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Rezensionen von Tobias Kallfell:

Ein dunkles Kapitel der ukrainischen Geschichte

Denk ich an Kiew von Erin Litteken

In dem Roman „Denk ich an Kiew“ von Erin Litteken wird ein sehr dunkles Kapitel der ukrainischen Geschichte emotional und ergreifend erzählt: Es geht um den Holodomor, den durch Stalin forcierten Tod durch Hunger in der Ukraine Anfang der 1930er Jahre (vgl. dazu das Nachwort der Autorin).
Und gerade jetzt, in Zeiten des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine, ist es ein wichtiges Buch, das deutlich macht, dass die Ukraine nicht zum ersten Mal unter aggressiver Politik leidet.

Im kollektiven Gedächtnis der Ukraine spielt dieses Verbrechen bis heute eine Rolle. Die Ukraine hatte unter Stalins Herrschaft entsetzlich unter Deportationen und Hungersnöten zu leiden. Und der Widerstand gegen die Zwangskollektivierungs- und die Entkulakisierungsmaßnahmen war in der Ukraine besonders stark (vgl. dazu Brian Moynahan (1994): Das Jahrhundert Russlands, S. 138-139). All das kommt in dem Roman von Litteken gut zur Geltung, wenn auch nur recht oberflächlich. Es ist gut recherchiert und schildert in meinen Augen ein vermutlich sehr authentisches Bild der damaligen Zustände.
Der Roman enthält zwei Handlungsstränge: In dem einen Handlungsstrang wird das Dorfleben um Katja Anfang der 30er Jahre geschildert, in dem anderen, gegenwärtigen Handlungsstrang wird die Großmutter von Cassie in den Blick genommen, die an einer beginnenden Alzheimerkrankheit leidet. An ihrem Beispiel wird die Traumatisierung der älteren Generation gut deutlich, die die vergangenen Ereignisse verdrängt hat. Allerdings fand ich, wie viele andere Rezensenten, den Handlungsstrang um Katja deutlich interessanter und ereignisreicher. Den Strang um Cassie empfand ich doch als sehr langatmig und mit wenig „Zugkraft“ gestaltet.
Insgesamt wird die geschichtliche Situation treffend dargestellt, aber die Emotionen kommen mir oft zu kurz. Viele traurige Ereignisse werden mir zu knapp und zu nüchtern abgehandelt, ohne dass sie bei mir intensive Betroffenheit ausgelöst haben. Es mag sein, dass es da anderen Leser:innen anders ergeht, vielleicht lag es an mir. Aber ich empfand die Darstellung oft als zu sachlich. Allerdings war das nicht durchgängig so, es gab auch durchaus einige Stellen, die berührt haben. Z.B. die Passage, wo deutlich wird, wie schon Kinder und Jugendliche politisch indoktriniert werden. Und der tägliche Überlebenskampf wird ebenfalls an einigen Stellen schon eindringlich geschildert, aber eben nur punktuell. Besonders eindringlich und erschütternd waren für mich immer solche Textpassagen, die die repressiven gesellschaftlichen Zustände deutlich machten.

Fazit: Ein gut recherchierter Roman, bei dem die gesellschaftlichen Zustände in der Ukraine Anfang der 30er Jahre recht gut deutlich werden. Ein wichtiges Buch mit Aktualitätsbezug. Allerdings hat der Roman auch seine Längen. V.a. der Erzählstrang um Cassie ist langatmig und ereignisarm geraten. Oft empfand ich die Erzählweise als zu sachlich und zu nüchtern. Grundsätzlich hätte ich mir gewünscht, dass Litteken geschichtlich noch mehr in die Tiefe geht. Ich vergebe 3 Sterne, weil ich emotional zu wenig erreicht worden bin!

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Atmosphärisch dicht und mysteriös

SCHNEE von Yrsa Sigurdardóttir

Yrsa Sigurdardottir ist ein Name, über den man häufiger stolpert, wenn man Thriller liest. Laut der Zeitung „The Times“ zählt die Isländerin zu den besten Krimiautoren der Welt. Und der Erfolg spricht für sie. Sie ist Autorin vieler Spiegel-Bestseller. Doch kann ihr neuer Thriller „Schnee“ tatsächlich den hohen Erwartungen gerecht werden? Auf diese Frage will ich in dieser Rezension eine Antwort geben, auch wenn mir leider ein Vergleich mit anderen Werken von ihr nicht möglich sein wird, weil „Schnee“ mein erster Thriller von ihr ist.

