Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Die deutsche Antwort auf John Grisham?
Der dreizehnte Mann von Florian Schwiecker; Michael Tsokos
Wer gerne Justiz-Krimis/Thriller liest, der kommt an John Grisham nicht vorbei. Problem hierbei: Die Handlung der Werke sind im amerikanischen Justizsystem angesiedelt, das spezielle Besonderheiten aufweist (z.B. der Einbezug einer Jury etc.). Mit dem Buch „Der 13. Mann“ legen Florian Schwiecker und Michael Tsokos nun einen Justizkrimi vor, der einmal das deutsche Gerichtswesen in den Blick nimmt.
Und beide Autoren steuern eine große Sachkenntnis bei, die man dem Werk anmerkt. So hat Schwiecker viele Jahre als Strafverteidiger gearbeitet und Tsokos ist Professor für Rechtsmedizin. Reizvoll und gleichzeitig erschütternd ist darüber hinaus, dass beide Autoren sich von einer wahren Begebenheit zu ihrem fiktiven Fall haben inspirieren lassen, was dem ganzen Sachverhalt einen hohen Realismus verleiht. Doch worum geht es überhaupt?
Anja Liebig, erfolgreiche Berliner Lokalredakteurin, steht kurz vor der Veröffentlichung eines Artikels mit brisantem Inhalt, als Jörg Grünewald, einer der beiden exklusiven Interviewpartner vermisst wird. Handelt es sich bei ihm etwa um die Wasserleiche, die später aufgefunden wird? Wollte ihn jemand verschwinden lassen? Zusammen mit Jörg Grünewalds Freund und Leidensgenossen Timo Krampe versucht die Journalistin Unterstützung bei Berlins bekanntesten Strafverteidiger Rocco Eberhardt zu finden, um mehr über das Verschwinden von Grünewald herauszufinden. Dabei soll die Polizei aus einem ganz bestimmten Grund nicht in die Suche eingeschaltet werden. Denn Jörg Grünewald und Timo Krampe sind Opfer und Zeugen eines bisher nicht aufgeklärten Verbrechens, eines Skandals, der bis in die Berliner Politik hineinreicht.
Die große Stärke des Thrillers ist in meinen Augen, dass der gesamte Fall von Anfang bis Ende und mit Blick hinter die Kulissen aller Beteiligten sehr kenntnisreich und kompetent dargestellt wird. In vielen anderen Krimis endet die Handlung mit der Überführung des Täters, doch in „Der 13. Mann“ gibt es als spannendes Finale mit überraschenden Wendungen am Ende noch die Gerichtsverhandlung. Mit Rocco Eberhardt wird die Perspektive des Strafverteidigers einbezogen. Tobias Baumann ergänzt diesen Blickwinkel durch seine Tätigkeit als Privatermittler. Dann haben wir noch Dr. Justus Jarmer, Gerichtsmediziner, durch den wir einen interessanten Einblick in die Abläufe gerichtsmedizinischer Obduktionen erhalten. Claudia Spatzierer, eine Freundin von Rocco, gewährt Einsicht in die Tätigkeit der Staatsanwaltschaft. Mit Anja Liebig, die als Lokalredakteurin seit fünf Jahren über Geschehnisse in der Hauptstadt berichtet, wird auch der Blickwinkel der Presse in die Handlung integriert. Und als ob das noch nicht reicht, wird mit Markus Palme, Spitzenkandidat der SPD und Anwärter auf den Posten des Bürgermeisters, noch die Berliner Lokalpolitik ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Das ist äußerst gelungen, das entstehende Bild des Falls ist auf diese Weise facettenreich. Und die Charaktere wirken auf mich alle lebensecht und nicht klischeehaft.
Was ich ebenfalls loben möchte, ist der Umstand, dass im Zuge der Ermittlung und der Verhandlung juristische Abläufe nachvollziehbar beschrieben werden. So erfährt man etwas über das Instrument der Nebenklage oder eines Befangenheitsantrags sowie über Verteidigungsstrategien. Diesen Einblick ins deutsche Justizsystem fand ich interessant. Und es ist einmal eine andere Herangehensweise, als die rein polizeiliche Ermittlung, wie sie in vielen anderen Krimis dargestellt wird.
Allerdings gab es auch Dinge, die mein Lesevergnügen etwas geschmälert haben. So fand ich schade, dass die Gespräche und Kontakte der beteiligten Figuren sich meist auf Sachebene bewegten. Meist geht es um Berufliches, das Privatleben spielt kaum eine Rolle. Eine Ausnahme bildete lediglich die Beziehung zwischen Rocco und Claudia. Auch hätte ich mir bei den Charakteren noch ein paar „Ecken und Kanten“ mehr gewünscht. Begeistert hat mich zum Beispiel das Zusammenspiel von Kamil Gazal, dem Gangsterboss, und Rocco Eberhardt. Davon würde ich in Zukunft gerne mehr lesen (vielleicht im nächsten Band). Gazal habe ich als reizvolle Figur wahrgenommen, die noch mehr Potential bietet. Ausbaufähig ist auch noch die Gestaltung der psychologischen Tiefe der Figuren. Diese könnte durch noch mehr innenperspektivische Einschübe erreicht werden. Nicht zuletzt gab es nach meinem Empfinden ein paar wenige Stellen, wo die dargestellten Situationen aus dramaturgischen Gründen etwas unrealistisch dargestellt wurden. Aber gut, das sind Spitzfindigkeiten.
Zum Schluss noch ein paar Worte zur erzählerischen Gestaltung: Der Schreibstil liest sich flüssig, auch animiert die Offenheit des Geschehens zum stetigen Weiterlesen. Hinzu kommt, dass die Kapitel eine angenehme Länge hatten, dadurch wird dem Geschehen eine gute Dynamik verliehen. Am Ende des Buchs zieht die Spannung spürbar an, auch ein paar Wendungen sorgen für Überraschungseffekte. Insgesamt also absolut solide!
