Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Petris:
Ungewöhnlicher Titel, wunderbarer Roman
Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid von Alena Schröder
Aufmerksam wurde ich auf das Buch tatsächlich durch sein Cover und den ungewöhnlichen Titel. Ich habe mich auf den ersten Blick in die Farben und die Blumenmotive dieses Buches verliebt. Und dann der Titel, viel zu lange, viel zu sperrig, aber irgendwie poetisch und vor allem geheimnisvoll. Ist er eine Zusammenfassung der Geschichte, klärt sich der Titel im Laufe der Lektüre, bleibt der Zusammenhang offen (was allerdings seltsam wäre), was hat es mit dieser Aufzählung auf sich?
Hannah ist Ende zwanzig und sie hat das Gefühl, dass das Leben ohne sie an ihr vorbei zieht.
Sie hat Germanistik studiert, schreibt an ihrer Dissertation, ist in ihren Doktorvater verliebt, hat keine Freunde und besucht regelmäßig ihre Großmutter Evelyn in der exklusiven Seniorenresidenz. Ein schillerndes Leben sieht anders aus, aber wenn man mit 18 die Mutter an Krebs verliert, wenn einem dann, wenn alle feiern und sich eine Zukunft erträumen, der Boden unter den Füßen wegbricht, ist das nicht so einfach mit einem unbeschwerten, leichten Leben.
Evelyn, ihre grummelige Großmutter, die sich bemüht, ihrer Enkelin nicht zu zeigen, wie sehr sie sie mag, findet einerseits, dass es genug ist mit der Zumutung Leben und setzt andererseits alles daran, noch möglichst lange auf der Welt zu weilen. Hannah ist dafür zuständig, sie mit Vitaminen und anderen Elixieren dafür zu versorgen.
Als Hannah bei einem ihrer Besuche einen Brief einer israelischen Anwaltskanzlei findet, wird sie stutzig. Es geht um die Restitution von Raubkunst. Evelyn will nicht darüber sprechen. Und Hannah hat keine Ahnung, was es mit jüdischen Verwandten und geraubten Kunstwerken auf sich haben könnte. Damit beginnt eine spannende Suche, die so einiges in Hannahs Leben in Bewegung bringt.
Spannend, sehr locker und leicht lesbar und dennoch mit viel Tiefgang erzählt die Autorin diese Geschichte. Sie springt zwischen der Gegenwart und den 20er/30er-Jahren, in denen die Geschichte ihren Ursprung hat, hin und her. Man kann dabei immer gut folgen und verliert nie den Faden. Wie nebenbei lässt die Autorin ihre Beobachtungen zu den Missständen der jeweiligen Zeiten, auch zu den Macken der Charaktere einfließen. Sie verurteilt nie, sie stellt nur fest oder zeigt in manchmal sehr unterhaltsamen Episoden auf, was falsch läuft. Ihre Figurenzeichnung ist sehr realistisch, keine der Personen ist schwarz-weiß gezeichnet nur gut oder nur schlecht. Und selbst die Nebenfiguren werden lebendig und mit liebevollen Details ausgeführt, ohne dass das jemals überladen wird.
Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, fand die Themen spannend, mochte, wie die Geschichte erzählt wurde und bin eingetaucht in die Welt von Senta, Evelyn und Hannah.
Was es mit dem Titel nun auf sich hat? Das verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Er macht sehr viel Sinn, es ist keine Zusammenfassung des Romans und er passt ganz wunderbar.
Was wäre, wenn... ?
Orangen für Dostojewskij von Michael Dangl
Ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn,…? Dostojewskij und Rossini befanden sich nachweislich zur selben Zeit in Venedig. Dass es tatsächlich zu einer Begegnung kam, dafür gibt es weder Dokumente, noch Hinweise. Aber, was wäre, wenn es doch so gewesen wäre? Gänzlich unmöglich oder unwahrscheinlich ist das nicht, dass sich der Schriftsteller und der Komponist über den Weg gelaufen sind.
Auf dieser Idee beruht der Roman.
Ich mag solche Fiktionen, die nahe an der Realität liegen, Romane, die wahre Persönlichkeiten oder Begebenheiten einfach weiterspinnen und eine neue Geschichte erzählen. Deshalb fand ich diesen Titel reizvoll, der braumüller Verlag liefert auch immer wieder spannende Bücher und Romane, in deren Mittelpunkt Schriftsteller und Musik stehen, sind für mich immer interessant.
