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Rezensionen von Petris:

Das Haus am Washington Square

Zum Paradies von Hanya Yanagihara

Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“ gehört mit zu jenen Romanen, die mich am meisten überhaupt beeindruckt haben. Eine unglaubliche Geschichte, sehr dicht, sehr facettenreich erzählt, heftig, traurig, berührend und sprachlich einfach unfassbar gut.
Dass es gleich Anfang des Jahres ein neues Buch aus ihrer Feder geben würde, hat mich gefreut, es landete sofort auf meiner Leseliste.

Was ich allerdings nicht beachtet hatte, war der Umfang des Romans! Fast 900 Seiten! Ich erschrak. Und legte es erstmal zur Seite, um ein paar kürzere Bücher einzuschieben. Doch irgendwann war klar, es muss sein, schließlich hatte ich das Rezensionsexemplar ja gewonnen und musste es zeitnah besprechen.
Schon den ersten Teil fand ich sehr spannend, wunderbar erzählt, sprachlich ein Traum. Ein wenig seltsam fand ich das Setting in einer fiktiven Vergangenheit (Ende 19. Jhdt.) im fiktiven Freistaat New York, in dem die gleichgeschlechtliche Ehe nicht nur erlaubt, sondern völlig normal ist und ebenso wie Ehen zwischen Mann und Frau von Heiratsvermittlern angebahnt wird. Ich gewöhnte mich aber schnell daran. Es ist Fiktion, auch in zahlreichen Fantasy-Romanen begegnen wir solchen Elementen. In diesem Teil folgt ein junger Mann aus sehr reicher Familie seinem Herzen, auch auf die Gefahr hin, betrogen zu werden und mit dem Wissen, enterbt zu werden. Das Stadthaus seiner Familie am Washington Square zieht sich wie ein roter Faden durch den restlichen Roman.
Der zweite Teil spielt 1993 auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise. Ein junger Hawaiianer lebt mit einem reichen, wesentlich älteren Mann in genau jenem Haus am Washington Square. Sie mussten schon viele Freunde begraben, andere sind gezeichnet von der Krankheit. Und der junge David trägt ein Geheimnis mit sich herum. Sein Vater ist nicht gestorben, wie er es seinem Freund erzählt hat.
Der dritte, und für mich spannendste Teil spielt 2094. Die Klimakrise hat voll zugeschlagen, es ist viel zu heiß, Lebensmittel sind rationiert. Amerika ist ein autoritärer Staat. Um die vielen Pandemien, die es in den Jahrzehnten davor gab, zu kontrollieren, wurde das Reisen verboten, aber auch Fernsehen, Bücher, Internet,… Homosexualität ist nicht direkt verboten, aber heiraten dürfen gleichgeschlechtliche Paare nicht mehr. Die Protagonistin lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung in jenem Stadthaus am Washington Square. Sie ist Überlebende einer der Pandemien, aber gezeichnet fürs Leben. Ihr Großvater hat sie aufgezogen, er ist es auch, der in Briefen an seinen besten Freund, die 50 Jahre vor 2094 beginnen, erzählt, wie es so weit gekommen ist.
Das Bedrückende an diesem Teil ist, dass wir ja gerade selber in einer Pandemie leben, viele Elemente davon bereits jetzt stattfinden und die Entwicklungen, die erzählt werden, nicht unrealistisch sind.
In Wirklichkeit ist dieser Roman mindestens drei Romane. Da steckt so viel darinnen, das ist so komplex, das sind so viele wunderbar gezeichnete, sehr menschliche Charaktere voller guter und schlechter Seiten. Sehr schön finde ich auch, dass nicht nur das Haus am Washington Square ein Bindeglied ist, sondern auch Details der vorhergehenden Geschichte im letzten Teil wieder auftauchen bzw. zusammenhängen.
Sprachlich ist „Zum Paradies“ ein Genuss. Wunderschön zu lesen, sehr spannend erzählt, aber nie platt.
Ja, es ist tatsächlich ein sehr dickes Buch. Ja, ein wenig Zeit muss man schon einplanen. Aber es lohnt sich unglaublich, und man kann auch nicht mehr aufhören zu lesen. Für mich hat dieser Roman, der erste im noch jungen Jahr, die Latte gleich sehr hoch gelegt. Er ist einfach grandios!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Petra Gruber