Fazit: Ein Justiz-Krimi, in dem die Lösung eines Falls kenntnisreich und differenziert von Anfang bis Ende dargestellt wird. Wer einen Einblick ins deutsche Justizsystem erhalten möchte, ist hier genau richtig. Ich vergebe 4 Sterne und spreche eine Leseempfehlung aus!
Ein Thriller, der aus der breiten Masse herausragt
Kaltherz von Henri Faber
Thriller gibt es einige. Nur wenige ragen aus der breiten Masse heraus. „Kaltherz“ von Henri Faber ist ein solcher Thriller, der herausragt. Er vereint alle Zutaten, die ein genialer Thriller braucht, lediglich das Kriterium „innovativ“ könnte noch besser umgesetzt sein.
Hohe Spannungsintensität
Man ist von der ersten Seite an gefesselt, und diese Sogwirkung wird bis zum Schluss durchgehalten.
Das schafft nicht jeder Thriller. Und der Autor schafft es in meinen Augen sogar noch, die Intensität an Spannung im Laufe des Buchs zu steigern. Ab S. 250 habe ich so gebannt und besessen gelesen, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.
Unerwartete Wendungen und ein schlüssiges Ende
Jeder herausragende Thriller sollte unerwartete Wendungen bereithalten und die Erwartungen der Leser durchbrechen. Das Ende sollte so schlüssig sein, dass nichts offen bleibt und die Handlung plausibel abgeschlossen wird. Diese Punkte erfüllt „Kaltherz“ nicht nur, das Buch geht sogar nach meiner Meinung darüber hinaus, es wirbelt die Gefühlswelt des Lesers ganz schön durcheinander und stellt sie auf den Kopf.
Facettenreich gestaltete Figuren
Hier bietet „Kaltherz“ einiges Lobenswertes. Wir haben die Eltern, die ihre Tochter vermissen: Clara und Jakob. Beide sind als interessante Kontrastfiguren angelegt. Während Clara in Selbstvorwürfen versinkt und ihr Leben aufgrund der Verzweiflung am liebsten beenden möchte und depressiv wirkt, hält Jakob die Fassade aufrecht. Er ist karriereorientiert und lässt sich trotz des Schicksalsschlags nicht aus der Bahn werfen. Er verbiegt sich regelrecht für seinen Job, spielt nach außen die Show eines starken Mannes. Gelungen ist in meinen Augen die Darstellung der Paarbeziehung zwischen Jakob und Clara, die beide auf ihre individuelle Weise unter dem Verlust ihrer Tochter leiden und sich voneinander entfremden.
Hinzu kommt eine außergewöhnliche Ermittlerin: Kommissarin Kim Lansky, eine Einzelgängerin. Sie ist unangepasst, eigenwillig, impulsiv, eckt überall an. Den Fall übernimmt sie von einem verstorbenen Kollegen. Ungewöhnlich ist ihre Herkunft: Sie ist eine soziale Aufsteigerin. Sie benimmt sich rüpelhaft, teils durchtrieben. Ihre Ermittlungsmethoden sind ungewöhnlich und unkonventionell. Ihre Ausdrucksweise ist schnodderig. Im Umgang mit Clara und Jakob wirkt sie unbeholfen.
Dynamische erzählerische und sprachliche Gestaltung
Positiv hervorzuheben ist die geschickte mehrperspektivische Gestaltung. Außer der Perspektive von Clara, Jakob und Kommissarin Lansky wird uns auch der kindliche Blickwinkel der vermissten Marie dargeboten. Letzterer ist nur schwer auszuhalten, er ist bedrückend und verstörend zu lesen. Die Gestaltung des infantilen Sprachduktus ist in erzählerischer Hinsicht gelungen. Maries Verwirrung und Verunsicherung ist förmlich greifbar. Die Perspektiven werden im Wechsel dargeboten, wie es bei vielen mehrperspektivischen Thrillern der Fall ist.
Weitere Punkte, die ich hier als äußerst gelungen bewerte: Die Gestaltung von kurzen Kapiteln und Cliffhangern, die dem Geschehen eine gute Dynamik verleihen. Und ein dynamischer Schreibstil, der dem Erzählten ein hohes Tempo verleiht. Man findet viele asyndetische Reihungen und Parataxen, so dass ein stakkatoartiger Erzählton entsteht. Das steigert die Spannung an vielen Stellen noch einmal zusätzlich.
Was gibt es zu bemängeln? In meinen Augen fast nichts. Das einzige, worüber ich beim Lesen hin und wieder nachgedacht habe: Sind die Figuren nicht punktuell mal etwas überzeichnet, ist das alles noch lebensecht? Insbesondere Lanskys Stil, Ermittlungen auf eigene Faust und ganz alleine durchführen zu wollen, fand ich manchmal etwas naiv und gedankenlos. Allerdings hat mich dieser Punkt nicht so gestört, dass ich dem Thriller dafür einen Stern abziehen würde. Denn in meinen Augen wiegen die erwähnten Pluspunkte diesen „kleinen Makel“ wieder auf. Er erfüllt nach meinem Dafürhalten fast alles, was ein brillanter Thriller braucht. Lediglich das „innovative Element“ fehlt mir.
Fazit: Ein herausragender Thriller, der eine hohe Spannungsintensität, unerwartete Wendungen und ein schlüssiges Ende sowie eine dynamische erzählerische und sprachliche Gestaltung aufweist und der nicht zuletzt facettenreich gestaltete Figuren beinhaltet. Was will man mehr? Klare Empfehlung!
Vielversprechender Reihenauftakt für weibliche und männliche Dinosaurier-Fans
Die Dinoschule - Betreten für Eltern verboten! (Band 1) von Britta Sabbag
Das Kinderbuch „Die Dinoschule. Betreten für Eltern verboten“, geschrieben von Britta Sabbag und illustriert von Clara Vath, ist ein spannendes Buch, speziell für kleine Dinosaurier-Fans, das für mich ganz anders daherkommt als z.B. Bücher der mir bekannten Reihe „Das geheime Dinoversum“.
