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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Petris:

Ein Sommer, der alles verändert

Hard Land von Benedict Wells

Grady, eine Kleinstadt im Abstieg in Missouri der 80er Jahre. Der Vater ist arbeitslos, seit die Fabrik geschlossen ist, die Mutter führt mit Begeisterung einen Buchladen, doch sie ist krank, sie hat einen Kopftumor. Sam ist ein stiller Junge mit vielen Ängsten, in der Schule hat er keine Freunde. Um einem Ferienaufenthalt mit seinen verhassten Cousins zu entkommen, nimmt er einen Sommerjob im Kino der Stadt an, auch das Kino wird bald schließen.

Aber in diesem Sommer wird es für Sam zum Mittelpunkt der Welt. Er lernt Kirstie, Cameron und Brand kennen, die gerade die Schule abgeschlossen haben und etwas älter als Sam sind. Er kann es gar nicht glauben, dass sie ihn in ihren Kreis aufnehmen. So wird dies der beste Sommer seines Lebens, er erfährt Verständnis, Freundschaft und dass auch andere ihr Päckchen zu tragen haben, er verliebt sich, beginnt Sport zu treiben und lernt alte Filmklassiker kennen. Gleichzeitig ist es auch der schlimmste Sommer seines Lebens, denn ist der Sommer, in dem seine Mutter stirbt.
Diese Geschichte wird wunderbar einfühlsam und schön von Benedict Wells erzählt. Es ist ein Roman übers Erwachsenwerden, über Freundschaft, über Familie und über die Ecken und Kanten der Menschen. Es ist auch die Geschichte einer Kleinstadt, die sich verändert, in der es aber noch Menschen gibt, die sie nicht ganz aufgegeben haben. Es geht um Liebe, um Mut, um Trauer. Und all das ergibt eine sehr berührende, immer wieder auch witzige Geschichte. Ich habe jedes Wort davon geliebt.
Benedict Wells ist ein Autor, der einfach wunderbar erzählen kann. Schon in seinem ersten Roman „Becks letzter Sommer“ hat er mit seiner Reife, seinem Einfühlungsvermögen und seinem Talent fürs Geschichtenerzählen überzeugt. „Vom Ende der Einsamkeit“ wurde ein Bestseller, in dem der Autor einmal mehr erstaunt. In seinem neuen Roman schließt Benedict Wells an seine bisherigen Werke an. Das Setting ist unglaublich gut recherchiert, die Trauer sehr realistisch beschrieben, die Charaktere besitzen Tiefe und viele Facetten.
Ein wunderschöner Roman, der schon jetzt zu Beginn des Jahres auf meiner Lieblingsbuchliste 2021 steht. Ich freue mich schon jetzt auf das nächste Werk aus Benedict Wells Feder.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Petra Gruber

Zerreißprobe für eine Freundschaft

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff

Sophie und Thies, Inga und Bodo. Zwei Freundespaare, die dachten, dass ihre Freundschaft unverwundbar war. Sie kannten sich seit vielen Jahren, waren sich in der WG begegnet, hatten einander kennen und lieben gelernt. Es gab so vieles, was sie verband. Ihr Engagement für die Umwelt, ihr Einsatz gegen die Atommülltransporte, ihre Werte, und auch, wie sie leben wollten.

