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Rezensionen von Petris:
Missionare im Kaiser-Wilhelms-Land
Dein ist das Reich von Katharina Döbler
Katharina Döbler erzählt in diesem Roman die Geschichte ihrer Vorfahren. Ihre Großeltern waren Missionare im Kaiser-Wilhelms-Land (heute ein Teil Neuguineas). Der eine Großvater als Priester, der andere als Verwalter einer Plantage der Mission. Sehr ausführlich wird der Alltag der Großeltern beschrieben, auch wie sie dazu kamen, die Geburt der Kinder, ihr Aufwachsen, die Schwierigkeiten im ersten Weltkrieg, die Internierung im zweiten Weltkrieg.
Das ist durchaus interessant zu lesen, wenngleich auch oft ein wenig zu detailreich. Was mich irritiert hat ist, dass genau so ausführlich auch die Vorurteile gegenüber den Einheimischen ausgebreitet werden, ungefiltert, aus Sicht der Missionare und Weißen mit ihrer kolonialistischen Weltsicht, dem Glauben auf einer höheren Stufe zu sein und den Einheimischen durch Mission (und Ausbeutung) Gutes zu tun. Das wird nur ab und zu aus dem Off von der Enkelin kommentiert, allerdings lediglich, indem sie betont, wie sehr sie sich davon schon früh distanziert hat.
Die Lebensgeschichten der Großeltern, eingebettet in ihre Herkunft aus einem konservativen Nest, geprägt vom Glauben, aber auch ihre Umwege und Ausbruchsversuche stellen tatsächlich einen interessanten Stoff dar. Deshalb liest man das Buch auch zu Ende, selbst wenn es sich stellenweise ziemlich zieht. Was es schwer macht ist einerseits die sehr trockene, sachliche Erzählweise, die nichts kommentiert oder einordnet und einfach auch Längen hat. Wollte die Autorin damit ihre Distanz aufzeigen? Für mich ist dieses Konzept nicht ganz aufgegangen.
Was mir gefehlt hat sind Einordnungen, auch Erklärungen, vielleicht sogar ein wenig mehr Verständnis für die Entscheidungen der Großeltern, die in ihrem Rahmen einfach oft nur Kinder ihrer Zeit waren. Vielleicht auch ein wenig Verzeihung oder überhaupt ein wenig mehr Emotionalität.
Der Stoff war wirklich spannend, doch leider ist für mich die Umsetzung nicht aufgegangen. Einerseits zu distanziert, andererseits zu wenig Distanz der eigenen Familiengeschichte gegenüber. Ich bin ganz froh, dass ich es jetzt zur Seite legen kann.
Zwischen Deutschland und Georgien
Laudatio auf eine kaukasische Kuh von Jodl Angelika
Olga ist Deutsche, so fühlt sie sich auch. Sie studiert Medizin, steht kurz vor ihrer letzten Prüfung. Sie hat einen festen Freund, ebenfalls Mediziner, mit dem sie eine gemeinsame Zukunft plant. Er ist nett, zugewandt, attraktiv und, für sie ein wichtiges Argument, sein Nachname hat nur zwei Silben.
Denn Olga heißt Evgenidis, ihre Familie stammt aus Georgien, spricht einen alten Dialekt, küsst Ikonen und verheiratet Frauen jung. Olga kann mit all dem nur wenig anfangen und freut sich über ihr Leben mit Felix und als Ärztin.
Eine Grundlage, auf der man einen wunderbaren Roman über Rassismus, über Akzeptanz, auch über Identität erwarten würde. So beginnt er auch. Doch dann tritt Jack auf. Das genau Gegenteil von Felix, unstet, immer knapp bei Kasse, begabt, aber ohne Plan,… Schon sein erster Auftritt, als er Olga einfach in den Zug folgt, finde ich weniger romantisch, sondern eher bedenklich. Für mich ist das Stalking. Doch Jack ist so anziehend, so attraktiv. Der darf das, denn Olga fühlt sich von Anfang an angezogen.
Auch die Geschichte der Familie wird immer klischeehafter, als dann plötzlich alle nach Georgien müssen, wird es nicht besser. Es ist schön, etwas über dieses spannende Land zu lesen, doch bleibt alles sehr an der Oberfläche und bedient vor allem Klischees.
Nachdem ich mich trotz allem über große Strecken hinweg sehr gut unterhalten gefühlt habe, gibt es von mir vier Sterne. Für drei hatte ich dann einfach zu viel Vergnügen an der Lektüre, trotz aller Schwächen.
