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Rezensionen von Tobias Kallfell:

Was hält die Welt im Innersten zusammen?

Anhang zum Buch: Was für ein Zufall! von Bernhard Weßling

Bei dem Anhang zum Sachbuch „Was für ein Zufall!“ von Bernhard Weßling handelt es sich im Wesentlichen um eine Beschreibung der langjährigen Berufstätigkeit des Autors. Der Text ist stark autobiographisch geprägt. Weßling schildert die täglichen Herausforderungen, mit denen er während seines Berufsalltags konfrontiert war.

Er stellt dar, welche Probleme sich ihm stellten und wie er diese bewältigt hat. Der Einfallsreichtum des Autors ist beachtlich. Seine Leistung ist beeindruckend. Bei der Lösung der verschiedenen Probleme war auch der Zufall immer einmal wieder mit im Spiel. Als Leser erhält man einen interessanten Einblick in die Berufspraxis eines Chemikers. Und sehr ehrlich und offen berichtet der Autor auch von seinen quälenden Nachdenkprozessen. Viel Raum nimmt die Dispersionsforschung ein.
Ich halte den Anhang eher für solche Leser:innen für geeignet, die an Chemie interessiert sind und die mehr in die Tiefe von Weßlings Grundlagenforschung eintauchen möchten. Für mich als Chemie-Laie waren viele Passagen unverständlich. Und mich hätten durchaus auch noch Ausführungen zum Arbeitsalltag in China interessiert, wo der Autor 13 Berufsjahre verbracht hat.

Fazit: Der Anhang bietet interessierten Leser:innen die Möglichkeit, noch mehr in die Tiefe von Weßlings Grundlagenforschung einzutauchen und die Herausforderungen seines Arbeitsalltags als Chemiker kennenzulernen. Für mich als Laie war dieses Buch aber über weite Strecken zu sperrig und unverständlich. Es ist also eher etwas für Fachleute. Deshalb vergebe ich 3 Sterne!

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Was hält die Welt im Innersten zusammen?

Was für ein Zufall! Über Unvorhersehbarkeit, Komplexität und das Wesen der Zeit . Board book. von Weßling Bernhard

In seinem sehr lesenswerten Buch „Was für ein Zufall!“ widmet sich der Autor Bernhard Weßling den großen allgemein-menschlichen Fragen von Unvorhersehbarkeit, Komplexität und dem Wesen der Zeit. Er gibt sich dabei als „Sinn-Suchender“ zu erkennen und unterbreitet auf der Grundlage eigener Erfahrungen Vorschläge, wie man die Beschaffenheit der Welt mit Hilfe der folgenden Begriffe besser beschreiben könnte: Zufall, Nicht-Gleichgewichtssystem, Entropie und Zeit.

Und was ich direkt zu Beginn dieser Rezension bereits lobend herausstellen kann: Der Autor schreibt weitestgehend anschaulich und ist sehr darum bemüht, den Leser bzw. die Leserin auf seiner gedanklichen Reise „mitzunehmen“. Sein Text zeichnet sich in großen Teilen durch Verständlichkeit aus, was einerseits an den nachvollziehbaren Erklärungen liegt, andererseits an den zahlreichen Beispielen, die er anführt. Da der Autor jedoch mit vielen Internetquellen arbeitet, empfehle ich, die digitale Version des Buchs zu lesen, um den Hyperlinks folgen zu können, und sie nicht mühsam in die Adresszeile einzutippen.

Schon das Vorwort ist ein gelungener Einstieg ins Buch und macht Lust auf mehr, flüssig und leserlich geschrieben. Vereinfachend, aber nicht zu simplifizierend! Es wird ein eingängiger, leserfreundlicher und leserzugewandter Sprachstil verwendet. Auch die vielen direkten Leseransprachen lockern den Text gut auf und lassen ihn äußerst lebendig wirken. Ebenso sorgen die stellenweise eingestreuten chinesischen Sprichwörter dafür, dass der Fließtext nicht zu trocken wird. Und der Autor macht gut deutlich, um welche zentralen Fragen es ihm geht: Woher kommt der Zufall? Wie kommt er in unsere Welt? Warum ist er normal? Wie entsteht Komplexität? Auch der interessante Begriff des „Nicht-Gleichgewichtssystems“ wird von ihm eingeführt. Das führt zu den nächsten zentralen Fragen: Warum befinden sich kompliziert strukturierte Systeme nicht im Gleichgewicht? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Zufall und „Nicht-Gleichgewicht“? Und was ist das Wesen der Zeit? Der Autor gibt in diesem Zusammenhang auch unumwunden zu, dass er sich an vielen Stellen nicht an der klassischen Lehrmeinung orientiert, sondern eigene Wege beschreitet, um die genannten Fragen zu beantworten. Deshalb möchte ich zu Beginn meiner Rezension auch direkt festhalten: Ich kann als Nicht-Chemiker und Laie nicht alle Inhalte auf Plausibilität hin überprüfen. Fachliche Inhalte kann ich aufgrund fehlender Expertise nicht einschätzen, die vielen Thesen kann ich nicht alle auf Stichhaltigkeit hin prüfen. Ich kann mich nur meines eigenen Verstandes bedienen und im Wesentlichen solche „Stolperstellen“ benennen, die mir unklar oder nicht nachvollziehbar in Erinnerung geblieben sind.

Kapitel 1 – Der Zufall nimmt seinen Lauf (S. 1-14)
Ungewöhnlich für ein Sachbuch ist der recht autobiographisch geprägte Einstieg in die einzelnen Kapitel. Man lernt viel Privates über den Autor kennen. Vorteil dieser Herangehensweise: Der Autor ist für mich als Leser kein anonymer Fremder, über den ich nichts weiß, sondern ich kann eine persönliche Beziehung zu ihm herstellen. Ein ungewöhnlicher Stil, der die Leser aber in meinen Augen auch anspricht. Ich konnte mich jedenfalls darauf einlassen, wusste aber nach der Lektüre des ersten Kapitels noch nicht so recht, auf welche gedankliche Reise Weßling mich mitnehmen wird. Am interessantesten für mich war der Exkurs zum Internet und zu seiner Erfindung, den der Autor hier auf Basis seines persönlichen Erfahrungsschatzes skizziert.

Kapitel 2 – Der Zufall ist überall (S. 15-60)
Hier geht es nun vor allem um Zufälle. Der Autor nimmt eine inhaltliche Systematisierung vor und spielt an Beispielen durch, was für verschiedene Arten von Zufällen es gibt. Die zugrundeliegende Botschaft des Kapitels ist recht klar: Überall ist unser Leben von zufälligen Ereignissen geprägt. Für mich wurde das zweite Kapitel vor allem dann spannend, als der Autor sich der wissenschaftlichen Erforschung des Phänomens „Zufall“ widmet (S. 29 ff.). Es wird deutlich, dass es Weßling vor allem um sogenannte „essenzielle Zufälle“ geht (vgl. S. 33 ff.), also um solche Zufälle, die unvorhergesehen passieren. Sie seien dadurch charakterisiert, dass zwei oder mehr Kausalketten, die voneinander unabhängig sind, zusammentreffen. Mehr als eine Ursache läge ihnen zugrunde. Was dem Autor dabei gut gelingt, ist es, den essenziellen Zufall mit vielen konkreten Beispielen nachvollziehbar zu veranschaulichen.
Weßling ist es wichtig zu betonen, dass Zufall nicht bedeute, „dass das entsprechende Ereignis keine Ursache hat“ (S. 39). So werde es von Anhängern anderer Fachrichtungen aber häufig verstanden, so der Autor. Jedes Ereignis habe eine Ursache, meist mehrere, und bei essenziellen Zufällen hätten die zu den Ursachenden führenden Ereignisketten ursprünglich nichts miteinander zu tun, so Weßling. An vielen Stellen widerspricht Weßling der gängigen Lehrmeinung, was für mich insofern in Ordnung ist, als er die Leser auf diese Weise stärker dazu veranlasst, sich mit der Herangehensweise des Autors intensiv auseinanderzusetzen. Er fordert die Leser sozusagen zum Mitdenken förmlich heraus. Das ist gelungen. Aber man muss sich auf so etwas einlassen wollen.
Letztlich kann ich die gesamte, spannende und zum Nachdenken anregende Diskussion zum Zufall hier nicht im Detail wiedergeben, das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Ich möchte aber schon deutlich machen, dass ich nicht allen Aussagen des Autors zustimmen kann. Häufig ist er mir auch zu kategorisch in seinen Schlussfolgerungen.
Für mich persönlich ist der Zufall eine „Wahrnehmungskategorie“, d.h. abhängig von der eigenen Wahrnehmung. Erst meine eigene Bewertung und der Umstand, dass ich ein Ereignis mit Bedeutung auflade, macht es zu einem Zufall. Das, was ich selbst als Zufall erkenne oder nicht, hängt also von mir selbst ab, es ist subjektiv. Sonst müssten ja mehrere Menschen gleichzeitig denselben Zufall identisch wahrnehmen. Doch ist es nicht unterschiedlich, ob das, was der eine als Zufall wahrnimmt, von einem anderen Menschen auch als Zufall wahrgenommen wird? Ist der Zufall nicht eine „Wirklichkeitskonstruktionsleistung“ des Gehirns? Das gebe ich hier zu bedenken. Kurzum: Ich finde das anthropische Prinzip, das der Autor ablehnt (vgl. S. 43-44), selbst am schlüssigsten. Und die Frage danach, warum es Zufälle gibt, lässt sich in meinen Augen also gar nicht beantworten. Erst der Mensch selbst verleiht dem Zufall mit seiner Wahrnehmung Bedeutung. Und auch die Einschätzung der Häufigkeit von Zufällen ist ja subjektiv. Dem Autor geht es in seinem Buch um solche Zufälle, die sich unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung ereignen. Trotzdem meine Frage: Kann es solche Zufälle überhaupt geben?

