Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Petris:
Italiens vergessene Geschichte
Ich bleibe hier von Marco Balzano
Vor drei Jahren las ich Bolzanos Roman „Das Leben wartet nicht“, in dem es um einen kleinen Jungen aus Sizilien geht, der ganz alleine in den Norden geschickt wird, um dort Arbeit zu finden. Und das in den 50er Jahren. Ein trauriges Kapitel europäischer Geschichte, von dem ich nichts wusste. Der Roman hat mich tief bewegt, einerseits die Widerstandsfähigkeit dieses Jungen, Ninetto, andererseits die Tragik des Aufwachsens in bitterer Armut.
In seinem neuen Roman widmet sich Bolzano wieder einem unschönen Kapitel der italienischen Geschichte. Diesmal geht es um das kleine Dorf Graun in Südtirol und das Vinschgau. Erzählt wird diese Geschichte über die fiktiven Charaktere Trina und Erich. Nach dem 1. Weltkrieg kam Südtirol zu Italien, vom Krieg relativ unbehelligt, lebte man im Tal einfach weiter wie immer. Doch dann kamen die italienischen Faschisten an die Macht, Deutsch wurde verboten, die einheimische Bevölkerung diskriminiert, zum Auswandern gezwungen, Italiener aus dem Süden angesiedelt. Trina, eine junge Frau, gerade fertig mit der Lehrerausbildung, bekommt keinen Job, ihre Familie beschließt aber nicht nach Deutschland ins „Reich“ zu gehen, heimlich, in Untergrundschulen gibt sie Unterricht auf Deutsch. Ihr Mann Erich hasst die Faschisten, doch ihn treibt das nicht, wie viele andere, in die Arme der Nazis, in den viele große Hoffnungen setzen, auch, dass er das Staudammprojekt, das das Dorf bedroht stoppen würde. Viele Männer melden sich freiwillig zum Krieg, doch Erich desertiert, gemeinsam mit Trina geht er in die Berge. Wie die Geschichte ausging, dass Hitler den Krieg verlor und der Stausee am Ende, gegen allen Widerstand doch gebaut wird, ist bekannt. Jeder kennt ein Foto des Stausees, aus dem noch der Kirchturm ragt, inzwischen ein beliebtes Fotomotiv und Anziehungspunkt für Touristenmassen, die nicht wissen, welch bewegte und traurige Geschichte dahinter steckt, wie viele Familien entzweit wurden, wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten.
Fesselnd und sehr persönlich wird die Geschichte aus Sicht Trinas erzählt, erst noch eine junge, unbeschwerte Frau, später noch immer mutig, aber vom Leben gezeichnet. Ihre Familie steht exemplarisch dafür, wie Faschisten und Nazis Familien entzweien, Dorfgemeinschaften zerstören und aus einem idyllischen Tal eine Gegend voller Zwist und Sorgen machen. Es gibt keine richtigen Entscheidungen, man kann nur nach den eigenen Moralvorstellungen leben, was richtig und falsch ist wird von anderen entschieden. Oder von der Geschichte. Die kritischen Geister stehen ziemlich alleine da.
Ich finde es großartig, wie Bolzano in seinen Romanen vergessenen Schicksalen und Nebenschauplätzen der großen europäischen Geschichte ein Denkmal setzt und sie vor dem völligen Vergessen bewahrt.
Gleichzeitig versteht er es wunderbar, authentische und vielschichtige, sehr menschliche Charaktere zu erschaffen, beim Lesen werden sie lebendig und man ist beinahe überzeugt, dass es sie wirklich gegeben hat.
Kritisch, faszinierend, großartig geschrieben. Marco Balzano ist ein Autor, der emotional erzählen kann und dabei nie die Fakten aus den Augen verliert. Große Erzählkunst!
Ein Roman voller Poesie
Offene See von Benjamin Myers
Bei diesem Roman war es in erster Linie der Titel, der mich aufhorchen ließ. Ich liebe das Meer, der Titel klingt nach Sehnsucht und auch nach Dramatik. Deshalb sah ich mir das Buch genauer an. Auch optisch hat es mich sofort fasziniert. Es hat keinen Schutzumschlag, hat eine etwas raue Oberfläche, der Name des Autors und das Genre sind in Gold geprägt, sonst ist es sehr schlicht.
