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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Petris:

Der Junge aus der Einwandererfamilie und die deutsche Professorin

Jahre mit Martha von Martin Kordic

Wenn man selber viel liest, gibt es nichts Schöneres als mit anderen Vielleser:innen, die einen ähnlichen Büchergeschmack haben, vernetzt und befreundet zu sein. Denn so stößt man immer wieder auf Titel, die man selber übersehen oder falsch eingeschätzt hätte. Bei „Jahre mit Martha“ ging es mir so.

Nach dem Klappentext hätte ich eine klassische Liebesgeschichte zwischen Jugendlichem und älterer Frau erwartet, alles hart am Rande des Missbrauchs. Ein Thema, das ich auch literarisch aufgearbeitet und überhöht, einfach nicht lesen möchte.
Zum Glück hatte sich meine Freundin Michi nicht abschrecken lassen, sie hat das Buch gelesen, sehr gemocht, mir wärmstens empfohlen und geborgt.
„Jahre mit Martha“ hat mir von der ersten Seite an gefallen. Ich mochte die empathische und zugleich messerscharf beobachtete Erzählweise des Autors. Für mich stand im Roman gar nicht zu sehr die Liebesgeschichte zwischen Zeljko und Martha im Mittelpunkt, vielmehr war es eine Coming of Age Geschichte als Einwandererkind in Deutschland. Mit allen Vorurteilen, allen Unterschieden, allen Schwierigkeiten, die dazu gehören.
Aber von vorne: Zeljkos Eltern sind Kroaten aus Bosnien und Herzegowina, sie arbeiten viel, um sich und ihre Kinder zu versorgen, doch auch die Kinder müssen von Anfang an mithelfen. Als Zeljko Martha Gruber kennenlernt, die Professorin, bei der seine Mutter putzt und einen Sommerjob als Hausmeister bei ihr bekommt, taucht er in eine völlig neue Welt ein, eine, die er schon vorher zu greifen versucht hatte, indem er las, was ihm unter die Finger kam, sich bemühte, neue Fremdwörter zu lernen. Doch nicht nur diese Welt der Bildung, auch die Frau selbst fasziniert ihn. Eine Faszination, die erwidert wird. Aber nicht ausgenutzt. Zeljko ist gerade mal 15!
Viele Jahre später begegnen sie sich wieder, der Altersunterschied ist noch immer groß, doch Zeljko ist erwachsen. Er hat sich sein Abitur hart erkämpft, ein Stipendium in München bekommen und schlägt sich mit einem zusätzlichen Job durch. Martha wird seine Liebhaberin, seine Unterstützerin, seine beste Freundin. Ein wichtiger Mensch in seinem Leben, auch wenn sich ihre Lebenswege wieder trennen werden.
Wunderschön verwoben in diese Geschichte ist der Alltagsrassismus, der Einwandererkinder überall trifft. Sei es in der Berufsberatung, sei es in der Schule, bei der Schulwahl, … Und auch das Aufwachsen in einfachen Verhältnissen, in einer Welt ohne Bücher, ohne Theater, ohne Kultur, ohne das Selbstbewusstsein, das Zugehörigkeit und / oder Geld verleihen, machen es schwer. In Kordic Roman wird das in ganz vielen alltäglichen Szenen bewusst gemacht.
„Jahre mit Martha“ ist ein wunderbar erzählter Roman voller Empathie und voller Gesellschaftskritik, der gleichzeitig sehr schön zu lesen ist und den man einfach lieben muss. Ich mochte ihn sehr!

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Nicht mein Lieblings-McEwan

Lektionen von Ian McEwan

Roland Baines ist der Protagonist dieses Romans. Aufgewachsen ist er in Libyen, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Nachdem es dort keine weiterführenden Schulen gibt für die Kinder von Armeeangehörigen, wird er in ein Internat nach England geschickt. Ein erstes traumatisches Erlebnis in seinem Leben, plötzlich ganz alleine, weit weg von seiner Mutter, im kalten England zu sein.

