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Rezensionen von Tobias Kallfell:

Charakterstudie

In blaukalter Tiefe von Kristina Hauff

Wer sich für zwischenmenschliche Feinheiten und Abgründe interessiert, der ist bei dem Roman „In blaukalter Tiefe“ von Kristina Hauff genau richtig. Erzählt wird im Wechsel von vier verschiedenen Perspektiven, so dass man verschiedene Standpunkte kennen lernt und nah dran an den Gedanken und Gefühlen der Protagonisten ist.

Und durch die asymmetrisch angelegten Beziehungsverhältnisse entsteht viel emotionaler „Zündstoff“. Die beiden befreundeten Paare passen nicht gut zusammen. Und begleitet werden die vier Passagiere von einem eigenbrötlerischen, wortkargen Skipper, über den man nicht viel erfährt und der mysteriös wirkt.

Daniel und Tanja nehmen die Einladung von Andreas und seiner Frau Caroline zu einem Segeltörn an, auch wenn Tanja sich dabei nicht wirklich wohl fühlt. Sie wirkt zu Beginn ziemlich unsicher, aber auch sehr authentisch und fürsorglich. In ihrer Partnerschaft ist sie aufopferungsvoll, begibt sich aber auch in Abhängigkeit von Daniel. Caroline kommt hingegen unterkühlt, berechnend und fordernd daher und wirkte auf mich äußerst unsympathisch, weil sie aus allem ein kleines Machtspiel veranstaltet. Anders als Tanja agiert sie meist souverän und selbstsicher. Sie kennt ihren Mann genau und es reizt sie, ihn zu provozieren. Auch beobachtet sie ihre Mitreisenden genau und durchschaut sie mühelos. Der Kontrast zwischen den Frauenfiguren ist interessant gestaltet worden. Beide stammen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Und Caroline scheint eine große innere Leere zu verspüren.

Die männlichen Protagonisten stehen hierarchisch nicht auf derselben Stufe. Beide sind Juristen in derselben Kanzlei. Andreas ist Daniels Chef und Daniel versucht sich auf dem Segeltörn zu profilieren. Es besteht also ein Abhängigkeitsverhältnis, das Andreas geschickt für sich auszunutzen weiß. Und Daniel gerät schon bald in Gewissenskonflikte. Denn auch im Urlaub spielt die Arbeit bald eine Rolle und hält die beiden Kollegen auf Trab. Andreas wirkt anfangs kontrollsüchtig, es fällt ihm nicht leicht, Verantwortung abzugeben, und das Altern bereitet ihm Schwierigkeiten. Er erzählt gern von sich und steht gern im Mittelpunk. In brenzligen Situationen ist er darum bemüht, jederzeit einen kühlen Kopf zu bewahren und souverän zu agieren. In seinem Inneren plagen ihn aber tiefe Selbstzweifel. Daniel wirkt aufgrund der beruflichen Problematik sehr angespannt und auch ungeduldig. Und irgendwann kommt es zwischen beiden Männern zu einem Konflikt. Andreas beginnt Grenzen zu überschreiten und fordert Daniel heraus. Und Daniel beginnt sich zu verbiegen. Das alles ist klug konzipiert!

Was ebenfalls gelungen und lobenswert ist: Alle Figuren entwickeln sich weiter. Tanja wird stärker, Caroline wird kaltblütiger, Andreas wird unberechenbarer und Daniel wird schwächer. Zusätzliche Würze erhält der Inhalt zudem noch durch weitere Zutaten: Einerseits durch den Handlungsort (ein Segelboot) und andererseits durch Eric, den Skipper. So müssen Andreas, Caroline, Tanja und Daniel im Boot auf engstem Raum zusammenleben und sich miteinander arrangieren, auch wenn Konflikte aufbrechen. Es gibt so gut wie keine Privatsphäre und keine Möglichkeit, die anderen zu meiden und sich zurückzuziehen. Eine Flucht ist auf offener See nicht möglich. Und beim Segeln müssen alle als Team agieren und ihre persönlichen Befindlichkeiten außen vor lassen. Eric, der Skipper, bemüht sich darum, professionelle Distanz zu seinen Passagieren zu wahren. Doch das hält er nicht lange durch und schon bald wird er mit in die Krise an Bord hineingezogen. Das alles liest sich spannend! Sehr metaphorisch ist auch die Schilderung des Wetters und des Wellengangs: Die Unruhe auf dem Meer spiegelt den inneren Zustand der Mannschaft wider. Klasse!

Fazit: Vorrangig geht es in diesem Buch um verschiedenartig gelagerte Beziehungsdramen. So etwas sollte man mögen. Menschliche Abgründe und zwischenmenschliche Machtspiele machen den Reiz aus. Es handelt sich um eine klug angelegte Charakterstudie, bei der die Figurenzeichnung in meinen Augen äußerst gelungen ist. Was für Dynamik sorgt: Die Charaktere entwickeln sich allesamt weiter und die Allianzen zwischen den Beteiligten wechseln munter. Das einzige, was mich nicht zu 100% überzeugen konnte, war das Ende. Einige Verhaltensweisen der Figuren fand ich nicht schlüssig, v.a. was Daniel und Tanja betrifft. Auch empfand ich den Schluss passagenweise als etwas zu überhastet erzählt. Ich gebe 4 Sterne, ganz knapp an den 5 Sternen vorbei!

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Misslungene Wendung

Going Zero von Anthony Mccarten

Die Grundidee des Thrillers „Going Zero“ von Anthony McCarten ist bestechend einfach und doch sehr ausgefeilt. Schafft man es, 30 Tage unterzutauchen, ohne sich von den Sicherheitsbehörden erwischen zu lassen? Schafft man es, keine (digitalen) Spuren zu hinterlassen? Wie ausrechenbar ist das Verhalten eines Menschen? Diese Idee eines Katz-und-Maus-Spiels hat mich durchaus überzeugt (auch wenn sie mich schon auch ein wenig an den Film „Staatsfeind Nr.

