Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Vom zügellosen Leben in Seoul
Love in the Big City von Sang Young Park
Im Roman „Love in the big city“ von Sang Young Park verfolgen wir den Protagonisten Young auf einigen Stationen seines Lebenswegs in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul und lernen dabei seinen Lebensstil kennen, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er frei ist von Verantwortung gegenüber anderen.
Young lebt sein Leben ungehemmt, Spaß, (teils ungeschützter) Sex und Alkohol stehen für ihn im Vordergrund, er gibt sich der Leichtigkeit eines zügellosen Lebens hin. Jede Nacht zieht er durch Bars und Clubs. Dann trifft er auf seine große Liebe.
Der Roman teilt sich in vier Abschnitte. Anfangs führt Young sein Partyleben nicht allein, wir lernen seine beste Freundin und Mitbewohnerin Jaehee kennen, die sich aber irgendwann für die Heirat und eine solide Lebensführung entscheidet. Im zweiten Abschnitt wird Youngs Beziehung zu seiner sehr gläubigen Mutter vertieft, die an Krebs leidet und um die er sich (teils wenig empathisch) kümmert. Sie lehnt ihn aufgrund seiner sexuellen Orientierung ab, die sie sogar als Krankheit empfindet. Auch lernen wir einen Partner Youngs genauer kennen, der seine eigene Homosexualität verleugnet. Im dritten und vierten Teil des Romans lernen wir dann die große Liebe von Young kennen: Gyu-ho.
Was diesen Roman im Wesentlichen auszeichnet, ist ein facettenreiches Porträt des Jungseins des homosexuellen Studenten Young von Anfang 20 bis Ende 30 in Seoul zu zeichnen, der immer wieder neue Beziehungen zu Mitmenschen eingeht, zu denen die Verbindung dann aber auch abrupt und hart wieder abreißt. Teilweise verlaufen die Kontakte auch nur absolut oberflächlich. Young wirkt auf mich unheimlich einsam, weil er sich bei aller Lässigkeit und Leichtigkeit, die ihn auszeichnet, auf niemanden dauerhaft einlässt. Inwieweit dieses Beispiel aber stellvertretend für das Lebensgefühl einer ganzen Generation in Südkorea stehen kann, wie es der Klappentext verspricht, vermag ich nicht einzuschätzen. Ich halte es aber für etwas hochgegriffen, hier von einem „Psychogramm eines faszinierenden Landes“ zu sprechen, wie es dem Leser/der Leserin reißerisch auf dem Buchrücken verkauft wird, zumal ein solches Lebensgefühl, wie es in diesem Buch beschrieben wird, auch vielen jungen Menschen in Deutschland oder in anderen Teilen auf der Welt nicht unbekannt sein dürfte. Schon gar nicht erkenne ich in dem Gelesenen „eine Heldengeschichte von gewaltiger Zärtlichkeit“, wie der Verlag es verspricht. Für mich ist es eher das Gegenteil, denn der Protagonist Young schafft es ja nicht einmal sich selbst vor dem Gefühl von Einsamkeit zu retten. Und auch wenn Young für seine Liebhaber viele Emotionen hegt, erhält er davon doch nur wenig zurück.
Für mich war der Roman zwar interessant, aber auch kein Highlight. Die Handlung „plätschert“ so vor sich hin. Ich empfand die Schilderung des Partylebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen von Young weder als sonderlich ereignis- und abwechslungsreich noch als spannend oder tiefsinnig. Besondere kulturelle Einblicke in das Land habe ich auch nicht erhalten. Es gab auch keine Textstelle, die ich jetzt als typisch „südkoreanisch“ einschätzen würde. Da hatte ich mir deutlich mehr erhofft. Dieses Buch kann man also lesen, man muss es aber auch nicht unbedingt.
Fazit: Ein Roman, in dem am Beispiel von Young ein interessantes Lebensgefühl von Jungsein zum Ausdruck gebracht wird, der aber auch mit eindeutig zu vielen Superlativen vom Verlag beworben wird.
Thriller mit überzeugender erzählerischer Gestaltung (4,5 von 5 Sternen)
Das Loft von Linus Geschke
Der Thriller „Das Loft“ von Linus Geschke hat mir bis auf ein paar Kleinigkeiten sehr gut gefallen. Der Autor erschafft nicht nur Charaktere mit Tiefe, sondern auch ein facettenreiches Spannungsgefüge, was die Beziehungsverhältnisse betrifft. Sarah Hauptmann und Marc Lammert als Liebespaar sowie Marc und Henning Järisch als Mitbewohner sind als interessante Kontrastfiguren angelegt.
Sarah, aus der kleinbürgerlichen Provinz stammend, behütet aufgewachsen, hinterfragt wenig und kommt egoistisch daher. Es wird deutlich, dass Marc sie aus ihrem elterlichen „Gefängnis“ befreit hat. Sie nimmt sich angesichts des schweren Vorwurfs „Mord“ keinen Anwalt zur Hilfe. Anders hingegen Marc, der sich einen Anwalt leistet, als Jurastudent einiges an Vorwissen im Strafrecht mitbringt, in Hamburg groß geworden ist und der dominantere Part in der Beziehung zu sein scheint. Marc und Henning hingegen zeichnen sich vor allem durch Verhaltensunterschiede aus und dadurch, dass Marc der erfolgreichere von beiden ist. Auch das Ermittlerteam, das den Mord an Henning untersucht, ist gut ausgearbeitet. Wir haben Bianca Rakow, Workaholic und erfolgsorientiert, auf der einen Seite und Peter Höger, Familienmensch und bei der Beförderung übergangen, auf der anderen Seite. Beide nähern sich im Laufe des Buchs einander an.
Besonders überzeugt hat mich die erzählerische Gestaltung des Thrillers. Mal wird aus Marcs Sicht in der Ich-Perspektive erzählt, mal aus Sarahs Sicht. Zwischen den sich abwechselnden Sichtweisen der Verdächtigen werden stets auch Kapitel zur Polizeiarbeit eingestreut. So entsteht ein spannendes Hin und Her und als Leser folgt man mal an dem einen Blickwinkel, mal an dem anderen. Das Puzzle setzt sich nach und nach zusammen und teilweise rätselt man, wer nun die Wahrheit sagt, Marc oder Sarah. Das hat der Autor schon geschickt arrangiert. Gleichzeitig ist äußerst interessant zu lesen, wie unterschiedlich beide Figuren sich in den Vernehmungen verhalten. Mich hat auch der Einblick in die Vernehmungspraxis von Bianca und Peter begeistern können, die versuchen, die Loyalität zwischen Marc und Sarah aufzubrechen und einen Keil zwischen sie zu treiben, sie zu verunsichern. Die Ermittler wenden geschickt Gesprächsstrategien an, um den Druck immer weiter zu erhöhen. In der anschließenden Innensicht zeigt sich dann wieder, welche Wirkung die Vernehmung auf die beiden Verdächtigen hat und wie beide dann wieder taktieren. Ein Kompliment an den Autor für diese erzählerische Gestaltung!