Wahlverwandtschaft

Die Enkelin Buchleinen. von Schlink Bernhard

Kaspar ist Buchhändler, und er liebt seine Frau Birgit. Auch wenn sie oft nicht greifbar ist, auch wenn sie Alkoholikerin ist. Er sieht dahinter immer die Frau, die wegen ihm und mit seiner Hilfe aus der DDR floh, die Frau, der er sich zugehörig fühlt. Als Birgit überraschend stirbt, sichtet er ihre Unterlagen.

Sie hat geschrieben und ein Verleger möchte etwas von ihr herausgeben. Statt auf ein fertige Manuskript stößt er auf Birgits großes Geheimnis aus ihrer Vergangenheit. Er hatte keine Ahnung und macht sich auf, ihre Vergangenheit zu erkunden. Dabei lernt er Menschen kennen, die sie als junge Frau kannten und stößt auf völkische Siedler in einem der Dörfer im Osten. Für ein 14-jähriges Mädchen wird er zu so etwas wie ein Großvater. Aber wie vordringen zu einem Mädchen, das von Propaganda, aber auch dem Gemeinschaftsgefühl, das in der Siedlung herrscht, geblendet ist? Sehr vorsichtig wagt Kaspar den Versuch. Vielleicht hilft ja die Liebe zur Musik, die sie verbindet.
Bernhard Schlink ist mit „Die Enkelin“ ein faszinierender Roman gelungen, der viele Themen aufgreift. Da geht es einmal um eine lange Ehe mit einer unsteten Frau, auch um eine Flucht, es geht um völkische Siedler (Ich wusste, dass es so etwas gibt, aber hier nochmal genauer zu hören, wie sie denken und leben, das ist schockierend, auch wenn Schlink nicht urteilt, einfach nur erzählt. Kaspars Unwohlsein bei manchen Aussagen der Siedler, in manchen Situationen, kann man aber körperlich spüren. Er behält aber die Ruhe und versucht nur vorsichtig, dem Mädchen die Lücken in ihrem Denken aufzuzeigen.), wie man mit Familienmitgliedern umgeht, die in Sekten oder andere extreme Gemeinschaften abgedriftet sind,…
Schlink ist ein großer Erzähler. Hier hat er wieder einige schwierige Themen in einen schlüssigen, gut lesbaren Roman verwandelt. Seine Charaktere sind glaubwürdig und sehr menschlich in vielen Schattierungen gezeichnet. Es gibt kein Schwarz-Weiß, kein reines Gut und Böse. Er erzählt und wertet nicht. Das mag ich sehr in Romanen.
Von mir gibt es jedenfalls eine warme Empfehlung für den neuen Schlink, und ich freue mich schon jetzt auf seinen nächsten Roman!

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Jo und ihre Schwestern

Little Women. Beth und ihre Schwestern von Louisa May Alcott

Little Women ist ein Klassiker, den ich vor vielen Jahren schon mehrmals auf Deutsch und auch auf Englisch gelesen habe. Jedes Mal war die Lektüre ein Vergnügen, auch die Verfilmung in den 90er-Jahren mit Winona Rider als Jo March habe ich geliebt. Diese Geschichte rund um die vier Schwestern March, sehr unterschiedliche Mädchen, ihre Eltern und die Nachbarn mit dem Großvater Lawrence und seinem Enkel Teddy jetzt wiederzuentdecken rief viele Erinnerungen wach.

