Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Wahn und Wirklichkeit
Das Nachthaus von Jo Nesbø
Thriller, die mich von Anfang bis Ende begeistern können und richtig packen, gibt es leider nur selten. Immer wieder freue ich mich, wenn ich ein Werk in den Händen halte, das mich vollkommen überzeugt. Und der neue Roman „Das Nachthaus“ von Jo Nesbo, der v.a. durch seine Reihe um Harry Hole bekannt geworden ist, gehört definitiv dazu.
Allerdings warne ich vor: Der Thriller besticht in meinen Augen durch seine Irritationseffekte und dem Spiel von Wahn und Wirklichkeit. Man fragt sich ständig, was ist eingebildet, was ist real. Auf so etwas sollte man sich thematisch einlassen wollen. Es sagt bestimmt nicht jedem/jeder zu. Mir hat die Lektüre aber richtig Spaß gemacht, weil ich viele Motive entdeckt habe (z.B. das Traummotiv, das Motiv des künstlichen Menschen, die Thematisierung der Krankheit „Schizophrenie“), die bis in die Epoche der Romantik zurückreichen und weltliterarische Bedeutung haben (hier sei z.B. ein Verweis auf E.T.A Hoffmanns Werk „Der Sandmann“ gestattet, das ich in diesem Zusammenhang wärmstens empfehlen kann). Auch Anspielungen auf Kafkas „Verwandlung“ findet man. Klasse! Das hat das Buch von Nesbo noch zusätzlich einmal aufgewertet.
Schon auf den ersten Seiten schafft es der Autor, den Leser/ die Leserin maximal zu irritieren. Zwei Freunde spielen zusammen am Fluss und begehen einen Telefonstreich. Und dann wird einer der Jungen vom Telefon aufgefressen (ja, das ist kein Autokorrektur-Fehler) und verschwindet spurlos. Das ist zumindest das, was der Ich-Erzähler Richard der Polizei und seinen Eltern erzählt. Und als Leser fragt man sich natürlich zwangsläufig: Bildet sich Richard das ein? Was ist tatsächlich passiert? Steht Richard womöglich unter Schock, so dass ihm die Phantasie einen Streich spielt? Oder haben wir es etwas mit einem Horror-Roman zu tun, wo Übersinnliches als Handlungselement auftritt? Die Polizei vernimmt Richard und glaubt, er habe etwas mit dem Verschwinden seines Freundes zu tun. Natürlich glaubt ihm niemand seine Geschichte. Wahn und Wirklichkeit vermischen sich. Und ich war sehr auf die Auflösung gespannt, konnte mir aber aufgrund meiner Lesesozialisation aber schon früh denken, in welche Richtung sich das Werk entwickelt (was meine Lesefreude aber nicht getrübt hat, weil ich auf die Umsetzung des Themas gespannt war).
Geschickt ist natürlich auch die erzählerische Gestaltung. Da wir an Richards Perspektive gebunden sind und nicht von außen auf die Geschehnisse schauen können, können wir seine Wahrnehmung nicht überprüfen. Auch die Gespräche mit anderen Figuren erlauben keine Rückschlüsse darüber, was echt und was eingebildet ist. Es machte auf mich den Eindruck, als sei Richard in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen und wir als Leser:in mit ihm. Und immer wenn man als Leser:in das Gefühl hat, das sich die Situation doch wieder normalisiert und womöglich endlich aufgeklärt wird, wird es doch wieder brüchig und man beginnt an den geschilderten Ereignisse zu zweifeln, weil man Richards Wahrnehmungen nicht vertraut. Man wird beim Lesen ständig verunsichert. Großartig! Und noch etwas, das hervorragend arrangiert wurde: Es gibt Wendungen, die die Erwartungshaltung der Leser noch einmal komplett durchbrechen und auf den Kopf stellen. Verschiedene Erzählebenen kommen plötzlich ins Spiel. Und ich wünschte mir einfach irgendwann nur noch, dass die Handlung irgendwie sinnvoll aufgelöst wird. Genial!
Und ich kann beruhigen: Die Auflösung am Ende lässt keine Wünsche offen. Alles ergibt Sinn und ist durchdacht, logisch und in sich schlüssig. Bitte mehr solcher Bücher! Und begleitend zur Lektüre kann man auch wunderbar über das Thema „Realität“ nachdenken. Was ist Realität? Ist sie überhaupt objektiv zu erfassen? Ist sie nicht eine individuelle Konstruktionsleistung des Gehirns? Und wer kann von sich eigentlich behaupten, dass die eigene Konstruktion von Wirklichkeit überhaupt stimmt. Von mir gibt es für dieses außergewöhnlich gelungene Werk 5 Sterne!
Passt thematisch zu Halloween
Das Vampirtier und die Sache mit den Tomaten von Lotte Schweizer
Passt thematisch zu Halloween
Auf der Suche nach einem Kinderbuch, das einen kindgerechten Gruselfaktor aufweist und in dem Halloween thematisiert wird? Dann könnte „Das Vampirtier“ von Lotte Schweizer, illustriert von Alexandra Helm, gut passen. Die Autorin kennt man auch von der Reihe „Die Detektei für magisches Unwesen“.
Und die Illustratorin hat ein erfolgreiches Studium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach absolviert.
Gelungen ist, dass bei der Lektüre an einigen Stellen immer wieder Neugier beim Nachwuchs erzeugt wird. Die Spannungsbögen werden immer wieder gut in die Länge gezogen und an passenden Stellen unterbrochen, so dass die jungen Zuhörer:innen auf die Auflösungen gespannt sind und selbst schon antizipieren, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln könnte (zu Beginn z.B. das Rätselraten um das Geburtstagsgeschenk). Das ist gut arrangiert!