Auch die psychische Entwicklung der Figuren lässt Linus Geschke nicht außer Acht. Wir sehen, wie sich der Zustand beider Figuren im Laufe der Vernehmung verschlechtert. Der psychische Druck auf beide nimmt immer mehr zu, auch weil der eine nicht weiß, was der andere erzählt. Beide versuchen ein Geheimnis aus der Vergangenheit zu bewahren, das sie verfolgt. Wer mehr herausfinden möchte, lese diesen lesenswerten Thriller.
Auch die übrigen Komponenten eines gelungen Thrillers findet man bei „Das Loft“. Wir haben ein spannendes Finale (ab S. 299), bei dem man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Und es gibt eine Überraschung am Ende, die es in sich hat und die schlüssig ist. Das einzige, was mir zu den fünf Sternen fehlt, ist der Umstand, dass die Spannungsintensität noch höher hätte ausfallen können. Der Thriller bewegt sich für mich auf einem sehr guten, aber nicht auf einem herausragenden Niveau. Und auch ein paar mehr überraschende Wendungen hätten es noch sein dürfen. Sonst habe ich aber absolut nichts auszusetzen.
Fazit: Ein Thriller, der durch seine erzählerische Gestaltung besticht, durch die Charakterzeichnung und die Ausgestaltung der Beziehungsverhältnisse zwischen den Figuren, das Spannungsniveau aber ist „nur“ sehr gut, nicht herausragend, knapp an den fünf Sternen vorbei! Klare Leseempfehlung!
Mehr ein Liebesroman als ein historischer Roman
Das verschlossene Zimmer von Rachel Givney
Es passiert mir äußerst selten, dass ich von einem Buch stark überrascht werde, wenn mir zuvor der Klappentext und die Leseprobe zugesagt haben. Bei „Das verschlossene Zimmer“ von Rachel Givney war es jedoch leider genau so, was vor allem daran lag, dass der Klappentext nur wenig verrät und man nach Lektüre der Leseprobe nicht weiß, in welche Richtung sich das Werk weiter entwickelt.
Ich bin mit einer gänzlich anderen Erwartungshaltung an das Buch herangegangen. Ich hatte mit etwas Medizinhistorischem gerechnet, und das vor dem Hintergrund der im Jahr 1939 beginnenden Kriegsereignisse. Stattdessen las ich über weite Strecken eine Liebesgeschichte, und das auch noch auf zwei Zeitebenen. Während 1939 Marie und Ben zueinander finden und die intelligent-naive (ja, das geht…) Marie für ihre Liebe zu Ben sogar zum Judentum konvertiert, finden zwischen 1918 und 1922 die armutsgefährdete, fleißig-umsichtige Helena und der Kriegsrückkehrer Dominik zueinander. Diese beiden Liebesgeschichten stehen im Zentrum des Buchs. Und der Schreibstil der Autorin ist durchaus gelungen, das Buch liest sich flüssig und Rachel Givney versteht es gut, beim Leser Neugier und Spannung zu wecken, man will stets wissen, wie es weitergeht, was an den vielen offenen Fragen liegt, die man als Leser mit sich herumträgt und die man beantwortet wissen will. Auch versteht es die Autorin, in unregelmäßigen Abständen mal erzähltechnische „Kniffe“ wie Vorausdeutungen oder Rückblenden als „Cliffhanger“ am Ende eines Kapitels einzustreuen, um Offenheit zu erzeugen und so zum Weiterlesen zu animieren. Ihr erzählerisches Handwerk versteht die Autorin also auf jeden Fall, daran gibt es nichts auszusetzen. Und wer sich mit Liebesgeschichten thematisch anfreunden kann, dem kann ich das Buch auch durchaus empfehlen. Ich glaube, wem z.B.“ Kinderklinik Weißensee“ von Antonia Blum gefallen hat, der wird auch an diesem Buch Freude haben. Aber für solche Freunde und Freundinnen historischer Romane, die gerne faktenreich in die Zeitgeschichte eintauchen möchten, ist dieses Buch nach meinem Dafürhalten eher nichts. Der historische Hintergrund spielt nämlich nur marginal eine Rolle. Anders als in anderen historischen Romanen (wie z.B. bei Ulf Schiewe) werden auch keine realen Persönlichkeiten in die Handlung einbezogen, mit denen die Figuren interagieren. Nein, um die Liebesgeschichten herum gruppieren sich stattdessen folgende Themen, die immer mal wieder gestreift werden: So geht es um die Konkurrenz zweier Ärzte, die um das Amt des Chefarztes miteinander konkurrieren. Einer von diesen beiden Ärzten, Wolanski, wird dabei ganz klar als Antisemit charakterisiert. Weiterhin geht es um Familiengeheimnisse. Marie will das Rätsel um ihre Mutter lösen, sie weiß nicht, wo diese abgeblieben und was aus ihr geworden ist. Und Maries Vater will ein Geheimnis bewahren und scheint etwas verbergen zu wollen. Ein weiteres Thema, das am Rande erwähnt wird, ist das des schwierigen sozialen Aufstiegs von Frauen im Arztberuf in Polen, und überhaupt die schwierige Rolle der Frau zur damaligen Zeit, v.a. was die Abhängigkeit vom Mann betrifft. Punktuell wird auch immer wieder der Antisemitismus in Krakau und in Lemberg vertieft. Und von dem, was sich zuträgt, ist man als Leser auch durchaus geschockt. Oft genug habe ich mit dem Kopf geschüttelt, es fällt schwer aus heutiger Sicht die Denk- und Verhaltensweisen von früher rational ergründen zu wollen. Es hätte aber an vielen Stellen nach meinem Geschmack ruhig noch mehr in die Tiefe gehen können, so wie es der Autorin beispielsweise gelungen ist, als sie das Lemberger Pogrom (1918) im Polnisch-Ukrainischen Krieg darstellt. Auch hätte ich es spannend gefunden, wenn Marie ihrem Vater häufiger bei der Ausübung ihres Arztberufes assistiert hätte (wie z.B. in Kap. 28). Ich empfand die Distanz zwischen Vater und Tochter doch als sehr groß, sie haben eindeutig ein Problem mit der offenen Kommunikation, was vielleicht ja auch zur damaligen Zeit passt.