Was ich als eine Stärke dieses Thrillers bereits herausheben kann, ist die gelungene Beschreibung der Atmosphäre, der Umgebung und der isländischen Landschaft. Während des Lesens wird sehr passend eine düstere, kalte und recht einsame Stimmung erzeugt. Nach meiner Leseerfahrung findet man das in dieser Qualität nicht in jedem Thriller!
Zwei Erzählstränge dominieren die Handlung. In dem einen Erzählstrang geht es um die Suche nach einer verschollenen Gruppe von Wanderern. Hier überzeugt in meinen Augen v.a. die Darstellung der Gruppendynamik zwischen den Mitgliedern, die in eingeschobenen Rückblicken geschildert wird. In dem anderen Strang spielt die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses um den eigenbrötlerischen Hjörvar eine wichtige Rolle. Dabei wird sehr gut eine düstere, unheimliche, gruselige und mysteriöse Stimmung erzeugt. Die Autorin beherrscht das Spiel mit den menschlichen Urängsten, als Mittel zur Spannungserzeugung wird oft auf visuelle und akustische Einbildungen zurückgegriffen. Die Figuren sind sich hin und wieder nicht sicher, ob sie halluzinieren oder ob, sie tatsächlich etwas gesehen und gehört haben. Auch das ist gelungen!
Was ich auffällig finde: Beide Handlungsebenen laufen bis zum Ende konsequent parallel zueinander, ohne größere Überschneidungen. Man hat sozusagen zwei Geschichten in einer. Das wird bestimmt nicht jedem zusagen, vor allem wenn man erwartet, dass es Berührungspunkte und Verbindungen zwischen den Perspektivwechseln gibt. Das hat mich schon überrascht, auch wenn es zugleich einmal etwas anderes ist.
Noch etwas Positives: Beide Handlungsstränge werden sinnvoll und plausibel abgeschlossen. Und bei der Lektüre entstehen auch jede Menge offene Fragen, auf die man als Leser:in eine Antwort sucht. Das erzeugt Neugier und treibt die Handlung voran.
Trotz der vielen positiven Aspekte kann ich dem Thriller aber keine fünf Sterne geben. Ich komme auf die Eingangsfrage zurück: Kann der Thriller den hohen Erwartungen gerecht werden? Nach meinem Dafürhalten würde sagen: eingeschränkt. So habe ich die Schilderung der Suche nach den vermissten Wanderern als recht langatmig und detailliert empfunden. Hier hätte ich eine Handlungsstraffung gut gefunden. Grundsätzlich ist das erzählerische Tempo auch eher gemächlich. Das muss man mögen. Wer auf schnelle, dynamische Thriller steht, der wird hier etwas enttäuscht sein.

Fazit: Ein Thriller mit einer gelungenen atmosphärischen Beschreibung und zwei Handlungssträngen, die spannend erzählt und plausibel aufgelöst werden. Ich habe lediglich eine stärkere Verzahnung zwischen den Perspektiven und ein höheres Erzähltempo erwartet. Einige Passagen empfand ich als zu langatmig. Deshalb vergebe ich „nur“ 4 Sterne.

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"Die schreckliche Vermissung"

Seeräubermädchen und Prinzessinnenjunge von Nils Pickert

Kinder entdecken die Welt im Spiel und lieben Rollenspiele. Genau diese Idee wird in dem von Nils Pickert verfassten Kinderbuch „Seeräubermädchen und Prinzessinnenjunge“ wunderbar aufgegriffen, und zwar ganz ohne Geschlechterklischees. Milo spielt für sein Leben gern Prinzessin und Mara ist in ihrer Phantasie am liebsten ein Seeräubermädchen.

Und ich finde diese beiläufige Vermittlung von Toleranz gelungen. Warum sollten Jungen nicht Prinzessin oder Mädchen Pirat spielen dürfen? Mit diesem Buch wird den Kindern zugestanden, sich frei zu entfalten. Das ist gelungen!
Und noch ein anderes zentrales Thema wird in diesem Buch aufgegriffen: Freundschaft. Auf dem Spielplatz freunden sich Milo und Mara an, spielen zusammen und tauchen jeweils in die Welt des bzw. der anderen ein. Und die Freundschaft entwickelt sich über die Geschlechtergrenze hinweg. Und warum auch nicht?
Ein Einschnitt in der Freundschaft erfolgt, als Milo und Mara voneinander getrennt werden und sich gegenseitig schmerzlich vermissen. Da verschwindet aufgrund des Gefühls von Traurigkeit sogar auf einer Doppelseite die Farbe aus dem Bild, was ich für eine kreative Text-Bild-Verzahnung halte. Mara fährt ohne Milo in den Urlaub. Und nun wird ein weiteres wichtiges Thema von Freundschaft vertieft: Trennungsschmerz. Auch das kennt wohl jedes Kind, gerade in den Ferien, wenn Freunde und Freundinnen in den Urlaub fahren. Hier finde ich die inhaltliche Aufbereitung der Gefühlsebene sehr gelungen und treffend. Auch die gegenseitige Befremdung des ersten Wiedersehens, wenn man sich länger nicht gesehen hat, wird gut deutlich. Und die Freude über eine Geburtstagseinladung und der gemeinsame Spaß auf der Feier, die sich ebenfalls im Buch wiederfinden, dürften auch jedem Kind bekannt vorkommen.
Auch die Illustrationen von Lena Hesse sind gelungen. Auf jeder Seite findet man ein Bild und es gibt auch einige großformatige Bilder, die zur längeren Betrachtung einladen (ich habe auf den 67 Seiten 24 Illustrationen gezählt, die mehr als eine halbe Seite umfassen). Die Bilder beziehen sich inhaltlich auf das Gelesene, unterstützen also den Text. Besonders passend finde ich, wie auf einigen Bildern die Phantasiewelt der Kinder aus dem Rollenspiel aufgegriffen wird. Auch gibt es einige Zeichnungen, auf denen die Emotionen der Figuren gut zum Ausdruck gebracht werden.
Erzählerisch gelungen finde ich auch den Wechsel der Perspektiven zwischen Milo und Mara, die hin und wieder, wenn auch nicht immer konsequent genug, vorkommen. Nicht ganz erschlossen hat sich mir allerdings, warum die Schriftfarbe hin und wieder wechselt. Dabei konnte ich keine Systematik erkennen. Und noch ein „kleiner“ Verbesserungsvorschlag: Ich hätte Kapitel gut gefunden. Gerade wenn man ein Buch vorliest, finde ich es immer hilfreich, wenn das Buch eine Struktur vorgibt, so dass man an den entsprechenden Stellen eine Pause einlegen kann.

