eigenen Wahrnehmung. Erst meine eigene Bewertung und der Umstand, dass ich ein Ereignis mit Bedeutung auflade, macht es zu einem Zufall. Das, was ich selbst als Zufall erkenne oder nicht, hängt also von mir selbst ab, es ist subjektiv. Sonst müssten ja mehrere Menschen gleichzeitig denselben Zufall identisch wahrnehmen. Doch ist es nicht unterschiedlich, ob das, was der eine als Zufall wahrnimmt, von einem anderen Menschen auch als Zufall wahrgenommen wird? Ist der Zufall nicht eine „Wirklichkeitskonstruktionsleistung“ des Gehirns? Das gebe ich hier zu bedenken. Kurzum: Ich finde das anthropische Prinzip, das der Autor ablehnt (vgl. S. 43-44), selbst am schlüssigsten. Und die Frage danach, warum es Zufälle gibt, lässt sich in meinen Augen also gar nicht beantworten. Erst der Mensch selbst verleiht dem Zufall mit seiner Wahrnehmung Bedeutung. Und auch die Einschätzung der Häufigkeit von Zufällen ist ja subjektiv. Dem Autor geht es in seinem Buch um solche Zufälle, die sich unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung ereignen. Trotzdem meine Frage: Kann es solche Zufälle überhaupt geben?
Kapitel 3 – Kreativität ist Zufall im Gehirn (S. 61-96)
Nach einem kurzen autobiographischen Exkurs, der das Gelesene auflockert, gewährt der Autor einen Einblick in die Dispersionsforschung. Er berichtet von den Erfolgen und Vorteilen angewandter Forschung. An einem Beispiel eigener Grundlagenforschung verdeutlicht er, dass er sich auch schon zu diesem Zeitpunkt der anerkannten wissenschaftlichen Meinung widersetzt habe und dennoch erfolgreich gewesen sei. Der Autor beschreibt, wie es ihm gelungen ist, erstmals leitfähige Polymere zu dispergieren und präsentiert eigene Forschungsergebnisse. Als Laie konnte ich hier viele Passagen nicht nachvollziehen.
Am Ende gelangt Weßling zu der Schlussfolgerung, dass in Nicht-Gleichgewichtssystemen andere Arten von Gesetzmäßigkeit herrschten als in Gleichgewichtssystem. Ein wichtiges Kennzeichen von Nicht-Gleichgewichtssystemen sei das Vorhandensein hochkomplexer Strukturen. Im Anschluss führt der Autor auf nachvollziehbare Weise viele Beispiele für Nicht-Gleichgewichtssysteme an, z.B. Mayonnaise oder Eiscreme.
Bei seinen Ausführungen zur Kreativität ist gut und wichtig, dass der Autor auch betont, dass die Generierung von Ideen und das Phänomen von Geistesblitzen ein vorbereitetes Gehirn benötigen (vgl. S. 32, Fußnote 32 sowie die Bezugnahme auf Penrose). Doch was bedeutet das konkret? In meinen Augen sind es wohl vor allem die Einflüsse von außen, die hiermit gemeint sind. So handelt es sich bei unserem Gehirn nicht um ein in sich geschlossenes System. Wir setzen uns mit der Umwelt auseinander, führen Gespräche, lesen Publikationen, erhalten Rückmeldungen von Mitmenschen. All das befördert die Generierung von Idee.
Kapitel 4 – „Gleichgewicht ist gut, Nicht-Gleichgewicht ist schlecht – stimmt das?“ (S. 97-118)
Nachdem es im dritten Kapitel vor allem um die mühsame Grundlagenforschung des Autors ging, widmet sich Weßling nun stärker den beiden Begriffen „Gleichgewicht“ und „Nicht-Gleichgewicht“. In diesem Zusammenhang werden auch die Begrifflichkeiten „Fließgleichgewicht“ und „Entropie“ besprochen. Und was mir gut gefallen hat: Die „Entropie“, ein Terminus, auf den man ja auch in der Kosmologie häufig stößt, wird sehr anschaulich erläutert. Insbesondere die Erklärung am Beispiel des Wirtschaftssystems finde ich gelungen. Auch die Darlegung zur Schneeflockengestaltung fand ich spannend. Schneeflocken seien Ergebnisse von Selbstorganisation von komplexen Strukturen in Nicht-Gleichgewichtssystemen. Sehr einleuchtend! Auch anhand der Funktionsweise eines Geysirs wird ein Nicht-Gleichgewichtssystem verständlich und nachvollziehbar erläutert. Weßling führt viele interessante Beispiele an, um sein Anliegen zu vermitteln. Das ist gut!
