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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Tobias Kallfell:

Ein autobiographischer Erlebnisbericht

Mein Sprung ins kalte Wasser von Bernhard Weßling

Ein chinafreundliches Buch? In diesen Zeiten? Ist das überhaupt möglich? Der Autor Bernhard Weßling zeigt, dass es geht. Er richtet seinen Blick auf die Menschen in China. Menschen, die er dort während seines 13-jährigen beruflichen Aufenthalts als Unternehmer persönlich kennen gelernt hat: „Auf jeden Fall also beschreiben meine Geschichten reale Facetten des chinesischen Lebens, aber nicht DAS chinesische Leben.

Ich beschreibe etwas vom Leben in China, wie es tagtäglich stattfindet, vielfältig und ganz anders, als man es so liest, ganz anders, als ich es erwartete, und ich werde auch nach Abschluss dieses Buches, überall und immer wieder Beobachtungen erleben, die anders sind, als wir sie erwarten (und anders, als ich sie erwarten würde und hier beschreibe). Ich beschreibe nur, was ich in den vielen Jahren mit den vielen Chinesen, die mich umgeben haben, erlebt habe; Erlebnisse mit den Chinesen, die ich auf den Straßen kennen lernte, Chinesen, mit denen ich einen Teil meiner Freizeit verbrachte, Chinesen, mit denen ich gearbeitet bzw. Geschäfte gemacht habe.“ (Vorwort, S. 11-12).

Bernhard Weßling ist aufmerksamer Beobachter, zumeist neutral und unvoreingenommen, er wertet nicht vorschnell, pauschalisiert und verallgemeinert nicht zu sehr. Eine Fähigkeit, die er sicherlich auch seiner großen Leidenschaft verdankt, der Vogelkunde (vgl. Weßling: Der Ruf der Kraniche. Goldmann 2023). Dem Autor geht es nicht darum, „heiße politische Eisen“ zu thematisieren. Es geht ihm viel mehr darum, den Blick des Lesers auf China und auf die Menschen dort zu erweitern, und auf diese Weise Verständnis für Angehörige einer für uns fremden Kultur zu fördern.

(…)

Wer gerne etwas über China erfahren möchte und dabei an einem differenzierten Bild interessiert ist, das an konkreten Beispielen und Erfahrungen verdeutlicht wird, der sollte dieses Buch lesen. Der Autor führt vor, wie man dem Fremden begegnen sollte: unvoreingenommen, aufgeschlossen und offen, mit Bereitschaft sich auf das Fremde einzulassen, es zu akzeptieren, nicht voreilig zu werten und mit den Menschen auf persönlicher Ebene wertschätzend umzugehen. Darüber hinaus sollte man für die Lektüre dieses Buchs an dem Menschen Bernhard Weßling interessiert sein, schließlich ist es ein sehr persönliches Buch. Es liest sich jedenfalls sehr eingängig. Der Erzählton ist schwungvoll-lebendig, oft humorvoll und selbstironisch.

Aus meinem persönlichen Kontakt mit dem Autor erfuhr ich, was er potentiellen Lesern gerne mit auf den Weg geben möchte, vor allem auch solchen Lesern, die beruflich in China tätig sind, waren oder sein werden: „wirklich erfolgreich kann man in China nur sein, wenn man sich den Menschen zuwendet, sie respektiert, ihre Sprache lernt, von ihnen lernen will, ihre Sorgen, Nöte, Ziele, Stärken und Schwächen kennen lernen und berücksichtigen will“ (Bernhard Weßling am 15.09.23 per Mail).

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Von der Relevanz der Unschuldsvermutung

Der war's von Juli Zeh; Elisa Hoven

Marie werden Pausenbrote gestohlen und sie beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Darum geht es in dem Kinderbuch „Der war’s“ von Juli Zeh und Elisa Hoven. Auf den ersten Seiten wird dafür das Klassengefüge der 6a gut in den Blick genommen. Und man stellt sich zu Beginn die folgenden Fragen: Wer steckt hinter den Diebstählen? Warum wird gerade Marie zum Opfer? Wie wird die Sache aufgeklärt? Und was passiert mit dem Täter? Genug Fragen, die Neugier erzeugen.

Wichtige Themen, die behandelt werden, sind Selbstjustiz und Mobbing. Es wird demonstriert, wie schnell Gerüchte entstehen können und welche Folgen es hat, eine Beschuldigung vorschnell zu äußern. Besonders dramatisch bei dem geschilderten Fall: (…) Was ich an diesem inhaltlichen Ansatz gelungen finde, ist der Umstand, dass man mit seinem Nachwuchs sehr gut das Verhalten der Figuren reflektieren kann. Gemeinsam kann man überlegen, wie man sich in einer solchen Situation, wie sie beschrieben wird, stattdessen hätte verhalten können. Eine sehr gewinnbringende Lektüre, mit der man noch etwas Wichtiges dazulernt. So macht sich der vermeintliche Täter z.B. noch mehr dadurch selbst zum Opfer, dass (…). Kurzum: Genügend Stoff zum Besprechen.

Und beiläufig wird noch viel juristisches Wissen kindgerecht vermittelt (z.B. dazu, wie Verfahren ablaufen, oder, was es mit der Unschuldsvermutung auf sich hat). Sehr gelungen ist in meinen Augen auch der kompakte Anhang, in dem genauer und auf anschauliche Art und Weise erklärt wird, wie ein Strafverfahren abläuft.

(…)

Vor allem für Kinder (aber auch für Eltern), die sich für rechtsstaatliche Prinzipien interessieren, ist es ein gewinnbringendes Buch! Es wird aufgezeigt, wie wichtig es ist, nicht vorschnell zu urteilen und nicht unüberlegt auf Formen der Selbstjustiz zurückzugreifen. Ich halte die inhaltliche Vermittlung für kindgerecht und auch die vom Verlag vorgeschlagene Altersempfehlung (ab 8 Jahren) finde ich passend. Von mir gibt es 5 Sterne!

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Es ist nie zu spät...

