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Rezensionen von Petris:
Auf den Spuren des schweigenden Vaters
Dein Schweigen, Vater von Susanne Benda
Paul ist 12, er hat gute Freunde und liebt es, die Tage mit der kleinen Marie, die er später mal heiraten will und seinem Freund Pavel zu verbringen. Doch plötzlich, kurz nach dem Krieg, wird alles anders. Deutsche müssen eine weiße Binde tragen, die sie als Deutsche kennzeichnet, sie werden enteignet, hausen in Kellerwohnungen.
Und am 31. Mai 1945, der Tag ist Fronleichnam, werden sie vertrieben und auf einen Marsch geschickt, in der Hitze, ohne Trinken und Essen, wer alt, schwach oder krank ist und zurückbleibt, wird ermordet. Diese Vertreibung geht als Todesmarsch von Brünn als ein sehr trauriges Kapitel in die Geschichte ein.
Viele Jahre später machen sich die Kinder Pauls, inzwischen selbst reife Erwachsene, der Vater war vor Kurzem gestorben, auf eine Spurensuche. Der Vater hat nie über sein Trauma gesprochen, sie wissen nur wenig und machen sich auf nach Brünn. In der Hoffnung, Antworten zu finden? Um ihrem Vater nahe zu kommen? Um die Auswirkungen von Pauls Schweigen zu verarbeiten? Werden sie Antworten finden?
Sehr schön, sehr einfühlsam erzählt die Autorin Susanne Benda in ihrem literarischen Debut diese Geschichte. Schonungslos beginnt sie mit der traumatischen Erfahrung der Vertreibung, erzählt aus Sicht eines 12-jährigen. Nach einem Sprung erleben wir Paul als Erwachsenen, als Vater und Ehemann, wir lernen seine Frau Christa kennen. In einem weiteren Sprung sind die Kinder erwachsen und machen sich auf Spurensuche.
Das ist auf allen Ebenen sehr gelungen! Der Aufbau ist interessant, man kann immer gut folgen, sprachlich ist der Roman ein Genuss, das Thema ist spannend und wird hier wunderbar in einen Roman verpackt.
Ich habe diesen Roman mit großem Interesse gelesen, er hat mich berührt, ich mochte die Charaktere und die Erzählstimmen. Mich hat außerdem beeindruckt, dass die Autorin, obwohl die Basis dieser Geschichte, wie sehr schön im Nachwort erklärt wird, ihre eigene Familiengeschichte ist, nie die Distanz verloren hat, sondern aus ihren eigenen Erfahrungen einen wunderbaren Roman geformt hat.
Ein wirkliches Highlight in diesem Lesejahr!
Wenn Erinnerungen erzählt werden wollen
Die karierten Mädchen von Alexa Hennig von Lange
Klara ist jung und freut sich sehr, dass sie trotz Wirtschaftskrise eine Anstellung als Haushälterin und Haushaltungslehrerin in einem Heim für Kinder mit TBC gefunden hat. Denn nicht nur ist ihr ihre eigene Unabhängigkeit sehr wichtig, sondern sie steht auch unter Druck. Die Pension ihrer Eltern läuft schlecht, sie sind auf ihr Einkommen angewiesen.
Das Heim scheint ihr ein kleines Paradies. Es liegt idyllisch, sie liebt ihre Arbeit, findet schnell in ihrer Kollegin Susanne eine gute Freundin, Klara ist glücklich. Und dann macht sie etwas, was die ordentliche, zuverlässige Klara selbst überrascht. Von der Fürsorge wird ein kleines jüdisches Baby bei ihnen abgegeben, die Mutter könnte es nicht versorgen, sei auf Arbeitssuche. Doch es gibt kein Geld für dieses Mädchen. Klara verliebte sich sofort in Tolla. Und als deren Mutter nicht mehr auftaucht, beschließt sie, Tolla im Heim zu behalten, dessen Leitung sie bald darauf übernehmen sollte. Doch die Zeiten ändern sich. Klara muss sich entscheiden. Das Heim aufgeben? Ihre Familie nicht mehr unterstützen können? Tolla verlieren? Oder mit den neuen Machthabern zusammenarbeiten? Tollas wahre Identität geheim halten? Konnte das gut gehen? Vielleicht waren die Nationalsozialisten ja gar nicht so schlimm?