Kleinere Abzüge gibt es auch für andere Dinge, über die ich beim Lesen gestolpert bin: Immer mal wieder gab es unrealistische Passagen (z.B. das Abschneiden von Marie bei der Aufnahmeprüfung, der zu perfekte Vater, die Schilderung eines Geburtsvorgangs und weitere Kleinigkeiten, die ich hier unerwähnt lasse, weil sie zu viel verraten würden). Die Auflösung am Ende hat mich überhaupt nicht überzeugen können. Auch fand ich einige wenige Figuren etwas überzeichnet, allem voran den Arzt Wolanski, teilweise auch den jungen Kollegen Johnny. Nicht zuletzt gab es auch Erzählstränge, die entweder nicht sinnvoll abgeschlossen wurden oder bei denen man sich fragte, ob sie wirklich nötig gewesen wären. So fand ich z.B. den Erzählstrang um Ruth Landau und ihren Sohn Daniel überflüssig. Und auch die Konkurrenz zwischen den beiden Ärzten findet nicht wirklich einen würdigen Abschluss, auch Johnny hätte es als Figur nicht unbedingt gebraucht. Es wäre also durchaus Potential vorhanden gewesen, die Handlung zu straffen. Nicht zuletzt hätte ich mir natürlich gewünscht, dass weniger Liebesgeschichten im Mittelpunkt gestanden hätten als vielmehr etwas Medizinhistorisches, für mich nehmen die Liebesgeschichten einfach zu viel Raum ein, dafür kam das Historische zu kurz.
Fazit: Ein Buch, das für mich mehr Liebesroman als historischer Roman ist, und das zudem einige Stolperstellen beim Lesen bereithält. Erzähltechnisch ist das Werk aber durchaus gelungen.
"Da brat mir einer einen Storch"
Madame Kunterbunt, Band 1 - Madame Kunterbunt und das Geheimnis der Mutmagie von Thilo
Schon der Einstieg ins Buch „Madame Kunterbunt und das Geheimnis der Mutmagie“ von Thilo ist gut gelungen, wird doch direkt eine schauerliche Atmosphäre in der letzten Feriennacht vor Beginn der Schule deutlich. Es ist kurz vor Mitternacht, stürmisch, ein Fensterflügel springt auf, es tobt ein Gewitter.
Das erzeugt sofort Spannung bei den jungen ZuhörerInnen und LeserInnen und sichert Aufmerksamkeit, vor allem als dann auch noch jemand um die benachbarte Villa herumschleicht und einen Regenbogen entstehen lässt. Am nächsten Tag lernen Nick und Nicky, Cousin und Cousine, dann ihre neue Lehrerin, Frau Kunterbunt kennen und erleben einiges an Magie in der Schule. Gut finde ich, dass durch das Thema direkt ein Lebensweltbezug vor allem für Schulkinder hergestellt wird. Und schnell wird klar, dass Madame Kunterbunt nicht als reine Wissensvermittlerin auftritt, sondern sich viel durch die Kinder erklären lässt, sie stärkt sie so in ihrer Selbstwirksamkeit, so dass die Kinder über sich hinauswachsen. Das ist eine schöne Botschaft. Madame Kunterbunt selbst wirkte auf mich wie eine Art erwachsene Pippi Langstrumpf, etwas abgedreht und chaotisch, aber jederzeit liebenswert. Mit den Kindern setzt sie projektartigen Unterricht um: Gemeinsam wird ein Blumen- und Beerenbeet angelegt, der Schulhof wird neu gestaltet. Und darüber hinaus hat sie noch zwei streitlustige Chamäleons dabei, Cilly und Rosso, die mit ihren Schimmerschuppen Wünsche erfüllen können und in Form einer putzigen Sprache kommunizieren. Mit den eigenen Kindern kann man also gut über das Thema „Wunschschule“, aber auch über das Thema „Streitschlichtung“ sprechen. Es gibt nämlich eine schöne Stelle, wo die SchülerInnen ihrer Lehrerin erklären, wie man sich gegenüber von zwei streitenden Parteien zu verhalten hat. Eine weitere schöne Leerstelle hat sich der Autor überlegt, indem er das Gespräch zwischen dem pedantischen Rektor Berthold Plümpe, der anfangs als Spaßverderber auftritt, und Madame Kunterbunt, unerwähnt lässt. Was mögen die beiden wohl miteinander besprochen haben? Auch darüber kann man gut mit dem eigenen Nachwuchs grübeln.
Das Buch bietet aber noch mehr als nur pädagogische Botschaften. Im letzten Drittel wird es auch spannend, als es zu einem Wasserschaden kommt und eines der Chamäleons spurlos verschwindet.
Weitere Ideen, die mir sehr gut gefallen haben: Die Sprache „Konsonantisch“, die zum Nachmachen einlädt und den jungen ZuhörerInnen und LeserInnen die Funktion von Vokalen im Wort verdeutlicht, die Erwähnung einer gendergerechten Sprache auf amüsante Art und Weise („Liebe Kinder und Kinderinnen“) sowie den freundlichen Bäcker Herrn Schrot, der Nick und Nicky gerne aufzieht.
Bei allem Positiven möchte ich aber auch noch einige wenige Kritikpunkte anbringen: 1. Meine Kinder und ich hätten es schön gefunden, wenn noch mehr zur Wirkweise des Zauberns erwähnt worden wäre und wenn sogar noch mehr gezaubert worden wäre, 2. Die scherzhaft gemeinte Vermutung von Nick, dass Madame Kunterbunt sich womöglich nur das Vertrauen der Kinder erschleichen will, um ihnen das Gehirn auszusaugen (wird insgesamt drei Mal erwähnt), hätte ausgelassen werden können. Deswegen nur 4 Sterne, aber trotzdem eine Leseempfehlung!
Fazit: Ein Kinderbuch, das viele Ideen aufweist, auch um mit dem eigenen Nachwuchs Dinge kreativ weiter zu besprechen, das liebenswerte Figuren und Tiere enthält, das in meinen Augen aber auch eine „kleine“ Stolperstelle aufweist.
Oberflächlich, wenig ernsthaft und teilweise geschmacklos und grenzüberschreitend
Ende in Sicht von Ronja von Rönne
Ich habe noch nie nur einen einzigen Stern für ein Buch gegeben, und ich musste den Inhalt des Buchs erst einmal verarbeiten, bevor mir klar geworden ist, wie misslungen es ist. Doch warum? Bei ihrem neuen Buch „Ende in Sicht“ hat sich Ronja von Rönne nach meinem Empfinden leider (!) „vergaloppiert“.
