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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Petris:

Sam, Sadie und Marx

Morgen, morgen und wieder morgen von Gabrielle Zevin

Sam Masur und Sadie Green sind ein ungleiches Paar und dennoch gibt es eine tiefe Verbundenheit. Ist es ihre Begeisterung für Computerspiele oder ihre überdurchschnittliche Intelligenz oder doch die vielen durchzockten Stunden in ihrer Kindheit, die diese Verbundenheit und tiefe Freundschaft erzeugt?
Die Geschichte startet als sie sich zufällig in einer U-Bahn Station in Cambridge, Massachusetts wiedersehen.

Sam studiert inzwischen in Harvard und Sadie am MIT. Nach diesem ersten Treffen nehmen sie wieder Kontakt auf und bald entwickeln sie die Idee, selber ein Computerspiel zu entwerfen. An ihrer Seite als Freund und Produzent, Sams Mitbewohner Marx.
Kennengelernt hatten sie sich als Kinder im Krankenhaus. Sam war dort nach einem schweren Unfall und Sadie als Besucherin, ihre Schwester litt an Krebs. Sadie war die einzige, mit der Sam sprach. Die vielen Stunden beim Computerspielen ließen ihn seine Schmerzen für einen Moment vergessen. Doch auch Sadie halfen sie, sich weniger einsam zu fühlen. Durch eine unbedachte Unwahrheit (oder besser ein Verschweigen) ging diese Freundschaft zu Ende, bis zu jenem Tag in der U-Bahn.
Ab hier begleiten wir die beiden und ihren Freund Marx durchs Leben. Es geht um Computerspiele, um Entwicklungen in der Branche, um Freundschaft, um Liebe, um richtige und falsche Entscheidungen, …
Das alles ist unglaublich spannend, lebendig und menschlich erzählt. Die Charaktere besitzen Ecken und Kanten, sind wunderbar ausgearbeitet, man hat das Gefühl, in ihre Welt einzutauchen. Als Leser:in leidet man mit ihnen mit, möchte sie vor manchen Dingen bewahren, freut sich über ihre Erfolge. Man erfährt nicht nur viel über Videospiele, die Community, es kommt auch Poesie, Literatur und Theater vor.
Für mich war es ein besonderes Leseerlebnis, da die Protagonisten genau so alt sind wie ich. Auch wen ich nie gezockt habe, ein völlig anderes Leben gelebt habe als Österreicherin aus einem kleinen Dorf, ist doch vieles vertraut. Was uns bewegt hat, wie wir gelebt haben, aber auch die schnelle Entwicklung der Computerwelt.
Morgen, morgen und wieder morgen hat mich von Anfang an angezogen. Ich mochte das Cover, ich fand den Klappentext spannend, ich mochte die Leseprobe. Und ich wurde nicht enttäuscht, im Gegenteil! Der Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.
Von mir gibt es eine begeisterte Empfehlung.

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Eine Welt voller Gewalt und Armut

Young Mungo von Douglas Stuart

Wir befinden uns in Glasgow in den 90er Jahren. In einem sehr armen, gewalttätigen Milieu, das geprägt ist von Homophobie, Hass auf andere Konfessionen, Gewalt, viel zu frühe Mutterschaft und Alkoholismus. Mungo lebt im Zentrum dieser tristen Umstände.
Sein Vater ist verstorben, die Mutter, viel zu jung Mutter geworden, egoistisch, alkoholkrank und unzuverlässig.

Der ältere Bruder gewalttätig, Anführer einer protestantischen Gang, Drogendealer. Einzig die Schwester, intelligent, strebsam und ehrgeizig schafft so etwas wie Stabilität und vor allem Verständnis und Liebe zu erschaffen.
Mungo, sensibel, verträumt und schwul ist in diesem Kosmos natürlich ein Spielball von Gewalt, Missbrauch und mangelnde Unterstützung. Er muss mit seinem Bruder zu den Straßenkämpfen, seine Mutter liefert ihn dem Missbrauch aus, eine aufkeimende Liebe ist ständig in Gefahr.
Diese Geschichte ist ziemlich heftig. Sie wird großartig, aber auch unglaublich schonungslos erzählt. Für mich war sie stellenweise unerträglich.
Es ist ein gelungener Roman, bei dem Sprache, Aufbau und Geschichte passen. Aber für mich war es das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt. Nach persönlich sehr fordernden Jahren, einer Welt, die Sorge bereitet und auch sonst ziemlich viel Anspannung und Druck, war mir dieses Buch einfach etwas zu viel. Der Klappentext klang positiver als es dann wirklich war.
Wer sich gern mit schwierigen Themen auf hohem literarischen Niveau beschäftigt, für den:die ist dieser Roman perfekt. Wer gerade dünnhäutig ist, wen Gewalt und Missbrauch triggern, der:die lässt besser die Finger davon.

