Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Petris:
Eine Heldin ihrer Zeit
Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete von Sharon Cameron
Wenn man das Cover so sieht, würde man an ein seichtes Wohlfühlbuch mit Pseudotiefgang denken, aus diesem Grund hätte ich das Buch beinahe übersehen. In Wirklichkeit handelt es sich um eine ziemlich heftige Geschichte.
Stefania möchte raus aus ihrem kleinbäuerlichen Leben und sie hat Glück, sehr jung findet sie eine gute Anstellung bei der jüdischen Familie Diamant im polnischen Przemysl.
Sie arbeitet im Laden, ihre Chefin mag sie sehr und mit den Söhnen der Familie kommt sie gut aus. Sie verliebt sich in den jüngsten Sohn. Ein schönes Leben. Doch dann kommt der Krieg. Und die Deutschen. Die Familie Diamant wird ins Ghetto verfrachtet, Stefania versucht ihr Bestes, um sie dort zu unterstützen und zu versorgen. Was sie noch alles erwartet, wie schlimm die Dinge wirklich stehen, erwartet niemand. Stefania, die sich auch um ihre kleine Schwester Helena kümmert, würde gerne die Augen verschließen, doch sie hat zu viel bereits mitbekommen. Izio, ihr Freund, stirbt im Lager, sie sieht den Zustand der Menschen im Ghetto,… Als Max, Izios älterer Bruder vor ihrer Tür steht und sie bittet ihn, seinen Bruder und noch ein paar Freunde zu verstecken, zögert sie, sie weiß, dass sie das in Lebensgefahr bringt. Sie weiß auch, dass sie sonst keine Chance haben, diesen Wahnsinn zu überleben.
Am Ende gelingt es ihr mit viel Glück und einer großen Portion an Kampfgeist, 13 Juden zu verstecken und zu retten.
Diese unglaublich mutige, Mut machende und berührende Geschichte erzählt Sharon Cameron in ihrem Roman. Alles andere als leichte Kost, alles andere als eine Wohlfühlgeschichte.
Sie hat diesen Stoff sehr genau recherchiert, stand in Kontakt mit Angehörigen der Überlebenden, es gelingt ihr gut, die Gräuel der Nazis darzustellen, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen, man weiß dennoch, wie furchtbar alles ist. Mehrmals blieb mir während der Lektüre das Herz fast stehen, die Gefahr ist jederzeit riesig und die Katastrophe immer nur eine Haaresbreite entfernt.
Dennoch macht diese Geschichte Mut, sie zeigt, dass es auch Menschen gab, die sehr klar erkannten, wie böse und falsch das Nazi-Gedankengut war, die sich dagegen stellten und den Verfolgten halfen. Stefania ist eine dieser Helden*innen.
Ich habe das Buch mit großer Spannung und Begeisterung gelesen, wie schön, dass die Autorin auf diesen Stoff gestoßen ist und dieser jungen, mutigen Frau damit ein Denkmal gesetzt hat. Großartig!
Jona und Hikaru
Grün von Zweimüller Josef
Jona lebt alleine in einem kleinen Häuschen im Wald, ohne Strom, mehr oder weniger als Selbstversorger. Ein wenig verdient er mit seinem Honig, den ihm sein Freund und Nachbar Siegfried verkauft. Er hat davor mit seiner Mutter Finja hier gelebt, doch sie war zurück in die Stadt gezogen zu ihrem Freund und zu ihrer Arbeit.
Für alle unerklärlich war sie von der Terrasse ihrer Wohnung gesprungen, Jona macht die Stadt für ihren Tod verantwortlich, nur im Wald und in der Natur fühlt er sich wohl. Weil er für ein paar Reparaturen am Haus Geld benötigt, veranstaltet er eine Survival Woche im Wald und lernt dabei Hikaru kennen. Auch sie hat jemanden verloren, ihre Zwillingsschwester. Sie bleibt mit Jona in seinem Häuschen im Wald und liebt dieses Leben genau wie Jona.
Ein Zwischenfall wirft Jona allerdings völlig aus der Bahn, Hikaru dringt nicht mehr zu ihm durch und geht zurück in die Stadt. Wird sich Jona wieder beruhigen? Wird sie ihn wiedersehen? Hat Finja tatsächlich Selbstmord begangen?