Orangen für Dostojewskij ist sehr gut recherchiert, die Fakten zu den Künstlern, das Leben in der Stadt, die Besetzung durch die Habsburger, Dostojewskijs Schaffens- und Gesundheitskrise, Rossinis ausschweifendes Leben, das alles wird lebendig erzählt und lässt ein Venedig Ende des 19. Jahrhunderts, wie die beiden Künstler es erleben, wiederauferstehen.
Doch genau darin liegt für mich auch ein Kritikpunkt. Ich fand den Roman etwas zu detailverliebt und überbordend, zu viele Dialoge, zu viele Beschreibungen, zu viele Nebengeschichten, dadurch hatte er für mich beim Lesen ziemliche Längen, die Geschichte selbst ging oft in der Fülle der Details unter.
Leider konnte er mich auch sprachlich nicht überzeugen. Mir war der Erzählton etwas zu schlicht, beinahe trivial, das konnte die spannende Idee und Grundgeschichte leider auch nicht retten. Etwas mehr Straffheit, etwas raffiniertere Sprache hätten dem Roman gut getan.
Eine gute Grundidee, ein spannendes Thema, ein sehr schön aufgemachtes Buch, das mich leider nicht ganz überzeugen konnte.
Zufällige Begegnungen
Ein Sonntag mit Elena von Fabio Geda
Vor seiner Pensionierung war er Ingenieur, er hat große Brückenprojekte in der ganzen Welt gebaut, war viel unterwegs und hat seine Arbeit geliebt. Jetzt ist er alt, die Kinder erwachsen, eine Tochter aufs Land gezogen, der Sohn im Ausland und mit einer Tochter hat er keinen Kontakt mehr, nicht, weil sie gestritten hätten, sie haben einfach aufgehört miteinander zu telefonieren und jetzt wissen sie nicht, wie sie den Faden wieder aufnehmen sollen.
An diesem Sonntag hat er seine am Land lebende Tochter zum Essen eingeladen. Doch kurz vor der Abfahrt fällt seine Enkelin vom Baum und sie fahren ins Krankenhaus. Das Auto des Mannes ist in der Werkstatt, er kann nicht nachkommen. Also bleibt ihm nichts anderes übrig als zu warten, er macht sich auf einen Spaziergang und lernt an diesem Nachmittag eine Unbekannte kennen, Elena. Zwei einsame Seelen, die ins Gespräch kommen.
Der Roman ist sehr warmherzig geschrieben, sehr realistisch. Die Menschen kämpfen mit ihren Fehlern, ihren Schicksalsschlägen. Sie bemühen sich, und doch gelingt nicht alles. Es geht um Familie, um Zusammenhalt, auch um Einsamkeit und darum, dass es oft nur wenig braucht, um auf den richtigen Weg zu kommen.
„Für ihn, dachte er bei sich, würde es keine Dringlichkeiten mehr geben außer die Zeit zu genießen, die ihm Menschen, die ihm etwas bedeuteten, gewährten. In dem Moment sagte er sich (…), dass sich Dinge nur wiedergutmachen lassen, wenn man Fehler zulässt; wenn man akzeptiert, welche gemacht zu haben; und mehr noch, als es den anderen einzugestehen, muss man es sich selbst eingestehen.“ S. 206
Ich mochte sehr, mit welcher Tiefe und Vielschichtigkeit die Charaktere gezeichnet sind. Interessant ist auch die Erzählstimme, denn es ist die „verlorene“ Tochter, die wie aus dem Off die Geschichte ihres alten Vaters erzählt. Immer wieder mit Rückblenden in die Vergangenheit, ausgehend von jenem Nachmittag als die Familie nicht kommen konnte und der alte Mann Elena und ihren Sohn Gaston kennenlernte.
Ein kleiner, sehr feiner Roman, der sprachlich und inhaltlich überzeugt und wunderschön zu lesen ist.
Zwischen Wut und Trauer
Der Moment zwischen den Zeiten von Marta Orriols
Im Katalanischen ist der neue Roman von Marta Orriols ein großer Erfolg und mit dem renommierten Premi Òmnium als bester Roman ausgezeichnet. Ob der Roman auch im Deutschen so erfolgreich sein wird, das wird man sehen!