Viele Jahrzehnte später, Klara ist über 90, verwitwet und blind, taucht diese lange vergessene, gut verdrängte Zeit wieder in ihren Gedanken auf. Und Klara hat einen Plan. Sie beginnt zu erzählen und ihre Geschichte auf Tonband aufzunehmen.
Als ich zu lesen begann, war ich ehrlich gesagt etwas überrascht über die Sprache und den Aufbau dieses Romans. Der ist nämlich recht klassisch. Den Rahmen bilden Episoden mit der alten Klara, rund um ihren Alltag. Dazwischen wird Klaras Geschichte als junge Frau erzählt. Auch der Stil ist recht einfach, erinnert fast an klassische Frauenbücher, zwar weniger kitschig und pathetisch, aber eben auch nicht hochliterarisch.
Dann entdeckte ich das Nachwort, in dem die Autorin erzählt, dass das Vorbild für Klara ihre Großmutter ist, die tatsächlich ihre Lebensgeschichte auf 130 Kassetten aufgenommen hat und die auch im wirklichen Leben in einem Kinderheim der Nazis gearbeitet hat. Der Roman ist nicht 1:1 eine Biografie ihrer Großmutter, es gibt Elemente, die Fiktion sind, vieles ist ausgeschmückt. Aber der Kern ist tatsächlich wahr.
Nach dieser Information fand ich dann auch die Wahl der Sprache und des Aufbaus verständlicher. Meine Großmutter, die ebenfalls in den 30ern eine junge Frau war, mochte Bücher in diesem Stil. Klassisch, schlicht. Aber nicht trivial. Sie hätte ihr Leben wohl ganz ähnlich erzählt.
Die karierten Mädchen ist der Beginn einer Triologie. Und wie es sich für einen ersten Band gehört, endet er mit einem richtigen Cliffhanger. Damit beginnt das Warten auf Band 2.
Ein sehr spannendes Zeugnis aus einer Zeit, von der wir viel zu wissen glauben und von der man doch immer wieder neue Facetten entdecken kann. Und auch eine Zeit, die noch die nachfolgenden Generationen beeinflusst. Vor allem, weil so viele nie erzählt haben, was (ihnen) wirklich passiert ist.
Spannendes Thema, sehr spannend erzählt. Ich hoffe sehr, dass sich die Autorin nicht zu lange Zeit lässt mit den fehlenden Teilen der Triologie!
Ein jüdisches Leben in Wien
Isidor von Shelly Kupferberg
In diesem, sehr literarisch gestalteten Buch, gibt die Autorin ihrem Urgroßonkel Isidor seine Geschichte zurück, wie sie selber sagt. Gleichzeitig erzählt sie anhand ihrer Familie von der unfassbaren Machtübernahme der Nazis ab 1938 und dem Leid, das den Juden zugefügt wurde. Enteignung, Tod, Vertreibung,…
Isidor, der Bruder der Urgroßmutter der Autorin, war eine schillernde Gestalt.
Er stammte aus einem kleinen Schtetl im hintersten Winkel Galiziens. Der Vater war ein jüdischer Gelehrter, der nicht arbeitete, die Mutter brachte die Familie mehr schlecht als recht durch. Doch die Kinder waren aufgeweckt, im Gegensatz zu ihrem Vater weltoffen und ehrgeizig. So gelang es ihnen allen, wegzugehen, zu studieren, Ausbildungen zu machen, Erfolg zu haben. Selbst der früh verwitweten Tochter, die in Wien einen gut gehenden Modesalon führte.
