Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Petris:
Zu wenig Substanz
Auszeit von Hannah Lühmann
Henriette fällt nach einer Abtreibung in eine Depression. Ihre patente Freundin Paula hat die gute Idee, mit ihr gemeinsam eine Woche in einer Hütte zu verbringen. Eine Auszeit, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Das scheint zwischendurch auch gut zu klappen. Henriette schreibt sogar an ihrer Dissertation, die eine Kulturgeschichte der Werwölfe zum Thema hat (irgendwann ist das der spannendste Part im Roman!).
Doch schnell wird klar, Henriettes Probleme kommen nicht nur von der Abtreibung. Sie war schon immer so, konnte sich nicht begeistern, konnte sich nicht entscheiden, hatte keine Energie. Die depressive Stimmung beherrscht sie ihr ganzes Leben, professionelle Hilfe hat sie sich nie gesucht. Kurz dachte sie, ein Kind könnte die Rettung sein und treibt dann trotzdem ab. Sie kreist nur um sich, sieht ihre Freundin Paula nicht. Das wird mit den Seiten immer mühsamer, irgendwann nervt es nur noch.
Das Ende kann ich hier nicht verraten, aber ja, Henriette ist eine heillose Egoistin und das, was sie dann aus ihrer Lethargie reißt ist völlig unrealistisch.
Sprachlich fand ich den Erzählton nicht schlecht, aber der Roman hat einfach insgesamt zu wenig Substanz als dass ihn das retten könnte. Selbst für die wenigen Seiten reicht die Geschichte einfach nicht aus.
Ein Roman, der nicht schlecht beginnt, aber immer mehr stecken bleibt. Muss man definitiv nicht lesen!
Szenen einer Ehe
Der Brand von Daniela Krien
Daniela Krien hat mich schon 2019 mit ihrem Roman „Die Liebe im Ernstfall“ begeistert. Sie versteht es, Geschichten zu erzählen, sie besitzt unglaublich viel Einfühlungsvermögen, ihre Charaktere besitzen Tiefgang und haben Ecken und Kanten. Sie zeichnet sie facettenreich, ohne zu urteilen und mit viel Ehrlichkeit.
Darauf war ich auch in ihrem neuen Roman gespannt.
Erzählt wird die Geschichte eines Ehepaares, Rahel und Peter. Sie sind seit vielen Jahren verheiratet, haben zwei erwachsene Kinder, die Tochter früh Mutter geworden, leidenschaftlich und etwas verpeilt, der Sohn auf dem Weg, Berufssoldat zu werden. Rahel ist Therapeutin, Peter Professor für Literaturwissenschaft an der Uni. Für den Sommerurlaub haben sie eine schöne Hütte gebucht, doch kurz vor dem Urlaub erfahren sie, dass genau ihre Hütte abgebrannt ist. In Zeiten der Pandemie ist es unmöglich etwas Vergleichbares noch kurzfristig zu finden. Da meldet sich Ruth, eine alte Freundin der verstorbenen Mutter Rahels, die jemand sucht, der sich um Haus und Tiere kümmert, während sie ihrem Mann, der einen Schlaganfall hatte, zur Reha begleitet. Rahel sagt zu. Drei Wochen verbringen sie in Ruths Haus. Drei Wochen, in denen wir ihre Beziehung näher kennen lernen, ihre Schwächen, aber auch ihre Stärken. Die Kinder kommen zu Besuch, Fragen tauchen auf, Rahel und Peter, die sich in letzter Zeit voneinander entfernt hatten, nähern sich vorsichtig an.
Das alles wird unglaublich ehrlich und zugleich schön erzählt. Es sind Menschen, die nicht immer perfekt sind, es ist eine Ehe, die lange gehalten hat, die Höhen und Tiefen hat und deren große Stärke wohl ist, ehrlich zueinander zu sein, auch in weniger guten Zeiten, den Kontakt zu suchen und das Gespräch und wo immer es möglich ist, den:die Partner:in so sein zu lassen, wie er:sie ist.
Der Roman war sehr schön zu lesen, unaufgeregt und doch in keiner Sekunde langweilig. Und er hatte etwas Entlastendes, in so mancher Schwäche konnte ich mich wiederfinden, aber auch darin, wie es den beiden gelingt, eine lange Beziehung lebendig zu halten.