Und ich wäre so gern in einen Begeisterungssturm verfallen, denn das Thema ihres Buchs ist wichtig: Es geht um den Wunsch zu sterben. Zugegeben, von Rönne sucht sich ein schweres Thema aus, eines, an das sich andere gar nicht erst herantrauen würden. Aber sie schafft es leider nicht, die dahinterliegende Krankheit, die Depression, angemessen zu thematisieren. Stattdessen: Oberflächliches und wenig Ernsthaftes. Und das, obwohl die Autorin selbst Betroffene ist und in Interviews auch offen darüber spricht, ihr Buch ja sogar damit bewirbt. Und das, obwohl die Volkskrankheit „Depression“ mehr Tiefgründigkeit verdient, als ihr hier zuteil wird. Bei beiden Figuren, Hella und Juli, habe ich mich nach den Beweggründen für den Todeswunsch gefragt. Doch diese kommen nicht plausibel zum Ausdruck, vor allem bei Hella nicht. Ich habe mich immer wieder gefragt, was in beiden Figuren vor sich geht. Doch von Rönne – warum auch immer – meidet oft die Innenperspektive, scheinbar hat die Autorin hier selbst Berührungsängste. Krisenhafte Gedanken kommen nur selten und oberflächlich zum Ausdruck. Stattdessen kommt Hella – was mich irritiert hat – viel Lebensfreude zum Ausdruck, als sie mit Juli ins Schwimmbad geht und ihren alten Schwarm Erwin wiedertrifft. Das passt nicht so recht zusammen. Auch fehlte mir zwischen den beiden Figuren ein offenes Gespräch, in dem das Leiden beider Personen einmal deutlich wird, ich hätte gedacht, dass sie auf diese Weise zueinander finden, sich gegenseitig dabei unterstützen, aus dem Loch herauszufinden. Fehlanzeige. Auf ein solches Gespräch wartet man vergeblich. Im Zusammenhang mit der Sterbebegleitung in der Schweiz hätte ich mit kritischen Nachfragen von Juli gerechnet, irgendeine Form der Problematisierung würde ich erwarten. Doch Fehlanzeige! Auch davor drückt sich die Autorin, stattdessen reisen die beiden Figuren in einer Art Roadtrip von einem Abenteuer zum nächsten. Das wird der Krankheit Depression nicht gerecht, lässt sie sogar recht gewöhnlich und harmlos erscheinen. Des Öfteren habe ich mich gefragt, was unterscheidet Juli und Hella eigentlich von „gesunden“ Leuten. Dabei ist doch davon auszugehen, dass ein Mensch, der suizidale Gedanken verfolgt, der dann sogar einen Selbstmordversuch unternimmt, in einer schweren psychischen Krise steckt, vermutlich befindet er sich in einem Zustand schwerer Depression. Doch von den Symptomen dieses Krankheitsbildes findet man kaum etwas bei Juli und Hella, bei Juli zwar noch mehr als bei Hella, aber insgesamt bleibt es einfach oberflächlich. Auch was die Gestaltung des Beziehungsverhältnisses beider Hauptfiguren angeht, bin ich enttäuscht. Ich dachte, beide nähern sich auf ihrem Trip einander an, schließen Freundschaft, unterstützen sich gegenseitig, finden durch ihr gemeinsames Leid zueinander, stattdessen herrscht vor allem von Julis Seite aus große Distanz, teils sogar Aggressivität und vor allem Undankbarkeit. Das macht die Figur Juli unsympathisch, und ihr Verhalten lässt sich in meinen Augen nicht mit der Krankheit Depression rechtfertigen. Worüber ich noch gestolpert bin, ist eine Stelle in der Juli über ihre Therapie spricht, hier wird der Eindruck vermittelt, dass die Therapie für Juli wenig erfolgreich war. Da habe ich mich schon gefragt, ob das nicht eine frustrierende Botschaft ist, die an dieser Stelle vermittelt wird.
Als absolut katastrophal habe ich das Ende empfunden, hier wird mit der Angst des Lesers bzw. Hörers um eine der Protagonistinnen gespielt, der Leser bzw. der Hörer wird „auf die Folter gespannt“, ob sich Juli nun umgebracht hat oder nicht. Das Ende empfand ich angesichts des Themas „Suizid“ als geschmacklos und absolute Grenzüberschreitung. Dieses (Hör-)buch spaltet. Es spaltet in zwei Lager, in diejenigen, die von der Krankheit vermutlich wenig Ahnung haben und in „Ende in Sicht“ lediglich Unterhaltung sehen, und in diejenigen, die sich mehr oder weniger mit der Krankheit auskennen und mehr Tiefgang erwartet haben. Und ich finde, dieses Werk leistet den Betroffenen einen „Bärendienst“, denn wie sollen solche Menschen, die keine Ahnung von der Thematik haben, ein realistisches Bild von der Krankheit „Depression“ erhalten? Es wird keinerlei „Empathieförderung“ betrieben.
Ich habe mich natürlich auch gefragt, ob Ronja von Rönne absichtlich die Erwartungshaltung ihrer Rezipienten durchbricht, doch falls ja, dann ist mir nicht klar geworden, warum sie dies tut, einen tieferen Sinn darin erkenne ich nicht. Zurück bleibt einfach Enttäuschung, ich hatte ganz klar eine andere Erwartungshaltung an das (Hör-)buch. Für Leute, die sich etwas mehr Substanz wünschen und an diesem Thema interessiert sind, empfehle ich hier das Werk „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ von Matt Haig.
Es ist zwar toll, dass die Autorin selbst als Sprecherin ihres Hörbuchs auftritt. Schließlich kann sie selbst am besten einschätzen, welche Inhalte sie auf welche Weise intoniert haben möchte. Aber ein Mehrwert hatte die sechsstündige CD gegenüber dem Buch jetzt auch nicht.
Fazit: Ein (Hör-)buch zum Thema Suizid, das (leider!) wenig Ernsthaftes und zu viel Oberflächliches bietet, die Krankheit „Depression“ wird nicht angemessen thematisiert.
Ronja von Rönne mit Berührungsängsten
Ende in Sicht von Ronja von Rönne
Ronja Von Rönne mit Berührungsängsten
Ich habe noch nie nur einen einzigen Stern für ein Buch gegeben, und ich musste den Inhalt des Buchs erst einmal verarbeiten, bevor mir klar geworden ist, dass dieses Buch misslungen ist. Doch warum? Bei ihrem neuen Buch „Ende in Sicht“ hat sich Ronja von Rönne nach meinem Empfinden leider (!) „vergaloppiert“.