Kapitel 3 – Kreativität ist Zufall im Gehirn (S. 61-96)
Nach einem kurzen autobiographischen Exkurs, der das Gelesene auflockert, gewährt der Autor einen Einblick in die Dispersionsforschung. Er berichtet von den Erfolgen und Vorteilen angewandter Forschung. An einem Beispiel eigener Grundlagenforschung verdeutlicht er, dass er sich auch schon zu diesem Zeitpunkt der anerkannten wissenschaftlichen Meinung widersetzt habe und dennoch erfolgreich gewesen sei. Der Autor beschreibt, wie es ihm gelungen ist, erstmals leitfähige Polymere zu dispergieren und präsentiert eigene Forschungsergebnisse. Als Laie konnte ich hier viele Passagen nicht nachvollziehen.
Am Ende gelangt Weßling zu der Schlussfolgerung, dass in Nicht-Gleichgewichtssystemen andere Arten von Gesetzmäßigkeit herrschten als in Gleichgewichtssystem. Ein wichtiges Kennzeichen von Nicht-Gleichgewichtssystemen sei das Vorhandensein hochkomplexer Strukturen. Im Anschluss führt der Autor auf nachvollziehbare Weise viele Beispiele für Nicht-Gleichgewichtssysteme an, z.B. Mayonnaise oder Eiscreme.
Bei seinen Ausführungen zur Kreativität ist gut und wichtig, dass der Autor auch betont, dass die Generierung von Ideen und das Phänomen von Geistesblitzen ein vorbereitetes Gehirn benötigen (vgl. S. 32, Fußnote 32 sowie die Bezugnahme auf Penrose). Doch was bedeutet das konkret? In meinen Augen sind es wohl vor allem die Einflüsse von außen, die hiermit gemeint sind. So handelt es sich bei unserem Gehirn nicht um ein in sich geschlossenes System. Wir setzen uns mit der Umwelt auseinander, führen Gespräche, lesen Publikationen, erhalten Rückmeldungen von Mitmenschen. All das befördert die Generierung von Idee.

Kapitel 4 – „Gleichgewicht ist gut, Nicht-Gleichgewicht ist schlecht – stimmt das?“ (S. 97-118)
Nachdem es im dritten Kapitel vor allem um die mühsame Grundlagenforschung des Autors ging, widmet sich Weßling nun stärker den beiden Begriffen „Gleichgewicht“ und „Nicht-Gleichgewicht“. In diesem Zusammenhang werden auch die Begrifflichkeiten „Fließgleichgewicht“ und „Entropie“ besprochen. Und was mir gut gefallen hat: Die „Entropie“, ein Terminus, auf den man ja auch in der Kosmologie häufig stößt, wird sehr anschaulich erläutert. Insbesondere die Erklärung am Beispiel des Wirtschaftssystems finde ich gelungen. Auch die Darlegung zur Schneeflockengestaltung fand ich spannend. Schneeflocken seien Ergebnisse von Selbstorganisation von komplexen Strukturen in Nicht-Gleichgewichtssystemen. Sehr einleuchtend! Auch anhand der Funktionsweise eines Geysirs wird ein Nicht-Gleichgewichtssystem verständlich und nachvollziehbar erläutert. Weßling führt viele interessante Beispiele an, um sein Anliegen zu vermitteln. Das ist gut!
Abschließend wird konstatiert, dass Nicht-Gleichgewichtssysteme essentiell und lebensnotwendig seien. Ihre Existenz sei nötig.

Kapitel 5 – „Fast an der Wissenschaft verzweifelt“ (S. 119-146)
Der Autor beklagt den Umstand, dass die Nicht-Gleichgewichtssysteme in der Forschung immer noch ein Schattendasein führten, obwohl unsere Welt im Wesentlichen aus Nicht-Gleichgewichtssystemen bestehe. Und auch an den Universitäten fände die Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik zu wenig Beachtung, so der Autor. Weßling erläutert das Prinzip der „Irreversibilität“ von solchen Systemen im Rahmen dieses Kapitels dann sehr klar und verständlich. Gleichzeitig macht er durch viele Beispiele aus der eigenen Erfahrung sehr deutlich, dass innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft reflexhafte Abwehrmechanismen zu beobachten seien, wenn es um neue wissenschaftliche Entdeckungen gehe, gerade etablierte Wissenschaftler würden hier keine Ausnahme darstellen. Entdecker neuen Wissens würden eher bekämpft als gefördert. Weßling stellt sogar die provokative These auf, dass innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin neue Erkenntnisse einfach ignoriert würden und man diese nicht einmal offen und fair diskutieren würde. Sehr interessant fand ich in diesem Zusammenhang seine kritische Würdigung des Begriffs „Paradigma“. Forschungsparadigmen, so der Autor, würden häufig wie ein Dogma wirken.
Stellenweise finde ich die persönlichen Ansichten des Autors sehr interessant und aufschlussreich. Er berichtet sehr offen und ehrlich von Verletzungen und Misserfolgen, die er selbst im Rahmen seiner Grundlagenforschung und Berufstätigkeit erlitten habe. Auch seine Selbstzweifel finden Erwähnung. Natürlich kann ich als Leser von außen seine Einschätzungen nicht beurteilen, aber ich kann mich gut in seine Situation hineinfühlen. Und seine Einschätzung zu dogmatischen Forschungsparadigmen teile ich.
Des Weiteren hat die Lektüre des Texts bei mir auch dazu geführt, dass ich eigene Überlegungen zum Thema „Sprache“ angestellt habe. So habe ich mir z.B. die Frage gestellt, ob auch Sprachsysteme ein Nicht-Gleichgewichtssystem darstellen. Allerdings kann ich den Begriff der Entropie nicht damit in Zusammenhang bringen. Ich werde weiter darüber nachdenken. Auch könnte man sich fragen, ob und inwieweit es sich bei sprachlichen Fehlern um Zufallsprodukte handelt.

Kapitel 6 – „Die Geburt des Zufalls in komplexen Systemen“ (S. 147-190)
Das sechste Kapitel unterscheidet sich in meinen Augen von den anderen Kapiteln. Es ist deutlich anspruchsvoller verfasst. Der Autor erweitert sein Begriffsspektrum um folgende Begrifflichkeiten: „Nicht-Linearität“ sowie „Emergenz“ und „Reduktionismus bzw. Holismus“. Auch das Ereignis von Symmetriebrüchen wird erläutert. Insgesamt fand ich dieses Kapitel bei der Lektüre sehr sperrig, der verständliche und anschauliche Charakter ging mir zu sehr verloren. Es wirkte zu „expertenhaft“. Es wird mir zu viel Vorwissen vorausgesetzt und mir ist nicht klar, wohin die Argumentation des Autors führt. Mir fiel es schwer den Gedankengängen des Autors zu folgen. Resümierende Passagen in Form eines Zwischenfazits wären hilfreich gewesen. Auch hätte Weßling für mich noch deutlicher machen müssen, was das Ziel seiner Ausführungen ist. Mir war nicht klar, wie die verschiedenen Zufälle, denen sich der Autor widmet, nun genau zusammenhängen. Was ist das verbindende Element? Am interessantesten fand ich solche Stellen, an denen ein inhaltlicher Brückenschlag zur Kosmologie stattfand.