Ein durchwachsener Roman, der sich nicht ganz entscheiden konnte, ob er Kitsch oder lieber doch Literatur werden wollte. Rosamunde Pilcher mit einer Prise Multikulti.
Ein Frauenleben
Die Beichte einer Nacht von Marianne Philips
Es ist Nacht in der Nervenheilanstalt. Alle schlafen, die einzige ruhige Zeit des Tages im Saal mit den Frauen, die an den unterschiedlichsten psychiatrischen Störungen leiden. Vielleicht wurde die eine oder andere aber auch einfach nur hierher abgeschoben. Eine Schwester hält Nachtwache, die Zeit vertreibt sie sich mit Stricken.
Eine der Patientinnen, Heleen kann nicht schlafen, dafür kann und will sie endlich reden. Wenn sie beim Arzt ist, verstummt sie, nichts bringt sie mehr heraus. Heute aber setzt sie sich zur Nachtschwester, bittet sie, bleiben zu dürfen. Dann beginnt sie in einem Monolog zu erzählen, ihre ganze harte Lebensgeschichte voller Höhen und Tiefen. Warum sie in der Klinik ist wird immer wieder angedeutet, etwas Schreckliches muss passiert sein, und es hat mit ihrer kleinen Schwester Lentje zu tun.
Vom ersten Wort an gefesselt folgen wir der Erzählerin durch ihr Leben. Klar und sachlich, gleichzeitig hochliterarisch erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Wir leiden mit ihr mit, haben Hoffnung, wenn es besser wird, wollen sie schütteln und aufwecken, als sie sich immer mehr in ihren Ängsten und ihrem Minderwertigkeitsgefühl verliert.
Dass dieser Roman in vergangenen Zeiten spielt wird schnell klar, denn große Schlafsäle in Nervenkliniken gibt es schon lange nicht mehr. Dennoch wirkt er zu keiner Sekunde unmodern oder nicht mehr relevant, im Gegenteil. Er berührt auch heute noch und reißt mit.
Im sehr interessanten Nachwort aus der Feder der Enkelin erfahren wir auch:
„Meine Großmutter war zu ihrer Zeit eine schwer zugängliche Autorin, ihr Schaffen wurde bewundert und geschmäht, (…) Anders als um 1930 ist in der gegenwärtigen Literatur die Erkundung der Psyche bis in die letzten Winkel keine Seltenheit mehr, und der Roman „Die Beichte einer Nacht“ ist heute, gut neunzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen, noch immer modern. Marianne Philips war ihrer Zeit voraus und kann nach wie vor als interessante Autorin gelten.“ S. 276
Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich kann diesen fesselnden und berührenden Roman nur wärmstens empfehlen.
Drei Freundinnen
Drei Kameradinnen von Shida Bazyar
Hani, Kasih und Saya kennen sich schon lange. Sie sind zusammen aufgewachsen in „der Siedlung“, kein richtiges Ghetto, aber doch eine Ansammlung von Menschen „wie ihnen“. Woher ihre Eltern genau stammen erfahren wir nie, das tut auch nichts zur Sache, führt uns nur vor Augen, wie gerne wir einordnen und in Schubladen stecken.
Das passiert aber auch so. Kasih ist die Erzählerin und macht das mit einer ungewöhnlichen Erzählweise. Sie schreibt sich in einer Nacht von der Seele, was passiert ist. Wie sich die drei Freundinnen anlässlich der Hochzeit einer Schulkollegin wiedergetroffen haben, wie sie zusammen gelacht haben, sich erinnert haben, sich um die anderen Sorgen gemacht haben, aber auch einmal mehr daran erinnert wurden, wie sehr Alltagsrassismus ihr Leben bestimmt. Bewusst hat die Autorin dafür drei „Vorzeigemigrantinnen“ gewählt, sie haben studiert bzw. einen gut Job, aber so sehr sie sich anstrengen, so sehr sie sich anpassen, immer wieder kommen diese verletzenden und beängstigenden Momente, die Hürden, die ihnen in den Weg gelegt werden und vor allem das Unverständnis, wenn sie versuchen all das aufzuzeigen. Das in dieser Intensität zu lesen, tat richtig weh. Weil man genau weiß, so ist es, da sind die Morde der rechten Szene und wie mit ihnen umgegangen wird dann sozusagen „nur“ die Spitze des Eisberges.