Mit 15 wird er von seiner Klavierlehrerin verführt, es dauert lange, bis er diese Affäre als das sehen kann, was es ist, Missbrauch. Sein Leben lang verfolgt ihn diese Geschichte. Er macht seinen Schulabschluss nicht, lässt sich durchs Leben treiben, hält sich als Barpianist und Tennislehrer über Wasser. Stabilität gibt ihm sein Sohn. Auch hier eine tragische Geschichte. Die Mutter und Frau von Roland verlässt sie ohne Ankündigung als Lawrence nur wenige Monate alt ist. Sie verschwindet völlig aus ihrem Leben.
So begleiten wir Roland Baines bis ins hohe Alter durchs Leben, er erzählt von seinen Eltern, seiner Mutter, von Begegnungen mit Freunden, aber auch die großen Ereignisse der letzten Jahrzehnte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts werden eingeflochten: Tschernobyl, der Mauerfall, die Anschläge auf die Zwillingstürme,…
Manche Rezensent:innen beschreiben diesen Roman als ein großes Werk, als ein Zeugnis der Menschlichkeit, einen Einblick in unsere Zeit. Mir waren in diesem Roman zu viele Themen, zu viele tragische Schicksale und zu viele Wendungen hineingepackt. Stellenweise wirkte das langatmig, oft ein wenig lieblos heruntererzählt. Dann gab es auch wieder sehr starke Episoden, die ausgefeilt und sehr auf den Punkt wirkten. Dazu zählen für mich die Begegnungen in Ostdeutschland, die Freundschaften, die Roland dort schloss. Und auch die späte Liebesgeschichte mit seiner besten Freundin. Das berührte mich, dort wurden die Geschichten lebendig. Aber insgesamt wirkte für mich vieles nicht ganz schlüssig, zu langatmig und zu sehr als Aneinanderreihung von möglichst tragischen und dramatischen Wendungen.
Ich mag die Romane McEwans sehr gerne, dieser hier ist definitiv nicht mein Lieblings-McEwan. Ein Roman mit Stoff für mindestens drei Romane, dann hätte es vielleicht auch mehr Intensität und Emotion gegeben. Leider konnte mich „Lektionen“ nicht begeistern.

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Geschichte eines Antihelden

Die Mauersegler von Fernando Aramburu

Fernando Aramburo hat mich mit seinem ersten Roman „Patria“, in dem es um die ETA ging und wie dieses Thema Familien und ganze Dörfer spaltete. Es war ein unglaubliches Werk, sehr vielschichtig, sehr differenziert. Für mich ein Meisterwerk. Schon deshalb wollte ich den neuen Roman dieses Autors lesen.

„Die Mauersegler“ ist allerdings völlig anders. Und ich muss sagen, am Anfang kämpfte ich ein wenig mit der Enttäuschung. Denn Toni, dessen Erinnerungen und Gedanken wir in einer Art Tagebuch folgen, ist alles andere als ein Sympathieträger. Seine Ehe ist gescheitert, als Vater war er nicht erfolgreich, seinen Beruf als Philosophielehrer in einem Gymnasium macht er wohl nicht schlecht, allerdings fehlen ihm Begeisterung und Liebe dafür. Seine Kindheit war von Sprach-, Lieblosigkeit und vielen Ohrfeigen geprägt. Zu seinem Bruder hatte er nie ein gutes Verhältnis. Kein wirklich glanzvolles Leben. Und so beschließt er, es genau in einem Jahr zu beenden. Zu jedem Tag gibt es einen Abschnitt. Toni nervt gewaltig, er ist ein Macho, er ist selbstmitleidig, er ist alles andere als sympathisch. Wir lesen seine Gedanken völlig ungefiltert, das ist manchmal ganz schön heftig. Allerdings ist das wohl immer so mit ungefilterten Gedanken. Nach und nach versteht man etwas besser, wieso er so geworden ist, wie er ist, immer wieder kommen auch seine großzügigen und netten Seiten durch (wenn auch selten). Und nebenbei entsteht ein sehr aktuelles Bild Spaniens. Auch das ungefiltert und unkommentiert.
Je länger ich las, desto mehr konnte ich die Begeisterung der Kritik und anderer Rezensentinnen verstehen. Es ist ein großer, sehr aktueller Roman. Man braucht dafür etwas Geduld (schon wegen seines Umfangs, es sind mehr als 800 Seiten), denn es ist kein Roman der gefällig sein will.
Natürlich wird hier nicht verraten, ob Toni am Ende dieses Jahres sein Vorhaben umsetzt. Allerdings so viel kann ich sagen: Der Schluss ist berührend und sehr gelungen.