1“ erinnert hat), auch weil die recht knappen, countdownartigen Kapitel dafür sorgen, dass Dynamik entsteht.

Was mir auch gut gefallen hat, die Hauptprotagonistin Kaitlyn (eine Bibliothekarin) ist gut vorbereitet, sie hat einen Plan, wie sie vorgehen will. Und durch den Umstand, dass 10 Personen für den Testlauf ausgewählt wurden, entsteht auch Abwechslung im Handlungsverlauf. So werden in eingeschobenen Kapitel auch die Schicksale der anderen Flüchtenden beschrieben (wenn auch nur recht knapp). Auf diese Weise werden verschiedene Ideen durchgespielt, wie man sich vor staatlichem Zugriff verstecken könnte.

Beiläufig geht es natürlich auch um die Frage der Vor- und Nachteile einer digitalen Gesellschaft und der möglichen totalen (digitalen) Überwachung. Wie weit darf ein Rechtsstaat gehen? Wie sehr darf in die Privatsphäre der Bürger eingegriffen werden, um einen möglichen Täter verfolgen zu können? Was mich beim Lesen jedoch häufiger beschäftigt hat, ohne dass ich eine befriedigende Antwort auf meine Frage finden konnte: Wie viel von dem, was im Buch als technisch möglich geschildert wird, ist fiktiv und wie viel ist real? Manches der Technik mutet doch sehr „sciencefictionhaft“ an. Hier hätte ich mir ein informativeres Nachwort gewünscht.

Zwei Drittel des Buchs sind sehr spannend, gut und kurzweilig. Was z.B. auch gut zum Ausdruck kommt, ist, dass Cy Baxter sehr ehrgeizig und besessen wirkt. Unter Belastung verliert er auch einmal die Beherrschung und geht zu weit. Er reagiert dann unvernünftig. Man hätte aus der Flucht von der unscheinbaren, unterschätzten Kaitlyn vor dem impulsiven Cy ein schönes Psychoduell machen können. Hier verschenkt der Roman in meinen Augen leider Potential.

Und noch etwas hat mich an dem Roman gestört. Meiner Meinung nach ist man als Leser zu weit weg vom Geschehen. So hätte ich mir gewünscht, dass ich an der Gefühls- und an der Gedankenebene der Flüchtenden viel näher dran bin. Dann wäre auch mehr Dramatik entstanden. Ich habe raffinierte Tricks der Testpersonen vermisst. Vieles ging mir zu einfach und zu glatt. Und dann noch etwas: Im späteren Handlungsverlauf kommt es zu einer wichtigen Wendung (im Klappentext wird das lediglich durch die Aussage „doch Kaitlyn geht es um etwas anderes“ angedeutet). Und diese Wendung ist in meinen Augen eine Katastrophe, ja eine Katastrophe! Der Handlungsschwerpunkt verschiebt sich plötzlich hin zu etwas anderem und das, was so spannend angelegt war, gerät zu sehr aus dem Blick. Das ist unglaublich schade! Was hat der Autor sich nur dabei gedacht? Aus diesem Grund hat mir das letzte Drittel des Buchs auch überhaupt nicht mehr gut gefallen. So bleibt abschließend ein fader Beigeschmack. In meinen Augen hätte man aus der Grundidee viel mehr herausholen können und auch müssen.

Fazit: Der Roman lässt mich etwas verärgert zurück. Zwei Drittel des Romans sind sehr gut, wenn auch nicht herausragend. Dann kommt es zu einer wichtigen Wendung, die im Klappentext nur sehr nebulös angedeutet wird, und der Roman verliert für mich schlagartig an Qualität, weil sich der Schwerpunkt der Handlung hin zu etwas anderem verschiebt. Das ist nicht nur schade, das ist eine Katastrophe! Grundsätzlich hätte man aus der Story auch noch viel mehr Dramatik und Emotion herausholen können. Die Geschichte bleibt unter ihren Möglichkeiten. Ich empfehle das Buch nur solchen Lesern, die mit einer unerwarteten Wendung hin zum Schlechten gut umgehen können. 3 Sterne!

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Klassischer 0815 Thriller

Das Sanatorium von Sarah Pearse

Was den Thriller „Das Sanatorium“ auszeichnet, ist die detaillierte Beschreibung des Handlungsorts, der Umgebung und der Atmosphäre. Das ist wirklich gelungen. Aber reicht das schon für einen sehr guten Thriller? Nein, auf keinen Fall! Ich empfand die Lektüre des Buchs als ziemlich langatmig. Es werden die klassischen Muster eines Thrillers bedient, es gibt nichts Innovatives, was ihn auszeichnet und die Spannungsintensität ist mau.

Der Handlungsort zeichnet sich durch Exklusivität, Abgeschiedenheit und Isolation aus. Zugleich weist er eine unheilvolle Vergangenheit als Klinik für Tuberkulosepatienten auf. Die Charakterzeichnung der Hauptfiguren ist für einen Thriller in Ordnung, auch die Beziehungsverhältnisse zwischen den Figuren sind durchdacht. Aber es ist halt das, was man aus vielen anderen Thrillern auch schon kennt, eben nichts Besonderes. Leider.

Die Autorin hält zu Beginn viele „Handlungs-Bälle in der Luft“. So verschwindet die Verlobte von Isaac (Laure), dem Bruder von Elin. Und es gibt etwas Traumatisches, das die Familiengeschichte von Elin und ihrem Bruder Isaac auszeichnet. Ein weiteres Thema: Ein Architekt des Luxushotels wird vermisst (Daniel). Und als ob das noch nicht reichen würde, ist auch das Zimmermädchen Adele spurlos verschwunden. Nach und nach lösen sich dann die verschiedenen Handlungsfäden auf. Mich hat es jedenfalls nicht vom Hocker gehauen, was ich so gelesen habe. Altbekannte Muster und noch dazu eine Ermittlerin, die natürlich von einem Trauma heimgesucht wird.