An einer Stelle im Buch wird es sogar richtig spannend und gruselig, als das Vampirtier wegläuft und die Kinder in einem dunklen Park nach ihm suchen müssen und ein einsames, verlassenes Spukhaus finden. Allerdings weist der Rest des Buches einen eher amüsanten Erzählton auf. Die gruselige Stimmung entsteht also nur an dieser einen Textstelle in der Mitte des Buches. Das fanden wir etwas schade. Mir war es dann gegen Ende des Buchs stellenweise sogar zu albern. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich für einen Erzählton zu entscheiden, statt zu viel Abwechslung hineinzubringen?
Eine weitere exzentrische Figur, die teils Empörung beim Nachwuchs hervorruft, ist Frau Meise, die strenge Vermieterin. Sie ist sehr herrisch und versteht keinen Spaß. Am Ende bekommt sie eine gerechte Strafe für ihr kinderunfreundliches Verhalten. Da war ich etwas hin- und hergerissen, wie ich das finden soll. Für mich fällt die Rache an Frau Meise doch etwas zu heftig aus. Sehr versöhnlich ist das Ende jedenfalls nicht.
Es gibt aber auch ein paar Sachen, die mich aus Elternsicht gestört haben, die ich nicht unerwähnt lassen will. Zu Beginn kommt der Vater nicht gut weg. Er kann nicht einmal eine Tomatensauce kochen und es heißt weiter, dass ihm sogar die gekochten Eier anbrennen würden. Hier wird ein typisches Männer-Klischee bedient. Muss das sein? Darüber hinaus war das Bild auf S. 68-69 etwas ungeschickt platziert. Es verrät bereits, was auf der Parkbank zu sehen ist, noch bevor dies aus dem Text hervorgeht. Das angedachte Rätsel entfaltet dadurch nicht die gewünschte Wirkung, weil die Auflösung bereits vorweg genommen wird. Schade! Auch gab es ein paar Stellen, die auch schon von anderen Rezensent:innen als „unrund“ bezeichnet worden sind. 1. Das Vampirtier spielt keine so tragende Rolle, wie es der Titel im Vorfeld erwarten ließ. Es rückt im weiteren Handlungsverlauf zu sehr in den Hintergrund 2. Die Verkaufsanzeige ist arg unrealistisch konzipiert worden (S. 31), 3. Die Erklärung über den Verlust des Vampirtiers ist ebenfalls unlogisch geraten (S. 83). Grundsätzlich ist auch die inhaltliche Schwerpunktsetzung ebenfalls nicht richtig „rund“. Vor allem gegen Ende des Buchs passiert viel, teils wirkt es auf mich überfrachtet (Halloween wird gefeiert, die Tomaten von Frau Meise werden von Preisrichtern bewertet, die Familie sucht eine neue Wohnung). Hier wäre in meinen Augen weniger mehr gewesen. Ich komme auf 3 Sterne!
Unterhaltsam, faszinierend und lehrreich
Alles Zufall im All? von Erik Bertram; Dominika Wylezalek
Die Autoren Erik Bertram und Dominika Wylezalek legen mit dem Sachbuch „Alles Zufall im All?“ ein launiges Werk vor. Der Text liest sich angenehm, er wird aufgelockert durch Autobiographisches und die ein oder andere Anekdote, ohne dass dabei die Ernsthaftigkeit des Textes verloren geht. Beiden geht es darum, die Geschichte unseres Universums nachzuzeichnen: „Wie ist das Weltall entstanden und warum gibt es Galaxien, Sterne, Planeten und sogar Menschen?“ (vgl.
Klappentext). Und eines kann ich vorweg verraten: Die Kapitel lesen sich allesamt sehr eingängig und die Inhalte werden nicht zu abstrakt, sondern verständlich und nachvollziehbar dargelegt. Viele Illustrationen unterstützen den Text sinnvoll sowie funktional und sorgen auf diese Weise zusätzlich für Klarheit. Kurzum: Ein sehr gelungenes Buch!
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil des Buchs wird die Forschungsmethodik genauer vorgestellt. Während Dominika Wylezalek beobachtende Astronomin ist, handelt es sich bei Erik Bertram um einen theoretischen Physiker. Beide berichten aus ihrem jeweiligen Arbeitsalltag und auf diese Weise lernen wir die Arbeitsweise beider Fachrichtungen genauer kennen. Im zweiten Teil geht es um die Evolutionsgeschichte des frühen Universums. Leitfrage: Warum und wie ist es entstanden? Die Autoren konzentrieren sich dabei auf den „frühen“ Zeitraum der ersten 400 000 Jahre nach dem Urknall. Im dritten Teil geht es dann um das „späte“ Universum, als sich die ersten Sterne und Planeten bildeten.
Wylezalek nimmt uns mit in die chilenische Atacama-Wüste und schildert ihren Alltag. Wir lernen als Leser:innen, wie Teleskope funktionieren und erfahren, was für Daten sich mit ihrer Hilfe gewinnen und auswerten lässt. Interessant! Bertram hingegen arbeitet vor allem mit Computermodellen und beschreibt anschaulich, wie er mit Simulationen Forschungserkenntnisse gewinnt. Am Beispiel der Berechnung eines Sternentstehungsprozesses berichtet er anschaulich von den Herausforderungen und erläutert, wie eine Reise durch die Zeit möglich wird. Und verblüffend dabei: Reale, beobachtete und digitale Welt nähern sich immer weiter an! Lediglich über die erwähnte Millennium-Simulation und das Illustris-Projekt hätte ich gern noch mehr erfahren.