Abschließend wird konstatiert, dass Nicht-Gleichgewichtssysteme essentiell und lebensnotwendig seien. Ihre Existenz sei nötig.
Kapitel 5 – „Fast an der Wissenschaft verzweifelt“ (S. 119-146)
Der Autor beklagt den Umstand, dass die Nicht-Gleichgewichtssysteme in der Forschung immer noch ein Schattendasein führten, obwohl unsere Welt im Wesentlichen aus Nicht-Gleichgewichtssystemen bestehe. Und auch an den Universitäten fände die Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik zu wenig Beachtung, so der Autor. Weßling erläutert das Prinzip der „Irreversibilität“ von solchen Systemen im Rahmen dieses Kapitels dann sehr klar und verständlich. Gleichzeitig macht er durch viele Beispiele aus der eigenen Erfahrung sehr deutlich, dass innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft reflexhafte Abwehrmechanismen zu beobachten seien, wenn es um neue wissenschaftliche Entdeckungen gehe, gerade etablierte Wissenschaftler würden hier keine Ausnahme darstellen. Entdecker neuen Wissens würden eher bekämpft als gefördert. Weßling stellt sogar die provokative These auf, dass innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin neue Erkenntnisse einfach ignoriert würden und man diese nicht einmal offen und fair diskutieren würde. Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang seine kritische Würdigung des Begriffs „Paradigma“. Forschungsparadigmen, so der Autor, würden häufig wie ein Dogma wirken.
Stellenweise finde ich die persönlichen Ansichten des Autors sehr interessant und aufschlussreich. Er berichtet sehr offen und ehrlich von Verletzungen und Misserfolgen, die er selbst im Rahmen seiner Grundlagenforschung und Berufstätigkeit erlitten habe. Auch seine Selbstzweifel finden Erwähnung. Natürlich kann ich als Leser von außen seine Einschätzungen nicht beurteilen, aber ich kann mich gut in seine Situation hineinfühlen. Und seine Einschätzung zu dogmatischen Forschungsparadigmen teile ich.
Des Weiteren hat die Lektüre des Texts bei mir auch dazu geführt, dass ich eigene Überlegungen zum Thema „Sprache“ angestellt habe. So habe ich mir z.B. die Frage gestellt, ob auch Sprachsysteme ein Nicht-Gleichgewichtssystem darstellen. Allerdings kann ich den Begriff der Entropie nicht damit in Zusammenhang bringen. Ich werde weiter darüber nachdenken. Auch könnte man sich fragen, ob und inwieweit es sich bei sprachlichen Fehlern um Zufallsprodukte handelt.
Kapitel 6 – „Die Geburt des Zufalls in komplexen Systemen“ (S. 147-190)
Das sechste Kapitel unterscheidet sich in meinen Augen von den anderen Kapiteln. Es ist deutlich anspruchsvoller verfasst. Der Autor erweitert sein Begriffsspektrum um folgende Begrifflichkeiten: „Nicht-Linearität“ sowie „Emergenz“ und „Reduktionismus bzw. Holismus“. Auch das Ereignis von Symmetriebrüchen wird erläutert. Insgesamt fand ich dieses Kapitel bei der Lektüre sehr sperrig, der verständliche und anschauliche Charakter ging mir zu sehr verloren. Es wirkte zu „expertenhaft“. Es wird mir zu viel Vorwissen vorausgesetzt und mir ist nicht klar, wohin die Argumentation des Autors führt. Mir fiel es schwer den Gedankengängen des Autors zu folgen. Resümierende Passagen in Form eines Zwischenfazits wären hilfreich gewesen. Auch hätte Weßling für mich noch deutlicher machen müssen, was das Ziel seiner Ausführungen ist. Mir war nicht klar, wie die verschiedenen Zufälle, denen sich der Autor widmet, nun genau zusammenhängen. Was ist das verbindende Element? Am interessantesten fand ich solche Stellen, an denen ein inhaltlicher Brückenschlag zur Kosmologie stattfand.