Kapitel 7 – „Was fließt da, wenn die Zeit fließt, und wohin fließt sie?“
Hier geht es um das Problem der Zeit. Der Autor stellt eine Art kurzen geschichtlichen Abriss über die Forschung zum Thema der Zeit dar. In diesem Zusammenhang fand ich insbesondere wieder die kosmologischen Arbeiten interessant, die Weßling erwähnt. Allerdings macht der Autor auch sehr deutlich, dass er sich mit vielen Hypothesen der theoretischen Physiker nicht anfreunden kann. V.a. die Annahme eines Multiversums sieht er skeptisch.
Auch dieses Kapitel konnte mich nicht so recht überzeugen, es ist nicht so verständlich wie die ersten fünf Kapitel geraten. Was ich mich bei der Lektüre gefragt habe: Mit welchem Ziel stellt der Autor seine Überlegungen zum Wesen der Zeit an? Wozu benötigt er dieses Phänomen? Was ist der Vorteil seiner eigenen Betrachtungsweise?
Am interessantesten fand ich die Passage, wo der Autor den Leser mit Fragen zum Wesen der Zeit konfrontiert und ihn damit zum Nachdenken anregt: Existiert Zeit nur in der Gegenwart? Wie lange dauert die Gegenwart? Das sind schöne Denkanstöße. Und es ist auch einmal spannend, eine andere Herangehensweise an das Thema kennenzulernen, nämlich die eines Nicht-Gleichgewichtssystem-Thermodynamikers. Sonst sind es ja eher die theoretischen Physiker, die sich mit der Frage nach dem Wesen der Zeit beschäftigen. Trotzdem stellt sich mir die Frage: Welche Vorteile bringt eine solche Herangehensweise? Was bringt es uns, wenn wir uns den Themen „Zufall“ und „Zeit“ mit den Augen eines Thermodynamikers annähern?

Kapitel 8 – „Unsere Wahrnehmung der Zeit“
Im letzten Kapitel geht der Autor noch einmal darauf ein, dass der Zufall und die Zeit die Entropie in Nichtgleichgewichts-Systemen als Gemeinsamkeit hätten. Die Betrachtung des Konzepts der Zeit wird erweitert um den psychologischen Aspekt der Zeitwahrnehmung und um chronobiologische Betrachtungen. Er erläutert, dass noch unzureichend erforscht ist, wo und wie genau der Ablauf der Zeit wahrgenommen und in Empfindung umgewandelt wird. Es herrsche die einheitliche Vorstellung, dass es körperliche Prozesse seien, die im Gehirn die Wahrnehmung der Zeit veranlassten. Auch widmet sich Weßling einem Phänomen, das wohl jeder kennt: die sogenannt „Verdünnung der Zeit“. Damit ist gemeint, dass im Alter die Zeit scheinbar schneller vorbeigeht. Aus seiner eigenen Erfahrung heraus berichtet der Autor, dass er die Zeit immer dann umso intensiver wahrnehme, je mehr er in seinem Leben erlebe und bekannte Routinen verlasse.

Fazit: Der Autor legt hier ein Sachbuch vor, in dem er sich den großen menschlichen Fragen widmet. Er argumentiert aus der Sicht eines Thermodynamikers und stützt sich dabei auf die Theorie von Ilya Prigogine, die 1977 den Nobelpreis für ihre Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik erhielt. Weßling liefert viele Denkanstöße. Der Schreibstil ist lebendig, zugewandt und weitestgehend anschaulich und verständlich. Dennoch ist Mitdenken bei der Lektüre gefragt und Wissen zum Fachgebiet der Chemie ist sicherlich verständnisförderlich. Mich persönlich hat die Lektüre bereichert, ich konnte einiges neu dazulernen. Für mich hätte der Autor nur noch etwas stärker herausstellen können, welche Vorteile seine Betrachtungsweise der Beschaffenheit der Welt hat. Nicht immer war mir der inhaltliche Zusammenhang zwischen den einzelnen Kapiteln deutlich genug ausformuliert. Das Ziel der gedanklichen Reise war mir nicht immer klar. Ich vergebe 4 Sterne.

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Verworren und langatmig

Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit von Natasha Pulley

Eines gleich vorweg: Ich kann die vielen positiven Rezensionen zu dem Werk „Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit“ von Natasha Pulley nicht nachvollziehen. Das Werk ist verworren, hat ab dem zweiten Drittel des Buchs keinen roten Faden, die Figurenzeichnung ist verbesserungswürdig und im Zweiten Drittel verengt sich die Handlung lediglich auf eine einzige Frage: Wer ist Joe und was hat es mit ihm auf sich.

Das ist einfach zu dünn. Auch die Auflösung am Ende ist ernüchternd. Ich war sehr enttäuscht von dem Buch.

Die einzige Ausnahme bildet das erste Drittel des Buchs. Der Einstieg ins Buch ist das einzige, was man als gelungen bewerten kann. Auf den ersten 150 Seiten dachte ich tatsächlich noch, mich erwartet ein tolles Buch. Man ist sofort mittendrin im Geschehen. Die Orientierungslosigkeit und die Verwirrung des Protagonisten sind sofort greifbar. Man fragt sich, was mit ihm geschehen ist und wo er sich befindet. Besonders spannend auch die Idee, dass es sich bei der Amnesie von Joe nicht nur um einen Einzelfall handelt. Der äußere Grund dafür bleibt unklar. Eines Tages erhält Joe dann einen Brief mit einer mysteriösen Botschaft, der 93 Jahre zurückdatiert ist und aus dem Jahr 1805 stammt. Die beiliegende Postkarte enthält das Bild eines Leuchtturms, der jedoch erst vor einem halben Jahr fertiggestellt wurde. Was hat es mit diesem Leuchtturm auf sich? Auch das ist vielversprechend. Und noch etwas, was gut angelegt ist: Die Amnesie von Joe, also sein Erinnerungsverlust. Auch hier fragt man sich nach den Hintergründen.

Was mir auch im ersten Drittel gut gefallen hat: die Wahrnehmung von Joe. Er scheint seine Umwelt, wie durch einen Schleier wahrzunehmen. Er scheint nicht alles erfassen zu können, was um ihn herum passiert. Alles wirkt wie in einer Traumlandschaft, symbolisch aufgeladen, fast kafkaesk. Das ist toll. Als Joe am Leuchtturm ankommt, verändert sich auch die Atmosphäre. Es wird unheimlich und gespenstisch. Sehr mysteriös! Der Handlungsort ist also vielversprechend angelegt. Lediglich die Übergänge zwischen einzelnen Handlungsschritten sind nicht immer durchdacht und wirken teils etwas sprunghaft.

Doch leider kommt dann die Wende, als Joe durch ein Zeitportal beim Leuchtturm hindurchtritt. Der Erzählton ist plötzlich nicht mehr mysteriös. Joe wird entführt und soll als Techniker technologischen Fortschritt im englisch-französischen Krieg bewirken. Doch statt diesen einfallsreichen roten Faden weiterzuentwickeln, wird die Handlung dann zunehmen konfus, was auch teilweise an verschiedenen Zeitlinien liegt, die nun eröffnet werden. Die vielen vielversprechenden Dinge, die noch im ersten Drittel angelegt wurden, geraten aus dem Blick. Stattdessen verengt sich alles auf die Frage, was es mit Joes Vergangenheit auf sich hat. Das soll den Spannungsbogen hoch halten. Es gelingt nur leider nicht, weil dieser Handlungsstrang leider sehr langatmig und keineswegs fesselnd erzählt wird. Bei vielen Handlungsnebenschauplätzen ist nicht immer klar, worauf sie hinauslaufen. Das erschwert die Lektüre noch einmal zusätzlich, „Zugkraft“ geht verloren. Größtes Problem meiner Ansicht nach: Die inhaltliche Verzahnung zwischen den verschiedenen Zeitlinien hätte besser ausgestaltet werden müssen. Das ist misslungen!

Hinzu kommen logische Ungenauigkeiten und Widersprüche sowie Handlungsungenauigkeiten. Teils würde ich sogar punktuell von einer Art „Handlungsarmut“ sprechen, die das Geschehen künstlich verlangsamt und hinauszögert. Schrecklich! Weitere Stolperstellen: Das Schildkrötenexempel zur Veranschaulichung von Zeitparadoxa ist nicht sehr anschaulich und nachvollziehbar geraten. Auch die Zeitunterschiede von 100 Jahren kommen nur marginal zum Ausdruck. Lediglich anhand der unterschiedlichen Schiffskonstruktionen und der Kampfhandlungen wird deutlich, dass man sich in einer anderen Zeit befindet. Das ist doch sehr dünn geraten, es fehlt Kontext. Weiteres Problem, das ich sehe: An relevanten Stellen fehlt den Figuren eine psychologische Tiefe. Letztlich wird der rote Faden mit zunehmender Seitenzahl immer unklarer.

