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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Tobias Kallfell:

"Dunkelheit, mein Freund"

Nicht ein Wort zu viel von Andreas Winkelmann

Ein Mann, an einen Stuhl gefesselt und wehrlos. Wer ist er? Was hat man mit ihm vor? Wer steckt dahinter?

Ein Einsatzteam, bei dem ein Zugriff schiefläuft, eine Geisel kommt ums Leben. Welche Folgen wird das für das Team und den Verantwortlichen haben?

Dies sind die einleitenden Fragen, die man sich stellt, wenn man das Buch „Nicht ein Wort zu viel“ von Andreas Winkelmann in die Hand nimmt.

Das Ausgangsszenario ist gut gewählt, die Schreibweise packend. Und auch das Setting fand ich stimmig: Die Verbrechen sind in der Buchblogger-Szene angesiedelt. Dem Betrieb rund ums Buch wird schön der Spiegel vorgehalten.

Die einzelnen Spannungsbögen werden immer wieder gut unterbrochen, so dass das Interesse der Leser:innen nicht abflacht. Zumindest zu Beginn.

Die Charaktere sind passend gewählt: Die schüchterne, introvertierte Buchhändlerin, der eitle und selbstverliebte Autor und der erfolgsneidische Buchblogger. Ergänzt wird dieses Ensemble um einen Ermittler mit Ecken und Kanten: Jaro ist aufbrausend, emotional und hat Fehler.

Gespräche des Ermittlers Jaro mit einer Psychologin ergänzen die Handlung um eine psychologische Komponente, die mir ebenfalls zugesagt hat. Ein Grauton der Figur ist erkennbar: Hat er beim Zugriff eigenmächtig Selbstjustiz angewendet? Ist Jaro vertrauenswürdig?

Meine Kritikpunkte: Der Einstieg ins Buch ist gelungen, der Plot zeichnet sich durch einige kreative Ideen aus, die ich oben benannt habe. Doch die Spannungskurve ebbt ab, als die Ermittlungsarbeit beginnt. Ab diesem Zeitpunkt ist ein Rückfall in altbekannte Muster erkennbar. Jaro verliert seine Ecken und Kanten.

Fazit: Der neue Thriller von Andreas Winkelmann hat Höhen und Tiefen. Der Beginn ist fesselnd, es blitzen gute Ideen auf. Leider verliert das Buch aber mit zunehmendem Handlungsverlauf an Reiz. Ich möchte als Leser in einen Zustand innerer Anspannung versetzt werden, wenn ich einen Thriller lese. Ich möchte Stress, innere Unruhe und Druck spüren. Ich möchte das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollen. Dieses Gefühl blieb leider über weite Strecken aus. Von mir gibt es drei Sterne!

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Erstlesebuch mit Verbesserungspotential

Idefix und die Unbeugsamen - Der Wecker von Lutetia von Albert Uderzo; René Goscinny

Mit „Idefix und die Unbeugsamen“ hat der Egmont Bäng Verlag ein Erstlesebuch zur aktuellen TV-Serie herausgebracht. Es trägt den Titel „Der Wecker von Lutetia“. Meiner Tochter hat die Lektüre mit Ausnahme des ersten Kapitels Spaß gemacht, sie hat das Buch mit Interesse gelesen, obwohl uns die Serie im Vorfeld unbekannt war.

Aus Elternsicht habe ich aber dennoch einiges an dem Buch zu bemängeln.

Der Einstieg ins Buch konnte mich nicht überzeugen. Bei den Steckbriefen fehlt eine zentrale Figur: Sinfonix. Auch dauert es zu lange, bis man in die Geschichte hineinfindet. Die Textgestaltung im ersten Kapitel ist sprunghaft. Es macht den Eindruck, als gebe es gleich mehrere Einleitungen. Auch doppelt sich die Einführung der Figuren teilweise mit den Steckbriefen. Im ersten Kapitel fehlt ein klarer Aufbau, ein klarer roter Faden. Das gestaltet den Einstieg ins Buch unnötig demotivierend. Das ist auch deshalb besonders tragisch, weil die nachfolgenden Kapitel deutlich besser sind.

Der Wortschatz ist vom Schwierigkeitsgrad in Ordnung. Die wenigen komplizierten Wörter kann man als nützliche Möglichkeit zur Erweiterung der Lexik ansehen. Was allerdings weniger überzeugt hat: Die Länge und der Komplexitätsgrad der Satzkonstruktionen. Diese sind für Erstleser in Klasse 1 und 2 in meinen Augen herausfordernd. Und auch sind einige Kapitel nach meinem Dafürhalten etwas zu lang geraten. Und noch etwas: Die Text-Bild-Verzahnung überzeugt mich nicht. Auch fand ich die Anzahl, die Auswahl und die Farbgebung der Screenshots verbesserungswürdig

Fazit: Dieses Buch ist für fortgeschrittene oder gut geübte Erstleser geeignet. Am ehesten wird es Lernenden in Klasse 2 entgegenkommen. Ich empfehle den Eltern aber, vorab einen Blick ins Buch zu werfen. Auch wenn die Lektüre meiner Tochter (ab Kapitel 2) Spaß gemacht hat, habe ich aus meiner Sicht einiges zu bemängeln, v.a. was die Komplexität der Satzkonstruktionen, den Einstieg ins Buch und die Gestaltung der Screenshots betrifft. Auch hätte ich mir noch nachbereitende Übungen zur Lesekompetenz gewünscht. Deshalb gebe ich nur gut gemeinte 3 Sterne!

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Trivial, banal, öde

Die Tage in der Buchhandlung Morisaki - Roman (Bücherliebe in Tokio 1) von Satoshi Yagisawa

Vom Freund verlassen und den Job gekündigt, kommt die junge Protagonistin Takako bei ihrem Onkel in Tokios Buchhandlungsviertel Jinbocho unter. Er betreibt dort ein kleines Antiquariat, das keinen besonders einträglichen Eindruck hinterlässt, und hat eine direkte, zupackende, auffordernde Art an sich.

Und mit der Zeit hilft er ihr, aus ihrer Krise herauszufinden und wieder unter Menschen zu gehen. Takako entdeckt ihre Liebe zu Büchern, zu Antiquariaten und zu Buchhandlungen. Darum geht es in dem schmalen Büchlein „Die Tage in der Buchhandlung Morisaki“ von Satoshi Yagisawa (zumindest teilweise), übersetzt aus dem Japanischen von Ute Enders.

