Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Tobias Kallfell:
Medizintechnische Revolution
Wir werden jung sein von Maxim Leo
„Youth’s like diamond in the sun / and diamonds are forever“
Was wäre, wenn ein Medikamentenversuch fehlschlüge und die Probanden mit den ungeahnten Folgen einer Verjüngung konfrontiert wären? Darum geht es in dem Roman „Wir werden jung sein“ von Maxim Leo (bei mir stellten sich direkt Assoziationen zu „Benjamin Button“ ein).
Die Folgen des Experiments werden uns am Beispiel von Einzelschicksalen von fünf Protagonisten vorgestellt, deren Lebensgeschichte wir näher kennen lernen. Und eines kann ich direkt vorwegnehmen: Ich fand das Gedankenspiel, das der Autor entwirft, interessant und habe mit großer Faszination die Lebenswege der Figuren verfolgt.
Zu Beginn wird uns der 17-jährige Jakob nähergebracht, der unter einer Herzmuskelschwäche leidet und ständig müde und erschöpft ist. Er verliebt sich in Marie, die mit ihrer unbefangenen und ehrlich-direkten Art sofort sein Herz erobert. Als nächstes begegnen wir Herrn Wenger, Immobilien-Patriarch und pedantischer Planer, der eine tödliche Diagnose erhält und nicht mehr viel Zeit hat. Er plant daraufhin seinen eigenen Tod in Form von Sterbehilfe und macht sich daran, sein Erbe zu regeln. Eine weitere Figur: Die ehemalige Profischwimmerin Verena. Sie knackt bei einem „Rentnerrennen“, das lediglich als Show gedacht war, den Weltrekord in 100m Freistil. Und plötzlich steht sie unter Doping-Verdacht. Sie kann sich ihre Leistung selbst nicht erklären. Weiterhin lernen wir Jenny kennen, die einen unerfüllbaren Kinderwunsch hegt. Trotz mehrmaliger, belastender In-vitro-Fertilisationen will sich keine Schwangerschaft einstellen, bis ein Seitensprung plötzlich ihr Leben grundlegend ändert. Und zuletzt: Die Perspektive des verschrobenen und menschenscheuen Forschers Martin. Er ist der Projektleiter der Studie, an der Jacob, Wenger, Verena und Jenny teilnehmen. Sein Ziel ist die Reprogrammierung von Herzmuskelzellen. Das Medikament testet er auch an sich selbst und seinem Hund. Nun ist er mit der Situation konfrontiert, dass sich die Probanden des Versuchs verjüngen, und das mit ungewissem Ausgang. Es entstehen folgende Fragen: Wie geht es mit den Figuren weiter? Wie wird sich ihr Leben verändern? Und wird sich die Verjüngung stoppen lassen? Ohne zu viel zu verraten: Die Verjüngung hat nicht nur Vorteile! Insbesondere die jüngeren Probanden haben mit Komplikationen zu kämpfen.
Nachdem sich die Nachricht über die Verjüngung als Nebenwirkung der medizinischen Behandlung von Jacob, Wenger, Verena und Jenny herumspricht, wollen auf einmal weitere Menschen mit dem Medikament behandelt werden. Begehrlichkeiten werden geweckt. Und anhand der Perspektive von Miriam, einer wissenschaftlichen Beraterin der Regierung, wird eine medizinethische Bewertung des Phänomens vorgenommen. Sie betrachtet das Für und Wider des möglichen Eingriffs in den Lebenszyklus des Menschen. Klar ist nur: Die Entdeckung wird das menschliche Zusammenleben grundlegend ändern. Und am Rande wird auch die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft gestreift.
Die Stärke des Autors ist in meinen Augen die Charakterzeichnung. Alle Figuren haben klare Konturen und werden in ihren Eigenheiten sehr gut deutlich. Maxim Leo schafft es auf wenigen Seiten, seinen Charakteren ein deutliches Profil zu verleihen. Und durch einen geschickt eingebauten Zeitsprung wird uns eine Vorher-Nachher-Perspektive eröffnet. Eine Entwicklung der Protagonisten kommt zum Ausdruck. Und dadurch, dass die Figuren sich in verschiedenen Lebensstadien befinden, wird die Frage nach den Auswirkungen des Medikaments auch unterschiedlich beleuchtet. Das hat mir richtig gut gefallen. Auf diese Weise entsteht ein differenziertes, facettenreiches Bild. Und durch die beschriebenen Komplikationen, die ebenfalls auftreten, werden auch Nachteile ins Blickfeld gerückt. Und noch einen Effekt hat die Erwähnung des Negativen: Man leidet mit den Patienten mit und spürt als Leser:in emotionale Betroffenheit. Nicht zuletzt stellt man sich bei der Lektüre selbst die Frage, wie man mit einer solchen Diagnose umgehen würde. Würde man gern selbst wieder jünger sein? Eine interessante Frage, wie ich finde. Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Eine rundum gelungene Sache. Ich habe keine Verbesserungsvorschläge und vergebe deshalb 5 Sterne!
Literatur mit "thrillerhaften Zügen"
Notizen zu einer Hinrichtung von Danya Kukafka
Kurz vor seiner Hinrichtung begleiten wir Ansel Packer im Todestrakt bei seinen letzten Gedanken. Er spricht sich dabei selbst mit „du“ an, was einen ungewöhnlichen Effekt erzeugt. Man fühlt sich als Leser:in direkt angesprochen. Ansel wartet auf die Vollstreckung der Todesstrafe. Ihm bleiben noch 12 Stunden.
Und er kann sich bis zum Schluss mit dem Urteil nicht abfinden, glaubt bis zu einem gewissen Punkt noch daran, dass er der Strafe entfliehen kann. Doch je näher die Frist rückt, desto klarer wird ihm, es gibt kein Entrinnen. Das ist wirklich eine schwer auszuhaltende Lektüre, bei der man als Leser:in gezwungen ist, sich mit dem Thema „Todesstrafe“ auseinanderzusetzen. Das Buch hat mir viel abverlangt und ich vermute, anderen Leser:innen wird es nicht anders ergehen.