Fazit: Mal wieder ein tolles Buch des Carlsen-Verlags! Das Kinderbuch spiegelt inhaltlich treffend die Lebenswelt und die Gefühlsebene von Kindern in Bezug auf Spiel und Freundschaft wider. Dadurch finden sich die jungen Zuhörer:innen in dem Gelesenen gut wieder. Sie können das Gehörte gut auf sich selbst und ihre eigenen Erfahrungen beziehen. Das ist absolut lobenswert! Noch dazu werden Geschlechterklischees ignoriert und durch die Darstellung einer geschlechterübergreifenden Freundschaft wird in diesem Buch auch ein toleranter Umgang miteinander vorgelebt. Das finde ich ebenfalls positiv. Von mir eine klare Leseempfehlung und 5 Sterne.

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Zu abstrakt und mit vielen Stereotypen

Jede*r kann die Welt verändern! - Ich bin Albert Einstein von Christopher Eliopoulos; Brad Meltzer

Mit der Reihe „Jeder kann die Welt verändern“ aus dem Egmont-Verlag tue ich mich erneut schwer. Auch der zweite Band „Ich bin Albert Einstein“, verfasst von Brad Meltzer, illustriert von Christopher Eliopoulos, konnte mich nicht überzeugen. Schon mit dem ersten Band „Ich bin Anne Frank“ hatte ich meine Schwierigkeiten (vgl.

eine frühere Rezension). Vor allem die Altersangabe des Verlags (für Kinder ab 7 Jahren) halte ich für unangemessen. Denn die Macher dieses Buchs beachten erneut einen zentralen Aspekt nicht, der mich schon beim ersten Band massiv gestört hat. Ich zitiere mich selbst: „Didaktische Reduktion muss das Kriterium von Angemessenheit erfüllen. D.h. es muss das Vorwissen der Zuhörer:innen berücksichtigt werden.“ Und in meinen Augen wird dieser Aspekt auch in Band zwei erneut nicht beachtet. Viele Inhalte halte ich für zu abstrakt, die Kinder werden sie also nicht angemessen verstehen. Das habe ich schon beim ersten Band kritisiert. Hier einige Auszüge aus dem Text, die das beispielhaft verdeutlichen: „fasziniert von der Funktionsweise des Kompasses“, „Alles gehorchte unbekannten Gesetzen“, „warum verhielt sich das Universum so, wie es sich verhielt“, „Auch in Musik entdeckte ich feste Strukturen“, „Genau wie der Kompass war es nun das Geometriebuch, das meinem Leben eine bestimmte Richtung verlieh“ etc. Und ich könnte weitere Beispiele anführen.
Was mich noch stört. Das Bild, das von Albert Einstein vermittelt wird, ist schon sehr schematisch und stereotyp. Immer wieder wird verdeutlicht, wie sehr er doch von seiner Umwelt als Träumer abgestempelt wurde und Häme ertragen musste. Für mich wird der erzählte Inhalt hier zu sehr dem Klappentext untergeordnet und simplifiziert, getreu dem Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht“. Man greift selektiv einzelne Episoden aus dem Leben heraus und ordnet sie der Botschaft unter, die mit diesem Buch vermittelt werden soll.
Nicht zuletzt gefällt mir auch die Bebilderung nicht. Warum wird Albert Einstein schon als Kind mit Bart und wilder Frisur dargestellt? Was soll das? Mir hat sich die Funktion dieser Darstellung nicht erschlossen und es verleiht dem Inhalt noch dazu etwas Komödiantisches. Und es zeugt erneut davon, in was für einer stereotypen Form hier von Albert Einstein berichtet wird. Insgesamt finde ich die Zeichnungen zu unrealistisch und künstlich überzeichnet. Das hat mich im ersten Band noch gar nicht so gestört. Aber beim zweiten Band empfand ich die Illustrationen als zu synthetisch.
Ich werde den nächsten Bänden dieser Reihe keine Chance mehr geben. Zwar interessieren sich Kinder durchaus für historische Persönlichkeiten, aber die inhaltliche und gestalterische Aufmachung der Bücher sagt mir und meinen Kindern einfach nicht zu. Hier wird Potential nicht genutzt.