Kleine Probleme von Nele Pollatschek

Wer kennt es nicht, das Gefühl der Prokrastination? Dinge, die man sich vornimmt, werden auf Morgen verschoben und so lange hinausgezögert, dass man kaum mehr zu ihnen kommt. Auch der Protagonist Lars erlebt in dem von Nele Pollatschek verfassten Roman „Kleine Probleme“ ein solches Gefühl. Das Gefühl, noch Dinge erledigen zu müssen, die er bisher nicht geschafft hat: „(…) ich muss verdammt nochmal endlich den Müll runterbringen, ich muss noch herausfinden, warum mein Knie seit einigen Jahren so komisch klackert und ob der Schmerz in der Brust vielleicht doch nur Angina ist, ich muss den Kindern noch ein Erbe erarbeiten, die Regenrinne muss ich noch vom Vorjahresherbst befreien, die Bester-Papa-der-Welt-Tasse muss ich noch verdienen, ich muss noch mein Lebenswerk verfassen“ (S.

15). Er macht sich also daran, eine Liste mit Aufgaben zu erstellen, die er auf dem letzten Drücker noch abarbeiten möchte. Und diese Liste bildet den roten Faden des Werks.

Bei Lars geht es noch über das gewöhnliche Aufschieben von zu erledigenden Dingen hinaus. Er fühlt sich unzulänglich und stellt fest, dass er sich selbst gesteckte Ziele noch nicht erreicht hat. Und das belastet ihn und beschäftigt ihn gedanklich. Ein Gefühl von Unvollkommenheit stellt sich bei ihm ein. Ein schlechtes Gewissen und Selbstmitleid sind die Folge („Wie beschissen ist es bitte, wenn einem alle Türe offenstehen und man trotzdem stehen bleibt. Wenn man keinen Grund dafür hat, so zu sein, aber man ist halt trotzdem so? Wenn alles einfach ist und einfach ist viel zu schwer“, S. 20).

Nicht zuletzt der alltägliche „mental load“ wird Ursache dafür sein, dass sich bei Lars dieses Gefühl einstellt (leider etwa auch Männer darunter?): „Bedingungslose Liebe ist einfach, Zahnarzttermine sind schwer. Das Rezept für die Brille und diese komischen Einaugenpflaster abzuholen ist schwer. Die Antibiotika gegen die Mittelohrentzündung wirklich jeden verdammten Morgen zu geben. Die Wäsche nicht in der Maschine vergammeln zu lassen, donnerstags an den Turnbeutel zu denken, sich daran zu erinnern, dass doch dieses Halbjahr Schwimmunterricht ist, das Kind zum Reiten zu fahren und es um Gottes willen danach wieder abzuholen, das Kind nicht immer irgendwo stehen zu lassen, nicht immer irgendwas zu vergessen, das alles zu kontrollieren, als wäre man Familienvater und nicht nur irgendein Komparse, der sich in diese Rolle verirrt hat und jetzt so tun muss, als wäre sie für ihn geschrieben“ (S. 41).

Was diesen Roman in meinen Augen ausmacht, ist vor allem die sprachliche Gestaltung. Der Stil erinnerte mich oft an Texte von Poetry-Slams: Lange, kunstvoll arrangierte Satzkonstruktionen, klug ineinander verschachtelt, und viele Wortwiederaufnahmen. Eine kreative Sprache, punktuell auch einmal mit amüsanten Wortneuschöpfungen und kursiv eingeschobener wörtlicher Rede („es ist zum Heulen oder zum Fluchen, Fluchen ist Heulen mit Sprache. So oder so ähnlich fluchte ich, weil ich immer so fluche, wenn ich etwas aufbauen muss, Johanna sagt dann ach Walter Benjamine doch nicht wieder so rum, und ich sage ich dachte, du Marxt das?, und manchmal sagt sie dann ich mag dich, mein Engels oder freier deutscher Lars, bau auf, und manchmal lehnt sie sich an mich, sodass ihre Haare mich ganz leicht am Hals kitzeln, und dann haucht sie J’Adorno.“, S. 33).

Auffällig sind auch Parallelismen und Parenthesen: „Menschen können sich eben nicht grenzenlos konzentrieren, Menschen sind eben nicht immer achtsam, Menschen können sich nicht alles merken. Ziffern zum Beispiel können sich Menschen überhaupt nicht gut merken“ (S. 35); „In der Küche müsste man dann aufräumen, im Wohnzimmer müsste man aufräumen, im Wohnzimmer müsste man aufräumen, oben im Arbeitszimmer unterm Dach, wo man eigentlich ein Lebenswerk verfassen will, müsste man ganz ordentlich aufräumen, im Schlafzimmer, was mal ein gemeinsames Schlafzimmer war, aber schon lange kein gemeinsames Schlafzimmer mehr ist, muss man bestimmt mal so richtig aufräumen, und eh man es sich versieht, sieht man, wenn man jetzt tatsächlich hinsähe, dann müsste man das ganze Leben aufräumen“ (S. 52).

Kurzum: Die Syntax ist abwechslungsreich, spielerisch und originell. Wer so etwas mag, der wird sehr viele Passagen mit Genuss lesen. Ich glaube, dass der Text vor allem bei Lesungen eine tolle Wirkung entfaltet. Man findet viele stilistische Mittel, die man vom Poetry-Slam kennt. Ich könnte in dieser Rezension so viele Stellen zitieren, die klug, weise und kunstvoll gestaltet worden sind, das würde den Rahmen sprengen. Die vielen angeführten Zitate sollten aber meiner Meinung nach ein erstes exemplarisches Bild vom Erzählstil und von der Sprachgestaltung vermitteln. Häufig handelt es sich um einen aufzählend-reihenden Stil, der sehr rhythmisch daherkommt.

Doch bei all der Satzakrobatik sollte der Inhalt nicht zu kurz kommen. Nach meinem Eindruck werden viele Themen lose-assoziativ miteinander verkettet, das macht sich vor allem im Mittelteil des Buchs bemerkbar. Das mag der ein- oder andere Leser als anstrengend empfinden. Stellenweise besteht die Gefahr, dass die vielen künstlerisch durchgeformten Sätze vom Inhalt ablenken. Nicht immer ist es einfach, die Konstruktionen gedanklich zu durchdringen und inhaltlich aufzunehmen. Konzentration ist gefordert, das sollte man mögen! Man wird mit diesem Buch in meinen Augen eher intellektuell als emotional angesprochen. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass die chaotisch-sprunghafte, „bewusstseinsstromartige“ Gestaltung des Inhalts, die man punktuell findet, das gedankliche Chaos von Lars widerspiegeln soll. Es gibt beispielsweise. Textstellen, in denen Lars beginnt, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen. Und begleitend dazu werden noch Dialogfetzen versatzstückartig als Erinnerungsanker in die Darstellung integriert.