Zwei Häuser nebeneinander im Wendland, das wirkte wie die verbesserte Weiterführung ihrer WG. Inga und Bodo mit ihren beiden Kindern, Sophie und Thies mit Aaron. Doch dann passiert ein Unglück und Aaron stirbt.
Das Gleichgewicht ist zerstört. Wie umgehen mit all den Gefühlen, der Trauer, dem Neid, der Hilflosigkeit,… An dem Punkt, an dem wir in den Roman einsteigen, gibt es nur noch wenig Kontakt zwischen den Paaren und wenn, ist es ein Eiertanz, jedes Wort falsch, keine Reaktion richtig. Und auch Sophie und Thies kämpfen mit ihrem Verlust, jeder für sich, die Nähe ist kaum mehr spürbar.
Da taucht eines Tages eine Fremde auf. Attraktiv, gut gelaunt, auf der Suche nach jemand, der angeblich hier leben soll. Schnell freundet sie sich mit den Paaren an. Mit ihrer leichten und unkomplizierten Art schafft sie sogar eine Art Neuanfang für die Freundschaft der Paare. Doch was will sie wirklich? Und gibt es eine Chance für ihre Freundschaft.
Diese Geschichte ist sehr bewegend, denn sie stellt Fragen, die sich niemand stellen möchte. Wie viel Unglück verträgt eine Freundschaft? Auch wie neidisch darf man auf die Freunde sein, deren Leben scheinbar so perfekt ist, während das eigene schon länger nicht rund läuft? Und auch, wie geht man um mit dem Unglück der Freunde, wenn die einen nicht mehr an sich ran lassen?
Sehr poetisch, sehr eindringlich wird diese Geschichte hier erzählt. Ich war von der ersten Zeile an fasziniert und fand die Reaktionen und Gefühle der Protagonisten*innen sehr gut nachvollziehbar. Hier wird nicht Schuld zugewiesen, hier wird nicht ge- oder verurteilt, hier wird einfach erzählt. Und das sehr fesselnd und spannend mit viel Tiefgang.
Ein toller Roman, den ich an nur einem Wochenende gelesen habe und den ich wärmstens empfehlen kann.

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Die Kunst des Klavierstimmens

Der Klang der Wälder von Natsu Miyashita

Tomura ist ein Kind der Berge und der Wälder, er stellt wenige Ansprüche, ist aber wach und offen. Als er in seiner Schule einen Klavierstimmer bei der Arbeit beobachtet und den Klang des Klavieres hört, ist er begeistert und weiß: Er will Klavierstimmer werden.
Ein hartes Unterfangen, das viel Geduld benötigt, viel Zeit, viel Selbstkritik und auch immer wieder Zweifel.

Vor allem dann, wenn man weder ein absolutes Gehör besitzt, noch selber Klavier spielt. Doch Tomura weiß, was er will und macht sich auf den Weg. Auf diesem begleiten wir ihn. Wir sind mit ihm und seinen Kollegen dabei, wenn Klaviere gestimmt werden, wir begegnen ihren Kunden und besuchen mit ihnen Konzerte. Wir lauschen ihren Gesprächen über das Stimmen, über den Klang, darüber, wie man ein guter Klavierstimmer wird. Denn die Kollegen sind sehr unterschiedlich in ihrem Charakter und ihrer Herangehensweise. Von jedem kann Tomura etwas anderes lernen. Die Begegnung mit den Zwillingen Kazune und Yuni, die beide hervorragend Klavier spielen, jede auf ihre Weise, hinterlässt tiefen Eindruck bei Tomura und gibt seinem Leben eine neue Richtung. Seinem Leben als Klavierstimmer.
Dieser Roman ist sehr leise erzählt, sehr poetisch, die Wälder werden lebendig, Klaviere und ihr Klang, ihre Besitzer. Doch viel passiert hier nicht. Tomura lernt und entwickelt sich weiter, wir lernen seine Kollegen etwas besser kennen, doch im Mittelpunkt steht immer das Klavierstimmen, die Suche nach dem perfekten Klang für das jeweilige Klavier und die jeweilige Situation und der Klavierklang selbst. Ich mochte das sehr, spiele allerdings auch selber Klavier und bin fasziniert von der Tätigkeit der Klavierstimmer. Der Tag im Jahr, an dem mein Klavier gestimmt wird, ist immer ein Fest. Ich freue mich schon Wochen davor darauf. Und einen Klavierstimmer wechselt man nicht so schnell. Ich kann mich noch erinnern, wie traurig ich war, als unser alter aufhörte und der, den wir empfohlen bekamen, mein schönes, gut gewartetes, aber halt altes Klavier (Jahrhundertwende) schlecht machte. Den jetzigen mag ich sehr, er liebt alte Instrumente und ist generell ein Stimmer und Mensch, der zu uns und unserem Piano passt.
Also ja, die Faszination verstehe ich, auch die Liebe zum Klavierklang. Aber ohne diesen Bezug, hätte mir der Roman wohl etwas zu wenig Substanz gehabt. Das gewisse Etwas für ein 5-Sterne-Buch hat mir gefehlt. Schöne Lektüre war es dennoch!