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Eine Welt voller Gewalt und Armut

Young Mungo von Douglas Stuart

Wir befinden uns in Glasgow in den 90er Jahren. In einem sehr armen, gewalttätigen Milieu, das geprägt ist von Homophobie, Hass auf andere Konfessionen, Gewalt, viel zu frühe Mutterschaft und Alkoholismus. Mungo lebt im Zentrum dieser tristen Umstände.
Sein Vater ist verstorben, die Mutter, viel zu jung Mutter geworden, egoistisch, alkoholkrank und unzuverlässig.

Der ältere Bruder gewalttätig, Anführer einer protestantischen Gang, Drogendealer. Einzig die Schwester, intelligent, strebsam und ehrgeizig schafft so etwas wie Stabilität und vor allem Verständnis und Liebe zu erschaffen.
Mungo, sensibel, verträumt und schwul ist in diesem Kosmos natürlich ein Spielball von Gewalt, Missbrauch und mangelnde Unterstützung. Er muss mit seinem Bruder zu den Straßenkämpfen, seine Mutter liefert ihn dem Missbrauch aus, eine aufkeimende Liebe ist ständig in Gefahr.
Diese Geschichte ist ziemlich heftig. Sie wird großartig, aber auch unglaublich schonungslos erzählt. Für mich war sie stellenweise unerträglich.
Es ist ein gelungener Roman, bei dem Sprache, Aufbau und Geschichte passen. Aber für mich war es das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt. Nach persönlich sehr fordernden Jahren, einer Welt, die Sorge bereitet und auch sonst ziemlich viel Anspannung und Druck, war mir dieses Buch einfach etwas zu viel. Der Klappentext klang positiver als es dann wirklich war.
Wer sich gern mit schwierigen Themen auf hohem literarischen Niveau beschäftigt, für den:die ist dieser Roman perfekt. Wer gerade dünnhäutig ist, wen Gewalt und Missbrauch triggern, der:die lässt besser die Finger davon.

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Fremd in Kasachstan und Norddeutschland

Sibir von Sabrina Janesch

Auf Bücher stößt man ja immer auf unterschiedliche Weise. Bei Sibir waren es gleich mehrere Ebenen, die mich angezogen haben. Zuallererst der Titel, Sibirien ist für mich eine Art Sehnsuchtsland, faszinierend, schön, aber auch unglaublich traurig, wenn es um die Geschichte geht. Auch das Cover fand ich spannend und ansprechend, der Klappentext versprach ein spannendes Thema, die Leseprobe gefiel mir sprachlich sehr gut und dann gab es auch schon die eine oder andere ziemlich begeisterte Meinung zum Buch.

