Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Clever konstruierter Thriller mit gelungener Auflösung am Ende
Ein perfektes Paar von Jackie Kabler
Um eines direkt gleich klarzustellen: Der Thriller „Ein perfektes Paar“ von Jackie Kabler ist ein absolut geniales Buch, clever konstruiert, mit vielen Wendungen, Spannung von der ersten bis zur letzten Seite ist garantiert. Die Auflösung am Ende überzeugt. Doch worum geht es?
Im Mittelpunkt des Geschehens steht Gemma, die eines Tages nichtsahnend nach Hause kommt und ihren Ehemann Danny dort nicht vorfindet.
Beunruhigt sie das zu Beginn noch nicht sonderlich, weil sie nach rationalen Gründen sucht, werden ihre Sorgen jedoch mit der Zeit immer größer, je länger Danny verschwunden bleibt. Sie wendet sich dann schließlich an die Polizei und die Ermittlungsarbeit fördert ein paar ungewöhnliche Geheimnisse von Danny zutage, so dass die Welt von Gemma immer mehr in sich zusammen bricht und sie immer verzweifelter wird. Erschwerend kommt hinzu, dass die Polizei zeitgleich in zwei Mordfällen ermittelt, in denen die beiden männlichen Opfer dem vermissten Danny erstaunlich ähnlich sehen. Und plötzlich wirkt alles anders, als es zunächst den Anschein hat. Es beginnt eine sehr packende und mitreißende Erzählung dieses Falls und die Spannung steigert sich deutlich, v.a. nimmt sie auch bis zum Schluss des Romans nicht mehr ab, denn die Autorin schafft es hervorragend, den Spannungsbogen bis zur letzten Seite aufrechtzuerhalten. Zusammen mit Gemma und dem Ermittlerteam, über die abwechselnd mal in der Ich-Perspektive, mal in der Er-Perspektive erzählt wird, begibt man sich auf die Suche nach des Rätsels Lösung. Das ist richtig gut gemacht. Durch die gewählte Ich-Perspektive sind wir als Leser nah an Gemma und an ihren Gefühlen dran, während wir die Polizeiarbeit eher im distanziert gestalteten Überblick verfolgen. Zwischenzeitlich setzt die Autorin zudem noch die Kapitellänge als Stilmittel ein, um die Spannung weiter zu steigern. Die Kapitel werden kürzer, rasche Kapitelwechsel sind die Folge, das Erzähltempo wird gesteigert, die Dynamik nimmt auf diese Weise zu. Auch sind die Perspektivwechsel stets geschickt platziert, um den Leser „auf die Folter zu spannen“, Cliffhanger am Kapitelende tragen noch ihr Übriges dazu bei, um zum Weiterlesen zu animieren. Was ebenfalls überzeugt ist das Ende des Thrillers. Oft scheitern Bücher ja daran, dass die Auflösung am Ende nicht gelingt, z.B. weil etwas nicht plausibel ist, Handlungsstränge unberücksichtigt bleiben oder sie nicht weitergeführt werden o.ä. Doch das ist bei „Ein perfektes Paar“ glücklicherweise anders. Ich – als ein durchaus kritischer Leser – fand alles nachvollziehbar aufgelöst und es bleibt auch nichts offen. Was will man mehr? Ich halte das Buch schlichtweg für genial, es ist für mich persönlich ein Überraschungshit und ein persönliches Highlight, schließlich sind Bücher mit großer Sogwirkung nicht ständig zu finden. Und was ich einfach stark fand, war auch die Tatsache, dass die Autorin es schafft, den Leser mal in die eine Richtung und mal in die andere Richtung zu lenken, ihn zu verunsichern, ihn auch mal „an der Nase herumzuführen“.
Ich würde dem Verlag dringend empfehlen, auch noch weitere Titel der Autorin übersetzen zu lassen, z.B. den Titel „Am I guilty“. Auch würde ich es toll finden, wenn dieses Buch noch fortgesetzt wird, das Potential dafür wäre auf jeden Fall vorhanden.
Fazit: Ein clever konstruierter Psychothriller mit Sogwirkung, hervorragendem Spannungsbogen und plausibler Auflösung am Ende.
"Was gute Menschen denken, das führen böse Menschen aus"
Pacific Crest Trail Killer von Christian Piskulla
In seinem Thriller „Pacific Crest Trail Killer” nimmt Christian Piskulla den Leser mit auf einen 4300 Kilometer langen Wanderweg entlang der Westküste der USA und schildert packend, wie auf diesem Trail ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Dabei wird in flotten Perspektivwechseln und kurzen Erzählabschnitten, die Spannung und Dynamik erzeugen, der Killer ebenso in den Blick genommen wie ein FBI-Ermittlerteam aus Los Angeles, in dem der Chefermittler Steve Cortez die tragende Rolle spielt.