Doch Isidor war es, der es am weitesten brachte. Erfolgreich, reich, ein Liebhaber von Kunst und schönen Dingen, gebildet und ein großer Opernfan. Er hatte seinen Platz in der Gesellschaft, war angesehen und wohlhabend. Er hatte es geschafft und liebte sein Leben in Wien. Antisemitismus hielt er für eine lästige Sache, die es halt immer mal mehr, mal weniger geben würde. Er war überzeugt, dass der Spuk der Nazis schnell vorübergehen würde. Doch leider war das nicht so. Aufgrund seines Reichtums geriet er schnell in ihre Fänge, er zerbrach daran.
Sehr lebendig erzählt nimmt uns die Autorin mit in die Zeit des frühen 20. Jahrhunderts. Man bewundert den Fleiß, den Mut, den Geschick dieser Geschwister, die es zu Ansehen und Wohlstand bringen. Immer wieder steht Isidor im Mittelpunkt, der schrulligste von ihnen. Obwohl man weiß, dass kein gutes Ende auf sie wartet, das Jahr 1938 rückt in der Erzählung immer näher, hofft man dennoch, dass die Katastrophe ausbleibt. Was sie natürlich nicht tut.
In dieser Familiengeschichte, die, wie die Autorin im Interview erzählt, auch deshalb Aktualität hat, weil „sich Geschichte anhand einzelner Menschen und Biografien noch einmal ganz anders darstellt, sie greifbar macht.“ S. 249, wird die Absurdität und das Grauen der Naziherrschaft einmal mehr so richtig bewusst gemacht. Gleichzeitig ist sie auch eine Liebeserklärung an die Stadt Wien mit all ihren wunderschönen Plätzen.
Sprachlich gelungen, wunderbar recherchiert, eine spannende Geschichte,… Ein Buch, das ich wärmstens empfehlen kann!
Ungewöhnlicher, literarisch hochwertiger Krimi
Samson und Nadjeschda von Andrej Kurkow
Man schreibt das Jahr 1919 in Kiew. Es ist kurz nach der sowjetischen Revolution. Noch lehnen sich die alten Kräfte auf. Und wie immer in Umbruchszeiten herrscht Gewalt, Willkür und Verbrechen. Samsons Vater, ein friedfertiger, guter Mensch, wird von Rotarmisten neben seinem Sohn getötet. Samson verliert bei diesem Zwischenfall ein Ohr, überlebt aber.
Verstört, alleine in seiner großen, bürgerlichen Wohnung überlegt er, wie es weitergehen soll. Dann passieren ihm zwei Dinge. Mehr oder weniger durch Zufall beginnt er bei der neuen sowjetischen Polizei als Ermittler zu arbeiten. Und er lernt, vermittelt durch die Hausmeisterin, die patente Nadjeschda kennen, die ihm sofort gefällt.
Irgendwie schlittert er in alles, was ihm passiert so hinein. Und beginnt zu ermitteln. Wozu stiehlt jemand in erster Linie Silber und lässt Gold und Edelsteine liegen? Was hat das mit den gestohlenen Anzugteilen zu tun? Wer ist der geheimnisvoll Jakobson? Es entwickelt sich eine spannende, skurrile Krimigeschichte.
Hinterlegt ist dies alles mit den recht realistisch geschilderten Schwierigkeiten der Sowjetmacht. Es mangelt an fast allem. Es wird gestohlen, es wird enteignet, es gibt viele Todesopfer. Bei Kämpfen, aus Zufall, aus Willkür.
Und dann ist da noch das abgeschnittene Ohr. Samson hat es aufgehoben und aufbewahrt. Es entwickelt ein Eigenleben und lässt ihn Dinge hören, die dort passieren, wo es liegt.
Ein sehr ungewöhnlicher Krimi, nicht nur historisch verankert, auch manchmal etwas phantastisch, skurril, wunderbar geschrieben, spannend zu lesen und dennoch kritisch dem Geschehen gegenüber. Mir hat er gefallen, ein ganz besonderes Buch!
Der Fremde vom Planeten Anthea
Der Mann, der vom Himmel fiel von Walter Tevis
Es gibt Wiederauflagen von Büchern, die in ihrer Zeit großen Erfolg hatten, eine Weile sogar so etwas wie Klassiker waren, die aber nicht umsonst verloren gingen. Als Leserin fragt man sich dann, warum sich ein Verlag für eine Neuauflage und -übersetzung entscheidet.