Kapitel 7 – „Was fließt da, wenn die Zeit fließt, und wohin fließt sie?“
Hier geht es um das Problem der Zeit. Der Autor stellt eine Art kurzen geschichtlichen Abriss über die Forschung zum Thema der Zeit dar. In diesem Zusammenhang fand ich insbesondere wieder die kosmologischen Arbeiten interessant, die Weßling erwähnt. Allerdings macht der Autor auch sehr deutlich, dass er sich mit vielen Hypothesen der theoretischen Physiker nicht anfreunden kann. V.a. die Annahme eines Multiversums sieht er skeptisch.
Auch dieses Kapitel konnte mich nicht so recht überzeugen, es ist nicht so verständlich wie die ersten fünf Kapitel geraten. Was ich mich bei der Lektüre gefragt habe: Mit welchem Ziel stellt der Autor seine Überlegungen zum Wesen der Zeit an? Wozu benötigt er dieses Phänomen? Was ist der Vorteil seiner eigenen Betrachtungsweise?
Am interessantesten fand ich die Passage, wo der Autor den Leser mit Fragen zum Wesen der Zeit konfrontiert und ihn damit zum Nachdenken anregt: Existiert Zeit nur in der Gegenwart? Wie lange dauert die Gegenwart? Das sind schöne Denkanstöße. Und es ist auch einmal spannend, eine andere Herangehensweise an das Thema kennenzulernen, nämlich die eines Nicht-Gleichgewichtssystem-Thermodynamikers. Sonst sind es ja eher die theoretischen Physiker, die sich mit der Frage nach dem Wesen der Zeit beschäftigen. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Welche Vorteile bringt eine solche Herangehensweise? Was bringt es uns, wenn wir uns den Themen „Zufall“ und „Zeit“ mit den Augen eines Thermodynamikers annähern?
Kapitel 8 – „Unsere Wahrnehmung der Zeit“
Im letzten Kapitel geht der Autor noch einmal darauf ein, dass der Zufall und die Zeit die Entropie in Nichtgleichgewichts-Systemen als Gemeinsamkeit hätten. Die Betrachtung des Konzepts der Zeit wird erweitert um den psychologischen Aspekt der Zeitwahrnehmung und um chronobiologische Betrachtungen. Er erläutert, dass noch unzureichend erforscht ist, wo und wie genau der Ablauf der Zeit wahrgenommen und in Empfindung umgewandelt wird. Es herrsche die einheitliche Vorstellung, dass es körperliche Prozesse seien, die im Gehirn die Wahrnehmung der Zeit veranlassten. Auch widmet sich Weßling einem Phänomen, das wohl jeder kennt: die sogenannt „Verdünnung der Zeit“. Damit ist gemeint, dass im Alter die Zeit scheinbar schneller vorbeigeht. Aus seiner eigenen Erfahrung heraus berichtet der Autor, dass er die Zeit immer dann umso intensiver wahrnehme, je mehr er in seinem Leben erlebe und bekannte Routinen verlasse.
Fazit: Der Autor legt hier ein Sachbuch vor, in dem er sich den großen menschlichen Fragen widmet. Er argumentiert aus der Sicht eines Thermodynamikers und stützt sich dabei auf die Theorie von Ilya Prigogine, die 1977 den Nobelpreis für ihre Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik erhielt. Weßling liefert viele Denkanstöße. Der Schreibstil ist lebendig, zugewandt und weitestgehend anschaulich und verständlich. Dennoch ist Mitdenken bei der Lektüre gefragt und Wissen zum Fachgebiet der Chemie ist sicherlich verständnisförderlich. Mich persönlich hat die Lektüre bereichert, ich konnte einiges neu dazulernen. Für mich hätte der Autor nur noch etwas stärker herausstellen können, welche Vorteile seine Betrachtungsweise der Beschaffenheit der Welt hat. Nicht immer war mir der inhaltliche Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln deutlich genug ausformuliert. Das Ziel der gedanklichen Reise war mir nicht immer klar. Ich vergebe 4 Sterne.