Cortez ist ein sehr stark gezeichneter Charakter, die Ermittlung nimmt ihn völlig in Beschlag, er wirkt ständig überarbeitet und am Rande der Depression, ist aber mit einer genialen Beobachtergabe ausgestattet. Eine weitere zentrale Figur ist Mark Stetson, ehemaliger Militärpolizist, stets clever in seinen Schlussfolgerungen und zufällig unterwegs auf dem Trail, als der erste Mord passiert. Er untersucht als Erster den Fundort der Leiche und wird aufgrund seiner Kenntnisse als Wanderer vom FBI als Sonderermittler angeheuert. Zwar bleibt er auf den ersten 200 Seiten noch recht blass, doch im Laufe der Zeit reift er immer mehr zu einer Führungsfigur heran, er spielt dann im letzten Drittel des Romans eine tragende Rolle. Seine zentrale Aufgabe: auf dem Trail weiter ermitteln. Aus dem FBI-Ermittlerteam rücken ebenfalls weitere Figuren in den Fokus des Lesers, so z.B. Rocco Ramirez, Bill King oder Henry Peters. Was dem Autor dabei in meinen Augen gut gelingt, ist die Stimmung des Ermittlerteams einzufangen, denn es handelt sich um eine außergewöhnlich Truppe, viele Kollegen sind zerstritten, machen sich übereinander lustig, sind rüde und sexistisch im Umgang miteinander, einige wollen sich versetzen lassen. Insgesamt herrscht also keine angenehme Arbeitsatmosphäre, doch mit der Zeit wächst das Team dann immer stärker zusammen, v.a. als es darum geht, den Killer aufzuspüren. Was ebenfalls gut gelingt, ist die anschauliche Schilderung der psychischen Strapazen, die man als FBI-Agent auf Mördersuche erlebt, sowie die Darstellung der Ermittlungsarbeit. Das Netz des FBI wird mit der Zeit immer engmaschiger und zieht sich immer mehr zusammen. Das wird äußerst spannend erzählt. Vor allem im letzten Drittel beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, die letzten 100 Seiten entfalten eine ungeheuerliche Sogwirkung, was auch an den knappen Erzählabschnitten und raschen Perspektivwechseln zwischen Ermittlerteam und Täter liegt, bei denen man als Leser aber nie die Übersicht verliert. Darüber hinaus ist auch die Idee, dass der Killer einen Mentor hat, geschickt konzipiert, um die Spannung hochzuhalten.
Der Täter wird erst ziemlich spät genauer charakterisiert. In der ersten Hälfte bleibt er blass, kommt kaum vor, doch nachdem ihm das FBI immer näher kommt, erfahren wir auch etwas über seine schlimme Kindheit und Jugendzeit. Hier will der Autor natürlich der Frage nachgehen, was jemanden zum Mörder macht und regt zum Nachdenken an. Kritisch beleuchtet er in diesem Zusammenhang die Rekrutierungspraxis der US-Army und den Umgang mit Kriegsverbrechern innerhalb des Militärs. Darüber hinaus problematisiert Christian Piskulla mit seinem Thriller auch die sexuellen Abgründe der menschlichen Gesellschaft und in Unterhaltungsmedien. Und das sind nicht die einzigen Themen, die der Autor streift. Nein, man erfährt in diesem Buch auch Näheres über die Ausgestoßenen der amerikanischen Gesellschaft. In düsterer Atmosphäre werden schäbige Motels ebenso thematisiert wie das Leben in Trailerparks. Obdachlosigkeit ist ebenfalls ein Thema. Neben diese dunklen Seiten widmet sich der Autor aber auch den schönen Seiten des PCT. So erhält man einen Einblick in das Treiben auf dem Trail, in die Gefahren beim Wandern, in schöne Naturbeschreibungen, in die Kultur der Hiker auf dem Trail. Auch benötigtes Equipment für die Wanderung wird kenntnisreich beschrieben. Das alles verleiht der Geschichte ein hohes Maß an Authentizität.
Lobend erwähnen möchte ich auch, dass der Autor bei der Darstellung der Taten des Killers darauf verzichtet, diese detailliert zu beschreiben. Denn solche Inhalte finde ich persönlich abstoßend und möchte sie auch nicht lesen. Deshalb finde ich es sehr gut, dass Piskulla darauf verzichtet hat.
Das einzige, was ich an diesem Thriller kritisieren kann, ist die Tatsache, dass er manchmal etwas zu ausschweifend gerät. Es gibt viele Verzweigungen und Verästelungen, bei denen Kürzungspotential vorhanden gewesen wäre. In meinen Augen hätte z.B. die Handlung um den karrieristischen Blackwater, der ein Dienstvergehen begeht und später Rache an Cortez nehmen will, ausgespart bleiben können. Auch im Zusammenhang mit Rebecca di Romania und ihren sexuellen Abenteuern hätten meiner Meinung nach Kürzungen gut getan. Trotzdem bleibt der Thriller erstklassig!
Fazit: Ein überaus spannender Thriller mit packendem Finale, starken Figuren, packender, teilweise düsterer Atmosphäre und viel Potential zum Nachdenken. Klare Leseempfehlung!
Spannendes Abenteuer mit starken Hauptfiguren
Die Mission des Kreuzritters von Ulf Schiewe
In seinem historischen Roman „Die Mission des Kreuzritters“ versetzt Ulf Schiewe den Leser in das Jahr 1129, also in die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Kreuzzug, als Jerusalem von Baudouin II. (1118-1131) beherrscht wird, der seine älteste Tochter Melisende zur Sicherung seiner Nachfolge mit dem Grafen Foulques d’Anjou verheiraten möchte.
Doch seine widerspenstige Tochter lehnt den für sie ausgewählten Bräutigam heftig ab und flüchtet trotzig aus der Stadt zu ihrer Schwester Alice in Antiochia. Zu ihrem Unglück wird sie dann auf ihrem Weg dorthin überfallen und als Geisel mit nach Schaizar genommen, einer muslimischen Stadt, die vom Sultan ibn Munquidh regiert wird. Um sie auszulösen, schickt König Baudouin II. den ihm treu ergebenen Tempelritter Raol de Montalban nach Schaizar. Und zunächst scheint die Rückkehr nach Jerusalem auch ohne weitere Schwierigkeiten zu gelingen, doch dann greift ein illoyaler Verräter plötzlich in das Geschehen ein und erneut schwebt das Königreich von Baudouin II. in großer Gefahr.
Mit eindrücklichen, detaillierten und dichten atmosphärischen Beschreibungen lässt der Autor dabei die Vergangenheit sehr bildhaft lebendig werden, so dass man als Leser hervorragend in die damalige Lebenswelt und in die verschiedenartigen Handlungsorte eintauchen kann. Man merkt dem Text mit jeder Zeile an, dass der Autor viele Informationen sehr genau recherchiert hat, z.B. zur Geographie und Topographie, um nur zwei Beispiele zu nennen. Als besonders gelungen empfand ich auch die Schilderung der Schlacht- und Kampfhandlungen, in denen man als Leser regelrecht mitfiebert. Das macht diesen Roman zu einem sehr gelungenen Leseereignis. Beiläufig erfährt man dann in diesem Roman auch historische Hintergründe, z.B. etwas zum Leben im Harem, zur Rolle der Frauen zu jener Zeit, zu interreligiösen Wahrnehmungen, zur Praxis von Geiselnahmen, zur Lebenspraxis der Tempelritter, zum Leben am Hofe des Königs bzw. des Sultans etc.