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Ungewöhnlicher Titel, wunderbarer Roman

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid von Schröder Alena

Aufmerksam wurde ich auf das Buch tatsächlich durch sein Cover und den ungewöhnlichen Titel. Ich habe mich auf den ersten Blick in die Farben und die Blumenmotive dieses Buches verliebt. Und dann der Titel, viel zu lange, viel zu sperrig, aber irgendwie poetisch und vor allem geheimnisvoll. Ist er eine Zusammenfassung der Geschichte, klärt sich der Titel im Laufe der Lektüre, bleibt der Zusammenhang offen (was allerdings seltsam wäre), was hat es mit dieser Aufzählung auf sich?
Hannah ist Ende zwanzig und sie hat das Gefühl, dass das Leben ohne sie an ihr vorbei zieht.

Sie hat Germanistik studiert, schreibt an ihrer Dissertation, ist in ihren Doktorvater verliebt, hat keine Freunde und besucht regelmäßig ihre Großmutter Evelyn in der exklusiven Seniorenresidenz. Ein schillerndes Leben sieht anders aus, aber wenn man mit 18 die Mutter an Krebs verliert, wenn einem dann, wenn alle feiern und sich eine Zukunft erträumen, der Boden unter den Füßen wegbricht, ist das nicht so einfach mit einem unbeschwerten, leichten Leben.
Evelyn, ihre grummelige Großmutter, die sich bemüht, ihrer Enkelin nicht zu zeigen, wie sehr sie sie mag, findet einerseits, dass es genug ist mit der Zumutung Leben und setzt andererseits alles daran, noch möglichst lange auf der Welt zu weilen. Hannah ist dafür zuständig, sie mit Vitaminen und anderen Elixieren dafür zu versorgen.
Als Hannah bei einem ihrer Besuche einen Brief einer israelischen Anwaltskanzlei findet, wird sie stutzig. Es geht um die Restitution von Raubkunst. Evelyn will nicht darüber sprechen. Und Hannah hat keine Ahnung, was es mit jüdischen Verwandten und geraubten Kunstwerken auf sich haben könnte. Damit beginnt eine spannende Suche, die so einiges in Hannahs Leben in Bewegung bringt.
Spannend, sehr locker und leicht lesbar und dennoch mit viel Tiefgang erzählt die Autorin diese Geschichte. Sie springt zwischen der Gegenwart und den 20er/30er-Jahren, in denen die Geschichte ihren Ursprung hat, hin und her. Man kann dabei immer gut folgen und verliert nie den Faden. Wie nebenbei lässt die Autorin ihre Beobachtungen zu den Missständen der jeweiligen Zeiten, auch zu den Macken der Charaktere einfließen. Sie verurteilt nie, sie stellt nur fest oder zeigt in manchmal sehr unterhaltsamen Episoden auf, was falsch läuft. Ihre Figurenzeichnung ist sehr realistisch, keine der Personen ist schwarz-weiß gezeichnet nur gut oder nur schlecht. Und selbst die Nebenfiguren werden lebendig und mit liebevollen Details ausgeführt, ohne dass das jemals überladen wird.
Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, fand die Themen spannend, mochte, wie die Geschichte erzählt wurde und bin eingetaucht in die Welt von Senta, Evelyn und Hannah.
Was es mit dem Titel nun auf sich hat? Das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Er macht sehr viel Sinn, es ist keine Zusammenfassung des Romans und er passt ganz wunderbar.

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Was wäre, wenn... ?

Orangen für Dostojewskij von Michael Dangl

Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn,…? Dostojewskij und Rossini befanden sich nachweislich zur selben Zeit in Venedig. Dass es tatsächlich zu einer Begegnung kam, dafür gibt es weder Dokumente, noch Hinweise. Aber, was wäre, wenn es doch so gewesen wäre? Gänzlich unmöglich oder unwahrscheinlich ist das nicht, dass sich der Schriftsteller und der Komponist über den Weg gelaufen sind.