Josef Zweimüller schreibt hier über Verluste, darüber, wie es ist, wenn Menschen sterben, die ein Teil von einem selber sind. Es ist keine einfache Geschichte, in der sich zwei verletzte Menschen treffen und gegenseitig trösten. Es ist eher eine Geschichte über zwei Menschen, die in der Natur Trost finden und den verlorenen Menschen näher sind.
Sprachlich ist der Roman sehr gelungen, er ist schön zu lesen, poetisch, voller Bilder, aber nicht überladen. Ich mochte auch die Einschübe sehr, in denen einerseits die Natur zu Wort kommt und im Teil, der in der Stadt spielt, ist es das Internet, das spricht, über seine Macht, über die Menschen, wie sie damit umgehen. Es ist ein Beobachten und Reflektieren und fügt sich wunderbar in die Handlung ein.
Josef Zweimüller ist ein österreichischer Autor, der Wald in dem Jona lebt, liegt am Fuße von Bergen, aber die Geschichte könnte überall spielen. Es gibt den Wald, die Berge, die Stadt. Und die Namen der Charaktere sind keine typisch österreichischen Namen, Jona, Hikaru, Finja, Yorick,… Damit bleibt der Ort noch offener, irgendwo oder nirgendwo.
Ich bin begeistert, ein Buch aus dem kleinen, sehr feinen Wiener Picus Verlag, das Aufmerksamkeit verdient und nicht nur regional bekannt werden sollte. Von mir gibt es eine begeisterte Empfehlung.
Mahlers letzte Reise
Der letzte Satz von Robert Seethaler
Robert Seethaler gehörte nach „Der Trafikant“ und ein „Ganzes Leben“ zu jenen Autoren auf deren neue Romane ich immer schon warte. Sein letztes Buch „Das Feld“ hatte mich dann ziemlich enttäuscht, umso gespannter war ich auf seinen aktuellen Roman. Das Thema (Mahler auf seiner letzten Reise) fand ich sehr spannend, historische Persönlichkeiten in Romanfiguren zu verwandeln, war ihm ja schon beim Trafikant (da ist es Sigmund Freud) hervorragend gelungen.
Überzeugt hat mich dann auch die Leseprobe, das war wieder der großartige Erzähler Seethaler, den ich so gerne lese. Sätze wie: „Man schlägt einen Ton an, und der schwingt dann weiter im Raum. Und trägt auch schon das Ende in sich.“ (S. 33) klingen wie Gedichte oder Musik. Einfach ein Genuss.
Gustav Mahler befindet sich auf seiner letzten Reise nach New York. Der berühmte Komponist, Dirigent und Opernerneuerer ist noch nicht alt, aber sein Körper ist am Ende, geschwächt von seinen Krankheiten, enttäuscht von seiner Ehe, verletzt, weil ihn Alma betrogen hat, sitzt er auf Deck, sieht auf das Meer, unterhält sich mit dem Schiffsjungen und hängt seinen Erinnerungen nach.
Es war ein bewegtes Leben, beruflich voller Erfolge. In Wien erneuerte er die Hofoper, machte sie zur führenden Oper der Welt. Über die Wiener legt Seethaler Mahler folgende Worte in den Mund: „Die Wiener waren ein im Grunde heißblütiger Menschenschlag; unter dem Speckmantel der Gemütlichkeit brodelten gleichermaßen Begeisterung wie Empörung und liefen beständig Gefahr, aus nichtigem Anlass überzukochen.“ S. 33 Ein treffender Kommentar. Mahler war der bedeutendste Dirigent seiner Zeit, in jungen Jahren wurde er noch für sein unruhiges Dirigat kritisiert, später lenkte er die Orchester mit kleinsten Bewegungen. Und auch als Komponist wurde er gefeiert und geliebt.
Privat war sein Leben gekennzeichnet von Schicksalsschlägen, viele seiner Geschwister starben jung, er selber litt sein ganzes Leben lang unter einer schwachen Gesundheit, eine seiner Töchter starb als Kind und die Ehe mit der um vieles jüngeren Alma war nicht lange glücklich, zu unterschiedlich war, was sie vom Leben wollten.
Über all das denkt der fiebergeschwächte Mahler an Deck nach. Wunderbar literarisch und poetisch in Wort gefasst von dem Erzähler Robert Seethaler.
Ich habe dieses Buch von der ersten Zeile an genossen, man überlässt sich dem Sprachfluss und taucht ein in die Gedanken und Erinnerungen des großen Komponisten. Ein Roman nicht nur für Mahler- und Musikfans, sondern für alle, die literarische Erzählkunst lieben. Ein wunderbares Buch!