Und dann gibt es Romane, wie diesen hier, bei denen man dem Verlag sehr dankbar ist, dass sie ihn ins Programm genommen haben, ihn der Öffentlichkeit neu präsentieren, denn es sind Bücher, bei denen man froh ist, sie gelesen zu haben und das Gefühl hat, ohne die Lektüre hätte man definitiv etwas verpasst.
Ursprünglich erschien der Roman 1963, 1976 wurde er mit David Bowie verfilmt, ein kultiger, sehr schräger Science Fiction Film, den ich interessanterweise zufällig als Teenager im Fernsehen gesehen hatte, ihn allerdings damals überhaupt nicht verstand und total komisch fand. In Erinnerung geblieben ist er mir aber, beim Lesen tauchten immer wieder Bilder dazu auf.
Erzählt wird die Geschichte des Außerirdischen Thomas Jerome Newton, sein Planet Anthea hat sich durch Kriege und Aufbrauchen der Ressourcen selbst zerstört. Nur noch wenige Bewohner sind übrig, Thomas wurde erwählt, auf die Erde zu fliegen, um sie alle zu retten.
Mit Geschick, Intelligenz und vielen für die Erde neuen Technologien im Gepäck, gelingt es ihm auf der Erde rasch, seinen Plan anzugehen. Im Wissenschaftler Nathan Bryce und der einfachen jungen Frau Betty Jo findet er so etwas wie Freunde. Trotz seines Erfolges und dem Näherkommen seiner Pläne leidet er. Er findet Gefallen am Alkohol, hat gesundheitliche Probleme. Im Nacken sitzt ihm immer die Angst aufzufliegen.
Ob sein Plan gelingt, ob seine Identität herauskommt, wie die Geschichte endet, das wird hier natürlich nicht verraten.
Der Roman ist aktueller denn je, denn auch wir sind kurz davor, uns selbst auszulöschen, viele der Technologien sind Realität, die menschlichen Probleme wie Einsamkeit, Alkoholismus, … gibt es noch immer. Walter Tevis hat hier einen sehr literarischen Science Fiction Roman geschrieben, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, gleichzeitig unglaublich feinsinnig und spannend geschrieben ist.
Ich bin begeistert. Und halte „Der Mann, der vom Himmel fiel“ definitiv für eine Neuauflage, die die Welt unbedingt gebraucht hat. Wie gut, dass die Serie „Das Damengambit“, die auf dem gleichnamigen Roman Tevis beruht, so viel Erfolg hatte. Wer weiß, ob wir sonst seine Bücher wieder zu lesen bekommen hätten.
Porträt einer vergessenen Persönlichkeit
Der große Fehler von Jonathan Lee
Kennen Sie Andrew Haswell Green? Ich kannte ihn bis zu diesem Roman auch nicht. Dabei ist der Stadtplaner Green jener Mensch, der das New York, das wir heute kennen, mitgeschaffen hat. Ihm verdankt die Stadt unter anderem den Central Park, die New York Public Library und auch den Zusammenschluss von Brooklyn und Manhattan.
Ein Denkmal sucht man in ganz New York vergeblich, einzig eine versteckte Marmorbank im Central Park ist ihm gewidmet. Wie schön, dass der Autor Jonathan Lee diese spannende Persönlichkeit mit seinem Roman wieder in Erinnerung ruft.
Erzählt wird die Lebensgeschichte von Andrew Green, der aus einfachen Verhältnissen stammt, dessen Anfang in New York aus einer Handelslehre besteht. Wenig würde vermuten lassen, wozu dieser junge Mann noch fähig sein würde. Mit viel Zähigkeit, aber auch Geschick und etwas Glück, gelingt es ihm, sich hochzuarbeiten und seine Visionen zu verwirklichen.