Und ich wäre so gern in einen Begeisterungssturm verfallen, denn das Thema ihres Buchs ist wichtig: Es geht um den Wunsch zu sterben. Zugegeben, von Rönne sucht sich ein schweres Thema aus, eines, an das sich andere gar nicht erst herantrauen würden. Aber sie schafft es leider nicht, die dahinterliegende Krankheit, die Depression, angemessen zu thematisieren. Stattdessen lese ich Oberflächliches und wenig Ernsthaftes. Und das, obwohl die Autorin selbst Betroffene ist und in Interviews auch offen darüber spricht, ihr Buch ja sogar damit bewirbt. Und das, obwohl die Volkskrankheit „Depression“ mehr Tiefgründigkeit verdient, als ihr in diesem Buch zuteil wird. Bei beiden Figuren, Hella und Juli, habe ich mich nach den Beweggründen für den Todeswunsch gefragt. Doch diese kommen im Buch nicht plausibel zum Ausdruck, vor allem bei Hella nicht. Während des Lesens habe ich mich immer wieder gefragt, was in beiden Figuren vor sich geht. Doch von Rönne – warum auch immer – meidet an zentralen Stellen die Innenperspektive, scheinbar hat die Autorin hier selbst Berührungsängste. Krisenhafte Gedanken kommen nur selten und oberflächlich zum Ausdruck. Stattdessen kommt Hella – was mich irritiert hat – viel Lebensfreude zum Ausdruck, als sie mit Juli ins Schwimmbad geht und ihren alten Schwarm Erwin wiedertrifft. Das passt nicht so recht zusammen. Auch fehlte mir zwischen den beiden Figuren ein offenes Gespräch, in dem das Leiden beider Personen einmal deutlich wird, ich hätte gedacht, dass sie auf diese Weise zueinander finden, sich gegenseitig dabei unterstützen, aus dem Loch herauszufinden. Fehlanzeige. Auf ein solches Gespräch wartet man im Buch vergeblich. Im Zusammenhang mit der Sterbebegleitung in der Schweiz hätte ich mit kritischen Nachfragen von Juli gerechnet, irgendeine Form der Problematisierung würde ich erwarten (vielleicht auch im Nachwort). Doch Fehlanzeige! Auch davor drückt sich die Autorin, stattdessen reisen die beiden Figuren in einer Art Roadtrip von einem Abenteuer zum nächsten. Das wird der Krankheit Depression nicht gerecht, lässt sie sogar recht gewöhnlich und harmlos erscheinen. Des Öfteren habe ich mich gefragt, was unterscheidet Juli und Hella eigentlich von „gesunden“ Leuten. Dabei ist doch davon auszugehen, dass ein Mensch, der suizidale Gedanken verfolgt, der dann sogar einen Selbstmordversuch unternimmt, in einer schweren psychischen Krise steckt, vermutlich befindet er sich in einem Zustand schwerer Depression. Doch von den Symptomen dieses Krankheitsbildes findet man kaum etwas bei Juli und Hella, bei Juli zwar noch mehr als bei Hella, aber insgesamt bleibt es einfach oberflächlich. Auch was die Gestaltung des Beziehungsverhältnisses beider Hauptfiguren angeht, bin ich enttäuscht. Ich dachte, beide nähern sich auf ihrem Trip einander an, schließen Freundschaft, unterstützen sich gegenseitig, finden durch ihr gemeinsames Leid zueinander, stattdessen herrscht vor allem von Julis Seite aus große Distanz, teils sogar Aggressivität und vor allem Undankbarkeit. Das macht die Figur Juli unsympathisch, und ihr Verhalten lässt sich in meinen Augen nicht mit der Krankheit Depression rechtfertigen. Worüber ich noch gestolpert bin, ist eine Textstelle in der Juli über ihre Therapie spricht (S. 118), hier wird der Eindruck vermittelt, dass die Therapie für Juli wenig erfolgreich war. Da habe ich mich schon gefragt, ob das nicht eine frustrierende Botschaft ist, die an dieser Stelle vermittelt wird.
Als absolut katastrophal habe ich das Ende empfunden, hier wird mit der Angst des Lesers um eine der Protagonistinnen gespielt, der Leser wird „auf die Folter gespannt“, ob sich Juli nun umgebracht hat oder nicht. Das Ende empfand ich angesichts des Themas „Suizid“ als geschmacklos und absolute Grenzüberschreitung. Dieses Buch spaltet. Es spaltet die Leser/innen in zwei Lager, in diejenigen, die von der Krankheit vermutlich wenig Ahnung haben und in diesem Buch lediglich Unterhaltung sehen, und in diejenigen, die sich mehr oder weniger mit der Krankheit auskennen und mehr Tiefgang erwartet haben. Und ich finde, dieses Buch leistet den Betroffenen einen „Bärendienst“, denn wie sollen solche Leser, die keine Ahnung von der Thematik haben, ein realistisches Bild von der Krankheit „Depression“ erhalten? Es wird keinerlei „Empathieförderung“ betrieben.
Das Buch hätte mindestens mit einer „Triggerwarnung“ versehen werden sollen, noch besser wäre es in dieser Form vom Verlag gar nicht erst herausgegeben worden. Eine solche Warnung würde zumindest die Aufmerksamkeit dafür schaffen, dass dieses Buch bei solchen Lesern, die eine entsprechende Krankheitsgeschichte haben, als extrem belastend empfunden werden kann.
Noch etwas: Das Buch wird mit einer flapsigen Bemerkung von Stuckrad-Barre beworben. Diese Aussage von Stuckrad-Barre ist geschmacklos, denn damit werden angekündigte Suizidversuche der Autorin in kokettierender Art und Weise auf die Schippe genommen. Das ist für mich erneut Effekthascherei und eine Grenzüberschreitung. Letztlich bleibt mir nur meine Enttäuschung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass der Verlag in dieser Form ein Buch zu diesem so wichtigen Thema herausgibt.
Nach der Lektüre des Buchs habe ich mich natürlich auch gefragt, ob Ronja von Rönne absichtlich die Erwartungshaltung ihrer Leser/innen durchbricht, doch falls ja, dann ist mir nicht klar geworden, warum sie dies tut, einen tieferen Sinn darin erkenne ich nicht. Zurück bleibt einfach Enttäuschung, ich hatte ganz klar eine andere Erwartungshaltung an das Buch. Für Leute, die sich etwas mehr Substanz wünschen und an diesem Thema interessiert sind, empfehle ich hier das sehr lesenswerte Buch „Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ von Matt Haig.
Abschließend noch ein Satz zum Hörbuch, das ich mir angehört habe, weil ich auf Ronja von Rönne neugierig war: Es ist toll, dass die Autorin selbst als Sprecherin ihres Buchs auftritt. Schließlich kann sie selbst am besten einschätzen, welche Inhalte sie auf welche Weise intoniert haben möchte. Aber ein Mehrwert hatte die sechsstündige CD gegenüber dem Buch jetzt auch nicht.
Fazit: Ein Buch zum Thema Suizid, das (leider!) wenig Ernsthaftes und zu viel Oberflächliches bietet, die Krankheit „Depression“ wird nicht angemessen thematisiert.
Hartung - ein tragischer Held?
Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße von Maxim Leo
Um eines direkt gleich klarzustellen: Der Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ von Maxim Leo ist ein absolut geniales Buch, sehr amüsant geschrieben, mit vielen Textstellen zum Lachen und Schmunzeln, aber auch mit Tiefgang und Ernsthaftigkeit an den nötigen Stellen. Von der ersten bis zur letzten Seite ist man neugierig, ob aus dem Helden Michael Hartung ein tragischer Held wird oder nicht.
Das Ende hat mich überzeugt. Doch worum geht es?
