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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Petris:

Straßenmusik in Amsterdam

Straßenmusik von Markus Behr

Der Piicus Verlag mit Sitz in Wien ist ein kleiner Verlag, bei dem es sich lohnt, das Programm genauer zu studieren und auch mal ins kalte Wasser zu springen und einen unbekannten Autor zu wählen, da er ein gutes Gespür und wunderbares Händchen für wirklich besondere Bücher hat. Die Romane einer meiner Lieblingsautorinnen, Judith Taschler, sind zuerst im Picus Verlag erschienen.

Eine der vielen Entdeckungen dieses Verlags!
Nach Straßenmusik habe ich unter anderem gegriffen, weil er im Haus Picus erschienen ist. Er hat mich aber auch optisch total angesprochen. Das wunderschöne Cover mit den schillernden Seifenblasen in Nahaufnahme und der einfache, aber schöne Titel „Straßenmusik“ lassen sofort Bilder entstehen. Klappentext und Leseprobe überzeugten mich dann endgültig.
Chiara und Jonas sind beide in einer Umbruchsphase, Chiara mit dem Abitur in der Tasche wartet auf die Nachricht, ob sie zum Psychologiestudium in Graz angenommen wurde, Jonas hat einen Durchhänger im Literaturstudium und wurde aus seiner Band „Wunderwerk“ gekickt, just in dem Moment, als diese einen Vertrag mit einer Agentur abschließen konnte.
Beide beschließen, eine Auszeit in Amsterdam zu nehmen, Chiara, um Straßenmusik zu machen, Jonas einfach nur, um wegzufahren. Zufällig begegnen sich die beiden schon im Zug, aber erst als sie sich in Amsterdam wieder über den Weg laufen, beginnen sie, sich über ihre Musik anzufreunden. Die Annäherung verläuft mehr als holprig, doch über die Musik haben sie etwas, das sie verbindet.
Wohin das alles führt, ob sie auch nachher noch zusammen Musik machen, ob sie sich für die Musik entscheiden, ob Chiara aufgenommen wird, warum sie sind, wer und wie sie sind, das verrate ich hier nicht. Lest selber! Es lohnt sich!
Straßenmusik ist ein unaufgeregter, sehr schlicht erzählter Roman. Die Musik spielt eine große Rolle, was für mich als Hobbymusikerin sehr schön zu lesen ist, sie ist Teil der Geschichte, verbindet, erzeugt Spannung und untermalt das Geschehen. Die genannten Stücke erzeugen fast so etwas wie einen Soundtrack beim Lesen, bei den fiktiven Stücken, die sie selber schreiben, überlegt man, wie sie wohl klingen und kann sie beinahe hören.
Sehr schön erzählter, sehr gelungener Roman, der mich auf allen Ebenen überzeugt hat.

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Jenen eine Stimme geben, die nicht gehört werden

Die spürst du nicht von Daniel Glattauer

Zwei Familien fahren gemeinsam in die Toscana auf Urlaub. Die beiden Frauen Melanie und Elisa kennen sich noch von der Schule und haben den Kontakt bis heute gehalten. Mit dabei die Kinder Benjamin, Lotte und die 14jährige Sophie Louise, die darauf bestanden hat, ihre Schulkollegin, das somalische Flüchtlingsmädchen Aayana mitzunehmen.

Doch der Urlaub läuft anders als geplant, mit Folgen für die Beteiligten.
Daniel Glattauer leiht in diesem Roman, der unsere Gesellschaft scharf beobachtet und aufdeckt, auch jenen eine Stimme, die sonst nie zu Wort kommen, die man sonst nicht spürt. Das verpackt er in eine sehr spannend erzählte, sehr berührende Geschichte mit Charakteren, die alle ihre Fehler, Ecken und Kanten haben.
Die Erzählweise ist spannend. Es gibt den allwissenden Erzähler, der mit sehr viel Distanz, aus der Rolle des Beobachters, sehr neutral erzählt, aufgelockert durch Dialoge zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten. Dazwischen finden sich Zeitungsartikel und dazu die immer gleichen Kommentare, die zwischen verständnisvoll, peinlich, verkrampft witzig wirkend wollen und offen bösartig changieren. Leider sehr nah an den Kommentaren, die man tagtäglich im Netz lesen kann. Und dann gibt es noch Chats zwischen Sophie Louise und einem Jungen, den sie im Netz kennengelernt hat, Pierre.
Daniel Glattauer ist hier ein Roman ganz nah an unserer Zeit gelungen, der viele Themen aufgreift, sie aber mit gewohnter Leichtigkeit erzählt, ohne das Leid und die Schwere zu relativieren.
Ich war von der ersten Seite an gefesselt, mochte den Aufbau, die Erzählweise, wie die Figuren gezeichnet waren und fand auch das Ende gelungen.
Ein Roman, den ich wärmstens empfehlen kann!