Ein weiterer großer Pluspunkt betrifft die Charakterzeichnung der Figuren, welche – und das sei hier lobend erwähnt – nicht statisch angelegt sind, sondern sich im Laufe des Buchs entwickeln. In erster Linie sind hierbei die temperamentvolle, wehrhafte und stolze Melisende zu nennen, die einen Reifungsprozess durchläuft, sowie der heroische, kämpferische, aber auch desillusionierte Raol, der zu sich selbst findet. Beide Figuren tragen den Roman, mit ihnen fiebern wir mit. Und es sind starke Figuren, die der Autor hier entworfen hat. Neben diesen beiden Hauptfiguren treten noch weitere Charaktere hinzu, die ebenfalls facettenreich gestaltet wurden: der manipulative und gerissene König Baudouin II., dessen Verhältnis zu seiner Tochter sich im Laufe des Buchs positiv entwickelt, der diplomatisch geschickte und kühne Usama ibn Munqidh, Neffe des Emirs von Schaizar und dessen schlauer Verhandlungsführer, der durchtriebene Qilitsch ad-Din Mahmud, ein Verwandter des Emirs von Damaskus, sowie nicht zuletzt der arrogante und berechnende Foulques d’Anjou, potentieller zukünftiger Ehemann von der Thronerbin Melisende. Das Figurenensemble ist insgesamt gut aufeinander abgestimmt und konnte mich beim Lesen absolut überzeugen. Auch die Idee, fiktive und reale Charaktere miteinander zu vermischen und miteinander in Interaktion treten zu lassen, fand ich reizvoll. Zudem ist dem Autor positiv anzurechnen, dass er sich darum bemüht, die Charaktere der Figuren möglichst realistisch erscheinen zu lassen und sich bei seiner Charakterisierung an den realen Vorbildern orientiert.
Lediglich die Figur des Bräutigams, Foulques d’Anjou, hätte durchaus noch stärker ins Blickfeld des Autors geraten können. So wird er im ersten Drittel des Buchs als interessante Figur eingeführt, gerät dann aber im Laufe der Handlung immer mehr in den Hintergrund. Das fand ich etwas schade. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft das Ende des Romans. So hätte ich mir eine andere Gestaltung des Beziehungsverhältnisses von Baudouin II. und Raol gewünscht. Abschließend möchte ich bemerken, dass ich mir noch Literaturhinweise am Ende des Buchs gewünscht hätte. So wüsste man, auf welche Quellen sich der Autor bei seinen Recherchen gestützt hat, und könnte als interessierter Leser evtl. auch noch das ein oder andere Buch ausfindig machen, das man begleitend als vertiefende Lektüre liest, um den historischen Hintergrund besser nachvollziehen zu können. Ich hätte mir z.B. gerne noch etwas Hintergrundwissen zu Melisende angelesen.
Fazit: Ein äußerst lesenswertes Abenteuer, mit starken Hauptfiguren und nur kleinen Schwachstellen, bei dem man beiläufig und sehr anschaulich historisches Wissen über die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kreuzzug vermittelt bekommt.
Skurriles Kammerspiel
Das Geschenk von Alina Bronsky
Die Erzählung „Das Geschenk“ von Alina Bronsky ist eine feinsinnige und tiefgründige Geschichte über das Auseinanderleben in Partnerschaften und in Freundschaften. Im Zentrum steht das Paar Kathrin und Peter, die aus einem schlechten Gewissen heraus, einen alten Freund namens Klaus zu Weihnachten besuchen, damit dieser nicht allein ist.
Zu ihrem Erstaunen müssen sie dann aber bei ihrer Ankunft feststellen, dass Klaus nach dem Tod seiner vorherigen Frau Almut nicht mehr alleine lebt, sondern mit Sharon inzwischen eine neue, deutlich jüngere Partnerin gefunden hat. Dieses Ereignis setzt dann ein skurriles Miteinander in Gang, bei dem kein Fettnäpfchen ausgelassen wird. Mit schonungsloser Offenheit stellt v.a. Peter unangemessene Fragen und die Entwicklung geht dahin, dass die Paare immer weniger Hemmungen im Umgang miteinander haben. Im Laufe der Erzählung wird der Kommunikationsstil nach meinem Empfinden immer weniger feinfühlig und diplomatisch, stattdessen immer direkter und teilweise kränkend. Es ist ein Kammerspiel, das in diesem Buch zelebriert wird, bei dem die Figuren subtil charakterisiert werden. Wie bei einer Zwiebel schält sich nach und nach immer mehr heraus, und es treten immer neue Verwicklungen zu Tage. Gleichzeitig wird deutlich, wie oberflächlich die Freundschaft vor allem von der Seite von Kathrin und Peter aus gepflegt wurde, das verbindende Element zwischen Klaus und Almut sowie Kathrin und Peter waren vor allem die Kinder, die gerne miteinander gespielt und gut harmoniert haben. Darüber hinaus bekommen wir als Leser auch einen Einblick in die krisenhafte Beziehung von Kathrin und Peter, die nur nach außen hin ein funktionierendes Paar abgeben. Deutlich wird vor allem, dass Peter in die Beziehung von Klaus und Sharon Dinge hineininterpretiert, die vor allem Rückschlüsse über ihn selbst zulassen, er projiziert, indem er seine eigenen innerpsychischen Konflikte auf die Gastgeber überträgt.
Fazit: Ein feinsinniges und tiefgründiges Kammerspiel, das man zwar recht schnell durchliest, das aber lange im Kopf nachklingt.
Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich
Kinderklinik Weißensee - Jahre der Hoffnung von Antonia Blum
Der historische Roman „Kinderklinik Weißensee. Jahre der Hoffnung“ von Antonia Blum spielt mit Ausnahme des ersten Kapitels in den Jahren 1918 bis 1919, also in einer Zeit des Umbruchs am Ende des Ersten Weltkriegs und zu Beginn Novemberrevolution, die letztlich zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich führte.
Als medizinische Themen werden die Bekämpfung der Spanischen Grippe sowie der Typhus-Krankheit und nicht zuletzt der Umgang mit einer Rückenmarksverletzung in die Handlung integriert.
Als Hauptfiguren agieren zwei Schwestern: die umsichtige und kompetente Kinderkrankenschwester Emma sowie die durchsetzungsstarke und fleißige Marlene, angehende Kinderärztin im Praktikum. Hinzu kommt der Partner von Marlene, Maximilian, der zu Beginn des Buchs als Lazarettarzt tätig ist und somit die Gräuel des Krieges hautnah erlebt. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg hat sich sein Wesen verändert, er wirkt traumatisiert, stürzt sich wohl auch aus diesem Grund in die Arbeit und distanziert sich immer weiter von seiner großen Liebe Marlene. Weitere zentrale Nebenfiguren sind der intrigante Oberarzt Waldemar Buttermilch, der Marlene das Leben schwer macht, der Nachbar Kurt Vogel, der für Emma Gefühle hegt und als Journalist für die Zeitung „Vorwärts“ arbeitet, sowie der Klinikdirektor Julius Ritter, der seine schützende Hand über Marlene hält und als eine Art Mentor fungiert. Das Figurenensemble ist recht groß, neben den genannten Figuren treten viele weitere auf; allerdings verliert man nie den Überblick oder ist als Leser gar überfordert. Das mag auch daran liegen, dass der Roman linear und personal erzählt wird, es kommt also zu keinerlei Wechseln der Erzählerstandorte oder Perspektivänderungen, so dass sich der Roman flüssig liest. Auch sind die Figuren gut aufeinander abgestimmt.
Warum ich den Roman aber nicht als sehr gut empfunden habe, hängt damit zusammen, dass für mich das Genre „Historischer Roman“ zu sehr vernachlässigt wird. Ich hätte die Erwähnung von mehr gesellschaftspolitischen Ereignissen zu jener Zeit besser gefunden. In meinen Augen handelt es sich mehr um einen „Liebesroman“, zumal dieses Thema im Lauf des Buchs einen immer größeren Raum einnimmt. Im Vordergrund stehen vor allem die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Max und Marlene sowie zwischen Emma, Tomasz und Kurt. Hinzu kommt dann noch das Intrigenspiel um Waldemar Buttermilch. Mich hätten weitere Patientenschicksale, ähnlich wie das von Frieda Kunze oder das von Theodor, mehr interessiert. Auch hätte man in meinen Augen die dunklen Seiten der Spanischen Grippe noch näher ausführen und mehr beleuchten können. Mir erschien das im Roman dargestellte gesellschaftliche Leben noch zu normal. Auch die dunklen Seiten des Krieges hätten nach meinem Dafürhalten noch stärker zum Ausdruck gebracht werden können. Zwar wird an Max deutlich, dass er von dem Erlebten traumatisiert wurde, aber das erlebte Leid wird mir zu wenig konkretisiert und zu wenig beschrieben. Ich hatte während des Lesens den Eindruck, dass die Autorin die Leser zu sehr schonen wollte, die „heile Welt“ um Emma und Marlene sollte nicht zu sehr ins Wanken geraten, Herausforderungen und Krisen sollten lösbar bleiben, beim Leser sollten keine negativen Gefühle erzeugt werden. Zwar werden am Rande auch negative Geschehnisse erwähnt, doch das meist so oberflächlich, dass sie nicht unter die Haut gehen. So zumindest habe ich es beim Lesen empfunden.
Allerdings will ich nicht unerwähnt lassen, dass es auch Ausnahmen gab, also Passagen, die mich durchaus als Leser mitgenommen und emotionalisiert haben: Die Einlieferung von Frieda Kunze mit der Diagnose Rückenmarksschock und die möglichen Folgen, die Notoperation bei Theodor sowie die ungerechte Sonderprüfung von Marlene. Solche lesenswerten Stellen hätte ich gerne noch mehr im Buch vorgefunden. Und ich hätte es auch verkraftet, wenn nicht immer alles gut ausgeht. Schließlich gehören doch zum Beruf des Arztes auch Rückschläge.
Fazit: Ein Roman, der für mich mehr in Richtung „Liebesroman“ als in Richtung „Historischer Roman“ tendiert, der aber starke Frauenfiguren, ein gut abgestimmtes Figurentableau und einen interessanten historischen Kontext aufbietet. Auch gibt es durchaus erzählerische Highlights, also Passagen, in denen der Leser emotional mitgenommen wird.
Popliteratur mit Metaebene
Liebe Rock von Tom Zürcher
Der Ich-Erzähler Timm zieht in eine WG zu Rock, in die er sich dann verliebt. Problem dabei: Sie ist schon mit Marc zusammen. Heraus kommt eine turbulente Dreiecksbeziehung, die durch interessante Charaktere besticht, die Emotionen auslösen können. Da ist der Ich-Erzähler, der Schriftsteller werden will, aber nicht sehr ernsthaft dabei wirkt, wenn es um die Umsetzung seines Plans geht.