In einem weiteren Kapitel („das Tor zur Unendlichkeit“) geht es um das James-Webb-Teleskop. Die Vorbereitungen der Mission werden ebenso beschrieben wie erste Erkenntnisse. Auch wird kurz thematisiert, welche Erkenntnisfortschritte noch zu erwarten sind (Stichwort: genauere Erforschung von Exoplaneten). Faszinierend! Webb arbeitet im infraroten Wellenlängenbereich (ein Vorteil gegenüber dem Hubble-Teleskop) und besitzt einen größeren Spiegel als Hubble. So sind detaillierte Aufnahmen möglich. Es bleibt also spannend, was die Forschung noch entdeckt!
Im Zusammenhang mit der Entstehung des frühen Universums (Teil 2 des Buchs) stellen die Autoren auch das Standardmodell der Kosmologie genauer vor. Und sie widmen sich ausführlicher der Frage, woraus unser Universum besteht. Es werden die verschiedenen Elementarteilchen vorgestellt und in ihrem Aufbau erläutert. Eine interessante Schlussfolgerung: Das Standardmodell könne noch nicht vollständig sein, vor allem die sog. Dunkle Materie gebe noch große Rätsel auf.
In einem weiteren Kapitel („Geometrie mal anders“) gehen die Autoren der Frage nach, wie das Universum aussieht. Welche Form hat es? Und sie erläutern darüber hinaus verschiedene Theorien, wie das Universum enden könnte. Kommt es zu einem „big crunch“, einem „big rip“ oder einem „big freeze“? Ebenfalls spannend ist die folgende Fragestellung, auf die eingegangen wird: Warum ist die Temperatur im Universum überall im Mittel gleich?
Ebenfalls lesenswert ist das Kapitel „Kosmisches Finetuning“. Leitfrage: Warum ist unser Universum eigentlich so gut auf uns abgestimmt? Die verschiedenen Naturkonstanten scheinen perfekt für unsere Bedürfnisse ausgelegt zu sein. Ist das Zufall? In diesem Zusammenhang wird auch das sog. anthropische Prinzip erwähnt, das mir auch schon einmal in einem anderen Sachbuch begegnet ist (vgl. Bernhard Weßling 2022: Was für ein Zufall!, S. 43-44). Ich persönlich halte dieses Prinzip immer noch für am logischsten (was ich auch in meiner Rezension zu Weßlings Buch bereits dargelegt habe), auch wenn die Wylezelak, Bertram und auch Weßling ihm als wissenschaftliches Prinzip die Eignung absprechen. Auch wird die (Super-)String-Theorie diskutiert, aus der die Annahme eines gigantischen Multiversums resultiert. Eine Theorie, der Weßling z.B. nichts abgewinnen kann, weil sie für ihn nicht überprüfbar sei (vgl. Weßling 2022: 205).
Im dritten Teil ihres Buchs geht es dann um die Entwicklungsgeschichte des „späten“ Universums. Dabei wird auch ein kurzer, kompakter Abriss der Forschungsgeschichte unserer Galaxie skizziert. Wichtige Forscher und Erkenntnisse werden benannt. So weiß man heute z.B., dass Galaxien nicht homogen im Universum verteilt sind, sondern in Filamenten, Gruppen und Haufen. Heute bestimmt man unterschiedliche Farben, Formen und Größen von Galaxien und unterscheidet verschiedene Typen. Wer sich noch ausführlicher mit der Entdeckungsgeschichte der Milchstraße auseinander setzen möchte, dem sei folgendes, erst kürzlich erschienenes Buch von Harald Lesch, Cecilia Scorza-Lesch und Arndt Latussek als Ergänzung empfohlen (vgl. dazu meine Rezension): „Die Entdeckung der Milchstraße“ (2023).
In einem weiteren Kapitel („Die schlafende Galaxie“) wird dargelegt, was man bisher zu unserer Milchstraße herausgefunden hat. So weiß man inzwischen, dass sich im Zentrum der Galaxie ein massereiches Schwarzes Loch befindet, das momentan nicht aktiv ist. Auch wurden Annahmen über eine habitable Zone innerhalb unserer Heimatgalaxie angestellt. Weitere Themen des dritten Teils: Eine Evolutionsgeschichte unserer Sonne (Wie ist sie entstanden? Wie wird sie sich entwickeln? Woraus bestehen Sterne? Wie funktionieren sie?), Leben außerhalb unserer Erde. Am Beispiel der sog. Drake-Gleichung wird vorgeführt, wie wahrscheinlich es ist, dass in unserer Milchstraße weitere Zivilisationen existieren. Vor allem der weiteren Erforschung der Atmosphäre von Exoplaneten wird noch eine große Bedeutung zukommen, so die Autoren.
In ihrem Nachwort formulieren die Autoren die Hoffnung, dass die Lektüre nicht nur herausfordernd war, sondern auch Spaß gemacht hat. Und das kann ich absolut bejahen! Und was mir auch gut gefallen hat: Im Literaturverzeichnis wird deutlich, dass die Autoren auch auf einige jüngere Quellen zurückgegriffen haben. Sie sind also „up to date“. Dankbar war ich auch für die weiterführenden Literaturhinweise auf S. 222.
Das einzige, was ich an diesem Buch bemängeln kann, ist die zu kleine Schriftgröße (oder benötige ich etwa eine neue Brille?). Das Format des Buchs hätte nach meinem Empfinden ruhig etwas größer ausfallen können, vor allem die Zusammenfassung der Kapitel ist sehr klein geraten. Auch finde ich die Titelwahl des Buchs nicht so treffend. Um Zufälle geht es immer nur am Rande mal, aber sie werden nicht systematisch ins Zentrum des Interesses gerückt (hierfür empfehle ich das Buch von Bernhard Weßling, der auch begrifflich näher bestimmt, was für verschiedene Arten von Zufällen es überhaupt gibt). (...) Trotzdem ein 5-Sterne-Buch!