Was mir nämlich direkt positiv aufgefallen ist: Es gibt mit Onea auch einen weiblichen Charakter, mit dem sich vor allem auch junge Leserinnen bzw. Zuhörerinnen identifizieren können. Und Onea ist klug und zeigt den Jungen Tom und Freddy auch einmal, wo es lang geht. Das hat mir gut gefallen. Damit hebt sich das Buch, das den Auftakt zu einer vielversprechenden Reihe bildet, von der bereits genannten Reihe „Das geheime Dinoversum“ ab, in dem zwei abenteuerlustige Jungen im Vordergrund stehen. Tom, Onea und Freddy sind die Hauptfiguren in diesem Buch, sie besuchen die Reptilia-Schule auf der Insel Sauritius, auf der es noch echte Dinosaurier gibt. In der Schule lernen sie, wie sie auf der Insel überleben und wie sie sich Dinosaurier zu Gefährten erziehen. Gelungen ist, dass die drei Kinder ganz unterschiedlich sind. Wir haben den wagemutigen und etwas selbstgefälligen Tom, die kluge und durchsetzungsstarke Onea und den etwas eingeschüchterten und ängstlichen Freddy. Und die drei müssen zu einem echten Team zusammenwachsen. Das ist eine gelungene Idee!
Darüber hinaus ist lobenswert zu erwähnen, dass der Lebensweltbezug für die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer gewährleistet ist: Einerseits durch das beliebte Thema „Dinosaurier“, andererseits durch die Herangehensweise, die Handlung in einen Schulalltag einzubetten. Das macht das Buch vor allem für Schulkinder interessant, aber auch für solche, die bald eines werden wollen. Und ohne hier zu sehr Klischees bedienen zu wollen, aber ich glaube, dass das Buch besonders auch für Mädchen von Interesse ist, weil Onea, Tom und Freddy sich einen Gefährten suchen müssen, auf dem sie dann reiten.
Geglückt ist ebenfalls, dass am Ende des Buchs in einer Zusammenschau noch einmal alle Reptilien, die im Buch auftauchen, in kurzen Informationstexten präsentiert werden.
Außer dem vielversprechenden Inhalt weist das Buch auch eine kindgerechte Sprache auf. Der Wortschatz ist altersangemessen. Die Sätze sind nicht zu verschachtelt. Was mir noch aufgefallen ist, ist der Umstand, dass an vielen Stellen doch ein recht umgangssprachlicher Sprachduktus vorkommt (Beispiel: „Diese Saurierart wird auf der Insel auch Slow-Motion Art genannt, weil sie wirklich alles im ultralangsamen Tempo macht“, S. 112). Das wird nicht jedem zusagen, mich hat es stellenweise auch gestört, aber die Sprachgestaltung wirkt dadurch sehr salopp. Es kommt zudem viel wörtliche Rede vor, die das Geschehen sehr lebendig wirken lässt. In meinen Augen hätte der Wortschatz sogar ruhig noch etwas anspruchsvoller sein können, schließlich geht es um die Erforschung von Dinosauriern. Da schadet ein wenig Hintergrundwissen zur Paläontologie in meinen Augen nicht. Und noch eine kritische Anmerkung, die aber vielleicht nur mir negativ auffällt: Interjektionen müssen nicht durch Vokal- oder Konsonantenhäufungen intensiviert werden. Das Schriftbild von solchen Wörtern wie „Scheeiiiiiisssseeeeee!“ (S. 97), „Ohhhhhhh!“ (S. 87), „Essseeeeen!“ (S. 108) etc. hat mich tatsächlich sehr gestört.
Zu den Illustrationen: Diese sind lebensecht, anmutig, farbenreich und prächtig gestaltet, auffällig sind vor allem die kräftigen Farben. Was ich auch positiv finde: Auf fast jeder Seite gibt es ein Bild zu betrachten, was das Zuhören für die Kinder nach meiner Erfahrung deutlich angenehmer gestaltet. Auch wenn es teilweise nur kleine Bilder sind. Insgesamt enthält das Buch immerhin 95 Zeichnungen auf 117 Seiten. Großflächige Bilder, die ca. eine halbe Seite umfassen, gibt es aber nur relativ wenige: insgesamt 11.
Das einzige, was ich etwas schade finde: Es gibt wenige Fakten zu den Dinosauriern, obwohl es sich in Zusammenhang mit den erwähnten Tieren eigentlich angeboten hätte (z.B. Größe, Gewicht, Länge etc.). Dadurch unterscheidet sich das Buch von vielen anderen Dinosaurierbüchern, die ich kenne. Das kann man gut finden, aber nach meiner Meinung gehören ein paar imposante Eckdaten einfach dazu, um z.B. das gewaltige Ausmaß der Echsen zu veranschaulichen.
Fazit: Ein spannendes Kinderbuch mit klarem Lebensweltbezug, das nach meinem Dafürhalten auch insbesondere Mädchen ansprechen dürfte, weil es eine weibliche Identifikations-Figur aufweist. Ich vergebe 4 Sterne!
Eingeschränkt faszinierende Reise durchs Universum
Das rätselhafte Universum von Ilja Bohnet; Thomas Naumann
Das Sachbuch „Das rätselhafte Universum“ von Thomas Naumann und Ilja Bohnet verspricht, das Weltbild der Physik für jedermann verständlich zu diskutieren (vgl. Klappentext). Nach meiner Einschätzung gelingt das jedoch nur in Ansätzen. Warum ich das so sehe? Weil das Buch außer einem gelungenen zweiten Teil, der ca.
150 Seiten umfasst, auch einen etwas zu kompakt geschriebenen ersten Teil aufweist, der ca. 100 Seiten umfasst und nicht immer verständlich ist.