Und da sind die mütterliche Rock sowie Marc, der Freund von Rock, und damit Konkurrent. Beachtlich bei diesem Figurenensemble ist, wie sie einander auf den Gefühlen herumtrampeln, ohne Rücksicht zu nehmen. Rock wirkt unnahbar und zu Beginn unsympathisch, sie verletzt andere, indem sie Seitensprünge begeht; Timm ist ebenfalls rücksichtslos und er verhält sich verantwortungslos, als er sich schamlos bei Marcs Dissertation bedient, um seinen Roman fertigzustellen. Noch dazu lügt er oft hemmungslos, um einen Vorteil daraus zu ziehen. Er macht sich fortwährend Hoffnung auf eine Beziehung mit Rock, und das auch noch zu einem Zeitpunkt, als völlig klar ist, dass sie nichts von ihm will. Für Rock ist Timm eher ein hilfsbedürftiges Kind, um das sie sich kümmern muss. Als Leser verspürt man durchaus Wut, mal auf die eine oder andere Figur, oder auch Mitleid. Der einzige, der einen korrekten Eindruck macht, ist Marc, dem man lediglich vorwerfen könnte, dass er viel zu nett ist und zu wenig Stolz aufweist. Lobenswert ist auch die Darstellung der Dynamik in der Beziehungskonstellation, zwischen Marc und Timm kommt es regelmäßig zu Konflikt und Versöhnung, Marc und Rock führen v.a. zu Beginn des Romans eine regelrechte on/off-Beziehung und auch zwischen Timm und Rock erleben wir ein ständiges auf und ab sowie hin und her. Gegen Ende des Romans sind die Fronten dann geklärt und die Dynamik verliert an Bedeutung, dafür zeigt sich umso mehr Timms Realitätsverlust. Das ist große erzählerische Darstellungskunst, auch weil die Oberflächlichkeit der Beziehungsverhältnisse gut herauskommt. Neben der Dreiecksbeziehung treten auch noch gut konzipierte Elternfiguren auf. Da ist die Mutter von Rock, die ihrer Tochter nicht verrät, wer ihr Vater ist. Und da sind Timms Eltern, der liebevolle Vater, der seinen Sohn unterstützt und immer an ihn glaubt sowie die Mutter, die dann stolz auf Timm ist, als er Erfolg als Schriftsteller hat. Hinzu kommt noch ein Kindheitstrauma von Timm, das auch seinen Bruder Beni betrifft, der wie ein Gegenentwurf zu Timm wirkt. Alles in allem also ein durchdachtes Figurenensemble, gut aufeinander abgestimmt.
Das zweite große Thema des Romans ist die Schriftstellerei. Hier offenbart der Roman mehr Tiefe, als man zunächst annimmt. Der gesamte Literaturbetrieb wird genüsslich und mit viel Komik auf die Schippe genommen und ins Lächerliche gezogen. Es zeigt sich z.B. dass der Inhalt des Romans von Timm letztlich kaum eine Rolle spielt, es geht in erster Linie darum, einen Effekt zu erzielen und im Feuilleton angemessen rezipiert zu werden. Am Beispiel von Timm sehen wir, was das mit einem Autor anstellen kann. Gleichzeitig wundern wir uns darüber, wie ihm der Erfolg in den Schoß zu fallen scheint. Hier enthält der Roman viele absurde Ideen und Passagen, über die ich schmunzeln konnte.
Doch der Roman bietet noch mehr: ein kunstvolles Arrangement von erzählerischen Stilmitteln. Neben den frechen Dialogen und kodderigen Schlagabtauschen wird auch die indirekte und wörtliche Rede inkorrekt verwendet. Doch das aus einem bestimmten Grund: Der Roman wirkt wie ein erster Entwurf, der noch nicht gelesen wurde, und das wiederum passt zum Spiel, was mit der Abgrenzung zwischen Erzählerinstanz und Instanz des Autors getrieben wird. Am Ende des Romans verschmelzen Fiktion und Wirklichkeit, der reale Autor tritt plötzlich zurück. Eine tolle Idee, die mir so noch nicht untergekommen ist. Hinzu kommen aber noch weitere Ideen: Das erste und das letzte Kapitel bilden einen in sich geschlossenen Rahmen, es entsteht eine Art Endlosschleife und mit dem Wissen aus dem letzten Kapitel, kann man den Roman ein zweites Mal mit anderen Augen lesen. Nicht zuletzt überzeugt die Idee der Countdown-Kapitel, die rückwärts gezählt werden. Und es gelingt dem Autor (wer immer es auch ist) die Handlung zum Ende auf einen Höhepunkt hin zu steigern. Eine geniale Idee gut umgesetzt.
Fazit: Der Roman hat mich vollends begeistert, weil er so viel mehr ist als nur ein schnodderig geschriebener weiterer Popliteratur-Roman.
Intensiver Psycho-Schlagabtausch
SCHWEIG! von Judith Merchant
In dem Thriller „Schweig!“ von Judith Merchant wird ein intensiver Psycho-Schlagabtausch zwischen der jüngeren Schwester Sue und ihrer älteren Schwester Esther zelebriert. Beide Schwestern sind dabei als Kontrastfigur angelegt, sie leben jeweils in ganz unterschiedlichen Welten, Esther mit ihrer vierköpfigen Familie in einer Wohnung in der turbulenten Stadt, Sue zurückgezogen und allein sowie kinderlos und frisch von ihrem Partner Robert getrennt, in einer Villa am Waldrand.
Kurz vor Weihnachten treffen sie aufeinander und sie haben sich eigentlich nichts zu sagen. Für beide ist es eine lästige Pflicht der Beziehungspflege, und das wird plausibel und nachvollziehbar erzählt. Esther besucht Sue unter dem Vorwand, dass sie sich Sorgen um sie macht. Immer wieder wird von ihr ein Vorfall auf dem letztjährigen Weihnachtsfest als Begründung für die Besorgnis angedeutet, über den wir als Leser erst nach und nach etwas erfahren. Sue hingegen will die übergriffige und neugierige Esther einfach nur loswerden. Dafür ist sie sogar bereit, sie anzulügen. Doch Esther durchschaut die Lüge, kehrt zu Sue zurück, nachdem sie zwischenzeitlich zu ihrem Mann Martin und den Kindern zurückkehren wollte. Als Sue ihr die Tür nicht öffnet, bricht sie sogar in ihr Haus ein. Der Psychokrieg steuert nun auf einen Höhepunkt zu: Es kommt zu einer Aussprache zwischen beiden, Sue beschließt in die Offensive zu gehen und Esther offen ihre Meinung zu sagen, scheinbar zum ersten Mal. Dabei wird klar, wie gut Sue ihre Schwester kennt und in der Lage ist, sie gänzlich zu durchschauen. Und die bis dato wenig selbstreflektierte Esther scheint daraufhin tatsächlich Einsicht zu zeigen, sie will sich ändern, sie stellt sogar kurzzeitig ihr eigenes Leben in Frage. Doch dann taucht plötzlich Martin bei Sue auf.