Ich war auch sehr gespannt, ob ich den Roman noch immer so mögen würde wie vor vielen Jahren als junge Frau mit romantischen Ideen.
Was soll ich sagen, ich bin wieder eingetaucht in das Leben der Familie March, habe mit ihnen gelitten und gelacht und das Aufwachsen der Schwestern und ihres besten Freundes mit Spannung verfolgt. Da ist einmal die Älteste, Meg, die noch ein Leben in Reichtum kannte, ehe der Vater durch ein Unglück sein Vermögen verlor, die sehr mit der Armut hadert. Die Zweitälteste ist Jo, ein halber Junge, ungestüm, klug und kreativ, mit einem guten Herz. Sie ist es auch, die uns die Geschichte erzählt. Beth, das sensible Mädchen, das nie erwachsen wird, auf das alle aufpassen, die Schüchterne und Musikalische. Und dann das Küken Amy mit einem Talent für Anpassung, einer Liebe zum Zeichnen und Malen und dem Wunsch, von allen gemocht zu werden.
Sie alle machen ihren Weg auf recht unterschiedliche Weise. Und das ist wunderschön zu lesen. Auch wenn einem manche Dinge fremd vorkommen, das Leben im 19. Jahrhundert für Frauen recht eingeschränkt war, steckt der Roman voller Lebensweisheit und schöner Gedanken. Kein Wunder, dass dieser Klassiker bzw. seine Autorin für viele nachfolgende Autorinnen Vorbild und Inspiration war.
Besonders gelungen ist auch die wunderschöne, illustrierte Ausgabe dieser Neuübersetzung in seiner hochwertigen Aufmachung. Ich habe mich auf den ersten Blick in die Ausgabe verliebt!
Es war ein schönes Erlebnis, diesen Klassiker neu zu entdecken und ein so schönes Buch in Händen zu halten. Vergnügen pur für „büchernarrische“ Menschen wie mich.

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Wenn Frauen ihre Familien verlassen müssen, um ihnen eine Zukunft zu bieten

Wenn ich wiederkomme von Marco Balzano

Marco Balzano ist ein Autor, der seine Stimme Themen und Menschen leiht, die neben den großen Tragödien der Geschichte nicht gesehen und nicht wahrgenommen werden, seine Romane handeln von Unrecht und Tragödien, die nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. In „Wenn ich wiederkomme“ stellt er das Schicksal der südosteuropäischen Pflegerinnen und Kindermädchen in den Mittelpunkt, die im reichen Norden Betreuungsaufgaben übernehmen, die gerne abgegeben werden.

Stellvertretend für die vielen Frauen aus Rumänien, Bulgarien, der Ukraine,… steht hier Daniela, die ihr rumänisches Dorf und die Familie hinter sich lässt, um in Mailand als Pflegerin zu arbeiten und ihren Kindern eine gute Schulbildung und ein Studium zu ermöglichen.
Erzählt wird die Geschichte aus drei Perspektiven, einmal aus der Sicht Manuels, des Sohnes, den das plötzliche Verschwinden der Mutter ziemlich aus der Bahn wirft. Neben Pubertät und Abwesenheit der Mutter kommt noch hinzu, dass er sich im Privatgymnasium, in das er geht, so gar nicht wohl fühlt und sein Wunsch, eine Landwirtschaftsschule zu besuchen einfach ignoriert wird.
Nach einem Unfall kehrt die Mutter zurück ins Dorf. Ab diesem Zeitpunkt ist es ihre Seite der Geschichte, die wir erfahren. Zerrissen zwischen Sehnsucht, schlechtem Gewissen und der Unmöglichkeit alles hinzuwerfen brennt sie, wie so viele ihrer Kolleginnen, aus. Burnout, unter den Ärzten auch „Italienkrankheit“ genannt, weil es so viele Pflegerinnen trifft. Oft arbeiten sie schwarz, 24h mit den alten Menschen, schlecht vorbereitet auf Demenz und Pflege, ohne eigene Wohnung, schlecht bezahlt, immer mit dem schlechten Gewissen den Kindern gegenüber.
Am Ende kommt die Tochter, Angelica, zu Wort. Sie ist die „Gewinnerin“ der Situation. Durch die Arbeit ihrer Mutter konnte sie studieren, musste bisher noch nie arbeiten, konnte sich eine andere Zukunft aufbauen. Sie ist dankbar dafür, gleichzeitig wirft sie der Mutter vor, dass sie zu früh erwachsen werden musste, sich um ihren Bruder kümmern musste und alleine war.
Ein schwieriges Thema, das zum Nachdenken anregt. Dürfen wir das im reichen Norden? Die Notsituation dieser Frauen so ausnützen? Aber was wäre, wenn sie nicht einmal diese Möglichkeit hätten? Dass sie keine Lobby haben, immer zwischen den Fronten sind, ihre Arbeitsverhältnisse einen Graubereich darstellen, hat sich ja auch ganz klar in der Corona-Krise gezeigt. Marco Balzano hat hier einen wichtigen, eindringlichen und berührenden Roman geschrieben.
Sprachlich und von der Kompaktheit der Figurenzeichnung her fand ich allerdings seine Vorgängerromane um einiges besser. Für mich hatte „Wenn ich wiederkomme“ ein paar Längen. Auch fand ich, dass die äußeren Unglücksfälle zu sehr im Vordergrund standen und dadurch das eigentliche Drama des Weggehens, des Gespaltenseins, der Arbeitsumstände, der psychischen und gesundheitlichen Probleme der Pflegerinnen in den Schatten stellen.
Dennoch ein sehr lesenswerter, sehr berührender Roman zu einem Thema, das dringend neu diskutiert werden muss!