Paula ist Anfang 40, ihre Beziehung läuft gerade nicht ganz rund, aber sie hatten schöne Zeiten, und sie fühlt sich sicher.
Paula liebt ihren Beruf als Neonatologin, ihr Leben ist gut und erfüllt. Doch dann passieren innerhalb kürzester Zeit zwei Dinge: Ihr Partner Mauro gesteht ihr, dass er sich in eine andere Frau verliebt hat und Paula verlassen wird, wenig später erleidet er einen Unfall und stirbt.
Paulas Welt bricht zusammen, sie schwankt zwischen Trauer und Wut und weiß nicht mehr wohin. Ihr Vater versucht einfühlsam für sie da zu sein, auch Freunde und Kollegen bemühen sich sehr. Doch Paula muss diesen Weg durch Trauer und wechselnde Gefühle selber gehen, Ablenkung durch Arbeit hilft, das Geschehene ungeschehen kann sie allerdings auch nicht machen.
Sehr berührend wird hier Paulas Geschichte erzählt, ich mochte das Setting in Barcelona und Umgebung sehr, Paulas Art zu leben, das war mir alles sehr vertraut aus den Jahren, in denen ich selbst in Spanien lebte. Die Geschichte war schön zu lesen, allerdings fand ich sie stellenweise (vor allem sprachlich) ein wenig trivial, besonders, wenn es um Begegnungen mit neuen Männern ging. Auch hätte für meinen Geschmack der Konflikt zwischen Trauer und Wut, das Dilemma zwischen Trauer um die Beziehung, Trauer um den verlorenen Menschen und Wut wegen des Verlassenwerdens etwas mehr heraus gearbeitet werden können.
Ein interessantes Buch, optisch ein echter Hingucker, bleibt es allerdings ein wenig an der Oberfläche, das gewisse Etwas, das ein 5-Sterne-Buch braucht, habe ich darin nicht gefunden.
On the Road
Volkswagen Blues von Jacques Poulin
Das Cover:
Ein wenig gelblich verfärbt, ein altes Foto, darauf eine gerade Straße, die Richtung Berge führt und ein rot-weißer VW Bulli. Die Schrift in Weiß, Weinrot und Orange, es lässt an 70er Jahre denken, an alte Reisebilder. Es erzeugt Fernweh und mach Lust zu erkunden, worum es in diesem Roman geht.
Der Titel:
Volkswagen Blues, klingt schön, ist voller Bedeutungen. Offensichtlich ist, dass die Protagonisten mit eine VW Bus unterwegs sind, das erfahren wir aus dem Klappentext. Der Blues, das ist einerseits Musik, aber andererseits auch Traurigkeit, auf einer Reisen mit einem alten Kleinbus kann es schonmal VW Blues geben, oder auch einfach nur den Blues des Lebens.
Die Zeit:
Beginnt man zu lesen, weiß man erst nicht recht, in welcher Zeit die Geschichte spielt. VW Busse sind ja gerade wieder sehr in, ich dachte erst, wir würden uns in der Aktualität bewegen. Schnell wird klar, dass dem nicht so ist. Wir befinden uns in den frühen 80ern bzw. späten 70ern. Reisen werden mit Karten geplant, mit Büchern und Infos aus dem Fremdenverkehrsamt. Keine Handys, kein GPS, keine Apps. Ich wurde richtig sentimental, denn so habe auch ich zu reisen begonnen. Irgendwie war das schön, abenteuerlicher als heute, poetischer.
Die Geschichte:
Jack Waterman, kanadischer Autor aus Montréal macht sich aus einem Impuls heraus auf die Suche nach seinem verschollenen Bruder Théo. Letztes Lebenszeichen von ihm war eine Karte mit einem kryptischen Text aus Gaspé, abgesendet viele Jahre ehe der Roman beginnt. Auf dem Campingplatz dort fällt ihm eine junge Frau mit einem schwarzen Kätzchen auf, wenig später trifft er sie, sie ist per Anhalter unterwegs und fährt mit ihm mit.