Was den Roman maßgeblich auszeichnet, ist die Schilderung der liebevollen Beziehung des Onkels zu seiner Nichte. Takako wird von ihm aufgebaut, er gibt ihr neuen Lebensmut und zieht sie aus ihrem „Loch“ wieder heraus. Es gelingt ihr, mit ihren Gefühlen besser umzugehen und die traurige Phase hinter sich zu lassen. Das ist durchaus eine erbauliche Botschaft, die hier vermittelt wird. Ansonsten hat das Buch auf mich keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, es kommt unspektakulär daher und lässt sich als knapp durchschnittlich bewerten. Der Schreibstil ist recht trocken und nüchtern, nicht sehr gefühlvoll. Wohl auch aus diesem Grund habe ich den Roman recht unbeteiligt gelesen. Die Handlung wird unaufgeregt erzählt. Es werden viele uninteressante Alltagsbanalitäten ausgebreitet. Und noch ein Manko: Die Figuren haben mich nicht berührt, mir waren sie viel zu hölzern. Es fehlen clevere Ideen, es gibt nichts, das mitreißt. Die Gesprächsinhalte der Charaktere könnten langweiliger nicht sein. Und die spätere Fokussierung auf die Tante fand ich unglücklich. Damit hat die sowieso schon öde Handlung noch mehr an Reiz verloren. Schade!

Fazit: Ein enttäuschendes Buch. Für mich wurde viel zu wenig deutlich, was Bücher zu geben in der Lage sind, was Liebe zu Büchern bewirken kann, was lesen an positiven Energien freisetzen kann. Für mich hätte die Erzählweise pathetischer sein können. Was ist denn das Faszinierende an Büchern, an Antiquariaten, am Lesen? Hier bleibt das Buch zu sehr unter seinen Möglichkeiten. Hinzu kommen fade Protagonisten, eine uninspirierte Erzählweise und reizlose Gesprächsinhalte. Am besten ist dieses Buch vermutlich für solche Leser:innen geeignet, die auf der Suche nach einer Einschlafhilfe sind. Ich gebe viel zu nette 3 Sterne, weil die Grundidee des Buchs sicherlich Beachtung verdient.

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Das Auf und Ab einer Freundschaft

Morgen, morgen und wieder morgen von Gabrielle Zevin

Eines gleich vorweg: Die Stärke des Romans „Morgen, morgen und wieder morgen“ von Gabrielle Zevin ist die Gestaltung der Beziehung zwischen Sam und Sadie, den beiden Hauptprotagonisten. Das stetige Auf und Ab in der Freundschaft und in ihrem professionellen Arbeitsverhältnis ist das, was die Handlung im Wesentlichen trägt und ausmacht.

Schon auf den ersten 100 Seiten werden beide Figuren geschickt und mit ausreichend Tiefe eingeführt. Und im weiteren Handlungsverlauf wird aus der zunächst einträchtigen Zusammenarbeit der beiden eine Kooperation mit Konkurrenzdenken, Rivalitäten, Krisen und Meinungsverschiedenheiten. Erfolg und Misserfolg liegen dicht beieinander. Man merkt dem Buch aber auch den drehbuchartigen Charakter an, so etwas sollte man mögen.

Zu Beginn wird vor allem die Lebenssituation von Sadie in den Blick genommen, die ein Studium als Computerspieledesignerin aufgenommen hat und sich in dieser Männerdomäne behaupten muss. Auch geht sie eine eigenartige Beziehung mit ihrem Dozenten ein, dem sie sich völlig unterordnet. Er ist es allerdings auch, der ihr kreatives Talent als Spieleentwicklerin erkennt.

In unerwarteten und plötzlichen Rückblicken wird immer auch einmal wieder ein Blick in die Kindheit von Sam und Sadie geworfen. Hierbei kommt auch gut zum Ausdruck, dass Sam mit einem schweren Schicksalsschlag und mit schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu kämpfen hatte (und immer noch hat). Doch Sadie stand als Freundin stets an seiner Seite. Bis es eines Tages zu einem Streit zwischen beiden kommt.

Später entwickeln Sam und Sadie ihr erstes eigenes Computerspiel. Man erhält einen interessanten, aber auch recht oberflächlichen Einblick in den Spielentwicklungsprozess (ich hätte mir tatsächlich noch viel mehr technische Details bei der Darstellung gewünscht). Und was ebenfalls deutlich wird: Sam und Sadie haben jeweils unterschiedliche Stärken. Sadie ist das Ausnahmetalent, sie übertrifft Sam mit ihren Fähigkeiten. Dafür hat Sam wieder andere Qualitäten. Er repräsentiert die Spiele nach außen und kann öffentlichkeitswirksam auftreten. Kurzum: Beide sind ein gutes Team, sie ergänzen sich gegenseitig. Bei der Vermarktung von Spielen bleibt Sadie aber lieber im Hintergrund. Und was Sadie noch sehr stark von Sam unterscheidet: Persönliche Freiheit ist ihr sehr wichtig. Sam hingegen ist eher ein Opportunist.

Das Buch hat aber auch ein großes Manko: Die Autorin tendiert dazu, vom Haupthandlungsstrang immer einmal wieder abzuweichen und Nebenschauplätze recht ausschweifend zu erzählen. Nicht alle Nebenschauplätze bereichern die Handlung. Passagenweise ist der Erzählstil recht sprunghaft. Zeitweise gerät die Beziehung zwischen Sam und Sadie dadurch zu sehr aus dem Blick. Auch sind die anderen Beziehungsverhältnisse im Roman längst nicht so gut ausgestaltet worden wie das zwischen Sam und Sadie. Und noch etwas: Sam ist in meinen Augen der deutlich interessantere Charakter. Mit ihm fiebert man mit. Man hofft als Leser, dass er seine persönlichen Krisen, die aus seinen gesundheitlichen Einschränkungen resultieren, überstehen wird.

Weitere Kritikpunkte: Die Gefühlsebene kommt mir an einigen Stellen im Roman deutlich zu wenig zum Ausdruck. Das betrifft in meinen Augen vor allem das letzte Drittel des Buchs. Hier kommt es zu einer unerwarteten Wendung, die die Handlung in eine andere Richtung treibt. Doch die emotionale Wucht blieb aus. Viel zu schnell kehrt wieder Normalität ein.