Weiß mit einer Welle am unteren Rand.
Robert Appleyard hat gerade die Schule beendet, er wartet auf das Ergebnis seines Abschlusses und beschließt den Sommer zu nützen, um sich auf Wanderschaft zu machen. Der Krieg ist gerade vorbei, es herrscht Aufbruchsstimmung und so macht er sich auf dem Weg aus seinem Kohlearbeiterdorf im Norden Englands. Sein Ziel: Der Süden, die Küste, das Meer.
Doch dann landet er vor dem Cottage der ungewöhnlichen Dulcie Piper, sie lebt alleine, isst und trinkt gerne, ist ungewöhnlich groß für eine Frau und sie ist vor allem eine Freidenkerin. Robert bleibt ein paar Tage bei ihr, hilft ihr, die Wiese zu bändigen, dafür wird er bekocht, mit Büchern versorgt und vor allem gibt es zum ersten Mal jemanden, der ihn richtig ernst nimmt, ihm zuhört und ihm sagt, dass er ein cleveres Bürschchen ist.
Ursprünglich wollte er nur ein paar Tage bleiben, doch dann beginnt er die Hütte zu renovieren, die einst das Atelier von Dulcies Geliebter Romy war. Und er findet deren Gedichte. Der Anfang eines neuen Weges hat begonnen.
Ich liebte diesen Roman von den ersten Zeilen an. Die Schilderungen der Natur erinnerten mich an vielen Stellen an Stifter. Es ist ein langsames Buch, man muss genau lesen, es entschleunigt. Und dennoch ist die Geschichte unglaublich spannend und schön zu lesen. Was ist mit Romy passiert? Wird Robert wirklich zurückkehren nach jenem Sommer und beginnen, wie alle in seinem Dorf, in der Zeche zu arbeiten?
Sprachlich ist dieses Buch ein Genuss. Die eingestreuten Gedichte lockern das Ganze auf, man möchte sie immer und immer wieder lesen. Und sie sind nicht nur zum Lesegenuss eingefügt, sondern sind Puzzlestücke in der Handlung.
Ein Roman ganz nach meinem Geschmack, sprachlich wunderschön, interessante Geschichte, tolles Setting, der perfekt Rhythmus und ein Ende, das wie das Tüpfelchen auf das I passt. Ein Buch, das ich allen anspruchsvollen Lesern*innen wärmstens empfehlen kann.
Das Haus der Frauen
Das Haus der Frauen von Laëtitia Colombani
Solène hatte gedacht, das perfekte Leben zu führen. Mitten in Paris, als schicke, sehr erfolgreiche Anwältin, mit einem smarten Partner, der ebenfalls Anwalt war und sich auf die Karriere konzentrierte. Man war sich einig, keine Kinder zu wollen. Doch dann bekommt dieses Leben plötzlich Risse, der Mann verlässt sie, sie macht weiter wie bisher, bis eine Tragödie sie völlig aus der Bahn wirft.
Burnout, Depressionen,…
An diesem Punkt lernen wir Solène kennen, die größte Krise ist überstanden, langsam für sie noch kaum wahrnehmbar, geht es aufwärts. Ihr Therapeut empfiehlt ihr, sich für den Anfang, solange sie nicht arbeiten kann, ein Ehrenamt zu suchen. Mit wenig Begeisterung greift sie diesen Vorschlag auf, schnell bereit, wieder aufzuhören. Sie findet einen Platz als Schreiberin in einem Frauenhaus der Heilsarmee, dem Palast der Frauen.
Dort begegnen ihr Schicksale, von denen sie zwar wusste, dass es sie gibt, aber die ihr noch nie begegnet waren bisher. Der Anfang ist zäh, sie will alles hinschmeißen, aber langsam, langsam geht es nicht nur aus der Krankheit, sondern auch hinein ins Herz der Frauen im Palast der Frauen.