Damit beginnt eine lange Fahrt im alten VW Bulli, die sie von Canada aus durch die USA führt, immer auf den Spuren der Siedler, der Indianer, der Eroberer Nordamerikas. Das Mädchen, deren Namen wir nie erfahren, ist Halbindianerin, sie weiß viel über die Geschichte der Indianervölker, ist eine leidenschaftliche Leserin und Museumsbesucherin. Auf den Spuren des Bruders, aber auch der Siedler, der Indianer, lernen wir die beiden besser kennen, erfahren aber auch unglaublich viel über die Geschichte der Indianer, die auch Geschichte der USA ist, allerdings ein ziemlich trauriges Kapitel.
Ob sie Théo am Ende finden, wo ihre Reise endet, ob Jack wieder zu schreiben beginnt,… Das verrate ich hier natürlich nicht!
Fazit:
Eine wunderschöne, sehr ruhig erzählte Geschichte voller interessanter Infos, voller Menschlichkeit, voller Begegnungen,… Am liebsten würde ich mich sofort auf den Weg machen und die Route hinterher reisen. Im Gepäck die vielen Bücher der beiden und mit Zwischenstopps in sämtlichen Museen, die auch sie besuchen.
Bücherlesen ist Reisen im Kopf, mit diesem Roman ganz besonders! Schön ist das!
Menschen und Vögel auf einer letzten Reise
Zugvögel von Charlotte McConaghy
Aufmerksam wurde ich auf dieses Buch eindeutig durch das wunderschöne Cover, bei dem einfach alles stimmt, das stimmige Bild der Seeschwalbe, dazu die Schriftart und die Farben, in denen die Schrift gehalten ist. Im Inneren gibt es dann noch ein zusätzliches Extra, die Schwalben tauchen sowohl beim Titel als auch zu Beginn der einzelnen Kapitel wieder als Grafiken auf.
Ein sehr liebevoll gestaltetes Buch, das mag ich.
Der Titel ist ebenfalls großartig, kurz, prägnant macht er schon, ehe man den Klappentext liest, neugierig. Es geht um die Reise der letzten Seeschwalben, also passt er perfekt zur Geschichte, im Laufe der Lektüre stellt sich aber heraus, dass auch eine ganze Menge menschlicher Zugvögel eine Rolle spielen werden. Eine von ihnen ist Franny, die Protagonistin, geboren mit „Wanderfüßen“.
Sie hat es sich zum Ziel gemacht, dem Zug der letzten verbliebenen Küstenseeschwalben in den Süden zu folgen. Es gelingt ihr drei von ihnen mit Peilsendern zu versehen, doch dann muss sie noch ein Schiff finden, das sie mitnimmt. Eine schwierige Aufgabe, denn es gibt kaum noch Fischerboote, die Geschichte spielt in einer nahen Zukunft, in der die meisten Wildtiere ausgestorben sind, die Fischerei mit leergefischten Meeren und Protesten zu kämpfen hat. Franny hat Glück und landet auf der Saghani, einem der letzten Fischkutter. Dort trifft sie auf eine bunte, sehr besondere Crew, für mich eines der Highlights dieses Romans, wie ihre Charaktere und die Interaktion untereinander gezeichnet sind. An der Spitze steht der Kapitän Ennis, auch so ein Zugvogel.
Am Anfang stellen sich viele Fragen. Warum ist Frannys Mutter verschwunden? Warum hat ihr Mann Niall sie verlassen? Was ist in Frannys Vergangenheit passiert, dass sie so traumatisiert ist? Auf der Reise in den Süden, immer auf den Spuren der Küstenseeschwalben, erfahren wir nach und nach in Rückblicken mehr.
Die Autorin Charlotte McConaghy hat einen Abschluss als Drehbuchautorin, das merkt man! Sie kann wunderbare Bilder hervorrufen und eine Geschichte in gutem Timing sehr spannend erzählen. So mag man den Roman gar nicht mehr aus der Hand legen und liest ihn ziemlich rasch und muss aufpassen, wichtige Details, die oft nur in einem Satz oder Absatz erwähnt werden, die aber später noch eine Rolle spielen werden, nicht zu überlesen.
Sprachlich hat mir dieser Roman auch sehr gut gefallen, er war richtig schön zu lesen.
