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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Petris:

Von Trauer, Freundschaft und Schuld

Der Mauersegler von Jasmin Schreiber

Prometheus ist auf der Flucht, mit erstem Name heißt er eigentlich Marvin, doch schon als Kind hat er durchgesetzt, mit seinem zweiten Namen angesprochen zu werden. Er ist Arzt, und irgendetwas ist passiert. Er fühlt sich schuldig, und er muss auch tatsächlich Schuld auf sich geladen haben, denn bevor er seine SIM-Karte zerstört, erfährt er noch, dass die Polizei nach ihm sucht.

Ist es der Tod seines besten Freundes? Ist er dafür verantwortlich? Sein Versuch, ins Meer zu fahren, geht schief, er wird von zwei alten Frauen aufgelesen und findet Unterschlupf auf ihrem Pferdehof und dort Raum und Zeit, sich seiner Schuld zu stellen.
Sehr emotional erzählt Jasmin Schreiber diese Geschichte, lebendig wird sie auch durch die vielen Naturbeobachtungen, die sie einflicht. Es ist eine Geschichte von Freundschaft, von starken Frauen, von Schuld, von Punkten, an denen jemand falsche Entscheidungen trifft, von „gut gemeint“, das schrecklich schief gehen kann, aber auch von Verzeihung. Sie wechselt zwischen Rückblicken in die Vergangenheit, Naturbeobachtungen, Prometheus aktueller Innenschau und kurzen Dialogen zwischen den beiden Frauen, die Prometheus aufgelesen haben, ab. Es sind Szenen der engen Freundschaft von Jakob und Prometheus als Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Erinnerungssplitter, die Prometheus nicht verdrängen kann und Szenen der großen Trauer, Schuld und Verzweiflung, in der sich Prometheus aktuell befindet.
Der Roman ist schön zu lesen, ich konnte ihn nicht mehr weglegen, wollte herausfinden, was wirklich passiert war. Ich mag Jasmin Schreibers Sprache und finde wie schon bei „Marianengraben“, dass sie eine sehr begabte Autorin ist.
„Marianengraben“ hat mich vom Thema her noch etwas mehr begeistert, aber auch „Der Mauersegler“ ist wieder ein sehr lesenswerter Roman. Ich werde ihn wärmstens weiterempfehlen.

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Der Restaurator als Fälscher

Rochade von Reinhard Tötschinger

Der Roman spielt in einer nahen Zukunft, 2022, der junge Kanzler (Ähnlichkeiten mit dem tatsächlichen österreichischen Kanzler, sowie diverser anderer Persönlichkeiten sind gut gelungen!) hat viel erreicht. Medien, Gerichtbarkeit, Demonstrationsrecht sind noch weiter eingeschränkt, der Wille des Kanzlers ist Befehl.

Clemens Hartmann, Chefrestaurator im Kunsthistorischen Museum, bekommt das zu spüren. Der nach einem Attentat schwer beschädigte Vermeer „Die Malkunst“ soll in einer Rekordzeit restauriert werden, weil ihn der Kanzler in seinem Büro hängen haben will. Ähnlich wie ihn Hitler für sich beansprucht hatte. Doch Hartmann findet, dass das Gemälde der Allgemeinheit gehört, die Idee, eine Kopie für den Kanzler anzufertigen, wird jedoch abgelehnt. Soll er sich widersetzen? Die Kopie heimlich anfertigen? Wie soll das gehen? Doch auch sein Assistent findet diese Idee gut. Wird es gelingen? Werden sie sich trauen?
In seinem sehr spannenden, sehr schön erzählten Roman nimmt uns Tötschinger mit in die Welt der Kunst. Er spart nicht an Kritik an der Gesellschaft, an den politischen Tendenzen und an einer Welt, in der es nur um Optimierung und Zahlen geht. Doch das lässt er wie nebenher in seine Geschichte einfließen, ohne dass der Erzählfluss darunter leidet. Zwischendurch wird auch die Geschichte des Gemäldes erzählt und wir erfahren am Rande auch noch etwas über Naziraubkunst und Restitution. All diese Teile fügen sich zu einem schönen Roman voller Hintergrundwissen und lebendig gezeichneten Charakteren.
Mich hat „Rochade“ auf allen Ebenen überzeugt. Das Buch ist unglaublich spannend zu lesen, sprachlich gelungen und voller interessanter Themen. Lesegenuss pur!