Parallel dazu wird die Geschichte von Blanche Peyron, einer glühenden Offizierin der Heilsarmee, die sich mit all ihrer Kraft, mit allem was sie hat, für die Armen einsetzt. Erst beschimpft und verschmäht wird, dann in Frankreich immer mehr Anerkennung erhält und mit ihrer Unbeirrbarkeit und gemeinsam mit ihrem Mann Albin sehr viel für die Armen erreicht. Dabei ist ihr an der Rettung der Frauen und Kinder besonders gelegen.
Berührend, sehr einfühlsam, aber auch ohne den Alltag im Frauenhaus zu beschönigen, erzählt Colombani diese Geschichte. Die Frauen sind vor Gewalt geflohen, kämpfen mit ihrer Sucht, haben wenig Liebe erfahren und bemühen sich alle um ein besseres Leben. Solène muss mit ihrer Krankheit zurechtkommen, auch ihre Genesung wird sehr realistisch erzählt, sie ist am Anfang unsicher, noch unstabil.
Am Ende kamen mir, ob dieser vielen traurigen Frauenschicksale mehrmals die Tränen, gleichzeitig steckt dieser Roman so voller Hoffnung und Liebe. Er ruft uns auch auf, nicht die Augen vor Armut und Leid zu verschließen.
Schöner Roman, wunderbar geschrieben, sehr berührend, das perfekte Buch für diese Zeit!
Die Normalität der Gewalt
Milchmann von Anna Burns
Anna Burns hat mit diesem Roman 2018 den Man Booker Prize gewonnen, eine hohe literarische Auszeichnung, allerdings kein Garant für Lektüre nach meinem Geschmack. Der Klappentext sprach mich allerdings an und die Leseprobe gefiel mir sehr. Da spielte das Cover mit dem schönen Sonnenuntergang, der mir viel zu lieblich erschien für die Geschichte, die ich erwartete, auch keine Rolle mehr bei der Entscheidung.
(Interessanterweise passt im Nachhinein betrachtet das Cover hervorragend, da ein Sonnenuntergang gleich in zwei Szenen eine wichtige Rolle spielt.)
So begann ich mit der Lektüre. Dass die im Klappentext angekündigte Geschichte, dass eine junge Frau (unsere Protagonistin und Ich-Erzählerin) von einem wesentlich älteren Mann und Paramilitär (dem Milchmann) gestalkt wird und dies ein Gerücht auslöst, das immer größer wird und sich immer mehr aufbauscht, nur den Rahmen bildet, ist schnell klar. Denn beim Erzählen ihrer Geschichte, die auch die Geschichte ihrer Stadt, ihres Landes, ihrer Zeit (70er in Nordirland) ist, schweift die Protagonistin immer weit ab, lässt uns an ihren Gedanken teilhaben, beschreibt die Lebensumstände, die Einstellung der Menschen, wie ihre Gesellschaft funktioniert. Das ist durch die langen Sätze und vielen Aufzählungen oft anstrengend zu lesen und durch den Inhalt oft schwer zu ertragen. Es geht um Bigotterie, um Gewalt, um Frauenfeindlichkeit, um Intoleranz, um fehlendes Vertrauen in Medizin, Staat, aber auch in Freunde und Familie, es geht um Auswüchse, die auf dem Nährboden eines kriegerischen Konfliktes und einer autoritären Gesellschaft, blühen und gedeihen.
In diesem Umfeld, in dieser Gesellschaft, gerät die Protagonistin, obwohl (manche sagen weil) sie sich so bemüht, nicht aufzufallen, zwischen die Fronten. Und als Leser verfolgen wir, wie sich die Schlinge zuzieht, wie sie verzweifelt versucht, alles auszusitzen.
Ein Happy End gibt es nicht, aber vielleicht so etwas wie einen leichten Beginn einer Veränderung. Doch hier liegt auch mein Hauptkritikpunkt an der Geschichte. Für meinen Geschmack war das Ende zu konstruiert, so als ob die Autorin am Ende zu schnell die vielen losen, verwirrten Fäden verknüpft hätte. Das ging mir dann zu schnell. An manchen Stellen fand ich auch die Abschweifungen, Sätze und Beschreibungen etwas zu viel des Guten, obwohl mir der Stil generell ja gut gefiel.