Was an vielen Stellen durchscheint und mich gut unterhalten hat: Ein launiger, amüsanter Erzählton. Der Aufbau eines Betts durch den Ich-Erzähler sowie das Ausfüllen der Steuererklärung werden z.B. herrlich humorvoll dargestellt („Und dann ist da wieder ein Beleg, von dem man nicht weiß, was man damit anfangen soll, und das ist dann ein Beleg zu viel. Man fängt an zu suchen, nach der Rechnung, nach dem Postidentverfahren, nach dem notwendigen Zertifikat, nach irgendwas Bürokratischem, das man einfach nicht versteht, und man will Johanna fragen, und sie ist nicht da, überhaupt nicht da, und dann weiß man auch nicht weiter, und dann sieht man die Umschläge und dann den Bildschirm und die E-Mails, all die E-Mails, den Spam und die Erinnerungen und die Mahnungen und die Erinnerungen an Mahnungen, den Berg, den ganzen Berg, den ganzen beschissenen Berg. Und das ist dann zu viel. Das ist einfach zu viel“, S. 110). Die Reinigung einer Regenrinne wird zu einem halsbrecherischen Abenteuer. Und auch die Darstellung des wortkargen Telefonats von Lars mit seinem Vater sowie die Improvisation eines Nudelsalats unter Zeitdruck fand ich sehr unterhaltsam („Ich weiß nicht, wie viele Nudeln einen Salat machen, oder wie viele Nudeln man aus einem Salat entfernen kann, bis er aufhört, ein Salat zu sein, aber eines weiß ich ganz sicher: Vier Nudeln sind kein Salat“, S. 170).

Nele Pollatschek beweist an vielen Stellen ein ungeheures Talent für die (amüsante) Beschreibung treffender Alltagsbeobachtungen, für Situationen, die wohl jeder Leser/ jede Leserin kennt. Der Text ist originell, lebensklug und einfallsreich, in sprachlicher sowie in inhaltlicher Hinsicht. Von mir gibt es dafür 5 Sterne!

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Intergenerationales Verstehen

Eigentum von Wolf Haas

Von dem österreichischen Autor Wolf Haas habe ich bisher noch nichts gelesen. Ich gehe also ohne Vorwissen zu seinen bisherigen Werken, für die er verschiedentlich ausgezeichnet worden ist (u.a. mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis der Stadt Braunschweig für „Das Wetter vor 15 Jahren“), an seinen neuesten Roman „Eigentum“ heran.

Zum Inhalt: Ein Sohn besucht seine altersdemente Mutter im Altersheim, zwei Tage vor ihrem Tod. Anfangs wird diese Begegnung mit ironischer Distanz und Bissigkeit geschildert. Die Art der Mutter, anderen Menschen vorwurfsvoll zu begegnen und ihr eigenes Leid zu beklagen, wird auf die Schippe genommen. Sie erinnert sich an die Armut in ihrer Kindheit, die in ihrer Gedankenwelt sehr präsent ist. Die Mutter wurde 1923 geboren. Eine prägende Erfahrung, die sich in das Gedächtnis der alten Frau eingebrannt hat, ist die Hyperinflation. Und ihr Sohn wusste schon im Kleinkindalter, was es mit dem Begriff auf sich hat: „Schon als Fünfjähriger wusste ich, was Inflation war. Das ist, wie wenn dein Eis auf einmal zwei Schilling kostet statt einen Schilling. Und das Zweischillingeis kostet sechs Schilling, oder zehn Schilling oder tausend Schilling. Das Dreischillingeis kostet eine Million Schilling, weil das Geld hin ist“ (S. 34).

Das große Ziel der Mutter habe immer darin bestanden, Eigentum zu erwirtschaften. Ebenfalls eine prägende Erfahrung für den Sohn: „Ich hörte immer brav zu, ich sah schon mit drei Jahren alt aus. Die drei Phasen des Bausparvertrages (Sparphase, Zuteilungsphase, Darlehensphase) hielt ich für einen Kinderreim. Die Berechnung der Bewertungszahl beherrschte ich im Schlaf. Als ich in die Volksschule kam, war ich bereits Professor für Inflationstheorie“ (S. 37). Für die Mutter bestand das Leben aus drei Tätigkeiten: 1) sparen, sparen, sparen; 2) arbeiten, arbeiten, arbeiten und 3) zahlen, zahlen, zahlen.

Erinnerungen der Mutter werden episodenhaft in der Ich-Form in die Handlung eingeflochten. Dabei sind die Schilderungen der Lebensstationen der Mutter der Alltagssprache und ihrem Sprachduktus angenähert. Dies hinterlässt eine höchst authentische und realistische Wirkung. Es wird deutlich, mit welchen Hürden und Einschränkungen die alte Frau in ihrem Leben zu kämpfen hatte. Und durch die erinnerte Erinnerung des Sohns werden die Erinnerungen der Mutter wieder lebendig. Man taucht als Leser:in in eine vergangene Lebenswelt ein. Und ihr Schicksal steht sicherlich exemplarisch für das Schicksal vieler Frauen jener Generation.

Die Mutter erscheint als willensstarke Frau mit Begabung für Fremdsprachen, die aber irgendwann ihren Traum von Eigentum aufgeben musste und aus diesem Grund von Niedergeschlagenheit erfasst worden ist. Charakterlich sei sie eine schwierige Frau gewesen: „Sie konnte blind tippen mit dem Zehnfingersystem, aber sie konnte nicht mit den Leuten, sie konnte einem Kind die Inflation erklären, aber sie konnte nicht mit den Leuten, sie konnte Englisch, sie konnte Französisch, sie konnte Generationen von Wirtskindern durch die Schule tragen, aber sie konnte nicht mit den Leuten“ (S. 117). Der Wunsch, Eigentum zu erwirtschaften, habe das Leben der Mutter bestimmt.

Letztlich eine interessante Lebensgeschichte, wie sie vermutlich von vielen erzählt werden könnte. Ein Buch, das ich mit Interesse gelesen habe. Das Werk ist für mich wieder ein Beweis dafür, dass Bücher Fenster zu neuen Welten öffnen können. Intergenerationales Verstehen wird durch dieses Werk gefördert. Allerdings hat mich der Roman nicht so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich 5 Sterne geben kann. So komme ich auf 4 Sterne!