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Das Gute im Menschen

Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte

Martin ist 11 Jahre alt und hat ein schweres Leben hinter sich. Er besitzt nichts, er hat niemanden, der sich um ihn kümmert, nur sein schwarzer Hahn steht ihm zur Seite, wärmt ihn, hört ihm zu und spricht mit ihm. In einer Wahnsinnstat hat sein Vater die ganze Familie ermordet, nur Martin hat überlebt.

Seither ist er dem Dorf unheimlich, denn trotz der schweren Geschichte ist er ein guter Mensch, immer freundlich. Und klug noch dazu. Täglich führt er ihnen alleine durch seine Existenz vor Augen, dass sie ihn alleine gelassen haben, dass sie nicht für ihn da waren, dass niemand bereit war, ihn aufzunehmen. Als eines Tages ein Maler ins Dorf kommt, weiß Martin nur eines: Er wird mit ihm gehen. Und er wird sich auf die Suche machen nach dem Geheimnis der verschwundenen Kinder, die jedes Jahr von dunklen Reitern entführt werden. Und er wird wiederkommen, um Franzi zu holen, die zweite gute Seele in seinem Dorf.
Damit beginnt eine abenteuerliche Reise, auf der Martin die Abgründe der Menschen noch besser kennenlernen wird. Immer an seiner Seite – der Hahn.
Dieser Roman ist sehr ungewöhnlich, er spielt in einer nicht genau benannten Gegend in einer alten Zeit vor der Industrialisierung, man würde die Geschichte wohl im Mittelalter einordnen. Doch mit der Zeit nimmt die Geschichte immer märchenhaftere Züge an, der Hahn spricht wirklich, nicht nur in Martins Vorstellung, die Kinder werden von einer bösen, alten Fürstin entführt, gleich der Hexe oder bösen Stiefmutter im Märchen. Und die Figuren (bis auf einige wenige) sind entweder böse oder gut. Wobei das Böse eindeutig im Vordergrund steht.
Mich hat das irritiert, weil für mich nicht ganz klar war, was der Roman eigentlich sein will – Märchen? Oder doch eine Schilderung der „alten Zeiten“? Eine Gleichnis über das Gute und Böse? Für mich hat sich das bis zum Schluss nicht ganz geklärt. Auch sprachlich glitt es dafür manchmal zu sehr in modernes Deutsch ab. Zudem erinnerte mich der Roman sehr an „Halbbart“ von Charles Lewinsky, den ich sowohl sprachlich als auch inhaltlich wesentlich dichter, vielschichtiger und besser fand.
Auf alle Fälle ist „Junge mit schwarzem Hahn“ ein ungewöhnlicher, gut geschriebener Roman, den ich mit großem Interesse gelesen habe. Zur vollen Sterneanzahl hat es allerdings nicht gereicht.

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Zu wenig Substanz

Auszeit von Hannah Lühmann

Henriette fällt nach einer Abtreibung in eine Depression. Ihre patente Freundin Paula hat die gute Idee, mit ihr gemeinsam eine Woche in einer Hütte zu verbringen. Eine Auszeit, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Das scheint zwischendurch auch gut zu klappen. Henriette schreibt sogar an ihrer Dissertation, die eine Kulturgeschichte der Werwölfe zum Thema hat (irgendwann ist das der spannendste Part im Roman!).

Doch schnell wird klar, Henriettes Probleme kommen nicht nur von der Abtreibung. Sie war schon immer so, konnte sich nicht begeistern, konnte sich nicht entscheiden, hatte keine Energie. Die depressive Stimmung beherrscht sie ihr ganzes Leben, professionelle Hilfe hat sie sich nie gesucht. Kurz dachte sie, ein Kind könnte die Rettung sein und treibt dann trotzdem ab. Sie kreist nur um sich, sieht ihre Freundin Paula nicht. Das wird mit den Seiten immer mühsamer, irgendwann nervt es nur noch.
Das Ende kann ich hier nicht verraten, aber ja, Henriette ist eine heillose Egoistin und das, was sie dann aus ihrer Lethargie reißt ist völlig unrealistisch.
Sprachlich fand ich den Erzählton nicht schlecht, aber der Roman hat einfach insgesamt zu wenig Substanz als dass ihn das retten könnte. Selbst für die wenigen Seiten reicht die Geschichte einfach nicht aus.
Ein Roman, der nicht schlecht beginnt, aber immer mehr stecken bleibt. Muss man definitiv nicht lesen!