Sehr interessant fand ich, dass in dem ganzen Roman keine Namen vorkommen. Die Protagonistin nennt alle mit Ausdrücken, die sie charakterisieren und in der Familie wird einfach aufgezählt. Da gibt es Schwester 1-3, Schwager 1-3, Milchmann, Vielleicht-Freund, älteste Freundin, Tablettenmädchen,… Das erzeugt eine ganz eigene Stimmung, weil man bei manchen rätselt, woher der Name kommt und auch weil klar wird, dass der echte Name in dieser Gesellschaft verborgen bleibt. Ob aus Schutz, da ja alle eng mit den Paramilitärs verbunden sind oder aus Gewohnheit, man erfährt es nicht.
Ein spannender, hochliterarischer, sehr anspruchsvoller Roman. Kein schönes und unterhaltsames Buch, aber eine Lektüre für alle, die sich beim Lesen gerne auch etwas anstrengen und nicht nur reine Unterhaltung suchen. Mir hat es mit ein paar Abstrichen sehr gut gefallen.
Wo endet der Glaube und beginnt der Aberglaube?
Ein wenig Glaube von Nickolas Butler
Lyle und Peg Hovde blicken auf ein erfülltes, aber nicht einfaches Leben zurück. Sie sind liebevolle Eltern und Großeltern, ihrem Umfeld gute Freunde, klug, freundlich und fleißig. Seit einer Weile lebt ihre Adoptivtochter Shiloh mit ihrem Sohn Isaac wieder bei ihnen. Sie vergöttern ihren Enkelsohn und unterstützen die Tochter, wo es nur geht.
Shiloh ist während ihres Studiums gläubig geworden und auch hier bei den Eltern schließt sie sich einer evangelikalen Kirche rund um den Pastor Steven an. Ihr zu Liebe gehen auch die Eltern mit zum Gottesdienst, sie sind skeptisch, auch wenn Steven eine wirklich außergewöhnliche Person zu sein scheint.
Sorgen macht ihnen besonders, dass auch ihr Enkel Isaac in die Fänge der Sekte gerät. Der Pastor behauptet, Isaac hätte heilende Kräfte, die Großeltern sind nicht sicher, ob Isaacs Diabetes, die früh festgestellt wird, auch ordentlich medizinisch behandelt wird. Sie versuchen alles, um Shiloh und Isaac nicht ganz zu verlieren. Wird ihre Liebe reichen?
Doch es geht nicht nur um die tragisch-schöne Familiengeschichte, sondern auch um ihr ganzes Umfeld. Liebevoll, einfühlsam, ohne die Menschen zu Heiligen zu machen, er lässt ihnen ihre Fehler, Ecken und Kanten, erzählt Butler das Umfeld von Lyle und Peg. Da ist einmal Lyles bester Freund Hoot, ein liebenswerter Einzelgänger und wirklich guter Freund. Als er an Lungenkrebs erkrankt sind sie für ihn da und nützen die Zeit, die ihnen noch bleibt. Eine Figur, die mich sehr berührt hat, ist der Pastor Charlie, er ist Oberhaupt der heimischen Kirchen, ein gläubiger, aber bodenständiger Mann und guter Freund von Lyle. Was er über Glauben zu sagen hat, wie unaufdringlich er seinen Glauben lebt, das ist sehr schön erzählt. Er ist so etwas wie das Gegenteil des Blenders Steven.
Butler gelingt es hervorragend zu vermitteln, was die Faszination des Sektenführers ausmacht. Er ist attraktiv, charismatisch, kann begeistern und vor allem blenden. Selbst als LeserIn, die ja weiß, dass es nicht gut enden wird, hofft man zwischendurch, dass er tatsächlich so etwas wie ein Heiliger ist. Fast hat er einen um den Finger gewickelt. Und freut sich richtig, wenn dann die Fassade Löcher bekommt.
Ein wenig Glauben habe ich sehr nachdenklich beendet. Wo ist die Grenze zwischen Glauben und Aberglauben? Wie stark ist die Macht der Familie wirklich, wenn die Kinder in die Hände von Scharlatanen gelangen?