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Zurück im Heimatdorf

Wovon wir leben von Birgit Birnbacher

Julia hat ihren Beruf als Krankenschwester gerne gemocht, er hat ihr ermöglicht, ihr Dorf hinter sich zu lassen, in die Stadt zu ziehen und sie hat die Arbeit gut gemacht. Bis zu jenem Zwischenfall, als sie einen Fehler machte. Und bis zu der Krankheit, die sie länger ausfallen ließ. Danach wurde sie gekündigt.

Sie sieht keine andere Möglichkeit als zurück ins Elternhaus zu gehen. Vorübergehend. Dort angekommen der nächste Schock. Die Mutter ist ausgezogen. Sie lebt jetzt in Sizilien und führt dort mit einem Mann eine Pension. Im Haus ist nur der grummelige Vater, der erwartet, dass sie sich jetzt kümmert. Ob die Begegnung mit „dem Städter“, einem genesenen Herzinfarktpatienten, das Leben im Dorf erträglicher macht?
Stilistisch hat mir dieser Roman sehr gut gefallen. Sehr ruhig, kühl und distanziert wird aus Sicht Julias erzählt. Das Dorf ist nicht mehr, was es einmal war. Viele Geschäfte stehen leer, viele sind arbeitslos, der Wirt trinkt zu viel und verspielt sein Hab und Gut. Die Winter sind lang, die Landschaft schön. Aber die Zeit ist stehengeblieben. Wer weggeht, wer studiert hat, wer anders ist wird schief angesehen.
Die Autorin spricht viele dieser Themen an, doch insgesamt bleibt mir vieles zu vage und kratzt nur an der Oberfläche. Vieles wirkt auch nicht ganz schlüssig. Julias Beweggründe bleiben oft unklar. Man versteht nicht, was sie will. Und leider auch nicht ganz, wohin der Roman will.
Das Ende war überraschend. Aber leider auch ein wenig nichtssagend.
Interessant zu lesen, aber für ein wirkliches Highlight blieb die Geschichte zu lau.

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Sam, Sadie und Marx

Morgen, morgen und wieder morgen von Gabrielle Zevin

Sam Masur und Sadie Green sind ein ungleiches Paar und dennoch gibt es eine tiefe Verbundenheit. Ist es ihre Begeisterung für Computerspiele oder ihre überdurchschnittliche Intelligenz oder doch die vielen durchzockten Stunden in ihrer Kindheit, die diese Verbundenheit und tiefe Freundschaft erzeugt?
Die Geschichte startet als sie sich zufällig in einer U-Bahn Station in Cambridge, Massachusetts wiedersehen.