Lee beginnt den Roman am Ende des Lebens des Stadtplaners. Er ist inzwischen betagt, aber noch immer voller Ideen, da wird er mit 83 vor den Stufen seines Hauses erschossen. Warum? Wahrscheinlich ein großer Irrtum, wie sich heraus stellt. Auf der Suche nach der Wahrheit begleiten wir den Inspektor, der diesen Fall klären soll. Abwechselnd dazu wird Greens Leben von Anfang an chronologisch erzählt, Kindheit, Jugend, erste Schritte des Erfolgs. Das ergibt eine spannende Struktur und fügt sich zu einem gelungenen Ganzen.
Auch sprachlich hat mich dieser biografische Roman völlig überzeugt und begeistert, anspruchsvoll, dennoch gut zu lesen.
Der Autor schreibt in einem Interview am Ende des Buches: „Ich wollte einen historischen Roman schreiben, der anarchisch, chaotisch, witzig, erschütternd und berührend ist.“ Ich finde, das ist ihm hervorragend gelungen. Damit hat er Andrew H. Green ein verdientes Denkmal gesetzt, vielleicht erinnert man sich jetzt wieder an diese beeindruckende Persönlichkeit, dessen Ansätze und Philosophie auch heute noch/wieder mehr als modern sind:
„Im New York des 19. Jahrhunderts glaubte Green an den öffentlichen Raum, die öffentliche Gesundheit, die öffentliche Bildung, die Förderung der Künste, und er sah auch voraus, dass die Verschmutzung der Umwelt oft die Ärmsten am härtesten trifft. Er sah, dass die beste erste Chance auf eine etwas gerechtere Gesellschaft darin bestehen könnte, saubere Luft zu schaffen, die alle atmen können, nicht nur die Reichen.“
Auf dass viele Menschen diesen Roman lesen, Andrew Green entdecken und von ihm zum Nachdenken angeregt werden. Von mir gibt es eine begeisterte Empfehlung.
Rückkehr nach Bagdad
Der Erinnerungsfälscher von Abbas Khider
Said Al-Wahid stammt ursprünglich aus dem Irak. Nach einer Flucht, die mehrere Jahre dauerte, gelingt es ihm, nach Deutschland zu gelangen, dort zu studieren, Fuß zu fassen, die Staatsbürgerschaft anzunehmen, zu heiraten und seinen Traum vom Schreiben wahrzumachen. Eine Erfolgsgeschichte sozusagen.
Als der Anruf seines Bruders aus dem Irak kommt, dass die Mutter im Sterben liegt, macht er sich sofort nach dem Symposion auf den Weg, den Pass hat er sowieso immer in der Tasche. Es ist das erste Mal, dass er zurück nach Bagdad fährt seit er geflohen ist, so oft hatte er es vor, doch immer war es zu gefährlich, erst der Umsturz, dann der Bürgerkrieg,… Doch nun ist es so weit, er hofft nur eines, seine Mutter noch lebend anzutreffen, um sich von ihr zu verabschieden.
Auf dieser Reise lässt er sein Leben Revue passieren, sein Anfang im Irak, seine Flucht, das Ankommen in Deutschland. Auch wenn ich mich schon viel mit dem Thema Flucht beschäftigt habe, ist es immer wieder erschütternd zu lesen, unter welchen bürokratischen Hürden, unter welchem Rassismus (mehr oder weniger gut versteckt, mehr oder weniger beabsichtigt) und mit welchen Dingen sich Geflüchtete auseinandersetzen müssen, Dinge, die einem als weißer Einheimischen niemals passieren würden, die niemand von dir verlangen würde. Und dabei ist der Protagonist einer von denen, die es geschafft haben, der angekommen und gut integriert ist, der sogar studiert hat. Trotzdem. Selbst das schützt oft nicht vor Diskriminierung.
Das alles erzählt Abbas Khider in sehr ruhiger, schlichter Sprache, unaufgeregt, ohne anzuklagen, einfach darstellend, was ist. Das macht das Geschehene vielleicht etwas leichter lesbar, aber nicht weniger erschütternd. Ich fand die Erzählweise für diese Geschichte sehr gelungen.