Eine tragisch schöne Familiengeschichte, die ich mit großer Freude gelesen habe und die noch lange nachwirken wird.
Wofür sind wir dankbar?
Dankbarkeiten von Delphine Vigan
Michka und Marie sind ein sehr unterschiedliches Freundespaar. Marie ist jung, steht mitten im Leben, trotzdem kümmert sie sich um ihre alte Freundin Michka, der die Wörter immer mehr abhanden kommen und die unter Alpträumen leidet. Es gibt eine tiefe Verbindung zwischen den beiden, Marie ist Michka dankbar für deren Unterstützung als sie selber noch Kind war und in der Wohnung über Michka lebte.
Eines Tages wird klar, Michka kann nicht mehr alleine leben. Marie hilft ihr, ein Heim zu finden und besucht sie auch dort regelmäßig. Für Michka ist es schwer, die Wörter verschwinden immer mehr, sie, die immer unabhängig war, muss sich plötzlich an die Struktur eines Heimes gewöhnen, das gefällt ihr gar nicht. Zusätzlich werden die Alpträume nicht besser. Und es gibt noch einen großen Wunsch, den sie hat. Sie will das Ehepaar finden, dem sie ihr Leben zu verdanken hat. Frühere Versuche waren fehlgeschlagen, da sie nur die Vornamen kennt.
Ein Lichtblick im Heim ist der Besuch des Logopäden Jerome, der mit viel Geduld, einem großen Herz und mit Leichtigkeit versucht, die Wörter so lange wie möglich zum Bleiben zu ermutigen.
Delphine de Vigan greift hier ganz viele Themen auf, Dankbarkeiten natürlich, aber auch die Frage, was Familie ist, wie das mit dem Altern ist und warum man manche Menschen einfach mag und sich ihnen verbunden fühlt.
Sehr einfühlsam und berührend erzählt sie diese Geschichte, sie beschönigt nicht, ihre Figuren haben Ecken und Kanten und auch das Alter wird nicht schöner dargestellt als es für die Figur Michka ist. Ich mochte den Umgang der beiden jungen Menschen mit der alten Frau sehr, geduldig, aber klar und ehrlich. Total schön.
Ein kleines, sehr feines Büchlein, das ich an einem Tag ausgelesen habe und das zu meinen Highlights 2020 zählt!
Zwei sehr unterschiedliche Freunde
Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki
Hans hat noch eine Rechnung offen mit Afrika. Und die will er im Krater des Kilimandscharo begleichen und dann für immer begraben. Diesen Moment hat er sich oft vorgestellt, immer war er dabei alleine, vielleicht noch sein Bergführer und die Träger in der Nähe. Doch dann steht er am Kraterrand und sieht im Krater einen roten Punkt, jemand anderer ist schon vor ihm im Krater-Lager gelandet.
Er wird den Moment nicht für sich alleine haben. Und dann begegnet er diesem Jemand. Der Tscharli, ein Bayer, der nur so mit Floskeln, rassistischen, politisch unkorrekten und platten Proletensätzen um sich wirft. Das hat sich Hans anders vorgestellt. Noch ahnt er nicht, dass dies der Beginn eines gemeinsamen Roadtrips ist, und der Tscharli mehr als nur eine Seite hat.
Das kann uns keiner nehmen ist ein Roman, der mich mit der Leseprobe für sich eingenommen hatte. Ich mochte den Stil des Autors, ihm gelang es mit Leichtigkeit, die Eigenheiten der Charaktere darzustellen und sie lebendig zu machen. Man war von Tscharli genervt, fand Hans typisch norddeutsch und die Bergführer konnte man sich hervorragend vor Augen rufen. Er beschönigte ihre Eigenheiten und Fehler kein bisschen, gleichzeitig wertete er nicht, das taten nur die Figuren auf ihre Weise.