Sam studiert inzwischen in Harvard und Sadie am MIT. Nach diesem ersten Treffen nehmen sie wieder Kontakt auf und bald entwickeln sie die Idee, selber ein Computerspiel zu entwerfen. An ihrer Seite als Freund und Produzent, Sams Mitbewohner Marx.
Kennengelernt hatten sie sich als Kinder im Krankenhaus. Sam war dort nach einem schweren Unfall und Sadie als Besucherin, ihre Schwester litt an Krebs. Sadie war die einzige, mit der Sam sprach. Die vielen Stunden beim Computerspielen ließen ihn seine Schmerzen für einen Moment vergessen. Doch auch Sadie halfen sie, sich weniger einsam zu fühlen. Durch eine unbedachte Unwahrheit (oder besser ein Verschweigen) ging diese Freundschaft zu Ende, bis zu jenem Tag in der U-Bahn.
Ab hier begleiten wir die beiden und ihren Freund Marx durchs Leben. Es geht um Computerspiele, um Entwicklungen in der Branche, um Freundschaft, um Liebe, um richtige und falsche Entscheidungen, …
Das alles ist unglaublich spannend, lebendig und menschlich erzählt. Die Charaktere besitzen Ecken und Kanten, sind wunderbar ausgearbeitet, man hat das Gefühl, in ihre Welt einzutauchen. Als Leser:in leidet man mit ihnen mit, möchte sie vor manchen Dingen bewahren, freut sich über ihre Erfolge. Man erfährt nicht nur viel über Videospiele, die Community, es kommt auch Poesie, Literatur und Theater vor.
Für mich war es ein besonderes Leseerlebnis, da die Protagonisten genau so alt sind wie ich. Auch wen ich nie gezockt habe, ein völlig anderes Leben gelebt habe als Österreicherin aus einem kleinen Dorf, ist doch vieles vertraut. Was uns bewegt hat, wie wir gelebt haben, aber auch die schnelle Entwicklung der Computerwelt.
Morgen, morgen und wieder morgen hat mich von Anfang an angezogen. Ich mochte das Cover, ich fand den Klappentext spannend, ich mochte die Leseprobe. Und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil! Der Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.
Von mir gibt es eine begeisterte Empfehlung.

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Eine Welt voller Gewalt und Armut

Young Mungo von Douglas Stuart

Wir befinden uns in Glasgow in den 90er Jahren. In einem sehr armen, gewalttätigen Milieu, das geprägt ist von Homophobie, Hass auf andere Konfessionen, Gewalt, viel zu frühe Mutterschaft und Alkoholismus. Mungo lebt im Zentrum dieser tristen Umstände.
Sein Vater ist verstorben, die Mutter, viel zu jung Mutter geworden, egoistisch, alkoholkrank und unzuverlässig.

Der ältere Bruder gewalttätig, Anführer einer protestantischen Gang, Drogendealer. Einzig die Schwester, intelligent, strebsam und ehrgeizig schafft so etwas wie Stabilität und vor allem Verständnis und Liebe zu erschaffen.
Mungo, sensibel, verträumt und schwul ist in diesem Kosmos natürlich ein Spielball von Gewalt, Missbrauch und mangelnde Unterstützung. Er muss mit seinem Bruder zu den Straßenkämpfen, seine Mutter liefert ihn dem Missbrauch aus, eine aufkeimende Liebe ist ständig in Gefahr.
Diese Geschichte ist ziemlich heftig. Sie wird großartig, aber auch unglaublich schonungslos erzählt. Für mich war sie stellenweise unerträglich.
Es ist ein gelungener Roman, bei dem Sprache, Aufbau und Geschichte passen. Aber für mich war es das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt. Nach persönlich sehr fordernden Jahren, einer Welt, die Sorge bereitet und auch sonst ziemlich viel Anspannung und Druck, war mir dieses Buch einfach etwas zu viel. Der Klappentext klang positiver als es dann wirklich war.
Wer sich gern mit schwierigen Themen auf hohem literarischen Niveau beschäftigt, für den:die ist dieser Roman perfekt. Wer gerade dünnhäutig ist, wen Gewalt und Missbrauch triggern, der:die lässt besser die Finger davon.

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Eine Welt voller Gewalt und Armut

Young Mungo von Douglas Stuart

Wir befinden uns in Glasgow in den 90er Jahren. In einem sehr armen, gewalttätigen Milieu, das geprägt ist von Homophobie, Hass auf andere Konfessionen, Gewalt, viel zu frühe Mutterschaft und Alkoholismus. Mungo lebt im Zentrum dieser tristen Umstände.
Sein Vater ist verstorben, die Mutter, viel zu jung Mutter geworden, egoistisch, alkoholkrank und unzuverlässig.