Was den Roman so besonders macht und ihm überhaupt erst große und atemberaubende Spannung verleiht, ist meiner Meinung nach die sehr gute erzählerische Gestaltung der Perspektiven. So wählt die Autorin für beide Schwestern jeweils die Ich-Perspektive, die einander abwechseln. So sind wir jeweils an die Sicht einer Figur gebunden und folgen mal den Gedanken und Gefühlen der einen mal der anderen Schwester und wir sehen als Leser auch, welche Bewertungen beide Schwestern jeweils übereinander treffen. Dabei wird z.B. deutlich, wie stark Esther Sue nach den ihr selbst vertrauten Maßstäben bewertet, also nach dem, was sie selbst für normal hält. Sie ist wenig selbstreflektiert und hinterfragt eigene Wertungen überhaupt nicht. Als Leser fühlt man sich vor allem zu Beginn des Romans wie eine Art Mediator. Man hört sich beide Seiten an und weiß nicht, was stimmt; das, was Sue über Esther erzählt, oder das, was Esther über Sue berichtet. Beispiel: Ist Sue nun wirklich depressiv oder stempelt Esther Sue nur als krank ab? Das personale Erzählen im Wechsel verhindert eine übergreifende Sicht auf beide Figuren und das ist für mich große Erzählkunst. Nur aus ihrem Verhalten sowie ihren Dialogen lassen sich Rückschlüsse darüber ziehen, welche Schwester wohl näher an der Wahrheit liegt. Als Hilfsangebot wird dem Leser nach einem Drittel des Romans auch noch die Perspektive von Martin dargeboten. Ab diesem Zeitpunkt wird dem Leser klar, dass Esther tatsächlich keine einfache Person ist, auch Martin wird von ihr eingeengt und kontrolliert, er wünscht sich mehr Freiheit. Allerdings zeigt sich auch, dass Sue kompromisslos agiert, wenn es darum geht, sich an ihrer großen Schwester zu rächen. Hinzu kommt, dass Esther ein Kindheitstrauma erlebt hat, das ihr Verhalten möglicherweise sogar in gewisser Weise verstehbar werden lässt. Darüber wird in einzelnen eingeschobenen Rückblick-Kapiteln berichtet. Was mich etwas ratlos zurückgelassen hat, ist lediglich das Ende des Romans. Nach einem Zeitsprung von einem Jahr folgen wir zunächst den Gedanken von Sue und dann denen von Esther. Für mich waren die Gedanken der jüngeren Schwester dabei nicht plausibel, nach allem, was sie mit ihrer Schwester erlebt hat und was sie zuvor über sie gedacht hat.
Fazit: Ein fesselnder Psychothriller mit einer ausgefeilten Figurencharakteristik und spannender erzählerischer Gestaltung
"Orange is the new black" in Russland
DAFUQ von Kira Jarmysch
Anja demonstriert und landet für 10 Tage im Arrest. Trauriger Alltag in Russland, in diesem Werk gut geschildert und aufbereitet. Die Autorin lässt dabei sicherlich auch viele eigene Erfahrungen einfließen. Das gefällt und lässt das Geschilderte sehr authentisch und realistisch wirken. Wer sich Einsichten in das Leben in Russland erhofft, wird mit diesem Buch nicht enttäuscht, Themen wie Alkoholismus, Korruption, Polizeiwillkür, Drogensucht, Homosexualität, Feminismus und Sexismus sowie das Männer-Frauen-Rollenverständnis werden durchaus am Rande erwähnt.
Detailliert werden die Abläufe in der Polizeidienststelle und im Gericht, die Aufnahmeprozedur in der Haftanstalt sowie der Alltag dort beschrieben. Was mich erstaunt hat: Die Ordnungshüter wirken bis auf einzelne Ausnahmen insgesamt recht nett, verständnisvoll sowie korrekt. Beschwerden der Häftlinge werden ernst genommen, Anträge werden weitergegeben und schnell bearbeitet. Dennoch gibt es einzelne schwarze Schafe, unter deren Willkür die Häftlinge zu leiden haben. Auch die Mitinsassinen verhalten sich Anja gegenüber freundlich und offen. Als sie in ihrer Zelle ankommt, wird munter small-talk über die Haftgründe geführt, Scharade folgt, man bietet Anja sogar Tee an. Die Atmosphäre wirkt insgesamt wohlig warm, nur der psychische Zustand von Anja verschlechtert sich zusehends. Doch darauf komme ich weiter unten zurück.
Im Zentrum der Handlung steht Anja, ihren Gedanken und Gefühlen folgen wir vor allem als Leser. In eingeschobenen Rückblicken erfahren wir auch etwas über ihre Vergangenheit, vor allem über ihre verschiedenen Jugendsünden, ihre schwierige Dreiecksbeziehung mit Sonja und Sascha sowie über das Beziehungsverhältnis zu ihren Eltern, besonders das zu ihrem Vater. Neben Anja bekommen die Mitinsassinnen Irka und Maja noch viel Raum in dem Roman; am Beispiel von Irka wird uns eine gescheiterte Existenz vorgeführt, sie ist ein Opfer, abhängig von Tabletten und Alkohol, die sich sogar dafür prostitutiert und auch Misshandlung erlebt hat. Maja erscheint dem Leser hingegen als eine Art „Barbie-Püppchen“, die in sich selbst mit Schönheitsoperationen investiert, von ihren merkwürdigen geschäftlich-romantischen Beziehungen zu Männern erzählt und dabei ein absurdes Männerbild und Frauenrollenverständnis offenbart.