Fazit: Ein Buch, das vielversprechend startet, dem dann aber „die Luft ausgeht“. Der rote Faden geht verloren, die eröffneten Zeitlinien sind langatmig, konfus und verworren sowie mit wenig Bezug zur eigentlichen Haupthandlung gestaltet worden. Es gibt Vieles an diesem Werk zu bemängeln. Ich vergebe 2 Sterne und rate von der Lektüre ab!

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Ein Instrument zur Förderung der Leseflüssigkeit?

Die Crew: Die Rückkehr zum 9. Planeten von Andreas Ulich

Das Jugendbuch „Die Crew. Die Rückkehr zum 9. Planeten“ von Andreas Ulich aus dem Kosmos-Verlag weist ein innovatives und kreatives Konzept auf. Man wird als Leser interaktiv in die Handlung mit einbezogen und trifft während der Lektüre Entscheidungen. Abhängig von der Wahl der Antwort entwickelt sich der Inhalt dann in unterschiedliche Richtungen.

Man erhält beim Kauf dieses Werks zwei Bände. In Band 1 berichtet Cim die Ereignisse, in Band 2 erzählt Prosper Alan, was um ihn herum passiert. Ein- und dieselbe Situation wird so aus unterschiedlichen Perspektiven veranschaulicht. Und als ob das noch nicht genug wäre, kann man diese beiden Bände sogar zusammen im Wechsel zu zweit lesen. Man muss dann nur im Vorfeld festlegen, wer welche Rolle übernimmt. Wer jetzt glaubt, das funktioniert doch im Leben nicht, der irrt sich. Es klappt! Ich habe es ausprobiert, allerdings nur für die Perspektive von Prosper Alan, den zweiten Kommandanten. Für die Lektüre und inhaltliche Überprüfung des zweiten Bands habe ich bereits mehrere Stunden benötigt. Und ich ziehe meinen Hut vor dem Autor, der ein solch komplexes Werk generiert hat. Das muss unglaublich viel Arbeit gewesen sein. Und selbst den Überblick über die Handlung zu behalten und an den passenden Stellen Entscheidungsfragen zu integrieren, das muss herausfordernd gewesen sein. Es erfordert höchste Konzentration. Noch dazu die passende inhaltliche Abstimmung der zwei Perspektiven aufeinander. Großartige Leistung! Beachtlich!

Und wer jetzt glaubt, er könnte überfordert werden, den kann ich beruhigen. Als Einführung in dieses Werk gibt es sehr nachvollziehbare Ausführungen zum Konzept und zur Herangehensweise. Es ist also absolut durchdacht, was uns die Macher von „Die Crew“ hier präsentieren. Trotzdem möchte ich am Ende der Rezension noch einige Verbesserungsvorschläge machen. Doch erst einmal noch zum Positiven: Die Stärke dieses Werks ist in meinen Augen ganz klar das zugrundeliegende Konzept. V.a. die Idee des Partnerlesens fand ich interessant. Ich könnte mir z.B. auch einen Einsatz in der Schule vorstellen, und zwar am besten für leseschwache Leser:innen, die noch Schwierigkeiten mit dem flüssigen Vorlesen haben. So könnten zwei unterschiedlich lernstarke Leser:innen jeweils einen Part übernehmen und sich mit Hilfe eines Feedback-Bogens gegenseitig Rückmeldung zum Vorgelesenen geben. Im Internet findet man dazu auch genügend Anregungen, wie so etwas aussehen könnte (Stichwort: Lautlese-Training). Einen Versuch ist es wert. So würde beiläufig auch das gegenseitige Zuhören noch gefördert sowie der Mut, im Beisein eines Partners laut vorzulesen. V.a. für wenig selbstbewusste Leser könnte ein solches Training eine gute Hilfe sein. Das Thema könnte auch gerade für Jungen interessant sein.

Nun zu meinen Verbesserungsvorschlägen: Für die Lektüre von Band 2 habe ich mehrere Stunden benötigt. Irgendwann habe ich einen Stift zur Hand genommen, um die verschiedenen Lösungswege nachvollziehen zu können. Denn trifft man an bestimmten Stellen die falsche Entscheidung, so dreht man sich auch einmal im Kreis bei seiner Lektüre, und das mehrfach. Das fördert zwar einerseits die Frustrationstoleranz, verdirbt den Lesern aber auch ein wenig den Spaß. Zettel und Stift schaffen hier Abhilfe. Oder eine andere Möglichkeit: Im Anhang gibt es eine idealtypische Musterlösung in Form eines Pfeildiagramms. So hätte man eine Orientierungsmöglichkeit. Was mir noch bei der Lektüre aufgefallen ist: Der Start ins Buch verläuft etwas schleppend. Zu Beginn bin ich oft nicht über den Mars hinweggekommen. Es gibt eine Art „Nadelöhr“ am Anfang, das man erfolgreich durchlaufen muss. Danach wird’s besser und variantenreicher. Ich habe mich gefragt, ob eine solche „Engstelle“ zum Einstieg ins Buch nötig ist. Mich hat es schon etwas frustriert, immer wieder das Gleiche lesen zu müssen, und nur mit Hilfe von Zettel und Stift den richtigen Lösungsweg herauszufinden. Darüber hinaus ist mir aufgefallen, dass es punktuell auch nur recht kurze Umwege sind, die man einschlägt, um dann doch an der gleichen Stelle wieder herauszukommen. Das war dann etwas ernüchternd. Weiterhin gibt es einige Schlüsselstellen, an denen die Fäden wieder zusammenlaufen (z.B. P137 oder P118). Diese könnten doch im Anhang anhand eines Pfeildiagramms schön verdeutlicht werden. Gelungen fand ich es, wenn bei einem vorzeitigen Missionsende verschiedene mögliche Startpunkte zum Wiedereinstieg vorgeschlagen wurden (vgl. z.B. P80). So sollte es konsequent durchgehalten werden, wenn ein vorzeitiges Missionsende eintritt. Und abschließend muss ich doch noch eine etwas steile These in den Raum stellen, die jeder für sich beantworten muss: Verliert der Inhalt des Werks nicht zu sehr an Bedeutung, wenn man in erster Linie darauf achtet, den richtigen Weg zu suchen? Mir ging es so, aber das kann anderen Lesern, die gerne knobeln, ganz anders ergehen. Auch sollten die Entscheidungsfragen „echte“ Entscheidungen abverlangen. Wer würde z.B. ein Telefonat mit der eigenen Mutter ablehnen oder eine Rettungsmission verweigern? Wohl niemand, nehme ich an.

Fazit: Ein Jugendbuch mit einem innovativen Konzept, das auf vielfältige Weise eingesetzt werden kann. Man kann es alleine oder auch zu zweit lesen. Denkbar ist sogar ein Einsatz als Instrument zur Leseflüssigkeitsförderung im Sinne des kooperativen Lernens. Die Leistung des Autors ein solch durchdachtes und komplexes Buch zu erstellen, ist beachtlich und verdient höchste Anerkennung. Dennoch gebe ich einiges zu bedenken und habe einige Verbesserungsvorschläge. Ich vergebe 3 Sterne, vor allem weil mir das Knobeln mit Zettel und Stift zu sehr auf Kosten des Inhalts ging. Deshalb abschließend noch eine Anregung an den Kosmos-Verlag: Könnte das Konzept nicht auch für Sachbücher geeignet sein? Könnte man ein Oberthema nicht in verschiedene Unterthemen aufteilen und je nach Interesse Wahlmöglichkeiten fürs Weiterlesen eröffnen? Auch das wäre als kooperatives Lesen möglich, ggf. sogar mit inhaltlichen Fragen zur Nachbereitung im Sinne eines Leserkompetenz-Trainings.

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Akustisches und visuelles Erlebnis

Das Gespenst von Canterville (Weltliteratur und Musik mit CD und zum Streamen) von Henrik Albrecht; Oscar Wilde

Das Orchesterhörspiel „Das Gespenst von Canterville“, herausgegeben von Henrik Albrecht und Sonja Wimmer, basierend auf der Geschichte von Oscar Wilde, ist einfach nur genial und sehr durchdacht arrangiert. Ich werde in der nun folgenden Rezension viel Lobendes erwähnen, aber nichtsdestotrotz am Ende auch noch einige Verbesserungsvorschläge machen.