Im Mittelpunkt des Geschehens steht Michael Hartung, meist nur Hartung genannt, der eines Tages unfreiwillig zum Helden gemacht wird. Eigentlich ist er jemand, mit dem man zu Beginn eher Mitleid empfindet. Er verschläft viele technische Neuerungen, hinkt der Zeit stets gnadenlos hinterher, lässt sich bei geschäftlichen Dingen auch über den Tisch ziehen. Er wohnt in seiner eigenen Videothek, hat Mietschulden. Das alles wird lustig geschildert. Die Tristesse seines Alltags als Videothekenbesitzer und Filmliebhaber wird dann durchbrochen von dem Reporter Alexander Landmann, der eine Story wittert. Landmann ist die personifizierte Kritik am Journalismus, ein sozialer Aufsteiger, der im Zuge der Medienkrise unter Erfolgsdruck steht und sich die Geschichte zurechtbiegt. Denn statt Hartung genau zuzuhören und die richtigen Schlüsse aus dem Erzählten zu ziehen, macht er aus ihm lieber einen Helden. Und Hartung lässt sich trotz anfänglichen Zögerns das angebotene Geld für die Story nicht entgehen, und erzählt dann das, was von ihm erwartet wird. Und schneller als gedacht ist dann schon der Artikel erschienen und als Leser fragt man sich, wie kommt Hartung nur aus der Nummer wieder heraus? Fliegt seine Lüge auf? Oder gibt er selbst zu, dass er sich unfreiwillig hat zum Helden machen lassen? Wird Hartung zu einem tragischen Helden?
Das alles wird sehr amüsant beschrieben. Besonders köstlich empfand ich Landmanns Ratschläge an Hartung, wie man sich in der Medienwelt zu benehmen hat. Hartung wiederum, leichtgläubig wie er ist, verlässt sich ganz auf Landmann. Es ist herrlich zu lesen, wie der Autor die Reporterfragen an Hartung mit einem Augenzwinkern auf die Schippe nimmt oder wie immer wieder die stereotypen Vorstellungen von Landmann über den Osten mit den skurrilen Erinnerungen Hartungs an seine erlebte Realität kontrastiert werden. An vielen Stellen im Buch werden ost- und westdeutsche Klischees herrlich karikiert. Und Hartung mausert sich mehr und mehr zum Medienprofi, er ist erstaunlich redegewandt, er schafft es, die gesamte Medienbranche an der Nase herumzuführen. Schmunzeln musste ich an solchen Textstellen, als Hartung während der allmählichen Verfertigung seiner Gedanken beim Sprechen absurde Ideen durch den Kopf gehen. Einfach herrlich komisch, aber irgendwann auch tragisch. Denn im Laufe des Buchs wird Hartung immer mehr als Identifikationsfigur für verschiedene Interessen eingespannt und das macht ihm durchaus zu schaffen. Arrangiert er sich anfangs noch mit seiner Lüge und wird sein Erfolg immer gewaltiger, so zweifelt er im weiteren Verlauf der Handlung immer stärker an seinem Vorgehen. Doch wie wird er sich entscheiden?
Wer jetzt aber befürchtet, dass der Roman sich nur als eine reine Komödie entpuppt, den kann ich beruhigen. Denn Maxim Leo vermag seinem Text auch Ernsthaftigkeit zu verleihen, z.B. wenn der Historiker Holger Röslein mit dem Ex-Stasi-Oberleutnant Teubner über das Freiheitsverständnis diskutiert oder wenn Hartung mit der Professorin für Zeitgeschichte, Ariadne von Schulzenburg-Glochau, beim Anbringen einer Gedenktafel am Bahnhof Friedrichstraße über das Zustandekommen von sog. historischen „Wahrheiten“ sinniert. Auch die Einführung der Figur des ostdeutschen Bürgerrechtlers Harald Wischnewsky verleiht der Handlung mehr Tiefe. An seinem Beispiel wird das Bild des „ewigen Zeitzeugen“ problematisiert und karikiert. Besonders die Darstellung des Gesprächs zwischen ihm und Hartung fand ich gelungen.
Fazit: Ein fantastischer Roman mit einer sympathischen Hauptfigur und vielen weiteren sehr gut gezeichneten Charakteren, amüsant verfasst, aber auch mit der nötigen Ernsthaftigkeit an passenden Stellen. Absolute Leseempfehlung!
Kreatives Mitmach-Buch
1000 Gefahren junior - Das Geheimnis der Pirateninsel (Erstlesebuch mit "Entscheide selbst"-Prinzip für Kinder ab 7 Jahren) von Fabian Lenk
Das Kinderbuch „Das Geheimnis der Pirateninsel“ aus der Reihe „1000 Gefahren junior“ von den Autoren Fabian Lenk und Jan Saße wartet mit einem für mich innovativen Konzept auf, weil es Aufmerksamkeit und Neugier beim Zuhören fordert und fördert. Man wird als junger Leser beim Leseprozess interaktiv einbezogen, indem man an bestimmten Stellen im Buch Rätsel lösen muss und Entscheidungen treffen kann, so dass sich viele verschiedene Variationsmöglichkeiten innerhalb ein- und derselben Geschichte ergeben.
So sind die Zuhörer durchweg aktiv dabei, was ich großartig finde. Auch wird durch die verschiedenen Lesarten die Neugier der Kinder geweckt, weil diese wissen wollen, wie sich die Geschichte entwickelt, wenn sie eine andere Entscheidung fällen.
Insgesamt werden im Buch 16 Entscheidungsfragen gestellt, die alle wieder zu anderen Verläufen führen, so dass Abwechslung garantiert ist. Ich und meine Kinder fanden es toll und spannend, auf diese Weise ein Buch mehrmals neu und anders lesen zu können. So kann man beispielsweise entscheiden, ob man das Angebot eines Piraten, an Bord anzuheuern, annehmen oder ablehnen will, ob man jemandem helfen will oder nicht, ob man sich gegen jemanden wehren möchte oder eben nicht, ob man jemandem folgen will oder nicht, ob man jemandem eine Falle stellen oder sich lieber verstecken möchte usw. Das einzige, was man als Vorlesenden dabei mehr leisten muss als in klassischen Büchern, ist das vermehrte Hin- und Herblättern zwischen den Seiten. Mich hat das aber nicht gestört.
Außer den Entscheidungsfragen kommen im Buch auch insgesamt 9 Rätselfragen vor, bei denen die Kinder selbst knobeln müssen, bevor sie weiterlesen dürfen. Als Aufgabenformat taucht z.B. auf, den richtigen Weg suchen zu müssen, den Inhalt der Bilder genauer untersuchen zu müssen oder eine Schatzkarte richtig zusammenzusetzen. Die Lösung wird dann natürlich auch verraten, so dass kein Frust aufkommt. Der Nachteil bei den Rätseln ist allerdings, dass sie „nur“ bei den ersten zwei bis drei Malen spannend sind, danach sind sie bereits bekannt und weniger interessant. Auch fand ich das Rätsel um die Schatzkarte etwas aufwändig, so muss man erst die Seite kopieren und die Kinder sollen dann die Schatzkartenteile ausschneiden und zusammenfügen. Die übrigen Rätsel sind aber ohne größeren Aufwand lösbar.