Eingestreut in die Kapitel zu Ansel Packer, die im stündlichen Countdown heruntergezählt werden, werden zudem Rückblicke von verschiedenen Frauenfiguren: Da ist die Mutter von Ansel , die ihren Sohn im Alter von vier Jahren mit ihrem kleinen Bruder allein zurückgelassen hat, weil sie die Gewalt ihres Ehemanns nicht mehr ertragen hat. Wir erfahren auf diese Weise mehr über die armselige und gewalthaltige Kindheit von Ansel, der dann schließlich in staatliche Obhut gelangt. Da ist Hazel, die Zwillingsschwester von Jenny, mit der Ansel lange Zeit nach außen eine „normale“ Beziehung geführt hat, ohne zu bemerken, was Ansel für ein Mensch ist. Und da ist die Polizistin Saffy, die Ansel verdächtigt, observiert und dann überführt. Wir haben es also mit einem „howcatchem“-Thriller zu tun, wenn man dieser Genrezuordnung folgen möchte. In den Rückblicken erfahren wir mehr zur kindlichen Prägung von Ansel, zu seinen Taten und seinem „Scheinleben“ von Normalität sowie zu den Ermittlungen. Es geht vor allem um die Frage: Wie wird er am Ende ergriffen? Und es geht auch um die Frage: Wie wird jemand zum Mörder?
Das Buch wird als Thriller vermarktet, doch ich finde das Etikett „Thriller“ wird diesem Buch nicht gerecht, weil es zu kurz greift. Aufgrund der Themenwahl und der ausführlichen Charakterisierung der Figuren würde ich das Buch eher dem Genre „Literatur“ zuordnen, Literatur mit „thrillerhaften Zügen“. Die Charakterzeichnung aller handlungstragenden Figuren ist sehr detailliert ausgefallen. Vor allem Ansel gerät furchteinflößend und mitleiderregend zugleich. Da ist seine wahnhafte Seite, die man sich aufgrund seines kindlichen Traumas erklären kann und die Mitgefühl erregt, aber da ist auch die emotionslose, kalte sowie berechnende Seite, die mich als Leser schaudern ließ. Ansel ist in der Lage, seine Mitmenschen mühelos zu durchschauen und zu manipulieren. Und was geschickt von der Autorin immer wieder eingestreut wird: Es gibt an vielen Stellen Vorzeichen, die auf die dunkle Seite von Ansel hindeuten. Und gleichzeitig wirkt er besonders auf Frauen charmant, anziehend und attraktiv.
Das Buch fordert die Leser:innen, wie schon beschrieben, dazu heraus, sich eingehender mit dem Thema „Todesstrafe“ zu beschäftigen. Ein Thema, das ja auch in den Medien immer einmal wieder auftaucht. Erst kürzlich hat die Hinrichtung mit einer neuen Methode in Alabama für Schlagzeilen gesorgt. Jeder muss für sich selbst klären, wie er dazu steht. In dem Buch wird jedenfalls gut deutlich, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern sehr viele Grautöne. Dafür sorgt allein schon die Charakterzeichnung der Figuren. Auch das erzähltechnische Arrangement überzeugt, es kommen viele Blickwinkel vor, die sich dem Thema und dem Täter annähern. Hätte die Autorin wirklich einen Thriller schreiben wollen, so hätte die Handlung viel stärker gestrafft werden müssen, die Charaktere wären weniger differenziert und facettenreich beschrieben worden und sie hätte auch an einigen anderen „Stellschrauben“ drehen müssen, um mehr Tempo zu erzeugen. Deshalb glaube ich, dass es der Autorin um etwas anderes ging, als „nur“ einen Thriller zu schreiben. Von mir gibt es 5 Sterne, (...)
Spannend, spannend, spannend
Der Ausflug - Nur einer kehrt zurück von Ulf Kvensler
Wow, ich habe im Moment richtig, richtig Glück mit meiner Thriller-Auswahl: Das Buch „Der Ausflug“ von Ulf Kvensler hat sich als Kracher erwiesen. Ich bin durch die Seiten geflogen und der Autor macht so viel richtig, um Spannung zu erzeugen: Angenehme Kapitellängen, Cliffhanger am Ende eines Kapitels, eine hohe Dialoghaftigkeit, eine authentische Schilderung psychischer Ausnahmezustände, die Darstellung permanenter äußerer Bedrohungen in Form von Naturgewalten, ständig neue spannungserregende Impulse in Form von Widrigkeiten, eine tiefgründige Charakterzeichnung, eine interessant gestaltete Gruppendynamik mit Rivalitäten, Missstimmungen, Unterstellungen und Eifersüchteleien, eine geschickt arrangierte Erzählstruktur mit gut getimten Perspektivwechseln, atmosphärische Naturbeschreibungen, sich abwechselnde Passagen von Anspannung und Entspannung.
Die Stärke der Ich-Perspektive wurde hervorragend genutzt, um den Leser zu verunsichern. Die Handlung ist unvorhersehbar (im guten Sinne!) und wendungsreich. Immer wieder müssen schwierige Entscheidungen getroffen werden. Kurzum: Lest dieses Buch und überzeugt euch selbst! Es wird euch mitreißen.
Doch worum geht es überhaupt? Die Ich-Erzählerin Anna berichtet ihrer Freundin Milena von einer neuen Männerbekanntschaft und bittet sie darum, dass Jacob bei ihrer schon länger geplanten Wanderung dabei sein darf. Milena reagiert zunächst überrumpelt, hält Rücksprache mit ihrem Partner Henrik und schließlich sind sie und Henrik einverstanden, dass Jacob die Gruppe begleitet. Auf den ersten Seiten geht es zunächst einmal um das gegenseitige Kennenlernen. Und auf der Zugfahrt zum Ort des Reisebeginns schlägt Jacob vor, die Reiseroute spontan zu ändern. Eine tragische Entscheidung, wie sich noch herausstellen wird. Doch mehr verrate ich hier nicht. Nur so viel: Es wird ein heftiger Trip!. Eingeflochten sind auch Zeugenbefragungen von Anna, die man allein aufgefunden hat und die im Rückblick von der Wanderung berichtet. Die Befragungen verrätseln das Geschehen und als Leser:in fragt man sich sofort: Was ist passiert?