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Auf den Spuren des schweigenden Vaters

Dein Schweigen, Vater von Susanne Benda

Paul ist 12, er hat gute Freunde und liebt es, die Tage mit der kleinen Marie, die er später mal heiraten will und seinem Freund Pavel zu verbringen. Doch plötzlich, kurz nach dem Krieg, wird alles anders. Deutsche müssen eine weiße Binde tragen, die sie als Deutsche kennzeichnet, sie werden enteignet, hausen in Kellerwohnungen.

Und am 31. Mai 1945, der Tag ist Fronleichnam, werden sie vertrieben und auf einen Marsch geschickt, in der Hitze, ohne Trinken und Essen, wer alt, schwach oder krank ist und zurückbleibt, wird ermordet. Diese Vertreibung geht als Todesmarsch von Brünn als ein sehr trauriges Kapitel in die Geschichte ein.
Viele Jahre später machen sich die Kinder Pauls, inzwischen selbst reife Erwachsene, der Vater war vor Kurzem gestorben, auf eine Spurensuche. Der Vater hat nie über sein Trauma gesprochen, sie wissen nur wenig und machen sich auf nach Brünn. In der Hoffnung, Antworten zu finden? Um ihrem Vater nahe zu kommen? Um die Auswirkungen von Pauls Schweigen zu verarbeiten? Werden sie Antworten finden?
Sehr schön, sehr einfühlsam erzählt die Autorin Susanne Benda in ihrem literarischen Debut diese Geschichte. Schonungslos beginnt sie mit der traumatischen Erfahrung der Vertreibung, erzählt aus Sicht eines 12-jährigen. Nach einem Sprung erleben wir Paul als Erwachsenen, als Vater und Ehemann, wir lernen seine Frau Christa kennen. In einem weiteren Sprung sind die Kinder erwachsen und machen sich auf Spurensuche.
Das ist auf allen Ebenen sehr gelungen! Der Aufbau ist interessant, man kann immer gut folgen, sprachlich ist der Roman ein Genuss, das Thema ist spannend und wird hier wunderbar in einen Roman verpackt.
Ich habe diesen Roman mit großem Interesse gelesen, er hat mich berührt, ich mochte die Charaktere und die Erzählstimmen. Mich hat außerdem beeindruckt, dass die Autorin, obwohl die Basis dieser Geschichte, wie sehr schön im Nachwort erklärt wird, ihre eigene Familiengeschichte ist, nie die Distanz verloren hat, sondern aus ihren eigenen Erfahrungen einen wunderbaren Roman geformt hat.
Ein wirkliches Highlight in diesem Lesejahr!

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Wenn Erinnerungen erzählt werden wollen

Die karierten Mädchen von Alexa Hennig von Lange

Klara ist jung und freut sich sehr, dass sie trotz Wirtschaftskrise eine Anstellung als Haushälterin und Haushaltungslehrerin in einem Heim für Kinder mit TBC gefunden hat. Denn nicht nur ist ihr ihre eigene Unabhängigkeit sehr wichtig, sondern sie steht auch unter Druck. Die Pension ihrer Eltern läuft schlecht, sie sind auf ihr Einkommen angewiesen.