Ein Leben für die Musik
Die Dirigentin von Maria Peters
Antonia Brico ist eine faszinierende Frauengestalt des 20. Jahrhunderts. In einer Zeit als es undenkbar schien, kämpft sie darum, Dirigentin zu werden. Und muss dabei sehr viele Widerstände überwinden und viel dafür opfern.
Sie stammt aus einer lieblosen holländischen Familie, die in die USA gezogen ist, durch Zufall kommt sie zum Klavierspielen und ab da ist klar, die Musik ist ihr Leben.
Mit ihrem Wunsch, Dirigentin zu werden, wird sie ausgelacht, von der Familie verstoßen, von Lehrern schlecht behandelt. Doch sie setzt sich durch und ihr gelingt, was vor ihr noch keiner Frau gelungen ist. Sie dirigiert große, bekannte Orchester, gründet ein eigenes Orchester, ein reines Frauenorchester. Doch eines bleibt ihr bis zu ihrem Lebensende versagt, die Leitung eines großen, renommierten Orchesters.
Geschichten wie diese, über mutige, fortschrittliche Frauen, sollten viel mehr erzählt werden, sie sollten die Rolemodels unserer Zeit sein. Wenn es damals möglich war, gegen alle Widerstände und gegen die Meinung, dass eine Frau so etwas nicht kann, Dirigentin zu werden (Ärztin, Physikerin, Mathematikerin,…), dann sollten Frauen heute noch viel mehr ihre Möglichkeiten ausschöpfen und die noch immer bestehenden Grenzen überwinden.
Der Dirigentenberuf ist auch heute noch sehr männlich dominiert, es gibt zwar immer mehr Frauen, aber sie sind in der Minderzahl. Zwei kleine Absätze im Nachwort machen mich nachdenklich:
„Die renommierte Zeitschrift Gramophone veröffentlichte 2008 eine Rangliste der zwanzig besten Orchester der Welt. Keines dieser Orchester hatte je eine Chefdirigentin.
2017 veröffentlichte Gramophone wieder eine Liste, diesmal mit den fünfzig besten Dirigenten aller Zeiten. Darunter keine Frau.“ S. 324
Ich habe den Roman mit Begeisterung, Bewunderung und großer Spannung gelesen. Eine tolle Geschichte, spannend erzählt, Timing und Rhythmus unglaublich gut gemacht, ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Die Autorin hat zuvor schon einen Film über Antonia Brico gemacht, sie ist persönlich bekannt mit deren Cousin und die Bibliografie im Anhang zeigt, was man auch schon beim Lesen merkt, wie gut recherchiert sowohl Bricos Geschichte, als auch das Setting und die Zeit der 20er und 30er Jahre sind.
Allerdings war es mir sprachlich zwischendurch etwas zu trivial. Besonders, wenn die Liebesgeschichte, die aber insgesamt zum Glück nicht zu viel Raum einnimmt, ins Spiel kommt, wird es sehr klischeehaft und sprachlich sehr schlicht.
Dennoch ein sehr empfehlenswerter Roman für alle, die sich für starke Frauen und Vorbilder aus der Geschichte interessieren. Es gibt noch viel zu tun für uns Frauen und Figuren wie Antonia Brico zeigen, dass immer mehr möglich ist, als wir denken.
Eine neue Episode aus Holt
Kostbare Tage von Kent Haruf
Es sind wahrhaft kostbare Tage für Dad Lewis, denn es ist sein letzter Sommer, er hat Krebs im Endstadium. Die Schmerzen hat er im Griff, aber die Kraft wird weniger. Diesen letzten Sommer verbringt er mit seiner Frau Mary und auch die gemeinsame Tochter Loraine ist zurück in die Kleinstadt Holt gekommen, um diese kostbaren Tage mit ihrem Vater zu verbringen und vielleicht auch, um hier zu bleiben und einen Schlussstrich unter ihr altes Leben zu ziehen, das seit dem Unfalltod ihrer Tochter nicht mehr glücklich werden kann.
Das klingt nach unglaublich trauriger Geschichte, ist es auch, aber gleichzeitig ist es eine Geschichte voller Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt und Hoffnung. Die Familie Lewis macht etwas aus diesen kostbaren Tagen, an ihrer Seite die Nachbarn und Freunde. Und in all der Trauer bleibt auch noch Platz für das kleine Nachbarmädchen, deren Mutter an Brustkrebs gestorben ist und die nun nicht nur von ihrer Großmutter umsorgt wird, sondern auch von Mary und Loraine und ihren Freundinnen Willa und Alene.