Military-Horror-Thriller
Ein Fluss so rot und schwarz von Anthony Ryan
In seinem Military-Horror-Thriller „Ein Fluss so rot und schwarz“ macht Anthony Ryan viel richtig, um ein hohes Maß an Spannung zu erzeugen. Schon das Amnesie-Motiv zu Beginn erzeugt Interesse und Neugier. Man fragt sich, was es mit den Protagonisten auf sich hat, warum sie keine Erinnerung mehr besitzen.
Wie geht es mit ihnen weiter? Nehmen sie an einem Experiment teil? Man wird als Leser:in direkt von der ersten Seite an mitgerissen und in die Handlung hineingezogen. Das hat mir richtig gut gefallen.
Die Protagonisten rätseln, was ihre Mission ist und wer sie sind. Insbesondere das erste Drittel des Romans fand ich unheimlich spannend, weil man als Leser:in (wie die Figuren) ständig auf der Suche nach Hintergrundinformationen ist. Man möchte mehr über die Mission bzw. das Experiment (oder das, was auch immer es ist) erfahren. Das ganze Setting hat verschiedene Assoziationen bei mir hervorgerufen, vor allem an solche Filme und Serien wie „Predator“, „Alien“ und „The walking dead“.
Thematisch geht es um das Verhalten von Menschen in Ausnahmesituationen. Inwieweit sind die Protagonisten bereit, unhinterfragt fremde Befehle auszuführen und sich unterzuordnen, auch wenn ihnen zentrale Informationen vorenthalten werden? Wie verhält man sich in einer solchen Situation? Auf welcher Grundlage trifft man dann Entscheidungen? Wie behauptet man sich, wenn man keine Erinnerungen mehr hat? Spannende Fragen, wie ich finde. Eines wird auf jeden Fall gut deutlich: Der Umgang der Figuren miteinander ist hart, schonungslos und schroff. Große Gefühlskälte ist spürbar. Das macht den Ernst der Lage gut spürbar.
Bei einem Buch mit einem solchen Setting, kommt es natürlich auch auf die Auflösung am Ende an. Es wird eine große Erwartungshaltung aufgebaut, weil man als Leser:in ja wissen will, was es nun mit dem Gedächtnisverlust und den anderen Hintergründen auf sich hat. Anthony Ryan muss die sehr anspruchsvolle Aufgabe erfüllen, die Leser:innen nicht zu enttäuschen. Ob das gelingt, das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Das möge jede:r selbst herausfinden.
Trotzdem kann ich für dieses Buch keine 5 Sterne vergeben, und ich begründe gern warum: 1. Der Klappentext verrät für mich schon zu viel, das fand ich etwas schade. 2. Die Figurenzeichnung ist nicht sonderlich ausgefeilt. Die Charaktere kommen eher flach und eindimensional daher (wohl ein Preis, den man für das hohe Maß an Spannung bezahlen muss). 3. Die vielen spannungserregenden Impulse, die der Autor setzt, gleichen sich im weiteren Handlungsverlauf zu sehr. Mehr Abwechslung wäre hier gut gewesen. 4. Auch habe ich überraschende Wendungen vermisst.
Für wen ist das Buch geeignet? In meinen Augen ist es v.a. für solche Leser:innen empfehlenswert, die auf geradlinig erzählte actionreiche Military-Horror-Inhalte stehen, die ohne viel Schnick Schnack daherkommt. Die Handlung stagniert nicht und wird sauber mit hohem Tempo vorangetrieben. Es passiert ständig etwas Neues. Potentielle Leser:innen sollten aber nicht zu anspruchsvoll sein, was die Figurenzeichnung betrifft. Von mir gibt es 4 Sterne, vor allem weil die Spannung stark ausgeprägt ist.
Ein Plädoyer für Vielfalt und Eigensinn
Die graue Stadt von Torben Kuhlmann
Für jüngere Kinder ist ein Kinderbuch ohne Illustrationen kein gutes Kinderbuch. Inhalt und Bilder gehen stets „Hand in Hand“. Nun gibt es Kinderbücher mit einer schönen Geschichte, in denen die Illustrationen mal mehr oder weniger gelungen sind. Oder es gibt Kinderbücher mit wunderschönen Illustrationen, in denen aber die Geschichte, die erzählt wird, zu wünschen übrig lässt.
Ganz selten gibt es Kinderbücher, in denen sowohl Illustrationen als auch die dazugehörige erzählte Geschichte vollkommen überzeugen. Besonders dann, wenn Text und Bild miteinander eng verzahnt sind. Nach meinem Dafürhalten sind die Kinderbücher von Torben Kuhlmann ein Beispiel für Kinderbücher, in denen Inhalt und Illustrationen gleichermaßen gelungen sind. Die Zeichnungen laden zum längeren und mehrfachen Betrachten ein, weisen viele zu entdeckende Details auf und sind sehr facettenreich gestaltet worden. Auch passen sie wunderbar zum Erzählten. Es gibt viele schöne perspektivische Darstellungen, einige Bilder wirken geradezu fotorealistisch. Kuhlmanns Zeichenstil ist nach meinem Empfinden unverkennbar. Mit seinen Mäuseabenteuern („Lindbergh“, „Edison“, „Armstrong“ und „Einstein“) und seinem neuen Buch „Die graue Stadt“ hat der Autor in meinen Augen großartige kunstvolle Werke erschaffen. Es sind Bücher, die man sich ins Regal stellt, die man immer einmal wieder hervorholt und anschaut.