Und so begann die Reise. Und plötzlich merkte man, dass man oft genauer hinsehen muss, ehe man sich ein Urteil bildet. Und auch, wie viele Vorurteile man als „Gutmensch“ hat gegenüber Menschen, die anders sind, wie schnell man mit Urteilen wie „Rechts“, „Prolet“ und „Trampel“ bei der Hand ist. Tscharli ist eine eigene Persönlichkeit, doch in vielen Dingen hat er einfach Recht und in manchen Belangen hat er Afrika viel besser verstanden als der tolerante Hans. So wachsen sie auf dieser erst unerwünschten Reise immer mehr zusammen und Hans beginnt zu begreifen, was Loslassen bedeutet.
Der Tscharli nervte gewaltig, und dennoch mochte man ihn, wenigstens immer wieder. Die Reise war spannend, und man merkt, dass der Autor selbst Afrika-Erfahrung hat. Sehr eindrücklich seine Krankenhauserfahrungen, die er in die Geschichte eingebaut hat. Und auch die Faszination, die dieser Kontinent auf viele Menschen ausübt. Nach einer ersten, traumatischen Reise, die der Figur Hans beinahe das Leben (auch dem Autor) und die Beziehung (dem Autor zum Glück nicht) kostet, kommt er nochmal zurück. Ich wäre wahrscheinlich nie wieder zurückgekommen, aber mich zieht es generell reisetechnisch nicht vorrangig nach Afrika. Aber wer weiß, vielleicht würde ich ja vor Ort auch vom Afrika-Virus gepackt!
Ein Roman voller Klischees, die im selben Atemzug aber entkräftet werden, eine schöne Freundschaftsgeschichte, ein Buch über Toleranz und Vorurteile, ein spannendes Roadmovie, eine gut recherchierte Geschichte, ein Text der unterhält,… Meine Erwartungen wurden erfüllt, gute Unterhaltung mit Tiefgang.
Die vielen Farben der Trauer
Rote Kreuze von Sasha Filipenko
Sasha Filipenko, Rote Kreuze
Minsk, Weißrussland. Ein Wohnhaus. Alexander, ein junger Vater, hat gerade den Vertrag für eine Wohnung unterschrieben. Da fällt ihm ein rotes Kreuz auf seiner Türe auf. Er wundert sich. Doch schnell gibt es eine Erklärung, sein Nachbarin, Tatjana Alexejewna, über neunzig und an Alzheimer erkrankt, hat die Türe markiert, um ihre eigene Wohnung zu finden.
Alexander hat vor kurzer Zeit seine große Liebe verloren, steht alleine da mit einem Baby und muss sich erst neu sortieren. Die aufdringliche alte Nachbarin, die ihn ständig zum Tee einlädt und aus ihrem Leben erzählt, ist ihm am Anfang lästig. Doch nach und nach entwickelt sich eine Freundschaft und wir erfahren immer mehr aus dem tragischen Leben Tatjanas. Wie so viele wurde sie Opfer des Stalin-Terrors, viele Jahre saß sie im Lager und wusste nicht, was mit ihrem Mann und ihrer Tochter war. Ungläubige Atheistin, die sie war, begann sie im Lager, an Gott zu glauben oder besser gesagt sich ihn auszudenken, um ihn mit all dem Leid, all dem Unrecht, das ihr widerfahren und das sie gesehen hat, im Angesicht des Todes zu konfrontieren.
„Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist … jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“ S. 197
Doch auch Alexander hat das Leben schwer mitgespielt. Und so freunden sich die beiden an und sind sich vielleicht sogar gegenseitig Stütze.
Stellenweise ist nur schwer auszuhalten, was hier erzählt wird, die Willkür des Stalin-Staates war einfach unfassbar, so viele Tote, so viele zerrissene Familien, so viel Leid. Man weiß zwar davon, aber es am Schicksal einer Frau erzählt zu bekommen, macht es nochmal greifbarer und realistischer. Was für ein Unrechtsstaat.
Sasha Filipenko erzählt diese Geschichte in unaufgeregter, schlichter Sprache. Er weidet sich nicht an den Grausamkeiten des Regimes oder wie in Alexanders Fall des ungerechten Schicksals, er erzählt einfach, lässt seine Figuren sprechen. Auf alle Fälle hat mich dieser Roman (der erste von vier, der auf Deutsch erschienen ist) auf den weißrussischen Autor, der auf Russisch schreibt, aufmerksam gemacht. Ein hochinteressantes, sehr dramatisches Kapitel der Menschheitsgeschichte verpackt in einen berührenden Roman.