Was den ersten Teil des Buchs (S.17-110) betrifft, finde ich gelungen, dass die Autoren auf den Begriff des „Welträtsels“ nach du Bois-Reymond zurückgreifen, um ihrem Buch einen roten Faden zu geben. So verfolgt das Buch Antworten auf die folgenden Leitfragen zu geben: „1.) Was ist das Wesen von Materie und Kraft? 2.) Was ist der Ursprung der Bewegung? […] Was hat den Urknall bewirkt? 3. Woher kommt das erste Leben? 4. Wiese ist die Natur anscheinend so absichtsvoll und zweckmäßig eingerichtet?“ (S. 21). Auch weist der erste Teil einige interessante Einblicke auf. Insbesondere dann, wenn es um die Einordnung der vorgestellten Theorien geht, also darum, welche Relevanz und Bedeutung bestimmte Erkenntnisfortschritte hatten, empfand ich die Darlegung oft als gelungen. Besonders die Resümees am Ende eines Teilkapitels sind dafür sehr hilfreich.
Grundsätzlich weist der recht theoretische Text des ersten Teils aber in meinen Augen eine zu dichte Schreibweise, also einen zu hohen Informationsgehalt auf. Denn die Autoren bemühen sich darum, den Lesern in einem 70-seitigen informationsreichen, teils historischen Abriss mal eben so die Grundlagen des Makrokosmos und der Kosmologie sowie des Mikrokosmos und der Teilchenphysik näherzubringen. Hinzu kommt noch ein 16-seitiger Exkurs in die Physik um 1900, in dem die Relativitäts- und die Quantentheorie recht abstrakt erklärt werden. Das Vorhaben dieses ersten Teils ist in meinen Augen einfach zu ambitioniert und als Laie ist man rasch von den vielen Fachbegriffen überfordert. Um den Text gedanklich durchdringen zu können, ist einfach zu viel Vorwissen nötig.
Da finde ich den zweiten Teil des Buchs (S.111-248) deutlich besser. Warum? Weil der Text weniger theoretisch ist und die Autoren viele interessante Gedankenspiele anstellen, die auch für Laien meist verständlich sind. Auch wird deutlich, dass die Autoren ziemlich aktuell sind, so wird beispielsweise das James-Webb-Teleskop erwähnt. Auch im Literaturverzeichnis werden neben älteren Titeln auch einzelne Titel aus den Jahren 2019-2021 aufgeführt. Das finde ich lobenswert!
So wird im ersten Teilkapitel mit dem Titel „Was sind Raum und Zeit“ z.B. der Frage nachgegangen, ob unser Universum eine Krümmung hat, wie diese aussehen könnte und warum wir eigentlich in drei Dimensionen leben. Interessant fand ich in diesem Zusammenhang auch den Einbezug der Überlegungen von Immanuel Kant aus dem 18. Jh. Auch die Ausführungen über die dunkle Materie und die dunkle Energie im zweiten Teilkapitel („Woraus besteht das dunkle Universum“) fand ich sehr spannend, wenn auch nicht immer im Detail verständlich. Mir war z.B. nicht klar, dass die dunkle Energie die Expansion des Universums noch einmal beschleunigt hat (vgl. S. 149). Im nächsten schon fast philosophisch angehauchten Unterkapitel („Leben wir in der besten aller Welten“) verdeutlichen die Autoren sehr kenntnisreich, dass schon sehr viele Zufälle nötig waren, um ein Universum zu erschaffen, das uns unser Leben darin ermöglicht. Mit Faszination habe ich die Ausführungen über die Multiversums-Hypothese gelesen (vgl. S. 169 ff.). Danach folgt eine Darstellung zu der Frage „Was ist der Ursprung des Lebens“ (S. 178-198). Natürlich darf in diesem Kontext auch nicht fehlen, danach zu fragen, ob wir allein im Weltall sind. Im nächsten Teilkapitel widmen sich die Autoren dann den Naturgesetzen. Folgende Leitfragen sind für sie von Relevanz: „wer hat schon einmal ein Gesetz gesehen? Geschweige denn den Gesetzgeber? Warum glauben wir dann an die Existenz von Naturgesetzen? Und lassen sich alle Gesetze der Natur erkennen? Woher wissen wir, ob ein Gesetz wahr ist? Gibt es ein Gesetz der Gesetze, eine Weltformel?“ (S. 199). Faszinierend zu lesen. Im vorletzten Unterkapitel („Ist Schönheit ein Kriterium der Wahrheit“) gehen die Autoren der Idee auf den Grund, ob die Natur den Idealen von Einfachheit und Symmetrie folgt. Und im letzten Teilkapitel („Was ist die Zukunft des Universums“) wird ein Blick in die Zukunft des Universums gewagt: „Hat es [das Universum, Anm. d. Verf.] ein Ende? Oder beißt es sich zum Schluss wie unsere kosmische Schlange in den eigenen Schwanz und kehrt zurück an seinen Ursprung?“ (S. 240).
Der zweite Teil des Buchs hat mich also mit dem ersten Teil, der einfach zu abstrakt, theoretisch und kompakt formuliert ist, versöhnen können. Er ist das, was das Buch ausmacht und worauf man bei der Lektüre seinen Fokus richten sollte. Die Autoren stellen viele interessante Gedankenspiele an, werfen reizvolle, lesenswerte Fragen auf, verweisen in ihren Kapiteln auch immer kenntnisreich auf Forscher (auch anderer Fachdisziplinen) aus früheren Jahrhunderten und nehmen uns Leser mit auf eine faszinierende Reise durch die Rätsel des Universums. Man sollte nach meinem Dafürhalten dabei jedoch nicht den Anspruch haben, jedes Detail verstehen zu wollen. Das kann nicht gelingen, vor allem, wenn man Laie ist. Aber man darf sich nicht zu sehr von unverständlichen Passagen, die durchaus auch vorkommen, abschrecken lassen. Gerade vor diesem Hintergrund haben sich die Autoren mit dem ersten Teil des Buchs selbst keinen Gefallen getan. Ich sehe schon die Gefahr, dass einige Leser verfrüht „das Handtuch werfen“. Deshalb hier noch einmal der Appell an alle, die an Kosmologie interessiert sind, aber wenig Vorwissen mitbringen: Konzentriert euch bei eurer Lektüre vor allem auf den zweiten Teil.