Das Heim scheint ihr ein kleines Paradies. Es liegt idyllisch, sie liebt ihre Arbeit, findet schnell in ihrer Kollegin Susanne eine gute Freundin, Klara ist glücklich. Und dann macht sie etwas, was die ordentliche, zuverlässige Klara selbst überrascht. Von der Fürsorge wird ein kleines jüdisches Baby bei ihnen abgegeben, die Mutter könnte es nicht versorgen, sei auf Arbeitssuche. Doch es gibt kein Geld für dieses Mädchen. Klara verliebte sich sofort in Tolla. Und als deren Mutter nicht mehr auftaucht, beschließt sie, Tolla im Heim zu behalten, dessen Leitung sie bald darauf übernehmen sollte. Doch die Zeiten ändern sich. Klara muss sich entscheiden. Das Heim aufgeben? Ihre Familie nicht mehr unterstützen können? Tolla verlieren? Oder mit den neuen Machthabern zusammenarbeiten? Tollas wahre Identität geheim halten? Konnte das gut gehen? Vielleicht waren die Nationalsozialisten ja gar nicht so schlimm?
Viele Jahrzehnte später, Klara ist über 90, verwitwet und blind, taucht diese lange vergessene, gut verdrängte Zeit wieder in ihren Gedanken auf. Und Klara hat einen Plan. Sie beginnt zu erzählen und ihre Geschichte auf Tonband aufzunehmen.
Als ich zu lesen begann, war ich ehrlich gesagt etwas überrascht über die Sprache und den Aufbau dieses Romans. Der ist nämlich recht klassisch. Den Rahmen bilden Episoden mit der alten Klara, rund um ihren Alltag. Dazwischen wird Klaras Geschichte als junge Frau erzählt. Auch der Stil ist recht einfach, erinnert fast an klassische Frauenbücher, zwar weniger kitschig und pathetisch, aber eben auch nicht hochliterarisch.
Dann entdeckte ich das Nachwort, in dem die Autorin erzählt, dass das Vorbild für Klara ihre Großmutter ist, die tatsächlich ihre Lebensgeschichte auf 130 Kassetten aufgenommen hat und die auch im wirklichen Leben in einem Kinderheim der Nazis gearbeitet hat. Der Roman ist nicht 1:1 eine Biografie ihrer Großmutter, es gibt Elemente, die Fiktion sind, vieles ist ausgeschmückt. Aber der Kern ist tatsächlich wahr.
Nach dieser Information fand ich dann auch die Wahl der Sprache und des Aufbaus verständlicher. Meine Großmutter, die ebenfalls in den 30ern eine junge Frau war, mochte Bücher in diesem Stil. Klassisch, schlicht. Aber nicht trivial. Sie hätte ihr Leben wohl ganz ähnlich erzählt.
Die karierten Mädchen ist der Beginn einer Triologie. Und wie es sich für einen ersten Band gehört, endet er mit einem richtigen Cliffhanger. Damit beginnt das Warten auf Band 2.
Ein sehr spannendes Zeugnis aus einer Zeit, von der wir viel zu wissen glauben und von der man doch immer wieder neue Facetten entdecken kann. Und auch eine Zeit, die noch die nachfolgenden Generationen beeinflusst. Vor allem, weil so viele nie erzählt haben, was (ihnen) wirklich passiert ist.
Spannendes Thema, sehr spannend erzählt. Ich hoffe sehr, dass sich die Autorin nicht zu lange Zeit lässt mit den fehlenden Teilen der Triologie!

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Ein jüdisches Leben in Wien

Isidor von Shelly Kupferberg

In diesem, sehr literarisch gestalteten Buch, gibt die Autorin ihrem Urgroßonkel Isidor seine Geschichte zurück, wie sie selber sagt. Gleichzeitig erzählt sie anhand ihrer Familie von der unfassbaren Machtübernahme der Nazis ab 1938 und dem Leid, das den Juden zugefügt wurde. Enteignung, Tod, Vertreibung,…
Isidor, der Bruder der Urgroßmutter der Autorin, war eine schillernde Gestalt.