Fazit: Ein Kinderbuch mit vielen zu abstrakten Inhalten. Nach meiner Erfahrung überfordert es die jungen Zuhörer:innen und Leser:innen und ist nicht altersangemessen. Noch dazu werden Stereotype reproduziert. Ich rate von der Lektüre ab und vergebe 1 Stern.

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Wohlfühlbuch

Grimm und Möhrchen - Frühling, Sommer, Herbst und Zesel von Stephanie Schneider

Das Kinderbuch „Grimm und Möhrchen. Frühling, Sommer, Herbst und Zesel“, verfasst von Stephanie Schneider und sehr schön illustriert von Stefanie Scharnberg, hat sich als sehr überzeugende Gute-Nacht-Geschichte zum Vorlesen für meine beiden Töchter (5 und 7 Jahre) herausgestellt. Beide mochten die Geschichte und die Protagonisten in dem Buch sehr, vor allem den kleinen Zesel, eine Mischung aus Zebra und Esel.

Und was auch sehr gelungen ist: Man kann direkt mit diesem zweiten Band starten, es werden keinerlei Vorkenntnisse aus dem ersten Band benötigt. Der Einstieg in die Geschichte gelingt ohne Probleme.
Das Buch ist sehr strukturiert und mit einem klar erkennbaren roten Faden aufgebaut. Kapitel für Kapitel bewegen wir uns vorwärts im Kalenderjahr, von Januar bis Dezember. Und immer wieder werden Alltagssituationen im Leben des Buchhändlers Grimm mit seinem kleinen Zesel beschrieben, die jedes Kind kennen dürfte: z.B. das Verkleiden an Karneval, das Planschen im Planschbecken im Sommer, das Schwimmen im Badesee, das Feiern von Weihnachten usw. Es ist eine völlig heile Welt, die im Kinderbuch vermittelt wird. Beim Lesen kann man sogar die eine oder andere Anregung zur Freizeitgestaltung mitnehmen. Und es ist sympathisch, wie fürsorglich und umsichtig sich Grimm um seinen Zesel kümmert und ihm die Welt erklärt. Kindgerechter Humor ist ebenfalls an vielen Stellen zu finden. Das ist einfach ein Wohlfühlbuch. Der Umgang miteinander ist freundlich und tolerant, das Leben verläuft sorgenfrei und glücklich, Spaß wird großgeschrieben. Es wird nichts problematisiert, so dass der Nachwuchs einfach einmal entspannt den Geschichten lauschen kann. Und solche Bücher sind auch wichtig für den Lesealltag von Kindern. Wer Diskussionsanreize für seine Kinder sucht oder Bücher mit der Darstellung eines realistischen Alltagslebens bevorzugt, der sollte auf andere Bücher zurückgreifen (z.B. „So sind Familien“ Judith Allert und Marie Braner aus dem Carlsen-Verlag).
Abschließend möchte ich noch auf eine Auffälligkeit bei der Sprachgestaltung hinweisen. Die Autorin baut viele kreative Wortneuschöpfungen in die Geschichte ein, häufig in Form von langen Komposita. Sehr gelungen und amüsant („Scheibenwischerwasserwegwischer“, „Wäschewolkenkissen“, „Blaubeerblaulicht“, „Fellverschnupfung“, „Zylinderkopfgedichte“ etc.).
Und zwischendurch stößt man immer mal wieder auf kreative Highlights, bei der die Autorin tolle Ideen generiert hat, so z.B. der Hinweis auf das schwarze und weiße Lesebändchen oder der lustige Wunschzettel an den Weihnachtsmann.

Fazit: Ein Wohlfühl-Kinderbuch mit liebreizenden Charakteren, kindgerechtem Humor und vielen kreativen Ideen. Auch die Bebilderung ist sehr gelungen und lädt zur Betrachtung ein. Toll geeignet zum Vorlesen in den Abendstunden. Vorwissen aus Band 1 wird nicht benötigt. Ich vergebe 5 Sterne und spreche ein klare Empfehlung aus!

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Der Funke wollte beim Lesen nicht überspringen...

Poppy. Dein Kind verschwindet. Und die ganze Welt sieht zu. von Kristine Getz

Mit dem Thriller „Poppy“ von Kristine Getz erhält man einen Einblick in eine ungewöhnliche und irritierende Parallelwelt: In die Welt einer Influencerin. Die Osloer Bloggerin Lotte Wiig postet stets aktuelle Neuigkeiten aus ihrem Privatleben. Dabei steht vor allem ihre zweijährige Tochter Poppy im Fokus, der zahlreiche Follower jeden Tag folgen.