In seinem neuesten Werk „Die graue Stadt“ weckt der Inhalt beim Nachwuchs Interesse und Neugier. Vor allem die gewählte Farbmetapher finde ich sehr gelungen und auch für Kinder verständlich vermittelt. Robin zieht um und lebt fortan in einer neuen Stadt, in der grauen Stadt. Sie hebt sich von der grauen Masse durch ihren gelben Regenmantel ab. Sie liebt Farben, malt bunte Bilder und passt sich nicht ihrer grauen Umgebung an. In der Stadt sucht sie nach Buntheit, ordnet sich nicht der schulischen Disziplin unter. Mit der Zeit entdeckt sie weitere bunte Orte, an denen sich Kreativität und Kunst entfalten. Wie treffend! Ein Plädoyer für Vielfalt, Trotz, Originalität und Eigensinn. Darüber hinaus lernt man beiläufig etwas zu den Themen „Brechung des Lichts“ und „Verfahren der Farbmischung“ dazu. Die Geschichte um Robin wird spannend erzählt. Der Nachwuchs hört gebannt und aufmerksam zu, was aus Robin wird, ob sie sich weiter behaupten kann oder ob sie irgendwann in der grauen Masse untergeht. Eine wichtige Botschaft, die dieses Buch vermittelt!
Schon die Mäuseabenteuer von Kuhlmann haben mich überzeugt und meine Kinder begeistert (vgl. meine Rezension zu „Armstrong“). Völlig zu Recht haben die Bücher des Autors inzwischen Kultstatus erreicht und sind mittlerweile in über 30 Sprachen übersetzt worden. Die Geschichten, die er erzählt sind originell, pfiffig und vermitteln nebenbei auch noch nützliches Wissen. Hinzu kommen die vielen kunstvollen, optisch hervorragend in Szene gesetzten Zeichnungen, die ästhetisch und ansprechend daherkommen. Kurzum: Kuhlmanns Werke sind rundum gelungen, bei ihnen stimmt alles. Das Buch „Die graue Stadt“ bildet hier keine Ausnahme.
Manipulationstechniken erkennen und abwehren
Shitmoves von Iris Gavric; Matthias Renger
Das Sachbuch mit dem etwas reißerischen Titel „Shitmoves“ von Iris Gavric und Matthias Renger thematisiert rhetorische Tricks der Kommunikation im menschlichen Miteinander. Ziel dieser Tricks ist es, andere beim Disput zu diskreditieren und ihre Argumente auszuhebeln. Das Buch soll dazu befähigen, solche Tricks zu erkennen und Wissen dazu vermitteln, wie man sich bei solch unsauberer Kommunikation behaupten kann.
Der Erzählton ist durchgängig locker und unterhaltsam. Man findet viele auflockernde direkte Leser:innenansprachen. Es liest sich sehr eingängig.
Ich werde in dieser Rezension nur wenige rhetorische Tricks erläutern, um einen ersten Eindruck vom Inhalt zu vermitteln. Es ist nicht mein Anliegen, hier jeden Move vollständig darzustellen. Das würde den Umfang des vorliegenden Textes sprengen. Und ich möchte den Begriff „Shitmove“ auch gern meiden und greife stattdessen lieber auf „rhetorischer Trick“ oder „Manipulationstechnik“ zurück, die mir passender und weniger reißerisch erscheinen.
Der erste rhetorische Trick, der behandelt wird, ist der sog. „Diss-Move“. Er wird an einem Beispiel eines Wortgefechts zwischen Thomas Gottschalk und Götz George anschaulich und nachvollziehbar erläutert. Der „Diss-Move“ ist ein persönlicher Angriff, bei dem die Identität des Gegenübers direkt angegriffen wird. Vor allem ein gekränktes Ego sehen die Autoren als Auslöser für die Anwendung dieses rhetorischen Tricks. Und diese Technik habe eine vernichtende Wirkung. Der Angesprochene fühle sich massiv verletzt und verunsichert. Als Reaktion auf diesen Trick empfehlen die Autoren, gelassen zu bleiben und nach dem Grund des persönlichen Angriffs zu fragen („Warum greifst du mich an? Was ist dein eigentliches Problem?“). Man solle nicht den Fehler begehen, selbst persönlich zu werden.
Eine weitere Technik, die häufig zum Einsatz kommt, ist der sog. „implizite Angriff“, bei dem man sich oft auf Sarkasmus beruft und das Hintertürchen auflässt, vom Gegenüber missverstanden worden zu sein. Dem „impliziten Angriff“ empfehlen die Autoren stets mit Klarheit zu begegnen. Man könne den Angreifer fragen, was er bzw. sie denn genau meine. Weitere Manipulationstechniken, die im Buch vorgestellt werden, sind u.a. die folgenden: Der als Kompliment getarnte Angriff, der Opfer-Trick, das Aufbauen einer Drohkulisse oder das Entweder-Oder-Prinzip etc.
Was mir grundsätzlich gefällt, ist, dass die Autoren jede Manipulationstechnik an einem konkreten Beispiel anschaulich und nachvollziehbar erläutern (oft aus den Bereichen „Werbung“, „Politik“ oder „öffentliches Leben“) und auch mögliche Reaktionen aufzeigen, wie man den rhetorischen Tricks begegnen kann. Das ist äußerst hilfreich und es sensibilisiert überhaupt erst für solche Techniken! Der Anhang macht es sogar möglich, die Beispiele noch einmal selbst zu recherchieren. Die Autoren geben Links zu den entsprechenden Videos bei youtube an. Oft ging es mir bei der Lektüre so, dass mir anhand des Geschilderten auch Beispiele aus der eigenen Erfahrung in den Sinn kamen. Zwar haben mich die Ausführungen zu möglichen Verteidigungsstrategien auf manipulative Angriffe nicht durchweg überzeugt, aber oft bieten sie eine erste Orientierungsmöglichkeit. Ebenfalls gelungen ist die Übersicht, die nach der Darlegung jedes Tricks noch einmal als Zusammenfassung dargeboten wird. Das erleichtert die Orientierung und wirkt zudem sehr übersichtlich.