Was auf der Strecke bleibt, ist ganz klar die Spannung. Selbst eine Lawine, die zu einer Evakuation des Hotels führt und einen begrenzten Personenkreis im Hotel verbleiben lässt, kann die Spannung leider nicht anheizen. Als ein erstes Opfer gefunden wird, geht es so weiter, wie man es auch aus vielen anderen Thrillern kennt. Auch hier nichts Neues. Leider. Es folgen die Vernehmungen von Zeugen, Elin sucht nach einem Motiv, die übliche Suche nach einem möglichen Täter beginnt, falsche Fährten folgen (die leider vorhersehbar sind). Kurzum: Wiederholung von klassischen Mustern und gähnende Langeweile. Natürlich werden auch Geheimnisse rund um das Hotel zu Tage befördert. Und natürlich gerät Elin als Ermittlern selbst auch in Gefahr, als sie dem Täter zu nahe kommt.

Fazit: Langweilig, vorhersehbar, altbekannte Muster werden abgerufen, keine innovativen Ideen. Ein Thriller, wie man ihn schon tausendfach gelesen hat. Wer so etwas mag, der kann hier gerne zugreifen. Leser:innen, die gerne mal etwas anderes als das Altbekannte lesen wollen, rate ich von dem Buch ab. 2 Sterne von mir.

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Innere Echokammer

Macht von Heidi Furre

Der Roman „Macht“ ist das Debut von der norwegischen Autorin Heidi Furre und widmet sich sehr eindringlich dem Thema „sexualisierte Gewalt“. Im Zentrum steht ausschließlich die Protagonistin Liv, die gedanklich völlig von dem Trauma, das sie erlebt hat, vereinnahmt wird. Nach außen wahrt sie den Schein und funktioniert, doch in ihr drinnen sieht es dramatisch aus.

Sie macht auf mich einen depressiven Eindruck und zeichnet sich durch Emotionslosigkeit aus. Dieser Zustand wird durch die sprachliche Gestaltung des Romans noch unterstrichen. Liv beschreibt ihren Tagesablauf sachlich, nüchtern, distanziert, in einer Art Protokollstil. Zwischen innen und außen scheint eine unsichtbare Mauer zu existieren, auf mich wirkt Liv oft teilnahmslos und unbeteiligt. Ihren Job als Altenpflegerin übt sie mehr mit Pflichtbewusstsein als mit Leidenschaft aus. Ihr Blick auf die Patienten ist reserviert. Sie funktioniert lediglich und fügt sich den zu erledigenden Alltagsroutinen. Nach außen demonstriert sie ein gewisses Maß an Normalität. Und ihr Umfeld scheint von ihrem krisenhaften inneren Zustand überhaupt nichts mitzubekommen, vor allem ihr Mann nicht.

Das Innenleben der Protagonistin nimmt viel Raum ein. Und die vielen Gedanken zum Ausdruck zu bringen und das Gedankenkreisen um immer das gleiche Thema zu gestalten, das ist anspruchsvoll. Da ziehe ich vor der Autorin meinen Hut. Die Gedanken von Liv kreisen um sie selbst, Beziehungen zu anderen Figuren werden so gut wie gar nicht geschildert, was ich etwas schade fand. Aber es ist klar, warum die Autorin diesen Weg der Beschreibung gewählt hat. Es wird auf diese Weise deutlich, dass Liv traumatisiert ist und immer noch in der Opferrolle verharrt und sich aus ihrem inneren Gefängnis nicht befreien kann. Die Erinnerung an das Geschehene vereinnahmt sie völlig. Erschütternd! Kritische Leser:innen mögen beanstanden, dass sich der Inhalt recht schleppend liest und dass sich vieles wiederholt. Und ja, die Lektüre ist anstrengend. Das Thema der Vergewaltigung kehrt immer wieder und das erlebte Trauma wird immer wieder in neue Worte gekleidet und vertieft. Doch ich bin mir sicher, dass die Autorin dies bewusst so gestaltet hat, um das Gedankenkarrussell von Liv auf diese Weise zu veranschaulichen. Die Erinnerung lässt sie nicht los, verfolgt sie. Sie lässt sich einfach nicht unterdrücken. Und das wiederum ist realistisch!

Als Leser:innen sind wir sehr stark an die Perspektive von Liv gewunden. Was um sie herum passiert, das bekommt man kaum mit. Zu sehr ist sie mit ihrem inneren Erleben beschäftigt. Der innere Monolog überwiegt, die Selbstreflexion nimmt viel Raum ein. Die Auseinandersetzung mit den vergangenen Dämonen ist das, was den Roman ausmacht. Darauf muss man sich einlassen wollen. Keine leichte Lektüre. Auf Dauer ist die Lektüre schon auch anstrengend. Kritische Leser:innen mögen bemängeln, dass auf diese Weise das Thema „sexualisierte Gewalt“ womöglich überreizt wird. Auch wird der ein- oder andere Leser womöglich kritisieren, dass es unrealistisch ist, dass Livs Umwelt von ihrem inneren Zustand nichts mitbekommt. Doch ich würde diesen Kritikpunkten widersprechen. Erst durch das immer Wiederkehrende wird klar, wie sehr Liv in der Opferrolle verharrt. Und tatsächlich ist es bei psychischen Krisen häufig so, dass das unmittelbare Umfeld nichts mitbekommt, weil die Betroffenen nach außen den Schein wahren. Natürlich habe ich mir auch gewünscht, dass Liv Hilfe erhält. Aber die Initiative dafür muss von ihr selbst ausgehen.