Es ist wieder eines dieser Bücher, bei dem ich dachte: „Schade, dass es zu Ende ist“. Der Thriller hat auf mich eine unfassbare Sogwirkung entfaltet, auch weil er so abwechslungsreich gestaltet ist. Ein solches Gefühl hatte ich das letzte Mal bei „Wenn Sie wüsste“, mein Thriller-Kracher aus dem Jahr 2023. Und was noch besser ist: Ich habe dieses Mal im Vorfeld überhaupt nicht damit gerechnet. Ich habe angefangen zu lesen und dachte permanent: „Yes, wenn das so weitergeht, wird das ein echter Kracher“. Vom Setting hat es mich auch an „In blaukalter Tiefe“ von Kristina Hauff erinnert (vgl. dazu eine frühere Rezension). Allerdings geht es dieses Mal nicht um einen Segeltörn, sondern um eine gemeinsame Wanderung, bei der man aufeinander angewiesen ist und wenig Privatsphäre hat. Und im weiteren Handlungsverlauf wird das gegenseitige Misstrauen immer größer. Und noch etwas: Man fiebert mit den Protagonisten mit! Ein klares 5-Sterne-Buch.
Originell und enttäuschend
Die Insel des Zorns von Alex Michaelides
Nein, dieses Buch war leider überhaupt nicht mein Fall. Schade, schade. Und das, obwohl der Auftakt vielversprechend und ungewöhnlich war. Die Idee eines auktorialen Erzählers, der zugleich auch handelnde Figur ist, sich direkt an die Leser:innen wendet und das Geschehen kommentiert, fand ich zunächst interessant.
Es stellte sich im weiteren Handlungsverlauf dann aber leider heraus, dass die Verwendung einer solchen Erzählerinstanz verhindert, dass überhaupt Spannung entsteht. Zu geschwätzig und omnipräsent kommt der Erzähler daher, er mischt sich in meinen Augen viel zu viel ein. Ich hätte ihm am liebsten zugerufen: „Komm doch endlich auf den Punkt!“ Irgendwann war ich tatsächlich nur noch davon genervt. Das einzige, was mir noch gefallen hat, war die Metaebene zum Schreiben, die der Erzähler eröffnet hat. Als Dramatiker kennt er sich in diesem Bereich nämlich aus, meint er zumindest…
Die Erzählweise ist also sicherlich mal etwas anderes, sicherlich wird sie ihre Fans finden. Für mich war es, wie gesagt, (leider) nicht das Richtige. Die Distanz zu den Figuren wurde mir dadurch auch viel zu groß, weil über sie nur berichtet wird, vermittelt durch eine andere Instanz. Gleichzeitig überschattet der charmante und selbstgefällige Erzähler mit seiner Präsenz alle anderen Figuren, drängt sie förmlich an den Rand. Dadurch verlieren sie an Reiz und an Zugkraft. Und es kommt hinzu, dass die Spannung gänzlich verloren geht. An keiner einzigen Stelle bin ich vom Geschehen gepackt worden. So etwas darf in einem „Thriller“ in meinen Augen einfach nicht passieren, sonst ist es für mich kein Thriller.
Leider kann „Die Insel des Zorns“ nicht mit dem Erfolg von „Die stumme Patientin“ mithalten, das ich auch vor kurzem gelesen habe und das mir gut gefallen hat (vgl. eine frühere Rezension). Ich rate von der Lektüre ab und komme auf 2 Sterne, weil die Idee mit dem auktorialen Erzähler zunächst originell auf mich wirkte. Vom Autor würde ich mir wünschen, dass er beim nächsten Thriller wieder zu seinen Wurzeln zurückkehrt und einen stärker psychologisch ausgerichteten Plot entwickelt. Er hat mit seinem Debut ja bewiesen, dass es ihm gelingt, ein solches Setting zu kreieren. Mein Wunsch: Zurück zum Psychologisch-Psychiatrisch-Therapeutischen!
"Cancel Culture" im Jahr 1922 in Russland
Das Philosophenschiff von Michael Köhlmeier
Die 100-jährige Frau Professor Anouk Perleman-Jacob bittet einen Journalisten darum, Gespräche mit ihr zu führen, um einen biographischen Bericht zu ihrem Leben daraus zu verfassen. Sie blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück, wurde 1908 in St. Petersburg geboren und gilt im Roman als eine der bedeutendsten europäischen Architektinnen des Jahrhunderts (es handelt sich um eine fiktive Figur!).
Ihr monologischer autobiographischer Bericht, der mitten im russischen Bürgerkrieg im Jahr 1922 beginnt und durch die sprachliche Gestaltung sehr authentisch und realistisch wirkt (obwohl er fiktiv ist), wird immer wieder auch durch dialogische Sequenzen unterbrochen, bei denen sie sich an den Journalisten wendet. Dieser nimmt die Gespräche mit einem Aufnahmegerät auf.
Zu Beginn beschreibt sie die elendigen Lebenszustände im russischen Bürgerkrieg (u.a. werden auch Verhöre der damaligen Geheimpolizei geschildert und wir lernen schlagwortartig einige historisch bedeutsame Figuren kennen, die in die fiktive Handlung eingeflochten werden). Die Eltern von Perleman-Jacob zählten zur unliebsamen Intelligenzija. Zahlreiche Intellektuelle wurden Ende 1922 des Landes verwiesen und mit Schiffen deportiert, darunter auch Anouk mit ihren Eltern. Das Ziel dieser Aktion: Kritiker loszuwerden. Diese Zeit nimmt den größten Raum der Schilderung ein und ich empfehle zur Nachbereitung des Romans das Thema nachzurecherchieren. Es lohnt sich!
Das Buch macht einen gut recherchierten Eindruck. Ich habe einiges über die russische Geschichte dazugelernt. Die sogenannten „Philosophenschiffe“ waren mir zuvor nicht als Begriff geläufig. Das paranoide Denken der Staatenlenker wird ebenso gut deutlich, wie das beengende und verunsicherte Gefühl der Passagiere an Bord der Schiffe. Den Ausgewiesenen ist nicht klar, was mit ihnen passiert. Es herrscht eine angespannte-angstvolle Atmosphäre an Bord. Das wird gut eingefangen. Niemand traut sich Fragen zu stellen, es herrscht großes Misstrauen. Und über allem schwebt auch immer die Frage nach dem „warum“. Warum wurden diese Personen ausgewiesen und wer hat das veranlasst?