Was ich sehr wichtig und gut finde, ist, dass die Autoren darauf hinweisen, dass viele dieser Tricks unbewusst angewendet werden, oft auch als Verteidigungsstrategie (das hätten Gavric und Renger in meinen Augen sogar noch häufiger erwähnen können). Schließlich kann man nicht jeden Versuch des Einsatzes einer Manipulationstechnik als bewusst eingesetztes Mittel interpretieren. Ich finde es schwierig, dem Gegenüber zu unterstellen, dass er anderen stets bewusst manipulativ begegnet. Wo kommen wir hin, wenn wir dem Kommunikationspartner direkt eine böse Absicht unterstellen? Sollte man etwa wirklich jede Äußerung auf die „rhetorische Goldwaage“ legen? Wenn wir beginnen, der Gegenseite stets schlechte Intentionen zu unterstellen, so wird der zwischenmenschliche Umgang miteinander immer komplizierter werden. Ein reibungsloses gemeinsames Miteinander ist dann kaum noch möglich. Wie will man z.B. aufrichtig und ernst gemeinte Komplimente von solchen unterscheiden, die jemand in der Kommunikation unehrlich als rhetorischen Trick einsetzt? Ist es nicht der einfachste Weg, den Interaktionspartner zunächst einmal zu fragen, wie er seine Äußerung gemeint haben könnte, bevor man etwas missversteht oder als Manipulationsversuch auslegt?
Es handelt sich in meinen Augen um ein äußerst lehrreiches Buch, das Manipulationstechniken sehr anschaulich und nachvollziehbar bewusst macht und einen möglichen Umgang damit aufzeigt. Nach der Lektüre ist man in der Lage, entsprechende rhetorische Tricks zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Trotzdem sollte man vorsichtig damit sein, seinem Kommunikationspartner stets manipulative Intentionen zu unterstellen (siehe meine Ausführungen oben). Gefahr dieses Buchs: Man begegnet seinen Mitmenschen nach der Lektüre mit mehr Misstrauen und unterstellt ihnen mehr böse Absichten. Dessen sollte man sich ebenfalls bewusst sein. Und ich hätte es hilfreich gefunden, wenn die Autoren noch deutlich mehr Bezüge zur Argumentationstheorie und zur Analyse von Argumentationsstrukturen hergestellt hätten. Das ein oder andere Nachschlagewerk als Tipp zur weiterführenden Lektüre hätte ich passend gefunden. Die Autoren geben im Text hin und wieder zu erkennen, dass sie in der antiken Rhetorik bewandert sind, und sie übertragen dieses Wissen über die Antike auf moderne Kontexte. Das finde ich sehr gelungen. Aber ein Literaturverzeichnis fehlt mir leider! Von mir gibt es 4 Sterne.
Dunkle Familiengeheimnisse
Hope's End von Riley Sager
Nach einem halben Jahr Suspendierung erhält die Pflegerin Kit McDeere eine neue Chance: Sie soll die 71-jährige Klientin Lenora Hope pflegen, die einst als junges Mädchen beschuldigt wurde, ihre gesamte Familie umgebracht zu haben (im Jahr 1929), auch wenn ihre Schuld nie bewiesen worden ist. Aus Geldknappheit und Mangel an Alternativen sagt Kit zu, hat allerdings kein gutes Gefühl dabei.
Darum geht es in dem Thriller „Hope’s End“ von Riley Sager. Und im Wesentlichen geht es inhaltlich um das Aufdecken des Familiengeheimnisses von 1929. Was ist an dem Tag wirklich passiert? Was sind die Hintergründe der Tat? Ist Lenora wirklich schuldig?
Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen präsentiert. Auf der Gegenwartsebene geht es um die hoch betagte Lenora, die physisch stark eingeschränkt ist, aber noch mit Hilfe einer Schreibmaschine mit ihrer Umwelt kommunizieren kann. Und auf der Vergangenheitsebene geht es um von Lenora verfasste Aufzeichnungen, in denen sie die Zeit um die Tat herum genauer schildert. Handelt es sich etwas um ein spätes Schuldeingeständnis?
Lenora ist die letzte Überlebende eines Gewaltverbrechens. Man konnte ihr zwar nie eine Schuld an der Tat nachweisen, doch in der Stadt war ihr Ruf dennoch zerstört. Die Leute tratschten über sie und Lenora führt seitdem ein zurückgezogenes Leben in ihrem Anwesen auf der Steilküste, das ihr Vater einst erwirtschaftet hat. Kit hingegen stammt aus tristen, ärmlichen Verhältnissen. Sie hat einen Behandlungsfehler begangen und ist daraufhin suspendiert worden. Die Beziehung zu ihrem Vater ist gestört.
Wir haben also interessante Zutaten in diesem Thriller: einen unterschiedlichen sozialen Hintergrund der Figuren, eine hoch betagte Patientin mit einem dunklen Geheimnis und nicht zuletzt einen abgeschiedenen Handlungsort mit undurchschaubarem Hauspersonal. Eine Mischung, die anfangs für genügend Spannung und Neugier sorgt. Zu Beginn schafft der Autor es, immer wieder neue Fragen im Kopf der Leser:innen entstehen zu lassen, die zum Weiterlesen animieren (z.B. auch die Frage, was aus Kits Vorgängerin geworden ist: der Pflegerin Mary). Ich habe mich oft während der Lektüre gefragt, was Lenora zu berichten hat und warum sie erst jetzt damit herausrückt. Und warum ist gerade Kit die Auserwählte, der sie alles berichtet? Die Spannung war nach meinem Empfinden eingangs stark ausgeprägt. Und die handelnden Figuren sind reizvoll ausgearbeitet, d.h. mit Profil, Eigenheiten und Wiedererkennungswert.