Und noch eine Empfehlung an die Marketing-Abteilung des Eichborn-Verlags: Übertreibt nicht so mit Superlativen. Nach „Liebewesen“ und „Babel“ fällt schon wieder auf, wie aggressiv positiv das Werk beworben wird. Sowas schürt unnötig hohe Erwartungshaltungen. Auch verliert man als Verlag mit der Zeit an Glaubwürdigkeit, wenn jedes Werk so gehyped wird. Der Roman ist sicher in Ordnung und er hat auch lobenswerte Aspekte (Sam und Sadies Beziehungsverhältnis), aber mehr auch nicht.

Fazit: Der Roman besticht durch eine wendungsreiche Freundschaftsgeschichte. Sam und Sadie sind ein interessantes Gespann, das sich gut ergänzt. Die Charakterzeichnung der beiden ist gelungen, mit Sam leidet man mit. Allerdings weist das Buch in meinen Augen auch Schwächen auf: Mir sagte der drehbuchartige Charakter nicht so zu. Die Beziehungsverhältnisse zwischen den anderen Figuren sind längst nicht so gut ausgearbeitet wie die zwischen Sam und Sadie. Was die Handlung betrifft, gibt es viele unnötige Abschweifungen. Rückblicke werden sehr abrupt und nicht immer geschickt platziert eingeschoben. Nicht zuletzt kommt die Gefühlsebene oft viel zu kurz. Man sollte sich als Leser:in nicht zu sehr von dem aggressiven Marketing blenden lassen. Von mir gibt es 3 Sterne!

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"Du bist ein Hai"

Die Verborgenen von Linus Geschke

Wer gut durchkonstruierte Thriller mit geschickt arrangierten Perspektivwechseln mag und auch einmal eine andere Perspektive als die eines klassischen Ermittlerteams einnehmen will, der ist bei dem Thriller „Die Verborgenen“ von Linus Geschke genau richtig. Schon der Einstieg in den Thriller ist in meinen Augen sehr gelungen, weil er irritiert.

Selten liest man eine „Du-Perspektive“. Und ich habe mich anfangs als Leser dagegen gewehrt, die von außen aufgestülpte Perspektive zu übernehmen. Man bekommt eine fremde Perspektive förmlich aufgedrängt. Ein schöner Effekt (und ist mir in dieser Form noch nicht begegnet bisher)! Bei mir hat das sofort Neugier und Interesse geweckt.

Im Anschluss folgen die Ich-Perspektiven von Sven und Franziska Hoffmann. Und schnell wird klar, dass sich Sven fremdbestimmt und unglücklich fühlt. Seine Frau nennt er abschätzig „Familien-Managerin“. Er versinkt in Selbstzweifeln und stellt sein eigenes Lebensglück in Frage. Und auch Franziska spürt die Entfremdung von ihrem Mann. Routinen sind in die Ehe eingekehrt. Kurzum: Die Ehe befindet sich in einem kritischen Zustand. Das kommt gut zum Ausdruck.

Der Schreibstil ist eingängig und der Autor versteht es sehr gut, Spannung sowie Abwechslung zu erzeugen und auch überraschende, unvorhersehbare Wendungen einzubauen. Und ich war froh, dass die Handlung nicht zu sehr ins Übersinnliche abdriftete (auch wenn Franziska anfangs recht esoterisch auf mich wirkte). Und auch eine unheimliche Atmosphäre entsteht. In das Haus der Hoffmanns dringt ein sog. „Phrogger“ ein, der in die intimsten Winkel eindringt und die Privatsphäre der Bewohner verletzt. Ein weiteres Element, das die Spannung steigert: Der Job von Sven. Er ist Journalist und berichtet über den Fall eines vermissten Mädchens. Das verleiht der Handlung noch einmal zusätzliche „Triebkraft“. Prima! Ebenfalls gelungen: Die eingestreuten Hinweise darauf, dass jede Figur mehr weiß, als sie sagt. Alle Beteiligten haben ihre persönlichen Geheimnisse, die man als Leser:in Schritt für Schritt aufdeckt. Heimlichkeiten und Lügen spielen eine große Rolle. Und mit der Zeit wird das gegenseitige Misstrauen der einzelnen Familienmitglieder größer und größer (auch befördert durch die Aktionen des Phroggers). Das ist toll arrangiert!

Die Stärke des Autors ist es, Thriller sehr gut durchzukonstruieren. Die Wechsel der Perspektiven sind geschickt platziert. Und Linus Geschke hat viele kreative Ideen (auch was die Wendungen und die psychologische Seite der Figuren angeht), das spürt man. Und das gefällt mir! Meine Erwartungen wurden an vielen Stellen wunderbar durchbrochen. Und das macht einen sehr guten Thriller aus! Das wirklich einzige, was man evtl. noch bemängeln könnte, ist der Umstand, dass die Charakterzüge der Figuren stets auf dem „Silbertablett“ präsentiert werden (teils sehr kompakt), also sehr direkt und explizit. Das Wesen der Protagonisten ergibt sich weniger aus ihren Handlungen und Worten, es wird also nicht subtil vermittelt. Mich stört das aber nicht, weil Geschke dafür andere Qualitäten an den Tag legt.

Fazit: Mit Linus Geschke als Autor bin ich erstmals durch „Das Loft“ in Berührung gekommen; ein Thriller, der mir sehr gut gefallen hat (vgl. eine frühere Rezension). Auf mich macht es den Eindruck, als ob der Autor ein Garant für gut konstruierte, wendungsreiche Thriller mit geschickt platzierten Wechseln von Perspektiven ist. Das Buch ist v.a. für solche Leser:innen geeignet, die es unblutig und psychologisch mögen. Die Spannung entsteht vor allem dadurch, dass die Figuren eine verborgene Seite aufweisen, die nach und nach ans Tageslicht kommt. Und durch die Heimlichkeiten und Lügen entsteht Misstrauen. Ich finde den Thriller sehr gut, aber nicht herausragend. Das Spannungsniveau könnte noch ein wenig stärker ausgeprägt sein. 4 Sterne von mir!