Auf dieser Idee beruht der Roman.
Ich mag solche Fiktionen, die nahe an der Realität liegen, Romane, die wahre Persönlichkeiten oder Begebenheiten einfach weiterspinnen und eine neue Geschichte erzählen. Deshalb fand ich diesen Titel reizvoll, der braumüller Verlag liefert auch immer wieder spannende Bücher und Romane, in deren Mittelpunkt Schriftsteller und Musik stehen, sind für mich immer interessant.
Orangen für Dostojewskij ist sehr gut recherchiert, die Fakten zu den Künstlern, das Leben in der Stadt, die Besetzung durch die Habsburger, Dostojewskijs Schaffens- und Gesundheitskrise, Rossinis ausschweifendes Leben, das alles wird lebendig erzählt und lässt ein Venedig Ende des 19. Jahrhunderts, wie die beiden Künstler es erleben, wiederauferstehen.
Doch genau darin liegt für mich auch ein Kritikpunkt. Ich fand den Roman etwas zu detailverliebt und überbordend, zu viele Dialoge, zu viele Beschreibungen, zu viele Nebengeschichten, dadurch hatte er für mich beim Lesen ziemliche Längen, die Geschichte selbst ging oft in der Fülle der Details unter.
Leider konnte er mich auch sprachlich nicht überzeugen. Mir war der Erzählton etwas zu schlicht, beinahe trivial, das konnte die spannende Idee und Grundgeschichte leider auch nicht retten. Etwas mehr Straffheit, etwas raffiniertere Sprache hätten dem Roman gut getan.
Eine gute Grundidee, ein spannendes Thema, ein sehr schön aufgemachtes Buch, das mich leider nicht ganz überzeugen konnte.

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Zufällige Begegnungen

Ein Sonntag mit Elena von Fabio Geda

Vor seiner Pensionierung war er Ingenieur, er hat große Brückenprojekte in der ganzen Welt gebaut, war viel unterwegs und hat seine Arbeit geliebt. Jetzt ist er alt, die Kinder erwachsen, eine Tochter aufs Land gezogen, der Sohn im Ausland und mit einer Tochter hat er keinen Kontakt mehr, nicht, weil sie gestritten hätten, sie haben einfach aufgehört miteinander zu telefonieren und jetzt wissen sie nicht, wie sie den Faden wieder aufnehmen sollen.

An diesem Sonntag hat er seine am Land lebende Tochter zum Essen eingeladen. Doch kurz vor der Abfahrt fällt seine Enkelin vom Baum und sie fahren ins Krankenhaus. Das Auto des Mannes ist in der Werkstatt, er kann nicht nachkommen. Also bleibt ihm nichts anderes übrig als zu warten, er macht sich auf einen Spaziergang und lernt an diesem Nachmittag eine Unbekannte kennen, Elena. Zwei einsame Seelen, die ins Gespräch kommen.
Der Roman ist sehr warmherzig geschrieben, sehr realistisch. Die Menschen kämpfen mit ihren Fehlern, ihren Schicksalsschlägen. Sie bemühen sich, und doch gelingt nicht alles. Es geht um Familie, um Zusammenhalt, auch um Einsamkeit und darum, dass es oft nur wenig braucht, um auf den richtigen Weg zu kommen.
„Für ihn, dachte er bei sich, würde es keine Dringlichkeiten mehr geben außer die Zeit zu genießen, die ihm Menschen, die ihm etwas bedeuteten, gewährten. In dem Moment sagte er sich (…), dass sich Dinge nur wiedergutmachen lassen, wenn man Fehler zulässt; wenn man akzeptiert, welche gemacht zu haben; und mehr noch, als es den anderen einzugestehen, muss man es sich selbst eingestehen.“ S. 206
Ich mochte sehr, mit welcher Tiefe und Vielschichtigkeit die Charaktere gezeichnet sind. Interessant ist auch die Erzählstimme, denn es ist die „verlorene“ Tochter, die wie aus dem Off die Geschichte ihres alten Vaters erzählt. Immer wieder mit Rückblenden in die Vergangenheit, ausgehend von jenem Nachmittag als die Familie nicht kommen konnte und der alte Mann Elena und ihren Sohn Gaston kennenlernte.
Ein kleiner, sehr feiner Roman, der sprachlich und inhaltlich überzeugt und wunderschön zu lesen ist.