Bis Poppy eines Tages verschwindet und Menschen in ganz Norwegen daran Anteil nehmen.
Das Setting dieses Thrillers ist also durchaus aktuell und zudem gesellschaftspolitisch relevant. Man wird an vielen Stellen zum Nachdenken über die negativen Seiten der sozialen Medien angeregt. Insbesondere die fiktiven Chatverläufe in einem Pädophilen-Forum im Darknet waren beim Lesen verstörend. Und auch die Kommentare der Follower von Lotte Wiig zu dem Vorfall mit ihrer Tochter zeugen davon, dass man als Influencerin nicht vor den Urteilen wildfremder Menschen geschützt ist. Den Entführungsfall in diesen Kontext einzubetten, empfand ich als Stärke des Thrillers. Und auch die Ermittlerin Emer Murphy hat Potential. Die Darstellung ihrer psychischen Erkrankung fand ich reizvoll und interessant. Sie ist ein Charakter, der dem Bild einer positiven Heldin widerspricht. Sie hat mit eigenen seelischen Abgründen und ihrer Krankheit zu kämpfen, während sie ermittelt. Das hat mir sehr gut gefallen, auch wenn die Umsetzung dieser Idee ausgereifter, realistischer und differenzierter hätte sein können.
Allerdings gibt es auch einiges zu bemängeln. In erster Linie hat mir die Erzählweise nicht zugesagt. Ich empfand sie zu sprunghaft und verworren bei der Lektüre. Auch die Ermittlungsarbeit finde ich sehr weitschweifig und ohne viel „Zugkraft“ angelegt. Das Entführungsopfer steht mir zu wenig im Mittelpunkt der Ereignisse. Stattdessen ist die Beschreibung der Familie um Poppy viel zu ausführlich. Die Handlung verliert sich in vielen Details und Nebensächlichkeiten. Die Anzahl der Figuren fand ich fordernd, der Personenkreis hätte nach meinem Empfinden stärker auf einige zentrale Charaktere beschränkt werden sollen. Ich habe bei den vielen Namen hin und wieder den Überblick verloren. Alle diese Faktoren wirken sich negativ auf die Spannung aus. Diese ist kaum vorhanden. Auch das Potential der psychischen Erkrankung der Ermittlerin wird erzählerisch zu wenig genutzt. Da wäre mehr drin gewesen! Nicht zuletzt hat sich die Story in eine Richtung entwickelt, die ich so nicht vorhergesehen habe, und die mir nicht zugesagt hat, aber das kann natürlich bei anderen Leser:innen ganz anders sein. Auch empfand ich einiges als zu konstruiert, z.B. das Verhalten des Vaters Jens.

Fazit: Das Setting des Thrillers ist vielversprechend, die Kritik an den sozialen Medien kommt gut zum Ausdruck. Auch die Gestaltung der Ermittlerin hat Potential, auch wenn es in meinen Augen nicht ausgeschöpft wird. Leider ist der Funke beim Lesen aber nicht auf mich übergesprungen, ich fand die Erzählweise zu sprunghaft und zu verworren. Der Fokus lag mir zu wenig auf dem entführten Kind. Eine Sogwirkung wollte leider gar nicht aufkommen. Von mir keine Leseempfehlung und zwei Sterne.

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Temporeich, pointiert, packend

Fake - Wer soll dir jetzt noch glauben? von Arno Strobel

Haben Sie schon ein Buch von Arno Strobel gelesen? Nein? Dann sollten Sie das schnell nachholen. Am besten fangen Sie mit „Fake“ an. Schon lange konnte mich ein Buch nicht mehr so fesseln, schon lange bin ich nicht mehr so schnell durch ein Buch gerast wie durch dieses. Doch wie schafft der Autor es, eine so ungeheure Spannung zu erzeugen?
Nach meinem Dafürhalten liegt es an einem sehr pointierten Stil.