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Übertriebener Hype

Babel von R. F. Kuang

Selten habe ich ein Buch gelesen, das mit so vielen Vorschusslorbeeren bedacht wurde. Da heißt es auf dem Klappentext „Ein brillantes, messerscharfes Buch“ oder „ein mitreißender Roman […] etwas wahrhaft Magisches“. Es wird betont, dass es sich um einen weltweiten Bestseller handelt und natürlich darf Denis Scheck nicht fehlen, der meint, dass Babel „das Aufregendste im Fantasygenre seit Harry Potter“ sei.

Das schraubt die Erwartungshaltung natürlich ganz schön in die Höhe. Zentrale Frage dieser Rezension: Ist das Buch wirklich so grandios?

Die große Stärke des Buchs ist mit Sicherheit das erdachte Magiesystem des sog. Silberwerkens, in das Kenntnisse aus Sprachwissenschaft und Translationswissenschaft einfließen. Ich empfand die Idee durchdacht, kreativ und ausgefeilt. Überhaupt werden einige interessante Reflexionen über Sprache, über Etymologie und über das Übersetzen in die Handlung eingebunden. Die Passagen, in denen das System erläutert wird, fand ich faszinierend. Und mit Sicherheit übt das Buch v.a. auf solche Leser:innen einen Reiz aus, die sich für Sprache interessieren (dazu zähle ich mich auch). Und was zu Beginn ebenfalls recht klug arrangiert ist: Der Verstehensprozess der Leser:innen nimmt mit dem Lernprozess von Robin zu.

Doch so interessant und kreativ die Idee des Silberwerkens auch ist, ich bin während der Lektüre das Gefühl nicht losgeworden, dass viel Potential ungenutzt blieb. Das liegt daran, dass das Fantasy-Element insgesamt nur äußerst dezent durchscheint, ja sogar kaum vorhanden ist. Das unterscheidet dieses Buch z.B. ganz klar von Harry Potter und macht es zu einem recht eigentümlichen Fantasy-Epos (und deswegen bin ich auch unsicher, ob sich die Marketing-Abteilung des Verlags selbst einen Gefallen tut, wenn „Babel“ durch die Aussage von Scheck mit dem Buch von Rowling in Verbindung gebracht wird). Und auch ein weiteres Thema, das im Roman angesprochen wird, hätte nach meinem Gefühl mehr Raum einnehmen können: Der Opiumhandel zwischen China und Großbritannien. Leider wurde dieses geschichtliche Kapitel nur ganz kurz angerissen.

Insgesamt hat der Roman von Kuang in meinen Augen auch zahlreiche erzählerische Schwächen und auch ein stark schwankendes Spannungsniveau. Die Spannungskurve mäandert durch die gesamte Handlung hinweg, so dass es immer wieder Passagen gibt, die sich nur zäh lesen. Allerdings gibt es auch gleichzeitig immer wieder Stellen, die man sehr gebannt liest. Für mich ergibt sich dadurch ein sehr uneinheitliches Bild. Und ich mag eher Bücher, in denen ich die ganze Zeit gefesselt werde. Auch der Start ins Buch verläuft eher schleppend. Man braucht schon etwas Geduld, bevor die Handlung ihren Reiz entfaltet. Kurzum: Ein paar spannungserregende Momente und Impulse mehr hätten dem Inhalt gut getan.

Hinzu kommen Schwächen bei der Figurenzeichnung und der Gestaltung der Beziehungsverhältnisse zwischen den Figuren. Vor allem die Randfiguren bleiben äußerst blass. Keine Figur entfaltet so richtig „Zugkraft“, nicht einmal die Hauptfigur selbst (kein Vergleich zu Kvothe aus „Der Name des Windes“). Und an einigen Stellen erhalten einzelne Figuren eigene Kapitel, um ihnen mehr Tiefe zu verleihen. Das fand ich recht unglücklich, v.a. wenn die Handlungsweise einer Figur erst im Nachgang plausibel gemacht wird.

Nicht zuletzt hat mich noch gestört, dass einige Dinge im Roman aus dramaturgischen Gründen recht unrealistisch konstruiert worden sind. Hierzu zähle ich besonders auch den Schluss, der mich doch enttäuscht hat. Normalerweise stellt das Finale das Highlight eines Buchs dar. Es wird dann oft so packend, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Handlungsfäden laufen zusammen etc. Das alles fehlte mir bei „Babel“.

Fazit: Nach meiner bescheidenen Meinung kann ich den Hype um dieses Buch nicht nachvollziehen. Das einzige, was absolut Lob und Anerkennung verdient, ist das erdachte Magiesystem und der kreative Einbezug von Sprachreflexionen. Ansonsten weist das Buch aber auch zahlreiche Schwächen auf. Für mich ist das Buch eher durchschnittlich. Ich gebe 3 Sterne.

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Tolles Erstlesebuch für Kinder ab Klasse 2

Der Wunschling – Wünsche schmecken nach Brausepulver von Annette Brahms

Die Idee von Wesen, die Wünsche erfüllen können, findet man häufiger in Büchern. Das Motiv des Wünscheerfüllens ist auch auch aus Märchen bekannt. Lohnt sich da noch die Lektüre von „Der Wunschling“ von Annette Brahms, schön und passend illustriert von Heidi Förster? In meinen Augen, ja! Denn die magische Kreatur des Wunschlings ist interessant gestaltet worden.

Sie ist freundlich und lustig, aber auch direkt und kann auch einmal frech werden. Kurzum: Der Wunschling hat auf alle Fälle Potential, die kindliche Fantasie anzuregen.

Was uns auch gut gefallen hat: Das Erstlesebuch weist eine interessante Geschichte auf, die zum Weiterlesen motiviert. Sie weckt die kindliche Neugier. Es ist einmal nicht die 1000. Detektiv- oder Pferde- oder Baumhausgeschichte, wie man sie sonst auch auf dem Markt findet. Und die Reihe wird sogar noch fortgesetzt. Das ist großartig! Das hebt dieses Buch schon einmal von vielen anderen Erstlesebüchern ab, die mir bisher untergekommen sind.