Wie immer bei Haruf tauchen auch wieder alte Bekannte aus anderen Episoden auf, unter anderem werden das alte Brüderpaar McPheron und die junge Frau, die sie aufgenommen haben, erwähnt (aus „Lied der Weite“). Man wartet beim Lesen schon richtig auf den ersten bekannten Charakter, irgendjemand erkennt man immer!
Kent Haruf hat mit seinem fiktiven Holt eine typische amerikanische Kleinstadt geschaffen. Die Menschen sind nicht viel herumgekommen, sie sind oft bigott und kleinlich, alles andere als liberal, mit Menschen, die anders sind, die kritisch sind (in „Kostbare Tage“ bekommt der Pfarrer Lyle sein Fett ab), tun sie sich schwer. Und dennoch gibt es ganz viele liebenswerte Menschen, die zusammenhalten, die da sind, wenn sie gebraucht werden, die Menschen beim Sterben nicht allein lassen, die Sorgen und Leid erleben und dennoch noch offen bleiben für andere.
Hier hat Haruf auch wunderbar beschrieben, wie es ist, jemand beim Sterben zu begleiten, wie sich Trauer und Abschied anfühlen. Und das macht er wie immer ganz schlicht und unaufgeregt, dabei hochliterarisch und unglaublich berührend. Ein wunderbarer Autor!
Kent Haruf muss man einfach lesen. Wie schön, dass er vom Diogenes Verlag übersetzt und verlegt wird. Ich habe jeden einzelnen Titel von ihm geliebt, aber „Kostbare Tage“ ist mein bisheriger Liebling.
Zwischen Salzkammergut und Griechenland
flüchtig von Hubert Achleitner
Hubert Achleitner, als Musiker und Künstler bekannt als Hubert von Goisern, hat uns in seiner Musik schon viele schöne, poetische Texte beschert. Dass er nicht nur mit Musik umgehen kann, sondern auch mit Sprache, ist daher bekannt, doch einen Songtext zu schreiben, sei er auch noch so gelungen, ist etwas ganz Anderes als einen Roman zu schreiben.
Ich mag Hubert von Goiserns Musik sehr, auch seine kritische Einstellung, seinen Mut Neues auszuprobieren und ganz frei Genres zu vermischen. Deshalb war ich recht sicher, dass mir auch ein Roman aus der Feder Hubert Achleitners gefallen würde.
Und so war es dann auch. Ich bin von der ersten Seite an eingetaucht in diese Geschichte, ich mochte, seine Art zu erzählen, wie er zwischen Dialogen und der Perspektive eines allwissenden Erzählers hin- und herspringt, der Rhythmus stimmte, ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen und freute mich über jeden neuen Puzzleteil, der das Gesamtbild vervollständigte. Und ich liebte den Soundtrack, den der Autor uns zur Geschichte liefert, vielseitig wie Hubert Achleitner auch als Musiker ist, reicht dieser von den Naturtönen der Samen über Don Giovanni bis hin zu Nina Hagen. Der Autor hat hier einen ganzen Kosmos von Charakteren geschaffen, alle mit ihren guten und schlechten Seiten, ihren Ecken und Kanten. Man merkt ihm bei jeder Silbe die Sympathie zu seinen Personen an, wahrscheinlich spiegelt das sein Menschenbild wieder, jemand der sich Menschen interessiert ansieht, ohne zu verurteilen und generell an das Positive im Menschen glaubt.
Das Wort „flüchtig“ hat gleich mehrere Bedeutungen, und beide passen zu diesem Roman. Da ist einmal das Leben, das flüchtig ist, die Dinge, die wir für wichtig erachten, die nur flüchtig sind und an Bedeutung verlieren können und natürlich kann auch eine Person flüchtig sein.