Strobel hält sich nicht lange mit Einzelheiten und Nebensächlichkeiten auf, er hastet von einem Ereignis zum nächsten. Es passiert ständig etwas, die Handlung ist äußerst temporeich, dem Leser/ der Leserin wird bei der Lektüre keine Pause gegönnt, ständig geht es weiter, Schlag auf Schlag, von einem Gespräch ins nächste. Das Leben von Patrick wird völlig auf den Kopf gestellt. Ständig neue Erkenntnisse bei den Ermittlungen. Ständig neue Vorkommnisse. Ständig neuer Input. Das ist genial gemacht! Ich würde diesen Stil wie folgt beschreiben: Schnell getaktete Ereignishaftigkeit.
Da kann man auch verschmerzen, dass Strobel sich nicht lange mit ausführlichen Charakterisierungen der Figuren aufhält. Die braucht es aber auch gar nicht. Der Thriller lebt von der erzeugten Spannung, von Handlungsreichtum und der genannten Ereignishaftigkeit. Das reicht völlig!
Und der Autor löst sich auch von den klassischen abwechselnden Perspektivwechseln, wie man sie aus anderen Thrillern kennt. Die Handlung wird geradlinig erzählt, ohne längere Einschübe und ohne dass man sich als Leser fragen muss, wie unterschiedliche Blickwinkel womöglich zusammenhängen. Doch trotzdem wird auf eine geniale Idee zurückgegriffen: Der Beschuldigte selbst schreibt seinen eigenen Psychothriller, und zwar während er in Untersuchungshaft sitzt und seinen Aufenthalt dort reflektiert. Und warum ist das genial? Weil man als Leser:in dadurch nicht weiß, ob der Erzähler, Patrick, tatsächlich die Wahrheit berichtet oder ob er nur Schutzbehauptungen aufstellt. Gleichzeitig ist diese Idee raffiniert, weil durch kluge Vorausdeutungen des Beschuldigten die Spannung weiter angeheizt und die Neugier des Lesers/ der Leserin weiter befeuert wird. Dennoch habe ich mir eine Frage gestellt: Warum berichtet Patrick eigentlich nicht in der Ich-Perspektive, wenn er über sich selbst schreibt? Das hätte für mich irgendwie besser gepasst.
Was beim Lesen bei mir ebenfalls Emotionen ausgelöst hat, war der Umstand, dass man sich über Patricks naives Verhalten oft wundert. Er ist unvorsichtig, zieht wenig in Zweifel. Er lässt sich an der Nase herumführen und tappt in die Fallen, die ihm gestellt werden. Oder ist er etwa derjenige, der die anderen an der Nase herumführt? Was ist real, was ist fiktiv? Einfach toll gemacht, dieses Spiel mit der Wirklichkeit. Hier erzielt das Mittel des unzuverlässigen Erzählers, das ich sehr mag, eine wunderbare Wirkung. Auch die Frage, wie lange seine Frau noch zu ihm hält, trieb mich beim Lesen um. Ebenfalls gelungen!
In der Mitte des Romans gibt es eine interessante Wendung in Form eines Telefonanrufs, das hat die Spannungskurve in meinen Augen noch einmal forciert. Und ab Kapitel 26 gibt es eine gut gemacht Zäsur im Hinblick auf den gewählten Blickwinkel, aus dem die Ereignisse geschildert werden. Das sorgt noch einmal für Abwechslung. Die Auflösung am Ende ist in sich schlüssig, auch wenn sie sich nach meinem Dafürhalten nicht so rund und eingängig wie der Rest des Buchs liest. Lobenswert ist auch das Nachwort, das interessante Hintergrundinformationen zum Fall enthält. Das ist eine gute Nachbereitung zum Gelesenen. Toll!

Fazit: Ein Thriller, der packt und mitreißt, und zwar von der ersten bis zur letzten Seite. Ich habe es an einem Tag durchgelesen, so sehr war ich gefesselt. Wenn ein Buch eine solche Wirkung hinterlässt, dann ist es eines von seltenen Highlights, das kann nur 5 Sterne bedeuten. Absolute Leseempfehlung für alle Thriller-Fans!

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Intellektuelle Dechiffrierarbeit

Auf See von Theresia Enzensberger

Wer gerne einen experimentellen und ungewöhnlichen Roman lesen möchte, der ist bei „Auf See“ von Theresia Enzensberger genau richtig. Die besondere Leistung der Autorin besteht in meinen Augen darin, dass sie auf eine Montagetechnik zurückgreift, die ich in der Form so noch nicht gelesen habe.