In „Sibir“ erzählt Sabrina Janesch eine Geschichte auf zwei Ebenen, im Mittelpunkt stehen einmal der Vater und dann wieder die Tochter, beide in jungen Jahren als Kinder. Josef Ambacher ist 10 als nach 1945 seine deutsche Familie von der Sowjetarmee verschleppt wird. In den Osten, in Richtung „Sibir“. Am Ende landen sie in einem kleinen Dorf in Kasachstan. Der Weg dorthin traumatisch, der kleine Bruder stirbt, die Mutter verschwindet im Schneesturm. Übrig bleiben der Großvater, die Großmutter, eine Tante und eben Josef. Im Dorf werden sie gemieden, sie sind die Deutschen, die Nazis und auch wenn die meisten anderen ebenfalls verschleppt und vertrieben wurden und aus allen Ecken der Sowjetunion kommen, sie werden von allen beäugt. Dem handwerklichen Geschick des Großvaters ist es zu verdanken, dass die Familie überlebt, einem wohlmeinenden Lehrer, der Josefs Potential sieht, ist es zu verdanken, dass Josef gefördert wird und schnell die Sprache lernt. Und seiner Freundschaft mit dem kasachischen Jungen verdankt er, dass er an diese schweren Jahre auch schöne Erinnerungen hat und viele Dinge auf Deutsch, Russisch und Kasachisch bezeichnet.
Nach 10 Jahren darf die Familie die UdSSR verlassen und siedelt sich mit vielen anderen Rückkehrern in einem norddeutschen Dorf an. Am Rand. Denn sie sind anders, in Deutschland gelten sie als die Russen.
Parallel dazu wird die Geschichte aus der Sicht der Tochter zu Beginn der 90er Jahre erzählt. Wie sie ihre Familie wahrnimmt, wie sie die Geschichten des Vaters aufnimmt. Ihr bester Freund Arnold, ebenfalls aus einer Rückkehrerfamilie, steht ihr zur Seite. Sie sind geprägt von der Vertreibungserfahrungen ihrer Eltern und besessen davon, sich sichere Lager zu bauen, die sie immer mit frischen Vorräten bestücken. Jederzeit fliehen zu können, das gibt ihnen Sicherheit. Obwohl sie schon in Deutschland geboren wurden, sind sie irgendwie fremd. Anders.
Diese zwei Erzählebenen fügen sich harmonisch ineinander, sind beide sehr gelungen und spannend gestaltet. Man sieht die jeweilige Welt durch die Augen der Kinder, die manches nicht verstehen, aber sehr viel beobachten und wahrnehmen. Auch sprachlich ist das hervorragend gelungen. Die Autorin hat sehr genau recherchiert, der Kern der Geschichte ist auch ihre Geschichte, denn ihr Vater hat ebenfalls seine Kindheit in der kasachischen Steppe verbracht. Sie reiste für ihre Recherche nach Kasachstan, bis in das Dorf, wo ihr Vater gelebt hat.
Für mich war der Roman ein richtiges Highlight, ein sehr spannendes Thema, von dem ich bisher recht wenig wusste, großartig erzählt und wunderbar konstruiert mit den unterschiedlichen Erzählebenen.
Definitiv ein Buch ganz nach meinem Geschmack!

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Opfer, Täter, Völkermord

Gleißendes Licht von Marc Sinan

Marc Sinan ist Komponist und Gitarrist, bereits in seinem musikalischen Schaffen hat er sich mit dem Thema des Völkermordes an den Armeniern, mit dem Thema Täter – Opfer beschäftigt. Ein Thema, das auch ihn und seine Familie geprägt hat. So erfahren wir auch, dass der Roman autobiografische Züge trägt.

Kaan ist in Deutschland aufgewachsen, seine Mutter Nur Türkin, sein Vater Deutscher. Er wird Musiker, doch etwas in seinem Leben lässt ihn immer eine Schwere fühlen, etwas lastet auf seiner Brust.
Erst spät wird ihm bewusst, dass das mit seinen Großeltern zu tun hat. Während eines längeren Aufenthaltes in Istanbul, beginnt er sich zu erinnern. An das, was die Großeltern in kurzen Momenten der Ehrlichkeit erzählt haben, an das, was er in der Kindheit bei seinen Besuchen gespürt hat.
Der Roman wird in vielen Zeitsprüngen erzählt. Im ersten Kapitel erleben wir den türkischen Großvater als Jugendlichen, der Zeuge eines großen Verbrechens wird. Wir lesen Kapitel aus Kaans leben in den unterschiedlichsten Altersstufen. Wir hören die tragische Geschichte der armenischstämmigen Großmutter aus ihrem eigenen Mund. Das alles fügt sich immer mehr zu einem Ganzen.
Leider wird es im letzten Viertel recht surrealistisch. Es ist schwer zu unterscheiden, was Traum (oder Wahnsinn) und Wirklichkeit ist. Die Idee, von der späten Rache zur Verzeihung zu kommen, um das vererbte Trauma aufzuarbeiten und nicht an die nächste Generation weiterzugeben, ist mir nicht ganz klar geworden.
Dennoch ein eindrücklicher, sehr schön erzählter Roman!

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Wenn die Liebe auf die Probe gestellt wird

Die Liebe an miesen Tagen von Ewald Arenz

Nachdem ich die beiden Vorgänger des Autors „Der große Sommer“ und „Alte Sorten“ sehr geliebt habe, freute ich mich, als ich seinen neuen Titel unter den Neuerscheinungen entdeckte. Ich mag seinen Schreibstil, der humorvoll ist, der auch im Schweren nie hoffnungslos ist, der eine große Menschenliebe ahnen lässt und die Figuren immer realistisch zeichnet und sehr gut beobachtet.