Und der Wunschling wurde als magisches Wesen so konzipiert, dass er ein eigentümliches Wesen mit vielen Eigenheiten ist. Es ist also keine einfache Kopie eines Dschinns, eines Rumpelstilzchens oder eines Einschweins etc. Zumindest war das mein Eindruck. So ist z.B. interessant, dass Wunschlinge die Wünsche riechen können und sie Wünsche als eine Art „Nahrung“ benötigen. Besonders seltene Wünsche sind besonders anziehend für Wunschlinge. Ebenfalls lobenswert: Das Buch bietet jede Menge kindgerechten Humor, und zwar dadurch, dass dem Wunschling bei der Wunscherfüllung Missgeschicke passieren. Das ist prima!

Als Gesprächsanlass bietet es sich an, über eigene Wünsche und die Erfüllung von Wünschen zu sprechen. Auch bietet das Buch einige andere Ansatzpunkte, um sich auszutauschen (z.B. über das Verhalten des Angebers Amo, über die traurige, große Schwester etc.). Auch daran merkt man, dass das Buch einfach durchdacht gestaltet worden ist. Das zeigt sich auch an den vier nachbereitenden Leserätseln im Anschluss an die Lektüre. So gibt es eine Übung auf Satzebene, bei der Sätze vervollständigt werden müssen (prima!), es gibt eine freie Aufgabe, bei der sich die Kinder noch einmal kreativ mit dem Gelesenen auseinandersetzen können, es gibt ein Gitterrätsel (Wortebene), bei der Wörter gesucht werden müssen, die auch zum Inhalt der Geschichte passen. Und es gibt eine Übung mit Ja-/Nein-Aufgaben (Textebene), die mir sehr gut gefallen hat. Vergleicht man diese Übungen mit der Konkurrenzreihe „Leserabe“ aus dem Ravensburger-Verlag, so schneidet das Buch aus dem Fischer Sauerländer Verlag in meinen Augen klar besser ab.

Eine klitzekleine Randbemerkung erlaube ich mir aber doch: Ist die Vokaldehnung wirklich nötig (z.B. höööre oder versteeehe, S. 17)? Kann man die Betonung der Wörter nicht den Vorlesenden selbst überlassen? Muss man sie vorgeben? Auch ist der Nachahmungseffekt bei Erstlernern in meinen Augen nicht zu unterschätzen. Wenn sie sich angewöhnen, Wörter auf diese Weise zu dehnen, so ist die Deutschlehrkraft schnell verzweifelt. Denn streng genommen ist diese Schreibweise nicht korrekt.

Fazit: Ein Erstlesebuch mit einer tollen Geschichte. Es ist vom Schwierigkeitsgrad und vom Schriftbild am besten für Kinder ab Klasse 2 geeignet. Hier stimmt einfach alles. Das magische Wesen ist kreativ gestaltet worden, die Geschichte bietet humorvolle Passagen. Man kann sich auch an der einen oder anderen Stelle über den Inhalt austauschen, dafür gibt es genügend Ansatzpunkte. Und auch die Leserätsel im Anschluss an die Lektüre sind durchdacht und vom Niveau angemessen. Das Buch gefällt mir viel besser als Konkurrenzprodukte aus der Leserabe-Reihe auf dem Markt. 5 Sterne!

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Hugo und Emma als positive Beispiele für Selbstwirksamkeit

Emma und die Fürchterlichen Fünf von Hiltrud Baier

Eines gleich vorweg: Das Kinderbuch „Emma und die fürchterlichen Fünf“ von Hiltrud Baier hat uns als Vorleselektüre richtig gut gefallen. Meine beiden jungen Zuhörerinnen waren stets bei der Sache und neugierig darauf, zu erfahren, wie es weitergeht. Der Klappentext beschreibt den Inhalt bereits sehr treffend, so dass ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen werde.

Die Rettungsaktion der fünf Tiere erzeugt Spannung und fördert gleichzeitig auch die Empathie für (altersschwache) Tiere.

In meinen Augen hat das Buch zwei große Stärken: Es spricht die Kinder aufgrund seiner Thematik an und die Kapitel sind richtig spannend gestaltet worden. Am Ende jedes Kapitels gibt es schon richtige „Cliffhanger“, so dass man gar nicht aufhören kann zu lesen. Beim Vorlesen bekam ich oft den Satz „bitte noch ein Kapitel!“ zu hören. Es gibt immer wieder Herausforderungen, die bewältigt werden müssen, um die Tiere zu retten. Das ist toll gemacht!

Und gerne will ich auch begründen, warum die Thematik in meinen Augen einen sehr großen Reiz auf meine jungen Zuhörerinnen ausübte. Die Kinder handeln selbstwirksam und ohne Rückversicherung durch die Erwachsenenwelt. Emma und ihr Bruder Hugo überlegen sich einen Plan, ohne die Eltern einzuweihen oder um Hilfe zu bitten. Sie wirken dadurch sehr selbstständig.

Ein kritischer Leser bzw. eine kritische Leserin könnte womöglich bemängeln, dass die Kinder vor ihren Eltern Geheimnisse haben und sie nicht um Hilfe bitten. Ja, sie belügen ihre Eltern sogar, weil sie Angst davor haben, dass diese kein Verständnis für die Rettungsaktion aufbringen. Doch ist das nun problematisch? In meinen Augen nicht. Denn erst dadurch entsteht auch eine hohe Motivation, der Geschichte zu lauschen. Die Kinder agieren autark und schmieden heimlich einen Rettungsplan. Und die Spannung entsteht letztlich auch dadurch, ob die Kinder erfolgreich sein werden und ob sie das Problem allein lösen können, ohne dass die Erwachsenen etwas davon mitbekommen. Da kann sich doch wohl jedes Kind wunderbar hineinversetzen! Gerade das macht dieses Buch aus.

Fazit: Das Kinderbuch ist ein wunderbares Vorlesebuch. Es ist spannend, es fördert Empathie, und es lässt die Kinder am Beispiel von Emma, Hugo und Achmed beim Zuhören positive Selbstwirksamkeit erleben. Sie lösen ein Problem, ohne die Erwachsenen einzuweihen und um Rat zu fragen. Von uns gibt es 5 Sterne!

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Kenntnisreich, faszinierend und spannend

Der Ruf der Kraniche von Bernhard Weßling

Über viele Jahre hinweg beobachtete der Autor Bernhard Weßling, zugleich promovierter Chemiker und erfolgreicher Unternehmer, in seiner Freizeit Kraniche und stellte sich dabei immer wieder die Frage, wie die Vögel mit ihnen unbekannten Situationen umgehen und wie sie sich verhalten, wenn andere Tiere oder auch Menschen ihr Brutgeschäft oder die Nahrungsaufnahme stören.