Der erzählerische Höhepunkt des Romans ist für mich aber die Darstellung der Verschlechterung des psychischen Zustands von Anja; spätestens im letzten Viertel des Romans, als sie allein in ihrer Zelle sitzt, weil die anderen Insassinnen bereits entlassen wurden, tritt ihr labiler innerer Zustand immer deutlicher zutage. Immer stärker fühlt sie sich der Willkür der sog. „Diensthabenden“ ausgeliefert, sie scheint das Zeitgefühl zu verlieren. Meisterhaft wird erzählt, dass Anja plötzlich Zusammenhänge entdeckt, wo keine sind, wie sie mystische Gedankengänge entwickelt, sie nimmt merkwürdige Zufälle wahr, sie erlebt Stimmungsschwankungen, Grübeleien, assoziative Erinnerungsketten, innere Angespanntheit, Manie und Größenwahn. Ihre Wut gipfelt letztlich sogar in der Vorstellung eines Mords. Und ich finde plausibel, dass man in einer solchen Situation von Isolation solche depressiv-psychotischen Gedanken entwickelt, zumal Anja bereits im Vorfeld, als ihre Mitinsassinnen noch anwesend waren, in Form von Halluzinationen dem Leser zu erkennen gibt, dass es ihr psychisch nicht gut geht.
Fazit: Ein Roman, der einen Einblick in das heutige Russland gewährt, vor allem in den Haftalltag von Arrestierten und darin, welch psychische Belastung ein solcher Aufenthalt für den/die Betroffene(n) sein kann.
Pexton - ein rücksichtsloser Konzern
Wie schön wir waren von Imbolo Mbue
In dem Roman „Wie schön wir waren“ von der Autorin Imbolo Mbue stehen der Werdegang der starken Frauenfigur Thula als Revolutionsführerin und der ihrer Familie, die mit Unterstützung des Dorfes Kosawa gegen den Ölkonzern Pexton und die Regierung kämpfen, im Zentrum. Das Dorf leidet unter den Verunreinigungen, die durch die Ölbohrungen auf den naheliegenden Ölfeldern verursacht werden, viele Kinder sterben – bedrückend geschildert – an trockenem Husten und Fieber.
Doch der Ölkonzern hat nur warme Worte für das Leid der Dorfbevölkerung übrig, sagt keine konkreten Hilfen zu und beutet das Dorf schamlos weiter aus. Erzählt wird in den Kapiteln aus den Blickwinkeln der einzelnen Familienmitglieder von Thula und auch aus der Sicht ihrer gleichaltrigen Freunde. Dadurch entsteht ein gefälliges komplexes Zusammenspiel verschiedener Perspektiven. So kommt der Onkel von Thula, Bongo, ebenso zu Wort wie ihre Mutter Sahel, die Großmutter Yaya und ihr jüngerer Bruder Juba, der selbst fast verstorben wäre. Beschrieben wird, wie sich die Gewaltspirale im Kampf gegen Pexton beständig weiter fortsetzt und noch verstärkt. Drei Männer aus dem Dorf, darunter Thulas Vater, verschwinden spurlos, als sie in der Hauptstadt Bezam bei Pexton vorsprechen und die Regierung zur Rechenschaft ziehen wollen. Daraufhin werden drei Mitarbeiter von Pexton im Dorf als Geiseln genommen, um sich zu rächen und Verbesserungen zu erzwingen. Nach dem Erscheinen eines lokalen Zeitungsberichts kommt es zu Verhaftungen, Todesurteilen und genau in der Mitte des Buchs zu einer weiteren schweren Gewalteskalation, die das ganze Dorf traumatisiert. Gleichzeitig erfahren wir, wie ein Keim von Hoffnung entsteht, als Thula zum Schulbesuch und Studium in die USA geschickt wird und die „Aktion Neuanfang“ nach der Gewalteskalation für Verbesserungen im Dorf Kosawa sorgen will. Wir verfolgen die Entwicklung Thulas zu einer belesenen Revolutionsführerin, die fortwährend und vor allem nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatdorf für das Wohl Kosawas sorgt. Dabei ist sie stets unermüdlich, auch wenn es immer wieder herbe Rückschläge gibt, z.B. in Form von Gewaltanwendungen oder juristischen Zermürbungstaktiken von Seiten des Konzern Pexton. Sie hat die Idee einer revolutionären Bürgerbewegung, mobilisiert Einwohner zu Demonstrationen, schaltet einen New Yorker Anwalt in den Fall ein und gründet sogar eine Partei. Alles in allem besticht die Darstellung dadurch, dass man als Leser emotionalisiert und v.a. aufgerüttelt wird. Mich machte das Geschriebene häufig fassungslos, insbesondere hatte ich großes Mitleid mit der leichtgläubigen und abergläubischen Dorfbevölkerung, die nicht recht weiß, wie sie sich verteidigen soll und deshalb als leichtes Opfer eines rücksichtslosen Konzerns erscheint und aus der Verzweiflung heraus zu Gewalt greift. Neugierig und hoffnungsvoll verfolgte ich über das gesamte Buch hinweg den Werdegang Thulas, dabei fand ich vor allem gut erzählt, wie sie in Briefform weiter mit ihren Freunden aus dem Dorf Kosawa Kontakt hält und von ihrer Begegnung mit dem fremden Amerika berichtet. Sie hat mir als starke Frauenfigur imponiert, die ein klares Ziel verfolgt und sich auch nicht davon einschüchtern lässt, dass ihr als Frau von der patriarchalisch geprägten Gesellschaft nur wenig zugetraut wird. Interessant fand ich auch den Einblick, den man in die Kultur der Dorfbevölkerung erhält. Denn Themen wie Sexualität, Männer-Frauenrollen, Korruption, Vetternwirtschaft, Altenpflege, Umgang mit Älteren, Hochzeit, Beerdigungen und Totenfeiern sowie Mannwerdungsrituale werden ebenfalls am Rande erwähnt. Besonders aufschlussreich fand ich in diesem Zusammenhang die Erzählungen der Großmutter, die Erinnerungen an frühere Zeiten Revue passieren lässt und dabei Themen wie Sklaverei, Missionierungsversuche, Zwangsarbeit auf Kautschukplantagen und Enteignung anspricht.