Im weiteren Handlungsverlauf hat mich das Buch dann aber leider zunehmend verloren. Das lag an mehreren Dingen. Zum einen hat mich der Aspekt des Übersinnlichen, der stellenweise durchklang nicht überzeugt. So etwas mag ich nicht. Mich erreicht ein solcher Gruselfaktor nicht. Zum anderen werden nach und nach immer mehr Familiengeheimnisse gelüftet. Und passagenweise erschien mir der Spannungsbogen dann auch einmal zu sehr in die Länge gezogen (vor allem auf der Ebene der gegenwärtigen Handlung). Ich tue mich auch schwer damit, dieses Buch als Thriller durchgehen zu lassen. Ich würde eher allgemein von Spannungsliteratur sprechen. Mir fehlten „Thrill-Elemente“, v.a. die klassischen Wendungen, Überraschungen und Wow-Effekte. Es wird stattdessen eher eine dunkle Familiengeschichte erzählt, die zunehmend abgedrehter wird. Was mich auch irritiert hat: Warum geben so viele Figuren Kit bereitwillig darüber Auskunft, was in der Nacht von 1929 passiert ist? Auch das Ende hat mich nicht überzeugt. Vieles hat mich stutzig gemacht, es war nicht alles plausibel (eine Parallele zum Vorgängerbuch „Night“). Ich empfand es als zu überdreht und zu überladen. Schade! Ich komme auf drei Sterne!
Realistisch und betulich
Mit kalter Präzision von Michael Tsokos
Was in meinen Augen den Reiz des neuen Thrillers „Mit kalter Präzision“ von Michael Tsokos ausmacht, ist der hohe Grad an Realismus und Authentizität. Der Autor selbst ist vom Fach und das merkt man jeder Zeile an. Die medizinische Seite kommt unglaublich glaubhaft und stimmig daher. Das findet man in dieser Form nicht in vielen anderen Thrillern.
Man erhält als Leser:in einen sehr lebensechten Eindruck vom Arbeitsalltag einer Rechtsmedizinerin. Die Bedeutung der Rechtsmedizin für die Aufklärung eines Falls kommt gut zum Ausdruck. Am Beispiel der Schwester von Sabine Yao wird auch eine interessante psychologische Seite in den Roman miteinbezogen. Auch das hat mir gut gefallen. Nebenbei wird auch noch Wissen zu einem historisch bedeutsamen Fall der Rechtsmedizin vermittelt (Otto Prokop und der Fall Hans Hetzel, vgl. S. 182). Klasse!
Zwar gelingt es dem Autor nach meinem Empfinden nicht, ein hohes Maß an Spannung zu erzeugen. Oft geraten Schilderungen zu weitschweifig und zu ausführlich. Vom klar erkennbaren roten Faden wird oft abgewichen. Und der Fall wird recht betulich, behäbig und gemütlich vorangetrieben. Auch der Schreibstil liest sich überwiegend trocken und sachlich. Eine hohe Informationsdichte zeichnet den Erzählton aus. Aber dafür gelingt Tsokos etwas anderes: Die rechtsmedizinische Beschreibung der Tat und die Darstellung der behördlichen Abläufe wirken allesamt wirklichkeitsnah. Im Zentrum steht die Frage, ob der potentielle Täter eines Mordes überführt werden kann oder nicht. Und wie kann die Rechtsmedizinerin Yao dabei behilflich sein? Weitere spannungserregende Impulse habe ich vermisst. Zum Ende hin zieht das Tempo dann aber an, durch flotte Perspektivwechsel entsteht passagenweise sogar eine gewisse Dynamik. Kurzum: Das Finale ist stark, alles was davor kommt, fand ich eher durchschnittlich, allerdings mit überzeugender rechtsmedizinischer Darstellung. Von mir gibt es 3 Sterne!
Realistisch, realistisch, realistisch
Die Suche nach dem Route 66 Killer von Christian Piskulla
Christian Piskulla ist ein Garant für die Auswahl spannender Settings. Das hat er bereits in seinen beiden Thrillern „Das Stahlwerk“ und „Pacific Crest Trail Killer“ bewiesen (vgl. frühere Rezensionen). Und auch in seinem neuen Thriller „Die Suche nach dem Route 66 Killer“ wählt der Autor einen reizvollen, vielversprechenden Handlungsort: die Route 66.
Wer wollte nicht schon einmal auf dieser berühmten Straße, die quer durch die USA verläuft, mit dem Motorrad eine Tour unternehmen?
Schon der Einstieg in das Werk kann fesseln. Mit einem Bagger wird eine Leiche beseitigt. Und man fragt sich: Wer ist die Leiche? Was ist dem Opfer widerfahren? Warum ist es ermordet worden? Und wer räumt es eigentlich aus dem Weg? Für mich genügend Fragen, die Neugier erregen und zum Weiterlesen animieren. Es dauert zu Beginn zwar etwas, bis man in die weitere Handlung und in die verschiedenen Fäden hineinfindet. Doch wenn man erst einmal den Überblick hat, wird es spannend und packend, was v.a. an der Erzählweise liegt.
Auch begegnen wir drei bekannten Figuren aus Band 1 wieder: Mark und Rebecca, die nach zwei Jahren Beziehung immer noch auf Wolke 7 schweben, sowie dem besessenen FBI-Ermittler Steve Cortez (jetzt im Ruhestand), der sich bis zur Selbstaufgabe in einen Fall festbeißt, bis er ihn gelöst hat. Auffällig für mich: Mark und Rebecca agieren anders als noch im PCTK. Die Vorfälle auf dem Pacific Crest Trail haben sie traumatisiert, sie genießen nun intensiver ihr Leben. Eingangs wird deutlich, dass ihnen jedoch ein Ziel im Leben fehlt. Aus diesem Grund gründen sie eine Privatdetektei und übernehmen einen ersten Fall: Die Suche nach einer vermissten Person auf der Route 66.