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Anja im Arrest

DAFUQ von Kira Jarmysch

Anja war auf einer nichtangemeldeten Demonstration (das sind sie alle, denn Demonstrationen der Opposition sind ja verboten), dabei wird sie festgenommen (wie viele andere auch). Nach einem Schnellverfahren, in dem ihr vorgeworfen wird, die Demo organisiert zu haben, wird sie für 10 Tage in den Arrest verfrachtet.

Anja nimmt es gefasst, sieht es als eine Anekdote, die sie später amüsiert erzählen wird. Vieles ist auch tatsächlich weniger schlimm als erwartet. Es gibt sogar auch freundliche Justizbeamten, das Essen ist besser als erwartet, Gewalt oder gar Folter gibt es nicht.
Und dennoch ist der immer gleiche, langweilige und untätige Arrestalltag belastend. Selbst das Lesen will bei dem ewig tönenden Radio nicht gelingen. Die fünf anderen Frauen sind ein Querschnitt durch Schicksale russischer Frauen, Maja, das Escortgirl, das sitzt, weil sie beim Fahren ohne Führerschein erwischt wurde, Irka, die Alkoholikerin und abhängig von Medikamenten ist, Natascha, die Diebin, die schon im Arbeitslager war,…
Zäh und langweilig vergehen die Tage. Die Frauen unterhalten sich, man erfährt mehr aus ihren Leben, sie lassen sich Spiele einfallen, streiten, warten auf das Essen,… Nach und nach wird eine nach der anderen entlassen. Anja bleibt die letzten Tage allein. Schon davor hat sie Alpträume und Wahnvorstellungen entwickelt. Kommen diese vom Arrest? Ist an ihrer Erklärung etwas dran?
Mir gefiel der Roman sehr, er zeigt eine Seite Russlands, die uns wohl bekannt ist, aber die wir hier von innen kennenlernen. Es sind starke, kämpferische Frauen, die es oft schwer haben mit dem Land und vor allem seinen Männern. Die Autorin (Pressesprecherin von Nawalny) saß selber schon im Arrest und weiß nur zu genau, wovon sie spricht. Die Struktur, in der Tag für Tag des Arrestes erzählt wird, mit seinen immer gleichen Abläufen, dazwischen Gespräche der Frauen, Anjas Erinnerungen an Kindheit und Jugend, gefiel mir sehr.
Allerdings entwickelt der Roman gegen Ende ziemliche Längen, vor allem als alle anderen entlassen sind und nur noch Anja mit ihren Gedanken, dem langweiligen Arrestalltag und ihren Ideen zu ihren Wahnvorstellungen übrig ist. Das war mir etwas zu ausufernd, drehte sich ein wenig im Kreis, hätte für meinen Geschmack etwas kürzer gefasst sein können.
Dennoch ein spannender, lesenswerter, gut erzählter Roman mit einem ungewöhnlichen Setting und interessanten Themen!