Weßling hat sich in die Verhaltensforschung eingearbeitet und geht dabei auch der überaus interessanten Frage nach, wie Denken eigentlich funktioniert. All seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen legt er in seinem sehr lesenswerten Buch „Der Ruf der Kraniche. Expeditionen in eine geheimnisvolle Welt“ zugrunde, das seit März 2023 als Taschenbuchausgabe vorliegt. Und schon auf den ersten Seiten wird deutlich, mit welchem Respekt der Autor die Natur betrachtet. Auch merkt man dem Autor seine Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft während der Lektüre an. Seine Liebe zu den Tieren ist offenkundig. Das macht wirklich Spaß! Der Schreibstil ist sehr lebendig.

Kapitel 1 – Wie alles anfing
Weßling schildert hier auf anschauliche Art und Weise, welcher Bedrohung brütende Kranichpaare ausgesetzt sind und beschreibt seine Tätigkeit als Kranichwächter. Eine der möglichen Bedrohungen ist z.B. der Eierdiebstahl.

Kapitel 2 – Kranichwissen kompakt: die Mythen und die Fakten
Hier führt der Autor einige Fakten zur Evolutionsgeschichte der Kraniche an und erläutert auch an einigen Beispielen ihre kulturgeschichtliche Bedeutung. Ebenfalls folgen einige Bemerkungen zum Bestand der Vögel. Zudem erfährt man einige Hintergrundinformationen zu den Tieren (Nahrung, Größe, Gewicht, Konflikte mit der Landwirtschaft, Ernährung, Flugleistung, Lebenserwartung). Nicht zuletzt wird auf bestehende Forschungslücken hingewiesen. In diesem Zusammenhang merkt Weßling an, dass es kaum Arbeiten zum Verhalten der Vögel gibt.

Kapitel 3 – Problemlösungen, Ballett-Balz und Fuchsalarm: Wie kommunizieren Kraniche miteinander?
Anhand eines beobachteten Kranichpaares verdeutlicht der Autor, dass er bei den Vögeln Intelligenz und Erfindungsgabe festgestellt hat. Er erkennt darin eine Anpassungsleistung. Am Beispiel der Balz beschreibt Weßling, dass die Tiere sich nicht einer Norm entsprechend verhalten. Stattdessen sei festzustellen, dass jeder Tanz für sich genommen einzigartig ist. Es fällt auf, dass der Autor bei seinen Beschreibungen sehr detailliert vorgeht. Eine weitere interessante Frage, der sich Weßling widmet: Können sich Kraniche verständigen? Hier verweist er auf das Phänomen des gleichzeitigen Abflugs und äußert einige spannende Vermutungen, was Kommunikationsstechniken angeht. So seien auch der Prozess der Entscheidungsfindung und Abwägungsprozesse beobachtbar, z.B. wenn es darum geht, ein Revier auszuwählen. Vor allem die Körpersprache diene als Mittel zur Verständigung, so der Autor. Haben die Tiere etwa Kriterien, nach denen sie die Güte eines Reviers beurteilen? Weßling meint, ja.
Kapitel 4 – Ankunft im Brook nach Rückflug aus dem Winterquartier: Allein oder in Gruppen?
Den Autor bewegen aufgrund einer überraschenden Beobachtung (ein großer Kranichtrupp flog einen Umweg, ein einziges Paar lässt sich aus der weiterfliegenden Gruppe in sein Revier fallen) folgende Fragen: Kommunizieren die Kraniche ihre Reiseabsichten? Und wenn ja, wie? Warum nehmen nicht alle Vögel die Hauptzugroute? Welche Planungs-, Navigations- und Kommunikationsleistungen stecken hinter dem beobachtbaren Verhalten? Auch meint der Autor, Emotionen bei den Vögeln entdeckt zu haben, so z.B. Freude über die Rückkehr.

Kapitel 5 – Brutsaison: eine tragische Liebesgeschichte
Auch hier beschreibt der Autor eine beobachtete Emotion: Trauer. Dies verdeutlicht er am Beispiel eines Kranichpaares, bei dem ein Partner verschwunden ist, möglicherweise gewildert. Er beschreibt, wie der verbliebene Partner mit wehleidigen Klagerufen Kreisflüge unternommen habe, um nach dem Gefährten Ausschau zu halten. Weßling schreibt den Vögeln Gefühle zu und weist selbst daraufhin, dass seine Einschätzung womöglich als unwissenschaftlich ausgelegt werden kann. Er ist sich darüber bewusst, dass es sich lediglich um Interpretationen handelt. Die Leser:innen müssen für sich selbst entscheiden, ob sie dem Autor bei seiner Argumentationslinie folgen oder nicht. Überzeugend ist seine Interpretation in meinen Augen auf jeden Fall.

Kapitel 6 – Kampfläufer, Seeadler und andere Brookbesucher: Was Kranichbewacher so alles erleben können
Weßling beschreibt in diesem Kapitel seine Tätigkeit als Kranichschützer im Brook und schildert, mit welchen Herausforderungen er sich dabei auseinanderzusetzen hatte, aber auch, welche außergewöhnlichen Naturbeobachtungen dabei möglich sind.

Kapitel 7 – In der Schule des Lebens
Selbstkritisch hält der Autor zu Beginn dieses Kapitels fest, dass seine Forschungen als "unwissenschaftlich" und seine Beobachtungen als "anekdotisch" abqualifiziert werden könnten. Das wissenschaftliche Prinzip der Wiederholbarkeit sei nicht gewährleistet. Er plädiert aber dafür, die Tiere bei entsprechenden Forschungen in freier Wildbahn zu beobachten, um den Beobachtereffekt durch den Menschen auszuschließen. Unter kontrollierten Bedingungen im Labor seien nur Verhaltensweisen beobachtbar, die in freier Natur nicht vorkommen. Und von dem beobachtbaren Verhalten ließen sich durchaus Hypothesen ableiten. So beschreibt Weßling, dass Kraniche ihre Umgebung sehr aufmerksam beobachten. Auch meint er, bei ihnen ein Zeitgefühl erkannt zu haben. Am Beispiel des Fliegenlernens verdeutlicht der Autor das Prinzip der Imitation. Während der Lektüre habe ich mir die Frage gestellt, ob nicht auch Videoaufnahmen dabei helfen könnten, eine größere Objektivität des beobachtbaren Verhaltens zu erzielen. Wenn eine Situation von verschiedenen Forschern ähnlich interpretiert würde, dann hätten die Ergebnisse womöglich eine noch größere Aussagekraft.