Allerdings hatte er kleine Lücken in der Plausibilität mancher Ereignisse, auch das Setting in einer nahen Zukunft, in der es keine Wildtiere mehr gibt, war mir nicht konsequent genug durchgeführt. Auch hält sie uns zu lange hin, bis sie beginnt, die offenen Fragen aufzulösen, bis zur Hälfte stellt sich Frage über Frage, das war mir ein wenig zu viel des Guten. Und einige Episoden waren mir zu überdramatisiert, da ist wohl die Drehbuchautorin mit ihr durchgegangen, im Film muss es für einen Wendepunkt immer ein wenig mehr sein. Das hätte dieser Roman gar nicht nötig gehabt.
Ein schöner Roman, den ich sehr gerne gelesen habe, der es aber nicht ganz in die Reihe meiner Lieblingsbücher geschafft hat. Auf alle Fälle ein überzeugendes Debüt und eine Autorin, von der wir hoffentlich noch hören werden.
Der Sheriff von Raufarhövn
Kalmann von Schmidt Joachim B.
Der Diogenes Verlag hat diesen Herbst mal wieder ein sehr starkes Programm voller ungewöhnlicher Erzählstimmen. Während es bei Lewinsky, Der Halbbart ein Junge in einem kleinen Dorf in der Schweiz zu Beginn des 14. Jahrhunderts ist, ist hier der Erzähler ein junger Mann, der eine intellektuelle Behinderung hat.
Auch wenn er nicht so schnell denkt wie andere und manchmal aggressive Ausbrüche hat, vor allem gegen Gegenstände und gegen sich selbst, hat er oft recht weise Einsichten. Kalmann ist gut integriert in seinem isländischen Städtchen Raufarhövn, das einstmals reich und blühend war, aber nach dem Niedergang des Heringsfangs unter Abwanderung und mangelnden Perspektiven leidet. Kalmann sieht man oft mit Cowboyhut und Sheriffstern, ein Geschenk seines amerikanischen Vaters, damit fühlt er sich sicherer und selbstbewusster. Er ist ein guter Jäger und der beste Haifischer und Produzent von Gammelhai weit und breit. Damit lockt er sogar seinen dementen Großvater, den er regelmäßig im Heim besucht und der seine wichtigste Bezugsperson ist, immer wieder aus seiner verworrenen Welt. An dem Tag, an dem die Geschichte beginnt, findet Kalmann im Schnee eine große Blutlache. Gleichzeitig ist der reichste Mann im Ort, der Einzige, der noch eine brauchbare Fangquote hat, der Besitzer des Hotels, der mit einem Denkmal versucht, den Tourismus anzukurbeln, verschwunden. Schnell wird ein Verbrechen vermutet, aber es gibt wenige Hinweise.
Im Buch-Trailer des Verlags wird dieser Roman als „Forrest Gump meets the Coen Brothers“ beschrieben und das trifft es nicht schlecht.
Kalmann ist ein interessanter Bursche, man folgt seinen Gedanken gerne, er beobachtet gut, ihm fallen Dinge auf, die anderen verborgen bleiben. Und so wird die ohnehin schon spannende Geschichte aus seiner Perspektive noch interessanter.
Dem Autor ist es hervorragend gelungen zu vermitteln, wo Kalmanns Defizite liegen, gleichzeitige bleibt seine Sprache, wenn auch einfach gehalten, immer literarisch und sehr schön zu lesen. Eine tolle Geschichte, die wunderbar erzählt wird. Das Setting im winterlichen Norden Islands trägt natürlich dazu bei. Allerdings ist Kalmann alles andere als ein typischer Islandkrimi. Es gibt einen Vermissten, es gibt eine Blutlache, die Polizei ermittelt, aber im Vordergrund stehen Kalmann, sein Alltag, sein Umfeld und die Menschen in der Stadt.
Eine außergewöhnliche Erzählstimme, eine spannende Geschichte und ein berührender Roman. Ein Buch, das man sich in diesem Herbst nicht entgehen lassen sollte!
Eine Heldin ihrer Zeit
Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete von Sharon Cameron
Wenn man das Cover so sieht, würde man an ein seichtes Wohlfühlbuch mit Pseudotiefgang denken, aus diesem Grund hätte ich das Buch beinahe übersehen. In Wirklichkeit handelt es sich um eine ziemlich heftige Geschichte.