Damit beginnt die Geschichte, Maria haut nach 30 Ehejahren einfach ab, kündigt ihren Job, räumt die Konten leer und sagt niemandem Bescheid. Monatelang bleibt sie verschollen, ihr Mann Herwig bleibt ziemlich ratlos zurück. Und anstatt ihm damit die Freiheit zu geben, eine Zukunft mit seiner jungen Geliebten Nora anzufangen, entfernt dieser Zustand ihn von Nora. Monate später bekommt er einen Brief von Maria, in dem sie versucht zu erklären und erzählt, was passiert ist. Wir Leser*innen wissen allerdings lange nicht, was denn darin steht. Nach und nach erfahren wir in Rückblicken, in Ausschnitten aus Marias Reise nach Griechenland und indem wir Herwig begleiten, was passiert ist. Das bleibt jede Sekunde spannend, Hubert Achleitner verliert nie den Faden, jeder einzelne Charakter, der eine Rolle in der Geschichte spielt ist genau und liebevoll gezeichnet. Wie zum Beispiel Herwigs Vater, auch einer der „flüchtig“ ist, abgehauen aus dem betreuten Wohnen und der spät noch ein zweites Glück findet, anders als man denkt.
Ich habe jeden Moment des Lesens genossen, fand das Ende einfach perfekt und war richtig traurig als ich es zuschlug. Definitiv ein weiteres Lieblingsbuch 2020, das ich bald noch einmal lesen und wärmstens weiterempfehlen und –schenken werde!
Wenn Frauen verrückt erklärt werden
Die Tanzenden von Mas Victoria
Die Geschichte der modernen Psychiatrie ist ein trauriges Kapitel der Menschheitsgeschichte. Kranke wurden gefoltert, missachtet, eingesperrt und verabscheut. Ende des 19. Jahrhunderts haben sich die Umstände in der berühmten Salpetrière zwar wesentlich verbessert, der Umgang mit den Frauen, die dort wegen ihrer Depressionen, ihrer Nervenzusammenbrüche, ihrer Traumen (damals nannte man das Melancholie und Hysterie) behandelt wurden, war allerdings skandalös.
Sie wurden vorgeführt, waren eingesperrt, von ihren Familien und Freunden verlassen. Viele von ihnen nur dort, weil sie unbequem, aufmüpfig, anders oder einfach nur mutig waren, oder sich gegen die Gewalt ihrer Männer gewehrt haben. So viel zu den Fakten. In diesem Umfeld verspricht der Klappentext berührende Solidarität, unbeirrbaren Mut und einen Aufbruch derer, die sich nicht zufrieden geben.
Davon habe ich leider sehr wenig gefunden in der Geschichte. Im Gegenteil, sie war mir viel zu unkritisch, viel zu sehr stand die Hochachtung vor den Ärzten im Vordergrund, die Schilderung des Alltags viel zu positiv, man bekam fast den Eindruck, dass es nicht so schlimm sei und manche ja gar nicht weg möchten.
Im Mittelpunkt stand Louise, eine junge Frau, die nach dem Missbrauch durch ihren Onkel eingeliefert wurde und schwere Anfälle hat, Géneviève, die Oberschwester, die seit zwanzig Jahren ziemlich kühl das Regiment führt und Thérèse, die Tote sehen kann. So ist auch sie es, die als Beispiel für Mut und Befreiung dient, für mich kein gut gewähltes Beispiel, da bei weitem nicht erwiesen ist, dass es tatsächlich Menschen gibt, die mit der Geisterwelt in Kontakt treten können, vielmehr ist man sich ziemlich sicher, dass Visionen und Geistersehen tatsächlich mit Fehlschaltungen im Gehirn zusammenhängen, damit wäre eine der wenigen tatsächlich Kranken das Beispiel für die ungerechte Behandlung von in Wirklichkeit gesunden Frauen, das passt nicht. Ohne Esoterik und Spiritismus in der Geschichte, wäre die Kritik eindeutiger und klarer gewesen.
Leider finden sich im Buch auch einige Fehler, sprachlich ist es eher trivial, die Figuren sehr flach gezeichnet. Es liest sich dennoch ganz gut, Timing und Erzähltempo sind gut gewählt. Und das Thema hätte wirklich viel Potential gehabt.
Schade, ein tolles Thema in die Form eines Frauenromans gebracht, das hat für mich leider nicht funktioniert.
Eine Geschichte aus der guten alten Zeit
Die Bagage von Monika Helfer
Monika Helfer erzählt in ihrem Roman die Geschichte ihrer Großeltern und deren Kinder. Ich bin immer sehr skeptisch bei autobiografischen Romanen, das geht öfter schief als dass es gelingt, zu groß ist die Nähe, zu schnell geht die erzählerische Distanz verloren, zu rasch wird es auch selbstverliebt oder selbstmitleidig.