Er stammte aus einem kleinen Schtetl im hintersten Winkel Galiziens. Der Vater war ein jüdischer Gelehrter, der nicht arbeitete, die Mutter brachte die Familie mehr schlecht als recht durch. Doch die Kinder waren aufgeweckt, im Gegensatz zu ihrem Vater weltoffen und ehrgeizig. So gelang es ihnen allen, wegzugehen, zu studieren, Ausbildungen zu machen, Erfolg zu haben. Selbst der früh verwitweten Tochter, die in Wien einen gut gehenden Modesalon führte.
Doch Isidor war es, der es am weitesten brachte. Erfolgreich, reich, ein Liebhaber von Kunst und schönen Dingen, gebildet und ein großer Opernfan. Er hatte seinen Platz in der Gesellschaft, war angesehen und wohlhabend. Er hatte es geschafft und liebte sein Leben in Wien. Antisemitismus hielt er für eine lästige Sache, die es halt immer mal mehr, mal weniger geben würde. Er war überzeugt, dass der Spuk der Nazis schnell vorübergehen würde. Doch leider war das nicht so. Aufgrund seines Reichtums geriet er schnell in ihre Fänge, er zerbrach daran.
Sehr lebendig erzählt nimmt uns die Autorin mit in die Zeit des frühen 20. Jahrhunderts. Man bewundert den Fleiß, den Mut, den Geschick dieser Geschwister, die es zu Ansehen und Wohlstand bringen. Immer wieder steht Isidor im Mittelpunkt, der schrulligste von ihnen. Obwohl man weiß, dass kein gutes Ende auf sie wartet, das Jahr 1938 rückt in der Erzählung immer näher, hofft man dennoch, dass die Katastrophe ausbleibt. Was sie natürlich nicht tut.
In dieser Familiengeschichte, die, wie die Autorin im Interview erzählt, auch deshalb Aktualität hat, weil „sich Geschichte anhand einzelner Menschen und Biografien noch einmal ganz anders darstellt, sie greifbar macht.“ S. 249, wird die Absurdität und das Grauen der Naziherrschaft einmal mehr so richtig bewusst gemacht. Gleichzeitig ist sie auch eine Liebeserklärung an die Stadt Wien mit all ihren wunderschönen Plätzen.
Sprachlich gelungen, wunderbar recherchiert, eine spannende Geschichte,… Ein Buch, das ich wärmstens empfehlen kann!

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Ungewöhnlicher, literarisch hochwertiger Krimi

Samson und Nadjeschda von Andrej Kurkow

Man schreibt das Jahr 1919 in Kiew. Es ist kurz nach der sowjetischen Revolution. Noch lehnen sich die alten Kräfte auf. Und wie immer in Umbruchszeiten herrscht Gewalt, Willkür und Verbrechen. Samsons Vater, ein friedfertiger, guter Mensch, wird von Rotarmisten neben seinem Sohn getötet. Samson verliert bei diesem Zwischenfall ein Ohr, überlebt aber.

Verstört, alleine in seiner großen, bürgerlichen Wohnung überlegt er, wie es weitergehen soll. Dann passieren ihm zwei Dinge. Mehr oder weniger durch Zufall beginnt er bei der neuen sowjetischen Polizei als Ermittler zu arbeiten. Und er lernt, vermittelt durch die Hausmeisterin, die patente Nadjeschda kennen, die ihm sofort gefällt.
Irgendwie schlittert er in alles, was ihm passiert so hinein. Und beginnt zu ermitteln. Wozu stiehlt jemand in erster Linie Silber und lässt Gold und Edelsteine liegen? Was hat das mit den gestohlenen Anzugteilen zu tun? Wer ist der geheimnisvoll Jakobson? Es entwickelt sich eine spannende, skurrile Krimigeschichte.
Hinterlegt ist dies alles mit den recht realistisch geschilderten Schwierigkeiten der Sowjetmacht. Es mangelt an fast allem. Es wird gestohlen, es wird enteignet, es gibt viele Todesopfer. Bei Kämpfen, aus Zufall, aus Willkür.
Und dann ist da noch das abgeschnittene Ohr. Samson hat es aufgehoben und aufbewahrt. Es entwickelt ein Eigenleben und lässt ihn Dinge hören, die dort passieren, wo es liegt.
Ein sehr ungewöhnlicher Krimi, nicht nur historisch verankert, auch manchmal etwas phantastisch, skurril, wunderbar geschrieben, spannend zu lesen und dennoch kritisch dem Geschehen gegenüber. Mir hat er gefallen, ein ganz besonderes Buch!

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Der Fremde vom Planeten Anthea

Der Mann, der vom Himmel fiel von Walter Tevis

Es gibt Wiederauflagen von Büchern, die in ihrer Zeit großen Erfolg hatten, eine Weile sogar so etwas wie Klassiker waren, die aber nicht umsonst verloren gingen. Als Leserin fragt man sich dann, warum sich ein Verlag für eine Neuauflage und -übersetzung entscheidet.
Und dann gibt es Romane, wie diesen hier, bei denen man dem Verlag sehr dankbar ist, dass sie ihn ins Programm genommen haben, ihn der Öffentlichkeit neu präsentieren, denn es sind Bücher, bei denen man froh ist, sie gelesen zu haben und das Gefühl hat, ohne die Lektüre hätte man definitiv etwas verpasst.