Der Roman hat gar nicht so viele Seiten und trotzdem steckt so viel darin, ich nehme an, dass ganz viel davon Abbas Khider selbst erlebt hat oder Menschen, die er kennt und denen es so oder so ähnliche ergangen ist. Mich hat der Roman sehr berührt. Er hat mich wie so oft, wenn es um Rassismus und Umgang mit Geflüchteten geht, wütend, ratlos und betroffen gemacht. Das Buch fordert kein Mitleid, es jammert nicht, es erzählt nur, stellt einfach dar.
Ich bin wieder begeistert und freue mich auf viele weitere Romane aus der Feder des Autors!
Sommer am See
Schallplattensommer von Alina Bronsky
Alina Bronskys Bücher sind immer etwas Besonderes, sie ist eine scharfe Beobachterin, richtet die Aufmerksamkeit auf Themen, die sonst im Dunkel bleiben. Ihre Geschichten erzählt sie in oft bitterbösem Ton, humorvoll, doch nicht selten bleibt das Lachen in der Kehle stecken. Ich mag ihren Stil und ihre Geschichten, deshalb freute ich mich auch sehr über diesen neuen Titel.
Schallplattensommer erzählt die Geschichte von Maserati. Komischer Name werden Sie denken, aber Maserati hat auch eine ungewöhnliche Familiengeschichte. Sie lebt bei der Großmutter, führt mit ihr gemeinsam das Restaurant, die Schule ließ sie leider deshalb sausen, auch wenn ihr Lehrer immer wieder versucht, sie zur Rückkehr zu überreden. Sie kann aber nicht, denn ihre Großmutter hat psychische Probleme, Aussetzer und Ausraster. Das alles hat mit Maseratis Mutter zu tun. Maserati ist 17, doch von unbeschwerter Jugend ist ihr Leben nicht gekennzeichnet. Aufpassen auf die Großmutter, arbeiten, sich die Mutter vom Leib halten und darauf warten, dass sie endlich 18 wird, volljährig und dann Dinge selber regeln kann.
In diesem Sommer ist jedoch alles anders. In die Villa am See zieht eine Familie aus der Stadt. Maserati versucht Distanz zu wahren, doch die beiden Jungen, Cousins, suchen ihre Nähe. Die Annäherung verläuft holprig, eigentlich kann Maserati nichts brauchen, das ihr Leben durcheinander bringt, gleichzeitig sind die beiden auch anders, auch sie dürften ihre Geheimnisse haben. Was hat es mit dem Plattencover auf sich, auf dem ein Frauenkopf ist, der Maserati ähnlich sieht? Wer ist Caspers Vater? Und was ist mit Theo eigentlich wirklich los?
Einfühlsam erzählt Bronsky diese Geschichte, die viele Themen nebenbei anspricht, wie es sein kann, dass eine Jugendliche alleine gelassen wird mit ihrer psychisch kranken Großmutter, dass auch reiche Kinder verwahrlost sein können, dass die Dinge oft anders sind, als man denkt.
Ein rosiges Happy End gibt es bei Bronsky nicht, aber vielleicht ein offenes Ende das Hoffnung macht.
Mich hat dieser Roman sehr berührt, er ist nicht so scharf formuliert wie andere Bücher der Autorin, er ist weicher, zeigt Mitgefühl. Ein sehr gelungener Jugendroman, der nachdenklich stimmt.
Die Dschinns der Familie Yilmaz
Dschinns von Fatma Aydemir
Hüseyin hat 30 Jahre in Deutschland gearbeitet, er hat sich dabei seinen Rücken ruiniert, war immer müde, hat das für seine Familie getan. Nun konnte er sich einen Traum erfüllen, eine Wohnung in Istanbul, sie ist fertig, kurz bevor er in Pension gehen kann. Noch einmal ist er alleine dort, um nach dem Rechten zu sehen, sich sein Leben in der Wohnung vorzustellen, die Freude, die auch seine Familie damit haben würde.
Doch dann passiert das Undenkbare. Er wird das alles nicht mehr erleben, denn er stirbt.