All dies ist Helfer nicht passiert, ihr ist aus dem Stoff ihrer Familiengeschichte ein wunderbarer Roman gelungen.
Josef und Maria Moosbrugger leben am Rande eines Tales in der Nähe von Bregenz. Doch nicht nur räumlich wahren sie die Distanz, sie sind anders. Josef ist sehr reinlich, ordentlich gekleidet, verschwiegen, und er trinkt nicht, ernst ist er. Dass seine außergewöhnlich schöne Frau Maria ihn liebt, das kann keiner glauben, oder will er nicht, denn so bleibt ein Funke Hoffnung, dass sie ihn doch noch irgendwann für einen anderen verlässt. Es wird geredet über das Paar und die Familie, die in armen Verhältnissen lebt.
Dann zieht der 1. Weltkrieg ins Land, Josef wird eingezogen, Maria ist schutzlos den Avancen des Bürgermeisters ausgeliefert. Und sie verliebt sich, in einen Deutschen. Josef hat Glück, er überlebt, darf dazwischen sogar zwei Mal auf Heimaturlaub, kurz nur, aber immerhin. Dass die in dieser Zeit geborene Tochter Grete, die Mutter der Autorin, sein Kind ist, glaubt er bis zu seinem Tod nicht. Die Menschen im Dorf auch nicht.
Monika Helfer schreibt hier keinen Sozialroman, sie prangert die Missstände, den Neid und die Bosheit der Dörfler nicht an, sie erzählt einfach. Von den Eltern Moosbrugger und ihren Söhnen und Töchtern, die Meinung dazu, kann man sich als Leser*in selber bilden. Ihre Sprache ist schlicht, sehr direkt, gleichzeitig hochliterarisch, sehr schön zu lesen.
Ohne sie direkt anzuführen kommen in Monika Helfers viele Themen zur Sprache, die Dynamik in einem Dorf, die Situation der Frauen am Land zu Beginn des 20. Jahrhunderts, was ein Krieg mit einer Familie macht, die Frage, was Liebe ist und was Familie bedeutet. Eine Frage, die sich mir während der ganzen Lektüre gestellt hat, war: Was wäre mit diesen außergewöhnlichen, teils sehr begabten Menschen passiert, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt in einer liberaleren Gesellschaft mit Bildung gelebt hätten?
Ein interessanter, spannend zu lesender Roman, der, obwohl er nicht direkt kritisiert, sehr wohl eine kritische Sichtweise auf „die gute alte Zeit“ darstellt. Mir hat er sehr gefallen!
Alltag im Irak Saddam Husseins
Palast der Miserablen von Abbas Khider
Sham Hussein ist ein kleiner Junge aus dem Süden des Iraks. Sein Land ist geprägt von Kriegen, von denen sie aber im Süden relativ unbehelligt bleiben. Doch dann kommt der Einmarsch in Kuwait, sein Vater wird verwundet, die Situation immer unsicherer und die Familie geht nach Bagdad. Der Neuanfang dort ist schwer, Wohnraum rar, so errichten sie eine Hütte im Blechviertel am Rande einer Mülldeponie.
Mit viel Fleiß und Witz arbeiten sich die Eltern hoch, ihre Kinder gehen zur Schule, daneben arbeiten sie. In einem korrupten, von Kriegen und einem gewalttätigen Herrscher geführten Land ist das Glück aber nie von langer Dauer. Immer und immer wieder beginnen sie von vorne, Embargo und Willkür machen das Leben schwer. Sham entdeckt seine Liebe zu Büchern und zur Literatur. Allerdings sind selbst Worte gefährlich, vor allem, wenn es sich um verbotene Bücher handelt. Es ist ein Leben voller Gefahr, voller Gewalt und dennoch immer wieder voller Lebenslust.
Den Rahmen der Geschichte bildet Shams Bericht aus dem Gefängnis, damit wissen wir, dass es für ihn nicht gut ausgegangen ist, in Rückblicken erzählt er aus seiner Kindheit im Dorf, aus seiner Jugend und seinem jungen Erwachsenenleben. Bis zum Schluss hofft man, dass er der Hölle des Gefängnisses entfliehen wird können, mit Spannung verfolgt man, wie er überhaupt dahin gekommen ist.