Der ältere Bruder gewalttätig, Anführer einer protestantischen Gang, Drogendealer. Einzig die Schwester, intelligent, strebsam und ehrgeizig schafft so etwas wie Stabilität und vor allem Verständnis und Liebe zu erschaffen.
Mungo, sensibel, verträumt und schwul ist in diesem Kosmos natürlich ein Spielball von Gewalt, Missbrauch und mangelnde Unterstützung. Er muss mit seinem Bruder zu den Straßenkämpfen, seine Mutter liefert ihn dem Missbrauch aus, eine aufkeimende Liebe ist ständig in Gefahr.
Diese Geschichte ist ziemlich heftig. Sie wird großartig, aber auch unglaublich schonungslos erzählt. Für mich war sie stellenweise unerträglich.
Es ist ein gelungener Roman, bei dem Sprache, Aufbau und Geschichte passen. Aber für mich war es das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt. Nach persönlich sehr fordernden Jahren, einer Welt, die Sorge bereitet und auch sonst ziemlich viel Anspannung und Druck, war mir dieses Buch einfach etwas zu viel. Der Klappentext klang positiver als es dann wirklich war.
Wer sich gern mit schwierigen Themen auf hohem literarischen Niveau beschäftigt, für den:die ist dieser Roman perfekt. Wer gerade dünnhäutig ist, wen Gewalt und Missbrauch triggern, der:die lässt besser die Finger davon.

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Fremd in Kasachstan und Norddeutschland

Sibir von Sabrina Janesch

Auf Bücher stößt man ja immer auf unterschiedliche Weise. Bei Sibir waren es gleich mehrere Ebenen, die mich angezogen haben. Zuallererst der Titel, Sibirien ist für mich eine Art Sehnsuchtsland, faszinierend, schön, aber auch unglaublich traurig, wenn es um die Geschichte geht. Auch das Cover fand ich spannend und ansprechend, der Klappentext versprach ein spannendes Thema, die Leseprobe gefiel mir sprachlich sehr gut und dann gab es auch schon die eine oder andere ziemlich begeisterte Meinung zum Buch.

In „Sibir“ erzählt Sabrina Janesch eine Geschichte auf zwei Ebenen, im Mittelpunkt stehen einmal der Vater und dann wieder die Tochter, beide in jungen Jahren als Kinder. Josef Ambacher ist 10 als nach 1945 seine deutsche Familie von der Sowjetarmee verschleppt wird. In den Osten, in Richtung „Sibir“. Am Ende landen sie in einem kleinen Dorf in Kasachstan. Der Weg dorthin traumatisch, der kleine Bruder stirbt, die Mutter verschwindet im Schneesturm. Übrig bleiben der Großvater, die Großmutter, eine Tante und eben Josef. Im Dorf werden sie gemieden, sie sind die Deutschen, die Nazis und auch wenn die meisten anderen ebenfalls verschleppt und vertrieben wurden und aus allen Ecken der Sowjetunion kommen, sie werden von allen beäugt. Dem handwerklichen Geschick des Großvaters ist es zu verdanken, dass die Familie überlebt, einem wohlmeinenden Lehrer, der Josefs Potential sieht, ist es zu verdanken, dass Josef gefördert wird und schnell die Sprache lernt. Und seiner Freundschaft mit dem kasachischen Jungen verdankt er, dass er an diese schweren Jahre auch schöne Erinnerungen hat und viele Dinge auf Deutsch, Russisch und Kasachisch bezeichnet.
Nach 10 Jahren darf die Familie die UdSSR verlassen und siedelt sich mit vielen anderen Rückkehrern in einem norddeutschen Dorf an. Am Rand. Denn sie sind anders, in Deutschland gelten sie als die Russen.
Parallel dazu wird die Geschichte aus der Sicht der Tochter zu Beginn der 90er Jahre erzählt. Wie sie ihre Familie wahrnimmt, wie sie die Geschichten des Vaters aufnimmt. Ihr bester Freund Arnold, ebenfalls aus einer Rückkehrerfamilie, steht ihr zur Seite. Sie sind geprägt von der Vertreibungserfahrungen ihrer Eltern und besessen davon, sich sichere Lager zu bauen, die sie immer mit frischen Vorräten bestücken. Jederzeit fliehen zu können, das gibt ihnen Sicherheit. Obwohl sie schon in Deutschland geboren wurden, sind sie irgendwie fremd. Anders.
Diese zwei Erzählebenen fügen sich harmonisch ineinander, sind beide sehr gelungen und spannend gestaltet. Man sieht die jeweilige Welt durch die Augen der Kinder, die manches nicht verstehen, aber sehr viel beobachten und wahrnehmen. Auch sprachlich ist das hervorragend gelungen. Die Autorin hat sehr genau recherchiert, der Kern der Geschichte ist auch ihre Geschichte, denn ihr Vater hat ebenfalls seine Kindheit in der kasachischen Steppe verbracht. Sie reiste für ihre Recherche nach Kasachstan, bis in das Dorf, wo ihr Vater gelebt hat.
Für mich war der Roman ein richtiges Highlight, ein sehr spannendes Thema, von dem ich bisher recht wenig wusste, großartig erzählt und wunderbar konstruiert mit den unterschiedlichen Erzählebenen.
Definitiv ein Buch ganz nach meinem Geschmack!