Im Klappentext ist von einem „Befreiungsschlag“ der Protagonistin die Rede. Soweit würde ich nicht gehen. Man merkt zwar Liv an, dass sie sich nicht länger mit ihrer Opferrolle zufrieden geben will. Sie stellt Überlegungen an, wie sie selbst die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnt und sie stellt erste Schritte dazu an. Aber von einer Befreiung ist sie noch weit entfernt. Deshalb hat mich das Ende auch etwas unbefriedigt zurückgelassen. Ich fand es wenig hoffnungsvoll. Für mich hat Liv noch einen sehr langen Weg vor sich, bis ihre Wunden heilen. Hier hätte ich mir eine andere Botschaft gewünscht. Das innere Leiden ist bis zum Schluss des Buchs spürbar. Ich hätte Liv eine deutlich positivere Entwicklung gewünscht.

Fazit: Ein Roman, der den Leidensweg eines Vergewaltigungsopfers thematisiert. Keine leichte Lektüre. Liv wird völlig von ihrem vergangen Trauma vereinnahmt und verharrt in der Opferrolle. Viel Raum nehmen Selbstreflexionen und Gedankenkreisen um das wiederkehrende Thema der erlebten Gewalt ein. Der psychische Zustand von Liv wird auf diese Weise gut deutlich. Man wünscht ihr Hilfe und dass sie die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnt. Leider ist der Roman wenig hoffnungsvoll. Ich hätte Liv eine positivere Entwicklung gewünscht. Ich empfehle das Buch solchen Leser:innen, die nicht vor dem schwierigen Thema „sexualisierte Gewalt“ zurückschrecken und die sich auf die ausführliche Beschreibung des inneren Leidens der Protagonistin einlassen wollen.

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Freundschaft und Tierliebe

Internat Schloss Sommerberg - Fünf Pfoten retten Ferdinand Nuss von Susanne Oswald

Das Kinderbuch „Internat Schloss Sommerberg. Fünf Pfoten retten Ferdinand Nuss“ von Susanne Oswald thematisiert in erster Linie die Themen „Freundschaft“ und „Tierliebe“. So haben wir es mit den vier Freunden Dalena, Lilli, Finn und Anton sowie mit dem Hund Sponschdog zu tun, die einander beistehen und sich gegenseitig unterstützen, aber auch einmal auf den Arm nehmen.

Und was sich wie ein zweiter roter Faden durch das Buch zieht, ist das umsichtige, tierliebe Handeln der Freunde. So kümmert sich Finn z.B. um den wuscheligen Hund der Schulköchin und baut für ihn sogar einen Parcours. Und die gesamte Klasse um die Lehrerin Frau Flemming führt eine Kröten-Rettungsaktion durch. Nicht zuletzt wird ein verletztes Eichhörnchen versorgt. Hier wird Empathie für die Tierwelt gefördert.

Und was die Geschichte ebenfalls auszeichnet. Es sind relativ unspektakuläre Alltagsbegebenheiten, die den einzelnen Kapiteln Spannung verleihen. So wird am Anfang des Buchs zunächst recht ausführlich der Schulunterricht im Internat thematisiert (sogar bis hin zu einem Tafelbild über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Reptilien und Amphibien), im weiteren Handlungsverlauf geht es dann um den Alltag im Schloss. So muss ein Mädchen mit der Information umgehen, dass ihre Mutter in Ohnmacht gefallen ist. Alpakas müssen eingefangen werden, Hausaufgaben wollen erledigt werden, ein Eichhörnchen wird gefüttert etc.

Das einzige, was mich beim Vorlesen etwas gestört hat, ist der Umstand, dass schon an der ein- oder anderen Stelle klassische Stereotype und Geschlechterklischees reproduziert werden. So löst das Fach Mathematik natürlich bei einem Mädchen einen Knoten im Kopf aus. Der Konrektor Krautmann läuft mit einer sauertöpfischen Miene durch das Schulgebäude und hat ständig etwas zu meckern, der Hausmeister der Schule ist stets unfreundlich und engstirnig. Ein Mädchen muss natürlich kreischen, wenn es eine Kröte sieht. Finn ist der klassische unangepasste, wilde Junge.

Fazit: Ein Buch, das mit einer klassischen Freundschaftsgeschichte aufwartet. In meinen Augen ist es ein durchschnittliches Kinderbuch. Es ist kein Buch, das man unbedingt gelesen haben muss. Gestört haben mich die reproduzierten Stereotype und Geschlechterklischees. Was es positiv auszeichnet, ist der Umstand, dass vor allem die Tierliebe häufig thematisiert wird. Ich vergebe 3 Sterne.

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Jugendbuch mit vielen schwierigen Themen

The truth behind your lies von Silke Heimes

In die Handlung des Jugendbuch-Thrillers „The truth behind your lies“ von Silke Heimes findet man recht zügig hinein. Auf der einen Seite haben wir Jan, der wie ein Nerd wirkt und einen Racheplan schmiedet, und auf der anderen Seite haben wir eine fünfköpfige Clique, in der wir als Leser v.a. Emmys Perspektive begleiten.

Sie machen zusammen Urlaub in einer Ferienhütte in den Bergen, die Jan zuvor mit Kameras ausgestattet hat. Über das anfängliche Logikloch, warum sich die fünf Freunde in der Hütte ihres Mobbingopfers einquartieren, muss man großzügig hinwegsehen. Der Rest des Buchs ist durchaus gelungen und nicht uninteressant. Es werden einige jugendspezifische Themen angesprochen, die es in sich haben (Ängste, Selbstverletzungen, suizidale Gedanken, sexualisierte Gewalt, Drogenkonsum, (Cyber)Mobbing). Was die Handlung im Wesentlichen vorantreibt, sind die folgenden Fragen: Was hat Jan genau vor? Warum tut er das? Er macht nämlich eigentlich nicht den Eindruck eines klassischen Täters, dafür wirkt er eigentlich zu empathisch.