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Zwischen Wut und Trauer

Der Moment zwischen den Zeiten von Marta Orriols

Im Katalanischen ist der neue Roman von Marta Orriols ein großer Erfolg und mit dem renommierten Premi Òmnium als bester Roman ausgezeichnet. Ob der Roman auch im Deutschen so erfolgreich sein wird, das wird man sehen!
Paula ist Anfang 40, ihre Beziehung läuft gerade nicht ganz rund, aber sie hatten schöne Zeiten, und sie fühlt sich sicher.

Paula liebt ihren Beruf als Neonatologin, ihr Leben ist gut und erfüllt. Doch dann passieren innerhalb kürzester Zeit zwei Dinge: Ihr Partner Mauro gesteht ihr, dass er sich in eine andere Frau verliebt hat und Paula verlassen wird, wenig später erleidet er einen Unfall und stirbt.
Paulas Welt bricht zusammen, sie schwankt zwischen Trauer und Wut und weiß nicht mehr wohin. Ihr Vater versucht einfühlsam für sie da zu sein, auch Freunde und Kollegen bemühen sich sehr. Doch Paula muss diesen Weg durch Trauer und wechselnde Gefühle selber gehen, Ablenkung durch Arbeit hilft, das Geschehene ungeschehen kann sie allerdings auch nicht machen.
Sehr berührend wird hier Paulas Geschichte erzählt, ich mochte das Setting in Barcelona und Umgebung sehr, Paulas Art zu leben, das war mir alles sehr vertraut aus den Jahren, in denen ich selbst in Spanien lebte. Die Geschichte war schön zu lesen, allerdings fand ich sie stellenweise (vor allem sprachlich) ein wenig trivial, besonders, wenn es um Begegnungen mit neuen Männern ging. Auch hätte für meinen Geschmack der Konflikt zwischen Trauer und Wut, das Dilemma zwischen Trauer um die Beziehung, Trauer um den verlorenen Menschen und Wut wegen des Verlassenwerdens etwas mehr heraus gearbeitet werden können.
Ein interessantes Buch, optisch ein echter Hingucker, bleibt es allerdings ein wenig an der Oberfläche, das gewisse Etwas, das ein 5-Sterne-Buch braucht, habe ich darin nicht gefunden.

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On the Road

Volkswagen Blues von Jacques Poulin

Das Cover:
Ein wenig gelblich verfärbt, ein altes Foto, darauf eine gerade Straße, die Richtung Berge führt und ein rot-weißer VW Bulli. Die Schrift in Weiß, Weinrot und Orange, es lässt an 70er Jahre denken, an alte Reisebilder. Es erzeugt Fernweh und mach Lust zu erkunden, worum es in diesem Roman geht.