Doch diese Vorschläge sind lediglich als Anregung zu verstehen. Leider kenne ich keine weiteren Bücher aus der Reihe „Weltliteratur und Musik“, so dass mir kein Vergleich mit anderen Werken möglich ist, aber wenn jedes Werk so kunstvoll gestaltet worden ist wie dieses, dann kann ich nur zu einem Kauf raten. Die Reihe hat bei mir einen unglaublich positiven Eindruck hinterlassen. Und nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Töchtern. Diese wollten das Hörspiel wiederholt hören und sich auch das Buch dazu immer wieder anschauen. Sie waren begeistert und gefesselt. Ich denke, das spricht für sich.

Das Werk bietet erst einmal in künstlerisch-kultureller Hinsicht einiges: Wir lernen als Leser nicht nur ein interessantes klassisches Werk kennen, das für Kinder adaptiert wurde, sondern der Inhalt des Textes wird untermalt von passender, stimmungsvoller Musik, die sogar eigens nur für dieses Buch komponiert wurde. Das ist absolut fantastisch! Und letztlich erwirbt man beim Kauf dieses Werks zwei Medien: Das Vorlesebuch mit vielen ansprechenden, großformatigen Illustrationen, die eine faszinierende Wirkung bei den jungen Zuhörer:innen hinterlassen sowie das Hörspiel, das sich sowohl unabhängig vom Vorlesebuch aber auch in Kombination mit diesem anhören lässt. Man hat also viele Möglichkeiten mit diesen Medien umzugehen.

Das Hörspiel entfaltet eine ungeheuer anziehende Wirkung auf die jungen Zuhörer:innen, was wohl daran liegt, dass durch die Musik viele Emotionen beim Anhören, Anschauen und Vorlesen ausgelöst werden. Und als ob das nicht schon genug wäre, gibt es auch noch kindgerechte Hintergrundtexte zur Musiktheorie. In kursiver Schrift werden auf jeder Seite im Buch Erklärungen zu Details der Musik und der Instrumente dargelegt. Dabei wird stellenweise auch darauf eingegangen, welche Wirkung mit der musikalischen Untermalung erreicht werden soll. Auch das ist durchdacht und gelungen. Und es überlässt den Eltern selbst die Entscheidung, ob sie an passender Stelle das Hörspiel unterbrechen wollen und den Kindern ein wenig Musiktheorie näherbringen möchten. Auf der CD sind diese kursiv gesetzten Texte (leider?) nicht zu finden (vgl. dazu gleich meine Verbesserungsvorschläge).

Auffällig: Der Text im Hörspiel geht bei Weitem über das hinaus, was das Buch als Text bietet. Der Text im Vorlesebuch wurde stark gekürzt und stimmt teilweise auch nicht mit dem Vorlesetext auf der CD überein. Das hat mich beim ersten Anhören und Vorlesen schon etwas irritiert, aber die Kinder haben sich nicht daran gestört. Bei genauerer Betrachtung ist diese Herangehensweise vermutlich sogar gelungen, weil man mit Hilfe der CD also über das Vorgelesene hinausgehen kann. Ich würde nur bei der ersten Auseinandersetzung mit dem Werk wie folgt vorgehen: Erst das Buch vorlesen, damit die jungen Zuhörer:innen den Inhalt bereits kennen. Und erst danach das Hörspiel als Erweiterung hören. Die Texte zur Musiktheorie nur bei Bedarf integrieren, da sonst der Redefluss gestört wird.

Noch ein paar Worte zur Atmosphäre: Es handelt sich um eine Geistergeschichte. Der Gruselfaktor ist also deutlich spürbar. Der Tod wird häufig sehr explizit als Thema erwähnt. Mord und Leichen kommen vor. Ich würde Eltern ängstlicher Kinder davon abraten, dieses Hörspiel zu hören. Einige Stellen sind schon sehr unheimlich geraten, zumal die gruselige Musikuntermalung auch noch ihren Teil zur schauerlichen Atmosphäre beiträgt. Diese ist oft dramatisch und schürt Ängste noch einmal zusätzlich, besonders am Anfang des Werks. Das ist nichts für schwache „Kinder-Nerven“. Ich muss aber auch sagen: Meine Töchter (5 und 7 Jahre) haben den Inhalt gut verkraftet und hatten auch keine schlechten Träume nach Anhören des Hörspiels. Dennoch hatten sie beim Zuhören ein höheres Kuschelbedürfnis. Vielleicht war auch von Vorteil, dass wir erst kürzlich Halloween begangen haben, wo es ja auch gruselig zugeht. Letztlich sollten die Eltern selbst entscheiden, was sie ihren Kindern zumuten können. Sie kennen ihr Kind selbst am besten. Ein Probehören im Vorfeld ist bestimmt eine gute Idee.

Zu den Sprecher:innen des Hörspiels: Diese sind fabelhaft ausgewählt worden und machen einen großartigen Job. Die Intonation gelingt hervorragend, die Emotionen kommen gut und passend zum Text zum Ausdruck. Kurzum: Der Inhalt wird auf diese Weise sehr ansprechend transportiert. Das macht einen außerordentlich professionellen Eindruck!

Verbesserungsvorschläge
In meinen Augen sind einige wenige Passagen für das kindliche Vorstellungsvermögen doch zu heftig. So hätte die Stelle, an der darauf eingegangen wird, dass ein Dolch in die Kehle gestoßen wurde in meinen Augen ruhig gekürzt werden können. Auch die ausführliche Darstellung eines Begräbnisses (Track 16, ca. 2.00 Min.) hätte ausgelassen werden können. Das habe ich an den Reaktionen meiner Kinder gemerkt.
Zwischen den Zeichnungen im Buch und dem Gesagten im Hörspiel gibt es logische Widersprüche. So hat Virginia im Hörspiel goldene Locken (vgl. Track 17, ca. 1.30 Min.), im Buch hingegen wurde sie mit langen schwarzen Haaren gezeichnet. Noch ein Widerspruch zwischen Buch und Hörspiel: Mrs. Otis sitzt im Hörspiel nicht auf einem Stuhl, sondern sie liegt auf einem Sofa (vgl. S. 26).
Die Zuordnung der Tracks zu den Seiten im Vorlesebuch ist auch nicht immer präzise. So bezieht sich Track 3 schon auf S. 9, Track 4 bezieht sich schon auf S. 10, Track 9 bezieht sich schon auf. S. 17 usw. Ich könnte hier noch weitere Beispiele anführen.
Es wäre überlegenswert, ob man einige der interessanten musikalischen Erläuterungen nicht stärker ins Hörspiel integrieren möchte. Allerdings ist mir klar, dass dies auch seinen Preis hätte: Der Inhalt der Geschichte müsste kurzzeitig zurückstehen und müsste unterbrochen werden. Gelungen fand ich aber, wie Virginia z.B. bei Track 1 aus ihrer Rolle heraustritt und Erläuterungen zum Musikinstrument einfordert. Wäre das nicht eine mögliche Option? Die Figuren aus ihren Rollen heraustreten lassen und einzelne musiktheoretische Dinge auf Metaebene erläutern lassen? Auch der Einsatz eines Erzählers wäre denkbar. Will man die Erklärungen zur Musik und zu den Instrumenten als fakultatives Angebot an die Eltern belassen, so hätte ich aber auch hier noch einen Vorschlag: Man sollte eine Empfehlung geben, bei welchem Track an welcher Stelle (Minuten- und Sekundenangabe) sich eine Pause anbieten würde. So wie es jetzt gestaltet ist, muss ich als erwachsener Zuhörer schon sehr konzentriert mithören und entscheiden, wann ich das Stück unterbreche.
Noch ein Punkt: Zwischen dem Vorlesetext im Buch und dem Hörspieltext auf der CD gibt es große Abweichungen. Teilweise gibt es lange Textauslassungen, auch Wörter werden abgeändert. Hier habe ich mich gefragt, ob wortwörtliche Übernahmen nicht möglich gewesen wären. Warum haben sich die Macher des Werks dazu entschieden, hier eine solche Differenz entstehen zu lassen. Ich habe es nicht verstanden. Mein Vorschlag: Lese- und Hörspieltext sollten sich genauer entsprechen, man stolpert sonst darüber.
Ein letzter Aspekt: Teilweise sind die Tracks sehr lang, aber es gibt vergleichsweise wenig Bilder. Hier stelle ich eine weitere Überlegung in den Raum: Könnte man den Text nicht ggf. stärker aufteilen und mehr Bilder pro Track einplanen?