Kasih erzählt all das in einer Nacht. In der Nacht bevor Saya aus dem Gefängnis entlassen werden soll, in dem sie saß, weil sie angeblich verantwortlich war für einen Brandanschlag mit vielen Toten. Wie es dazu kam, was in den Tagen davor wirklich geschah, gespickt mit Erinnerungen an die gemeinsame Jugend, Einblicken in den Alltag Kasihs und Wissenswertem zum Thema Rassismus und NSU-Prozess, nimmt uns die Autorin mit auf diese atemlose Reise.
„Drei Kameradinnen“ ist ein Roman, der mich auf allen Ebenen überzeugt hat. Ich mochte die Erzählperspektive sehr, fand den Rhythmus großartig und sehr mitreißend, ich fand ihn sprachlich perfekt auf den Punkt, die Charaktere wunderbar ausgearbeitet, das Thema sehr eindringlich und berührend umgesetzt und die Geschichte einfach perfekt erzählt. Für mich ein Lesehighlight 2021!
Ein Sommer, der alles verändert
Der große Sommer von Ewald Arenz
Frieders Sommer sieht wenig vielversprechend aus. Während seine ganze kinderreiche Familie zum Campingurlaub fährt, muss er zu Hause bleiben, um für die Nachprüfungen zu lernen, Mathe und Latein. Und das noch dazu bei seinem strengen, unnahbaren Großvater, der gar nicht sein richtiger Großvater ist.
Das sieht wirklich nicht gut aus. Einziger Lichtblick, seine Schwester und beste Freundin Alma bleibt auch in der Stadt, weil sie ein Praktikum macht. Und auch der beste Freund Johann würde die meiste Zeit da sein.
Doch dann war plötzlich alles ganz anders, er war gar nicht den ganzen Tag eingesperrt, sondern hatte die Nachmittage frei, sein Großvater besorgte ihm einen Ferialjob und er begegnete Beate und mit ihr zum ersten Mal der Liebe. Doch es ist auch ein Sommer der Verluste und schwerer Entscheidungen, ein Sommer der Jugend und einer des Erwachsenwerdens.
Es ist gar nicht so einfach, einen Roman zu beurteilen, in dem so viele Themen angesprochen werden, die einem vertraut sind, wenn man sich der Geschichte und den Protagonisten*innen so nahe fühlt, weil einem so vieles bekannt ist. Das beginnt mit der Farbe „Flaschengrün“, die meine Lieblingsfarbe ist und die immer wieder vorkommt und vom Verlag sehr schön auch im Vorsatzpapier und im Lesebändchen zitiert wird, das sind die Sommer im Freibad mit den Mutproben am Sprungturm, das ist die erste Liebe in einem dieser Sommer, das ist aber auch der frühe Verlust von einem geliebten Menschen, auch in einem Sommer, und der Ausnahmezustand danach, auch die Faszination für Friedhöfe teile ich, der Umgang mit Sterbenden ist mir vertraut und auch wie schwer es zu entscheiden ist, was zu tun ist, wenn jemand im nächsten Umfeld eine psychische Krise hat. Das alles kommt vor und ruft Erinnerungen wach.
Der Autor geht mit all diesen Themen sehr differenziert und feinfühlig um, ich fand sie ganz wunderbar in die Geschichte eingewoben. Und mochte, wie er diesen Sommer erzählt.
Ein Highlight ist natürlich auch die hochwertige Aufmachung des Romans. Es gibt keinen Schutzumschlag, dafür ist der Einband reliefartig gestaltet, man kann die Seifenblasen fühlen und der Titel ist geprägt. Das farbige Vorsatzpapier und das dazu passende Lesebändchen runden das Ganze ab. Sehr schön, sehr hochwertig, ein Buch zum Streicheln.
Mich hat der Roman sehr berührt, ich fand ihn schön zu lesen und er hat viele Erinnerungen wach gerufen. Eine schöne Neuerscheinung in diesem Jahr!
Frauenleben in Südkorea
Kim Jiyoung, geboren 1982 von Cho Nam-Joo
Die Autorin sagt im Nachwort zu dem Roman: „Immer wieder geht mir durch den Kopf, dass irgendwo da draußen eine Kim Jiyoung lebt. Wahrscheinlich, weil sie meinen Freundinnen, Bekannten und mir selbst ähnelt. (…) Ich glaube, sie hat eine entsprechende Entschädigung und Aufmunterung nötig. Sie sollte noch mehr Chancen und Auswahlmöglichkeiten bekommen.