Stefania möchte raus aus ihrem kleinbäuerlichen Leben und sie hat Glück, sehr jung findet sie eine gute Anstellung bei der jüdischen Familie Diamant im polnischen Przemysl.
Sie arbeitet im Laden, ihre Chefin mag sie sehr und mit den Söhnen der Familie kommt sie gut aus. Sie verliebt sich in den jüngsten Sohn. Ein schönes Leben. Doch dann kommt der Krieg. Und die Deutschen. Die Familie Diamant wird ins Ghetto verfrachtet, Stefania versucht ihr Bestes, um sie dort zu unterstützen und zu versorgen. Was sie noch alles erwartet, wie schlimm die Dinge wirklich stehen, erwartet niemand. Stefania, die sich auch um ihre kleine Schwester Helena kümmert, würde gerne die Augen verschließen, doch sie hat zu viel bereits mitbekommen. Izio, ihr Freund, stirbt im Lager, sie sieht den Zustand der Menschen im Ghetto,… Als Max, Izios älterer Bruder vor ihrer Tür steht und sie bittet ihn, seinen Bruder und noch ein paar Freunde zu verstecken, zögert sie, sie weiß, dass sie das in Lebensgefahr bringt. Sie weiß auch, dass sie sonst keine Chance haben, diesen Wahnsinn zu überleben.
Am Ende gelingt es ihr mit viel Glück und einer großen Portion an Kampfgeist, 13 Juden zu verstecken und zu retten.
Diese unglaublich mutige, Mut machende und berührende Geschichte erzählt Sharon Cameron in ihrem Roman. Alles andere als leichte Kost, alles andere als eine Wohlfühlgeschichte.
Sie hat diesen Stoff sehr genau recherchiert, stand in Kontakt mit Angehörigen der Überlebenden, es gelingt ihr gut, die Gräuel der Nazis darzustellen, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, man weiß dennoch, wie furchtbar alles ist. Mehrmals blieb mir während der Lektüre das Herz fast stehen, die Gefahr ist jederzeit riesig und die Katastrophe immer nur eine Haaresbreite entfernt.
Dennoch macht diese Geschichte Mut, sie zeigt, dass es auch Menschen gab, die sehr klar erkannten, wie böse und falsch das Nazi-Gedankengut war, die sich dagegen stellten und den Verfolgten halfen. Stefania ist eine dieser Helden*innen.
Ich habe das Buch mit großer Spannung und Begeisterung gelesen, wie schön, dass die Autorin auf diesen Stoff gestoßen ist und dieser jungen, mutigen Frau damit ein Denkmal gesetzt hat. Großartig!
Jona und Hikaru
Grün von Zweimüller Josef
Jona lebt alleine in einem kleinen Häuschen im Wald, ohne Strom, mehr oder weniger als Selbstversorger. Ein wenig verdient er mit seinem Honig, den ihm sein Freund und Nachbar Siegfried verkauft. Er hat davor mit seiner Mutter Finja hier gelebt, doch sie war zurück in die Stadt gezogen zu ihrem Freund und zu ihrer Arbeit.
Für alle unerklärlich war sie von der Terrasse ihrer Wohnung gesprungen, Jona macht die Stadt für ihren Tod verantwortlich, nur im Wald und in der Natur fühlt er sich wohl. Weil er für ein paar Reparaturen am Haus Geld benötigt, veranstaltet er eine Survival Woche im Wald und lernt dabei Hikaru kennen. Auch sie hat jemanden verloren, ihre Zwillingsschwester. Sie bleibt mit Jona in seinem Häuschen im Wald und liebt dieses Leben genau wie Jona.
Ein Zwischenfall wirft Jona allerdings völlig aus der Bahn, Hikaru dringt nicht mehr zu ihm durch und geht zurück in die Stadt. Wird sich Jona wieder beruhigen? Wird sie ihn wiedersehen? Hat Finja tatsächlich Selbstmord begangen?
Josef Zweimüller schreibt hier über Verluste, darüber, wie es ist, wenn Menschen sterben, die ein Teil von einem selber sind. Es ist keine einfache Geschichte, in der sich zwei verletzte Menschen treffen und gegenseitig trösten. Es ist eher eine Geschichte über zwei Menschen, die in der Natur Trost finden und den verlorenen Menschen näher sind.