Der Titel:
Volkswagen Blues, klingt schön, ist voller Bedeutungen. Offensichtlich ist, dass die Protagonisten mit eine VW Bus unterwegs sind, das erfahren wir aus dem Klappentext. Der Blues, das ist einerseits Musik, aber andererseits auch Traurigkeit, auf einer Reisen mit einem alten Kleinbus kann es schonmal VW Blues geben, oder auch einfach nur den Blues des Lebens.
Die Zeit:
Beginnt man zu lesen, weiß man erst nicht recht, in welcher Zeit die Geschichte spielt. VW Busse sind ja gerade wieder sehr in, ich dachte erst, wir würden uns in der Aktualität bewegen. Schnell wird klar, dass dem nicht so ist. Wir befinden uns in den frühen 80ern bzw. späten 70ern. Reisen werden mit Karten geplant, mit Büchern und Infos aus dem Fremdenverkehrsamt. Keine Handys, kein GPS, keine Apps. Ich wurde richtig sentimental, denn so habe auch ich zu reisen begonnen. Irgendwie war das schön, abenteuerlicher als heute, poetischer.
Die Geschichte:
Jack Waterman, kanadischer Autor aus Montréal macht sich aus einem Impuls heraus auf die Suche nach seinem verschollenen Bruder Théo. Letztes Lebenszeichen von ihm war eine Karte mit einem kryptischen Text aus Gaspé, abgesendet viele Jahre ehe der Roman beginnt. Auf dem Campingplatz dort fällt ihm eine junge Frau mit einem schwarzen Kätzchen auf, wenig später trifft er sie, sie ist per Anhalter unterwegs und fährt mit ihm mit.
Damit beginnt eine lange Fahrt im alten VW Bulli, die sie von Canada aus durch die USA führt, immer auf den Spuren der Siedler, der Indianer, der Eroberer Nordamerikas. Das Mädchen, deren Namen wir nie erfahren, ist Halbindianerin, sie weiß viel über die Geschichte der Indianervölker, ist eine leidenschaftliche Leserin und Museumsbesucherin. Auf den Spuren des Bruders, aber auch der Siedler, der Indianer, lernen wir die beiden besser kennen, erfahren aber auch unglaublich viel über die Geschichte der Indianer, die auch Geschichte der USA ist, allerdings ein ziemlich trauriges Kapitel.
Ob sie Théo am Ende finden, wo ihre Reise endet, ob Jack wieder zu schreiben beginnt,… Das verrate ich hier natürlich nicht!
Fazit:
Eine wunderschöne, sehr ruhig erzählte Geschichte voller interessanter Infos, voller Menschlichkeit, voller Begegnungen,… Am liebsten würde ich mich sofort auf den Weg machen und die Route hinterher reisen. Im Gepäck die vielen Bücher der beiden und mit Zwischenstopps in sämtlichen Museen, die auch sie besuchen.
Bücherlesen ist Reisen im Kopf, mit diesem Roman ganz besonders! Schön ist das!

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Menschen und Vögel auf einer letzten Reise

Zugvögel von Charlotte McConaghy

Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch eindeutig durch das wunderschöne Cover, bei dem einfach alles stimmt, das stimmige Bild der Seeschwalbe, dazu die Schriftart und die Farben, in denen die Schrift gehalten ist. Im Inneren gibt es dann noch ein zusätzliches Extra, die Schwalben tauchen sowohl beim Titel als auch zu Beginn der einzelnen Kapitel wieder als Grafiken auf.

Ein sehr liebevoll gestaltetes Buch, das mag ich.
Der Titel ist ebenfalls großartig, kurz, prägnant macht er schon, ehe man den Klappentext liest, neugierig. Es geht um die Reise der letzten Seeschwalben, also passt er perfekt zur Geschichte, im Laufe der Lektüre stellt sich aber heraus, dass auch eine ganze Menge menschlicher Zugvögel eine Rolle spielen werden. Eine von ihnen ist Franny, die Protagonistin, geboren mit „Wanderfüßen“.
Sie hat es sich zum Ziel gemacht, dem Zug der letzten verbliebenen Küstenseeschwalben in den Süden zu folgen. Es gelingt ihr drei von ihnen mit Peilsendern zu versehen, doch dann muss sie noch ein Schiff finden, das sie mitnimmt. Eine schwierige Aufgabe, denn es gibt kaum noch Fischerboote, die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft, in der die meisten Wildtiere ausgestorben sind, die Fischerei mit leergefischten Meeren und Protesten zu kämpfen hat. Franny hat Glück und landet auf der Saghani, einem der letzten Fischkutter. Dort trifft sie auf eine bunte, sehr besondere Crew, für mich eines der Highlights dieses Romans, wie ihre Charaktere und die Interaktion untereinander gezeichnet sind. An der Spitze steht der Kapitän Ennis, auch so ein Zugvogel.
Am Anfang stellen sich viele Fragen. Warum ist Frannys Mutter verschwunden? Warum hat ihr Mann Niall sie verlassen? Was ist in Frannys Vergangenheit passiert, dass sie so traumatisiert ist? Auf der Reise in den Süden, immer auf den Spuren der Küstenseeschwalben, erfahren wir nach und nach in Rückblicken mehr.
Die Autorin Charlotte McConaghy hat einen Abschluss als Drehbuchautorin, das merkt man! Sie kann wunderbare Bilder hervorrufen und eine Geschichte in gutem Timing sehr spannend erzählen. So mag man den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen und liest ihn ziemlich rasch und muss aufpassen, wichtige Details, die oft nur in einem Satz oder Absatz erwähnt werden, die aber später noch eine Rolle spielen werden, nicht zu überlesen.
Sprachlich hat mir dieser Roman auch sehr gut gefallen, er war richtig schön zu lesen.
Allerdings hatte er kleine Lücken in der Plausibilität mancher Ereignisse, auch das Setting in einer nahen Zukunft, in der es keine Wildtiere mehr gibt, war mir nicht konsequent genug durchgeführt. Auch hält sie uns zu lange hin, bis sie beginnt, die offenen Fragen aufzulösen, bis zur Hälfte stellt sich Frage über Frage, das war mir ein wenig zu viel des Guten. Und einige Episoden waren mir zu überdramatisiert, da ist wohl die Drehbuchautorin mit ihr durchgegangen, im Film muss es für einen Wendepunkt immer ein wenig mehr sein. Das hätte dieser Roman gar nicht nötig gehabt.
Ein schöner Roman, den ich sehr gerne gelesen habe, der es aber nicht ganz in die Reihe meiner Lieblingsbücher geschafft hat. Auf alle Fälle ein überzeugendes Debüt und eine Autorin, von der wir hoffentlich noch hören werden.