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Opfer, Täter, Völkermord

Gleißendes Licht von Marc Sinan

Marc Sinan ist Komponist und Gitarrist, bereits in seinem musikalischen Schaffen hat er sich mit dem Thema des Völkermordes an den Armeniern, mit dem Thema Täter – Opfer beschäftigt. Ein Thema, das auch ihn und seine Familie geprägt hat. So erfahren wir auch, dass der Roman autobiografische Züge trägt.

Kaan ist in Deutschland aufgewachsen, seine Mutter Nur Türkin, sein Vater Deutscher. Er wird Musiker, doch etwas in seinem Leben lässt ihn immer eine Schwere fühlen, etwas lastet auf seiner Brust.
Erst spät wird ihm bewusst, dass das mit seinen Großeltern zu tun hat. Während eines längeren Aufenthaltes in Istanbul, beginnt er sich zu erinnern. An das, was die Großeltern in kurzen Momenten der Ehrlichkeit erzählt haben, an das, was er in der Kindheit bei seinen Besuchen gespürt hat.
Der Roman wird in vielen Zeitsprüngen erzählt. Im ersten Kapitel erleben wir den türkischen Großvater als Jugendlichen, der Zeuge eines großen Verbrechens wird. Wir lesen Kapitel aus Kaans leben in den unterschiedlichsten Altersstufen. Wir hören die tragische Geschichte der armenischstämmigen Großmutter aus ihrem eigenen Mund. Das alles fügt sich immer mehr zu einem Ganzen.
Leider wird es im letzten Viertel recht surrealistisch. Es ist schwer zu unterscheiden, was Traum (oder Wahnsinn) und Wirklichkeit ist. Die Idee, von der späten Rache zur Verzeihung zu kommen, um das vererbte Trauma aufzuarbeiten und nicht an die nächste Generation weiterzugeben, ist mir nicht ganz klar geworden.
Dennoch ein eindrücklicher, sehr schön erzählter Roman!

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Wenn die Liebe auf die Probe gestellt wird

Die Liebe an miesen Tagen von Ewald Arenz

Nachdem ich die beiden Vorgänger des Autors „Der große Sommer“ und „Alte Sorten“ sehr geliebt habe, freute ich mich, als ich seinen neuen Titel unter den Neuerscheinungen entdeckte. Ich mag seinen Schreibstil, der humorvoll ist, der auch im Schweren nie hoffnungslos ist, der eine große Menschenliebe ahnen lässt und die Figuren immer realistisch zeichnet und sehr gut beobachtet.