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Szenen einer Ehe

Der Brand von Daniela Krien

Daniela Krien hat mich schon 2019 mit ihrem Roman „Die Liebe im Ernstfall“ begeistert. Sie versteht es, Geschichten zu erzählen, sie besitzt unglaublich viel Einfühlungsvermögen, ihre Charaktere besitzen Tiefgang und haben Ecken und Kanten. Sie zeichnet sie facettenreich, ohne zu urteilen und mit viel Ehrlichkeit.

Darauf war ich auch in ihrem neuen Roman gespannt.
Erzählt wird die Geschichte eines Ehepaares, Rahel und Peter. Sie sind seit vielen Jahren verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder, die Tochter früh Mutter geworden, leidenschaftlich und etwas verpeilt, der Sohn auf dem Weg, Berufssoldat zu werden. Rahel ist Therapeutin, Peter Professor für Literaturwissenschaft an der Uni. Für den Sommerurlaub haben sie eine schöne Hütte gebucht, doch kurz vor dem Urlaub erfahren sie, dass genau ihre Hütte abgebrannt ist. In Zeiten der Pandemie ist es unmöglich etwas Vergleichbares noch kurzfristig zu finden. Da meldet sich Ruth, eine alte Freundin der verstorbenen Mutter Rahels, die jemand sucht, der sich um Haus und Tiere kümmert, während sie ihrem Mann, der einen Schlaganfall hatte, zur Reha begleitet. Rahel sagt zu. Drei Wochen verbringen sie in Ruths Haus. Drei Wochen, in denen wir ihre Beziehung näher kennen lernen, ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken. Die Kinder kommen zu Besuch, Fragen tauchen auf, Rahel und Peter, die sich in letzter Zeit voneinander entfernt hatten, nähern sich vorsichtig an.
Das alles wird unglaublich ehrlich und zugleich schön erzählt. Es sind Menschen, die nicht immer perfekt sind, es ist eine Ehe, die lange gehalten hat, die Höhen und Tiefen hat und deren große Stärke wohl ist, ehrlich zueinander zu sein, auch in weniger guten Zeiten, den Kontakt zu suchen und das Gespräch und wo immer es möglich ist, den:die Partner:in so sein zu lassen, wie er:sie ist.
Der Roman war sehr schön zu lesen, unaufgeregt und doch in keiner Sekunde langweilig. Und er hatte etwas Entlastendes, in so mancher Schwäche konnte ich mich wiederfinden, aber auch darin, wie es den beiden gelingt, eine lange Beziehung lebendig zu halten.
Ein Buch, das sowohl sprachlich, als auch von der Struktur und der Figurenzeichnung her überzeugt. Für mich ein Lieblingsbuch 2021!

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Gute Unterhaltung mit Tiefgang

Wir für uns von Barbara Kunrath

Im Klappentext wird eine Geschichte beschrieben, in der zwei sehr unterschiedliche Frauen zufällig aufeinander treffen und sich anfreunden und gegenseitig zusammen das finden, was sie bei anderen nicht bekommen können. Das Cover ist sehr schön, aber auch leicht kitschig. Ich mag Romane, in denen Frauen die Hauptrolle spielen, doch hier war ich mir nicht ganz sicher, ob die Geschichte nicht zu trivial sein würde.