Die Familie beschließt, ihn in Istanbul zu beerdigen, nach und nach reisen alle an. Aus ihrer Perspektive erzählen sie von ihrer Familie, der Familie Yilmaz, in der so viel nicht gesagt wird, in der es so viele Geheimnisse gibt. Als erster kommt Ümit zu Wort. Er ist der Jüngste, hat es vielleicht in manchen Dingen leichter als seine Geschwister, doch darf er lieben, wen er liebt? Sevda ist die älteste Schwester. Obwohl sie als einzige der Kinder so gut wie keine Bildung bekam, hat sie Karriere gemacht, sie führt ein erfolgreiches Restaurant, hat sich von ihrem verantwortungslosen Mann getrennt. Doch warum ist ihre Mutter Emine immer so abweisend und kalt zu ihr? Peri hat es durch Bildung geschafft, sich von der Familie zu lösen, sie ist die Einzige, die ihre Familie reflektiert betrachten kann, bewusst Wege suchen kann, mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Und trotzdem hat sie es nicht leicht. Und wer ist der geheimnisvolle Cihan, dem sie sich so nahe fühlt? Am Ende kommen noch Hakan, der Bruder, der alle Klischees vom zu schnell Auto fahrenden Türken mit den tollen, nicht sehr legalen Geschäftsideen erfüllt und Emine, die Mutter, die wir vor allem überfordert, verängstigt und hart zu ihren Kindern erfahren haben.
Das alles erzählt die Autorin unglaublich fesselnd, sprachlich ist das Buch ein Hochgenuss, aber auch die Figurenzeichnung ist sehr gelungen. Der Aufbau mit den unterschiedlichen Erzählperspektiven macht den Roman spannend, der rote Faden geht dabei nicht verloren.
Es werden sehr viele Themen und Probleme angesprochen, die Migranten auch noch bis in die nachfolgenden Generationen beschäftigen, die Integration schwer machen, die einen schweren Rucksack im Leben darstellen.
Allerdings war mir das am Ende dann auch zu viel des Guten. Da fügte sich dann alles noch einmal, es kamen konzentriert noch ein paar mehr Themen dazu, es wurde sehr dramatisch. Für meinen Geschmack etwas zu sehr.
Dennoch ein sehr lesenswerter, gelungener Roman voller interessanter Aspekte, ein Buch, das ich gerne weiterempfehle.
Alltag im Krieg
Es ist schon fast halb zwölf von Zdenka Becker
Hilde ist alt und wird immer gebrechlicher. Sie kümmert sich mit viel Geduld um ihren dementen Mann Karl, doch obwohl sie Unterstützung hat, wird ihr die Aufgabe immer mehr zur Belastung. Einen Umzug in eine Pflegeeinrichtung will sie aber noch nicht ins Auge fassen.
Hildes Leben war nicht einfach, ihre Jugend und das junge Erwachsenenalter fielen in die Vorkriegs- und Kriegszeit.
Sie ist geprägt von Arbeitslosigkeit, von schwerer Arbeit, vom Fehlen der Männer. Aber auch von der Fähigkeit, sich an kleinen Dingen zu freuen, nicht aufzugeben, zusammenzuhalten und die Hoffnung nicht zu verlieren.
Hilde ist eine intelligente, wenn auch einfach Frau ohne viel Bildung. Sie besitzt Herzenswärme und eine Engelsgeduld.
In Erinnerungen und in vielen Briefen erfahren wir aus ihrem Alltag. Wie es war, lange auf die Hochzeit zu warten, weil es keine bezahlbaren Wohnungen in Berlin gab, wo ihr Zukünftiger nach langer Suche endlich Arbeit gefunden hatte. Wie es war ein Kind im Krieg mehr oder weniger alleine groß zu ziehen, wie es war eine kleine Landwirtschaft nur mit der Schwester gemeinsam zu führen, wie es war, zu spüren, dass Hitler nicht Gutes verheißen würde und gleichzeitig einen Mann zu haben, der das anders sah,…
Zdenka Becker gibt in ihrem Roman Einblick in das Leben einer „einfachen“ Frau im Krieg. Das erzählt sie berührend und ohne zu urteilen. Mir hat der Roman gefallen.