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Für mich zu wenig Übungen auf Satz- und Textebene

Wieso? Weshalb? Warum? Erstleser, Band 11 - Detektive und Ermittler von Sandra Noa

Das Erstleser-Buch „Detektive und Ermittler“ aus der Reihe „Wieso, Weshalb, Warum? (Bd. 11)“ vom Ravensburger-Verlag gliedert sich in vier Kapitel: 1) Was machen Detektivinnen und Detektive (S. 6-19), 2) Wie gehen Detektive und Detektivinnen vor? (S. 20-33), 3) Wer ermittelt sonst noch? (S. 36-47) und 4) Warum ermitteln wir alle so gern? (S.

48-57). Der Text ist von der Schriftgröße und vom Textumfang gut für geübte Erstklässler:innern geeignet (bei rein schulischer Vermittlung). Der Verlag weist das Buch der Lesestufe 2 zu. Es werden viele interessante Informationen rund um den Beruf eines Detektivs/ einer Detektivin vermittelt. Für Kinder, die gerne Hintergründe erfahren möchten, ist das Buch also bestens geeignet, evtl. auch als Nachbereitung zu solchen Buchreihen wie „???“ oder „TKKG“ etc.

Am Ende jedes Kapitels gibt es jeweils noch ein Leserätseln, vorwiegend mit Übungen auf Wort- und Buchstabenebene. So müssen im Anschluss an Kapitel 1 geheime Botschaften entschlüsselt werden (Bild-Buchstaben-Zuordnungsübung auf Wortebene), ein Gitterrätsel mit sechs versteckten Begriffen will bearbeitet werden (Wortebene) und es muss die Anzahl von Silben bei drei vorgegebenen Wörtern ermittelt werden (Wortebene). Das Leserätsel nach Kapitel 2 weist folgende Übungsformate auf: a) fehlende Buchstaben in Wörtern ergänzen (Buchstabenebene), b) Silben von Wörtern miteinander verbinden, so dass sie ein sinnvolles Wort ergeben (Wortebene), c) Eine Bild-Satz-Zuordnungsübung im Sinne von richtig-falsch-Aussagen, die dann ein entsprechendes Lösungswort ergeben (Satzebene, gut!).

In der Mitte des Buchs gibt es eine Doppelseite zum Stickern. Den vorgegebenen Sätzen müssen die passenden Bilder zugeordnet werden (Satz-Bild-Zuordnungsübung auf Satzebene). Kapitel 3 weist folgende Übungsformate auf: Buchstaben in die richtige Reihenfolge bringen (Wortebene), ein Sudoku mit vier Silben, die allerdings am Ende keine sinnvollen Wörter ergeben (Silbenebene?!), Wortbestandteile zu sinnvollen Komposita verbinden (Wortebene). Das Leserätsel zu Kapitel 4 trainiert wieder in erster Linie die Rechtschreibkompetenz. In einer Lückenübung müssen Konsonantenverbindungen korrekt eingefügt werden (Buchstabenebene). Und in einem Labyrinth müssen einzelne Buchstaben zu einem sinnvollen Wort verknüpft werden (Wortebene). Zwei Übungen, die dann aus der Reihe fallen, sind das Lesequiz und das Leselotto. Beim Lesequiz müssen multiple-choice-Aufgaben zum Textinhalt beantwortet werden (Textebene, gut!). Beim Leselotto müssen Bild-Wort-Kombinationen und Sätze einander zugeordnet werden (Satzebene).

Betrachtet man die Übungsformate, so ergibt sich zusammenfassend folgendes Bild. Sieben Übungen sind auf Wortebene angesiedelt, zwei Übungen auf Buchstabenebene, drei auf Satzebene, eine auf Silbenebene und eine auf Textebene. Es überwiegen also vor allem die Übungen auf Wort-, Silben- und Buchstabenebene. Übungen auf Satz und Textebene kommen zu kurz. Mit den Übungen wird also vor allem die Rechtschreibkompetenz gefördert, weniger die Lesekompetenz (Ausnahme bilden hier die Übungen auf Satz- und Textebene). Das Erstlese-Buch ist in meinen Augen für starke Schüler also keine echte Herausforderung mehr. Es ist für solche Lernenden geeignet, die Rechtschreibung festigen und wiederholen möchten, weniger für solche, die die Lesekompetenz trainieren möchten. Ansonsten müsste es im Anschluss an die Kapitel mehr Aufgaben v.a. auf Textebene geben (z.B. richtig-falsch-Aufgaben etc.). Das sollten Eltern im Blick haben, wenn sie sich einen Übungseffekt durch das Buch versprechen. Die Aufgabenstellungen sind nach meiner Einschätzung mit einer Ausnahme (= Übung 3 auf S. 33) alle klar verständlich formuliert, so dass die Erstleser:innen wissen, was sie tun müssen. Ich gebe 4 Sterne!

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Nicht so gut wie "Fake"

Der Trip - Du hast dich frei gefühlt. Bis er dich fand. von Arno Strobel

Von Arno Strobel habe ich in der letzten Zeit zwei Thriller gelesen, die mich begeistert haben, und zwar „Fake“ und „Mörderfinder 1“ (vgl. dazu frühere Rezensionen). In meiner letzten Rezension habe ich folgendes Urteil gefällt: „Arno Strobel ist einer der Thriller-Autoren, die es bei mir schaffen, mich in einen Zustand innerer Anspannung zu versetzen und mich von der ersten bis zur letzten Seite in den Thriller hineinzuziehen.

“ Die Frage ist natürlich, schafft er dies auch mit seinem neuesten Thriller „Der Trip“?
Der Einstieg ist jedenfalls schon einmal packend: Fabian und seine Partnerin erleben einen Wildunfall in Frankreich und es ist weit und breit keine Hilfe in Sicht. Verständnisschwierigkeiten erschweren die Lösung der Situation, bis plötzlich ein Abschleppwagen hält und die beiden Gestrandeten mitnimmt. Sie verschwinden daraufhin spurlos… In einer anderen Perspektive lernen wir die Psychologin Evelyn kennen, die Schwester von Fabian. Seit seinem Verschwinden führt sie ein unbeständiges Leben, ein Leben mit Alpträumen und flüchtigen Männerbekanntschaften. Sie stürzt sich zur Ablenkung in die Arbeit, doch das Schicksal ihres Bruders lässt sie nicht los. Sie wird so sehr von den Gedanken an ihren Bruder vereinnahmt, dass ihr Leben davon negativ beeinflusst wird. Evelyn hat ein Trauma erlitten und bräuchte selbst eigentlich dringend therapeutische Hilfe. Die Unwissenheit über den Verbleib des Bruders zermürbt sie.