Einzelne Passagiere werden näher porträtiert. Und den Höhepunkt bilden in meinen Augen die Streifzüge Anouks durch das Schiff. Dabei begegnet sie eines Abends einem Passagier, der sich als Lenin zu erkennen gibt. Er ist von Krankheit schwer gezeichnet. Man fragt sich natürlich, ob die Begegnung der kindlichen Fantasie entspringt, ob sich von den Passagieren jemand als Lenin ausgibt oder ob die Begegnung tatsächlich stattgefunden hat. Vielleicht will Anouk ihre Biographie mit dieser Anekdote zu Lenin auch einfach nur aufwerten? Kurzum: An dieser Stelle sind verschiedene Lesarten möglich, das ist gut arrangiert (letztlich ist die gesamte Begegnung aber natürlich eine Fiktion, Lenin war niemals auf einem Philosophenschiff). Die Unterredung von Anouk und Lenin war für mich die interessanteste Stelle im Buch.
Was mich beim Lesen wieder sehr beschäftigt hat, ist die Frage, was real und was fiktiv ist. Beide Ebenen vermischen sich. Man weiß nicht, welche Figur rein fiktiv ist und welche tatsächlich historisch verbürgt ist. An welchen Stellen macht der Autor von künstlerischer Freiheit Gebrauch? An einigen Stellen hätte ich ein gern ein passendes Geschichtsbuch begleitend zur Lektüre gelesen, doch leider gibt es weder ein Nachwort noch weiterführende Literaturhinweise. Teilweise habe ich versucht, Figuren im Internet zu recherchieren, habe aber nichts zu ihnen gefunden (dann werden sie wohl fiktiv sein?! Oder hat der Autor etwa die Passagierlisten zu Rate gezogen, z.B. bei Danil Danilowitsch Sidorow und seine Frau Monja Sidorowa?!).
Für wen ist das Buch geeignet: Sicherlich für Leute, die sich mit russischer Geschichte auskennen und für sie interessieren. Wer auch Parallelen zur heutigen Situation entdecken möchte, ist bei diesem Buch gut aufgehoben (der Vergleich drängt sich ja förmlich auf!). Punktuell geht es z.B. auch um die schwierige Situation der entwurzelten Exilanten im neuen Aufnahmeland. Man kann den inhaltlichen Bogen in meinen Augen sogar bis zur Diskussion um die sogenannten „Cancel Culture“ spannen. Das Buch bietet als viel Stoff zum Nachdenken. Von mir gibt es 4 Sterne! Warum nicht 5 Sterne? Weil ich mir ein Nachwort gewünscht hätte und weil ich den Erzählton stellenweise als etwas zu trocken empfunden habe
Packend, kreativ und innovativ
Gestehe von Henri Faber
Hey Sebastian Fitzek, mach Platz da! Hier kommt Henri Faber. Der Meister der unvorhersehbaren Wendungen. Von „Kaltherz“ war ich damals begeistert (vgl. eine frühere Rezension). Das war kein 0815-Einheitsbrei, den Faber da vorgelegt hat. Und so viel darf ich schon vorweg nehmen: Das ist in seinem neuesten Thriller „Gestehe“ nicht anders.
Ein Wort reicht, um Fabers neuestes Werk zu beschreiben: inhaliert (an einem Tag!).
Schon die Einführung des Ermittlers Jacket ist ungewöhnlich. Wir lernen den berühmten Polizisten bei Dreharbeiten eines Films zu dessen Leben kennen. Jacket ist ein nationaler Held. Im Alleingang hat er einen Organhändlerring gesprengt und dabei ein kleines Mädchen gerettet. Nun tingelt er als Werbefigur der Polizei durchs öffentliche Leben in Österreich. Von seinen Kollegen allerdings wird Jacket nicht ernst genommen, er gilt vielen als Witzfigur. Als Kontrast dazu lernen wir den Ermittler Mohammad (Kurzform „Mo“) kennen – Jahrgangsbester der Polizeischule, aber trotz seines Alters von 39 Jahren noch in keiner Führungsposition. Mo blickt anfangs mit Neid auf Jacket. Die Chemie zwischen beiden Figuren ist reizvoll angelegt.
Gegenüber von Jackets Wohnhaus findet man eines Tages in einem Gebäude eine Leiche. Bei der Tatortuntersuchung stoßen Jacket und Mo das erste Mal aufeinander. Ein feindseliges Knistern liegt zwischen beiden in der Luft. Doch Jacket wünscht sich Mo als Partner an seiner Seite und hofft darauf an erfolgreiche alte Ermittlungszeiten anzuknüpfen und mal wieder einen Erfolg einzufahren. Mo hingegen ist aber zunächst überhaupt nicht begeistert von dieser Idee. Es läuft auf ein interessantes Zusammenspiel der beiden Ermittler hinaus. Werden sie zueinander finden?
Jacket ist der Gegenentwurf zu Mo. Jacket agiert prahlerisch und unprofessionell, doch eigentlich ist er ein psychisches Wrack. Er hat ein Traum davongetragen, leidet immer noch unter Alpträumen und Schlaflosigkeit, nimmt Medikamente. Doch nach außen zeigt er dies nicht. In der Abteilung wird schlecht über Jacket geredet. Viele Gerüchte ranken sich um seinen einstigen Einsatz, bei dem er zum Helden wurde. Mo hingegen ist pflichtbewusst und gewissenhaft. Allerdings stößt er aufgrund seiner Hautfarbe auf Widerstände. Am seinem Beispiel wird also auch das momentan sehr angesagte Thema „Rassismus“ gestreift (was ich gut finde!). Was gut zum Ausdruck kommt, sind auch die vielen Frotzeleien und ironischen Schlagabtausche innerhalb des Ermittlungsteams. Überhaupt ist die sprachgestalterische Seite bei Faber wieder einmal lobenswert (nein, dieses Mal sind es nicht die asyndetischen Reihungen und Parataxen). An vielen Stellen beweist er kreative Sprachspielereien, baut flotte Sprüche ein und greift auf Elemente von Bildlichkeit zurück. Mir hat das sehr gut gefallen.