Auf alle Fälle ein starkes Debut, das auf interessante weitere Romane hoffen lässt.
Die vielen Farben der Trauer
Nach Mattias von Peter Zantingh
Der erste Eindruck zu diesem Roman war, dass mir das Cover extrem gut gefiel. Ich mochte das Bild, Meer, Himmel, Sand, eine junge Frau im roten Bikini, die in die Ferne sieht, das alles sehr minimalistisch, geheimnisvoll. Nachdem mir weder der Autor etwas sagte, noch dem Titel viel zu entnehmen war, war ich gespannt, ob sich dieser erste Eindruck des Covers auch im Geschriebenen bestätigen würde.
Schon im Klappentext erfahren wir, dass „Nach Mattias“ wortwörtlich zu nehmen ist. Mattias lebt nicht mehr, er hat eine Lücke hinterlassen, war anscheinend ein außergewöhnlicher Mensch, voller Begeisterung und Mut, der jeden Tag hingebungsvoll lebte. Es wird auch angedeutet, dass unterschiedliche Menschen aus seinem Umkreis zu Wort kommen würden, sich teilweise begegnen würden und ihre Geschichten ein Gesamtbild des Verstorbenen gestalten würden, wie ein Puzzle. Das klang vielversprechend und machte Lust auf die Lektüre.
Das Konzept geht ganz wunderbar auf! Jeder Abschnitt wird aus Sicht einer anderen Person erzählt. Wir erfahren, wie sie mit dem Tod umgehen, wie sie versuchen weiterzuleben, wie sie mit Mattias verbunden waren und vor allem wird erzählt, was für ein Mensch er war. Nach und nach wird das Bild, das wir von ihm bekommen immer schärfer. Er war ein besonderer Mensch, einer von denen, bei denen man sich fragt: „Warum er?“, einer von denen, die die Menschen, einfach durch ihre Art zu sein beeinflussen.
Zu Wort kommen dabei ganz unterschiedliche Menschen, Amber, Mattias Freundin, Kristianne, seine Mutter, auch die Großmutter erzählt, Quentin, Mattias bester Freund spricht in einem Kapitel, doch auch Issam, mit dem er sich nur über ein Computerspiel ausgetauscht hat, trägt einen Puzzleteil bei. Und dann gibt es noch ein paar Personen, bei denen nicht so schnell klar ist, wie sie in die Geschichte passen. Wir erfahren auch erst spät, wie Mattias gestorben ist.
Das Ganze ist total stimmig, man verliert als Leser*in nie den Faden, manchmal weiß man eben nicht genau, wie die Person zu Mattias steht, wie sie mit der Geschichte zusammenhängt, aber das macht das Lesen nur noch spannender, weil man auf die Auflösung wartet und selber Theorien dazu entwickelt. Die Länge der einzelnen Kapitel sind harmonisch, kein Wort zu viel, keine Zeile zu wenig.
Und dann ist da natürlich Zantinghs Sprache, seine Sätze. Ich habe ganz viele Stellen markiert, weil ich sie so schön fand, weil sie mich begeistert und berührt haben.
Ein besonderer Bonus ist das Interview mit dem Autor am Ende des Romans, fast wie ein Nachwort. Hier erfahren wir mehr über den Autor. Unter anderem, was Musik für ihn bedeutet, da sie auch im Roman eine große Rolle spielt:
„Es gibt für mich nichts Schöneres, als einen Song zu finden, den ich so sehr liebe, dass ich in ihm Erinnerungen einschließen kann und dabei weiß, dass sie da für den Rest meines Lebens sicher sind.“ S. 242
Er erzählt auch, dass die Songs der Rockband, die im Roman vorkommt, alle bis auf einen nach Kurzgeschichten von Raymond Carver benannt sind, den er als Autor verehrt. Wie schön, so einen Lieblingsautor zu zitieren!