In „Die Liebe an miesen Tagen“ lernen wir zuerst die beiden Hauptfiguren kennen. Clara ist seit einigen Jahren verwitwet, seither gab es die eine oder andere Liebschaft, doch richtig verliebt hat sie sich nicht mehr. Jetzt hat sie auch noch ihren Job als Fotografin für eine Zeitung verloren. Sie denkt ernsthaft daran, ihr kleines Häuschen am Land, das sie und ihr Mann mit viel Liebe renoviert hatten, zu verkaufen.
Elias ist Schauspieler. Er liebt seinen Beruf. Und er liebt seine Tochter Jule. Seit zwei Jahren ist er mit Vera zusammen. Es gibt schöne Momente, doch er muss sich eingestehen, dass er sie nicht liebt. Und dennoch reicht es nicht für eine Trennung.
Durch einen Zufall, weil er mit Vera ihr Haus besichtigen will, begegnen sich Clara und Elias. Sie haben sofort einen Draht zueinander, ihr erster Schlagabtausch ist einfach wunderbar zu lesen. Doch: Clara ist älter als er, er lebt in einer Beziehung. Das wars dann also.
Oder auch nicht. Es kommt zu einer zweiten Begegnung. Und die beiden verlieben sich ineinander.
Diese vorsichtige, sich anbahnende und doch sehr tiefe Verliebtheit wird von Ewald Arenz sehr schön erzählt. Die beiden haben einen ähnlichen, sehr direkten und schwarzen Humor, der sich in ihren Gesprächen wunderbar liest. Sehr gemocht habe ich auch, wie die Geschwisterbeziehung zwischen Clara und ihrem Bruder dargestellt wird, wie der Umgang mit der Demenz der Mutter erzählt wird und auch die Vater-Tochter-Beziehung zwischen Elias und Jule. Das ist herzerfrischend und wunderbar ausgearbeitet.
Doch Claras und Elias Vertrauen wird auf eine schwere Probe gestellt. Sie drohen daran zu scheitern.
Bis hierher fand ich den Roman einfach nur perfekt. Was noch kommt, soll nicht verraten werden. Nur so viel, mir war es dann einfach etwas zu viel der Dramatik. Manches davon hätte die Geschichte gar nicht gebraucht, im Gegenteil.
Ein Roman, den ich nicht mehr aus der Hand legen konnte, den ich sehr gerne gelesen habe und den ich auch gerne weiterempfehle. Für die 5 Sterne hat es bei mir nicht ganz gereicht, weil ich dann ein paar Dinge „too much“ fand.

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Wie der Großvater, so der Enkel?

Frankie von Michael Köhlmeier

Frankie ist fast 14. Er lebt alleine mit seiner Mutter. Einen Vater gibt es, aber der zahlt weder Alimente, noch kümmert er sich. Das war auch schon so, als er noch bei ihnen lebte. Viele Freunde hat er nicht, aber sein Leben findet er in Ordnung. Er kocht gerne und mag das Zusammenleben mit seiner Mutter.

Doch dann wird sein Großvater nach 18 Jahren Haft entlassen und alles ändert sich. Der Großvater ist mürrisch, aggressiv. Wenig dankbar für die Unterstützung durch seine Tochter. Frank merkt, dass seine Mutter Angst hat. Angst davor, dass ihr Vater ihr Leben zerstören wird.
Nach einigen Begegnungen mit dem Großvater, zum Teil komisch, zum Teil aggressiv, beschließt Frank, dass er ihn nie wieder sehen will. Und dann geht er ihn doch besuchen. Aus Neugierde und Langeweile. Wie er selbst sagt.
Wie das ausgeht, was es mit der Pistole auf sich hat, ob wir erfahren, was der Großvater verbrochen hat, das wird hier natürlich nicht verraten.
Sprachlich ist das Buch wie aus einem Guss. Der Ich-Erzähler ist der 14jährige Frank. Er erzählt alles aus seiner Sicht. In einer Sprache, die seine Jugend erkennen lässt, aber gleichzeitig auch sehr literarisch ist. Mit vielen wienerischen Färbungen, die das Setting sehr authentisch wirken lassen.
Frank treibt die Frage um, was sein Großvater getan hat. Erst traut er sich nicht fragen, dann verbietet es ihm der Großvater und am Ende bekommt er eine Geschichte aufgetischt. Ist sie wahr? Oder nicht?
Das Ende ist unerwartet. Es bleibt vieles offen. Mich hat es ein wenig ratlos zurückgelassen, aber irgendwie passte es trotzdem sehr gut zur Geschichte.
Dieser Roman von Michael Köhlmeier hat mich sehr gefesselt, ich las ihn in einem Rutsch durch. Das lag vor allem an der Präsenz des Protagonisten und der Sprache. Definitiv eine Neuerscheinung, die ich empfehlen kann!