In erzähltechnischer Hinsicht finde ich dieses literarische Experiment gelungen und innovativ.
In die Haupthandlung, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten will, zumal der Klappentext alles Wichtige dazu verrät, werden sogenannte „Archiv-Kapitel“ integriert, die assoziativ und leitmotivisch miteinander verbunden sind. So entsteht eine Art Collage. Über die Frage, ob es sich aber tatsächlich um eine Montage handelt und ob die von Enzensberger gewählte Form von der klassischen Montage-Technik im Stile eines Alfred Döblin abweicht, darüber sollen sich die Literaturwissenschaftler streiten. Das soll im Rahmen dieser Rezension nicht weiter vertieft werden. Nach meiner Ansicht lehnt sich die Autorin hier an die Leitmotivmontage und assoziative Montage an, wie man sie aus Filmen kennt.
Der inhaltliche Zusammenhang zwischen den Archiv-Kapiteln und zwischen der Haupthandlung und diesen Kapiteln muss dann in einer Art intellektueller Dechiffrierarbeit vom Leser/von der Leserin erschlossen werden. So finden wir z.B. einen Text zu Hintergründen über Gregor MagGregor, einem Hochstapler aus dem 19. Jh. In einem weiteren Archiv-Kapitel erfahren wir etwas über die Insel Ascension, auf der im 19. Jh. durch Charles Darwin und Joseph Hooker eine Art Terraforming-Projekt durchgeführt wurde. Auch lernen wir in einer kurzen Skizze Leicester Hemingway kennen, den Bruder von Ernest Hemingway. In einem weiteren Archiv-Kapitel wird uns die Republik Nauru mitsamt ihrer Kolonialgeschichte nähergebracht. Die Scientology-Sekte wird ebenfalls in den Blick genommen. Die Entstehung des Neoliberalismus wird dargestellt. Und nicht zuletzt geht es um die Geschichte der Piratenkommune Libertatia. Letztlich kann man viele Parallelen zum Leben auf der Seestatt und zu Yadas Vater ziehen. Allerdings muss man sich auf diese Art von Lektüre einlassen wollen. Es ist schon durchaus herausfordernd, den einzelnen Textkomponenten einen Sinn zu entnehmen, ihnen einen Zusammenhang zu verleihen und sie mit der Haupthandlung in Beziehung zu setzen. Es ist also kein Buch, das man mal eben so schnell herunterliest. Ich empfand die Lektüre eher als eine intellektuelle Anregung, man lernt einiges dazu. Aber ich musste schon in Stimmung dazu sein.
Auch wenn ich die Erzähltechnik anspruchsvoll, innovativ und absolut anerkennenswert finde, sie ist die große Stärke des Buchs, so kann ich diesem Werk keine 5 Sterne geben. Dafür war die Darstellung der Haupthandlung einfach zu schwach, mit Ausnahme der Zäsur in der Mitte des Buchs. Sie hatte für mich zu wenig Triebkraft, ich hatte zu wenig offene Fragen im Kopf, vieles fand ich auch zu nebulös und vage dargestellt. Den Schreibstil empfand ich als zu nüchtern und zu pragmatisch-sachlich. Die Figurenzeichnung von Yada, von ihrem Vater und von Helena war mir zu hölzern, zu distanziert, zu wenig greifbar. Auch den Blickwinkel von Helena habe ich über lange Zeit als zu sperrig und zu wenig kontextualisiert wahrgenommen. Die Perspektive von Yada fand ich viel lesbarer. Die Darstellung der Beziehungsverhältnisse zwischen den Figuren hat mich nicht berührt. Mir fehlte auch eine weitere Vertiefung der Vater-Tochter-Beziehung. Das Lesen löste grundsätzlich zu wenige Emotionen bei mir aus. Auch die vielen Perspektivwechsel am Ende des Buchs fand ich unpassend. Mir fehlten genauere Beschreibungen der Handlungsorte, es kommt keine Atmosphäre auf. Weder die Seestatt noch das Festland werden sonderlich detailliert dargestellt. Bei mir wollte bei der Lektüre der Funke einfach nicht so recht überspringen, das mag anderen Leser:innen anders gehen. Für mich geht der Einsatz der Montageetechnik zu sehr auf Kosten der Haupthandlung.

Fazit: Dieses Buch ist für solche Leser:innen geeignet, die intellektuell gefordert werden wollen und nicht vor Dechiffrierarbeit zurückschrecken. Die Erzähltechnik der Montage wird gekonnt eingesetzt, sie ist die große Stärke des Buchs. Aber sie ist auch herausfordernd. Leider konnte mich die Haupthandlung nicht überzeugen. Deshalb nur 4 Sterne, nur knapp an den 3 Sternen vorbei.

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Die Tragweite einer falschen Entscheidung

Der Geruch von Wut von Gabriele Clima

Was passiert, wenn man in seinem Leben eine verhängnisvolle Entscheidung trifft und den falschen Weg einschlägt? Genau um diese Frage geht es in dem Jugendbuch „Der Geruch von Wut“ aus der Feder von Gabriele Clima.
Alex hat einen tragischen Schicksalsschlag erlitten, sein Vater ist bei einem Autounfall verstorben.

Und es entwickelt sich ein ungeheuerlicher Zorn in ihm. Er will sich an dem Fahrer rächen, dem er die Schuld für den Unfall gibt. Er durchstreift die Stadtviertel, immer auf der Suche nach seinem Feind. Blind und rasend vor Wut trifft er dann eine verhängnisvolle Entscheidung, er schließt sich den „black boys“ an und gerät damit auf die schiefe Bahn, mitten hinein in eine Spirale der Gewalt. Und es stellt sich die alles entscheidende Frage: Wie wird sich Alex entwickeln? Wird er seinen inneren Kompass verlieren? Oder findet er doch einen Weg hinaus?
Dem Autor gelingt es gut, den Kontrast zwischen der Liebe und Fürsorge der Mutter auf der einen Seite und der Härte der „black boys“ auf der anderen Seite zum Ausdruck zu bringen. Alex befindet sich in einem Zwischenraum, hin- und hergerissen zwischen seiner Mutter und der Jugendgang. Die Mutter ist der Anker im Leben von Alex. Beide vermissen schmerzlich den Vater bzw. Ehemann. Doch trotz dieser Verbundenheit im Schmerz erzählt Alex seiner Mutter noch lange nicht alles, was er so treibt. Doch seine Mutter fühlt intuitiv, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. Sie redet ihm ins Gewissen. Und sie will wissen, was los ist. Und beim Lesen wird die Handlung vor allem dadurch gut vorangetrieben, dass man sich fragt, was aus Alex wird. Welchen Weg wird er einschlagen? Wird er die richtigen Entscheidungen treffen? Wird er sich seiner Mutter anvertrauen?
Der Schreibstil ist einfach und klar, so wie auch die schwarz-weiß-Sicht von Alex einfach und klar ist. Und am Ende des Romans gibt es eine überraschende erzählerische Wendung, über die ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten will. Der Inhalt noch einmal in ein anderes Licht gerückt. Das ist sehr gut gemacht!