Gelungen ist in meinen Augen dann die Darstellung der problematischen Beziehungsverhältnisse zwischen den einzelnen Heranwachsenden, bei denen man als Leser auch recht schnell ahnt, dass einige psychische Probleme zutage treten werden. Alle haben ihr Päckchen zu tragen. Das (teils toxische) Zusammenspiel der Clique wird recht authentisch eingefangen und ist gut ausgearbeitet. Mit echten Freunden scheint man es jedenfalls nicht zu tun zu haben, wenn man sich das Treiben der Fünf so durchliest. Schon länger scheint einiges bei ihnen im Argen zu liegen, Gefühle werden nicht offen angesprochen. Viele Probleme scheinen wie bei einem Eisberg unter der Oberfläche zu liegen.
Das einzige, was ich in diesem Zusammenhang bemängeln kann, ist Folgendes: Stellenweise hätte ich mir schon gewünscht, dass noch mehr Hintergründe deutlich werden. Auch zu Jans Mobbing hätte ich mir noch mehr Informationen gewünscht. Vielleicht hätten dem Buch ein paar mehr Seiten noch gut getan. Dann wären auch die Randfiguren eventuell weniger blass geraten.

Abschließende Frage: Ist dieses Jugendbuch als Unterrichtslektüre denkbar? In meinen Augen sollte man als Lehrer:in keine Berührungsängste mit den oben genannten Themen haben. Das erfordert schon einiges an Fingerspitzengefühl und ist sicherlich herausfordernd. Lehrer:innen sind schließlich keine ausgebildeten Psychiater und Psychologen. Man merkt dem Buch schon an, dass die Autorin hier einen anderen Zugang hat, weil sie selbst als Ärztin in Psychiatrien gearbeitet hat. Als Lehrer:in sollte man sich z.B. darauf einstellen, dass das Finale des Buchs schon sehr unter die Haut geht und mitnimmt. Sensiblere Jugendliche könnten hier in meinen Augen überfordert werden. Der Verlag Ueberreuter stellt auf seiner Homepage auch Unterrichtsmaterial zur Verfügung (leider jedoch ohne Erwartungshorizont). Ich selbst finde, dass das Buch doch zu viele schwierige Themen auf einmal anschneidet.

Fazit: Ein Jugendbuch, das es thematisch in sich hat. Für mich ist es insgesamt „too much“, was die Autorin hier alles in das Buch hineinpackt, vor allem wenn ich an einen Einsatz im Unterricht denke. Das Ende gerät sehr dramatisch. Hier sehe ich schon auch die Gefahr einer Überforderung von sensibleren Schüler:innen.

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Daniel und Jorge erklären das Universum

Wo ist die Mitte des Weltalls? von Jorge Cham; Daniel Whiteson

Wissensvermittlung auf humorvolle und anschauliche Weise? Und das zu einem schwierigen Thema wie der Kosmologie? Ist das überhaupt möglich? Jorge Cham und Daniel Whiteson unternehmen diesen Versuch. Letzterer ist Professor für Physik und Astronomie an der University of California. Und zusammen mit Cham, einem Cartoonisten, der Robotertechnik studiert hat, betreiben beide den Podcast „Daniel and Jorge explain the universe“.

Und auf der Grundlage von Leserfragen zu diesem Podcast ist das Sachbuch „Wo ist die Mitte des Weltalls?“ entstanden.

Das Buch enthält 20 Kapitel zu Fragen rund ums Universum (Raum, Zeit, Zeitreisen, Aliens, Schwarze Löcher, Schwerkraft, Wurmlöcher etc.) und weist einen sehr humorvollen Erzählton auf. Darauf muss man sich natürlich einlassen wollen. Für ein Sachbuch ist das schon ungewöhnlich. Und ich gebe zu, dass auch ich mich erst einmal daran gewöhnen musste. Vor allem die auflockernden Cartoons, die immer wieder den Fließtext ergänzen, sind zunächst etwas befremdlich.

Zunächst einmal zum Negativen: Ich finde, dass Zeichnungen schon eine bestimmte Funktion erfüllen sollten. Im Idealfall sollte der Inhalt durch die Cartoons besser verständlich werden. Doch das war längst nicht bei allen Illustrationen der Fall, sondern nur bei wenigen. Oft ging es dann doch nur darum, einen (platten) Gag einzustreuen (über Humor lässt sich schwerlich streiten). Am Anfang der Lektüre hat mich das auch gar nicht groß gestört, aber mit zunehmender Seitenzahl wurde es dann doch anstrengend. Immerhin gibt es 296 Cartoons auf 344 Seiten. Durch die Cartoons wird nämlich der Lesefluss immer wieder unterbrochen und irgendwann habe ich mir die Zeichnungen dann gar nicht mehr angeschaut, weil ich lieber den Text lesen wollte. Aber das mag anderen Lesern natürlich ganz anders ergehen. Das ist wohl wirklich eine Geschmackssache. In meinen Augen hätten weniger Cartoons auch gereicht.