Ursprünglich erschien der Roman 1963, 1976 wurde er mit David Bowie verfilmt, ein kultiger, sehr schräger Science Fiction Film, den ich interessanterweise zufällig als Teenager im Fernsehen gesehen hatte, ihn allerdings damals überhaupt nicht verstand und total komisch fand. In Erinnerung geblieben ist er mir aber, beim Lesen tauchten immer wieder Bilder dazu auf.
Erzählt wird die Geschichte des Außerirdischen Thomas Jerome Newton, sein Planet Anthea hat sich durch Kriege und Aufbrauchen der Ressourcen selbst zerstört. Nur noch wenige Bewohner sind übrig, Thomas wurde erwählt, auf die Erde zu fliegen, um sie alle zu retten.
Mit Geschick, Intelligenz und vielen für die Erde neuen Technologien im Gepäck, gelingt es ihm auf der Erde rasch, seinen Plan anzugehen. Im Wissenschaftler Nathan Bryce und der einfachen jungen Frau Betty Jo findet er so etwas wie Freunde. Trotz seines Erfolges und dem Näherkommen seiner Pläne leidet er. Er findet Gefallen am Alkohol, hat gesundheitliche Probleme. Im Nacken sitzt ihm immer die Angst aufzufliegen.
Ob sein Plan gelingt, ob seine Identität herauskommt, wie die Geschichte endet, das wird hier natürlich nicht verraten.
Der Roman ist aktueller denn je, denn auch wir sind kurz davor, uns selbst auszulöschen, viele der Technologien sind Realität, die menschlichen Probleme wie Einsamkeit, Alkoholismus, … gibt es noch immer. Walter Tevis hat hier einen sehr literarischen Science Fiction Roman geschrieben, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, gleichzeitig unglaublich feinsinnig und spannend geschrieben ist.
Ich bin begeistert. Und halte „Der Mann, der vom Himmel fiel“ definitiv für eine Neuauflage, die die Welt unbedingt gebraucht hat. Wie gut, dass die Serie „Das Damengambit“, die auf dem gleichnamigen Roman Tevis beruht, so viel Erfolg hatte. Wer weiß, ob wir sonst seine Bücher wieder zu lesen bekommen hätten.

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Porträt einer vergessenen Persönlichkeit

Der große Fehler von Lee Jonathan

Kennen Sie Andrew Haswell Green? Ich kannte ihn bis zu diesem Roman auch nicht. Dabei ist der Stadtplaner Green jener Mensch, der das New York, das wir heute kennen, mitgeschaffen hat. Ihm verdankt die Stadt unter anderem den Central Park, die New York Public Library und auch den Zusammenschluss von Brooklyn und Manhattan.