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Die Einsamkeit der Brüder

Die Überlebenden von Alex Schulman

Die Überlebenden besticht schon optisch mit der Schlichtheit des Covers. Dieser Eindruck setzt sich auch im Lesen fort. Sprachlich karg und dennoch sehr poetisch wird diese Geschichte erzählt.
Drei Brüder, die in einer problemhaften Familie aufwachsen. Die Eltern sind Alkoholiker, die Kinder oft sich selbst überlassen, vernachlässigt.

Die Wohnung ist schmutzig, die Kinder ungepflegt. Einerseits gibt es strenge Regeln, doch die sind inkonsequent, es gibt Momente der Nähe mit den Eltern, nach denen die Buben lechzen und dann herrscht wieder eine unglaubliche Kälte und Gleichgültigkeit.
Nils, Benjamin und Pierre haben unterschiedliche Taktiken entwickelt, um damit umzugehen, der Älteste zieht sich zurück, erzielt die Anerkennung der Eltern mit guten Leistungen in der Schule. Seine Brüder hassen ihn dafür und machen ihm oft das Leben schwer. Benjamin, der Mittlere, ist der Beobachter, der immer versucht, die Familie zusammenzuhalten, auszugleichen. Und Pierre, der Jüngste, entwickelt Aggressionen, ist immer in Kampfhaltung, gibt die Aggressionen, die er in der Familie erlebt, weiter. Es gibt die Momente, wo sie füreinander da sind, aber meistens versucht jeder auf seine Weise, mit dieser Familie zurechtzukommen und buhlt um die Aufmerksamkeit der Eltern.
Den Sommer verbringen sie immer in einem alten Holzhaus an einem See, inmitten einer Idylle aus Wald und Natur. Bis zu jenem letzten Sommer. Was ist passiert? Warum drifteten sie danach nur noch weiter auseinander?
Viele Jahre später kehren die Brüder mit der Urne der Mutter gemeinsam an jenen Ort zurück, um ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Sie wünscht sich, dass ihre Asche am See verstreut wird. Ist das ein Anlass für einen Neuanfang? Können sie endlich über Vergangenes reden?
Interessant ist der Aufbau des Romans. Die beiden Stränge werden in unterschiedlicher zeitlicher Richtung erzählt und treffen sich jeweils an der Hütte am See. Die Geschichte der Brüder wird chronologisch von jenem letzten Sommer weg erzählt, während der Tag, an dem die Brüder mit der Urne zum See fahren, rückwärts erzählt wird. Das erzeugt Spannung, ist sehr gut gemacht, ohne überkonstruiert zu wirken.
Dem Autor gelingt es, uns immer wieder zu überraschen, die Stimmung zwischen Bedrohlichkeit und wenigen Momenten des Familienglücks steht im extremen Gegensatz zu den Beschreibungen der idyllischen Natur. Auch das erzeugt Spannung und macht die Gewalt in der Familie noch schwerer erträglich.
Ob es tatsächlich ein großes Geheimnis gab in jenem Sommer, das wird hier nicht verraten. Und ob die Brüder tatsächlich einen Neuanfang schaffen, das lässt der Autor offen.
Ein ungewöhnlicher, sehr schön erzählter, sehr komplexer und berührender Roman. Das Ende ist gut gemacht, für mich war es dann doch in ein paar Punkten nicht ganz schlüssig und vielleicht auch ein wenig zu dramatisch.
Dennoch ein sehr lesenswerter, sehr spannender und hochliterarischer Roman, den ich wärmstens empfehlen kann.