Abschließend noch eine Anmerkung zum wissenschaftlichen Handwerk. Ich hätte mir gewünscht, dass auch ein klarer, und v.a. verfolgbarer Quellenverweis aufgeführt wird, wenn mit Originalzitaten gearbeitet wird. Gerade wenn Forscher aus früheren Jahrhunderten zitiert werden, fehlen häufig Seitenangaben und der Verweis auf das herangezogene Werk. Ich kann mir kaum vorstellen, dass alle Zitate aus den Originalwerken zitiert wurden.
Fazit: Ein Buch, das nur in Ansätzen seinen Anspruch für „jedermann verständlich“ (vgl. Klappentext) einlösen kann. Der erste Teil des Buchs gerät zu abstrakt, kompakt und theoretisch. Er ist für Laien kaum verständlich. Der zweite Teil des Buchs ist jedoch gelungen und faszinierend zu lesen, v.a. für an Kosmologie interessierte Laien. Die Autoren stellen interessante Gedankenspiele an und erörtern kenntnisreich viele ungelöste Rätsel der modernen Physik.
Gelungener Auftakt zu einer vielversprechenden Reihe
Die Stoffis - Auf plüschigen Sohlen (Band 1) von Sabine Städing
Das Kinderbuch „Die Stoffis. Auf plüschigen Sohlen“, geschrieben von Sabine Städing und illustriert von Nadine Reitz, ist ein tolles, durchdacht konzipiertes Buch, bei dessen Lektüre sich bei mir sofort Assoziationen zu den „Bremer Stadtmusikanten“ und „Toy Story“ eingestellt haben. Kurz zum Inhalt: Alte, ausrangierte Stofftiere werden in einer Kiste ausgesetzt, sie flüchten dann vor der Müllabfuhr, begegnen weiteren herrenlosen Plüschtieren und beschließen dann gemeinsam ihr Glück in einem Spielzeugladen zu versuchen.
Die Idee ist gelungen, auch weil ein geeigneter Lebensweltbezug für die jungen Zuhörerinnen und Zuhörer existiert. Schließlich kennt doch jedes Kind das Gefühl, alte Stofftiere abzugeben oder auszurangieren. Doch was wird dann aus diesen? Hier knüpft das Buch hervorragend an, um das Vorstellungsvermögen der Kinder weiter herauszufordern.
Im Zentrum der Handlung stehen insgesamt fünf Tiere auf der Suche nach einem neuen Zuhause: Sunny bzw. Wunderfell (Einhorn), Minnie (der Kater), Helmut (der Hund), Melisande (Schildkröte), Sternchen (Seestern) und Rumpel (Bär). Jedes Kind wird aus diesem Angebot für sich ein Lieblings-Stoffi finden. Bei meinen beiden lagen Melisande und Helmut ganz weit vorn. Am deutlichsten ist die Charakterzeichnung in meinen Augen bei Sunny gelungen, er kommt selbstverliebt, eingebildet und stolz daher. Mit der Schildkröte wird beiläufig und unaufdringlich auch eine Art „Inklusions-Gedanke“ integriert, denn die anderen müssen immer mal wieder auf sie Rücksicht nehmen, ist sie schließlich nicht so schnell unterwegs.
Neben dem vielversprechenden Inhalt hält das Buch auch eine kindgerechte Sprache bereit, die aber auch genügend Herausforderungen bietet, um noch etwas dazulernen. So ist der adjektivische Wortschatz durchaus vielfältig und auch einmal anspruchsvoll (z.B. „vorwitzig“, „tappend“, „zugig“ „rasselnd“, „zimperlich“, „verdutzt“, „verstohlen“, „vornehmlich“, „verdrießlich“). Grundsätzlich kommt die anspruchsvollere Lexik (vgl. auch „Funken stoben“, „japsen“, „hieven“, „jauchzen“ etc.) aber nicht zu geballt und in größeren Abständen vor, so dass sie keine Überforderung darstellt. Und ich finde es gut, wenn die Kinder auf diese Weise auch noch ihr Sprachrepertoire erweitern können.
Als Themen zur vertiefenden Diskussion mit dem Nachwuchs bieten sich im Zusammenhang mit der Lektüre dieses Buchs die folgenden an: „Zusammenhalt“, „gegenseitige Hilfe“, „Freundschaft“. Auch das Ende ist gelungen und macht schon neugierig darauf, wie es weitergehen könnte. Mit diesem Auftakt scheint eine vielversprechende Reihe zu beginnen.
Noch einige wenige Sätze zu den bunten Zeichnungen, die wirklich putzig und liebevoll gestaltet wirken: Insgesamt enthält das Buch 31 Bilder auf 97 Seiten, auf den meisten davon sind die Stoffis zu sehen (auf insgesamt 24 Bildern von den 31 Bildern). Großflächige Bilder, die mehr als eine halbe Seite umfassen, gibt es relativ wenige: insgesamt 15. Was ich sagen will: Es gibt also durchaus auch einmal längere Leseabschnitte ohne Bild.
Dafür punktet das Buch aber wiederum mit motivierenden Belohnungsstickern, die nach jedem gelesenen Kapitel von den Kindern eingeklebt werden können, mit einer Vorlage für einen Steckbrief für das eigene Lieblingskuscheltier, den man als Lektüre-Nachbereitung mit dem eigenen Nachwuchs ausfüllen kann, und mit einem Rezept für Hafergrütze, das man gemeinsam mit den eigenen Kindern nachkochen und probieren kann. Das ist schon sehr durchdacht und geht weit über das „normale“ Vorlesen hinaus. Dafür ein großes Lob an die Macher dieses Buchs.