Inhaltlich bietet der Band klassischen Piratenstoff, den man auch aus anderen Kinderbüchern kennt. Der raue Umgangston unter den Piraten gehört ebenso dazu wie die klassische Schatzsuche, das Gold, der Landgang, die Schatzkarte, das Zusammentreffen mit Eingeborenen und das Leben an Bord. Auch wird natürlich gekämpft. Im Prinzip gibt es zwei Haupthandlungsstränge: Entweder folgt man Kapitän Perkin oder Kapitän Dodder. Wichtig zu erwähnen, ist in diesem Zusammenhang, dass trotz der verschiedenartigen Variationen innerhalb der Geschichte, der Inhalt nie seine Kohärenz einbüßt. Alles bleibt logisch und nachvollziehbar. Lediglich das Ende kommt stellenweise etwas abrupt. Die Kinder haben auch recht schnell raus, dass die Geschichten länger ausfallen, wenn sie eher mutig in die Handlung eingreifen.
Abschließend noch ein Satz zur Bebilderung und Sprachgestaltung: Beides ist kindgerecht konzipiert worden. Die Bilder beziehen sich stets passend auf den Inhalt. Als besonders gelungen habe ich die großflächigen Illustrationen empfunden, das waren v.a. solche, bei denen die Kinder anhand der Bilder Rätsel lösen sollten. Bei der Sprachgestaltung ist noch auffällig, dass die Kinder direkt mit „du“ angesprochen und auf diese Weise in die Handlung einbezogen werden („Du bist Nick“). Das schafft Aktivierung.
Fazit: Ein Kinderbuch mit einem innovativen Konzept, das die jungen Zuhörer durch Entscheidungs- und Rätselfragen aktiv miteinbezieht und so Aufmerksamkeit fördert und Neugier weckt. Ein Buch, das man mehrmals neu und anders lesen kann, Abwechslung ist garantiert. Sollte man mit seinem Nachwuchs einmal ausprobiert haben. Ich würde es weiterempfehlen!
"Minenfelder im Gedächtnis"
Der Erinnerungsfälscher von Abbas Khider
Auf dem Weg zurück von einer Podiumsdiskussion in Mainz erfährt Said Al-Wahid, dass seine Mutter im Sterben liegt. Er entschließt sich mit dem Zug zum Frankfurter Flughafen zu fahren und den nächsten Flug nach Bagdad zu nehmen. Auf der Reise in seine alte Heimat, dem Irak, erinnert sich Said an verschiedene Begebenheiten aus seinem Leben, die ihn geprägt haben.
Davon erzählt Abbas Khider in seinem neuen Roman „Der Erinnerungsfälscher“, durchaus mit trockenem Humor, und es wird deutlich, dass Said Probleme hat, sich genau zu erinnern. Er leidet unter Gedächtnisstörungen, vermutlich eine Form von Verdrängung als eine psychische Konsequenz des traumatischen Erlebten. So konstruiert er selbst die Zusammenhänge zwischen seinen unverbundenen Erinnerungsfetzen. Immer wieder kommt es zu „Assoziationsketten“, die ihn in die Vergangenheit führen. Dabei wird vor allem deutlich, was für einen schweren Weg Said hinter sich gebracht hat, bevor er in Deutschland sein privates Glück gefunden hat. Auch wird deutlich, dass Said eine ganz andere Lebenswelt kennen gelernt hat. Anhand der Schilderungen wird einem als Leser erst bewusst, wie gut es einem eigentlich in Deutschland geht, v.a. wenn man hier groß geworden ist, ohne schwerwiegendere traumatische Erfahrungen durchlebt zu haben. Gleichzeitig wird spürbar, dass Said sein eigenes Heimatland fremd geworden ist; in Bagdad angekommen, verspürt er keine Emotionen, sondern eine innere Leere. Auch das offene Ende des Romans, über das man noch lange nachdenkt, empfand ich als gelungen. Als besonderes Highlight, das mich zum Nachdenken anregte, habe ich den intertextuellen Bezug zur Novelle „Die Taube“ von Patrick Süskind wahrgenommen, in dem das Thema „Traumata“ ebenfalls eine Rolle spielt. Darin ist die Hauptfigur Jonathan Noel eine völlig verunsicherte Persönlichkeit mit Lebensangst. Vergleiche zu Said drängen sich förmlich auf. Und Abbas Khider wird nicht zufällig diesen Titel erwähnt haben, doch das Anstellen weiterer Reflexionen hierzu überlasse ich jedem einzelnen. Ich komme stattdessen zurück auf die bereits erwähnten „Assoziationsketten“ und auf die Frage, welche Erfahrungen Said genauer schildert:
[AB HIER SPOILERWARNUNG] Ausgehend von seinem deutschen Reisepass, den er aus Misstrauen den deutschen Behörden gegenüber immer bei sich trägt, erinnert sich Said beispielsweise an das sehr bürokratische Verfahren seiner Einbürgerung, das er mit allen damit in Zusammenhang stehenden unlogischen Regelungen genau beschreibt. Als Leser erhält man dabei einen sehr guten Einblick in bürokratische Absurditäten und kann nachempfinden, wie verunsichert man sich als Fremder in Deutschland fühlen mag, sobald man mit offiziellen Formalitäten konfrontiert wird. Auch erhalten wir einen Einblick in Saids Kindheit, seine Beziehung zu seiner Mutter, die so gut wie nie lachte, wird thematisiert. Wir erfahren, dass sein Vater als Landesverräter hingerichtet wurde und seine Familie mit Ausgrenzungserfahrungen zu kämpfen hatte. Seine Schwester starb bei einem Bombenattentat, wie wir später erfahren. Beim Anblick von Polizei rücken „Erinnerungsbrücken“ an Polizeikontrollen wieder in Saids Bewusstsein, er begegnete nicht nur Ressentiments von Seiten der Polizei, sondern erlebte auch Rassismus. Die Begegnung mit einem Nazi bei einem Kneipenbesuch wird ebenfalls geschildert. Weiterhin berichtet Said von Besuchen im Heimatland und davon, wie dieses Land im Chaos versinkt, weil bewaffnete Milizen die Kontrolle übernommen haben. Er beschreibt auch seine mehrjährige Fluchtroute, die ihn von der Stadt Amman in Jordanien, über Ägypten und Libyen bis nach Athen geführt hat. Nicht zuletzt bleibt auch das Thema der Religion natürlich nicht ausgespart. Said, der nicht religiös erzogen worden ist, macht klar, dass es zwischen den Arabern große Unterschiede gibt, was die Ausübung der religiösen Praxis angeht. Am Beispiel eines Mitschülers geht er dann auch darauf ein, dass Antisemitismus bei einzelnen Fanatikern ein großes Problem sein kann.
Letztlich kann das Schicksal von Said exemplarisch für das anderer Flüchtlinge in Deutschland stehen und das macht diesen Roman für mich so interessant. Man erhält einen Einblick in die Lebenswelt und in die Erfahrungen eines Flüchtlings aus dem Irak, und das aus der Feder eines Autors, der eine ähnliche Lebensgeschichte wie Said aufweist. Einige biographische Überschneidungen zwischen der fiktiven Figur Said und Abbas Khider gibt es nämlich. Und hier stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage, wie autobiographisch geprägt der vorliegende Roman eigentlich ist. Das kann nur der Autor beantworten. Auf jeden Fall leistet der Roman einen Beitrag dazu, Empathie gegenüber Flüchtlingen entwickeln zu können.