Als man eine zweite Leiche findet, wird klar, dass jemand die Morde Jacket in die Schuhe schieben möchte. Jacket erkennt Hinweise, die der Täter hinterlässt und die an ihn persönlich gerichtet sind. Der wahre Täter verweist auf ein Manuskript, das Jacket allerdings noch nicht veröffentlich hat. Doch wie ist das möglich? Woher weiß der wahre Täter von dem unveröffentlichten Manuskript und wie gelangte er an Inhalte daraus? Und Jacket verhält sich irrational. Er hat Angst davor, mit den Taten in Verbindung gebracht zu werden und schweigt gegenüber seinen Kollegen. Macht er dadurch nicht noch alles schlimmer? Es läuft darauf hinaus, dass er sich seinen inneren Dämonen von früher stellen muss.
Im Zusammenhang mit dem Manuskript werden viele schöne Irritationseffekte erzeugt, die mir sehr gut gefallen haben, weil sie für Verunsicherung beim Lesen sorgen (ein Fest für jeden Germanisten). Erzählte und reale Welt vermischen sich. Doch ich will hier nicht zu viel verraten. Ich fand es äußerst amüsant. Es hätte nur noch gefehlt, dass Jacket uns als Leser direkt anspricht und um Hilfe bittet. Und gleichzeitig wird mit dem Roman „Blutnacht“ noch ein Roman im Roman integriert. Auch hier vermischen sich verschiedene Erzählebenen. Toll arrangiert und sehr innovativ, wie ich finde! Für alle Freunde der Erzähltheorie eine wahre Freude.
Was mir ebenfalls gefallen hat: die eingeschobenen Täterkapitel in Form innerer Monologe, die mit „Er“ überschrieben sind und die den Fall weiter verrätseln. Und zum Ende zieht das Maß an Tempo, Spannung und Action noch einmal deutlich an. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Alles wirkt rund und in sich schlüssig. Das Ende ist überzeugend und überraschend. Faber nimmt sich auch genügend Zeit, den Inhalt auszuerzählen. Ich finde tatsächlich nichts, was ich an diesem Buch kritisieren kann. Von mir gibt es 5 Sterne!
Enttäuschender Klima-Thriller
White Zero von Thilo Falk
Klima-Thriller sind ein beliebtes Sub-Genre (vgl. zum Beispiel Wolf Harlander und Uwe Laub). Bis auf „Celsius“ von Marc Elsberg habe ich bisher allerdings noch nichts in diese Richtung gelesen. Das wollte ich gern ändern und meine Wahl fiel auf „White Zero“ von Thilo Falk.
Zur Handlung: Eine Kältewelle hat Deutschland seit Monaten fest im Griff.
Das öffentliche Leben liegt weitgehend brach. Die massive Kälte hat Auswirkungen auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Bausubstanz leidet, die Regierung zahlt eine Frostprämie, Amazon erhebt auch für Prime-Mitglieder Versandgebühren etc. In Form von eingeschobenen Presseberichten, die durchaus kreativ gestaltet worden sind, erfahren wir als Leser:innen mehr über den Zustand in der Bundesrepublik. Es werden verschiedene gesellschaftliche Bereiche beleuchtet. Und man weiß nicht, was hinter diesem Wetterphänomen steckt. Was ist die Ursache? Ist es der Beginn einer neuen Eiszeit oder eine Folge des Klimawandels? Und ist das Problem lösbar? Diese Fragen treiben die Handlung voran.
Soweit so gut. Allerdings konnte mich das Buch leider überhaupt nicht packen, und zwar zu keinem Zeitpunkt. Es gab zu viele Figuren, die noch dazu alle sehr langsam eingeführt werden, und für einen Katastrophen-Thriller gab es nach meinem Geschmack leider zu wenig „Katastrophe“, dafür aber viele Beziehungsdramen zwischen den Charakteren. Überspitzt formuliert: 90% des Thrillers waren Lindenstraße, 10% waren Klima-Thriller. Für mich war der Personenkreist viel zu groß, und ich habe mit keiner der Figuren mitfiebern können. Darüber hinaus: Kein Tempo, viel zu wenig Impulse, die Spannung aufbauen oder Neugier entfachen. Was die Handlung trägt sind zwei Fragen: Warum gibt es eine Kältewelle und wie lange dauert sie? Das reicht für mich nicht aus!
Hinzu kommt für mich ein massives Logikproblem: Deutschland steht nach einem harten Winter mit eisigen Temperaturen schon am Abgrund? Ernsthaft? Was sollen denn die Leute in Sibirien sagen? Für mich ist die Katastrophe einfach überdramatisiert und wirkt dadurch unglaubwürdig. Und wo sind die Forscher, die der Katastrophe näher auf den Grund gehen? Wo sind Expeditionen und wo ist die internationale Zusammenarbeit, um das Problem zu lösen? Wo sind dramatische menschliche Schicksale, mit denen man mitfiebern könnte? Wo sind die verschiedenen Erklärungsansätze, die miteinander konkurrieren, um das Wetterextrem zu erklären? Wo ist die Wissenschaft, die sich darum bemüht, Antworten zu finden? Wo ist die Katastrophe, die immer größere Ausmaße annimmt? Es hat mich einfach nicht mitgerissen. Die eigentliche Grundhandlung von „White Zero“ lässt sich mit wenigen Sätzen zusammenfassen. Das ist zu wenig!
Und das, was dann als Erklärung für die „Eiszeit“ angeführt wird, war für mich nicht überzeugend. Sie ist viel zu einfallslos und unrealistisch, völlig an den Haaren herbeigezogen. Und die angedachte Lösung des Problems ist ebenso banal. Garniert wird die Handlung dann noch mit schwarz-weiß-Darstellung von Politik und Wirtschaft. Nicht mein Fall! Wer einen richtigen Katastrophen-Thriller lesen will, der zwar nichts mit Klima zu tun hat, sondern eher mit Science-Fiction, der lese „Nano“ von Phillip P. Peterson. Dort wird deutlich, wie man Spannung und Tempo erzeugt. Nach „Celsius“ leider wieder ein Reinfall im Bereich „Klima-Thriller“. Ich frage mich, ob ich jemals einen Klima-Thriller finden werde, der mich richtig begeistert. Von mir gibt es für dieses enttäuschende Werk 2 Sterne.
Georg Wilhelm Pabst als tragische Figur
Lichtspiel von Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann dürfte den meisten durch sein Erfolgsbuch „Die Vermessung der Welt“ bekannt sein. Auch in seinem neuesten Werk „Lichtspiel“ widmet er sich einer historischen Figur: Dem Regisseur Georg Wilhelm Pabst. Und eines gleich vorweg: Der Roman hat mir sehr gut gefallen.