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Porträt einer Ehe

Barbara stirbt nicht von Alina Bronsky

Walter Schmidt war es gewohnt, dass seine Frau alles im Haushalt regelt. Sie kocht, sie putzt, sie macht die Wäsche. Doch eines Tage findet er sie am Boden liegend im Bad, er hilft ihr zurück ins Bett und hofft, dass es am nächsten Tag wieder sein würde wie früher. Das tut es aber nicht. Barbar bleibt im Bett, fühlt sich schwach.

Walter Schmidts Taktik im Leben ist es zu verdrängen. Er nennt die Freundin seiner Tochter hartnäckig ihre „beste Freundin“, will keine Hilfe,… Doch diesmal funktioniert das nicht. Barbara kommt nicht so schnell wieder auf die Beine. Der grummelige Walter, der stolz darauf ist, dass er seine Frau nie geschlagen hat, der sich etwas darauf einbildet, dass er Barbara nicht arbeiten gehen ließ und ihr jetzt erlaubt, ihren Aktivitäten nachzugehen (Yoga, Freiwilligenarbeit im Jugendzentrum,...), der rassistisch und unfreundlich ist, ist kein Sympathieträger, doch jetzt hat er eine Mission: Barbara muss essen, damit sie wieder zu Kräften kommt. Keine einfache Aufgabe, denn Walter weiß nicht einmal, wo der Kaffee steht, geschweige wie man Kaffee kocht. Mit seiner ihm eigenen Sturheit beginnt er, sich selber das Kochen beizubringen. Hilfe findet er im Internet bei einer Kochsendung und bei der jungen blauhaarigen Bäckereiverkäuferin.
Bitterböse, komisch und total traurig zugleich ist diese Geschichte. Walter ist wirklich ein Mensch, bei dem es schwer fällt, ihn zu mögen. Er macht auch in dieser Geschichte keine wundersame Wandlung durch und wird zum lieben, umgänglichen Menschen. Aber innerhalb seiner Grenzen verändert er sich und wie er versucht, seine Frau zum Essen zu bewegen, ihr sogar Borschtsch kocht, den sie liebt, den er sie aber nie kochen ließ, das ist berührend. Gleichzeitig möchte man ihn schütteln und sagen: „Mach doch die Augen auf vor der Realität!“
„Barbara stirbt“ ist ein ganz besonderes Buch, denn es ist witzig und böse und zugleich sehr berührend und traurig. Walter will man eigentlich hassen, aber in seiner Hilflosigkeit und seinen Bemühungen und seinem hartnäckigen Verdrängen gewinnt man ihn dann trotzdem irgendwie lieb. Es ist ein Roman über Familie, über alte Rollenbilder, über Abschied und über Freundschaft.
Ich mag Alina Bronskys Bücher, mit „Barbara stirbt“ ist ihr wieder ein großartiger Roman gelungen. Unbedingt lesen!

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Eine Familiengeschichte aus Dänemark

Der Panzer des Hummers von Caroline Albertine Minor

Der Panzer des Hummers lag als Leseexemplar schon eine ganze Weile auf meinem Stapel. Der Klappentext klang nicht schlecht, aber den Titel fand ich so gar nicht ansprechend, das Bild auf dem Cover eher nichtssagend. So kam es, dass sich immer wieder andere Bücher vordrängten, Leserunden wichtiger waren, andere Titel und Cover mehr Lust auf das Lesen machten.