Kapitel 8 – Der Sprache der Kraniche auf der Spur: Sie rufen und erzählen so von ihrem Leben
Weßling äußert den Wunsch, die verschiedenen Kraniche individuell erkennen und wiedererkennen zu können. Und ihn packt die geniale Idee, Kraniche anhand von Aufnahmen ihrer Rufe individuell zu identifizieren. Mit Hilfe eines leistungsfähigen Richtmikrofons und einem digitalen Aufnahmegerät startet er die ersten Aufnahmeversuche. Und über einen Zeitraum von mehreren Wochen entstehen zahlreiche Aufnahmen. Und Weßling hält fest, dass die Vögel nicht nur über ihre Körpersprache, sondern auch vokal miteinander kommunizieren. Der Autor entdeckt eine Art „Abflugs-Abstimmungs-Laut“ sowie „gurrende“ und „kullernde“ Kontaktlaute. Er entwickelt ein eigenes Forschungsdesign, bei dem er auch die Rufe mit Programmen näher analysiert. So möchte er individuellen Unterschieden auf die Spur kommen. Und tatsächlich entdeckt der Autor einen akustischen Fingerabdruck, der für einzelne Individuen und Paare charakteristisch ist. Er arbeitet heraus, dass es bei der Revierbesetzung und -auswahl sowie bei der Revier- und Partnertreue viel komplizierter und dynamischer zugeht, als zunächst in der Forschung angenommen. Weßling betritt mit diesem Forschungsdesign neue Pfade in der Wissenschaft. Mit seiner Forschung zeigte er, dass es möglich ist, die Geschichte einer Kranichpopulation in einem gewissen Gebiet über mehrere Jahre hinweg zu dokumentieren und individuelle Biographien einiger Paare festzuhalten, ohne dass die Kraniche beringt werden müssen (also „störungsfrei“). Faszinierend! Und noch dazu auch genial! Spannend zu lesen, wie eine Idee immer mehr Konturen annimmt und den Weg für etwas Neues bereitet.

Kapitel 9 – Aufbruch in die weite Welt: Asiatische und amerikanische Kranicharten rufen mich
Hier wird die in den USA entstandene Organisation „International Crane Foundation“ (ICF) und deren Initiativen zum Schutz der Kraniche vorgestellt. Der Autor beschreibt, wie er auch von anderen Kranicharten Aufnahmen der Rufe anfertigt. Der Schreikranich rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit, eine sehr bedrohte Art. Weßling wird mit seiner Methode Teil eines größeren Projekts zur Rettung der Schreikraniche. Dabei werden auch die Unterschiede dieser Art zu den grauen Kranichen erläutert.

Kapitel 10 – Forschungs-Abenteuer: Mandschurenkraniche belauschen bei minus 25 Grad und bewacht von Grenzsoldaten
Weßling nimmt auch Rufe von japanischen Mandschurenkranichen auf. Er hat seine Methode dabei modifiziert und spielt den Kranichen per Megaphon aufgenommene Rufe vor, um auf diese Weise eine mögliche Reaktion in Form von Duettrufen zu provozieren. Der Autor lässt uns lebhaft teilhaben an seinen Untersuchungen: Akzeptieren die Kraniche die Rufe von CD? Antworten sie darauf, weil sie ihr Revier verteidigen wollen? Das liest sich äußerst spannend. Und der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter: In der demilitarisierten Zone an der Grenze zu Nordkorea erforscht er eine weitere Population von Mandschurenkranichen. Werden diese auf die Rufe ihrer japanischen Verwandten reagieren? Ich will an dieser Stelle nicht zu viel verraten.

Kapitel 11 – Das Abenteuer geht weiter: bei den wilden Schreikranichen
Der Autor sucht das sehr abseits gelegene Winterquartier von Schreikranichen in den USA auf (im Aransas National Wildlife Refuges, Texas) und beschreibt, mit welchen Herausforderungen er bei seinen Forschungen zu kämpfen hatte. Wird er es schaffen, Duett- und Warnrufe aufzuzeichnen und verschiedene Revierpaare ausfindig zu machen? Es ist einfach bewundernswert, mit welcher Akribie und mit welcher Ausdauer Weßling sein Vorhaben verfolgt. Auch seine Demut vor der Natur ist jederzeit spürbar. Ein wirklich sehr interessantes Kapitel!

Kapitel 12 – Wir fliegen los: der schwere Weg zur Migrations-Flugschule
In diesem Kapitel wird ein Auswilderungsprojekt von Schreikranichen mit Ultraleichtflugzeug näher beschrieben. Sein wertvollstes Forschungsprojekt, wie Weßling selbst äußert. Auf sehr interessante Art und Weise erläutert er die Vorgeschichte zum genannten Projekt und verweist auf Probleme, Teilerfolge sowie Herausforderungen.

Kapitel 13 – Was können wir über Intelligenz, Zugverhalten, Kulturbildung, Werkzeuggebrauch und Selbstbewusstsein bei Kranichen lernen?
Inwieweit ist das Zugverhalten der Kraniche genetisch bestimmt? Weßling führt einige Argumente an, die gegen eine genetische Festlegung sprechen. Er meint vielmehr, die Entwicklung einer „Zugkultur“ beobachtet zu haben. Es zeige sich, dass viele Kraniche den Flugweg wechseln. Spannend sind zudem die Ausführungen des Autors über ein mögliches Bewusstsein bei den Vögeln. Erkennen Kraniche womöglich ihre eigenen Rufe?