Fazit: Selten habe ich ein so gut durchdachtes Werk wie dieses gelesen bzw. gehört. Musikalische Früherziehung trifft auf klassische Literatur für Kinder. Hier wird Kulturvermittlung großgeschrieben. Und es steckt so unglaublich viel Arbeit darin. Die Musik ist filmreif, die Sprecher agieren unglaublich professionell. Davor ziehe ich meinen Hut! Das Anhören und das Vorlesen des Buchs bzw. der CD sind ein akustisches und ein visuelles Erlebnis, es fesselt die jungen Zuhörer:innen und erzeugt starke Emotionen. Was will man mehr? Mehr davon! Und dennoch: Es gibt nach meinem Dafürhalten auch Raum für Verbesserungen. Diese habe ich ebenfalls angeführt. Doch ich verzeihe bei einem solch „komplexen Gefüge“ durchaus auch Nachlässigkeiten und vergebe aufgrund der grandiosen Idee und Machart trotzdem 5 Sterne! Ich würde mir aber wünschen, dass die Autoren oder Herausgeber ihr Werk noch weiter optimieren. Und allen, die solche Art von Buchhörspielen mögen, sei an dieser Stelle auch noch „Ritter Rost“ als weitere Referenz ans Herz gelegt.

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"Wir sind zwei Länder!"

Tagebuch einer Invasion von Andrej Kurkow

In letzter Zeit interessiere ich mich stark für Bücher, die sich dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine widmen (vgl. weitere Rezensionen). Erst kürzlich las ich z.B. das erschütternde Dokument „Feuerpanorama“ von Sergej Gerassimow, in dem der Autor das Alltagsleben im Schatten des Krieges in Charkiw veranschaulicht, und zwar für den Zeitraum vom 24.

02.2022 bis 18.04.2022. Und es gibt in letzter Zeit immer mehr solcher Zeitdokumente, die veranschaulichen, welche Kriegsverbrechen von russischer Seite tagtäglich in der Ukraine verübt werden.

Hier reiht sich auch das aktuelle Werk von Andrej Kurkow ein, der selbst in St. Petersburg geboren wurde, aber in der Ukraine aufwuchs und lebt. Er gilt als einer der beliebtesten und bekanntesten Schriftsteller aus der Ukraine (vgl. dazu den Klappentext). Sein Buch trägt den Titel „Tagebuch einer Invasion“. Darin wird ein noch umfassenderer Zeitraum als bei Gerassimow abgebildet. Kurkow startet seinen Bericht mit dem 29.12.2021 und endet am 11.07.2022. Das erste Drittel des Buchs behandelt also auch noch wenige Monate vor Kriegsbeginn. Doch anders als Gerassimow, der sich in Charkiw aufhält, ist er nicht ganz mittendrin im Geschehen. Kurkow berichtet mehr aus der Distanz heraus. Seine Schilderungen lesen sich nicht ganz so „hautnah“, wenn es um die Darstellung des Kriegsalltags geht.

Was Kurkow in seinem Werk gut gelingt, ist es, die Diskurse der Ukraine vor und während des Krieges darzustellen. Man merkt seinem Bericht an, dass er täglich die Nachrichten verfolgt und die mediale Berichterstattung sich auch bei ihm widerspiegelt. Wir erhalten so einen Einblick in die Diskussionen der ukrainischen Medien. Er greift selektiv einzelne Dinge heraus, die er dem Leser dann näherbringt. So entsteht ein interessantes, landeskundliches Porträt. Beispielsweise beschäftigt er sich auf den ersten Seiten mit der Neujahrsansprache von Selenskyj, in der die Möglichkeit eines Krieges noch keine große Rolle gespielt habe. Es wird auch deutlich, dass im Vorfeld des Angriffskrieges lange eine Atmosphäre der Gelassenheit und Normalität geherrscht habe. Diese endet dann aber jäh, als Russland seinen Angriff verübt. Von diesem Zeitpunkt an ändert sich der Inhalt des Buchs hin zu einer Kriegsberichterstattung.

Des Weiteren bindet Kurkow auch immer einmal wieder geschichtliche Exkurse ein und zeigt auch Parallelen zur heutigen Situation auf. Schon früher sei den Ukrainern Unrecht angetan worden, so z.B. die künstlich herbeigeführte Hungersnot im Zuge der Entkulakisierung und Zwangskollektivierung während der Stalinzeit (vgl. dazu das belletristische Werk „Denk ich an Kiew“ von Erin Litteken, Anm. d. Verf.). Er bemängelt auch, dass eine geschichtliche Aufarbeitung der Repressionen unter Stalin bis heute in Russland fehle. Und hat er nicht Recht mit dieser These? In meinen Augen schon. Damals hat die Ukraine unter Stalin Hunger gelitten, und heute droht vor allem die Dritte Welt durch die Auseinandersetzungen um Getreidelieferungen aus der Ukraine Hunger zu leiden. Wie perfide!

Kurkow bezieht auch klar Stellung gegen die Behauptung Putins, dass die Ukraine nur eine Erfindung Lenins gewesen sei. Beide Länder hätten unabhängig voneinander ihre jeweilige Geschichte, so der Autor. Die Mentalität von Russen und Ukrainern unterscheide sich ebenfalls klar. Während Russen autoritätsgläubig und folgsam eingestellt seien, seien Ukrainer liberal und individualistisch, so seine Einschätzung. Während der Zusammenbruch der Sowjetunion für Putin eine geopolitische Katastrophe gewesen sei, sei er für die Ukraine die einmalige Chance gewesen, sich von Russland zu lösen.

Kurkow verwendet an vielen Stellen eine sehr einprägsame Sprache. Sehr präzise und prägnante Äußerungen bringen seine Position auf den Punkt. Viele seiner Sätze sind sehr pointiert und treffend („Die Ukraine wird entweder frei, unabhängig und europäisch sein, oder es wird sie überhaupt nicht mehr geben“, S. 149; „Putin zerstört nicht nur die Ukraine, er zerstört Russland und damit auch die russische Sprache“, S. 151; „Nicht das gesamte Russland ist ein einziges Putin-Kollektiv! Aber leider gibt es in Russland auch keine kollektive Bewegung, die sich Putin widersetzt“, S. 152).

Greifbar werden auch die Sorgen, die der Autor sich um seine Familie und seine Freunde macht. Er verurteilt den Krieg Putins und fordert Europa mehrmals im Text auf, sich hinter die Ukraine zu stellen. Der emotionale Zustand des Autors verändert sich, das spürt man während der Lektüre. Wut und Hass nehmen zu. Das geht aus den Zeilen deutlich hervor. Auch nicht unberechtigt finde ich die Einschätzung des Autors, dass sich die Einstellung der russischen Sprache gegenüber in der Ukraine verändert und verhärtet habe. Die russische Sprache werde nun mit dem Angriffskrieg in Verbindung gebracht und deshalb abgelehnt. Das halte ich für einen wichtigen, bedenkenswerten Punkt!

Auch der Informationskrieg, den Russland führt, wird von Kurkow gut analysiert und angeprangert. Er macht sich z.B. darüber Sorgen, dass bestimmte von Russland verbreitete Narrative in Teilen der Welt tatsächlich geglaubt würden. Eine weitere Furcht des Autors: Das kulturelle Leben der Ukraine könne ausbluten. Im Fall einer Einnahme der Ukraine durch Russland fürchtet er um die Freiheit der Kulturschaffenden. Putin habe die Kultur in den Dienst seines diktatorischen Regimes gestellt.

Fazit: Ein wichtiges Buch in diesen Zeiten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Es ist nicht nur eine reine Kriegsberichterstattung, sondern Kurkow porträtiert den Zustand eines Landes vor und während des Kriegs im Stil eines landeskundlichen Berichts. Auch mediale Diskurse spiegeln sich in seinem Werk häufig wider. Noch dazu vermittelt er auch wichtiges historisches Wissen. Eine gute Ergänzung zum Gerassimows „Feuerpanorama“. Ich vergebe 5 Sterne!

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Einstieg in die magische Welt von Jotundalen

Nordlicht - Im Tal der Trolle von Malin Falch

Bei der Betrachtung des Covers zu „Nordlicht. Im Tal der Trolle“ von Malin Falch stellten sich bei mir und meinen Töchtern sofort Assoziationen zu der „Eiskönigin“ ein. Und ein Blick ins Buch offenbarte ebenfalls anmutige Zeichnungen im „Disney-Stil“. Visuell ist diese Graphic novel definitiv gelungen.

Und auch die dahinterliegende Geschichte scheint Potential zu haben. Es geht magisch zu in diesem Buch (vgl. Klappentext). Man merkt dem Buch aber an, dass es sich um einen Auftakt zu einer Reihe handelt. Am Ende bleiben viele offenen Fragen und man möchte direkt weiterlesen und in diese Welt von Trollen, sprechenden Tieren, Seeungeheuern und Wikingern weiter eintauchen.