Fazit: Ein gutes Jugendbuch mit einer überzeugenden Figurenzeichnung, das zum Nachdenken anregt und aufzeigt, wie schnell man auf die schiefe Bahn geraten kann. Man verfolgt die Entwicklung von Alex gebannt und hofft während des Lesens darauf, dass sich alles zum Guten wendet. Da ich nichts an dem Buch auszusetzen habe und den aufrüttelnden Inhalt gelungen umgesetzt finde, vergebe ich 5 Sterne und spreche eine Empfehlung aus!

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Ein "bodenständiger" Thriller mit Schwächen bei der Auflösung am Ende

Das Letzte, was du hörst von Andreas Winkelmann

Der Thriller „Das Letzte, was du hörst“ von Andreas Winkelmann verfügt über alle nötigen Zutaten, die ein guter Thriller braucht: gut ausgearbeitete Figuren wie eine toughe Kommissarin und einen kauzigen Gerichtsmediziner sowie interessant gestaltete Täter und Opfercharaktere. Hinzu kommt ein verzwickter Fall, bei dem der Spannungsbogen ebenfalls gut ausgeprägt ist.

Bis zum Ende bleibt vieles offen, so dass ein gutes Maß an Spannung erzeugt wird.
Man fragt sich die ganze Zeit, ob man es bei dem Mord wirklich mit einer klassischen Beziehungstat zu tun hat oder ob nicht doch mehr dahinter steckt. Wie bei Thrillern üblich, gilt es im Verlauf der Handlung, einige Zusammenhänge aufzudecken, das treibt die Handlung zwar gut voran. Allerdings muss man sich schon sehr in Geduld üben, bis klar wird, wie die verschiedenen Handlungsstränge zusammenhängen. Hier hätte ich mir schon gewünscht, als Leser nicht ganz so lange auf die Folter gespannt zu werden.
Was mir nur aufgefallen ist: Der Thriller ist längst nicht so künstlerisch durchkomponiert wie z.B. die Thriller „Kaltherz“ von Henri Faber oder „Das Loft“ von Linus Geschke (vgl. frühere Rezensionen). Das muss jetzt aber nicht schlecht sein, das will ich damit nicht sagen. Es ist einfach nur auffällig. Auf mich wirkte dieses Werk einfach weniger durchkonstruiert, und dadurch irgendwie „natürlicher“ und „bodenständiger“. Die Perspektivwechsel ereigneten sich nach meinem Gefühl eher beliebig und zufällig, sie waren nicht auf den Punkt exakt „getimt“, nicht so systematisch. Auch die sprachliche Gestaltung kommt unauffälliger und weniger ausgefeilt daher, dadurch wirkt sie „gewöhnlicher“ und „authentischer“. Aber wie gesagt, das ist nichts, wodurch das Buch an Qualität einbüßt, denn die Spannung stimmt trotzdem. Der Schreibstil ist dynamisch und flott. Das Tempo ist hoch. Während des Lesens habe ich keine Längen verspürt.
Was mir auch gut gefallen hat: Die Täterperspektive kommt nicht zu blutrünstig daher. So etwas mag ich persönlich nicht. Deshalb war ich bei der Lektüre froh, dass ausführliche Details der Morde nicht zu sehr in den Fokus rückten.
Dennoch kann ich nicht die vollen fünf Sterne für diesen Thriller vergeben, denn die Auflösung am Ende war für mich nicht überzeugend. Nach meinem Empfinden sind nicht alle Zusammenhänge plausibel aufgelöst worden. Ich fand das Ende auch nicht so überraschend wie erhofft und es war mir auch zu konstruiert. Plötzlich greift eine Figur in die Handlung ein, die vorher keine große Rolle gespielt hat. Das hat mir nicht gut gefallen. Das Motiv des Mörders fand ich nicht plausibel dargelegt. Auch fehlten mir die überraschenden Wendungen im Stil eines Henri Faber.
Und noch ein Wunsch fürs nächste Mal: Aus anderen Thrillern kenne ich es, dass Kapitel oft den Namen der Protagonisten als Überschrift nutzen, um die Orientierung für den Leser/die Leserin zu erleichtern. Das hätte ich auch hier hilfreich gefunden. Denn zu Beginn eines neuen Kapitels musste ich mich oft kurz orientieren, welcher Perspektive ich nun folge.

Fazit: Ein Thriller, der ohne größere erzählerische „Tricks“ daherkommt, ein bodenständiger Thriller, handwerklich gut gemacht, mit einem guten Spannungsbogen, hohem Tempo, guter Dynamik und einer ansprechenden Figurenzeichnung. Wäre die Auflösung am Ende überzeugender gewesen, hätte ich volle fünf Sterne vergeben. So bleibt es bei vier Sternen. Empfehlenswert ist der Thriller auf jeden Fall, man wird gut unterhalten, es kommt keine Langeweile auf.

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