Schon der Einstieg ist klasse.
Franz Wilzek (eine fiktive Figur!), selbst Regisseur und ehemaliger Kameraassistent von G. W. Pabst, wird in die Sendung „Was gibt es Neues vom Sonntag“ von Heinz Conrads eingeladen. Was diese Rahmenhandlung so besonders macht, ist der geistig verwirrte Zustand, in dem sich Wilzek befindet und der gut zum Ausdruck kommt. Er wirkt orientierungslos und überfordert, hat Schwierigkeiten sich zu erinnern und kann nicht angemessen auf die Fragen des Moderators reagieren. Die Folge seiner Demenzerkrankung.
Danach folgt ein Schwenk nach Hollywood. Pabst ist inmitten von Verhandlungen für einen neuen Film. Man will ihn mit amerikanischer Freundlichkeit überreden, einen Film zu drehen, der nicht nach seinem Geschmack ist. Pabst lehnt zunächst ab, bleibt kategorisch bei seinem „Nein“. Eine sehr humorvolle Passage. Die interkulturellen Missverständnisse, das schlechte Englisch von Pabst, all das wurde hervorragend gestaltet und wirkt amüsant.
Danach folgen immer wieder Sequenzen aus dem Leben des Regisseurs. Einzelne Stationen werden szenenartig aneinander gereiht. Dazwischen immer wieder Zeitsprünge. Und ich stoße bei meiner Lektüre immer wieder auf Highlights: z.B. die Unterredung mit Greta Garbo, die eine von Pabst angebotene Rolle ablehnt. Sie ist zwar dankbar, dass Pabst sie berühmt gemacht hat, aber ihre Dankbarkeit kennt Grenzen. Auch Pabsts Rückkehr mit dem Zug in seine Geburtsland blieb mir im Gedächtnis: Er weiß genau, welche politischen Zustände im Land herrschen. Trotzdem verordnet er sich, seiner Frau und seinem Sohn zu schweigen. Wie er wirklich über die politischen Veränderungen denkt, erfahren wir nicht. Er bezeichnet sich selbst als nichtpolitischen Menschen. Eine weitere gut arrangierte Textstelle ist Pabsts Gespräch mit Goebbels. Es wird deutlich, dass Pabst eigentlich gar keine Absicht mehr hat, weitere Filme zu drehen. Propaganda ist ihm zuwider. Doch der Propagandaminister legt ihm Worte in den Mund und droht ihm subtil. Der Regisseur kann sich nicht behaupten und knickt ein. Und man fragt sich als Leser:in automatisch die alles entscheidende Frage: Wie hätte man selbst gehandelt?
Deutlich wird auch, was für eine tragische Figur Pabst ist. In den USA will sich der Erfolg nicht so recht einstellen, sein erster Film schlägt nicht ein und er kassiert Absagen von weiblichen Darstellerinnen. Er weicht zunächst in andere Länder wie z.B. Frankreich aus, doch es gelingt ihm einfach nicht, an alte, erfolgreiche Zeiten anzuknüpfen. Er entschließt sich in seine Heimat zurückzukehren, trotz des Wissens um die dort herrschenden politischen Zustände. Und als er seinen Fehler erkennt und ihn korrigieren will, bricht der Krieg aus, die Grenzen werden geschlossen und Pabst sitzt mit seiner Familie fest. Es gibt kein Zurück mehr. Und das Regime ist bereits auf ihn aufmerksam geworden. Er wird, wie schon erwähnt, vom Propagandaminister Goebbels nach Berlin eingeladen und kann dem auf ihn ausgeübten Druck nicht widerstehen. Er dreht wieder Filme und muss sich mit dem Regime arrangieren.
Ich bin mit der Erwartungshaltung an das Buch gegangen, dass Pabst ein Opportunist ist. Dies würde ich nach der Lektüre aber nicht mehr so sehen. Pabst hält sich einfach heraus, er will nicht sehen, was um ihn herum passiert. Er nimmt zwar stellenweise wahr, was um ihn herum passiert (das wird v.a. bei den dargestellten Dreharbeiten deutlich), schweigt aber dazu und behält seine Gedanken für sich. Dennoch wird für mich an vielen Stellen deutlich, dass er mit dem Regime hadert und längst nicht mit allem einverstanden ist. Doch er harrt im Land aus und stürzt sich in die Arbeit. Das Drehen von Filmen ist seine Ablenkung. Pabst wird zunehmend „umgebungsblind“, ihm geht es nur darum, wieder einen großen Erfolg einzufahren. Das zeigt sich vor allem bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Der Fall Molander“. Und man kann sich wieder fragen: Welche Wahl hat er auch? Er muss sich mit den Gegebenheiten arrangieren. Hat er eine Alternative? Wenn ja, welche? Es lohnt sich auch, das Vater-Sohn-Verhältnis genauer in den Blick zu nehmen, um Pabsts Ansichten zum Krieg auszuloten. Eine Entfremdung zwischen den beiden wird nur allzu deutlich. Und es zeigt sich auch am Beispiel des Sohnes, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt.
Was mich während der Lektüre ständig umtreibt, ist die Frage, was tatsächlich historisch verbürgt ist und was fiktiv ist. Kehlmann verwebt Fiktion und Fakten. Es gibt fiktive Figuren wie z.B. Franz Wilzek aus der Rahmenhandlung und weitere. Auch die Gespräche zwischen den Figuren sind fiktiv. Mich verunsichert so etwas immer, denn ich möchte mir ungern etwas Falsches merken. Doch Kehlmann geht es nicht darum, einen historischen Roman zu schreiben (hier empfehle ich eher Bücher von Ulf Schiewe). Trotzdem hätte ich mir ein informativeres Nachwort gewünscht, in dem der Autor evtl. darlegt, was Wirklichkeit ist und was nicht. Mein Wunsch nach einem umfangreicheren Nachwort führt aber nicht zu einem Sternabzug. So komme ich für dieses lesenswerte Buch auf 5 Sterne!
Was weiß die Ameise?