Zum Glück war sie das überhaupt nicht. Sehr vielschichtig, ohne die Ecken und Kanten auszulassen und ihre Charaktere besser dastehen zu lassen als sie sind, erzählt Barbara Kunrath hier die Geschichte der Freundschaft zwischen Josie und Kati.
Josefine, genannt Josie ist seit neun Jahren mit einem verheirateten Mann zusammen. Wobei zusammen völlig übertrieben ist, er kommt einmal in der Woche am Abend zu ihr, sie haben Sex, keine Ausflüge, wenige Male zusammen essen gehen,… Warum eine Frau wie Josie sich das antut, ist schwer zu verstehen. Sie sagt, es ist Liebe, wahrscheinlich bleibt der kleine Funke Hoffnung, dass er sich von seiner Frau trennt, doch noch immer aufrecht. Nun ist sie schwanger. Das Kind zu bekommen keine Option, oder vielleicht doch?
Katharina, genannt Kati hat ihren Mann verloren. Sie ist plötzlich alleine. Ihren Sohn Max liebt sie über alles, aber irgendwie fällt es ihnen schwer, das auch zu zeigen. Beim Ausräumen der Sachen ihres Mannes entdeckt sie auch, dass sie nicht alles über ihn wusste. Und der Laden, den sie vor vielen Jahren aufgeben musste, auch auf Druck ihres Mannes, lässt sie nicht mehr los. Sollte sie es nochmal versuchen?
Wie die beiden sich kennenlernen? Ganz zufällig! Josie findet den Ehering von Katis Mann am Friedhof und bringt ihn ihr vorbei. Am Anfang wirkt Kati etwas schroff, aber schön langsam freunden sich die beiden Frauen an, sie mögen sich irgendwie und Kati fasst Vertrauen zu Josie und gibt Josie etwas, was deren Mutter nicht zu geben vermag. Für beide ist es eine Zeit der Veränderung, sie tun sich gut und begleiten sich gegenseitig.
Das alles wird sehr einfühlsam erzählt. Die Charaktere sind grantig, bedürftig, stur, treffen nicht immer die richtigen Entscheidungen. Aber sie versuchen alle, ein gutes Leben zu führen, ihr Glück zu finden. Die Autorin bewertet nicht, sie erzählt einfach. Eine Geschichte, die so oder so ähnlich tatsächlich stattfinden könnte. Ich habe sie sehr gerne gelesen, sie ist unterhaltsam, alles andere als trivial und herzerwärmend.
Große Weltliteratur ist es nicht, aber gute Unterhaltung mit Tiefgang!

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Ein überzeugendes Debüt

In diesen Sommern von Janina Hecht

Janina Hecht ist mit diesem Roman ein überzeugendes Debüt gelungen. Erzählt wird die Geschichte Teresas, die auch die Ich-Erzählerin ist. Dabei wählt sie eine interessante Erzählform. In unterschiedlich langen (oft weniger als eine Seite) Episoden aus den Sommern ihrer Kindheit, Jugend und des Erwachsenwerdens, lernen wir sie und ihre Familie kennen.

Das sind zum Teil schöne Momente, doch in den meisten geht es um die Schwierigkeiten mit dem Vater, der alkoholkrank ist und zur Gewalt neigt. Am Anfang kommt das nur subtil vor, doch wird es immer klarer. Das alles erzählt sie schlicht, nahezu emotionslos und dennoch kommen die starken Gefühle ganz klar durch. Sie verurteilt nicht, sie erzählt einfach. Vom ersten Aufbegehren gegen den Vater, von der Mutter, die es erst sehr spät schafft, den Vater zu verlassen, vom Zwiespalt der Gefühle für den Vater, davon, wie sich die Geschwister gegenseitig unterstützen und Halt geben, aber auch von Dingen, die normal sind beim Aufwachsen.
Das Konzept ist hervorragend gelungen, mich hat diese Geschichte berührt, und ich habe sie mit Spannung gelesen. Obwohl so fragmenthaft erzählt wird, fügen sich die Episoden zu einer ganzen Geschichte, die immer mehr Form annimmt. Ganz klar wird auch, dass die Beziehungen zu gewalttätigen Elternteilen schwierig sind, weil trotz allem eine ganz enge Verbundenheit herrscht und man auch die anderen Seiten kennt, es gibt auch schöne Erinnerungen, und es bleibt in solchen Beziehungen oft sehr lange ein Funke Hoffnung, dass sich etwas ändert (was es selten tut). Eine Stelle, die diese Hoffnung sehr gut beschreibt ist auch auf der Rückseite des Schutzumschlages abgedruckt:
„Mein Vater, wie er ganz ruhig den Tag beginnt, nicht ausgeglichen, aber stabil. Nie schrie er am Beginn des Tages, er ging mit vorsichtigen Schritten, manchmal etwas Weiches in seinem Gesicht. Als hätte sich erst danach etwas verändert, als führten erst der Mittag und der Nachmittag in eine andere Richtung, und an jedem Morgen hätte es die Möglichkeit zu einem anderen Verlauf der Geschichte gegeben, die ich schreibe.“
Ein Roman, der ungewöhnlich ist, der überrascht und der mich sprachlich, mit seiner Struktur und dem Thema überzeugt hat. Sehr lesenswert!