Bleibt abschließend noch ein Wort dazu zu sagen, ob die „Stoffis“ den Vergleich mit „Petronella“ standhalten können. Nach meiner Meinung ist „Petronella“ unschlagbar, die „Stoffis“ können da nicht ganz mithalten. Aber dennoch bleibt es ein sehr gutes Kinderbuch. Ich vergebe volle 5 Sterne.
Fazit: Ein sehr durchdacht konzipiertes Kinderbuch, das einen klaren Lebensweltbezug aufweist, tolle Charaktere als Identifikationsfiguren bereithält, das den Wortschatz der Kinder durchaus bereichern kann, das liebevoll gestaltete Zeichnungen enthält und das nicht zuletzt durch weitere Ideen wie Belohnungssticker, Steckbrief und Rezept besticht. Ganz klare Leseempfehlung!
Innovativer Justiz-Thriller
Thirteen von Steve Cavanagh
Steve Cavanagh legt mit „Thirteen“ einen Justiz-Thriller vor, der mich auf ganzer Linie überzeugt hat. Das Spannungsniveau bewegt sich auf einem sehr guten Level, das Finale ist grandios und bietet auch einige unerwartete Wendungen, die Hauptfiguren sind für einen Thriller absolut ansprechend und tiefgründig ausgestaltet und man erhält auch noch interessante Informationen zum Justizsystem in den USA.
Gut gefallen haben mir die beiden Figuren Eddie Flynn und Kane als sein bösartiger Gegenspieler. Eddie Flynn hat das Herz am rechten Fleck, folgt einem moralischen Kodex, doch sein Privatleben gestaltet sich weniger glücklich. Nicht nur, dass er ein Alkoholproblem hat, auch seine Ehe kriselt. Als ehemaliger Boxer kann er sich gut selbst verteidigen und als ehemaliger Trickbetrüger kennt er auch die Welt der Kriminalität, in die er sich gut hineinversetzen kann. Eddies Widersacher heißt Kane und er wirkt kaltblütig und äußerst intelligent. Als Psychopath mit Gewaltfantasien zeichnet er sich durch das besondere Talent aus, andere Menschen sehr genau imitieren zu können. Er schafft es, sich selbst in die Jury hineinzuschmuggeln und überwacht alles um den Fall herum sehr aufmerksam. Wir erfahren auch etwas über die triste Kindheit von Kane, in der er bereits mit Vorliebe Tiere ermordete. Was ihn unmenschlich wirken lässt: Seine angeborene Schmerunempfindlichkeit.
Positiv hervorzuheben ist auch, dass man dem Justiz-Thriller anmerkt, dass der Autor selbst Jurist ist. Kenntnisreich werden beiläufig viele interessante Informationen zum amerikanischen Justizsystem vermittelt, z.B. über die Besonderheiten einer abgeschotteten Jury. Wir erhalten einen Einblick in die Verteidigungsstrategie, z.B. was die Gestaltung einer Zeugenliste betrifft, wir lernen etwas über den Aufbau eines geschickten Ankläger-Plädoyers. Auch über die drei Phasen des Kreuzverhörs werden wir aufgeklärt. Das hat mir unheimlich gut gefallen.
Lobenswert ist auch die erzählerische Gestaltung des Thrillers. Die Perspektiven und Erzählstandorte wechseln permanent. Auf die Ich-Perspektive von Eddie, in der wir ganz nah am Strafverteidiger dran sind, folgt die etwas distanzierte Er-Perspektive von Kane. Dadurch wird geschickt Spannung erzeugt und ein- und dasselbe Geschehen wird aus zwei Blickwinkeln verdeutlicht. Das habe ich als Highlight des Buchs empfunden.
Grundsätzlich kann man sagen, dass Steve Cavanagh mit „Thirteen“ keinen „Einheitsbrei“ vorlegt, sondern viele kreative Ideen einfließen lässt, das Agieren von Kane innerhalb der Jury habe ich als innovativ empfunden, auch der Einbezug von korrupten Polizisten als Akteuren fand ich klasse. Was auch gut zum Ausdruck kam, war das Psychospiel zwischen Anklage und Verteidigung, v.a. wenn es um die Verhöre von Zeugen ging. Art Pryor als Ankläger wirkt anders als Eddie Flynn unsympathisch und schmierig.
Fazit: Ein Justizthriller, der mich vollkommen überzeugt hat, ich kann nichts Negatives an ihm finden. Ich vergebe volle 5 Sterne und spreche eine klare Leseempfehlung aus!
Motivierend gestaltetes Erstlesetrainingsheft
Ein Drache auf Burg Erbsenfels - Leserabe ab 1. Klasse - Erstlesebuch für Kinder ab 6 Jahren von Daniel Sohr
Das Buch „Ein Drache auf Burg Erbsenfels“, verfasst und illustriert von Daniel Sohr, aus der Reihe „Leserabe“ vom Ravensburger-Verlag ist eine gute Anschaffung, um mit ErstklässlerInnen das Lesen zu üben. Die Seiten sind nicht nur mit einer großen Schrift bedruckt, sondern auf jeder Seite wird auch nicht zu viel Text präsentiert.
Meistens sind es vier oder acht Zeilen pro Seite, die noch dazu in leserliche Absätze unterteilt sind, so dass der Nachwuchs einerseits nicht überfordert wird und andererseits rasche Erfolgserlebnisse hat. Darüber hinaus ist der Lesetext in insgesamt vier Kapitel aufgegliedert, die jeweils nach Abschluss mit Belohnungsstickern markiert werden können, was den jungen LeserInnen zusätzliche Motivation verleiht. Zudem enthält das Buch eine vielfältige, farbige sowie großflächige Bebilderung, die zum Inhalt des Gelesenen passt. Auch das motiviert. Inhaltlich hat mich das Heft ebenfalls überzeugt, weil es um einen Inhalt aus dem Bereich der Fantasie geht. Drachen und Burgen sind klassischer, kindgerechter Erzählstoff, der auch in anderen Kinderbüchern oft vorkommt (z.B. „Drache Kokosnuss“, „Ritter Rost“ etc.). Die Begegnung mit dem Drachen ist überraschend gestaltet, weil aus der anfänglichen Angst von Bruno rasch Vertrauen wird. Am Ende freunden sich beide sogar an. Nicht zuletzt bietet das Gelesene auch Anknüpfungspunkte, um den Inhalt weiterzudenken. So kann man beispielsweise über die Themen Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Vorurteile und Mut sprechen oder gemeinsam mit dem eigenen Nachwuchs überlegen, ob Bruno dem Drachen wohl nochmal begegnen wird und was dann passiert.