Doch die Arbeit ruft. Auf Campingplätzen treibt zeitgleich ein Mörder sein Unwesen. Und Evelyn ist an den Ermittlungen beteiligt. Sie meint auf dem Phantombild ihren verschwundenen Bruder als Täter zu erkennen. Doch kann das sein? Oder entwickelt Evelyn allmählich Wahnvorstellungen? Außerdem therapiert sie einen Patienten (Kleinbauer), der eine Prostituierte ermordet hat und an paranoider Schizophrenie leidet. Und in den Therapiesitzungen mit Kleinbauer kommt es zu merkwürdigen Vorkommnissen, die Evelyn völlig aus dem Konzept bringen: Der Patient scheint etwas über Fabian, Fabians Partnerin und über das Verschwinden des Bruders zu wissen. Doch wie ist das möglich? Woher weiß er davon? Oder spielt er nur mit Evelyn und nutzt ihre Schwachstelle aus?

In kurzen eingeschobenen Kapiteln erfahren wir auch etwas über den Täter und seine Perspektive, ohne dass wir als Leser:in wissen, um wen es sich dabei handelt (das kennt man aus anderen Thrillern von Strobeln). Kurzum: Genügend Stoff, der Neugier beim Leser erzeugt und zum Weiterlesen animiert. Ich hatte während der Lektüre genügend offene Fragen im Kopf, die ich beantwortet wissen wollte. So muss das sein. Das macht einen guten Thriller aus. Doch entsteht eine Sogwirkung, so dass ich den Thriller nicht mehr aus der Hand legen konnte? Leider nicht…

Ich muss zugeben, ich habe „Fake“ und „Mörderfinder 1“ besser gefunden. Die Spannung war größer, das Tempo schneller. Mein Empfinden war, dass die schnell getaktete Ereignishaftigkeit dieses Mal zu wünschen übrig ließ. Sehr Schade! Ich hätte mir z.B. noch mehr Psychoduelle mit dem Patienten Kleinbauer gewünscht. Das Rätselraten um den Bruder drehte sich für mich zu sehr im Kreis. Die Passagen mit der Mörderperspektive waren zu gleichförmig und stagnierten mir zu sehr. Bei der Auflösung fehlte mir der große überraschende „Wow-Effekt“. So komme ich abschließend auf 4 Sterne!

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"Awachsananquatsch"

Zippel macht Zirkus von Alex Rühle

Das Kinderbuch „Zippel macht Zirkus“ von Alex Rühle, illustriert von Axel Scheffler, ist bereits Band 3 einer Reihe. Nach meinem Dafürhalten ist es als Vorlesebuch für Kinder von 5 bis 8 Jahren geeignet, zum Selbstlesen für Erstleser ist der Text zu umfangreich. Das Buch umfasst 137 Seiten. Zu Band 1 habe ich ebenfalls eine Rezension verfasst (vgl.

meinen Blog) und war sehr angetan. Auch Band 2 hat mir und meinen Kindern gefallen. Kann der dritte Teil nun mithalten? In meinen Augen leider nur teilweise. Es gibt viel Positives, aber auch Verbesserungswürdiges, wie ich im Folgenden ausführen möchte.

Zunächst zum Positiven: Der Einstieg ins Buch ist gelungen. Schon auf den ersten Seiten wird uns der unruhige Geist Zippel, der gern Quatsch anstellt, in Erinnerung gerufen. Er hat sich in ein Regenrohr verirrt und ärgert den Hausmeister Herrn Ritzsche. Lustige Lautmalereien unterstützen das Treiben („Klonkerkabonker“, „Rongeldiwong“ etc., S. 5). Auch Frau Wilhelm, Paul und Quockel werden mit den wichtigsten Hintergrundinformationen auf den ersten Seiten eingeführt. Das verschafft gut Orientierung, auch wenn die Lektüre der vorherigen Bände bereits länger zurückliegt.

Was ebenfalls lobenswert ist. Der Autor hat wieder viele amüsante Ideen, die er in den Text einbaut und die beim Nachwuchs für Lachen sorgen (z.B. der kochende Quockel: „Am liebsten macht er Rostis: Dafür schmeißt er alten Rost in die Pfanne, würzt ihn mit Erde aus Frau Wilhelms Blumentöpfen oder mit lecker altem Dreck vom Küchenboden und isst das dann alles aus einem kleinen silbernen Fingerhut, den Frau Wilhelm immer zum Sockenstopfen benutzt“, S. 11). Hierzu zählen auch die Aussprachebesonderheiten sowie auflockernde Reime: „Awachsananquatsch“ (S. 11), „wuuaaaachwerden“ (S. 15), „abajetzmachendlich“ (S. 19), „Latürnich (S. 35), „Tschappukino“ (S. 47), „Winkewinkewiedersehen/jetzt wird alles wunderschön./Jetzt beginnt ein Abenteuer/weite Welt voll Ungeheuer!“, S. 32).

Auch ein klarer roter Faden ist erkennbar. Quockel erhält eines Tages Post aus seinem alten Zirkus, in dem er einst gelebt hat, und Frau Wilhelm, Paul, Zippel und Quockel beschließen, den Zirkus in Italien zu besuchen. Auf der Zugfahrt dorthin werden Frau Wilhelm ihre Koffer geklaut, die die Gespenster dann wiederbeschaffen. Das wird sehr amüsant geschildert (v.a. der Taxifahrer mit österreichischem Dialekt: „Wenn S‘ ma jetzt bittee noch song, wo S‘ hinwoin. Oh – was haben S‘ denn da auf Ihrer Schulter.“, S. 41). Für mich ein Highlight des Buchs, weil es beim Vorlesen einen besonders lustigen Effekt erzeugt.

Bei ihrer Ankunft in Italien und dem Wiedertreffen mit Grissini ist auch Wortwitz erkennbar: „Buntolo Briefo Konfetti con Luftschlangolina! Langschaftamente und Berge und dalli avanti mit Taxi von Chioggia! Zirkissimo molto bin Zippelzefixonosario!“, S. 51. Der Zoodirektor eröffnet dann seinen Besuchern, dass der Zirkus seit dem Rauswurf des Zauberers Berlusconi große Probleme hat. Die Situation ist ernst: „Wir haben Schulden bei der Bank. Wenn wir die nicht bald bezahlen, müssen wir zumachen. Die Premiere am Samstag ist unsere letzte Chance.“, S. 64. Und als ob das Unglück noch nicht groß genug ist, kommt es zu einem Brand des Zirkuszelts. Steckt Berlusconi dahinter? Können Quockel und Zippel den Zauberer aufspüren und überführen? Wird er seinen gehässigen Plan in die Tat umsetzen können oder wird sein Treiben durch die Gespenster beendet?