“
In ihrem Roman erzählt Cho Nam-Joo die Geschichte von Kim Jiyoung. Sie ist nicht in den 30er- oder 50er-Jahren geboren, sondern 1982. Doch manches, was ihr widerfährt, die systematische, tief in der Gesellschaft verankerte Frauenfeindlichkeit, klingt nach einem anderen Jahrhundert. Das beginnt schon damit, dass der Bruder immer die besten Stücke vom Essen bekommt, als einziger nicht bei der Hausarbeit helfen muss, das setzt sich in der Schule fort, wo Mädchen strengere Regeln für ihre Schuluniformen haben und diskriminiert werden. Im Job sind es die Männer, die die gut bezahlten Stellen bekommen, Frauen müssen sich Grapschereien, anzügliche Bemerkungen und schmierige Witze gefallen lassen. Auch wenn man zwischendurch denkt, es würde aufwärts gehen, Gesetze zur Gleichstellung entstehen, spätestens, wenn es dazu kommt, eine Familie zu gründen, sitzt die Frau wieder in der Falle. Fazit: Egal, was sie macht, sie kann es nie richtig machen. Bei Jiyoung führt das nach der Geburt ihrer Tochter zu einem Zusammenbruch. Damit beginnt der Roman und dann wird die Geschichte von vorne aufgerollt.
Die Zustände, die wir lesen, sind bedrückend und erschütternd. In sehr sachlichem Ton, gespickt mit Statistiken und Wissenswertem zum Thema Frauen in Südkorea erzählt die Autorin Jiyoungs Geschichte. Damit bildet sie ab, wie selbstverständlich und normal diese Missstände für die Frauen selbst sind. Immer wieder begehrt eine mutige Mitschülerin, Mitstudentin oder Arbeitskollegin auf, doch es ist schwer, gegen die selbstverständliche, schlechte Behandlung von Frauen anzukommen.
Mich hat der Roman berührt und mitgerissen. Es war interessant in diese, mir sehr fremde Welt extremen Leistungsdrucks einzutauchen. Die Autorin fesselt von der ersten Seite an, erzählt, erklärt, nimmt den:die Leser:in mit in eine andere Kultur. Ich war schockiert, freute mich, wenn es für Jiyoung aufwärts ging und war erstaunt, mit wie viel Freude und Kraft sie trotz allem durchs Leben ging.
Gleichzeitig ist es für mich auch ein Aufruf, auch in unserer Gesellschaft, weiter für die Gleichberechtigung von Frauen, gegen Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung einzustehen. Auch Österreich zählt zu den Ländern, in denen Gender Pay Gap und Gender Care Gap sehr weit auseinander klaffen.
So hoffe auch ich, wie die Autorin für ihre Tochter hofft: „Ich glaube, die Welt, in der sie (meine Tochter) leben wird, wird besser sein als meine, und dafür kämpfe ich. Ich hoffe, alle Töchter dieser Welt können noch größer, höher und weiter träumen.“
Tina Modotti und Mary S. Rosenberg
Sie haben mich nicht gekriegt von Felix Kucher
Tina Modotti hat einen schweren Start ins Leben, aus bitterarmen Verhältnissen stammend muss sie schon als Kind in der Seidenspinnerei arbeiten, um die Familie zu ernähren. Der Vater ist nach Amerika ausgewandert, es will und will aber kein Geld kommen und auch keine Schiffspassagen, um die Familie nachzuholen.
Tina sieht keine Zukunft in Europa, sie beschließt selber auszuwandern. Ihr Leben nimmt einen überraschenden Verlauf. Erst Bohemien, Geliebte von Künstlern und verarmten Adeligen, bekannte femme fatale, von allen begehrt, erfolgreiche Fotografin, dann immer mehr glühende Kommunistin, die von der Revolution träumt und sich für sie einsetzt. Sie ist in Mexiko, in Spanien, organisiert Spendenaktionen, baut Krankenhäuser auf, koordiniert Flüchtlingstrecks und gerät dabei selbst zwischen die Fronten und sieht ihren Idealismus immer mehr verraten.