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Der Sheriff von Raufarhövn

Kalmann von Schmidt Joachim B.

Der Diogenes Verlag hat diesen Herbst mal wieder ein sehr starkes Programm voller ungewöhnlicher Erzählstimmen. Während es bei Lewinsky, Der Halbbart ein Junge in einem kleinen Dorf in der Schweiz zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist, ist hier der Erzähler ein junger Mann, der eine intellektuelle Behinderung hat.

Auch wenn er nicht so schnell denkt wie andere und manchmal aggressive Ausbrüche hat, vor allem gegen Gegenstände und gegen sich selbst, hat er oft recht weise Einsichten. Kalmann ist gut integriert in seinem isländischen Städtchen Raufarhövn, das einstmals reich und blühend war, aber nach dem Niedergang des Heringsfangs unter Abwanderung und mangelnden Perspektiven leidet. Kalmann sieht man oft mit Cowboyhut und Sheriffstern, ein Geschenk seines amerikanischen Vaters, damit fühlt er sich sicherer und selbstbewusster. Er ist ein guter Jäger und der beste Haifischer und Produzent von Gammelhai weit und breit. Damit lockt er sogar seinen dementen Großvater, den er regelmäßig im Heim besucht und der seine wichtigste Bezugsperson ist, immer wieder aus seiner verworrenen Welt. An dem Tag, an dem die Geschichte beginnt, findet Kalmann im Schnee eine große Blutlache. Gleichzeitig ist der reichste Mann im Ort, der Einzige, der noch eine brauchbare Fangquote hat, der Besitzer des Hotels, der mit einem Denkmal versucht, den Tourismus anzukurbeln, verschwunden. Schnell wird ein Verbrechen vermutet, aber es gibt wenige Hinweise.
Im Buch-Trailer des Verlags wird dieser Roman als „Forrest Gump meets the Coen Brothers“ beschrieben und das trifft es nicht schlecht.
Kalmann ist ein interessanter Bursche, man folgt seinen Gedanken gerne, er beobachtet gut, ihm fallen Dinge auf, die anderen verborgen bleiben. Und so wird die ohnehin schon spannende Geschichte aus seiner Perspektive noch interessanter.
Dem Autor ist es hervorragend gelungen zu vermitteln, wo Kalmanns Defizite liegen, gleichzeitige bleibt seine Sprache, wenn auch einfach gehalten, immer literarisch und sehr schön zu lesen. Eine tolle Geschichte, die wunderbar erzählt wird. Das Setting im winterlichen Norden Islands trägt natürlich dazu bei. Allerdings ist Kalmann alles andere als ein typischer Islandkrimi. Es gibt einen Vermissten, es gibt eine Blutlache, die Polizei ermittelt, aber im Vordergrund stehen Kalmann, sein Alltag, sein Umfeld und die Menschen in der Stadt.
Eine außergewöhnliche Erzählstimme, eine spannende Geschichte und ein berührender Roman. Ein Buch, das man sich in diesem Herbst nicht entgehen lassen sollte!

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