Nun zum Positiven: Was mich nicht gestört hat, war der recht amüsante Erzählton des Fließtextes, in dem auch hin und wieder lustige Beispiele zur Veranschaulichung eingestreut wurden. Überhaupt empfand ich den Inhalt als äußerst interessant. Ich habe alle Kapitel mit wirklich großem Interesse gelesen und auch einiges Neues dazugelernt. Besonders interessant fand ich es immer dann, wenn auch einmal Berechnungen angestellt wurden. Und die Kapitel weisen einen klaren roten Faden und logisch stringenten Aufbau auf. Meine persönlichen Highlights: „Was hält uns davon ab, zu den Sternen zu reisen?“ (S. 132 ff.), „Wo kommt das Universum her?“ (S. 186 ff.), Zwar gab es schon auch einzelne Gedankenspiele, die etwas albern oder auch recht trivial waren (z.B. „Wie lange wird die Menschheit überleben?“, S. 60 ff.), aber meistens betraf das nur bestimmte Passagen. Und was man den Autoren wirklich hoch anrechnen muss: Sie schreiben sehr leserzugewandt, so dass der Inhalt auch von Laien ohne weiteres gelesen und verstanden werden kann. Und der Humor und die ausgefallenen Beispiele sorgen dafür, dass einiges aus dem Buch hängen bleibt. Das ist auf jeden Fall lobenswert!

Letztlich scheint es ein schwieriger Drahtseilakt zu sein, Sachverhalte humorvoll vermitteln zu wollen, aber dabei nicht zu sehr die notwendige Ernsthaftigkeit zu verletzen. Nach meinem Empfinden ist dieser Drahtseilakt mal mehr und mal weniger geglückt, aber letztlich ist das natürlich sehr subjektiv. Was ich als albern empfinden mag, finden andere Leser vielleicht lustig. Möge sich jeder selbst ein Urteil bilden. Wer an Kosmologie interessiert ist, wird auf jeden Fall gut unterhalten und lernt auch etwas Wissenswertes dazu. Das Buch weist eine große Bandbreite interessanter Fragestellungen auf. Und was ich großartig finde: Die meisten Sachverhalte werden anwendungsbezogen vermittelt. Es werden praktische Probleme durchdacht, so dass die Gedankenspiele nicht zu abstrakt geraten.

Fazit: Ein Sachbuch, das sich durch einen ungewöhnlich amüsanten Erzählton auszeichnet. Auf diese Weise memoriert man einzelne Sachverhalte ganz gut, das hat mir gefallen. Die Cartoons haben mir persönlich nicht so zugesagt, es gab einfach zu viele davon und nur wenige hatten eine sinnvolle Funktion. Die Qualität der verschiedenen Kapitel ist recht unterschiedlich. Manches war mir zu albern oder zu absurd (z.B. das Kapitel „Ist ein Leben nach dem Tod möglich?“, S. 224 ff.), andere Kapitel hingegen waren wieder sehr interessant und lesenswert. Manche Sachverhalte sind bereits bekannt und zu trivial (v.a. für kosmologisch versierte Leser), andere Inhalte wiederum sind faszinierend. Es ergibt sich ein sehr uneinheitliches Bild, was ein klares Urteil erschwert. Ich gebe knappe 4 Sterne!

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Mauer des Schweigens

Unsichtbar von Eloy Moreno

„Mobbing ist, wenn sich Mitschüler gegenüber einer Schülerin oder einem Schüler über längere Zeit aggressiv verhalten und sie bzw. ihn absichtlich körperlich und/ oder seelisch schädigen“ (Eloy Moreno, S. 333)

Puh, dieses Buch nimmt mich mit. Ich könnte aus meiner Berufspraxis als Lehrer viel dazu erzählen, aber ich werde mich zurückhalten und mich allein auf dieses Buch konzentrieren.

Es ist ein Thema, das mitnimmt, das aufwühlt, das ergreift, das fassungslos macht. Eloy Moreno schafft es in seinem Buch „Unsichtbar“ das Mobbing-System sehr anschaulich offenzulegen. Es gibt den Täter, das Opfer, die Mitläufer, die Zuschauer und die Wegschauer. All das findet sich wieder. Und leider ist es sehr treffend, was der Autor beschreibt. Genau so funktioniert Mobbing, solange bis das Opfer endlich den Mut hat, seine Scham zu überwinden und Hilfe zu suchen, oder andere ihm zur Hilfe eilen. Und oft verläuft Mobbing sogar noch subtiler, als es in diesem Buch geschildert wird (aber das ist ein anderes Thema und ich halte mich zurück).

Zu Beginn des Buchs ist man als Leser erst einmal etwas orientierungslos. Man fragt sich fortlaufend, was dem Ich-Erzähler genau passiert ist. Und ich musste mich erst einmal zurechtfinden, wer dort alles erzählt, wie viele Figuren sprechen und in welcher Beziehung sie zu dem Ich-Erzähler stehen. Man betrachtet die Szenen von außen, ohne sie richtig einordnen zu können, weil man nicht weiß, was vorgefallen ist. Klar ist nur, dass der Erzähler ein Trauma erlebt hat, das erst nach und nach an die Oberfläche geholt werden muss. Und seine Psyche hat Schutzmechanismen ergriffen, die mich als Leser traurig zurückließen. Erschütternd!

Die Geschehnisse, die der namenlose Junge (sein Schicksal ist nur ein exemplarisches) dann nach und nach im Rückblick erzählt, sind bewegend. Man leidet mit ihm mit und möchte den vielen feigen Charakteren (den Monstern) fortwährend zurufen: „Tut doch etwas!“ Man spürt die Gefühlswelt des Ich-Erzählers hautnah. Die Anspannung, die Angst, die Scham, all das hat mich beim Lesen erfasst. Und gleichzeitig fragt man sich hilflos, warum er keine Hilfe sucht oder warum ihm niemand hilft.

Und es gibt viele Szenen, die man herausgreifen kann und problematisieren könnte. Reagiert die Psychologin auf das Erzählte angemessen? Handelt die Rektorin der Schule verantwortungsvoll? Problematisiert die Spanischlehrerin das Thema in der Klasse auf geeignete Art und Weise? Können die psycho-sozialen Probleme des Täters eine Rechtfertigung für sein Handeln sein? Wie lässt sich das Geschehene verhindern? Hierzu könnte man in meinen Augen viel sagen. Dieses Buch wäre also durchaus auch als Klassenlektüre geeignet, um das Thema anzusprechen (wenn nur der hohe Preis nicht wäre).