Nun zu meinen Verbesserungswünschen: Ich hätte mir insgesamt mehr Bilder gewünscht. Auch wäre es bei der Erwähnung der Charaktere des Zirkus hilfreich gewesen, als Leser:in noch einmal ein paar Informationen zu erhalten, falls die Lektüre von Band 2 länger zurückliegen sollte. Wer war denn nochmal gleich Andromeda? Wer Orion? Und wie war das doch gleich mit Burlesconi? Das Buch hat einen klar erkennbaren roten Faden (wie oben beschrieben), aber im weiteren Handlungsverlauf ist auch erkennbar, dass von diesem Faden zu oft abgewichen wird. Ich hatte das Gefühl, dass es dem Buch gut getan hätte, wenn die Handlung stringenter vorangetrieben worden wäre. Nach dem Feuer hätte ich z.B. erwartet, dass Zippel und Quockel Ursachenforschung betreiben und sich auf die Suche nach Berlusconi machen. Stattdessen begegnen die beiden Geister erst noch Delfinen und Quallen, führen ein Gespräch mit Orion, der in Selbstzweifeln versinkt, und Zippel verfasst Liebesgedichte. Kurz gesagt: Es dauert sehr lange, bis die ursprüngliche Handlung wiederaufgenommen wird und Zippel sowie Quockel dem fiesen Zauberer begegnen und ihm auf die Schliche kommen. Und noch etwas: Das Buch ist stellenweise auch einmal recht ereignisarm, was die Geduld der jungen Zuhörer:innen auf die Probe stellen kann. Die vielen kreativen Ideen, die Rühle erkennen lässt (siehe oben) hätten nach meinem Geschmack noch häufiger vorkommen können und ich hätte mir weniger Popo-Witze gewünscht (vgl. z.B. S. 54: „Das ist kein Po, so sieht das aus, wenn man eine Glatze hat“; oder S. 88: „Nix im Po. Imponieren. Das heißt so was wie beeindrucken“).

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Von Denkern, Machern und Träumern

Träumer von Mark Janssen

Was das Kinderbuch „Träumer“ von Mark Janssen auszeichnet, sind in meinen Augen die traumhaft schönen Illustrationen. Sie sind unglaublich ästhetisch und anmutig. Ein visuelles Highlight. Tolle Lichteffekte, eine herrliche Farbgebung. Ich ziehe meinen Hut vor diesen kunstvollen Zeichnungen! Allein schon deswegen lohnt sich dieses Buch.

Der Inhalt ist ebenfalls bedeutungsschwer. Es geht um die Frage: Was willst du werden, wenn du groß bist? Ein sehr wichtiges Thema, wie ich finde. Eines, das Kindern immer einmal wieder durch den Kopf geht. Und Janssen schafft schon auf den ersten Seiten Neugier zu erwecken. Ein Vater will seinem Sohn eine Geschichte erzählen. Und das in einer symbolisch aufgeladenen Umgebung.
Der Vater weist seinem Sohn den Weg, so wie die Scheinwerfer des Autos Lichts ins Dunkel bringen. Der Junge, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, erhält Orientierung und Aufmunterung. Eine schöne Idee! Und dann ist da der Mittelteil des Buchs. Der junge Protagonist Aron erlebt eine Art Sinnesexplosion, als sein Vater ihm den Unterschied zwischen Machern, Denkern und Träumern erklärt. So wird direkt ohne viele Worte veranschaulicht, was Aron auszeichnet. Eine unglaubliche Fantasie, Kreativität und Einbildungskraft. Das ist sein Talent, das in seinem Inneren schlummert.

Der Vater begegnet seinem Sohn mit Wertschätzung und Verständnis („Was bist du nur für ein großer, lieber, kleiner, frecher Träumer!“). Er nimmt ihm seine Sorge und strahlt Zuversicht aus („Du musst dir keine Sorgen machen. Du wirst deinen Weg gehen.“). Und am Ende richtet der Autor sich in einem Nachwort selbst noch an seine jungen Leser:innen mit aufbauenden Worten. Eine schöne Botschaft, die hier vermittelt wird.

Dennoch gebe ich zu, dass ich vom Inhalt überrascht worden bin. Ich habe mit mehr Erklärungen von Seiten des Vaters gerechnet. Doch der Autor wählt einen anderen Weg und verzichtet auf einen „Erklär-Modus“. Er zeigt lieber, was Träumer auszeichnet. Der Mittelteil des Buchs ist überraschend, aber ich konnte mich darauf einlassen. Trotzdem könnte man noch einiges diskutieren (auch mit seinem Nachwuchs): Ist die Einteilung in Denker, Macher und Träumer sinnvoll und passend? Steckt nicht in jedem von uns von allem etwas? Und kann nicht ein Träumer zu einem Macher werden? Oder ist ein Denker nicht immer auch ein Träumer? Und warum sind Macher diejenigen, die nicht still sitzen können (vgl. S. 8). Darüber lohnt es sich nachzudenken und mit seinem Nachwuchs zu reden.

Auch habe ich mich gefragt, ob sich dieses Bilderbuch von der Konzeption mit solchen Büchern in einen Topf werfen lässt, die sich dem Begriff „Neurodiversität“ widmen (vgl. z.B. Wilma Wolkenkopf). Doch ich bin mir nicht sicher, vielleicht will der Autor auch genau einen anderen Weg einschlagen. Denn es geht in diesem Buch thematisch nicht um irgendeine „Diagnose“. Stattdessen wird ja ganz allgemein von „Träumern“ geredet und der Reichtum an Einbildungskraft veranschaulicht. Ich bin mir hier unschlüssig. Worauf der Autor genau hinauswill, kann wohl nur er selbst beantworten.