Ein Buch, das sowohl sprachlich, als auch von der Struktur und der Figurenzeichnung her überzeugt. Für mich ein Lieblingsbuch 2021!
Gute Unterhaltung mit Tiefgang
Wir für uns von Barbara Kunrath
Im Klappentext wird eine Geschichte beschrieben, in der zwei sehr unterschiedliche Frauen zufällig aufeinander treffen und sich anfreunden und gegenseitig zusammen das finden, was sie bei anderen nicht bekommen können. Das Cover ist sehr schön, aber auch leicht kitschig. Ich mag Romane, in denen Frauen die Hauptrolle spielen, doch hier war ich mir nicht ganz sicher, ob die Geschichte nicht zu trivial sein würde.
Zum Glück war sie das überhaupt nicht. Sehr vielschichtig, ohne die Ecken und Kanten auszulassen und ihre Charaktere besser dastehen zu lassen als sie sind, erzählt Barbara Kunrath hier die Geschichte der Freundschaft zwischen Josie und Kati.
Josefine, genannt Josie ist seit neun Jahren mit einem verheirateten Mann zusammen. Wobei zusammen völlig übertrieben ist, er kommt einmal in der Woche am Abend zu ihr, sie haben Sex, keine Ausflüge, wenige Male zusammen essen gehen,… Warum eine Frau wie Josie sich das antut, ist schwer zu verstehen. Sie sagt, es ist Liebe, wahrscheinlich bleibt der kleine Funke Hoffnung, dass er sich von seiner Frau trennt, doch noch immer aufrecht. Nun ist sie schwanger. Das Kind zu bekommen keine Option, oder vielleicht doch?
Katharina, genannt Kati hat ihren Mann verloren. Sie ist plötzlich alleine. Ihren Sohn Max liebt sie über alles, aber irgendwie fällt es ihnen schwer, das auch zu zeigen. Beim Ausräumen der Sachen ihres Mannes entdeckt sie auch, dass sie nicht alles über ihn wusste. Und der Laden, den sie vor vielen Jahren aufgeben musste, auch auf Druck ihres Mannes, lässt sie nicht mehr los. Sollte sie es nochmal versuchen?
Wie die beiden sich kennenlernen? Ganz zufällig! Josie findet den Ehering von Katis Mann am Friedhof und bringt ihn ihr vorbei. Am Anfang wirkt Kati etwas schroff, aber schön langsam freunden sich die beiden Frauen an, sie mögen sich irgendwie und Kati fasst Vertrauen zu Josie und gibt Josie etwas, was deren Mutter nicht zu geben vermag. Für beide ist es eine Zeit der Veränderung, sie tun sich gut und begleiten sich gegenseitig.
Das alles wird sehr einfühlsam erzählt. Die Charaktere sind grantig, bedürftig, stur, treffen nicht immer die richtigen Entscheidungen. Aber sie versuchen alle, ein gutes Leben zu führen, ihr Glück zu finden. Die Autorin bewertet nicht, sie erzählt einfach. Eine Geschichte, die so oder so ähnlich tatsächlich stattfinden könnte. Ich habe sie sehr gerne gelesen, sie ist unterhaltsam, alles andere als trivial und herzerwärmend.
Große Weltliteratur ist es nicht, aber gute Unterhaltung mit Tiefgang!
Ein überzeugendes Debüt
In diesen Sommern von Janina Hecht
Janina Hecht ist mit diesem Roman ein überzeugendes Debüt gelungen. Erzählt wird die Geschichte Teresas, die auch die Ich-Erzählerin ist. Dabei wählt sie eine interessante Erzählform. In unterschiedlich langen (oft weniger als eine Seite) Episoden aus den Sommern ihrer Kindheit, Jugend und des Erwachsenwerdens, lernen wir sie und ihre Familie kennen.
Das sind zum Teil schöne Momente, doch in den meisten geht es um die Schwierigkeiten mit dem Vater, der alkoholkrank ist und zur Gewalt neigt. Am Anfang kommt das nur subtil vor, doch wird es immer klarer. Das alles erzählt sie schlicht, nahezu emotionslos und dennoch kommen die starken Gefühle ganz klar durch. Sie verurteilt nicht, sie erzählt einfach. Vom ersten Aufbegehren gegen den Vater, von der Mutter, die es erst sehr spät schafft, den Vater zu verlassen, vom Zwiespalt der Gefühle für den Vater, davon, wie sich die Geschwister gegenseitig unterstützen und Halt geben, aber auch von Dingen, die normal sind beim Aufwachsen.