In „Die Liebe an miesen Tagen“ lernen wir zuerst die beiden Hauptfiguren kennen. Clara ist seit einigen Jahren verwitwet, seither gab es die eine oder andere Liebschaft, doch richtig verliebt hat sie sich nicht mehr. Jetzt hat sie auch noch ihren Job als Fotografin für eine Zeitung verloren. Sie denkt ernsthaft daran, ihr kleines Häuschen am Land, das sie und ihr Mann mit viel Liebe renoviert hatten, zu verkaufen.
Elias ist Schauspieler. Er liebt seinen Beruf. Und er liebt seine Tochter Jule. Seit zwei Jahren ist er mit Vera zusammen. Es gibt schöne Momente, doch er muss sich eingestehen, dass er sie nicht liebt. Und dennoch reicht es nicht für eine Trennung.
Durch einen Zufall, weil er mit Vera ihr Haus besichtigen will, begegnen sich Clara und Elias. Sie haben sofort einen Draht zueinander, ihr erster Schlagabtausch ist einfach wunderbar zu lesen. Doch: Clara ist älter als er, er lebt in einer Beziehung. Das wars dann also.
Oder auch nicht. Es kommt zu einer zweiten Begegnung. Und die beiden verlieben sich ineinander.
Diese vorsichtige, sich anbahnende und doch sehr tiefe Verliebtheit wird von Ewald Arenz sehr schön erzählt. Die beiden haben einen ähnlichen, sehr direkten und schwarzen Humor, der sich in ihren Gesprächen wunderbar liest. Sehr gemocht habe ich auch, wie die Geschwisterbeziehung zwischen Clara und ihrem Bruder dargestellt wird, wie der Umgang mit der Demenz der Mutter erzählt wird und auch die Vater-Tochter-Beziehung zwischen Elias und Jule. Das ist herzerfrischend und wunderbar ausgearbeitet.
Doch Claras und Elias Vertrauen wird auf eine schwere Probe gestellt. Sie drohen daran zu scheitern.
Bis hierher fand ich den Roman einfach nur perfekt. Was noch kommt, soll nicht verraten werden. Nur so viel, mir war es dann einfach etwas zu viel der Dramatik. Manches davon hätte die Geschichte gar nicht gebraucht, im Gegenteil.
Ein Roman, den ich nicht mehr aus der Hand legen konnte, den ich sehr gerne gelesen habe und den ich auch gerne weiterempfehle. Für die 5 Sterne hat es bei mir nicht ganz gereicht, weil ich dann ein paar Dinge „too much“ fand.

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Wie der Großvater, so der Enkel?

Frankie von Michael Köhlmeier

Frankie ist fast 14. Er lebt alleine mit seiner Mutter. Einen Vater gibt es, aber der zahlt weder Alimente, noch kümmert er sich. Das war auch schon so, als er noch bei ihnen lebte. Viele Freunde hat er nicht, aber sein Leben findet er in Ordnung. Er kocht gerne und mag das Zusammenleben mit seiner Mutter.

Doch dann wird sein Großvater nach 18 Jahren Haft entlassen und alles ändert sich. Der Großvater ist mürrisch, aggressiv. Wenig dankbar für die Unterstützung durch seine Tochter. Frank merkt, dass seine Mutter Angst hat. Angst davor, dass ihr Vater ihr Leben zerstören wird.
Nach einigen Begegnungen mit dem Großvater, zum Teil komisch, zum Teil aggressiv, beschließt Frank, dass er ihn nie wieder sehen will. Und dann geht er ihn doch besuchen. Aus Neugierde und Langeweile. Wie er selbst sagt.
Wie das ausgeht, was es mit der Pistole auf sich hat, ob wir erfahren, was der Großvater verbrochen hat, das wird hier natürlich nicht verraten.
Sprachlich ist das Buch wie aus einem Guss. Der Ich-Erzähler ist der 14jährige Frank. Er erzählt alles aus seiner Sicht. In einer Sprache, die seine Jugend erkennen lässt, aber gleichzeitig auch sehr literarisch ist. Mit vielen wienerischen Färbungen, die das Setting sehr authentisch wirken lassen.
Frank treibt die Frage um, was sein Großvater getan hat. Erst traut er sich nicht fragen, dann verbietet es ihm der Großvater und am Ende bekommt er eine Geschichte aufgetischt. Ist sie wahr? Oder nicht?
Das Ende ist unerwartet. Es bleibt vieles offen. Mich hat es ein wenig ratlos zurückgelassen, aber irgendwie passte es trotzdem sehr gut zur Geschichte.
Dieser Roman von Michael Köhlmeier hat mich sehr gefesselt, ich las ihn in einem Rutsch durch. Das lag vor allem an der Präsenz des Protagonisten und der Sprache. Definitiv eine Neuerscheinung, die ich empfehlen kann!

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