Das einzige, was ich kritisieren kann, sind die etwas zu lang geratenen Kapitel (Ausnahme: Kapitel 1 mit sechs Seiten Umfang und 34 Zeilen). Ich hätte es besser gefunden, wenn es kürzere (maximal 6 Seiten) und mehrere Kapitel gegeben hätte. Kapitel 2-4 haben immerhin einen durchschnittlichen Umfang von 10 Seiten bzw. 59 Zeilen: Kapitel 2 = 10 Seiten (58 Zeilen), Kapitel 3 = 12 Seiten (67 Zeilen), Kapitel 4 = 8 Seiten (52 Zeilen). Bei kürzeren Kapiteln hätten die Sticker dann auch noch einen stärkeren Belohnungseffekt bewirkt.
Fazit: Ein gelungenes Erstlesetrainingsbuch, das bis auf die teils langen Kapitel keine Wünsche offen lässt. Klare Empfehlung!
Spannender Kinder-Krimi
Sheltie - Wie Sheltie zu uns kam von Peter Clover
Das Kinderbuch „Sheltie – Wie Sheltie zu uns kam“ von Peter Clover mit Illustrationen von Nadine Reitz, erschienen im Kosmos-Verlag, ist ein hervorragendes Vorlesebuch. Es besticht durch eine spannende Geschichte, eine kindgerechte Sprache, viele, bunte putzige Zeichnungen sowie durch die liebenswerten Charaktere, allen voran das Shetlandpony „Sheltie“, das noch dazu überaus intelligent wirkt.
Emma freundet sich mit Sheltie im Laufe des Buchs immer mehr an und es entsteht eine innige Beziehung zwischen beiden. Spannend wird das Buch dadurch, dass Sheltie vom unfreundlichen Nachbarn, Herrn Krock, des Diebstahls bezichtigt wird. Denn Herr Krocks Kohlköpfe, mit denen er an einer Preisverleihung teilnehmen will, werden nach und nach gestohlen und keiner weiß, wer dahinter steckt. Es handelt sich also um eine Art Krimi, gemeinsam mit dem eigenen Nachwuchs kann man wunderbar rätseln, wer wohl der Täter ist. Und was ich bei meinen beiden beobachten konnte: Das Buch löst Emotionen aus, vor allem die Empörung über Herrn Krock war jedes Mal groß, ebenso wie das Mitgefühl für Sheltie. Das Buch bietet auch einige Anknüpfungspunkte, um mit den eigenen Kindern über weitere Themen zu sprechen, so z.B. über Freundschaft, falsche Anschuldigungen, Vorverurteilung, Versöhnung.
Außer dem Inhalt überzeugt auch die Aufmachung. Auf fast jeder Seite findet man schön gestaltete, textunterstützende Bilder (47 Bilder auf 95 Seiten). Auf den meisten davon ist Sheltie zu sehen (auf 21 von 47 Bildern), grundsätzlich sind die Illustrationen realitätsnah gehalten. Die meisten Zeichnungen sind jedoch recht klein, es gibt nur wenige großflächige Bilder, die mehr als eine halbe Seite ausfüllen (insgesamt 8 Bilder sind großflächig). Es ist also schon so, dass teilweise viel Text auf den Seiten präsentiert wird, was aber durch das große Schriftbild wieder etwas relativiert wird.
Positiv aufgefallen ist mir auch die gut verständliche, kindgerechte Sprache. (Verbaler, adjektivischer und substantivischer) Wortschatz und Satzkonstruktionen sind einfach gehalten, meist handelt es sich um einfache Hauptsätze, selten findet man Nebensätze. Dies macht das Buch in meinen Augen auch für jüngere Kinder ab 4 Jahren gut verständlich.
Fazit: Ein schön gestaltetes Kinderbuch, das mit einer spannenden Geschichte aufwartet, das beim jungen Publikum Emotionen beim Zuhören auslöst und das ein liebenswertes, intelligentes Pony als Sympathieträger aufweist. Klare Leseempfehlung!
"Geld regiert die Welt"
Das Bitcoin-Komplott von Andreas Brandhorst
Was würde passieren, wenn eine verschwörerische Gruppierung versuchen würde, Bitcoin als neue Leitwährung durchzusetzen? Und wer ist Satoshi Nakamoto, der Erfinder der Digitalwährung? Um diese Fragen geht es in den neuen Thriller von Andreas Brandhorst, Titel: „Das Bitcoin-Komplett“. Doch leider kann das aktuelle Werk nicht mit dem fulminanten Thriller „Das Erwachen“ (vgl.
dazu eine frühere Rezension) mithalten. Woran liegt das?
Brandhorst hat mich als Leser mit den vielen Personen und Fakten überfordert – im Personenregister sind 44 Figuren aufgeführt (!). Vielleicht mag es anderen LeserInnen anders gehen, aber ich empfand die Gruppierung, die sich um den mysteriösen Magnaten Francis Forsythe versammelt und aus sieben Personen besteht, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen und auf Widerstände stoßen, als zu weitschweifig angelegt. Der Autor gestaltet darüber hinaus zwei parallele Handlungsstränge, die sehr lange keine Berührungspunkte miteinander haben, und stellte mich damit beim Lesen auf eine sehr harte Geduldsprobe. Denn ich wollte wissen, wie nun alles zusammenhängt und nicht immer wieder neue Personen begleiten, deren Handeln mir auch nicht immer gänzlich klar geworden ist. Ich hätte es besser gefunden, wenn man weniger Figuren intensiver begleitet als viele Figuren nur knapp und oberflächlich. V.a. wirkt sich die Anzahl der Figuren auch auf die Qualität der Charakterzeichnung negativ aus, mit Ausnahme von Martin Freeman und Francis Forsythe bleiben die übrigen Figuren sehr flach, das fand ich schade. Ich empfand das dargestellte Katastrophenszenario auch insgesamt als zu abstrakt, mir fehlte eine nachvollziehbare, plastische, lebendige Beschreibung der konkreten Auswirkungen der Krise bzw. Verschwörung auf die Menschen und auf die Gesellschaft.