Fazit: Hier wird der wertschätzende Umgang mit solchen Kindern thematisiert, die häufiger einmal mit ihren Gedanken woanders sind, sich aber durch eine außergewöhnliche Kreativität und Fantasie auszeichnen. Der Vater von Aron erkennt seinen Ideenreichtum, lässt ihn zu und sieht darin etwas Positives. Und den Leser:innen dieses Buchs wird veranschaulicht, was für eine Sinnexplosion Aron zu erleben in der Lage ist. Im Kern geht es in meinen Augen darum, Individualität und Eigenheiten eines Kindes zuzulassen. Eine wichtige Botschaft, die hier inhaltlich vermittelt wird. Unterstützt wird der Text durch unglaublich schöne, kreative und anmutige Illustrationen, die zum Betrachten einladen. Ich gebe 5 Sterne!

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Einblick in die labile Psyche eines Fan-Girls

Idol in Flammen von Rin Usami

Lust auf einen Einblick in die instabile, labile Psyche eines Fan-Girls in Japan? Lust auf das Eintauchen in ein Phänomen der japanischen Pop-Kultur? Dann empfehle ich den Roman „Idol in Flammen“ von Rin Usami. Ein Buch, das in Japan zu einem großen Bestseller avancierte. Die Autorin selbst ist noch erstaunlich jung, 1999 geboren.

Sie lebt heute in Tokio und hat bereits zwei wichtige Literaturpreise gewonnen.

Und das Thema könnte aktueller nicht sein (Stichwort: Rammstein). In dem Buch wird eine zentrale Frage in den Blick genommen: Wie positioniert sich die Fanszene zu einer Musikgruppe, wenn der Sänger mit einem schweren Vorwurf konfrontiert wird. Was für eine erstaunliche Parallele!

Die Hauptfigur Akari ist so besessen von ihrem Idol Masaki, dass sie alles, was er sagt, transkribiert und in Ordnern abheftet. CDs, DVDs und Fotobände kauft sie gleich in dreifacher Ausführung. Und Fernsehprogramme über ihn zeichnet sie auf. Auf einem Blog veröffentlicht sie Betrachtungen zu ihm. Seine Handlungen und Aussagen werden bis ins kleinste Detail analysiert. Akari unterscheidet verschiedene Arten von Fans: „Es gibt so viele Arten, Fan zu sein, wie es Menschen gibt. Manche Fans bejahen religiös alles, was ihr Idol tut, andere meinen, ein echter Fan müsse auch Grenzen ziehen. Es gibt Fans, die in ihr Idol verliebt sind, aber kein Interesse an seiner Arbeit als Künstler haben, und Fans, die sich zwar keine Beziehung wünschen, aber trotzdem aktiv auf alle Posts reagieren. Dann gibt es die, die sich nur für die Musik interessieren und denen Skandale egal sind, und die, die aufs Geldausgeben für das eigene Idol fixiert sind, wobei anderen der Austausch in der Fangemeinde am wichtigsten ist.“ Was für eine scharfsinnige, differenzierte Darstellung!

Und auch die Gedanken von Masaki sind interessant. Was treibt ihn an, Musik zu machen? (vgl. S. 22: „Vielleicht hoffe ich, dass mich irgendwer da draußen, auch wenn es nur eine einzige Person ist, durchschaut und versteht. Sonst würde ich mir das alles nicht geben, dieses Leben in der Öffentlichkeit, meine ich“). Akari entwirft ein idealtypisches Bild von ihm, es entsteht eine Projektion ihrer eigenen Wünsche und Fantasien. Sie glaubt ihn zu durchschauen und zu verstehen. Sie ist mit ihren Gedanken so sehr bei ihrem Idol, dass sie die schulischen Pflichten vernachlässigt. Trotz des Skandals bleibt sie Masaki treu und hält zu ihm. Die Musik von Masaki erlebt Akari sehr intensiv: „Es fühlt sich an, als würde ich Masakis Gesang mit den Ohren aufnehmen und aus meinem eigenen Mund entweichen lassen. Seine Stimme und seine Augen legen sich über meine Stimme und meine Augen“ (S. 34).

Auch erhalten wir einen Einblick in den Blog von Akari und in das Treiben rund um den Blog herum (z.B. Kommentare und Austausch mit anderen Fans). Das Ausleben des Fan-Daseins ist für Akari das wichtigste („Aber eins weiß ich absolut sicher: Masakis Fan zu sein ist das Zentrum meines Lebens, die eine Konstante. Mein Idol ist meine Körpermitte, meine Wirbelsäule“). Was für ein Eingeständnis! Scheinbar versucht die Protagonistin ihre eigene innere Leere zu füllen. Man merkt, dass es um die Psyche von Akari nicht gut bestellt ist. Sie hat Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, scheint eine Essstörung zu entwickeln. Leistungsabfall in der Schule macht sich bemerkbar. Eine Abwärtsspirale beginnt. Akari entwickelt ein zunehmend stärker werdendes negatives Selbstbild. Sie wird so sehr von Masaki und den Skandal um ihn vereinnahmt, dass sie von ihrer Umwelt nicht viel mitbekommt.

Weitere Symptome, die sich bei der Protagonistin zeigen: Antriebslosigkeit und Traurigkeit. Sie leidet ganz offensichtlich unter eine Depression. Und ihr familiäres Umfeld reagiert wenig sensibel und empathisch, setzt sie sogar noch unter Druck, eine Arbeit zu finden. Doch trotz dieses überaus labilen psychischen Zustands steigert sie sich immer weiter in die Begeisterung um Masaki hinein („Ich bin nicht ich, wenn ich nicht Masakis Fan bin. Ein Leben ohne ihn ist nur noch ein Warten auf den Tod“, S. 112). Und außer den bewegenden Einblick in die fragile Psyche, die nach meinem Empfinden sehr treffend und feinfühlig gestaltet wurde, lernt man beiläufig auch noch etwas über die japanische Musikszene und Pop-Kultur. Wer sich dafür interessiert, der sollte im Internet vor allem die Begriffe „Idol-Kultur“, „Idol“ und „Japan“ genauer recherchieren.
Bleibt abschließend noch eine Bemerkung zur Rezeption dieses Werks. „Idol in Flammen“ erhielt im Feuilleton bisher noch keine große Beachtung, wenn ich der Zusammenfassung auf perlentaucher.de Glauben schenken darf. Dort konnte ich bisher nur die Rezension von Miriam Zeh (Deutschlandfunk Kultur) entdecken (Stand: 03.07.2022), der ich aber in vielen Punkten nicht zustimmen kann. So ist für mich z.B. unklar, warum die Rezensentin dem Buch einen didaktischen Impetus zuschreibt. Für mich war kein erhobener Zeigefinger erkennbar, auch empfand ich den Inhalt des Buchs nicht als belehrend. Und macht das Ende des Romans nicht deutlich, dass die Obsessivität von Akari gar nicht so unerschütterlich zu sein scheint? Und noch eine letzte Bemerkung: Ist Akari nicht schon allein aufgrund ihrer Erkrankung eine rätselhafte Figur? So stellt sich doch z.B. die Frage, ob die Depression evtl. Ursache oder Folge des betriebenen Fankults ist. Oder ist die Erkrankung weder Ursache noch Folge für das obsessive Fan-Dasein? Ist das Fan-Dasein vielleicht mehr eine Begleiterscheinung der Erkrankung? Ist es vielleicht der einzige kleine Bereich im Leben, der Akari noch Freude bereitet? Wie schafft es Akari, einseitig so viel Energie für ihre Leidenschaft aufzubringen und andere Dinge dafür so zu vernachlässigen? Passt das zu einer depressiv erkrankten Person? Ich bin kein Psychologe und kann das nicht beantworten, aber es gibt doch viele Rätsel auf. Eine These: Kann Akari womöglich ihre Freiheit, Kreativität und Erfolgserlebnisse nur im Fankult ausleben? Sicher ist für mich nur, dass man zahlreiche Belege im Text findet, die darauf hindeuten, dass Akari unter einer Depression leidet. Und diese Diagnose ist implizit im Text zu finden, man muss sie herauslesen. Ist das nicht rätselhaft genug in Bezug auf diese Figur?