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Der Junge aus der Einwandererfamilie und die deutsche Professorin

Jahre mit Martha von Martin Kordic

Wenn man selber viel liest, gibt es nichts Schöneres als mit anderen Vielleser:innen, die einen ähnlichen Büchergeschmack haben, vernetzt und befreundet zu sein. Denn so stößt man immer wieder auf Titel, die man selber übersehen oder falsch eingeschätzt hätte. Bei „Jahre mit Martha“ ging es mir so.

Nach dem Klappentext hätte ich eine klassische Liebesgeschichte zwischen Jugendlichem und älterer Frau erwartet, alles hart am Rande des Missbrauchs. Ein Thema, das ich auch literarisch aufgearbeitet und überhöht, einfach nicht lesen möchte.
Zum Glück hatte sich meine Freundin Michi nicht abschrecken lassen, sie hat das Buch gelesen, sehr gemocht, mir wärmstens empfohlen und geborgt.
„Jahre mit Martha“ hat mir von der ersten Seite an gefallen. Ich mochte die empathische und zugleich messerscharf beobachtete Erzählweise des Autors. Für mich stand im Roman gar nicht zu sehr die Liebesgeschichte zwischen Zeljko und Martha im Mittelpunkt, vielmehr war es eine Coming of Age Geschichte als Einwandererkind in Deutschland. Mit allen Vorurteilen, allen Unterschieden, allen Schwierigkeiten, die dazu gehören.
Aber von vorne: Zeljkos Eltern sind Kroaten aus Bosnien und Herzegowina, sie arbeiten viel, um sich und ihre Kinder zu versorgen, doch auch die Kinder müssen von Anfang an mithelfen. Als Zeljko Martha Gruber kennenlernt, die Professorin, bei der seine Mutter putzt und einen Sommerjob als Hausmeister bei ihr bekommt, taucht er in eine völlig neue Welt ein, eine, die er schon vorher zu greifen versucht hatte, indem er las, was ihm unter die Finger kam, sich bemühte, neue Fremdwörter zu lernen. Doch nicht nur diese Welt der Bildung, auch die Frau selbst fasziniert ihn. Eine Faszination, die erwidert wird. Aber nicht ausgenutzt. Zeljko ist gerade mal 15!
Viele Jahre später begegnen sie sich wieder, der Altersunterschied ist noch immer groß, doch Zeljko ist erwachsen. Er hat sich sein Abitur hart erkämpft, ein Stipendium in München bekommen und schlägt sich mit einem zusätzlichen Job durch. Martha wird seine Liebhaberin, seine Unterstützerin, seine beste Freundin. Ein wichtiger Mensch in seinem Leben, auch wenn sich ihre Lebenswege wieder trennen werden.
Wunderschön verwoben in diese Geschichte ist der Alltagsrassismus, der Einwandererkinder überall trifft. Sei es in der Berufsberatung, sei es in der Schule, bei der Schulwahl, … Und auch das Aufwachsen in einfachen Verhältnissen, in einer Welt ohne Bücher, ohne Theater, ohne Kultur, ohne das Selbstbewusstsein, das Zugehörigkeit und / oder Geld verleihen, machen es schwer. In Kordic Roman wird das in ganz vielen alltäglichen Szenen bewusst gemacht.
„Jahre mit Martha“ ist ein wunderbar erzählter Roman voller Empathie und voller Gesellschaftskritik, der gleichzeitig sehr schön zu lesen ist und den man einfach lieben muss. Ich mochte ihn sehr!

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Nicht mein Lieblings-McEwan

Lektionen von Ian McEwan

Roland Baines ist der Protagonist dieses Romans. Aufgewachsen ist er in Libyen, wo sein Vater als Berufssoldat stationiert war. Nachdem es dort keine weiterführenden Schulen gibt für die Kinder von Armeeangehörigen, wird er in ein Internat nach England geschickt. Ein erstes traumatisches Erlebnis in seinem Leben, plötzlich ganz alleine, weit weg von seiner Mutter, im kalten England zu sein.