Es ist ein bedrückender Roman, erzählt wird ein Leben, wie es völlig unvorstellbar ist und sicher kein Einzelfall war. Ich kann mich noch gut an die Irak-Kriege, an Berichte über Saddam Hussein erinnern, was das für den Alltag der Menschen bedeutete, davon hatte ich keine Ahnung. Abbas Khider lässt diesen Alltag hier lebendig werden. Er erzählt spannend, man leidet mit Sham mit und wünscht sich ein Happy End für ihn.
Sprachlich ist die Geschichte großartig erzählt, voller Literatur und Poesie, eine Parallelwelt im harten Alltag des Protagonisten. Geschichtlich und thematisch ist das Buch unglaublich spannend, da es viele für mich ganz neue Themen aufgegriffen hat und mir auch eine neue Sichtweise der Irakkriege bzw. des Lebens mit dem Embargo aufgezeigt hat.
Ein sehr gelungener, spannender und gut erzählter Roman. Allerdings keine leichte Kost. Mich hat er überzeugt!
11.000 Meter tiefe Trauer
Marianengraben von Jasmin Schreiber
Es gibt sie, diese Bücher, die einfach perfekt sind für den Moment, generell für dich als Leser*in. Marianengraben zählt für mich zu einem solchen Schatzfund. Das beginnt schon beim Cover, das ich von der Farbgebung, dem Motiv und der Typografie her einfach großartig finde. Dann der Titel, der ja eigentlich schon die Geschichte mit einem Begriff zusammenfasst, er ist einfach perfekt.
Und natürlich die Geschichte, wunderschön erzählt, zwischendurch total witzig und tieftraurig. Ich habe schon lange nicht mehr so viel geheult bei einem Buch. Aber es war ein gutes Weinen, eines, das erleichtert, nach dem man sich besser fühlt. Auch sprachlich konnte mich Jasmin Schreiber völlig begeistern. Sie versteht mit Worten zu zaubern und daraus einen großartigen Roman zu machen. Dieses Buch muss man einfach lesen!
Paula, eine junge Doktorandin der Biologie, hat ihren wesentlich jüngeren Bruder Tim verloren. Er ist im Urlaub mit den Eltern ertrunken, und Paula war nicht dabei. Sie fühlt sich schuldig, ist traurig und aus der Trauer wird eine tiefe Depression.
„Gedanken sind oft so unkontrollierbar wie die Liebe, die sie auslöst. Und jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war.“ S. 9
Auf Anraten ihres Therapeuten, versucht sie endlich einmal, Tims Grab zu besuchen. Sie will dabei niemand treffen, also klettert sie in der Nacht über die Mauer. Der Besuch verläuft anders als erwartet, sie trifft auf Helmut, einen alten Mann, der die Urne seiner Freundin Helga ausbuddelt, um eine Mission damit zu erfüllen. Er will sie dahin bringen, wo sie vor ihrem Tod hin wollten, was leider nicht mehr gelang. Paula kommt mit auf diese Reise, eine junge, depressive Frau und ein alter, grummeliger Mann in einem klapprigen Wohnmobil. Damit beginnt eine skurrile Reise voller Traurigkeit, skurrilem Humor, Lebensweisheiten, Lachen und Weinen. Und Schritt für Schritt taucht Paula aus ihrer tiefen Trauer aus. 11.000 Meter tief fühlte sie sich ursprünglich an, so tief wie der Marianengraben. Damit ist auch das erste Kapitel überschrieben, 11.000, von Kapitel zu Kapitel wird diese Zahl kleiner. Ich finde das eine ganz wunderschöne Idee für diese Geschichte.
Der Roman hat mich zutiefst berührt, ich habe mich in vielen Abschnitten zum ersten Mal so richtig verstanden gefühlt, denn auch ich habe einen 10-jährigen Bruder verloren und ganze viele Dinge kamen mir bekannt vor, die Schuldgefühle, die Tatsache, dass für einen die Welt stehen bleibt, für alle anderen nicht, die Rolle der Eltern, die nur bedingt helfen können, weil sie mit sich selbst beschäftigt sind,…
Und der Trost, den Bücher in schweren Zeiten spenden können:
„Ein Buch in der Hand kann ein echter Rettungsanker sein – wenn die See des Lebens zu rau ist, klammert man sich an Geschichten und lässt sich von ihnen in Sicherheit bringen.“ S. 10
Ein Buch das berührt und noch lange nachwirken wird und das ich bestimmt nochmal lesen werde.