Mary S. Rosenberg hingegen hat ganz andere Träume. Im beschaulichen, langweiligen Fürth als Tochter eines Buchhändlers aufgewachsen, träumt sie davon, Medizin zu studieren. Doch der Vater will nichts davon wissen. Zwei seiner Kinder studieren bereits und irgendwer muss doch die Buchhandlung übernehmen. Lange Zeit kämpft Marie dagegen an, doch sie liebt Bücher und bringt frischen Schwung in den Laden. Lange Zeit kann sie nicht glauben, dass die Nazis nicht nur ein vorübergehender Spuk sind, sie will es aussitzen. Auch weil ihre Mutter nicht aus Fürth weg will. Marie zögert, bis es nicht mehr geht. Ihr Ziel: Amerika. Der Neuanfang dort ist nicht einfach, sie möchte bei ihren Büchern bleiben und schließlich hat sie eine zündende Idee, deutsche Bücher für die vielen deutschen Geflüchteten und Auswanderer.
Beide Frauen haben wirklich gelebt, ihre Leben bilden das tragische, chaotische und gewalttätige beginnende 20. Jahrhundert ab. Aber es ist auch ein Jahrhundert der Utopien, der neuen Rechte für Arbeiter, ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung der Frauen. Anhand der Leben von Tina Moretti und Mary S. Rosenberg erhalten wir Einblick in eine Zeit, von der wir zwar viel wissen, die aber hier von Felix Kucher noch einmal zum Leben erweckt wird. Eine spannende Zeit, aber auch eine tragische Zeit.
Dem Autor gelingt es hervorragend, die Leben dieser beiden so unterschiedlichen Frauen zu verbinden, es wird immer abwechselnd erzählt, man kann gut folgen, stilistisch verbindet er sie, indem er beim Übergang ähnliche Elemente verwendet, ein Läuten an der Tür zum Beispiel, eine Tasse Tee,… Im Roman lässt er die beiden ein paar Mal aufeinander treffen, ohne dass sie sich wirklich begegnen. Möglich wäre es gewesen!
Ich konnte den Roman nicht mehr aus der Hand legen, habe ihn verschlungen, bin fasziniert von diesen beiden starken Frauen und ihrer Zeit und habe viel dazu gelernt zum Thema Kommunismus, 30er Jahre, Buchwelt,…
Spannende Lektüre mit ganz viel Hintergrund bei dem Timing, Erzähweise, Inhalt und Rhythmus einfach passen. Sehr lesenswert!
Roadtrip durchs Baskenland
Die lustlosen Touristen von Katixa Agirre
Katixa Agirre nimmt uns in ihrem Roman mit auf einen Roadtrip durchs Baskenland. Es herrscht eine eigenartige Stimmung. Noch werden die ETA-Gefangenen von manchen als Märtyrer gefeiert, der Umgang des spanischen Zentralstaats voller Willkür und Gewalt macht das nicht besser. Ulia, selbst Baskin, lebt in Madrid und hält Abstand zu diesen Konflikten.
Nach einer Stimmbandzyste kann die ausgebildete Sängerin nicht mehr singen und wendet sich der Musikwissenschaft zu. Ihr Doktoratsthema ist der Pazifismus Benjamin Brittens, dessen Geschichte die Autorin immer wieder in den Roman einfließen lässt. Unterwegs in ihrer alten Heimat, dem Baskenland, ist Ulia mit ihrem Lebensgefährten Gustavo, einem Juristen. Er ist gebildet, interessiert und attraktiv. Kennengelernt haben sie sich am 11. März 2004, dem Tag der Anschläge in Madrid. Auch sie waren in einer U-Bahn auf dem Weg nach Atocha, hatten aber Glück. Ein Unglückstag, der für sie der Anfang einer glücklichen Beziehung wurde.
Mit auf dieser Fahrt ein Geheimnis. Es gibt da etwas, was Gustavo nicht weiß und Ulia versucht, den richtigen Moment zu finden, es ihm mitzuteilen. Wird es gelingen? Und was hat es mit der Journalistin Sarah auf sich, die ihnen ständig wie zufällig im Baskenland begegnet?
Katixa Agirre gelingt es hervorragend, das spanische Leben in Madrid, aber auch die Stimmung im Baskenland kurz vor dem Ende des ETA-Terrors einzufangen. Gleichzeitig macht sie Lust, sich aufzumachen und selbst dieses kulturell, geschichtlich, landschaftlich und kulinarisch so spannende Land zu bereisen. Ihre Charaktere zeichnet sie sehr genau. Wie bei einem richtigen Kennenlernen kommen wir ihnen immer näher und lernen nach und nach auch ihre Ecken und Kanten und Abgründe kennen.