Irgendwann landete der Roman dann doch wieder oben auf dem Stapel. Und ich startete mit der Lektüre, die mich sehr schnell in ihren Bann zog. Zum Glück gibt es am Anfang ein Personenverzeichnis, sonst hätte ich wohl schon auf den ersten Seiten den Überblick verloren, aber mit Hilfe des Verzeichnisses kann man die Personen bald unterscheiden und muss nicht mehr ständig nach vorne blättern.
Im Mittelpunkt steht eine Familie, die sehr unterschiedlich versucht die Kindheit zu verarbeiten bzw. mit der Vergangenheit umzugehen. Die Eltern sind jung verstorben, die Mutter an Krebs, der Vater als Forscher weit weg im Krankenhaus in Sibirien. Im Roman tauchen sie in einem sehr interessant dargestellten Jenseits auf, in dem kurz die Schwelle durchlässig wird, auch weil die älteste Tochter über ein Medium versucht, mit der Mutter Kontakt aufzunehmen. Das klingt jetzt sehr esoterisch, in Wirklichkeit fügt sich dieser Teil sehr schön in die Handlung ein, wird sehr sachlich und realistisch erzählt. Mir gefielen diese Zwischenspiele.
Die Kinder sind nach dem frühen Tod der Eltern weit auseinandergedriftet. Sidsel hat eine Tochter und arbeitet als Restauratorin, der Jüngste, Niels hat sich für die völlige Freiheit entschieden, lebt nie lange an einem Ort, ist immer in Bewegung und auf dem Sprung und Ea, die älteste der drei, hat viel Raum zwischen sich und ihr altes Leben gebracht. Sie lebt mit ihrem Partner und dessen Tochter in San Francisco. Sie ist es auch, die plötzlich etwas wahrnimmt und mit Hilfe der Seherin Kontakt mit ihrer Mutter aufnehmen will.
Abwechselnd wird aus den Leben der Geschwister erzählt, dazwischen erfahren wir auch etwas über das Medium und wir treffen die Eltern in einer anderen Welt. Das fügt sich wunderbar zusammen, ist schön erzählt und schön zu lesen. Es geht um Elternschaft, um Beziehungen, um die Kindheit, um Familien, um Freiheit,… Ganz viele Themen kommen hier zu Wort, und ich las den Roman mit großer Begeisterung.
Lediglich der Schluss hat mich nicht ganz überzeugt. Die Begegnung mit der Mutter im Jenseits wird sehr schnell beendet, dafür bekommen Nebenfiguren eine Bedeutung und eigene Geschichten, die etwas too much wirken und dass am Ende Eas Partner, der ihr kurz vorher einen Antrag gemacht hat, noch ein Geheimnis vor ihr hat (unnötigerweise), das hätte es auch nicht gebraucht. Ja, der Schluss war mir zu überladen mit neuen Geschichten und Ansätzen, das fand ich nicht stimmig und das hat der Bewertung dann einen Stern gekostet.
Der Roman bis dahin ist allerdings eindeutig ein 5-Sterne Buch! Die Autorin werde ich im Auge behalten. Dass sie erzählen kann hat sie hier eindrucksvoll bewiesen.

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Abenteuer eines Postboten auf Lanzarote

Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García von Moritz Rinke

Pedro Fernández Gárcia lebt auf Lanzarote und übt einen Beruf aus, der in Zeiten von Internet kaum mehr gebraucht wird. Ein paar Postwurfsendungen, ein paar Rechnungen, Fachzeitschriften für einen deutschen Wissenschaftler und ein paar ganz wenige Briefe. Um seine Leistung nachzuweisen, muss er nur genügend tanken.