Fazit: Ich hoffe auch sehr, dass ich mit meiner Rezension deutlich machen konnte, dass es sich nicht um ein oberflächliches Werk handelt, wie es in vielen anderen Rezensionen behauptet wird. Das ist in meinen Augen definitiv nicht der Fall! Im Gegenteil: In diesem schmalen Büchlein steckt einfach unglaublich viel. 5 Sterne von mir! Das Werk ist nicht nur in interkultureller Hinsicht interessant, sondern auch in psychologischer.

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Schöne Abenteuergeschichte

Lenny Hunter - Die magische Sanduhr (Bd.1) von Thilo

Eines gleich vorweg: Das Kinderbuch „Lenny Hunter. Die magische Sanduhr“ von THiLO mit Bildern von Silvio Neuendorf ist ein sehr gelungenes Kinderbuch mit einer spannenden, ereignisreichen Abenteuergeschichte, die einen klaren, roten Faden aufweist, und detailreicher, ansprechender Bebilderung. Auch die verschiedenen Figuren sind kreativ und ausgefallen gestaltet worden.

Nach meiner Meinung ist es am ehesten für Kinder ab 5 Jahren geeignet (fortgeschrittener Kindergarten bis Grundschule), weil der Vorlesetext doch recht umfangreich ausfällt und der Wortschatz stellenweise doch auch anspruchsvoll ist.

Was mir auch positiv aufgefallen ist: Die Abstimmung zwischen Text und Bild. Das, was man im Text liest, findet man auch so auf den Bildern wieder. Und viele großformatige Bilder sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet worden. Es bietet sich oft an, länger bei den Bildern zu verweilen, weil es einiges auf ihnen zu entdecken gibt (Highlight: Das Büro in der Zentrale der Mystery Crew auf S. 7). Und die Gestalter des Buchs haben sich noch zwei weitere tolle Effekte einfallen lassen, die Aufmerksamkeit beim Nachwuchs erregen: Ein Buch im Buch in Form eines Notizbuchs sowie eine Entdeckerklappe, die den Blick auf eine Höhle hinter einen Wasserfall preisgibt. So etwas findet man auch nicht in jedem Kinderbuch.

Einen weiteren Aspekt, den ich noch loben möchte: Den kindgerechten Humor, der v.a. auf den Umschlagseiten aufblitzt (z.B. Don Wuff mit Hundefutter-Pistole und Messerchen, eine Kampfmaus, die mit dem Käsemesser ein Fliegenbein trifft). Der Vorlesetext kommt aber eher ernst daher, was natürlich auch daran liegt, dass es sich um eine actionreiche Abenteuergeschichte handelt, bei der Spannung erzeugt wird. Die Geschichte schlägt die jungen Zuhörer:innen nach meiner Erfahrung in ihren Bann. Ich musste das Buch gleich mehrfach vorlesen. Das ist immer ein gutes Zeichen.

Nun zwei Spitzfindigkeiten meinerseits: Auf dem Klappentext heißt es, dass man mit der magischen Sanduhr die Zeit für einen Moment zurückdrehen kann. Das sollte sich dann natürlich auch bei der Begründung der Bösewichte entsprechend wiederfinden, die Oma Wuff mit Hilfe des Gegenstands aus dem Gefängnis holen wollen. Und noch etwas: Text und Bild sollten im Idealfall so aufeinander abgestimmt sein, dass das Bild nicht schon verrät, was erst später durch den Text aufgelöst wird. So sieht man bereits auf dem Bild (vgl. S. 27), dass Rusty Lenny Hunter rettet, obwohl es eine Weile dauert, bis dies dann aus dem Lesetext hervorgeht. Aber das ist natürlich Jammern auf ganz, ganz hohem Niveau, was ich gerade hier betreibe.

Eine letzte Anregung möchte ich aber noch loswerden: Auf den Umschlagseiten wird sehr deutlich, dass es bereits eine Mystery Crew um Romulus gab. Vielleicht erfahren wir in einem weiteren Band noch mehr über die Vergangenheit des Großvaters? Sicher ist jedenfalls, dass noch weitere Bände um Lenny Hunter erscheinen werden (ab Juli 2023). Diese sind dann preiswerter und scheinen die jungen Zuhörer:innen noch stärker einzubeziehen, weil sie auch Rätsel aufweisen. Miträtseln war in diesem Band, den ich hier bespreche, nur eingeschränkt möglich, obwohl der Klappentext hier etwas mehr erwarten ließ.

Fazit: Ein sehr gelungenes Kinderbuch mit vielen kreativen Ideen. Das Buch zeichnet sich durch zwei Stärken aus: Die spannende Abenteuergeschichte, die einen klaren Aufbau und Spannungsbogen aufweist, sowie die dazu passende, detailreiche Bebilderung. Beides kann überzeugen. Da ich nur ganz wenige, kleinliche Verbesserungsvorschläge unterbreiten konnte, komme ich immer noch auf knappe 5 Sterne!

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