Das Konzept ist hervorragend gelungen, mich hat diese Geschichte berührt, und ich habe sie mit Spannung gelesen. Obwohl so fragmenthaft erzählt wird, fügen sich die Episoden zu einer ganzen Geschichte, die immer mehr Form annimmt. Ganz klar wird auch, dass die Beziehungen zu gewalttätigen Elternteilen schwierig sind, weil trotz allem eine ganz enge Verbundenheit herrscht und man auch die anderen Seiten kennt, es gibt auch schöne Erinnerungen, und es bleibt in solchen Beziehungen oft sehr lange ein Funke Hoffnung, dass sich etwas ändert (was es selten tut). Eine Stelle, die diese Hoffnung sehr gut beschreibt ist auch auf der Rückseite des Schutzumschlages abgedruckt:
„Mein Vater, wie er ganz ruhig den Tag beginnt, nicht ausgeglichen, aber stabil. Nie schrie er am Beginn des Tages, er ging mit vorsichtigen Schritten, manchmal etwas Weiches in seinem Gesicht. Als hätte sich erst danach etwas verändert, als führten erst der Mittag und der Nachmittag in eine andere Richtung, und an jedem Morgen hätte es die Möglichkeit zu einem anderen Verlauf der Geschichte gegeben, die ich schreibe.“
Ein Roman, der ungewöhnlich ist, der überrascht und der mich sprachlich, mit seiner Struktur und dem Thema überzeugt hat. Sehr lesenswert!
Rafik Schamis Regenbogenwelt
Mein Sternzeichen ist der Regenbogen von Rafik Schami
Rafik Schami, geboren in Damaskus, seit 1971 lebt er in Deutschland. Er hat einen Doktor in Chemie und ist ein begnadeter Erzähler. Sein Stil verbindet die arabische Erzählkunst mit einem analytischen Blick, blumige Beschreibungen mit klaren Fakten und Erklärungen. Aus dieser Mischung ent- und bestehen seine Erzählungen.
Im neuen Erzählband sind die Geschichten nach Themen angeordnet: Geburtstag, Lachen, Reisen, Geheimnis, Tiere, Sehnsucht.
Die Vorfreude war groß, als ich diesen neuen Erzählband von Rafik Schami entdeckte. Ich habe fast alles von ihm gelesen und liebe seine Bücher. Auf jeden neuen Titel freue ich mich, nur live habe ich ihn leider bisher nicht erlebt. Ich hoffe sehr, dass mir das noch gelingen wird.
Auch im aktuellen Buch findet sich all das wieder, was ich so an diesem Autor schätze. Er schaut tief in die Seele der Menschen. Manche Geschichten wirken fast fantastisch und dennoch haben sie einen wahren Kern. Sie sind romantisch, sie sind gesellschaftskritisch, sie halten uns den Spiegel vor, sie schicken uns auf eine Reise, sie regen zum Nachdenken an, sie spielen in Schamis alter Heimat und in seiner neuen. Nicht alle konnten mich gleich begeistern, aber das ist meist so bei Erzählbänden.
Eine Geschichte, die mich besonders berührt hat, steht im Abschnitt „Reisen“, der Titel: Wie Herr Moritz die Welt bereiste
Nach dem überraschenden Tod seiner geliebten Frau, beschließt Herr Moritz, dem Dorf zu entfliehen und um die Welt zu reisen. Er beginnt erstmal damit, Wanderungen in die nähere Umgebung zu machen. Dabei lernt er John kennen, einen Geflüchteten aus Nigeria. Mit dieser Begegnung beginnt seine Reise um die Welt, nach Nigeria, nach China, nach Persien,… Dabei muss er gar nicht weit weg gehen. Wunderschön erzählt, sehr berührend.
Rafik Schami hat mich wieder mitgenommen in seine Regenbogenwelt voller Weisheit, Freude, Traurigkeit und schöner Erzählkunst. Ich mag diesen Autor einfach und freue mich schon auf weitere Bücher aus seiner Feder.