Trotzdem möchte ich noch Dinge anmerken, die mir noch für ein perfektes Buch gefehlt haben (und hier spreche ich aus eigener Erfahrung). So lässt der Autor (leider) Aspekte unerwähnt, die in meinen Augen auch wichtig gewesen wären: So fehlt mir z.B. die Elternperspektive. Und eine ganz zentrale Frage ist ja auch, wie geht man mit dem Täter und mit dem Opfer um, wenn Mobbing herauskommt? Und ich bin froh, dass es nach meiner Erfahrung auch noch andere Interventionsmöglichkeiten gibt, als die, die im Buch geschildert werden (aber das ist ein anderes Thema. Und eine Voraussetzung ist natürlich, dass die Mauer des Schweigens durchbrochen wird).

Fazit: Ein aufwühlendes Buch, das stark mitnimmt. Man leidet während der Lektüre mit dem Ich-Erzähler mit und ist fassungslos, wie das System Mobbing funktioniert und dass es überhaupt so lange funktioniert. Für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen möchte, eine wertvolle Lektüre, insbesondere auch für Lehrkräfte und Schüler. Zwar hätten noch Aspekte wie die Elternperspektive und der anschließende Umgang mit Opfer und Täter Erwähnung finden können, aber ich ziehe dafür keinen Stern ab, weil das Buch auch so ein sehr gutes Buch bleibt, das wichtig ist. Knappe 5 Sterne!

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Drum prüfe, wer sich ewig binde...

Liebewesen von Caroline Schmitt

Puh, ich gebe zu, das Buch hat mich nicht kalt gelassen. Wie könnte es auch? Bei dieser Thematik. Caroline Schmitt schildert in ihrem Roman „Liebewesen“ eine Liebesgeschichte, die tragischer nicht sein könnte. Und bei der Lektüre hat sich bei mir eigentlich ein Gefühl breit gemacht: Wut! Und zwar Wut auf Lio und Max, die völlig gedanken- und verantwortungslos agieren.

Beide leben locker, lässig, studentisch unbeschwert, in meinen Augen vor allem oberflächlich.

Der Umgangston der beiden ist geprägt von einer dauerhaften Ironie, Gespräche werden zu ironisch gefärbten Schlagabtauschen, eine seltsame Beziehung, die die beiden führen, eine Beziehung ohne Tiefgang, zwar mit viel Gefühl und Lust auf Sex sowie jeder Menge Partyleben, aber sonst ist da nicht viel zwischen beiden, vor allem nichts Ernsthaftes. Beiden geht es vor allem um eines: Spaß! Das war zumindest mein Eindruck bei der Lektüre dieses Buchs. Und wenn man die Konsequenzen bedenkt, die dann vor allem Lio trägt, so kann ich nur mit dem Kopf schütteln und verspüre abermals Wut.

Auch auf Max war ich wütend. Sein Verhalten gegenüber Lio ist in meinen Augen völlig daneben. Er agiert absolut egoistisch und verantwortungslos. Und das Lio sich das von ihm gefallen lässt, ohne ihn damit zu konfrontieren, was ist das bitte für eine Partnerschaft? Der Entscheidungsfindungsprozess von Lio lässt mich ebenfalls fassungslos zurück. Hier hätte man in meinen Augen inhaltlich viel mehr problematisieren können. Und ich wundere mich dann doch über andere Rezensionen zu diesem Buch (aber das ist ein anderes Thema. Vielleicht habe ich das Buch ja auch nicht richtig verstanden).

Problematisch finde ich auch eine Aussage aus der Umschlaginnenseite des Buchs. Ich zitiere: „Vor allem aber erzählt sie (die Autorin, Anm. d. Verf.) die Geschichte einer großen Befreiung.“ Diese Formulierung kann man auch missverstehen. Wenn man bedenkt, welche Entscheidung Lio trifft, so würde ich hier bestimmt nicht von einer „Befreiung“ sprechen. Oder heißt Befreiung etwa, dass man das Recht auf Verantwortungslosigkeit hat, ohne die Konsequenzen seines Handelns zu bedenken? Und noch etwas, das mich bei der Vermarktung dieses Buchs irritiert. So heißt es im Klappentext: „Ein sprachgewaltiges Debüt über die Abgründe unausgesprochener Traumata.“ Meiner Meinung nach werden diese Traumata viel zu oberflächlich thematisiert. Und sollen die Traumata dann eine Rechtfertigung dafür sein, sich gedanken- und verantwortungslos verhalten zu dürfen? Zu den Figuren heißt es dann in einem weiteren Zitat auf dem Klappentext: „Seine Figuren sind angedetscht und überfordert und tapfer und hoffnungsvoll, kurz: Sie sind wie wir.“ Also ich bin auf jeden Fall nicht so wie die Protagonisten, kann mich auch nicht mit ihnen identifizieren und die Beschreibungen halte ich für fragwürdig (aber wie gesagt: Vielleicht habe ich das Buch auch nicht verstanden).