Figuren
Die Figuren in diesem Band sind gut ausgearbeitet. Wir haben die abenteuerlustige Sonja, die gerne auch einmal von zu Hause ausreißt und gegen ihre Mutter rebelliert. Daneben gibt es die etwas zu dominante Mutter und den mysteriösen Onkel Henrik, der eines Tages unangekündigt auf Sonjas Konfirmation auftaucht und ihr Zeichnungen mitbringt, die er auf seinen Reisen angefertigt hat. Er ist auch die treibende Kraft dafür, dass Sonja ebenfalls eine Sehnsucht danach verspürt, die Welt zu entdecken. Und nicht zuletzt gibt es, als Sonja in die Dimension von Jotundalen eintaucht, noch einige interessante magische Wesen, die sie kennenlernt. Allen voran Espen, der mich von seiner Konzeption stark an Peter Pan erinnert hat.

Illustrationen
Zeichnerisch halte ich diese Graphic novel für sehr gelungen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mit dieser Gattung bisher wenige Erfahrungen gesammelt habe. „Nordlicht“ ist meine erste Graphic novel, die ich rezensiere. Allerdings habe ich schon Comics bewertet (vgl. frühere Rezensionen zu He-Man etc.). Auf mich wirken die Illustrationen jedenfalls sehr anmutig und ansprechend, fast filmreif. Man fühlt sich direkt an Disney-Filme der jüngeren Zeit erinnert. Auch sind die Zeichnungen sehr strukturiert angeordnet, ich habe schon „chaotischere“ Comics gesehen. Bei der Betrachtung der Bilder kommt keine Unruhe auf, lediglich die Leserichtung ist in Einzelfällen nicht immer sofort eindeutig. Das hat mich aber nicht gestört. Besonders schön anzuschauen sind die seitenfüllenden, großformatigen Illustrationen sowie die Naturdarstellungen in Jotundalen. Die Darstellung der Licht- und Schatteneffekte gefallen mir. Ich glaube, die Optik hätte sogar noch mehr Wirkung entfaltet, wenn der Verlag dieses Buch nicht im Din-A-5-Format, sondern in einem etwas größeren Format herausgegeben hätte.

Textuelle Gestaltung und Altersempfehlung
Der Textanteil ist recht überschaubar, es wird nicht viel gesprochen. Das hat mich dann doch etwas gewundert, wird dieses Buch doch für Kinder ab 11 Jahren empfohlen.
Die Altersempfehlung von 11 Jahren halte ich für gerechtfertigt. So ist die Atmosphäre dieser Graphic novel doch insgesamt recht düster und beklemmend, was auch an dem schwarzen Seitenhintergrund liegt. V.a. die Auseinandersetzung von Espen mit den Wikingern sowie der Kampf der Wikinger mit einem Seeungeheuer sind etwas blutrünstig geraten. So sieht man z.B. eine abgeschlagene Hand auf einem der Bilder. Einige Abschnitte sind recht unheimlich gestaltet, vor allem diejenigen, die in der Nacht am Lagerfeuer spielen. Das sollte man bei der Auswahl dieser Lektüre beachten.

Kritik
Was ich schade fand, war die Tatsache, dass das Buch doch recht abrupt endet. Man würde gerne weiterlesen und mehr über Jotundalen erfahren. Vor allem wüsste ich gern mehr über Henrik und darüber, was er in Jotundalen getrieben hat. Die magische Welt wurde in diesem ersten Band gerade erst vorsichtig eingeführt, und gerade als man sich als Leser dort eingelebt hat und viele Fragen entstehen, endet die Graphic novel. Das ist schon schade. Aber es ist natürlich gleichzeitig auch ein gutes Zeichen, wenn das Buch Lust auf eine Fortsetzung macht.

Fazit: Malin Falch entwirft eine reizvolle Graphic novel, die vom Stil an Disney-Filme erinnert. Ich vergebe 4 Sterne. Warum nicht fünf? Einerseits finde ich, der Band hätte ruhig etwas textlastiger ausfallen können. Andererseits bin ich der Meinung, dass sich das Ende etwas abrupt ereignet. Sonst habe ich aber nichts zu bemängeln und finde dieses Buch gelungen.

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Rechtsmedizinerin mit Vorliebe für die Gothic-Kultur

Wer mit den Toten spricht von A. K. Turner

Wer einen Kriminalroman lesen möchte, in dem die Figurenzeichnung und die Personenkonstellation überzeugen und der eine plausible, schlüssige, durchdachte Auflösung bereithält, der macht mit der Lektüre von A.K. Turners „Wer mit den Toten spricht“ nichts falsch. Es handelt sich um den zweiten Teil einer Reihe, der ohne Vorwissen des ersten Bands gelesen werden kann.

Ich selbst bin auch ohne Vorkenntnisse gestartet und hatte keinerlei Verständnisschwierigkeiten. Das einzige, was man an dem als Thriller vermarkteten Werk bemängeln kann, ist der Umstand, dass die Spannungsintensität nicht so hoch ausfiel, wie von mir erhofft. Insgesamt liest sich das Buch aber äußerst flüssig.

Figuren
Besonders die Hauptfigur Cassie Raven, eine kompetente rechtsmedizinische Assistentin mit einer bewegten Vergangenheit in der Hausbesetzerszene, kann überzeugen. Schon auf den ersten Seiten wird gut deutlich, dass wir es mit einer empathischen und verständnisvollen Protagonistin zu tun haben. Sie kann mit Trauernden gut umgehen, hat ein Gespür für die Situation und verhält sich gegenüber den Angehörigen pietätvoll. Auch mit ihrer Großmutter geht sie äußerst fürsorglich um. In ihrer Freizeit verkehrt Cassie mit recht gebrochenen Charakteren aus der Subkultur. Sie selbst ist eine soziale Aufsteigerin. Bei der Ausübung ihres Jobs ist sie äußerst akribisch, leidenschaftliche und stark interessiert. Ich könnte mir vorstellen, dass sie in einem der nachfolgenden Bände selbst noch zur Pathologin wird. Darüber hinaus ist auch der unmittelbare Kollegenkreis von Cassie nach meinem Dafürhalten gut ausgearbeitet. Als Kontrastfigur haben wir zum einen ihren Kollegen Jason, der respektlos und mit wenig Anstand mit den Toten umgeht, an denen er eine Autopsie vornimmt. Zum anderen gibt es noch Dr. Curzon, den herablassenden Vorgesetzten, der Cassie kleinhalten will und formalistisch agiert, statt ihr Talent zu fördern. Kurzum: Ein gelungenes Setting, das in sich stimmig ist.

Rechtsmedizinische Darstellung
Die Darstellung der rechtsmedizinischen Arbeit ist ebenfalls gelungen. Man merkt, dass die Autorin einige Recherchen investiert hat. Es werden zahlreiche medizinische Fachbegriffe verwendet, Details bei der Beschreibung einer Autopsie werden nicht ausgespart. Stellenweise war mir die Darlegung aber schon auch etwas zu drastisch und zu direkt. Was mir auch nicht so zugesagt hat, war die doch etwas mystische Idee, dass Cassie eine Art übersinnliche Fähigkeit besitzt und die Toten reden hören kann. Hier war ich froh, dass dieses Handlungselement nicht zu häufig vorkam. Das hätte den Krimi in meinen Augen doch zu unrealistisch wirken lassen.

Inhaltliche Gestaltung
Inhaltlich werden im Wesentlichen zwei Handlungsstränge verfolgt. Auf der einen Seite bemüht sich Cassie darum, ihre eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und den Tod ihrer Mutter auf eigene Faust zu untersuchen. Dazu stellt sie Nachforschungen an und gerät selbst in Gefahr. Auf der anderen Seite geht es um die Rekonstruktion der Tatumstände eines Selbstmords. Hier stellt sich die zentrale Frage, warum sich das Opfer Bradley selbst umgebracht hat. Nach meinem Gefühl war die Handlung in der ersten Hälfte des Buchs etwas zu vorhersehbar, es war oft klar, was als Nächstes folgt, das hat sich dann aber in der zweiten Hälfte des Buchs gelegt. Insgesamt hätte das erzählerische Tempo nach meinem Geschmack gern höher ausfallen können. Aber das ist natürlich sehr subjektiv! Die Handlung wird geradlinig erzählt, sie ist also nicht auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelt o.ä., es gibt auch keine größeren Abschweifungen. Die Anzahl der Perspektiven ist überschaubar.

Fazit: Ein Thriller mit einer starken Hauptfigur und einem gut durchdachten Figurentableau. Lediglich Tempo und Spannung hätten höher ausfallen können. Ich vergebe 4 Sterne.