Fazit: Ein Roman, der dem Leser/ der Leserin einen interessanten Einblick in die Biographie und in die Gefühls- sowie Erlebniswelt eines irakischen Flüchtlings gibt, der zum Nachdenken anregen kann und der einen Beitrag dazu leistet, Empathie gegenüber Flüchtlingen zu entwickeln bzw. beizubehalten.
Mehr Transparenz und Empathie in der Medienbranche wagen
Misfits von Michaela Coel
Das Buch „Misfits – ein Manifest“ von Michaela Coel, gefeierte und preisgekrönte Drehbuchautorin, Regisseurin, Produzentin und Schauspielerin, beinhaltet die aus dem Englischen übersetzte Rede der Autorin, die sie 2018 als Gastrednerin im Rahmen des Edinburgh International Television Festivals gehalten hat.
Umrahmt wird der Redetext von einer Art literarischem Vor- und Nachwort, in dem Michaela Coel selbst etwas zum Schreibprozess im Vorfeld äußert sowie auch die Nachwirkung ihrer Rede thematisiert.
In ihrer Rede streift sie knapp ihre Kindheit in einem Sozialwohnungskomplex und beschreibt auch, wie sie im Alter von 8 Jahren erstmals in Berührung mit einem Theater kam. Schonungslos berichtet sie auch von den unschönen Seiten ihres Aufwachsens, zu denen psychische Gewalt ebenso gehörte wie Beleidigungen, Gelächter, Diskriminierung und (Cyber-)Mobbing sowie Sexismus. Schließlich schafft sie es an die Schauspielschule, als erstes Schwarzes Mädchen, merkt aber auch dort, dass sie anders ist, vor allem fehlt ihr ein entsprechendes „Sicherheitsnetz“, sie stammt nicht wie die anderen aus einem wohlhabenden Elternhaus. In dieser Zeit schrieb sie auch die Komödie „Chewing Gum Dreams“, mit dem sie dann den Durchbruch schaffte. Sie steigt in die Fernsehbranche ein, hat dort aber zunächst einen schwierigen Start und fühlt sich abermals als Außenseiterin. Sie schreibt drei fünfminütige Szenen fürs Internet, die so erfolgreich sind, dass sie grünes Licht für die Produktion einer Serie mit dem Titel „Chewing Gum“ bekommt. Dies verhilft Coel zum Durchbruch.
In ihrer Rede nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund, sie hält der Branche einen Spiegel vor und scheut sich auch nicht davor, klare Missstände anzusprechen. Dafür greift sie auf eigene Erfahrungen zurück. Zunächst einmal erläutert Coel ihre eigene Definition des Begriffs „Misfit“. Misfits, so Coel, streben nach Transparenz und wollen die Sichtweise anderer Personen verstehen. Sie selbst sei ein Misfit und bei Produktionsfirmen seien Misfits hoch im Kurs, weil diese oft profitabel sind. Doch der Medienbranche selbst fehle es genau an einer solchen Transparenz und Empathie. Das wird nur allzu deutlich, wenn man den Ausführungen der Autorin weiter folgt. Sie bringt dafür einige Beispiele aus ihrer persönlichen Geschichte und leitet daraus auch Konsequenzen ab. Dies macht sie aber interessanterweise selten in Form von expliziten, konkreten Forderungen, sondern oft stellt Coel lediglich passende Fragen an die ZuhörerInnen, so dass diese selbst zu den entsprechenden Schlussfolgerungen, was die Änderung der Zustände betrifft, gelangen sollen. So regt sie diese beispielsweise zum Nachdenken darüber an, ob es nicht besser sei, wenn neue Kulturschaffende mehr Vertrauen und Freiraum erhielten, um sich alleine zu entwickeln. Sie schildert auch den Zeit- und Kostendruck, unter dem sie selbst stand, und beschreibt die intransparente Verhandlungspolitik von Produktionsfirmen, der sie selbst ausgesetzt war. Sie erläutert, dass Einsparungen der Produzenten oft zulasten der Autoren gemacht werden, und Produzenten oft austesten, wie weit sie gehen können und womit sie durchkommen. Nach ihrer Erfahrung widersprächen Menschen einer anderen Hautfarbe seltener, weil sie Angst vor Jobverlust oder negativen Konsequenzen hätten. Kulturschaffende Misfits haben nach ihrer Einschätzung kaum Chancen auf einen sozialen Aufstieg, bestimmte Türen bleiben ihnen verschlossen. Sie thematisiert auch eine Sexismus- und Rassismus-Erfahrung, die sie auf einer After-Party durch einen Produzenten erlebt hat und ist der Auffassung, dass Produzenten zu viel Macht haben. Und nicht zuletzt geht sie auf ein sehr persönliches, intimes Schicksal ein und will damit auch aufzeigen, wie sehr man in der Medienbranche unter Erfolgsdruck steht: Sie erwähnt, dass sie vergewaltigt wurde, nachdem sie durch K.O.-Tropfen betäubt worden ist. Dennoch habe sie vor allem an die Deadline gedacht, die sie habe einhalten müssen. Den Umgang mit ihrem Leid habe sie als wenig empathisch und als intransparent empfunden. Sie fragt aus diesem Grund, ob es in der Medienbranche genügend Empathie und Unterstützung für die Psyche gibt, und zwar für alle.
Michaela Coel erscheint in dieser Rede als sehr streitbare, meinungsstarke und intelligente Frau, sie ist mutig und nicht angepasst, sie prangert Missstände an und wünscht sich eine Verbesserung der Zustände in Form von mehr Transparenz und Empathie. Wohl aus diesem Grund hat man dem Buch den Untertitel „Manifest“ gegeben. Es ist eine sehr persönliche Rede. Sie zeigt auch, dass Coel selbst eine Ausnahmeerscheinung ist, denn sie hat den sozialen Aufstieg erreicht und hat sich durchgesetzt. Trotz der vielen widrigen Umstände und Schicksalsschläge hat ihre Lebensgeschichte einen positiven Verlauf genommen. Das mag für viele als Inspiration dienen. Auch kann das Lesen durchaus zum Nachdenken über das eigene Leben anregen. Ich selbst habe durch die Lektüre der Rede auf jeden Fall einen neuen Diskurs wahrgenommen. Es ist eine Erweiterung der #metoo-Debatte. Inwieweit die Aussagen und Erfahrungen von Coel auf die deutschsprachige Medienlandschaft übertragen werden können, wird sich noch zeigen, wenn dieses Buch breiter rezipiert werden sollte.
Fazit: Eine inspirierende Rede einer meinungsstarken, streitbaren und intelligenten Frau, die mutig Missstände der Medienbranche anprangert und dabei sehr persönliche Einblicke gewährt.