Wer mir wieder richtig gut gefallen hat, ist Steve Cortez mit all seinen Ecken und Kanten. Eine tolle Figur! Er verbeißt sich wieder in den Fall, sucht nach Hinweisen, findet Spuren und er beweist erneut einen guten Instinkt. Bei der Ermittlungsarbeit beweist er Ideenreichtum. Er kniet sich richtig hinein, agiert wieder total versessen.
Die Szenenwechsel sind dynamisch und abwechslungsreich, passagenweise immer einmal wieder auch knappe Abschnitte, die schnell getaktet wechseln, dazu oft harte Schnitte, die Tempo erzeugen. Viele Perspektivwechsel. Das sollte man mögen. Wer auf geradlinig erzählte Thriller steht, in denen Personen und Handlungsorte kaum wechseln, wird sich hier womöglich gefordert fühlen. Nach meinem Empfinden verliert man aber an keiner Stelle den Überblick, der Autor kehrt immer wieder erkennbar zum roten Faden zurück. Alle Handlungselemente werden sinnvoll vorangetrieben.
Was mir auch sehr, sehr gut gefallen hat: Die Route 66 wird mit vielen schönen Details sehr bildhaft beschrieben. Ich konnte mir gut vorstellen, wie es dort aussieht. Und auch erhält man beiläufig einige interessante Hintergrundinformationen. Auch Personen am Rande der Gesellschaft werden wieder in den Blick genommen (wie schon beim PCTK). Man lernt also auch noch etwas dazu. Prima! Auch die atmosphärische Darstellung ist dicht.
Ebenfalls lobenswert ist das Finale. Die Spannung zieht am Ende spürbar an. Auch die Darstellung der Gefühlszustände der Figuren sorgt dafür, dass man als Leser in einen Zustand der Anspannung versetzt wird. Ich habe mitgefiebert. Klasse! Weiterhin wird alles plausibel und schlüssig sowie zufriedenstellend aufgelöst und zum Abschluss geführt. Auch das überzeugt.
Fazit: Ein realistischer Thriller mit gut ausgearbeiteten Figuren (in meinen Augen vor allem Cortez!), der abwechslungsreich erzählt wird. Auch die vielen undurchsichtigen Antagonisten sind geschickt in den Handlungsverlauf eingebaut worden. Die verschiedenen Spannungsbögen werden immer wieder sinnvoll unterbrochen, so dass man als Leser:in stets am Ball bleibt. Die Route 66 als Handlungsort ist reizvoll und bildhaft sowie anschaulich beschrieben worden. Noch dazu lernt man Landeskundliches dazu. Das Finale ist packend und überzeugend. Am Ende wird alles plausibel und schlüssig aufgelöst. Was mir besonders gefallen hat, war die realistische Atmosphäre, die der Autor erzeugt. Was will man mehr? Von mir gibt es dafür 5 Sterne, ich fühlte mich durchgängig sehr gut unterhalten und die Handlung hat mich gepackt.
Ein Kinderbuch-Klassiker als Bilderbuch
Der geheime Garten von Calista Brill
„Schon vor über einem Jahrhundert hat Frances Hodgson Burnett Der geheime Garten geschrieben und noch heute ist es eines der beliebtesten Kinderbücher (…) Die Geschichte wurde oft nacherzählt: in Theaterstücken, in Filmen, im Fernsehen und ja, auch in Bilderbüchern wie diesem hier.“ (vgl. Nachwort)
Anlässlich des Erscheinens des Kinderbuchs „Der Geheime Garten“ von F.
H. Burnett im Insel Verlag (bearbeitet von Calista Brill und illustriert von Adelina Lirius, übersetzt von Naemi Schuhmacher) habe ich auch noch einmal das Original in der gekürzten DTVjunior-Ausgabe gelesen und rezensiert. In meiner Rezension hielt ich fest: (…)
Für die Rezension des Bilderbuchs interessiert mich vor allem auch die Frage, ob bei der Kürzung des Textes nicht zu viel verloren gegangen ist. Schließlich umfasst das Bilderbuch 36 Seiten, die von mir rezensierte gekürzte Fassung hat hingegen einen Umfang von 192 Seiten. Kann eine solche Reduktion des Inhalts gelingen? In meinen Augen, leider nein. Für mich machen vor allem die Charaktere Mary und Colin das Werk aus. Sie sind mit viel Profil und Wiedererkennungswert gestaltet worden (vgl. meine Rezension zum Original). Für mich geht bei der Figurenkonzeption zu viel verloren. Es wird z.B. auch nicht erwähnt, warum Mary traurig ist. Mr. Craven mit seiner distanzierten Art kommt gar nicht vor. Und der kränkliche Colin in seiner herablassenden Art kommt mir auch zu kurz. Vermutlich wollte man den jungen Zuhörer:innen nicht zu viel zumuten (was auch in Ordnung ist).
Mein Problem: Ich habe den Fehler gemacht, im Vorfeld der Rezension zum Bilderbuch noch einmal das Original zu lesen. Deshalb habe ich natürlich einen ganz anderen Blick auf das Buch. Ich bin nun vorgeprägt und weiß, was alles fehlt. Anderen Leser:innen werden die Kürzungen vielleicht gar nicht auffallen. Das, was im Nachwort steht, kommt für mich in den wenigen Zeilen nicht genügend zum Ausdruck: (…). Für mich geht beim Bilderbuch zu viel verloren, ich bleibe lieber beim Original für Kinder ab 8 Jahren. Weniger kritische Leser als ich mögen in dem Buch aber auch die Möglichkeit sehen, Kinder schon frühzeitig (Altersempfehlung des Verlags: ab 4 Jahren) an einen Klassiker heranzuführen.
Was aber absolut lobenswert sind, sind die vielen großformatigen, seitenfüllenden Illustrationen. Diese sind wunderschön und laden zur längeren und mehrfachen Betrachtung ein. Sie sind in meinen Augen das, was das Buch ausmacht.