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Abwechslungsreiche Anthologie mit gelungener Märchenauswahl

Meine schönsten Weihnachtsmärchen von Sörensen Imke; Andersen Hans Christian; Grimm Brüder; Nettingsmeier Simone; Prieser Uwe; Schröer Johannes; Kyber Manfred; Reinheimer Sophie; Dehmel Paula; Büchner Luise; Dickens Charles; Löns Hermann

Das Märchenbuch „Meine schönsten Weihnachtsmärchen“, herausgegeben vom Carlsen-Verlag und illustriert von Kai Würbs, ist in meinen Augen eine gelungene Anthologie, die sich auf variantenreiche Weise mit dem Thema „Weihnachten“ beschäftigt und inhaltlich über die klassischen Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm hinausgeht.

So findet man auch Märchen von Hans Christian Andersen, Luise Büchner, Charles Dickens, Uwe Prieser sowie Sophie Reinheimer u.a. darin.

Inhalt und Konzept
Das Buch enthält 24 Märchen und ist so gestaltet, dass man jeden Tag ein weihnachtliches Märchen vorlesen kann. Dabei werden teilweise auch interessante Hintergrundinformationen vermittelt, so z.B. darüber, wie der Adventskranz oder der Adventskalender entstanden sind. In einigen Märchen wird auch das Christkind als Figur thematisiert und bekommt damit mehr „Kontur“. Das finde ich gelungen, weil ja in der kindlichen Vorstellungswelt das „Christkind“, der „Weihnachtsmann“ und der „Nikolaus“ als Charaktere doch sehr miteinander verschwimmen.
Was mir auch gut gefallen hat: Die Anthologie umfasst nicht nur die klassischen Märchen der Brüder Grimm, sondern enthält auch Kunstmärchen. Hier geht die Märchensammlung also über das, was in insbesondere in Schulbüchern in Klasse 5 häufig angeboten wird, hinaus. In der Schule werden ja vor allem Grimms Märchen und ihre Merkmale behandelt und dienen auch als Anlass, selbst Märchen zu schreiben. Diese Märchensammlung ist also auch eine gute Ergänzung zum Schulunterricht.
Als besondere erzählerische Highlights habe ich solche Geschichten empfunden, bei denen aus der Sicht von Gegenständen berichtet wird: so bei „Eisblumen“ von Sophie Reinheimer, bei „Der Tannenbaum“ von Hans Christian Andersen sowie bei „Der kleine Tannenbaum“ von Manfred Kyber. Während Reinheimer das Geschehen aus der Perspektive von Möbeln beschreibt, wird in den „Tannenbaum-Geschichten“ aus der Sicht des Baums geschildert, was an Weihnachten mit ihm und seiner Umgebung passiert. Das fördert in meinen Augen nicht nur die kindliche Empathie, also das „Sich-in-andere-hineinversetzen“, sondern kann sogar kreativer Anlass sein, sich selbst ähnliche Geschichten zu überlegen.

Bebilderung
Die Bebilderung ist nach meinem Dafürhalten lobenswert. Was mir besonders gut gefallen hat, ist der Umstand, dass viele großformatige Bilder vorkommen (immerhin 30 Bilder, die mindestens eine ganze Seite umfassen, bei insgesamt 206 Seiten). Lediglich das Bild auf S. 33 ist durch den Druck, so scheint es mir, arg dunkel geraten. Insgesamt aber sind die Bilder textunterstützend, farbenprächtig und die Farbgebung ist kräftig und sättigend. Die Illustrationen von Kai Würbs haben bei mir einen positiven Eindruck hinterlassen

Kritikpunkte
Der Umfang der Märchen ist recht unterschiedlich und reicht von gerade einmal drei Seiten bis hin zu 14 Seiten. Wünschenswert wäre es in meinen Augen gewesen, die Textlänge stärker anzugleichen, damit die abendliche Vorlesezeit jeden Abend ungefähr identisch ist.
Ich hätte es interessant gefunden, wenn jedes Märchen auch noch ein Erscheinungsjahr als Angabe erhalten hätte. Auch hätte ich bei den Grimm Märchen gut gefunden, wenn in einem Nachwort kurz darauf hingewiesen worden wäre, um welche Fassung es sich handelt. Einige der Grimm Märchen wirkten auf mich doch sehr stark gekürzt, ohne dass die Kürzung kenntlich gemacht wurde.
Manche Wörter sind etwas veraltet und auch aus der Zeit gefallen. Sie sind für Kinder nicht sofort verständlich. Diese kann man während der Lektüre natürlich erklären, aber eine Art „Wörterliste mit Erläuterung“ im Anhang hätte ich hilfreich gefunden.
Hin und wieder schleicht sich doch einmal der eine oder andere kleine Fehler ein, ich habe einen Tippfehler („Feuerstahl“ statt „Feuerstrahl“, S. 141) sowie einen Grammatikfehler („Es war einmal Schuster“, S. 95) entdeckt. Betrachtet auf die Gesamtzahl der Seiten dieses Buchs, sind diese kleinen Ungenauigkeiten aber zu verschmerzen.

Fazit: Eine bunte Mischung von Weihnachtsmärchen unterschiedlicher Autoren, die inhaltlich gut ausgewählt worden sind. Alles rund herum um das Themengebiet „Weihnachten“ und „Winter“ wird variantenreich abgedeckt. Viele großformatige Bilder mit kräftiger Farbgebung runden den positiven Gesamteindruck ab. Ich hätte mir lediglich noch mehr Hintergrundinformationen zu den einzelnen Texten gewünscht, z.B. Erscheinungsjahr. Ich vergebe insgesamt 4 Sterne, weil ich doch noch einige wenige Verbesserungsmöglichkeiten sehe.

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Langweilig und vorhersehbar

Stille blutet von Ursula Poznanski

Der Thriller „Stille blutet“ von Ursula Poznanski startet mit einem furiosen Auftakt. Eine Moderatorin kündigt durch einen manipulierten Teleprompter aus Versehen ihren eigenen Tod an, der dann real wird. Und sofort fragt man sich, wer dahintersteckt. Doch leider war es das dann auch. Bis auf den fulminanten Start hat der Thriller leider wenig zu bieten.

Er ist langweilig, vorhersehbar und einfach 0815-„Einheitsbrei“. Und für mich war es eher ein Krimi, kein Thriller. Wo bitte waren die klassischen „Thrill-Elemente“?
Es gab leider nichts Besonderes, was diesen Thriller von anderen auf dem Markt unterscheidet. Die Handlung verläuft langatmig, das Tempo ist gemütlich-langsam, die Ermittlungen ziehen sich hin, die Figuren bleiben weitestgehend blass. Wendungen und Überraschendes habe ich vermisst. Eine Sogwirkung kam an keiner Stelle auf. Es ist schon nach den ersten Seiten klar, wer als Verdächtiger in Frage kommt. Und die Polizei agiert völlig festgefahren und unkreativ. Wo sind spannungserregende Impulse? Auch die Rivalität, die im Ermittlerteam als zusätzliche „Würze“ angelegt ist, ist leider nicht innovativ, sondern eher ermüdend und altbekannt. Es finden sich einfach viele klassische Muster, auf die die Autorin hier zurückgreift. Nebenschauplätze erhalten viel zu viel Gewicht. Und die Auflösung am Ende ist so langatmig, wie ich sie selten zuvor gelesen habe: Erklärung reiht sich an Erklärung. Noch dazu ist das Verhalten von Tibor an einer Stelle absolut unglaubwürdig.
Das einzige, was ich etwas interessant fand: Es wird die Perspektive eines unbekannten Beobachters eingebaut, der sich in direkter Anrede an den Leser wendet. Allerdings ist mir das Gesagte in diesem Blickwinkel viel zu sehr verrätselt und unverständlich. Zwar erzeugt dieses Element erstmals Neugier, weil man wissen möchte, wer dahinter steckt. Doch leider will sich die Autorin hier leider zu viel für mögliche Nachfolgebände aufheben. Schade! Ich werde jedenfalls diese Reihe nicht weiter verfolgen. Da greife ich lieber zu Büchern anderer Thriller-Autoren.

Fazit: Dieser Thriller ist klassische „Massenware“ und ist zudem kein Thriller, sondern ein Krimi. Das einzige, was gelungen ist, ist der furiose Auftakt. Wer dann weiterliest, wird schnell enttäuscht sein. Ich rate von diesem Werk ab. Keine Empfehlung von mir! 2 Sterne für den gelungen Beginn und für die Idee, dass ein unbekannter Beobachter sich in direkter Anrede an den Leser wendet.

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