Fazit: In meinen Augen birgt dieses Buch vielmehr Zündstoff, als ihm bisher zuteil wurde. Es gibt sehr viele Aspekte, an denen man sich „reiben“ kann. Mich wundert sehr, dass man sich in anderen Rezensionen so wenig kritisch mit dem Inhalt auseinandersetzt. Was die schriftstellerische Qualität angeht, gibt es an diesem Werk nichts auszusetzen. Der Stil ist eingängig, die Seiten fliegen so dahin. Doch was mir missfällt oder was ich nicht verstehe, das ist die Vermarktung des Inhalts. Das was auf dem Klappentext oder in der Umschlagseite aus dem Buch gemacht wird, geht in meinen Augen völlig daneben. Und das wundert mich doch. Auch das Cover ist mir ein Rätsel: In welchem Bezug steht es zum Inhalt? Ich stoße mit meiner Interpretationskompetenz hier an Grenzen. Oder geht es dem Verlag doch nur darum, Aufmerksamkeit um jeden Preis zu erzielen? Ich vergebe 3 Sterne, und zwar wegen des unpassenden Marketings und weil es stellenweise doch zu oberflächlich ist, was die Autorin vorlegt. Ich hätte mir noch mehr Problematisierung an manchen Stellen gewünscht.

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Bestseller-Qualität

Die spürst du nicht von Daniel Glattauer

Ich bemühe mich in meinen Rezensionen darum, nur in solchen Fällen von Superlativen Gebrauch zu machen, in denen es in meinen Augen wirklich gerechtfertigt ist. Und das Werk „Die spürst du nicht“ von Daniel Glattauer wird ein Buch sein, bei dem ich ins Schwärmen geraten werde, soviel kann ich einleitend bereits vorwegnehmen.

Hier stimmt einfach alles. Es steckt so viel Gutes, Wahres und Aufwühlendes in diesem Buch. Das erlebe ich nicht oft, wenn ich ein Buch in die Hand nehme. Schon auf der ersten Seite hatte mich das Buch für sich eingenommen, der Erzählton traf genau meinen Nerv, ich habe direkt gespürt, dass mich ein tolles Buch erwartet und ich wurde nicht enttäuscht. Und endlich darf ich in einer Rezension einfach einmal in eine Lobeshymne verfallen, ich habe lange darauf gewartet.

Dieses Buch hat so unglaublich viele Facetten, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Auf den ersten Seiten gefiel mir direkt der Erzählton. Es wird auf das Mittel eines auktorialen Erzählers zurückgegriffen, der dem Leser die Figuren süffisant und mit ironischer Distanz näherbringt. Er vereinnahmt den Leser durch die Wir-Perspektive und schnell sind wir dabei, dem Erzähler bei seiner Kommentierung der Figuren zuzustimmen und ihm beizupflichten. Doch der Erzählton ändert sich, passend zum Geschehen, als sich ein tragisches Unglück im Familienurlaub ereignet. Er wird ernster und tragender. Und plötzlich ist die Handlung gar nicht mehr so locker-flockig und die ironische Distanz verschwindet, der Erzähler nimmt sich zurück, die Figurenrede gewinnt an Gewicht. Das ist alles großartig arrangiert! Und das ist ja nur die handwerkliche Seite des Geschriebenen.

Was die inhaltliche Seite des Romans betrifft, so zeichnet sich die Handlung vor allem dadurch aus, dass viele Schattierungen in den Blick genommen werden. Der Inhalt wird sehr abwechslungsreich und mit Hilfe vieler Perspektivwechsel sowie verschiedener Textsorten (z.B. Auszüge aus sozialen Netzwerken, Zeitungsberichte etc.) beleuchtet. Und die Themen, die dabei angeschnitten werden, sind bedeutungsschwer. Es geht um Schein und Sein, es geht um Verantwortung und Schuld, es geht um Toleranz und Empathie, es geht um Naivität und Leichtsinn, um Ignoranz und Impertinenz und um vieles mehr. In diesem Text steckt einfach so viel. Er strotzt vor Tragik und Fehlentscheidungen. Die freudige Urlaubsatmosphäre findet durch eine Katastrophe ein jähes Ende und was dann im Nachgang folgt, hat mich einfach gepackt und erschüttert. Ich war während der gesamten Lektüre stark emotionalisiert, vor allem die Familiengeschichte der Ahmeds hat mich bewegt.

Es geht um die Reaktionen auf den tragischen Vorfall. Reaktionen der beteiligten Familienmitglieder. Und auch Reaktionen im Netz. Die Situationsunangemessenheit vieler Äußerungen in den sozialen Netzwerken kommt gut zum Ausdruck. Eine sehr treffende Kritik! Streitigkeiten über Verantwortung treten zutage, Egoismen bestimmen an vielen Stellen die Handlungsweisen der Figuren. Und die Tochter der Strobl-Marineks flüchtet sich in die virtuelle Realität. Im Zentrum steht die Frage, wie die Figuren jeweils auf ihre eigene Art mit dem Schicksalsschlag umgehen. Und das, was der Autor entwirft, wirkt auf mich alles sehr lebensecht, authentisch und realistisch, wie aus dem Leben gegriffen. Das betrifft besonders auch die Gestaltung der Beziehungsverhältnisse der verschiedenen Charaktere. Einfach großartig und anerkennenswert! Und hinzu kommt nicht zuletzt auch noch ein äußerst kreativer Umgang mit Sprache. Auch die Sprechweise von Pierre ist treffend gestaltet! Das rundet das Werk noch einmal zusätzlich ab.

Fazit: Ein Werk, bei dem in meinen Augen einfach alles stimmt. Das Buch emotionalisiert nicht nur sehr stark, auch die erzählerische und sprachliche Gestaltung sind herausragend. Und inhaltlich hat „Die spürst du nicht“ unglaublich viel zu bieten, es werden so viele wichtige Themen aufgegriffen, die Figuren wirken dabei so lebensecht und realistisch. In meinen Augen hat dieses Buch ganz klar Bestseller-Qualität. Das Schicksal der Mohameds und die Reaktionen der Verantwortlichen sind bewegend. Und die Kritik an gesellschaftspolitischen Zuständen, die Glattauer mit diesem Werk zum Ausdruck bringt, ist sehr treffsicher und sicherlich auch berechtigt. Klare 5 Sterne!

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