Pedro hat seine Taktiken, fährt zum Kaffeetrinken ans andere Ende der Insel, hat in seinem Gartenhaus Kanister voller Benzin. Nachdem Carlota, die Mutter seines Sohnes Miguel viel arbeitet, kümmert Pedro sich um seinen Sohn. Er bringt ihn zur Schule, vergießt dabei ein paar Tränen, flirtet mit der Mutter einer Mitschülerin, holt ihn ab, macht mit ihm Hausaufgaben und hört ihm zu. Pedro liebt seinen Sohn. Damit und mit seinem Dasein als Postbote ist er zufrieden. Nicht so Carlota. Eines Tages ist sie einfach weg. Und hat Miguel mit sich nach Barcelona genommen, Anrufe werden abgelehnt, Pakete für Miguel zurückgeschickt. Pedro ist verzweifelt. In dieser Zeit unternimmt er wieder mehr mit Tenaro, einem Jugendfreund und arbeitslosen Fischer. Dieser versucht ihn zu trösten, abzulenken und für seine völlig irrwitzigen Projekte zu gewinnen. In Pedros Leben stolpert auch noch der Geflüchtete Amado, ein Professor für Spanisch, der aus seiner Heimat Equatorial Guinea geflohen war, eine weise, sehr schöne Figur, die für Hoffnung steht, aber auch dafür, wie in Europa Geflüchtete behandelt werden. Da hat Tenaro die zündende Idee: Sie überraschen Miguel in Barcelona, gehen mit ihm ins „El Clásico“ (Fußballmatch zwischen Barcelona und Madrid), erfüllen Miguels großen Traum Messi „in Echt“ zu sehen und nehmen ihn dann gleich mit zurück nach Lanzarote. Ob ihnen das gelingt?
Diese Geschichte bildet den Rahmen für einen sehr poetischen, sehr vielschichtigen Roman voller Menschlichkeit, Tragikomik, Situationskomik und auch Gesellschaftskritik. Es finden sich Filmzitate (Il Postino z.B., an den mich schon die Leseprobe erinnert hat), Rinke zeichnet zudem ein sehr gut beobachtetes Bild der spanischen Gesellschaft mit ihrer Spaltung aufgrund der bis heute nicht aufgearbeiteten Diktatur und das Buch ist eine Liebeserklärung an die wunderschöne Vulkaninsel Lanzarote.
Der Roman liest sich wie ein Film, unterhält, berührt und macht nachdenklich. Ein sehr schönes Buch!

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Sehr tröstlich, sehr persönlich!

Was bleibt, wenn wir sterben von Louise Brown

Der Tod. Etwas, das uns alle erwartet, etwas, dem niemand entkommen kann, etwas, womit wir uns wohl viel mehr beschäftigen sollten. Mit dem Tod allgemein, mit dem eigenen Tod und vor allem auch mit dem Tod von geliebten Menschen und dem Weiterleben danach. Dabei weiß jede:r, der:die sich diesem Thema gestellt hat, darüber gesprochen hat (auch über die Ängste), sich damit beschäftigt hat, wie heilsam und wohltuend das ist.

Die Trauer wird deshalb nicht weniger, aber man kann anders damit umgehen, die Angst vor dem Unbekannten bleibt auch, aber sie wird leichter, wenn man sich damit auseinandersetzt.
In ihrem sehr persönlich gehaltenen Buch widmet sich die Trauerrednerin Louis Brown all diesen Themen. Ihr Zugang ist ein ganz persönlicher, denn ihr Weg als Trauerrednerin war nicht vorgezeichnet. Erst der Tod beider Eltern kurz hintereinander hat sie dazu gebracht, sich mit Tod und Trauer zu beschäftigen und später kam dann der Schritt, Trauerrednerin zu werden.
Was ich so schön finde an diesem Buch ist, dass es so persönlich gehalten ist und dass es kein Ratgeber sein will. Da erzählt einfach jemand von seinen persönlichen und beruflichen Erfahrungen mit Tod und Trauer, von Begegnungen mit Trauernden und davon, wie heilsam es ist, diesen Themen Raum zu geben und darüber zu sprechen. Sie gibt auch keine Anleitungen, wie man mit Trauer umzugehen hat, sondern es wird klar, dass das etwas sehr Persönliches und auch Individuelles ist. Und dass es keine Abkürzung gibt. So wie wir dem Tod nicht entkommen können, müssen wir auch unsere Trauer aushalten. Jede:r auf seine:ihre Weise.
„Was bleibt, wenn wir sterben“ ist ein Buch, das ich allen empfehlen kann, die gerade jemanden verloren haben, aber auch, wenn sie kurz davorstehen. Es ist aber auch ein Buch für Leser:innen, die sich einfach mit dem Thema Tod und Abschied beschäftigen wollen. Ich fand es sehr gelungen. Tröstlich, informativ und gut zu lesen!

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