Ein Denkmal sucht man in ganz New York vergeblich, einzig eine versteckte Marmorbank im Central Park ist ihm gewidmet. Wie schön, dass der Autor Jonathan Lee diese spannende Persönlichkeit mit seinem Roman wieder in Erinnerung ruft.
Erzählt wird die Lebensgeschichte von Andrew Green, der aus einfachen Verhältnissen stammt, dessen Anfang in New York aus einer Handelslehre besteht. Wenig würde vermuten lassen, wozu dieser junge Mann noch fähig sein würde. Mit viel Zähigkeit, aber auch Geschick und etwas Glück, gelingt es ihm, sich hochzuarbeiten und seine Visionen zu verwirklichen.
Lee beginnt den Roman am Ende des Lebens des Stadtplaners. Er ist inzwischen betagt, aber noch immer voller Ideen, da wird er mit 83 vor den Stufen seines Hauses erschossen. Warum? Wahrscheinlich ein großer Irrtum, wie sich heraus stellt. Auf der Suche nach der Wahrheit begleiten wir den Inspektor, der diesen Fall klären soll. Abwechselnd dazu wird Greens Leben von Anfang an chronologisch erzählt, Kindheit, Jugend, erste Schritte des Erfolgs. Das ergibt eine spannende Struktur und fügt sich zu einem gelungenen Ganzen.
Auch sprachlich hat mich dieser biografische Roman völlig überzeugt und begeistert, anspruchsvoll, dennoch gut zu lesen.
Der Autor schreibt in einem Interview am Ende des Buches: „Ich wollte einen historischen Roman schreiben, der anarchisch, chaotisch, witzig, erschütternd und berührend ist.“ Ich finde, das ist ihm hervorragend gelungen. Damit hat er Andrew H. Green ein verdientes Denkmal gesetzt, vielleicht erinnert man sich jetzt wieder an diese beeindruckende Persönlichkeit, dessen Ansätze und Philosophie auch heute noch/wieder mehr als modern sind:
„Im New York des 19. Jahrhunderts glaubte Green an den öffentlichen Raum, die öffentliche Gesundheit, die öffentliche Bildung, die Förderung der Künste, und er sah auch voraus, dass die Verschmutzung der Umwelt oft die Ärmsten am härtesten trifft. Er sah, dass die beste erste Chance auf eine etwas gerechtere Gesellschaft darin bestehen könnte, saubere Luft zu schaffen, die alle atmen können, nicht nur die Reichen.“
Auf dass viele Menschen diesen Roman lesen, Andrew Green entdecken und von ihm zum Nachdenken angeregt werden. Von mir gibt es eine begeisterte Empfehlung.

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Rückkehr nach Bagdad

Der Erinnerungsfälscher von Abbas Khider

Said Al-Wahid stammt ursprünglich aus dem Irak. Nach einer Flucht, die mehrere Jahre dauerte, gelingt es ihm, nach Deutschland zu gelangen, dort zu studieren, Fuß zu fassen, die Staatsbürgerschaft anzunehmen, zu heiraten und seinen Traum vom Schreiben wahrzumachen. Eine Erfolgsgeschichte sozusagen.

Als der Anruf seines Bruders aus dem Irak kommt, dass die Mutter im Sterben liegt, macht er sich sofort nach dem Symposion auf den Weg, den Pass hat er sowieso immer in der Tasche. Es ist das erste Mal, dass er zurück nach Bagdad fährt seit er geflohen ist, so oft hatte er es vor, doch immer war es zu gefährlich, erst der Umsturz, dann der Bürgerkrieg,… Doch nun ist es so weit, er hofft nur eines, seine Mutter noch lebend anzutreffen, um sich von ihr zu verabschieden.
Auf dieser Reise lässt er sein Leben Revue passieren, sein Anfang im Irak, seine Flucht, das Ankommen in Deutschland. Auch wenn ich mich schon viel mit dem Thema Flucht beschäftigt habe, ist es immer wieder erschütternd zu lesen, unter welchen bürokratischen Hürden, unter welchem Rassismus (mehr oder weniger gut versteckt, mehr oder weniger beabsichtigt) und mit welchen Dingen sich Geflüchtete auseinandersetzen müssen, Dinge, die einem als weißer Einheimischen niemals passieren würden, die niemand von dir verlangen würde. Und dabei ist der Protagonist einer von denen, die es geschafft haben, der angekommen und gut integriert ist, der sogar studiert hat. Trotzdem. Selbst das schützt oft nicht vor Diskriminierung.
Das alles erzählt Abbas Khider in sehr ruhiger, schlichter Sprache, unaufgeregt, ohne anzuklagen, einfach darstellend, was ist. Das macht das Geschehene vielleicht etwas leichter lesbar, aber nicht weniger erschütternd. Ich fand die Erzählweise für diese Geschichte sehr gelungen.
Der Roman hat gar nicht so viele Seiten und trotzdem steckt so viel darin, ich nehme an, dass ganz viel davon Abbas Khider selbst erlebt hat oder Menschen, die er kennt und denen es so oder so ähnliche ergangen ist. Mich hat der Roman sehr berührt. Er hat mich wie so oft, wenn es um Rassismus und Umgang mit Geflüchteten geht, wütend, ratlos und betroffen gemacht. Das Buch fordert kein Mitleid, es jammert nicht, es erzählt nur, stellt einfach dar.
Ich bin wieder begeistert und freue mich auf viele weitere Romane aus der Feder des Autors!

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