Sprachlich ist der Roman sehr gelungen, er ist schön zu lesen, poetisch, voller Bilder, aber nicht überladen. Ich mochte auch die Einschübe sehr, in denen einerseits die Natur zu Wort kommt und im Teil, der in der Stadt spielt, ist es das Internet, das spricht, über seine Macht, über die Menschen, wie sie damit umgehen. Es ist ein Beobachten und Reflektieren und fügt sich wunderbar in die Handlung ein.
Josef Zweimüller ist ein österreichischer Autor, der Wald in dem Jona lebt, liegt am Fuße von Bergen, aber die Geschichte könnte überall spielen. Es gibt den Wald, die Berge, die Stadt. Und die Namen der Charaktere sind keine typisch österreichischen Namen, Jona, Hikaru, Finja, Yorick,… Damit bleibt der Ort noch offener, irgendwo oder nirgendwo.
Ich bin begeistert, ein Buch aus dem kleinen, sehr feinen Wiener Picus Verlag, das Aufmerksamkeit verdient und nicht nur regional bekannt werden sollte. Von mir gibt es eine begeisterte Empfehlung.
Mahlers letzte Reise
Der letzte Satz von Robert Seethaler
Robert Seethaler gehörte nach „Der Trafikant“ und ein „Ganzes Leben“ zu jenen Autoren auf deren neue Romane ich immer schon warte. Sein letztes Buch „Das Feld“ hatte mich dann ziemlich enttäuscht, umso gespannter war ich auf seinen aktuellen Roman. Das Thema (Mahler auf seiner letzten Reise) fand ich sehr spannend, historische Persönlichkeiten in Romanfiguren zu verwandeln, war ihm ja schon beim Trafikant (da ist es Sigmund Freud) hervorragend gelungen.
Überzeugt hat mich dann auch die Leseprobe, das war wieder der großartige Erzähler Seethaler, den ich so gerne lese. Sätze wie: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt auch schon das Ende in sich.“ (S. 33) klingen wie Gedichte oder Musik. Einfach ein Genuss.
Gustav Mahler befindet sich auf seiner letzten Reise nach New York. Der berühmte Komponist, Dirigent und Opernerneuerer ist noch nicht alt, aber sein Körper ist am Ende, geschwächt von seinen Krankheiten, enttäuscht von seiner Ehe, verletzt, weil ihn Alma betrogen hat, sitzt er auf Deck, sieht auf das Meer, unterhält sich mit dem Schiffsjungen und hängt seinen Erinnerungen nach.
Es war ein bewegtes Leben, beruflich voller Erfolge. In Wien erneuerte er die Hofoper, machte sie zur führenden Oper der Welt. Über die Wiener legt Seethaler Mahler folgende Worte in den Mund: „Die Wiener waren ein im Grunde heißblütiger Menschenschlag; unter dem Speckmantel der Gemütlichkeit brodelten gleichermaßen Begeisterung wie Empörung und liefen beständig Gefahr, aus nichtigem Anlass überzukochen.“ S. 33 Ein treffender Kommentar. Mahler war der bedeutendste Dirigent seiner Zeit, in jungen Jahren wurde er noch für sein unruhiges Dirigat kritisiert, später lenkte er die Orchester mit kleinsten Bewegungen. Und auch als Komponist wurde er gefeiert und geliebt.
Privat war sein Leben gekennzeichnet von Schicksalsschlägen, viele seiner Geschwister starben jung, er selber litt sein ganzes Leben lang unter einer schwachen Gesundheit, eine seiner Töchter starb als Kind und die Ehe mit der um vieles jüngeren Alma war nicht lange glücklich, zu unterschiedlich war, was sie vom Leben wollten.
Über all das denkt der fiebergeschwächte Mahler an Deck nach. Wunderbar literarisch und poetisch in Wort gefasst von dem Erzähler Robert Seethaler.
Ich habe dieses Buch von der ersten Zeile an genossen, man überlässt sich dem Sprachfluss und taucht ein in die Gedanken und Erinnerungen des großen Komponisten. Ein Roman nicht nur für Mahler- und Musikfans, sondern für alle, die literarische Erzählkunst lieben. Ein wunderbares Buch!