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Rafik Schamis Regenbogenwelt

Mein Sternzeichen ist der Regenbogen von Rafik Schami

Rafik Schami, geboren in Damaskus, seit 1971 lebt er in Deutschland. Er hat einen Doktor in Chemie und ist ein begnadeter Erzähler. Sein Stil verbindet die arabische Erzählkunst mit einem analytischen Blick, blumige Beschreibungen mit klaren Fakten und Erklärungen. Aus dieser Mischung ent- und bestehen seine Erzählungen.

Im neuen Erzählband sind die Geschichten nach Themen angeordnet: Geburtstag, Lachen, Reisen, Geheimnis, Tiere, Sehnsucht.
Die Vorfreude war groß, als ich diesen neuen Erzählband von Rafik Schami entdeckte. Ich habe fast alles von ihm gelesen und liebe seine Bücher. Auf jeden neuen Titel freue ich mich, nur live habe ich ihn leider bisher nicht erlebt. Ich hoffe sehr, dass mir das noch gelingen wird.
Auch im aktuellen Buch findet sich all das wieder, was ich so an diesem Autor schätze. Er schaut tief in die Seele der Menschen. Manche Geschichten wirken fast fantastisch und dennoch haben sie einen wahren Kern. Sie sind romantisch, sie sind gesellschaftskritisch, sie halten uns den Spiegel vor, sie schicken uns auf eine Reise, sie regen zum Nachdenken an, sie spielen in Schamis alter Heimat und in seiner neuen. Nicht alle konnten mich gleich begeistern, aber das ist meist so bei Erzählbänden.
Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, steht im Abschnitt „Reisen“, der Titel: Wie Herr Moritz die Welt bereiste
Nach dem überraschenden Tod seiner geliebten Frau, beschließt Herr Moritz, dem Dorf zu entfliehen und um die Welt zu reisen. Er beginnt erstmal damit, Wanderungen in die nähere Umgebung zu machen. Dabei lernt er John kennen, einen Geflüchteten aus Nigeria. Mit dieser Begegnung beginnt seine Reise um die Welt, nach Nigeria, nach China, nach Persien,… Dabei muss er gar nicht weit weg gehen. Wunderschön erzählt, sehr berührend.
Rafik Schami hat mich wieder mitgenommen in seine Regenbogenwelt voller Weisheit, Freude, Traurigkeit und schöner Erzählkunst. Ich mag diesen Autor einfach und freue mich schon auf weitere Bücher aus seiner Feder.

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Der Junge aus dem Vorort von Brisbane

Der Junge, der das Universum verschlang von Trent Dalton

Autofiktion ist dieses Jahr ein großes Thema. Manches gelingt, vieles geht für meinen Geschmack daneben, weil die Distanz zur eigenen Geschichte fehlt. Dieser Debütroman des australischen Journalisten Trent Dalton ist ein gutes Beispiel dafür, wie es klappen kann.
Aufmerksam auf den Roman wurde ich durch den Klappentext.