Fazit: Ein Buch, das emotional aufrüttelt, zum Nachdenken anregt und das Mitleid, Fassungslosigkeit und Wut beim Lesen erzeugt sowie Einblicke in Kultur und Gesellschaft bietet. Keine leichte Kost!
Kampf um Befreiung
Schwarzes Herz von Jasmina Kuhnke
Mit dem Roman „Schwarzes Herz“ präsentiert Jasmina Kuhnke die Lebensgeschichte einer Ich-Erzählerin, die verschiedene Formen von Gewalt und Ausgrenzung in allen Lebensbereichen erlebt, sei es in der Familie, in der Schule und in der Partnerschaft. Zentral ist dabei ihr Kampf um Befreiung, die Entwicklung vom Opfer häuslicher Gewalt hin zu einem selbstbestimmten Leben.
Das Thema der Gewalt ist in diesem Buch allgegenwärtig und ich als Leser habe mich irgendwann gefragt, wie viel eine Person im Leben aushalten kann, wie viele Rückschläge die Protagonistin denn noch wegstecken muss, vor allem als sie auch noch aus gesundheitlichen Gründen ihren geliebten Laufsport, in dem sie Erfolgserlebnisse hatte, aufgeben musste. Ich habe beim Lesen mitgelitten und ich war regelrecht froh, dass es nicht nur um die tragische Geschichte eines sozialen Abstiegs ging, sondern dass im letzten Viertel des Buchs noch ein Akt der Befreiung folgte. Über weite Strecken ist die schwarze Ich-Erzählerin, die schon früh ihren Vater verloren hat, aber eingeschüchtertes Opfer, mit einem negativen Selbstbild. Sie schildert, wie sie in die Beziehung zu ihrem ersten Mann, einem Rapper und Breakdancer mit einem gewalttätigen Ruf, hineinrutscht, für den sie sich verbiegt, dem sie sich völlig unterordnet und das, obwohl er mit ihr in abfälliger Weise spricht, überhaupt keinen Respekt vor ihr hat, sie psychisch unter Druck setzt und körperlich misshandelt. Sie hat Angst vor ihm, gerät in immer größere Abhängigkeit und agiert dabei hilflos. Besonders beklemmend und erschütternd fand ich in diesem Zusammenhang die Schilderung, als sie sich mit ihrer zweijährigen Tochter vor dem tobenden Ehemann verstecken muss und dann aus dem Fenster die Flucht ergreift. Erst als es fast zu spät ist, trennt sich die Ich-Erzählerin von ihrem Mann und baut sich nach und nach ein neues Leben auf, in das auch bald ein neuer Mann tritt. Was ich nicht verstanden habe, ist jedoch, warum sie ihre Kinder am Wochenende weiter ihren Vater besuchen lässt und nicht um ein alleiniges Sorgerecht kämpft; vielleicht hat sie dafür keine Kraft mehr.
Auch zu Hause wird sie Opfer von Gewalt. Ihr Stiefvater demütigt sie öffentlich vor den anderen Familienmitgliedern, äußert ihr gegenüber rassistische Bemerkungen, legt sie sogar übers Knie oder zerrt sie am Ohr. Und dort, wo sie noch am ehesten Unterstützung hätte erleben können, wird sie ebenfalls rassistisch attackiert und ausgegrenzt: in der Schule. Als Konsequenz daraus kommt es zu Fehlzeiten in der Schule, zu Schulwechseln, zum sozialen Abstieg. Bedauerlich fand ich, dass die Ich-Erzählerin in ihrem Leben keine positiven Beziehungen erleben konnte, scheinbar gab es weder eine freundliche beste Freundin, noch einen hilfsbereiten Lehrer oder eine andere ihr zugewandte Person. Sie hat offensichtlich nicht das Glück, auf tolerante, normale Menschen zu treffen, nicht einmal im von ihr geliebten Laufsport, und gerät so in eine Abwärtsspirale. Die einzigen Ausnahmen in ihren Erzählungen sind lediglich die Grundschule sowie die Oma, die zu ihrer Enkelin hält. Die Mutter ist zu wenig präsent und arbeitet zu viel, um ihr eine Stütze zu sein. Und vom Bruder, der im ersten Viertel des Buchs zur Welt kommt, erfahren wir keine weiteren Hintergründe. So erscheint die Ich-Erzählerin die längste Zeit ihres Lebens isoliert und auf sich gestellt. Erst im letzten Viertel des Buchs trifft man auch auf positive Figuren, so z.B. auf den Nachbarn, der Lehrer an einer antroposophischen Schule ist und dann ihr neuer Stiefvater wird, sowie auf ihren zweiten Ehemann.
Was die sprachlich-erzählerische Gestaltung betrifft, möchte ich abschließend anmerken, dass in dem Buch stellenweise eine drastische und expressive Sprache gewählt wird, die nicht jedem Leser gefallen dürfte, die aber das Erlebte sehr eindrucksvoll veranschaulicht und Emotionalität zum Ausdruck bringt. In erzählerischer Hinsicht empfinde ich das Buch gelungen, das einzige, was mich hin und wieder gestört hat, waren die Zeitsprünge zwischen den knappen Kapiteln. So musste ich mich immer kurz zu Beginn eines Kapitels orientieren, in welcher Lebensphase der Ich-Erzählerin ich mich gerade befinde.
Fazit: Eine kraftvoll und emotional erzählte Schilderung einer Entwicklungsgeschichte voller Gewalt und Ausgrenzung: der schwere Weg der Ich-Erzählerin vom hilflosen Opfer hin zu einem selbstbestimmten Leben.