Der Junge aus dem Vorort von Brisbane
Der Junge, der das Universum verschlang von Trent Dalton
Autofiktion ist dieses Jahr ein großes Thema. Manches gelingt, vieles geht für meinen Geschmack daneben, weil die Distanz zur eigenen Geschichte fehlt. Dieser Debütroman des australischen Journalisten Trent Dalton ist ein gutes Beispiel dafür, wie es klappen kann.
Aufmerksam auf den Roman wurde ich durch den Klappentext.
Aufgewachsen unter Kriminellen und Drogendealern? Der Babysitter ein verurteilter Mörder? Den Traum, Journalist zu werden verwirklicht? Das klang spannend. Und auch die Leseprobe gefiel mir, ich wollte weiterlesen. Mit dem Buchgewinn klappte es nicht, aber zum Glück gibt es ja noch meine Lieblingsbuchhandlungen. Dann lag der Roman eine ganze Weile auf dem Stapel, weil sich immer wieder andere Bücher vordrängten. Jetzt war es dann aber endlich so weit!
Trent Dalton nennt sein Alter Ego Eli Bell. Wie der Autor selbst wächst er in einer Vorortsiedlung auf. Seine Mutter ist heroinabhängig, ihr Lebensgefährte ein Dealer, beiden gelingt der Entzug, sie bemühen sich um ein normales Leben, was, wenn man dealt und von Verbrechern umgeben ist, nicht so einfach ist. Eli Bell und sein Bruder August, der seit einem traumatischen Vorfall nicht mehr spricht, sind sich gegenseitig Halt, sie sind intelligent, ehrgeizig in der Schule und haben ihre Träume. Ihr Babysitter ist ein verurteilter Mörder, der sie abgöttisch liebt und sich gut um sie kümmert und mit Geschichten und Weisheiten versorgt. Als der Lebensgefährte der Mutter verschwindet, und sie selber im Gefängnis landet, kommen die Brüder zu ihrem Vater, einen Alkoholiker mit Panikattacken und Lesesucht.
Für Eli Bell ist diese Welt völlig normal, er empfindet all das gar nicht traumatisch, ist eher genervt von allen, die ihm „helfen“ wollen. Er hat seinen Traum: Schreiben für The Courier-Mail, eine Zeitung.
Viel davon ist autobiografisch, allerdings ergänzt der Autor seinen eigenen Hintergrund mit den Schicksalen von Menschen, die unter ähnlichen Umständen aufgewachsen sind, erweitert sie mit einer fantastischen Note, einer Prise Humor, einer Krimihandlung, in der es um Gerechtigkeit geht, einer kleinen Liebesgeschichte und viel Optimismus. Der Roman steckt voller Weisheiten, voller Freundlichkeit, ohne auch nur im Geringsten unkritisch zu sein. Der Erzählstimme Eli Bells hört man gerne zu, man kann gar nicht mehr aufhören zu lesen, leidet mit ihm mit, hofft für ihn und seinen Bruder.
Ein schöner, spannender, sehr ungewöhnlicher Roman. Mich hat er begeistert!
Beste Freundinnen
Die Geschichte von Kat und Easy von Susann Pásztor
Kat und Easy sind fast 16, sie leben in einer langweiligen Kleinstadt und sind beste Freundinnen. Doch sie haben sich fest vorgenommen, dass sie nie so werden wie ihre Mütter, sie wollen einmal frei sein, spannende Leben führen und vor allem für immer Freundinnen bleiben. Kat ist nach außen die mutigere, die die sich traut, die die immer alles durchschaut.
Easy ist die Hübsche, die, mit der alle Jungen flirten wollen, die immer nett ist, die gar nicht mitbekommt, wie sie auf andere wirkt und die, die die Freundschaft mit Kat anspornt mutiger zu sein, Dinge auszuprobieren. Es ist auch das Jahr ihrer ersten großen Liebe, dummerweise für denselben jungen Mann.
Jahrzehnte später, Kat heißt jetzt wieder Katharina, sie ist geschieden, ein erfolgreicher Coach und Betreiberin eines beliebten Blogs. Easy war mehrmals verheiratet, ist in die Kleinstadt zurückgekehrt, hat drei Kind. Ihre Freundschaft hat nicht gehalten, sie haben sich aus den Augen verloren, im Stich gelassen vielleicht?
Easy besitzt ein Sommerhaus auf Kreta, als sie Kats Blog entdeckt, schreibt sie sie an. Und sie verabreden sich zu einem Treffen auf Kreta. Der Abstand ist enorm, ihnen ist bewusst, dass sie über die Vergangenheit reden müssen, doch sie können es nur über Ecken und tauchen erstmal ein in das Leben Kretas. Was war damals wirklich? Warum hat ihre Freundschaft nicht gehalten?