Das alles erzählt sie in locker, leichter Sprache, das Spanische klingt durch und ist großartig übersetzt. Dabei wird es nie banal oder oberflächlich. Auch die Teile, in denen uns Ulia von Britten erzählt sind gut gesetzt und spannend zu lesen.
Ein sehr lesenswerter, unterhaltsamer Roman mit viel Tiefgang, der für seine Kürze wirklich viel Inhalt hat. Ich mochte ihn sehr und kann ihn wärmstens empfehlen.
Die Welt der Hannah Arendt
Was wir scheinen von Keller Hildegard E.
Hannah Arendt ist alt geworden, ihr Mann bereits gestorben, der Geist noch wach, doch das Schreiben wird schon mühsam. Ein letztes Mal fährt sie in das Tessiner Dorf Tegna. Sie trifft dort alte Bekannte und vor allem lässt sie sich in ihren Erinnerungen treiben. Sie erinnert sich an die Flucht, an die vielen Schriftsteller, Intellektuellen und Philosophen, die sie in ihrem Leben getroffen hat.
Sie nimmt uns mit auf ihren Einsatz als Reporterin beim Eichmann-Prozess in Israel. Sie denkt an Freunde und Familie. Sie erinnert sich an ihre Arbeit als Professorin.
Das alles wird scheinbar mühelos von der Autorin erzählt und in eine schöne Geschichte verpackt. Man nimmt ihr ab, dass es Hannah Arendt selbst ist, die hier spricht und denkt. Die Autorin hat nicht nur die Hintergründe hervorragend recherchiert und ist zu Hause in Arendts Werk und Leben, sie bringt sie dem*der Leserin in diesem Buch der Erinnerungen auch nahe und erzählt eine stimmige Geschichte.
Hannah Arendt fasziniert mich schon seit längerer Zeit, es ist schön, sie hier in diesem Roman noch besser kennenzulernen. Ich bin begeistert und fasziniert und habe das Buch mit sehr viel Interesse und Freude gelesen.
Leben im Kloster am See
Aus der Mitte des Sees von Moritz Heger
Lukas ist Ende dreißig, er lebt als Mönch in einer idyllisch gelegenen Benediktiner Abtei. Er ist der jüngste Mitbruder und seit Andreas, der etwa in seinem Alter war, die Abtei verlassen hat, um mit einer Frau zusammen zu leben, fühlt er sich manchmal einsam. Er beneidet ihn nicht und doch lässt ihn sein Fehlen nochmal reflektieren, warum er überhaupt im Kloster ist.
Im Mittelpunkt steht dabei immer der See mit seinem Privatsteg fürs Kloster. Dort finden Begegnungen statt, dort reflektiert Lukas, dorthin geht er jeden Tag, um zu schwimmen. Der See spendet Ruhe und ist auch ein Spiegel, des Lebens und der Seele.
Lukas lässt uns teilhaben am Alltag der Mönche, an ihren Tagesabläufen. Er lässt uns einige der Mitbrüder näher kennenlernen, mit ihren Schrullen, aber auch ihren interessanten und einzigartigen Eigenschaften. Man bekommt Einblick in ein Leben, das zugleich fremd und auch faszinierend ist.
Im Kloster steht die Wahl des neuen Abtes an, Lukas ist im Gespräch, soll er sich dieser Verantwortung stellen? Und dann taucht auch noch Sarah auf, Schauspielerin, voller Energie und Leben. Und wie Lukas eine begeisterte Schwimmerin. Es ist ein Sommer, der Entscheidungen fordert und Veränderungen ahnen lässt.
Sprachlich war dieser Roman sehr schön zu lesen, man taucht ein in das Klosterleben, der Vulkansee mit seinen besonderen Stimmungen wird lebendig und man will wissen, wie sich Lukas entscheiden wird. Der Autor, der selber immer wieder Auszeiten im Kloster nimmt, bringt dem Alltag der Mönche und ihrer Gemeinschaft viel Respekt entgegen, das schwingt in seinen Zeilen mit und lässt einen das Klosterleben mit neuen Augen sehen.
Ich mochte auch sehr, wie die Charaktere gezeichnet waren, vielschichtig, mit Ecken und Kanten, interessant sie kennenzulernen und sehr glaubwürdig.
Ein schöner Roman zu einem interessanten Thema, der mir sehr gut gefallen hat, lediglich das Ende konnte mich nicht ganz überzeugen, das schien mir dann doch zu mutig, aber wer weiß, vielleicht gibt es das ja tatsächlich!