Himmelfahrt von Nicholas Binge
Ein totgeglaubter Bruder (Harold) taucht nach 30 Jahren unerwartet wieder auf. Er ist Patient in einer psychiatrischen Anstalt und erscheint uns als gebrochener, von Wahnvorstellungen geplagter Mann. Nach dem Besuch seines jüngeren Bruders begeht er Selbstmord und hinterlässt Briefe, in denen Unfassbares geschildert wird: die Erforschung eines über 11 km hohen Bergs, der aus dem Nichts aufgetaucht ist.
Darum geht es in dem Roman „Himmelfahrt. Mission in den Tod“ von Nicholas Binge. Und meine Neugier war von Anfang an geweckt: Ich wollte wissen, worum es in den Briefen geht. Was hat Harold auf dem Berg entdeckt? Warum ist er wahnsinnig geworden? Und wo kommt dieser Berg überhaupt plötzlich her? Eines sei an dieser Stelle verraten, ohne zu viel zu verraten: Das Buch lässt sich am ehesten dem Genre „Science-Fiction“ zuordnen.
Der Erzählton ist eingängig und flüssig. Stellenweise geht es sogar recht humorvoll zu (v.a. zu Beginn; Stichwort: Sicherheitsfreigabe). Und durch die Offenheit, die erzeugt wird, fliegt man anfangs durch die Seiten. Harold schildert in seinen Briefen, wie er als Physiker für ein Projekt engagiert wird, von dem er zunächst überhaupt nicht weiß, worum es genau geht. Zentrale Informationen werden im vorenthalten (und wir als Leser:innen wissen genauso wenig wie Harold). Und er wird noch vor dem eigentlichen Beginn der Mission mit etwas konfrontiert, das rätselhaft erscheint: Ein Mann, der den mysteriösen Berg bereits erkundet hat, die Zukunft vorhersehen kann und sich dann selbst umbringt. Was hat es damit auf sich? Was geht auf dem Berg Ungewöhnliches vor sich? Genügend Fragen, die zum Weiterlesen animieren.
Ein Team mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen soll den Gipfel des Berges erklimmen und mehr herausfinden (sozusagen „Das Eulentor“ von Gruber in umgekehrter Richtung). Man sollte allerdings über kleinere logische Ungereimtheiten hinwegsehen können: 1. Wie sollen untrainierte Forscher in der Lage sein ohne Vorbereitung einen solch hohen Berg zu besteigen? 2. Warum nimmt man Naoko mit auf die Expedition, obwohl sie doch sichtlich angeschlagen von der ersten Mission zurückgekehrt ist? Mich haben diese kleinen Logiklöcher aber nicht weiter gestört und ich habe mit Interesse weitergelesen, um herauszufinden, was es nun mit dem mysteriösen „Objekt“ auf sich hat. Eines sei verraten, ohne zu viel vorwegzunehmen: Die Truppe um Harold stößt auf faszinierende Anomalien. Und mit zunehmendem Handlungsverlauf las ich immer gebannter. Denn je näher das Expeditionsteam dem Gipfel kommt, umso deutlicher werden die Auswirkungen des Bergs auf die Teilnehmer der Mission. Der Berg verändert die Forscher und fordert Opfer…
Die Charakterisierung der Figuren ist für einen Thriller gelungen und fällt tiefgründiger aus, als ich es erwartet hätte. Durch Rückblenden zu Harolds Vergangenheit erfahren wir auch etwas von seiner früheren Tätigkeit als Mediziner und über sein Familienleben. Fragt man sich zu Beginn noch, wozu diese Rückblenden dienen (sie haben doch eine sehr „entschleunigende“ Wirkung), so ergeben sie im weiteren Handlungsverlauf aber auf jeden Fall Sinn. Sie sind also tatsächlich nötig und keineswegs redundant. Was mir auch gut gefallen hat: Der Einbezug einer transzendentalen Bedeutungsebene sowie Bezüge zu den Weltreligionen (mehr kann ich an dieser Stelle nicht preisgeben).
Allerdings kann ich diesem Buch keine 5 Sterne geben. Dafür fehlten mir noch ein paar Dinge. Für mich hätte es ruhig noch mehr „sience“ sein können (sicherlich Geschmackssache), auch wenn ich das Ameisenbeispiel zur Veranschaulichung von Multidimensionalität gelungen fand. Und das Ende hätte nach meinem Geschmack noch „epochaler“ ausfallen können. Es war zwar alles logisch, in sich schlüssig und man wird auch zum weiteren Nachdenken angeregt (Was ist freier Wille? Inwieweit sind wir Menschen determiniert? Ist die Wirklichkeit nicht nur eine subjektive Konstruktionsleistung des Gehirns?), aber irgendwie hätte ich einfach noch mehr Erläuterungen erwartet. Für mich blieben einige Fragen unbeantwortet. Nicht zuletzt hätte das Buch noch mehr Tempo vertragen können. So komme ich abschließend auf 4 Sterne!
Einblick in eine geheime Parallelwelt
Der Spion und der Verräter von Ben Macintyre
Normalerweise sind Agenten-Geschichten nicht so mein bevorzugtes Terrain. Doch bei „Der Spion und der Verräter“ von Ben Macintyre habe ich eine Ausnahme gemacht. Warum? Weil es um eine „echte“ Geheimdienstgeschichte aus der Zeit des Kalten Kriegs geht, die vom Autor in mühevoller Detailarbeit nachgezeichnet worden ist.
Macintyre hat innerhalb von drei Jahren mit Oleg Gordijewski 20 Interviews geführt und dabei 100 Stunden an Aufnahmen gesammelt und ausgewertet. Und auch mit allen MI6-Mitarbeitern, die an dem Fall beteiligt waren, konnte er sprechen. Zusätzliche erhielt er Unterstützung durch ehemalige KGB- und CIA-Beamte. Lediglich ein Zugang zu den Akten des Intelligence Service blieb Macintyre verwehrt (vgl. dazu die Danksagungen, S. 475). Und genau diese Recherchearbeit macht für mich den Reiz dieses Buchs aus. Wir erhalten als Leser:in so die Möglichkeit, am Beispiel der Geschichte des Doppelagenten Oleg Gordijewski einen Einblick in eine geheime Parallelwelt von Geheimdiensten zu werfen und lernen dabei noch etwas über den Verlauf des Kalten Krieges kennen, das im Verborgenen ablief, unbemerkt von der normalen Bevölkerung.