Die ganze Geschichte erzählt die Autorin auf mehrere Weisen. Einmal erzählt sie die Geschichte der Teenager in Rückblicken in der dritten Person, dann erfahren wir von den Tagen auf Kreta mit Kats Erzählstimme und dazwischen werden noch Ausschnitte des Blogs eingefügt, in denen Kat als „Mockingbird“ Fragen ihrer Leser:innen in Briefform beantwortet. Eine davon ist Easy, die sich „Ich-wills-wissen“ nennt. Diese abwechselnde Erzählweise macht das Lesen besonders spannend. Sehr gelungen fand ich auch die Zeichnung der Charaktere, authentisch dargestellt wurde das Leben in den 70ern, aber auch die Zeit auf Kreta wird sehr lebendig erzählt. Dadurch entwickelt das Buch einen Sog, man kann es nicht mehr aus der Hand legen. Natürlich auch, weil man wissen will, was genau zum Bruch führte. Am Ende ist das aber gar nicht mehr so wichtig, es geht vielmehr um die Entwicklung der Frauen, ihre Sorgen und Nöte und Freuden als Teenager, aber auch als erwachsene Frauen.
Ich mochte den Roman sehr, eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, das Leben und auch das Verzeihen. Sehr gelungen!
Missionare im Kaiser-Wilhelms-Land
Dein ist das Reich von Katharina Döbler
Katharina Döbler erzählt in diesem Roman die Geschichte ihrer Vorfahren. Ihre Großeltern waren Missionare im Kaiser-Wilhelms-Land (heute ein Teil Neuguineas). Der eine Großvater als Priester, der andere als Verwalter einer Plantage der Mission. Sehr ausführlich wird der Alltag der Großeltern beschrieben, auch wie sie dazu kamen, die Geburt der Kinder, ihr Aufwachsen, die Schwierigkeiten im ersten Weltkrieg, die Internierung im zweiten Weltkrieg.
Das ist durchaus interessant zu lesen, wenngleich auch oft ein wenig zu detailreich. Was mich irritiert hat ist, dass genau so ausführlich auch die Vorurteile gegenüber den Einheimischen ausgebreitet werden, ungefiltert, aus Sicht der Missionare und Weißen mit ihrer kolonialistischen Weltsicht, dem Glauben auf einer höheren Stufe zu sein und den Einheimischen durch Mission (und Ausbeutung) Gutes zu tun. Das wird nur ab und zu aus dem Off von der Enkelin kommentiert, allerdings lediglich, indem sie betont, wie sehr sie sich davon schon früh distanziert hat.
Die Lebensgeschichten der Großeltern, eingebettet in ihre Herkunft aus einem konservativen Nest, geprägt vom Glauben, aber auch ihre Umwege und Ausbruchsversuche stellen tatsächlich einen interessanten Stoff dar. Deshalb liest man das Buch auch zu Ende, selbst wenn es sich stellenweise ziemlich zieht. Was es schwer macht ist einerseits die sehr trockene, sachliche Erzählweise, die nichts kommentiert oder einordnet und einfach auch Längen hat. Wollte die Autorin damit ihre Distanz aufzeigen? Für mich ist dieses Konzept nicht ganz aufgegangen.
Was mir gefehlt hat sind Einordnungen, auch Erklärungen, vielleicht sogar ein wenig mehr Verständnis für die Entscheidungen der Großeltern, die in ihrem Rahmen einfach oft nur Kinder ihrer Zeit waren. Vielleicht auch ein wenig Verzeihung oder überhaupt ein wenig mehr Emotionalität.
Der Stoff war wirklich spannend, doch leider ist für mich die Umsetzung nicht aufgegangen. Einerseits zu distanziert, andererseits zu wenig Distanz der eigenen Familiengeschichte gegenüber. Ich bin ganz froh, dass ich es jetzt zur Seite legen kann.
Zwischen Deutschland und Georgien
Laudatio auf eine kaukasische Kuh von Jodl Angelika
Olga ist Deutsche, so fühlt sie sich auch. Sie studiert Medizin, steht kurz vor ihrer letzten Prüfung. Sie hat einen festen Freund, ebenfalls Mediziner, mit dem sie eine gemeinsame Zukunft plant. Er ist nett, zugewandt, attraktiv und, für sie ein wichtiges Argument, sein Nachname hat nur zwei Silben.