Mit 15 wird er von seiner Klavierlehrerin verführt, es dauert lange, bis er diese Affäre als das sehen kann, was es ist, Missbrauch. Sein Leben lang verfolgt ihn diese Geschichte. Er macht seinen Schulabschluss nicht, lässt sich durchs Leben treiben, hält sich als Barpianist und Tennislehrer über Wasser. Stabilität gibt ihm sein Sohn. Auch hier eine tragische Geschichte. Die Mutter und Frau von Roland verlässt sie ohne Ankündigung als Lawrence nur wenige Monate alt ist. Sie verschwindet völlig aus ihrem Leben.
So begleiten wir Roland Baines bis ins hohe Alter durchs Leben, er erzählt von seinen Eltern, seiner Mutter, von Begegnungen mit Freunden, aber auch die großen Ereignisse der letzten Jahrzehnte des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts werden eingeflochten: Tschernobyl, der Mauerfall, die Anschläge auf die Zwillingstürme,…
Manche Rezensent:innen beschreiben diesen Roman als ein großes Werk, als ein Zeugnis der Menschlichkeit, einen Einblick in unsere Zeit. Mir waren in diesem Roman zu viele Themen, zu viele tragische Schicksale und zu viele Wendungen hineingepackt. Stellenweise wirkte das langatmig, oft ein wenig lieblos heruntererzählt. Dann gab es auch wieder sehr starke Episoden, die ausgefeilt und sehr auf den Punkt wirkten. Dazu zählen für mich die Begegnungen in Ostdeutschland, die Freundschaften, die Roland dort schloss. Und auch die späte Liebesgeschichte mit seiner besten Freundin. Das berührte mich, dort wurden die Geschichten lebendig. Aber insgesamt wirkte für mich vieles nicht ganz schlüssig, zu langatmig und zu sehr als Aneinanderreihung von möglichst tragischen und dramatischen Wendungen.
Ich mag die Romane McEwans sehr gerne, dieser hier ist definitiv nicht mein Lieblings-McEwan. Ein Roman mit Stoff für mindestens drei Romane, dann hätte es vielleicht auch mehr Intensität und Emotion gegeben. Leider konnte mich „Lektionen“ nicht begeistern.

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Geschichte eines Antihelden

Die Mauersegler von Fernando Aramburu

Fernando Aramburo hat mich mit seinem ersten Roman „Patria“, in dem es um die ETA ging und wie dieses Thema Familien und ganze Dörfer spaltete. Es war ein unglaubliches Werk, sehr vielschichtig, sehr differenziert. Für mich ein Meisterwerk. Schon deshalb wollte ich den neuen Roman dieses Autors lesen.

„Die Mauersegler“ ist allerdings völlig anders. Und ich muss sagen, am Anfang kämpfte ich ein wenig mit der Enttäuschung. Denn Toni, dessen Erinnerungen und Gedanken wir in einer Art Tagebuch folgen, ist alles andere als ein Sympathieträger. Seine Ehe ist gescheitert, als Vater war er nicht erfolgreich, seinen Beruf als Philosophielehrer in einem Gymnasium macht er wohl nicht schlecht, allerdings fehlen ihm Begeisterung und Liebe dafür. Seine Kindheit war von Sprach-, Lieblosigkeit und vielen Ohrfeigen geprägt. Zu seinem Bruder hatte er nie ein gutes Verhältnis. Kein wirklich glanzvolles Leben. Und so beschließt er, es genau in einem Jahr zu beenden. Zu jedem Tag gibt es einen Abschnitt. Toni nervt gewaltig, er ist ein Macho, er ist selbstmitleidig, er ist alles andere als sympathisch. Wir lesen seine Gedanken völlig ungefiltert, das ist manchmal ganz schön heftig. Allerdings ist das wohl immer so mit ungefilterten Gedanken. Nach und nach versteht man etwas besser, wieso er so geworden ist, wie er ist, immer wieder kommen auch seine großzügigen und netten Seiten durch (wenn auch selten). Und nebenbei entsteht ein sehr aktuelles Bild Spaniens. Auch das ungefiltert und unkommentiert.
Je länger ich las, desto mehr konnte ich die Begeisterung der Kritik und anderer Rezensentinnen verstehen. Es ist ein großer, sehr aktueller Roman. Man braucht dafür etwas Geduld (schon wegen seines Umfangs, es sind mehr als 800 Seiten), denn es ist kein Roman der gefällig sein will.
Natürlich wird hier nicht verraten, ob Toni am Ende dieses Jahres sein Vorhaben umsetzt. Allerdings so viel kann ich sagen: Der Schluss ist berührend und sehr gelungen.

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