Was ich besonders interessant fand, war die Darstellung des Innenlebens des KGB. So findet man zu Beginn einige Passagen, in denen es um die Rekrutierungspraxis und die Arten der Spionage im Ausland geht. So gibt es z.B. legale und „illegale“ Spione: „Die ersten arbeiteten unter offizieller Tarnung als Angehörige des sowjetischen diplomatischen oder konsularischen Personals (…) im Gegensatz dazu hatte ein ‚illegaler Spion‘ (…) keinen offiziellen Status, reiste normalerweise unter falschem Namen mit falschen Papieren und fügte sich unauffällig und unsichtbar in das jeweilige Land ein“ (S. 23). Auch das Spionage-Instrument der Observation wird am Beispiel von Gordijewski sehr anschaulich und nachvollziehbar deutlich.
Den roten Faden des Werks bildet die Biographie Gordijewskis. Wir verfolgen als Leser:in mit, wie er vom KGB rekrutiert wird, und erfahren, dass es sein Ziel ist, ins Ausland zu gelangen. 1965 gelangte er dann z.B. nach Dänemark, wo er als Konsularbeamter arbeitete. Es wird gut deutlich, dass Oleg die Freiheit in Dänemark genießt und es allmählich zu einer Entfremdung von der Sowjetunion kommt. Insbesondere die Geschehnisse um den Prager Frühling 1968 ließen ihn an seiner Heimat zweifeln und führten letztlich zu einem Bruch mit dem kommunistischen System. Er entschließt sich zu einem nach seinem Empfinden gerechten Verrat, es kommt zur Anwerbung durch den MI6 und Gordijewski entschließt sich, zwei geheime Leben parallel zu führen. 1982 wird er dann als KGB-Mann in London eingesetzt. Und im Verlauf des Buchs wird klar, welche Leistungen Oleg vollbracht hat. Er sammelte wichtige Informationen, die er dem Westen zukommen ließ. Damit konnte er teilweise krisenhafte Konfrontationen zwischen den Großmächten verhindern (vgl. dazu das Projekt ABLE ARCHER, S. 247 ff.).
Der Erzählstil war nach meinem Empfinden überwiegend sachlich und gerade zu Beginn nicht sehr packend. Die Informationsdichte war stellenweise immens. Ich musste mich stellenweise ganz schön durch den Text „durchackern“, wenn ich jeden Fakt gedanklich aufnehmen wollte. Macintrye ist ein unglaublich detailversessener Autor. Das ist fordernd. Darauf sollte man sich im Vorfeld einstellen. Gleichzeitig beweist es die unglaublich exakte Recherche des Autors. Erst gegen Ende des Buchs, als es um die drohende Enttarnung Gordijewskis geht und er vom MI6 aus Moskau gerettet werden muss, wird es mitreißend und spannend. Bei der Schilderung dieser Momente wird die Anspannung gut spürbar, die Oleg durchlebt haben muss. Er muss in einer großen Notsituation gewesen sein, wenn er sogar seine Frau und die beiden Töchter in Russland zurückließ.
Was ich auch gelungen finde: Der Autor widmet sich beiläufig der Frage, warum jemand überhaupt spioniert und die eigene Sicherheit aufs Spiel setzt. Was für ein Typ Mensch muss man sein, um ein solches Risiko einzugehen? Wie ist man gestrickt, wenn man ein Doppelleben führt und sogar seiner Ehefrau nicht verrät, dass man ein Spion ist? Am Beispiel von Gordijewski kommt die Mentalität eines Agenten gut zum Ausdruck, wie ich finde. Oleg begibt sich immer wieder in Gefahr, riskiert sein Leben, bleibt trotz aller Observation und Bedrohung nervenstark. Sein Agieren ist oft heikel. Dennoch fiel es mir schwer, mich in ein solches Leben hineinzudenken und es zu verstehen. Zu fremdartig ist diese Welt. Für mich bleibt es rätselhaft, wie jemand sich dazu entschließen kann, ein solches Dasein zu führen, konfrontiert mit ständigem Misstrauen und selbst unaufrichtig gegenüber anderen. Noch dazu das ständige Risiko, entdeckt zu werden, dem Gefühl der Überwachung fortlaufend ausgesetzt zu sein.
Was ebenfalls deutlich wird: Die Überwachung ist allgegenwärtig, auch innerhalb des KGB selbst. Unvorstellbar, wie das Lebensgefühl in der Sowjetunion ausgesehen haben mag. 280 Mio. Menschen innerhalb schwer bewachter Grenzen mit über 1 Mio. KGB-Offizieren und Informanten als Aufpasser (vgl. S. 125). Und hinzu kommt das Gefühl von Angst und von Paranoia, was sich vor allem an der Reaktion auf das NATO-Manöver (Codename ABLE ARCHER) von 1983 zeigt. Noch heute findet man dieses Gefühl des Misstrauens gegenüber dem Westen ja in der russischen Propaganda wieder, wenn man Reden des russischen Präsidenten hört. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Putin bedient damit heute wieder ein Gefühl, das noch aus der Zeit des Kalten Kriegs stammt und im kollektiven Gedächtnis der Russen gespeichert ist. Gleichzeitig forderte das „Muskelspiel“ der NATO die Sowjetunion auch immer wieder heraus und ängstigte sie. Wie lässt sich dieser Teufelskreis nur durchbrechen?
Ein kleiner zusätzlicher Bonus sind 48 kleinformatige schwarz-weiße Fotos aus dem Leben von Oleg Gordijewski, die an zwei Stellen im Buch gebündelt präsentiert werden. So hat man zu den Namen aus dem Buch auch die dazugehörigen Gesichter. Das fand ich sehr hilfreich. Auch das Nachwort ist gelungen. Darin wird auf die unterschiedliche Wahrnehmung von Gordijewski hingewiesen. Während er in Großbritannien große Wertschätzung erfährt und zahlreiche Ehrungen erhielt, gilt er in Russland vielen noch als Hassfigur, als ein Verräter aus den eigenen Reihen. Sein Leben muss bis heute ständig geschützt werden, weil ein Anschlag auf sein Leben nicht ausgeschlossen ist. Ich gebe diesem Buch 4 Sterne. Warum nicht 5 Sterne? Weil es mir zu Beginn dann doch stellenweise zu kompakt und dicht geschrieben war. Die Lektüre war dann manchmal mehr „Arbeit“ als Vergnügen.