Aufgewachsen unter Kriminellen und Drogendealern? Der Babysitter ein verurteilter Mörder? Den Traum, Journalist zu werden verwirklicht? Das klang spannend. Und auch die Leseprobe gefiel mir, ich wollte weiterlesen. Mit dem Buchgewinn klappte es nicht, aber zum Glück gibt es ja noch meine Lieblingsbuchhandlungen. Dann lag der Roman eine ganze Weile auf dem Stapel, weil sich immer wieder andere Bücher vordrängten. Jetzt war es dann aber endlich so weit!
Trent Dalton nennt sein Alter Ego Eli Bell. Wie der Autor selbst wächst er in einer Vorortsiedlung auf. Seine Mutter ist heroinabhängig, ihr Lebensgefährte ein Dealer, beiden gelingt der Entzug, sie bemühen sich um ein normales Leben, was, wenn man dealt und von Verbrechern umgeben ist, nicht so einfach ist. Eli Bell und sein Bruder August, der seit einem traumatischen Vorfall nicht mehr spricht, sind sich gegenseitig Halt, sie sind intelligent, ehrgeizig in der Schule und haben ihre Träume. Ihr Babysitter ist ein verurteilter Mörder, der sie abgöttisch liebt und sich gut um sie kümmert und mit Geschichten und Weisheiten versorgt. Als der Lebensgefährte der Mutter verschwindet, und sie selber im Gefängnis landet, kommen die Brüder zu ihrem Vater, einen Alkoholiker mit Panikattacken und Lesesucht.
Für Eli Bell ist diese Welt völlig normal, er empfindet all das gar nicht traumatisch, ist eher genervt von allen, die ihm „helfen“ wollen. Er hat seinen Traum: Schreiben für The Courier-Mail, eine Zeitung.
Viel davon ist autobiografisch, allerdings ergänzt der Autor seinen eigenen Hintergrund mit den Schicksalen von Menschen, die unter ähnlichen Umständen aufgewachsen sind, erweitert sie mit einer fantastischen Note, einer Prise Humor, einer Krimihandlung, in der es um Gerechtigkeit geht, einer kleinen Liebesgeschichte und viel Optimismus. Der Roman steckt voller Weisheiten, voller Freundlichkeit, ohne auch nur im Geringsten unkritisch zu sein. Der Erzählstimme Eli Bells hört man gerne zu, man kann gar nicht mehr aufhören zu lesen, leidet mit ihm mit, hofft für ihn und seinen Bruder.
Ein schöner, spannender, sehr ungewöhnlicher Roman. Mich hat er begeistert!

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Beste Freundinnen

Die Geschichte von Kat und Easy von Susann Pásztor

Kat und Easy sind fast 16, sie leben in einer langweiligen Kleinstadt und sind beste Freundinnen. Doch sie haben sich fest vorgenommen, dass sie nie so werden wie ihre Mütter, sie wollen einmal frei sein, spannende Leben führen und vor allem für immer Freundinnen bleiben. Kat ist nach außen die mutigere, die die sich traut, die die immer alles durchschaut.

Easy ist die Hübsche, die, mit der alle Jungen flirten wollen, die immer nett ist, die gar nicht mitbekommt, wie sie auf andere wirkt und die, die die Freundschaft mit Kat anspornt mutiger zu sein, Dinge auszuprobieren. Es ist auch das Jahr ihrer ersten großen Liebe, dummerweise für denselben jungen Mann.
Jahrzehnte später, Kat heißt jetzt wieder Katharina, sie ist geschieden, ein erfolgreicher Coach und Betreiberin eines beliebten Blogs. Easy war mehrmals verheiratet, ist in die Kleinstadt zurückgekehrt, hat drei Kind. Ihre Freundschaft hat nicht gehalten, sie haben sich aus den Augen verloren, im Stich gelassen vielleicht?
Easy besitzt ein Sommerhaus auf Kreta, als sie Kats Blog entdeckt, schreibt sie sie an. Und sie verabreden sich zu einem Treffen auf Kreta. Der Abstand ist enorm, ihnen ist bewusst, dass sie über die Vergangenheit reden müssen, doch sie können es nur über Ecken und tauchen erstmal ein in das Leben Kretas. Was war damals wirklich? Warum hat ihre Freundschaft nicht gehalten?
Die ganze Geschichte erzählt die Autorin auf mehrere Weisen. Einmal erzählt sie die Geschichte der Teenager in Rückblicken in der dritten Person, dann erfahren wir von den Tagen auf Kreta mit Kats Erzählstimme und dazwischen werden noch Ausschnitte des Blogs eingefügt, in denen Kat als „Mockingbird“ Fragen ihrer Leser:innen in Briefform beantwortet. Eine davon ist Easy, die sich „Ich-wills-wissen“ nennt. Diese abwechselnde Erzählweise macht das Lesen besonders spannend. Sehr gelungen fand ich auch die Zeichnung der Charaktere, authentisch dargestellt wurde das Leben in den 70ern, aber auch die Zeit auf Kreta wird sehr lebendig erzählt. Dadurch entwickelt das Buch einen Sog, man kann es nicht mehr aus der Hand legen. Natürlich auch, weil man wissen will, was genau zum Bruch führte. Am Ende ist das aber gar nicht mehr so wichtig, es geht vielmehr um die Entwicklung der Frauen, ihre Sorgen und Nöte und Freuden als Teenager, aber auch als erwachsene Frauen.
Ich mochte den Roman sehr, eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, das Leben und auch das Verzeihen. Sehr gelungen!

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