Kapitel 14 – Können Kraniche strategisch denken? Weitere erstaunliche Beobachtungen
Der Autor stellt weitere Thesen in den Raum: Verfügen Kraniche womöglich über ein episodisches Gedächtnis? Gehen sie strategisch geplant vor? Haben sie gar eine Art Moralkodex? Hier muss man sich natürlich wieder ins Gedächtnis rufen, dass es sich um Interpretationen des Autors handelt. Er argumentiert aber auf Grundlage seiner zahlreichen Beobachtungen durchaus nachvollziehbar und plausibel. Dennoch bedarf es dazu weiterer Belege und Untersuchungen (womöglich in Form von Videographie?).

Kapitel 15 – Kraniche sind Subjekte. Plädoyer für mehr Bescheidenheit und Respekt vor der Natur.
Abschließend plädiert Weßling für mehr Bescheidenheit und Respekt vor der Natur. Er unterbreitet dafür viele konkrete Vorschläge.

Anhang
Hier werden noch einige Einzelbeobachtungen zusammengefasst, die in den vorangegangenen Kapiteln keine Berücksichtigung mehr gefunden haben. Dazu gehört z.B. die Auflistung von beobachteten Emotionen, Erlebnisse mit einem flugunfähigen Kanada-Kranich sowie Manöver der Täuschung und Taktik bei Mandschurenkranichen etc.

Abschließende Bemerkungen zur englischen Ausgabe
Anders als in der deutschsprachigen Ausgabe findet man die Fußnoten unter dem Text und nicht in Form von Schlussbemerkungen. Auch sind den einzelnen Kapiteln passende Fotos und Karten zugeordnet. In der deutschsprachigen Ausgabe findet man die Fotos und Karten an zwei Stellen gesammelt vor, ohne dass eine thematische Einbettung in die Kapitel erfolgt. Ein weiterer Vorteil der englischen Ausgabe: Es gibt darin auch Graphiken (vgl. z.B. S.92-103) und Bilder (32 vs. 20). Und übrigens sind in beiden Ausgaben alle Karten und Bilder farbig!

Fazit: Wer sich für Kraniche und allgemein für Vogelkunde interessiert, der kommt in meinen Augen nicht an diesem Buch vorbei. Aber auch denjenigen, die sich für empirische Forschung und die damit verbundenen Herausforderungen interessieren, sei dieses Buch ans Herz gelegt. Der Autor lässt die Leser:innen an vielen interessanten Projekten teilhaben und gewährt spannende Einblicke. Auf sehr anschauliche, lebendige und mitreißende Art und Weise berichtet Weßling von seiner jahrelangen Beschäftigung mit den Vögeln. Und es ist beachtlich, mit welcher Liebe, Akribie, Ausdauer und mit welchem Engagement er sich mit den Tieren beschäftigt. Was das Buch in meinen Augen vor allem auszeichnet: Weßling entwickelt eine neue Forschungsmethode, die er auch weiterentwickelt und modifiziert. Und seine Daten liefern zahlreiche neue Erkenntnisse, die ich mit Faszination gelesen habe. Ich habe von Kranichen nun ein ganz anderes Bild als noch vor der Lektüre. Großartig! Ich vergebe 5 Sterne!

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Ratgeber für eine glückliche Lebensführung

Meine Bar in Italien von Stefan Maiwald

Was ist Glück? Und wie führt man ein glückliches Leben? Der Autor Stefan Maiwald scheint die Antwort auf diese Fragen für sich beantwortet zu haben und lässt seine Leser in dem Buch „Meine Bar in Italien. Warum uns der Süden glücklich macht“ daran teilhaben. Bei der Lektüre wird deutlich, dass es nicht viel benötigt, um ein erfülltes Dasein führen zu können.

Wichtig scheint in den Augen des Autors vor allem eines zu sein: Freiheit und Selbstbestimmtheit sowie Genuss. Nebenbei lässt er auch noch etwas landeskundliches Wissen in sein Buch einfließen.

Es ist auffällig, dass der Autor in seinem Erlebnisbericht aber auch sehr stark romantisiert. Auch lässt er einige Aspekte außer Acht, die ich wiederum wichtig finde: Was ist beispielsweise mit Familie und mit Familienzeit? Maiwald beobachtet den Arbeitsalltag italienischer Menschen und zieht für sich persönlich Schlussfolgerungen daraus, wie er sein eigenes Leben führen möchte. Und das ist auch in Ordnung! So hält er es z.B. für sinnvoll jeden Tag zu arbeiten (auch am Wochenende), aber dafür keine acht oder neun Stunden am Stück. Auch rät er davon ab, einem Traumjob hinterherzulaufen. Man solle sich mit weniger zufrieden geben. Arbeit mache keinen Spaß und die Italiener wüssten das, so der Autor. Arbeit sei da, um Geld zu verdienen, man müsse sie nicht lieben. Am zufriedensten sei man dann, wenn man mit den eigenen Händen etwas erschaffe.

Meiner Meinung nach, sollte jede(r) bei der Lektüre selbst entscheiden, ob sie (er) sich von Maiwalds Vorschlägen inspirieren lässt oder eben nicht. Ich persönlich kann längst nicht allen Aussagen und Ratschlägen etwas abgewinnen. Positiv ist aber, dass Maiwald seinen Mitmenschen gegenüber große Wertschätzung zeigt und versucht etwas von ihnen zu lernen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Autor vor allem eine Art „Selbsttherapie“ betreibt. Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass seine lebensklugen Ansichten nicht zu jeder Lebenswirklichkeit passen. Maiwald gibt den Leser:innen ungefragt viele Lebensweisheiten mit auf den Weg. Stellenweise war es mir etwas zu aufdringlich. Ich möchte gern selbst entscheiden, wie ich mein Leben führe. Vielleicht wird es anderen Leser:innen ähnlich gehen wie mir, vielleicht auch nicht. Das sollte jede(r) selbst für sich herausfinden. Und was mir auch nicht so zugesagt hat: Maiwald reproduziert einige Stereotype über Italiener und über die italienische Lebensart. Ich hätte ihm zu weniger Pauschalisierungen geraten.

Fazit: Leser, die auf der Suche nach Ratgeberliteratur sind und gerne lesen möchten, was Stefan Maiwald zum Thema „glückliche Lebensführung“ empfiehlt, denen sei das Buch empfohlen. Wer allerdings selbst schon weiß, wie er sein Leben gestaltet, der braucht dieses schmale Büchlein nicht unbedingt. Mir war es stellenweise zu missionarisch, was der Autor vorschlägt. Ich gebe 3 Sterne.

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