Denn Olga heißt Evgenidis, ihre Familie stammt aus Georgien, spricht einen alten Dialekt, küsst Ikonen und verheiratet Frauen jung. Olga kann mit all dem nur wenig anfangen und freut sich über ihr Leben mit Felix und als Ärztin.
Eine Grundlage, auf der man einen wunderbaren Roman über Rassismus, über Akzeptanz, auch über Identität erwarten würde. So beginnt er auch. Doch dann tritt Jack auf. Das genau Gegenteil von Felix, unstet, immer knapp bei Kasse, begabt, aber ohne Plan,… Schon sein erster Auftritt, als er Olga einfach in den Zug folgt, finde ich weniger romantisch, sondern eher bedenklich. Für mich ist das Stalking. Doch Jack ist so anziehend, so attraktiv. Der darf das, denn Olga fühlt sich von Anfang an angezogen.
Auch die Geschichte der Familie wird immer klischeehafter, als dann plötzlich alle nach Georgien müssen, wird es nicht besser. Es ist schön, etwas über dieses spannende Land zu lesen, doch bleibt alles sehr an der Oberfläche und bedient vor allem Klischees.
Nachdem ich mich trotz allem über große Strecken hinweg sehr gut unterhalten gefühlt habe, gibt es von mir vier Sterne. Für drei hatte ich dann einfach zu viel Vergnügen an der Lektüre, trotz aller Schwächen.
Ein durchwachsener Roman, der sich nicht ganz entscheiden konnte, ob er Kitsch oder lieber doch Literatur werden wollte. Rosamunde Pilcher mit einer Prise Multikulti.
Ein Frauenleben
Die Beichte einer Nacht von Marianne Philips
Es ist Nacht in der Nervenheilanstalt. Alle schlafen, die einzige ruhige Zeit des Tages im Saal mit den Frauen, die an den unterschiedlichsten psychiatrischen Störungen leiden. Vielleicht wurde die eine oder andere aber auch einfach nur hierher abgeschoben. Eine Schwester hält Nachtwache, die Zeit vertreibt sie sich mit Stricken.
Eine der Patientinnen, Heleen kann nicht schlafen, dafür kann und will sie endlich reden. Wenn sie beim Arzt ist, verstummt sie, nichts bringt sie mehr heraus. Heute aber setzt sie sich zur Nachtschwester, bittet sie, bleiben zu dürfen. Dann beginnt sie in einem Monolog zu erzählen, ihre ganze harte Lebensgeschichte voller Höhen und Tiefen. Warum sie in der Klinik ist wird immer wieder angedeutet, etwas Schreckliches muss passiert sein, und es hat mit ihrer kleinen Schwester Lentje zu tun.
Vom ersten Wort an gefesselt folgen wir der Erzählerin durch ihr Leben. Klar und sachlich, gleichzeitig hochliterarisch erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Wir leiden mit ihr mit, haben Hoffnung, wenn es besser wird, wollen sie schütteln und aufwecken, als sie sich immer mehr in ihren Ängsten und ihrem Minderwertigkeitsgefühl verliert.
Dass dieser Roman in vergangenen Zeiten spielt wird schnell klar, denn große Schlafsäle in Nervenkliniken gibt es schon lange nicht mehr. Dennoch wirkt er zu keiner Sekunde unmodern oder nicht mehr relevant, im Gegenteil. Er berührt auch heute noch und reißt mit.
Im sehr interessanten Nachwort aus der Feder der Enkelin erfahren wir auch:
„Meine Großmutter war zu ihrer Zeit eine schwer zugängliche Autorin, ihr Schaffen wurde bewundert und geschmäht, (…) Anders als um 1930 ist in der gegenwärtigen Literatur die Erkundung der Psyche bis in die letzten Winkel keine Seltenheit mehr, und der Roman „Die Beichte einer Nacht“ ist heute, gut neunzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen, noch immer modern. Marianne Philips war ihrer Zeit voraus und kann nach wie vor als interessante Autorin gelten.“ S. 276
Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich kann diesen fesselnden und berührenden Roman nur wärmstens empfehlen.