Die ersten 400 Seiten habe ich beim Lesen als stellenweise sehr zäh erlebt, wobei ich den Strang um Martin Freeman ganz klar als den gelungeneren bewerte. Die letzten 200 Seiten sind dann deutlich angenehmer zu lesen, weil dann klarer wird, worauf es hinausläuft, und weil die Anzahl der Figuren überschaubarer wird. Im letzten Drittel des Romans begleiten wir dann die Figuren auch länger am Stück und springen nicht stets zwischen verschiedenen Handlungsorten umher, so dass man teilweise den Überblick verliert. Grundsätzlich hätte ich mir einfach auch eine stärke Verzahnung zwischen den beiden Handlungssträngen gewünscht.
Was mich beim Lesen ebenfalls anstrengte waren die zahlreichen Fakten zum Bitcoin und zu finanzmarktpolitischen Sachverhalten. So gibt es einen Exkurs zu Cum-Ex und Cum-Cum-Geschäften, um nur ein Beispiel zu nennen. Hier hätte ich es hilfreich gefunden, wenn der Autor mir beim Lesen noch mehr „unter die Arme“ gegriffen hätte, z.B. durch ein Glossar im Nachwort und dazu passende weiterführende Literaturhinweise. Das Interview mit dem Autor fand ich in diesem Zusammenhang nicht ausreichend, ich musste zu viel selbst recherchieren.
Fazit: Ein Thriller, der erst ab Seite 400 gut lesbar wird und der den Leser/ die Leserin durch die vielen Fakten und Figuren sehr stark fordert, deshalb nur eine eingeschränkte Leseempfehlung, und zwar eher für stark Bitcoin-Interessierte, die auch vor eigener Recherche nicht zurückschrecken.
Grandiose Darstellung eines psychischen Ausnahmezustands
Der fürsorgliche Mr. Cave von Matt Haig
In dem Roman „Der fürsorgliche Mr. Cave“ von Matt Haig geht es um die psychischen Abgründe von Terence Cave, ein gebildeter, konservativer, kultivierter und belesener Antiquitätenhändler, zugleich Vater einer Tochter. Und diese Tochter, Bryony, ist alles, was Terence nach dem Tod seines Sohnes Reuben und anderen Schicksalsschlägen geblieben ist.
Er macht sich ständig Sorgen um sie, verfolgt und beobachtet sie, er wirkt regelrecht kontrollsüchtig, teilweise kreisen seine Gedanken nur um sie und er ist gar nicht im Moment präsent. Der Beginn ihrer Pubertät und ihre Attraktivität verstärken seine Ängste um sie zusätzlich. Die Tochter zieht sich daraufhin zurück, geht auf Abstand, beginnt zu lügen, um sich Freiräume zu schaffen, und Terence verstärkt seine Überwachung. Er lässt ihr fortan keinen Freiraum mehr, stellt Regeln auf, belauscht sie sogar, seine Übergriffigkeit steigert sich dann darin, dass er seine Tochter auch vor Freunden bloßstellt. Lediglich Cynthia, Bryonys Großmutter und Schwiegermutter von Terence, erscheint als „beschwichtigendes Element“. Sie bemüht sich darum, ihren Schwiegersohn zu beruhigen, ihm ins Gewissen zu reden. Und sie hat Verständnis für Bryonys Freiheitsdrang. Doch Terence psychischer Zustand verschlechtert sich und es kommt zur Eskalation der Situation.
Die Gestaltung von Terence labilem Zustand ist in meinen Augen hervorragend gelungen, aber man muss sich als Leser auf diese psychologisch angehauchte Literatur einlassen und dafür gewappnet sein, dass dieses Werk keine „leichte Kost“ ist. Matt Haig versteht es meisterhaft die krisenhafte psychische Verfassung von Terence darzustellen. Die Charakterzeichnung ist herausragend. Wir sind dabei, wenn Terence Blackouts, Sinnestäuschungen und Bewusstseinseintrübungen erlebt, wir sind nah an den teils absurden Wahnideen dran, die er entwickelt. Und wir nehmen als Leser Terence Selbstentfremdung wahr. Das lässt einen als Leser nicht kalt, man blickt in seelische Abgründe und das erschüttert. Das in dieser Form erzählerisch zum Ausdruck zu bringen, ist herausfordernd, aber der Autor setzt es nach meinem Dafürhalten stark um. Auch die Briefform, die Haig wählt, fand ich gelungen. Es wirkt, als ob der Vater seine Tochter direkt ansprechen und ihr sein Verhalten erklären und begründen wolle. Das einzige, was ich mich beim Lesen gefragt habe, warum bemerkt niemand im Umfeld von Terence seinen katastrophalen Zustand? Er bräuchte dringend Hilfe. Und im Hinblick auf die Briefform könnte man fragen, ob Terence in seiner psychischen Verfassung überhaupt zu so viel Selbstreflexion in der Lage wäre, wie es in seinen Darlegungen den Anschein macht. Aber nun gut, das sind Spitzfindigkeiten. Und letztlich hat mich der Roman so überzeugt, dass ich ihm volle fünf Sterne gebe. Klare Leseempfehlung, wenn man psychologisch gefärbte Literatur mag.
Fazit: Ein Roman, bei dem man in seelische Abgründe blickt, keine leichte Kost, aber herausragend in der Darstellung des psychischen Zustands von Terence Cave.