„Nach Mattias“ ist ein Buch, das alles hat, was mir beim Lesen wichtig ist. Interessante Sprache, stimmiger Aufbau, spannende Charaktere, eine Geschichte, die mich fesselt. Ich bin begeistert und habe mit diesem Roman ein erstes Lieblingsbuch 2020 gefunden!
Freundinnen fürs Leben
Was wir sind von Anna Hope
Drei Frauen, zwei von ihnen kennen sich aus der Schule, die dritte ist eine Studienkollegin einer der beiden. Hannah, Lissa und Cate. Mit Mitte 20 ziehen sie zusammen in eine Haus-WG in London. Das Leben steht ihnen offen, so viele Möglichkeiten, so viel Freiheit, so viele Karrieren, die Freundschaft ist eng und sie glauben, dass sich das nie ändern wird.
„Sie haben noch Zeit zu werden, wer sie später einmal sein wollen.“ S. 13
10 Jahre später sind die drei Frauen in ihren Mittdreißigern. Die Welt sieht plötzlich ganz anders aus. Cate hat einen Mann kennengelernt, ist schnell schwanger geworden, hat geheiratet und sitzt jetzt in einem Haus in Canterbury, das die Schwiegereltern gekauft haben. Mit dem Baby ist sie überfordert, sie ist einsam, depressiv, ihr Mann arbeitet viel, bemüht sich sie zu verstehen, doch stößt an seine Grenzen. Lissas Schauspielkarriere ist nicht verlaufen, wie sie wollte. Sie hält sich mit Gelegenheitsjobs und Werbespots über Wasser. Hannah hat die Liebe ihres Lebens geheiratet, doch es will nicht klappen mit einem Kind. Nach einer dritten IVF will ihr Mann keine weiter mehr. Sie scheinen alleine mit ihren Schwierigkeiten zu kämpfen, ihre Freundinnen sind mit sich selbst beschäftigt und haben ganz andere Probleme.
Hatten sie sich so ihr Leben vorgestellt? Hatten sie etwas verpasst? Was war mit ihrer Freundschaft passiert? Und dann passiert etwas, was das Dreiergespann beinahe völlig auseinander brechen lässt.
Erzählt wird die Geschichte der drei Freundinnen abwechselnd in Rückblicken, in die Zeit ihrer Haus-WG und etwas danach und in Episoden aus ihrem aktuellen Leben. Es kommen immer alle drei zu Wort, wir verfolgen parallel ihr Leben und ihre Gedanken. Am Ende gibt es dann einen kleinen Ausblick in die Zukunft mit einem Sprung in ihre beginnenden Vierziger.
„Sie sind dankbar für das, was sie haben, weil sie wissen, dass Alter und Krankheit gar nicht mehr so fern sind. (…) Sie haben es bei anderen gesehen, sie haben es verstanden und sind demütig geworden.“ S. 359
Ich fand den Roman großartig, die Abschnitte hatten genau die richtige Länge, die Zeitsprünge erzeugten Spannung und ich mochte die Sprache. Die Charaktere sind sehr authentisch gezeichnet, Hope versucht sie nicht sympathischer zu machen als sie sind, sie haben ihre Ecken und Kanten, ihre Fehler und ihre dunklen Seiten. Natürlich ist dieser Roman ein Roman meiner Generation, ich bin in etwa gleich alt wie die drei Freundinnen, habe mich in ganz vielen Dingen wiedergefunden, sogar ungefähr zur selben Zeit wie die Frauen hier in London gelebt. Am Camden Market war ich oft, ich liebte das London der 90er! Aber auch dieses Gefühl, dass man alles vor sich hat und plötzlich feststellt, dass die Zeit vergangen ist und man nicht sicher ist, ob man nicht etwas verpasst hat und falsch abgebogen ist, ist mir vertraut.
Ein wunderschöner Roman übers Erwachsenwerden, über Freundschaft und über verschiedene Lebensentwürfe von Frauen, sehr menschlich, sehr authentisch und unglaublich schön zu lesen. Ich bin begeistert.











